Fetzen

Part 18

Chapter 183,509 wordsPublic domain

Die Stube war still und der Kerzenschein legte sich wächsern auf die übernächtigen Gesichter. Sibylle-Telluren deutete die Zeichen der Karten. Sie wußte nichts von den Tagen, die um Jappes ihre zitternden Kreise zogen. Armida fragte: „Du hast doch keine Freundin, welche mit der Karte in Zusammenhang gebracht werden könnte?“ Sie stellte die Frage ernst und vernünftig.

„Nein,“ sagte Jappes, „ich hätte ja auch eine andere Zufallskarte treffen können.“ Aber er dachte trotzdem an Pepy und wurde still. Es quälte die Tante, den Freund nachdenklich zu sehen, und besorgt: „Die Karten muß man Verlobten schlagen, heben Sie ab, Herr Arco Calvandi.“

Und sie las ihm sein Schicksal aus den Karten:

„Pique-Neun zu Ihrer Linken bedeutet Untergang. Er wird von keinem guten Stern gelöst. Ich sehe sieben Pfeile und ein Essigrohr, die Nebenkarten trügen nicht. Ein Mene-Tekel-Upharsin. Ein Toter hängt an einem Weidenast, derweil ein Affe lachend mit dem Weihrauchfasse um die Leiche springt, um einem Krebse auszuweichen, der seine Scheren nach ihm zwickt. Der Talisman des Jupiter hat dich verlassen und die Gichtrose blüht auf deinem Haupt. Treff-Vier zur Linken deutet Ihnen, daß eine Dame mit Gewalt und Laune Ihren Stern zu lenken sucht. Ein Taxusbaum, ein Grab. Der Mond mit einer Ziffer Drei fällt jäh dem Horizonte zu, ich sehe Binsen, Hasen, eine Klapperschlange, ein Rad mit einer weißen Nabe, doch das ist alles so entfernt, drum öffne ich den Kreis und schließe meinen Spruch.“

Armida seltsam frohlockend: „Gottlob, Arco, daß die Karten fast immer das Gegenteil bedeuten von dem, was eintrifft; wir werden ja nach dieser dunklen Vorhersage eine glänzende Zukunft haben.“ Der Bräutigam saß still und ernst. Da legte die Tante seine gewählte Karte hin: Pique-Fünf, ihr Hauptbild, ein sterbender, verwundeter Mann. Seine Furcht wuchs zum Zynismus, und er wurde froh. „Komm, Armida, lassen wir Pique-Fünf, denn du bist meine Karte, ich nenne dich Piksüß.“ Und er warf Jappes einen Schimpf über den Tisch: „Uebers Jahr können wir unsere Karten wechseln. Wegen Armida kann ich Eckstein-Zwei dann zum Teil gebrauchen. Sie können meine Totenkarte haben.“

Da küßte Jappes der Tante ehrerbietig die Hand und verließ das Zimmer.

Arco Calvandi küßte Armida und blies die Kerzen aus. „Es sieht wirklich aus, wie wenn ein Toter im Zimmer wäre.“ Dann riß er die Fenster auf, und die Morgensonne beschien die weißen Fäden, welche sich von den Kerzendochten hinaus in die Morgenkühle zogen.

Aber der Totenkammergeruch war im Zimmer.

ACHTUNDVIERZIGSTES KAPITEL

Wer Worte bedarf, um den Zustand seines Freundes zu erraten, weiß wenig von dessen Seele.

Jappes schickte die Zofe mit einem Telegramm zur Post, verabschiedete sich von Ida Telluren und fuhr mit dem Nachtschnellzug, Pepy zu besuchen, nach München. Er sprang aus dem Wagen, noch ehe der Zug hielt, und lief wie besessen über den Bahnsteig, wie wenn er einem lauernden Verhängnis entronnen wäre, so raste er, als wolle er eine Gefahr vergessen durch die Eile der Flucht. Pepy schrak zusammen, als sie ihn im Sturmschritt daherkommen sah. Ihr Wesen duckte sich in Unfreiheit. Ihre Erwartung, ihr tötendes Sehnen wurde durch die plötzliche Erscheinung gelähmt. Sie hielt dem Freunde kaum die Hände entgegen, blieb einen Augenblick regungslos stehen, als wolle sie erst den Namen, der von Jappes’ Munde kam, in sich aufnehmen, ihn verarbeiten, ihn in Zusammenhang bringen mit den Erinnerungen, die sich daran knüpften.

Rudibub! – Sie war es nicht mehr, und Jappes fühlte, daß seine Pulse sich gegen das Mädchen bäumten, daß die keusche Jugendlichkeit ihrer bebenden Anmut unter einem Wust von sündbarer Erregung begraben lag.

Pepy war erschrocken-freudig und durch ihre blonden Gesichtszüge jagte ein dunkler Schatten wie ein fernes Zucken. Wie bei lächelnd schlafenden Kindern, wenn die Heiterkeit ihrer Puttengesichter von einem düsteren Traum durchhuscht wird, der am Horizont ihrer Kinderwahrnehmung drohend steigt. Jappes fühlte, daß seine Blicke nicht mehr in die Seele des Mädchens drangen, und fühlte, daß er an ihrem Wesen abprallte. Die Hydra der Erregung reckte die züngelnden Köpfe, ein Gedanke in ihm warf sich hoch, ein jäher, schriller Gedanke. – Jemand hat an ihr gefrevelt! Den Schimpf Calvandis empfand er mit neuer bohrender Vernichtung: Eckstein-Zwei kann ich übers Jahr zum Teile brauchen, seine schwangere Karte! Pepy sah, wie er kämpfte und verwirrt war und sie hörte, wie ihre Stimme lallte: „Jappes, ich bin nicht mehr froh!“

Er griff sie bei der Hand und wie Kinder gingen sie durch den Abend, wie Kinder, die keine Eltern haben und in die Welt gehen. Sie gingen lange und nährten die Spannung. Und die Spannung wuchs in die Nacht und griff in die Sterne, so hoch, daß sie zum Taumel ward, zum Traum. Der Abend lag lauernd mit den sprühenden Lichtern, betäubt von den roten Geräuschen des Tages. Die Bäume standen wie Hymnen und flehend mit erhoben-erhabenen Händen zum Himmel. Die Stille war wie ein leises Gebet, das sich in den Schatten der Häuser hüllte. Die Menschen trugen ihre Geheimnisse vorüber, führten ihre Sehnsucht zur Lust, ihr Leid in den Reigen der taumelglühenden Farben. Die Straße lief zu den vielen Häusern und legte sich müde vor die vielen Türen. Und die Menschen gingen vorüber, sie dachten nicht an die Träume, welche die Nacht ihnen streute.

Eine Menschensäule flutete aus einem gähnenden Tor. Zwei Mädchenstimmen wurden laut: „Gelt, das ist aber doch keine richtige Verführung gewesen?“ fragte die eine mit forschender Spannung. „Dummes Ding, eine richtige Verführung kann man doch nicht filmen,“ belehrte die zweite, und die erste mit milchigem Entzücken: „Aber so war’s ganz schön, gelt?“

Pepys Blicke hingen an dem riesengroßen Plakat: Die Verführte. Da stand Jappes still und las den gelben Streifen:

Die Verführte!

Hochdramatische, spannenerregende und nervenkitzelnde Begebenheit. Die Geschichte eines Mädchenlebens, gleichsam aus dem lebendigsten Leben gegriffen. Zeigt in photobildlich-getreuester Form die progressive Versumpfung eines Mädchens, welches vor Gott und Menschen das Opfer ihres Geschlechtes wurde, durch die ruchlosen Manipulationen eines derb-moralischen Freundes, welcher sie mit der pervers-lasziven Attrappe moderner Eheemanzipation in seine Netze lockte ... nebst herrlichen dazupassenden Natur- und Landschaftsaufnahmen.

Der zweite Teil des Films: Der Verführten Wieder-Geburt, bei Programmwechsel.

Der Druckfehlerteufel grinste Jappes aus dem gelben Plakatstreifen entgegen:

Der Verführten Wieder-Geburt!?

Pepy faßte ihn am Arm und sah ihm in die Augen: „Jappes, ich bin auch eine Verführte. Professor Günther ...“ Aber ihre Worte erstarben, als Jappes die Freundin bei der Hand nahm und sie hinter sich herzog.

Am Wasserfall saßen sie beide im Englischen Garten und suchten nach Worten, welche zu den gurgelnden Symphonien der rauschenden Wasser passen sollten. Im fallenden Wasser sah Pepy ihr Leben fallen; der Gischt, das quirlende Tosen, die nassen Schatten und Lichter, die fallende Bewegung, welche in Staub zerstob, der drehende Wirbel der verstäubten Atome, wie die Wasser sich den kreiselnden Kräften zum Trotz sammelten, fremde Atome zu Tropfen und fremde Tropfen zur Masse der fließenden Wasser wurden und – noch taumeltrunken vom Rauschen des Falles, weiterflossen.

Jappes saß heute an Günthers Stelle und hielt ihre Hand wie jener, er fühlte sich mitschuldig, weil er Mitwisser ihrer Schuld war. Er war selbst ein Mann. Weshalb fand er keine Worte, die Brücke zwischen sich und der Freundin zu schlagen. Sollte er sie einsam lassen mit der Frucht ihrer Jugendkraft? Da fluchte er der Frage. „Rudibub,“ sagte er mit unendlich weicher Stimme, daß das Mädchen weinte, legte seine Hand auf ihre glühende Stirn, „Rudibub, ich werde dir helfen.“ Sie hörte das prophetische Gnadenwort und ihre Antwort floß in Tränen.

Frage kein Leben, wo es herkommt, du könntest es stören.

Jappes’ Träume zerschellten an der Wirklichkeit. Der Groll fraß sich in sein fieberndes Leben, die Dämonen bauten ihr Narrenschloß und krönten ihn mit der Dornenkrone höhnischen Ueberdrusses. Bekleideten ihn mit dem Purpurmantel spöttischer Ueberhobenheit. Er fühlte, wie er über sich wuchs, wie er über das Leben hinausragte, wie er seinem Wesen fremd wurde. Seine Tage erhoben sich gegen ihn wie Schergen und schlugen seine Seele blutig. Aber weshalb höhnten sie ihn? Ihn, den Narren! Er ließ die anderen mit sich spielen und spielte selbst mit sich, lebte seine Tage ohne Kontrolle im Ueberbewußtsein seiner suchenden Kräfte, die sein Wesen zur Erlösung treiben sollten. Doch statt der Erfüllung ward ihm Empörung und Kampf.

Seine Gedanken türmten sich um ihn und marschierten auf in geschlossenen Kohorten. Das Leben bot seinen Heerbann auf und kam, dem Narren den Tribut der Botmäßigkeit zu zollen. Die schwer-moralischen Hopliten beugten sich waffenklirrend, die spitz-kasuistischen Lanzenträger senkten ihre Lanzen vor dem roten König der Narren, die locker-schwirrenden Schleuderer opferten ihm die Steine ihrer verwirrenden Kunst. Sie verneigten sich alle vor dem Narren im Purpurkleid und riefen: Heil sei dir Narr! Wir bekennen uns machtlos und beugen uns vor der Tat! Die Liebe zog gefesselt vorüber und die weinende Freude, in Blumen erstickt, beugte sich vor ihm und sprach: Purpurpriester, die Liebe ist in Fesseln und ich muß weinen, weil es keine Erlösung gibt. Der Schmerz trat herzu und lachte: So habe ich wieder, einen Freund gewonnen, dessen Seele von meinen Liedern tönt. Die Ideale schickten ihre Wortführer: Wir sind der Traum der Kinder und der Geschlechtslosen. Wir wollen mit diesem Mädchen sein, weil der Traum seiner Lust ein Kind ist.

Ich danke euch, erwiderte der König der Narren, ich danke euch und werde dem Mädchen sagen, daß seine Lust ein Traum und daß sein Traum ein Kind ist.

Pepy antwortete dem träumenden Narren: Meine Lust war eine traurige Sünde und ein großer Schmerz.

Das Rauschen der Wasser wuchs in die Schatten der ragenden Bäume und ein müder Wind tastete sich mit weichen Händen durch die sinnenden Dinge, welche von Traum und Leben sangen.

NEUNUNDVIERZIGSTES KAPITEL

Der Gerichtstag ist eine spezielle Form der Selbsterkenntnis.

Die Nacht schrieb Jappes einen Brief an Doktor Seraph:

Doktor, auch ich habe aus dem dunklen Brunnen der Unabänderlichkeiten getrunken und ich weiss, dass der Trank das Lethe ist, welches das Grübeln über die Zukunft nutzlos macht. Die metaphysische Frage über den Apriorismus des Lebens ist ein Unsinn, deshalb kann man mit logischer Konsequenz nicht de jure über das Leben entscheiden, wohl aber de facto. Weil letztere Frage aktiv in meiner Lebenssphäre liegt und mein „visueller Plan“ merklich dadurch verdunkelt wird, wünsche ich in kurzmöglichster Frist mich mit Ihnen in einer sachlichen und konsequenten Aussprache zur Klärung und Abhilfe zu treffen. Ueber die Struktur der medialen Substanz ein weiteres in der Zwiesprache. Dies unter Schlüssel wegen etwaiger notwendiger Deckung. Mit einem Appell an Ihre vorläufige Verschwiegenheit grüßt mit dankender Hochverehrung

Jappes.

Morgens ging er in den Glaspalast, Pepys ausgestellte Arbeiten zu sehen. Obwohl die Ausstellung erst eröffnet worden war, trugen schon mehrere Zeichnungen und Holzschnitte ein kleines Schildchen: Verkauft. Zwei Herren interessierten sich sehr für einige Studien über Tänze in Rötel. Sie verglichen die Arbeiten Pepys mit denjenigen eines Künstlers, welcher Jappes unbekannt war.

„Die Kritik spricht sich sehr belobigend aus,“ sagte einer der Herren, „ja man vergleicht sie sogar mit dem Japaner Hokusai, wegen der Verwendung der vollen schwarzen Farben, durch welche die Künstlerin mit magistraler Gewalt das Problem der Verquickung des graphischen mit dem ornamentalen Zweck gelöst hat. Der Kritiker bewundert ihr feines Gefühl für Komposition und beglückwünscht sie zu ihrem glücklichen Griff in der Wahl der dekorativen Motive.“

„Man wird sich um sie reißen,“ bemerkte der zweite, „zudem soll sie eine Schülerin von Meister Geraldo sein, und böse Zungen bringen sie in Zusammenhang mit dem Aestheten und Psychologen Günther und behaupten, ihm müsse die geistige Vaterschaft ihrer Arbeiten zugesprochen werden. Es ist selbstverständlich Klatsch giftiger Neider, welche die Dame zum Werkzeug degradieren wollen. Kunst und Stänkerei sind viel zu eng miteinander verwachsen. Nun, sie hat die Befriedigung, das Lob ihres künstlerischen Schaffens zu hören.“

Jappes hörte das Urteil: sachlich, nüchtern, gerecht. Wie hätte er die Freundin verurteilen können?

Es gibt Seelen, die erschrecken, wenn sie beleuchtet werden.

Mit Günthers Selbstsicherheit war es vorbei seit jenem Morgen, als das Telephon ihm die befehlende Nachricht brachte: Seien Sie auf alle Fälle zwischen zwei und vier zu Hause. Ich habe unumgänglich mit Ihnen zu reden und warne Sie dringend davor, Ihr Haus zu verlassen. Unterwürfigkeit und Auflehnung lieferten sich einen wüst-wilden Kampf ... Wer sollte ihn, den Professor, zwingen, Wort und Rede zu stehen über sein Tun! Wer wollte Rechenschaft von ihm fordern! Wer wollte sich unterfangen, in seinem Privatleben zu schnüffeln? Wäre das kein Skandal! Kein Hausfriedensbruch! War die Freiheit der Person nicht gesetzlich gesichert! Und ein Schüler, ein grüner Junge, ein Kerl, dessen Vater er hätte sein können, wagte es, ihm telephonisch zu sagen: Ich warne Sie dringend davor, Ihr Haus zu verlassen. Das Telephon war eine öffentliche Sprechstelle. War er nicht schon kompromittiert, wußte nicht jedes Telephonfräulein, daß es bei Günthers einen Skandal gab! Eine Drohung ... ich warne Sie dringend! und das war die Parole der Unterwürfigkeit. In den Worten lag ein Zwang, eine Erniedrigung. Jappes hatte keine Ehrfurcht vor Gelehrsamkeit, er rechnete nur mit Menschen, hart auf hart, und rot auf rot.

Sicher ließe sich mit Jappes unterhandeln! Wenn er ihm mit kasuistischer Verschmitztheit von der Schwäche des menschlichen Fleisches reden würde, wenn er Jappes hintergehen könnte ...? ihm eine Komödie vorspielen, sich anklagen, seine Verwerflichkeit in zerknirschter Demut mimen, Jappes verwirren, machtlos machen ... erkünstelt stöhnen, sich in der Verzweiflung vor ihm hinwerfen, die Augen mit Speichel anfeuchten und ihn dann unter Tränen um Verzeihung bitten ...

... – Jesus hat der Maria Magdalena ihre prostituierte Prostration verziehen und Jappes würde seine vermeintlichen Tränen, seine Zerknirschung als Sühne nehmen ... – Er könnte sich allmählich beruhigen und mit Jappes über die Mittel und Wege beratschlagen, wie er sich und Pepy den Frieden der Seele und des Leibes wiedergeben könnte ...

Er fand Ruhe in der Komödie, welche er sich spielte. Die dritte Nachmittagsstunde war kaum verklungen, als die elektrische Klingel schrill durchs Haus bohrte. Oh! der Glocke schrille Stimme, das lange, doppelte, dreifache, das eindringliche Bohren. Jappes meldete sich an durch die Art, wie er schellte. Kein kurzes fröhliches Schellen: Bin da! nein, ein langes drohendes Schrillen: M–a–a–a–ch au–auf! daß die Vokale vibrierten.

„Es freut mich, Sie heute wiederzusehen, Herr Professor Doktor Gustav Günther, Sie werden sich Ihres Privatschülers wohl noch erinnern?“

„Pepys Freund,“ erwiderte Günther kühn.

„Pepys Freund!“ wiederholte Jappes und stieg hinter Günther die Treppe hoch, welche zum Atelier führte.

„Nehmen Sie Platz, Herr Professor Doktor Gustav Günther,“ wies Jappes auf die Ottomane. „Ich weiß, daß Sie mir nichts zu sagen haben, aber ich habe Ihnen um so mehr mitzuteilen. Sie wissen, daß Sie ein Kind in der Zukunft haben. Wissen Sie es?“

„Ja.“

„Sie wissen, daß Sie ein Betrüger sind, ein geschlechtlicher Lügner. Sie wissen, daß Sie einmal sagten: Versuchskarnickel sind die Weiber, glauben Sie meiner Erfahrung, mein Freund, Versuchskarnickel! Wissen Sie es?“

„Ja ... aber ...“

„... Dann kennst du mein Urteil, Hund,“ und Jappes bäumte sich ihm entgegen. „Schmutziger, ehrloser Hund, bist du so wenig Herr deiner geilen Triebe gewesen, daß du ein ehrbares Mädchen schwängern mußtest? Fluch deinem Geschlecht, du schmählicher Ekel, du liederlicher Auswuchs verhurter Gedanken. Hattest du kein Weib, keine Frau, die nach dir lechzte in geschlechtlicher Brunst. Warst du zu stolz, auf die Straße zu gehen und deinen ranzigen Samen in das Fleisch einer Prostituierten zu geilen. Du Schmach der Verworfenheit! Ein Mädchen hast du befleckt und ihr den Schimpf angetan, die Frucht deiner Schlüpfrigkeit zu tragen. Das ist eine Sünde wider den Willen, eine Sünde wider den Geist, eine Sünde wider das Blut, eine Sünde wider das Leben. Und auf dieser Sünde steht Tod! Weißt du, daß Tod auf dieser Sünde steht?!“

Günther war in sich zusammengefallen, saß irr wie ein Trunkener, warf sich plötzlich seinem Richter entgegen, lallte eine Antwort, ohne Sinn. Nur ein Wort stach grell und greisenhaft flehentlich aus seinem Stimmengestammel: Nicht töten ... Jappes zwang ihn zurück mit eisernem Griff, brach seinen Willen, lähmte sein Wesen: „Schwächling, Feigling, so bist du im Sturm, du Kraft ohne Richtung, du Drang ohne Halt. Ich habe geschworen, dir dein Handwerk zu legen, du bist unmöglich geworden, und ich sorge dafür, daß du zur Einsicht deiner Ueberflüssigkeit kommst. Zur – Einsicht – deiner – Ueberflüssigkeit – ...“ Da fiel sein Blick auf Meister Geraldos Skizze. Den Rahmen schlug er am Boden entzwei, und trat mit dem Fuß in die Leinwand, daß sie zerriß. Stieß einen Blick in die Fetzen, spreizte die Hände darüber und spuckte mit Abscheu zum Gruß.

In der Treppe reichte ihm Frau Günther die Hand – die Mutter: „Sie gehen schon wieder, Herr Jappes? Sie hätten zum Tee bleiben sollen. Grüßen Sie Fräulein Pepy, ich fahre morgen mit den Hunden nach Baden-Baden.“

„Was ist mit den Hunden,“ fragte Jappes, mit übereilter Erregtheit.

„Ach, Sie wissen es noch nicht, alle unsere Hunde kommen nach Baden-Baden, aber ich sehe, Sie haben Eile,“ und sie reichte Jappes die Hand zum Abschied. Hastig drückte er ihr die Hand: „Ja, ich habe immer Eile, immer.“

FÜNFZIGSTES KAPITEL

Zwei Krieger aus feindlichem Lager können sich zusammen ans Biwakfeuer setzen, dürfen aber nicht dabei einschlafen.

„Sie kommen so selten, daß man Sie richtig anstaunen muß, wenn Sie mal da sind,“ empfing Frau Winterstein den dunklen Doktor.

„Ist Jappes schon gekommen?“ fragte Molo Seraph und warf einen forschend-flüchtigen Blick auf seinen schwarzen Ring. „Gnädige Frau, ich bin nicht immer fähig, soviel Licht aufzunehmen. In Ihrem Salon ist es zu hell und die Menschen sind zu fröhlich nach außen, deshalb möchte ich euren Frieden nicht stören. Der Ring fordert immer ein Opfer, weil er im Zusammenhang mit Toten stehen muß. Der Stammbaum des Steines ist ein ausgedehnter Nekrolog. Er steht nicht nur in der natürlichen Art der Kapitulation des Organismus mit dem Tod in Verbindung, sondern auch durch die gewaltsame Art, durch den Mord. Darum hüte ich den Stein, und für meine Umgebung ist es immer gefährlich, wenn ich ohne den Gegenstein, den Pesach, der das Blut stillt, ausgehe. So muß ich umkehren und auch den Blutstein anlegen, um die Wirkung des Teufelsteines zu isolieren ...“

„Das ist selbstverständlich ein vorbereiteter Kniff von Ihnen, uns auszukommen. Nun bleiben Sie schon ruhig hier, ich übernehme die Verantwortung für den Abend und für den wunderlichen Stein. Gehen Sie zu den Damen, dann hat er seine magische Gewalt schnell verloren.“

„Ach verzeihen Sie mir,“ bat Doktor Seraph, „ich vergaß, Sie zu grüßen, als ich kam,“ und er führte die Hand der Dame an seine kalten Lippen. Frau Winterstein dachte: Der Totenkopf hat aber wirklich einen Vogel und lachte über ihre gut fundierte Selbstsicherheit, welche ihr das beste Amulett gegen jeden Zauber schien. So empfand sie ihre Verantwortung für den Zauberstein an dem Abend als eine süße Last.

Die Damen waren im Begriff, die ruhigen Bewegungen eines Rundtanzes zu üben, als das Quittengesicht in die Türe trat. Mit erschrockener Ueberraschung hielten sie in ihrem Reigen inne und wie aus einem Munde: „Oh! Doktor Seraph!“ Armida trippelte auf ihn zu im zierlichsten Menuettschritte, und Molo Seraph seinerseits war einen Augenblick verwirrt, als die Dame in dem absonderlichen Aufputz vor ihn trat. Armida mit angemalter Wetterbräune und keck-grünem Lodenhütl, reichte dem perplexen Freunde die Hand: „Nanu Molo, was stierst du mich so an, wie wenn ich ein Meerwunder und du ein Mondkalb wärest?“

„Ich habe oft Wahngebilde, so daß ich gar nicht mehr über die Wirklichkeit zu urteilen wage,“ entgegnete der Doktor. „Tirol liegt nicht außerhalb meines Visionsradius,“ und dabei musterte er Armidas Tracht; der lebhaft bunte Ueberwurf, das Mieder, der weite Rock und die Zwickelstrümpfe.

„Ach Doktorchen, du mußt mit uns üben, so, hier schau, den Tritt, im Dreivierteltakt.“ Der Doktor aber machte einen Knicks und bat Armida um einen Tanz. Tanzte mit ihr die Tirolienne und erregte respektvolle Verwunderung bei den Gästen und Freunden.

„Das Bild könnte einen Maler inspirieren,“ wagte Fräulein Winterstein zu bemerken, „sieht es nicht aus wie der tanzende Tod mit dem tanzenden Leben?“

Arco Calvandi und Jappes trafen sich im Erfrischungsraum: „Wie fühlen Sie sich als Bräutigam, mein Herr?“ „Oh, Dank der Nachfrage, ich bin zu Tode glücklich verliebt. In Liebesangelegenheiten pflegte ich nie über die Verhältnisse der anderen hinauszuleben. Das Geschlecht der Calvandi wußte stets aus seiner Umgebung Nutzen zu ziehen. Für mein Herz beginnt nun das goldene Zeitalter der Ruhe, und es ist keusch im Dauerofen der ehelichen Liebe erglüht. Ich bin Ihnen darin verwandt, weil es eine Zeit gab, wo auch Sie Geschmack an meiner Braut fanden. Und Sie sehen, ich bin Ihr Freund, weil ich Ihnen die süßen Stunden, welche Sie mit Armida verlebt, in die Erinnerung rufe. Ihnen vertraue ich das letzte Geheimnis meines bewegten Junggesellentums an: Meine Frau wird nur eine angenehme Episode in meinem Leben sein, und weil Sie Armida, kennen, verstehen Sie auch den Sinn meiner Worte. Doch da kommt der Totenkopf, und weil ich wußte, daß er heute bestimmt kommen würde, habe ich mich mit einer krausen Chrysantheme bewaffnet, denn der herbe Atem der Blume paßt zu der Friedhofsstimmung, die er um sich zu verbreiten pflegt.“

Jappes erhob ein leeres Glas und maß den „Freund“ mit einem leeren Blick. „Ich weiß nicht, welche Flüssigkeit ich auf Ihre Gesundheit trinken möchte,“ dann begrüßte er Doktor Seraph, welcher hinzugetreten war. „Ich verspürte ein sinnfälliges Zucken des Ringes,“ betonte dieser mit einem gesetzten Akzent in der Stimme, „aber ich sehe, die Herren sind in bester Laune der Säfte. Vielleicht ist es Ihre Blume, die an den Tod erinnert,“ wandte er sich an Arco Calvandi. „Sie belieben scheinbar mit dem Tode zu spielen, im Uebermut der bräutlichen Tage. Sie sollten nicht mit dem Tode spielen!“