Part 19
„Wie sollte ich nicht! Ihre maskenhafte Erscheinung gemahnt eher an den Tod als eine Totenblume. Wissen Sie nicht, daß die Gesellschaft es liebt, mit den Toten in Verbindung zu stehen, daß sie Geister materialisiert? Die Gesellschaft will Fleisch. – Sie lachen, Herr Jappes. – Ja! die Gesellschaft will das Fleisch der verstorbenen Geister, will eigentlich das verstorbene Fleisch der Geister, und Sie, Herr Doktor, fühlen sich sicher im angenehmen Kitzel Ihrer magischen Kraft. Frau Winterstein hat mir über die Befürchtungen, Ihren Ring betreffend, gesprochen. Sie sind ein wunderlicher Kauz, Herr Doktor Seraph, und unterhalten die Gesellschaft auf Ihre Art. Ich empfehle mich und danke Ihnen, weil Sie durch Ihre Erscheinung das Gefühl des spaßhaften Gruselns geweckt haben. Ich spiele nur auf meine Art mit dem Tod. Herr Jappes kann Ihnen die Prognose von Ida Telluren erzählen.“ Er zog die Schultern und ging zu den Damen, als der Doktor ihn warnte:
„Ihr Wesen ist Leben und mein Wesen ist Tod. Sie glauben nur zu spielen, Herr Arco Calvandi. Sie sollten nicht mit dem Tode spielen – auch Sie, Herr Jappes, scheinen zu spielen, aber Sie spielen mit dem Leben, mit dem aktiven Leben, oder habe ich den Sinn Ihres Briefes nicht klar gedeutet?“
Du glaubst zu zwingen und wirst gezwungen.
Jappes zog Doktor Seraph in eine ruhige Nische, in welcher die gedämpfte Brandung, des Abends spielte. Die Wellen der Musik fluteten in breiten, geschwungenen Akkorden heran, fluteten zurück im Widerhall, lösten sich auf, krochen an den Wänden hoch, als suchten sie einen Ausweg, diesem qualmenden Getön zu entrinnen. Wogten um die gleißenden Lichter in fieberndem Tanz und fanden den rhythmischen Tod im Verklingen der Töne. Auch die Lichter erstarben in elektrischer Glut. Die Freude ward Chaos und Wirbel ... So trank Doktor Seraph die sterbenden Lichter und Töne. So genoß er den Abend mit bewußt-dämonischem Reize und trank aus den sterbenden Dingen die Kraft für sein dunkles Wesen ...
Als Jappes zu sprechen begann, schloß der Doktor die Augen und lauschte: „Herr Doktor, ich weiß nicht, ob es Ihren Prinzipien widerstrebt, ein Leben zu vernichten, aber ich bitte Sie, mich anzuhören, denn es handelt sich um ein Leben, um ein ungeborenes Leben. Mir fällt die Rolle eines Advocatus diaboli zu. Ich soll etwas Böses um des Guten willen verteidigen. Es ist eine sonderbare juristische Privatthese. Doch ich will klarer reden.
Meine Freundin geht mit einem Kinde schwanger, das in geschlechtlicher Ueberrumpelung gezeugt wurde. Sie hatte den Willen zur Begierde, aber nicht den Willen zum Kinde. Nach dem Recht der Ungeborenen hat ihr Kind ein Anrecht auf das Leben. Und doch bitte ich, dem Recht des Ungeborenen zum Trotz, um Ihren klinischen Beistand zur Unterbrechung der Schwangerschaft. Für die Antithese will ich die furchtbare Einseitigkeit des gesetzgeberischen Moralempfindens nicht verwerten, will die Unmoral der verdammungswütigen Gesellschaft nicht ins Feld führen, will die Unzulänglichkeit allzu menschlicher und fehlbarer Juristerei nicht etablieren. Tötet nicht der Krieg in Massenschlachtungen Tausende von Menschen, zu Ehren des Staates, des Staates, welcher das Gesetz der sozialen Fürsorge und mit ihm das Recht der Ungeborenen promulgiert hat. Von all dem leeren Wortgeklingel will ich abstrahieren – das Mädchen ist in seiner künstlerischen Entwicklung begriffen und darf durch die Geburt und durch die Pflege ihres Kindes keine Hemmung ihres künstlerischen Schaffens erfahren. Ich verbürge mich für sie, daß sie ein künstlerisch wertvoller Mensch ist. Ich habe ihre ersten stilsicheren Arbeiten in einer Ausstellung gesehen, und Sie müssen verhindern, daß das Talent von der Gesellschaft in den Kot gezogen wird ...“
„Sind Sie der Vater dieses zukünftigen Kindes,“ fragte Doktor Seraph.
„Nein.“
„Dann ist Ihre Ausführung ein objektives Plädoyer zugunsten eines Mädchens. Durch die Geburt des Kindes wird sie künstlerisch nicht gehemmt. Ihre Kräfte werden eher gesteigert. – Und wenn sie Künstlerin ist, wird sie nicht durch das Urteil der Umwelt leiden, wenn sie ein Talent ist, wie Sie versichern, wird sie sich auch der Umgebung zum Trotz durchsetzen. Meine Mithilfe muß ich Ihnen versagen, nicht weil ich Kompromisse mit der Gesetzgebung zu schließen bereit bin, sondern weil die Meinung der Gesellschaft kein Lebensopfer wert ist. Jüngst habe ich in einer medizinischen Zeitschrift meine Stellungnahme zu dem Problem klargelegt und den Standpunkt vertreten, daß es vernünftiger ist, dem Volk und der Gesellschaft die Freiheit der Zeugung durch die gehäufte Zahl der unehelichen Geburten zu predigen, als das ewig-verbrecherische Dunkel um das natürlichste Geschehen zu weben.“
„Sie verweigern die Hilfe, weil der Wille zur Geburt Ihr Freiheitsdogma ist,“ unterbrach Jappes. „Wollen denn Sie die dunklen Kräfte des Blutes leugnen, die jahrhundertlang das Wesen der Individuen fortpflanzen, Kräfte, die unabhängig vom Willen sind, ja, die selbst den Willen zwingen oder isolieren. Kräfte, welche das Wesen verwirren, zur Fortpflanzung drängen, im Unterbewußten das Erotische aktivieren, uns mit elementarer Wucht befehlen, uns zu Werkzeugen der starren Gesetze des Blutes stempeln. Das Mädchen ist die illegitime Tochter eines medial veranlagten Künstlermodells. Nun ist ihr Leben dem Konflikt des Blutes mit der Geschlechtsnorm erlegen. Diese Frucht ist eine Regelwidrigkeit der geschlechtssoziologischen Ordnung. Der Fatalität der Vererbung der sittlichen Schuld war das Mädchen nicht gewachsen, denn ihr Geschlecht war zu schwach und die Begierde des Blutes zu groß. Darum bitte ich, setzen Sie dem blutigen Fluch durch ihre Hilfe ein Ziel. Unterbinden Sie die Wirkungsmöglichkeit der dämonischen Kräfte, Sie sind ja berufen, die Geister zu bannen, deshalb schließen Sie diesen fatalen Ring, unterbinden Sie die schaffende Wirkung der tätigen Geister.“
Ein flüchtiger Schein huschte über Doktor Seraphs Gesicht, wie ein Wetterleuchten über eine matte Mondlandschaft.
„Sie muten mir Grausiges zu. Ich will das Kind nicht morden. Aber ich will den Erbgeist des Blutes bannen, wenn Sie mir die Zukunft des Mädchens freigeben. Dann kann ich die Geister bannen, indem ich ihr die Mutterschaft nehme und sie fürs Leben unfruchtbar mache. Ist Ihnen der Preis nicht zu hoch? Den Geistern muß man die Basis des Wirkens nehmen. Ueberlegen Sie gut, das ist die Bedingung, und ich will gleich darüber entschieden wissen. Ist das Verhängnis der würdige Gott, daß man ihm das Opfer der Mutterschaft bringt ...?“
Jappes blieb im Banne der Frage. Pepy würde kein Opfer scheuen. Wie hatte sie gesagt und mit verzweifelter Hand ins Wasser gedeutet? Sie würde den Fluch ihrer Sünde nicht tragen wollen, und die Verantwortung für die Kämpfe ihres Kindes würde sie nicht tragen können. Nicht-wollen, Nicht-können. Das waren die Postulate, die ihren Selbstmord begründeten. Und er hatte ihr zu helfen geschworen.
„Sei’s drum,“ sagte Jappes: „sie will kein Opfer scheuen, und das Höchste ist auch eines.“
Da drehte der Doktor den Ring um den Finger:
„Schicken Sie das Mädchen und meiden Sie mich. Ich werde ihr Arzt sein und ihr Geschlecht aus der Zukunft heben.“ Reichte Jappes die Hand und lautlos verließ er den Saal.
EINUNDFÜNFZIGSTES KAPITEL
Die Rätsel der Vernichtung sind so geheimnisvoll wie die Rätsel der Schöpfung. Beide münden ins Leben.
Der Ball war zu Ende. Jappes und Arco Calvandi begleiteten Armida nach ihrer Wohnung, welche in Steglitz lag. „Dann treffen wir uns vorläufig nicht mehr,“ verabschiedete sich Armida, „wir wollen unser Flitterjahr verreisen. Dein heroischer Verzicht gefällt mir. Du warst immer ein Meister der raschen Entschlüsse. Vielleicht treffen unsere Wege sich später, vielleicht sind wir auf ewig geschieden.“
„Wir wollen es hoffen,“ und Jappes ging mit einem Lachen.
„Sie haben viel Aerger mit mir gehabt,“ sagte Arco Calvandi, „und Armidas Abschied fällt Ihnen schwer, weil Sie so lachen. Ich kenne die Seele der Menschen. Ich weiß, daß Sie lachen, um nicht traurig zu scheinen.“
„Sie glauben, das Leben zu kennen, Sie kennen nur ein Leben; das einzige, was Sie bestimmt wissen, ist, daß alles um Sie heuchelt, und daß Sie mit allem heucheln. Arco Calvandi, Sie sind nicht der Mensch, Sie sind nur ein Mensch, den das Leben mit Wahnsinn behaftet hat. Wie unbeständig ist das Leben, wie kurz! Man kann das Leben hintergehen, und den Tod kann man zwingen, sein Handwerk zu üben.“
„Ich fürchte keinen Tod, ich habe dem Leben zu oft in die Augen geschaut. Aber ich empfinde Mitleid mit Ihnen, weil Sie so fröhlich scheinen. Ich möchte Sie diese Nacht nicht verlassen, weil Sie manchmal mein Weggefährte waren und ich an Ihrer Trauer den Wert Armidas erkannte. Wollen Sie von meinem Wagen Gebrauch machen. Wir fahren aus der Stadt. Die Menschen vergeuden so viele Geräusche.“
Jappes und Arco Calvandi stiegen in den Wagen und fuhren über den Hindenburg-Damm zu den Anlagen am Teltow-Kanal. Was für ein Zwang hatte sie diese Nacht zusammengeschmiedet? Waren es noch Menschen, die das Spiel verhaßt-gegenseitiger Unausstehlichkeit spielten? Waren es dämonische Kräfte, die sich gegenseitig maßen? Waren es Teufel, die in der Verruchtheit ihrer Wesen gegenseitig Halt suchten? Führt der Zufall nicht manchmal Menschen zusammen, um sie gegenseitig als Werkzeug ihres Untergangs zu gebrauchen? Ist die scheinbare Gesetzlosigkeit nicht oft der eherne Zwang, der gestaute Konflikte zur Entladung bringt? Ist nicht oft die Wahrheit der Zünder, welcher katastrophale Explosionen heraufbeschwört, wenn zwei Wesen aufeinanderprallen? Die zwei Menschen gingen durch die Nacht, am Kanal entlang. Sie waren sich gegenseitig Verbrecher und Richter. Ihre Anklage war Wahrheit, ihre Verteidigung war Wahrheit und ihr Wesen war Spiel. Zwischen beiden ging die Strafe, bereit, einem jeden ihr Bündnis anzutragen.
„Schade,“ sagte Arco Calvandi, „daß man einen treuen Gefährten wegen einer Frau, die man nun einmal durch die Tücke des Blutes liebgewonnen hat, im Stiche lassen muß. Ohne die Intrigen des Lebens wären wir zweifellos die besten Freunde. Es gibt doch eine Zeit im Leben, wo man die Liebe über die Freundschaft setzt.“
„Ich weiß nicht, ob die Freundschaft, von der Sie reden, wert ist, daß man sie lobe, um die Liebe, die Sie meinen, damit zu vergleichen. Es gibt eine Freundschaft des Blutes und eine Liebe der Gesinnung, welche beide verschwistert sind und das Wesen eines platonischen Hausfreundes ausmachen. Sie nennen mich Freund. Auch Judas hat Christus den Freundeskuß gegeben.“
„Und der allwissende Christus ließ sich von Judas küssen. Doch hören Sie, Freund, wir sollten uns vor der Trennung zu verständigen suchen. Armida war unser beider Schicksal und einer muß dem Schicksal immer weichen. Von zwei Thronprätendenten kann nur einer die Krone erhalten. Ich sehe mich als den Würdigsten an, weil Armida die Wahl zu meinen Gunsten entschieden hat. Die Ehe ist für fertige Männer und ich kann in der Ehe ein zweites Leben gewinnen.“
„Ich bin noch kein fertiger Mensch und habe bereits ein Leben verloren. Ein keimendes Leben habe ich der Gesellschaft geopfert. In einem Augenblick habe ich über ein Leben entschieden. Ich staune selbst, wie schnell ein Urteil sich zur Tat bildet. Ein Leben durchs Jawort des Triebes entstanden. Ein Leben durchs Jawort des Willens vernichtet ... Es ist wie die Synthese des Lebens.“
„Sie sind ein Mörder am frühen Geschlecht? Sind Sie der seltsamen Karte verfallen?! Eckstein-Zwei – und die schwangere Deutung.“ Er lachte. „Sie haben ein Leben vernichtet. Dann sind Sie ein Held. Nur Helden töten! Wer lebendig macht, darf auch töten. Ein Schöpferwort! Ein Vernichtungsurteil. Ich werde ein Apostel Ihrer neuen Moral. Ihre Thesen sind heilig durch die fatalkräftige Prophetie von Tante Telluren. Mir fällt ein, daß ich Lust empfand, die Tante zu einem Antiquar zu führen – doch keinen banalen Spaß. Es gibt Gelegenheit genug, über Ernstes zu lachen. Ihre überzukünftige Moral gefällt mir. Töten, wenn ich will; in einem Augenblick entscheiden, das ist ein Mann! Auch meine Karte hat mir Tod verkündet. Wie sprach die Tante ganz ulkig von meinem Tode: Ein Toter hängt an einem Weidenast, derweil ein lachender Affe mit dem Weihrauchfasse um die Leiche springt, um einem Krebse auszuweichen, der seine Scheren nach ihm zwickt. Wenn Ihr Gewissen nicht hinter dem Lachen verborgen läge, könnte ich es leicht mit dem zwickenden Krebse vergleichen. Sie wären der hüpfend-lachende Affe, der mich mit Weihrauch beräuchert. Die Totenopfer beräuchern, ist die höchste Tugend. Oh, gewiß! ich werde ein Apostel Ihrer neuen Moral.“
„Sie könnten auch ein Märtyrer werden! Ich liebe den perversen Teufel, der aus Ihnen spricht. Wir ergänzen uns würdig. Ich bin die verbrecherische Tugend und Sie das tugendhafte Verbrechen. Wir sind nur durch eine feine Nuance verschieden. Das Gewissen ziert keinen Kulturmenschen mehr, Verbrechen und Tugend sind die Früchte derselben Moral. Ich liebe Sie, Herr Arco Calvandi, weil Sie mein Wesen sind: nur mit der Brutalität der Empfindung behaftet. Ich hasse Sie, Herr Arco Calvandi, weil Sie mein Wesen sind: nur frei vom romantischen Hauche der Sehnsucht.“
„Wir fließen ineinander über und können uns doch nicht in Armida einen. Sie sind ein seichter, zielloser Strom und führen den Unrat des Lebens mit. Eine Last schwimmt mit Ihnen, und Sie reißen das Schiff in den Stromschnellen fort, aber das Schiff wurde leck, als es über die Untiefen raste und es sank im ruhigen Flusse des Stromes. Sie konnten das Sinken nicht hindern. Sie hatten die Schnelligkeit ohne die Tiefe. So ist Ihr Wesen ein verlorenes Sein. Ihr Streben ein zielloses Irren. Ihr Tun ein ruchloses Handeln – ich spreche von unserem gemeinsamen Wesen. – Der Haß ist Ihre Liebe zu mir: Der liebende Haß, die neue Moral. Sie stehen an meinem Wege und lachen ... Sie gehen mit meiner Leiche und singen, Sie stehen an meinem Grabe und grinsen ... Sie trinken auf mein Wohl und wünschen mir Gift in den Becher, aber ich weiß alles zu deuten – ich spreche von unserem gemeinsamen Wesen. Bruder, sage ich zu dir, wie Judas zu Christus, Bruder, ich liebe dich!“
„Ich bin Christus, der die Welt erlöst, um sterben zu können. Den Fluch, den er Ahasver tat, hat er am Kreuze durch Tod gesühnt und sein weltflüchtiges Wesen geopfert. – Ich entgegne deinen Bruderkuß und sage dir, Bruder, ich liebe dich.“
* * * * *
Da griff eine Hand aus dem Dunkel nach Arco Calvandi. Ein scharrender Fall, ein Keuchen wie fernes Saugen, dann lähmende Stille wie ein böser Traum.
Am Morgen trug man eine Leiche ins Totenhaus.
ZWEIUNDFÜNFZIGSTES KAPITEL
Verbrechen und Tugend sind die beiden Pole der gesellschaftlichen Moral. Die Sitten sind die Strömungen zwischen beiden.
Nachmittags, als Jappes in Saßnitz ankam, lag das Meer lauernd wie vor einer großen Katastrophe. Der Wind, der gegen die Wellen blies, glättete die Wogen und ein körniger Rieselschauer überlief von Zeit zu Zeit die glatte Fläche. Er ging den Weg, den er einst mit dem Fremden gegangen – gegen Stubbenkammer, wo das Meer braust und die Felsen öde sind. Er konnte sein Lachen nicht deuten, als er an Calvandi dachte, der ihn zum zweitenmal ans Meer getrieben. Heute war er nicht vor ihm geflohen, keine Flucht vor einem Menschen, gegen welchen er nicht ankämpfen wollte, wie damals, als Armida ihm den Laufpaß gab.
Heute fühlte er sich frei, er wußte, daß er nicht feige war, er war friedlich von dem Toten gegangen, hatte ihm alles verziehen und das Röcheln seines Opfers als Sühne genommen. Er hatte ihm den größten Dienst getan und ihn aus Liebe getötet ...?! Er trank die frische Meerluft mit gierigen Lungen. Der herb-tote Meergeruch stärkte ihn und mit tiefen Zügen trank er den Atem des Meeres.
Bruder, ich liebe dich! er brüllte es laut, daß die Felsen erschauerten und das Echo in seine Seele warfen. Als die Abendschatten sich unter die schwindenden Lichter des Tages mischten, war das Meer eine unendliche opalisierende Fläche und das Grau bewirkte das Empfinden der krankhaften Ruhe des Wassers. Jappes ging den einsamen Pfad, zwischen den ragenden Sandmauern und dem lauernden Wasser. Saß an der Stelle, wo er mit dem Fremden gesessen, saß in Gedanken und starrte ins Meer. Da kam ein leises klirrendes Geräusch, wie von rollenden Kieseln, und der Fremde saß vor Jappes auf dem Stein. Er trug den grauen Mantel und die graue Tasche und grüßte: „Bruder, ich liebe dich, ich erkenne dich an deinem Blick, du hast aus Lust gemordet, wie ich aus Lust morden wollte. Du warst glücklicher als ich. Dein Opfer hat sich nicht gesträubt. Ich habe immer vom Glück der glücklichen Mörder geträumt. Doch mir will kein Mord gelingen. Vielleicht verstehe ich nicht, die Schuld meiner Opfer zu schaffen. Man erschafft die Schuld seiner Opfer, wenn man sich selbst zum Richter über sie setzt. Ich bin gekommen, von dir zu lernen, mein Bruder.“
Jappes wollte sich auf den Fremden stürzen, als er aber die Worte hörte, die er sprach, fühlte er, wie die Lähmung durch seine Glieder floß:
„Ich habe nicht gemordet, grauer Fremdling, ich habe getötet, den Widersacher meines Blutes habe ich getötet. Ich habe ihn aus Haß gegen mich getötet, weil er mein ruchlos stärkeres Wesen war. Mein Recht dazu kann ich in keine Form fassen, auf einmal war die Lust da und die Kraft und der Wille ... aber kein Gedanke an die Schuld, der ich dadurch hätte verfallen müssen. Sein Tod war Erlösung für mich und für viele, deren Sünden er trug. Er war rein wie der Heiland, nur durch den Umgang mit Menschen hatte er all ihre Sünden auf sich genommen. Ein Mensch begeht keine eigenen Sünden, er trägt nur die Sünden der anderen und kann nur durch andere Erlösung finden. Ein jeder ist Schächer, ein jeder Erlöser ...“
Da stockte Jappes und der Fremde gebot ihm: „Erzähle mir weiter von Sühne und Schuld.“
„Bruder, grauer Bruder,“ fuhr Jappes fort. „Vielleicht bin ich nicht ganz makellos, denn ich fühle, wie ich freier werde, wenn ich dir von der Schuld erzähle. Ich habe nie eine Sünde begangen, aber ich trage eine schwere Sünde. Die Sünde eines Mädchens, die Sünde einer Zukunft. Durch die Berührung mit Menschen gehen deren Sünden auf uns über und wir verfallen ihrer eigenen Schuld. Ich bin Christus und trage mein Kreuz und mich begleitet viel Volk, mit mir ihre Sünden zu töten. Christus war ein Mensch mit unendlichen Träumen, sonst hätte er die Menschheit nie erlösen können, denn die Menschen sind Träumer, ihre Verbrechen sind Träume und unbewußtes Geschehen. Vom Tode Calvandis bin ich frei, denn ich habe durch ihn meine Schuld gesühnt: Wäre er nicht zwischen mich und Armida getreten und hätte für mich sein Leben versündigt, wahrlich, ich hätte ihn nicht töten dürfen, so aber war sein Leben meine übernommene Schuld und sein Tod meine Sühne ...“
Der Fremde lachte mit unheimlich heiserer Stimme. „Du glaubst, daß die Menschen ein Anrecht auf Schuld haben ... und keiner eigenen Sünde fähig sind?“
„... Wir haben alle ein Anrecht auf Schuld, aber wir sind keiner Sünde fähig. Kein Mensch will sein eigenes Ich beflecken und weil er nicht will, kann er auch nicht. Christus hat keine Sünde begangen, konnte nicht fehlen, weil er nach göttlichem Willen nicht wollte. Und doch hat er seine Umwelt am Kreuze mit blutigem Opfer erlöst. Die Juden, die Christus töteten, wurden die Träger der ungeheuren Schuld und müssen sie durch die Jahrtausende schleppen. Eine Schuld ist erst gesühnt, wenn der letzte Träger derselben vernichtet ist und ohne die Kreuzigung hätte Christus die Welt erlösen können. So aber haftet der Fluch der Welt den Juden an. Erst wenn der letzte Jude vernichtet ist, kann die Welt frei von Schuld sein ...“
„Die Menschen sollten sich hüten, die Juden zu töten, weil sie sonst die Schuld nur verschieben. Du meinst die Vererbung der sittlichen Schuld, und du rechtfertigst dein Tun mit den Sünden der anderen! In was besteht denn deine Schuld?“
„... Einerseits rechtfertige ich mein Handeln und andererseits verdamme ich mein Tun durch ein und dasselbe. Meine Schuld ist zu groß, ich wage sie nicht auf andere abzuwälzen“ – dann zog er ein Zeitungsblatt hervor und las: „Baden-Baden. Ein Münchener Gelehrter, der seit zwei Tagen hier zur Erholung weilte, hat aus Versehen bei seinem Sohn, der als Arzt amtiert, eine giftige Alkohollösung in eine Tasse Kaffee gegossen. Da die Wirkung des Giftes fast blitzartig eintrat, waren alle Gegenmaßnahmen erfolglos. Die Tragik wollte es, daß der Sohn den sterbenden Vater in seinen Armen verscheiden sah, ohne ihm Hilfe leisten zu können. – Den trauernden Hinterbliebenen unser innigstes Beileid.“
Er faltete das Blatt sorgfältig zusammen und riß es in kleine flatternde Fetzen:
„Das ist das Verhängnis meiner Schuld,“ sagte er zu dem Fremden. „Ich kenne den Gelehrten, er hat ein Mädchen verführt und sich nun selbst als Opfer seiner Schuld gebracht. Er wurde ein Opfer der Vererbung der sittlichen Schuld. Das Mädchen war die Frucht einer Verführung und der Gelehrte hat die Schuld der Vererbung durch eine neue Verführung übernommen. Die Verführte büßt ihre Schuld und bringt dafür das Opfer ihrer Mutterschaft. So ist sie entsühnt. Der Verführer trägt die doppelte Schuld. Ich habe den Verführer vernichtet und er hat die dreifache Schuld auf mich abgewälzt. Die ungeheure Lage der Schuld gibt mir die Kraft, mit dir darüber zu reden. Du bist ein beruflicher Mörder. Erlöse mich! ... Töte mich!“
Da floh der graue Fremdling mit lachendem Abscheu.
Jappes erwachte aus seiner Betäubung und dem Winde, der übers Meer blies, streute er die Fetzen, die Fetzen.
DREIUNDFÜNFZIGSTES KAPITEL
Die Polizei ist die Muse der Kriminalromanschreiberei.
Eines Morgens warf der Sturm und das kochende Meer eine Leiche ans Ufer. Die Polizei fraß sich in das Totenmysterium hinein und schickte dem Gericht das Ergebnis der polizeilichen Forschung:
Fischer fanden am Ufer die Leiche eines Unbekannten. Der Tod mußte schon eingetreten sein, denn alle Wiederbelebungsversuche blieben erfolglos. Die Autopsie der Leiche ergab, daß keinerlei Gewalt angewendet worden zu sein scheint. Einzelne kleine Schrammen, welche als Kratzwunden gedeutet wurden, sind nachträglich als Verwundungen erkannt worden, welche sich die Leiche bei der Anschwemmung auf den Sand zugezogen haben dürfte. Ob Unfall, Selbstmord oder Verbrechen vorliegt, muß die weitere Untersuchung ergeben.
Fischer, welche allerdings als notorische Trinker verrufen sind, wollten in dem Toten einen freigebigen Fremden erkannt haben, der vor kurzem plötzlich während der Nacht in ihr Lokal gekommen sein soll, um sie zu berauschen. Sie sagten ferner aus, daß er Unmassen von Schnaps vertilgt haben soll, mithin allem Anscheine nach ein beruflicher Schnapstrinker gewesen sein müßte. Alle Aussagen, welche zweifellos der durch den Alkohol erhitzten Phantasie zuzuschreiben sind, wurden durch das Gutachten der Aerzte Lügen gestraft, welche nach Auspumpen des Magens des Angeschwemmten keinerlei Alkoholreste vorfanden. Ferner keine der krankhaften Störungen, welche die unausbleibliche Folge übermäßigen Alkoholgenusses sind, nachweisen konnten. Bei der Sektion der Leiche wurden im ganzen Verdauungsapparat weder chronischer Katarrh des Rachens, des Darms oder des Magens, noch Fettleber oder Cirrhose nachgewiesen. Der Schädel wurde zur Untersuchung der Gehirnwindungen auf Delirium tremens nach Berlin ins pathologische Institut übersandt. (Das Gutachten über die Analyse der Hirnmasse wird in einem Ergänzungsbericht nachgesandt.)