Familiensklaven

Part 5

Chapter 53,643 wordsPublic domain

Roderich junior aber lachte, denn derartige Schraubereien erweckten stets sein Behagen.

»Aber laß ihn doch, Mama,« sagte Kornelia wieder. »Ich fühle mich nicht beleidigt. Und weil's etwa unser Hauslehrer hört? Der Herr Kandidat wird derartige Bemerkungen richtig zu würdigen wissen.«

Trotzdem Fröhlich die Empfindung hatte, zwischen zwei Feuern zu sitzen, vermochte er auch diesmal nicht, ein kurzes Nicken zu unterdrücken, wobei er in Verlegenheit immer noch an einem winzigen Stückchen Braten herumschnitt, das dieser Bearbeitung kaum noch wert war. Er empfand innere Freude über diese mutige Abwehr der Tischnachbarin und bedauerte nur lebhaft, daß Fräulein das nicht hören konnte, um eine kleine Genugtuung zu erleben. Sicher aber würde er die erste Gelegenheit benutzen, ihr eingehend diese interessante Tischunterhaltung zu übermitteln.

»Die meinigen jedenfalls auch, bei welcher Gelegenheit sie auch fallen mögen,« stieß Rudi blasiert hervor und kniff nun wieder das Monocle ein, das er beim Essen vorsichtig in der Westentasche trug, nachdem es ihm einmal in die Suppe gefallen war. Gesättigt blähte er sich in der Manier eines Menschen, der stark zu essen pflegt und plötzlich genug im Leibe hat. Vor Tisch hatte er die modefarbene Weste mit einer bordeauxroten vertauscht, in deren Armöffnungen er nun die Daumen der Hände steckte und die Finger vergnügt auf dem Brustkasten spielen ließ. Und so kam er sich wie ein junger Gott vor, der durch verhaltenes Gähnen die Langeweile auf seinem Thron andeutet. Trotzdem spitzte er die Ohren, als sein Blick zur Decke ging, denn er erwartete endlich ein Herausgehen Fröhlichs aus seiner Verschlossenheit.

Der Kandidat jedoch, der die Absicht des andern wohl merkte, tat ihm nicht den Gefallen, sondern naschte eifrig von der warmen Kuchenspeise, die er sich als letzter auf den Teller gelegt hatte. Dabei sprach er leise und eindringlich mit seinem Schüler, der ihm zur Linken saß und wiederholt schon die Neigung gezeigt hatte, sich in das Gespräch zu mischen. Ersichtlich wollte er ihn davon abhalten, worauf sein andauerndes Kopfschütteln und die Sprache seiner Augen hinwies.

Auch Frau Roderich hatte bereits das silberne Löffelchen hingelegt und zupfte nur noch an einigen getrockneten Weintrauben, mehr aus Gewohnheit als aus Appetit. Sie war mit dem Essen rasch fertig, weil sie von allem sehr wenig nahm, um nicht zu fett zu werden, wie sie sagte. Beim Nachmittagskaffee, der spießbürgerlich erst um vier Uhr eingenommen wurde, holte sie dann das Versäumte nach und vertilgte eine Unmenge Kuchen, wobei die Schlagsahne nicht fehlen durfte. Für feine Konditorware schwärmte sie ganz besonders.

Es war warm im Zimmer, denn die Maisonne hatte mit ihren kräftigen Strahlen den Weg hineingefunden, weil man versäumt hatte, die Markise über dem freiliegenden Balkon frühzeitig anzubringen. Die Glastür stand noch immer offen, und so hatten die Luftwellen freie Bewegung, die den starken Geruch der Nelken mit hereinbrachten, die in Töpfen nun draußen auf der Brüstung prangten. Auf der Tafel stand der erste Flieder, und sein frischer Duft übertäubte zeitweilig den Bratengeruch, der noch über den Tellern lag und erst langsam verdunstete. Wenn das Hausmädchen die Tür öffnete, dann durchwehte der Luftzug vom hinteren Korridor den großen Raum, trieb den Geruch der Speisereste hinaus und ließ den Duft des Flieders besonders stark erstehen.

Hin und wieder zog Frau Roderich die Majolikavase an sich und roch an dem riesigen Strauß, jedoch nur oberflächlich, ohne Berührung. Aber das starke Parfüm, das heute ihrer Seidenbluse entströmte, verdrängte den natürlichen Duft des Flieders, der wie vor etwas Unangenehmem floh. Namentlich die feine Nase des Kandidaten hatte unter diesen Anspritzungen sehr zu leiden, besonders dann, wenn der Fettgeruch der Schminke sich ihm bedenklich näherte. Ueberhaupt waren die Launen der Gnädigen in dieser Beziehung unberechenbar; dann hatte Fröhlich die Empfindung, ein Parfümerieladen habe sich aufgetan und sende seine unzähligen künstlichen Gerüche ihm entgegen.

Man trank bei Tisch nur wenig. Frau Agathe genoß schluckweise ihren Sauerbrunnen, Rudi bekam seine Flasche Bier, der Kandidat jedoch begnügte sich mit frischem Wasser. Anfangs hatte man ihm Wein vorgesetzt, den er aber verschmähte; denn, ein Feind aller alkoholischen Genüsse, behauptete er, geistige Getränke nicht vertragen zu können. Nur des Sonntags, wo er auch geladen wurde, nippte er von der dünnen Bowle, die man zusammenbraute, um wenigstens den Unterschied der Tage zu kennzeichnen.

»Wer wird denn nun heute mit den Kindern in den Zo gehen?« fragte Rudi, immer von dem bestimmten Gedanken geleitet, Fröhlich zu einer Unvorsichtigkeit zu bewegen. Durch die offene Tür sah man von drüben die Bäume des Zoologischen Gartens winken, und so war er auf diese Frage gekommen. Die Kleinen schrieen sofort durcheinander und deuteten, die Löffelchen noch in der Hand, auf den Kandidaten. »Onkel Fröhlich soll mit uns gehen, er setzt sich Fräuleins Hut auf,« sagte Hans und strampelte mit den Beinen vergnügt unter dem Tisch.

»Dann kommt Rudi zu ihm,« plapperte Trudchen und schlug mit dem Löffel vor Freude laut auf den leeren Teller.

Kornelia gab jedem einen Klaps auf den Mund, und auch die Mutter forderte sie zum Ruhigsein auf. Roderich junior aber vergnügte sich darüber im stillen, verstohlen den Blick auf Fröhlich gerichtet. Dieser jedoch zeigte sich keineswegs beschämt, er lachte vielmehr und meinte dann mit Humor, daß er den Versuch ja einmal machen könne; er habe sich vormittags ganz gut in dieser Rolle geübt. Es sollte ein kleiner Stich gegen die Gebieterin sein, aber Frau Roderich empfand das nicht, sondern lachte laut mit. Ihr Groll war schon halb verpufft, und so sagte sie beinahe herzlich: »Ich danke Ihnen sehr dafür, Herr Kandidat, daß Sie sich heute so aufgeopfert haben, aber ich wußte im Augenblick keinen anderen Rat; morgen kann sich das Stubenmädchen mit den Kindern beschäftigen.«

»Seid nur still!« rief Kornelia den Kindern aufs neue zu. »Emma kann Euch heute in den Zoologischen bringen, und dann komme ich später nach. Euer lieber Rudi soll doch sehen, daß ich auch mit Euch umzugehen verstehe. Mich wird er ja nicht belästigen. Ich bin eben keine Familiensklavin ... Sage mal, hast Du denn wirklich Fräulein damit gemeint?«

Rudi nickte gleichmütig. »Alles, was so in besserer Stellung ist.«

»Schäme Dich!«

Der Kandidat erhob sich mit einem Ruck, so daß die Frauen erschreckt aufblickten. Kerzengerade stand er da. »Verzeihung für die voreilige Störung, gnädige Frau,« sagte er mit bebenden Lippen. »Ich bitte um die Vergünstigung, mich etwas früher mit meinem Schüler zurückziehen zu dürfen. Ich möchte den Aufsatz noch durchsehen.«

Frau Roderich verstand ihn und hob sogleich die Tafel auf. Wie immer, verneigte er sich höflich vor den Damen, machte auch einen Kopfnicker zu dem jungen Herrn hinüber und ging dann hinaus, untergefaßt von seinem Schüler, der sich liebevoll an ihn geklammert hatte.

»Nun bist Du wirklich einmal beschämt,« sagte Kornelia zu ihrem Bruder, der diese Wendung nicht erwartet hatte. »Vornehmer kann man gar nicht abgeführt werden.«

Rudis Verblüffung wich. Breit lachte er auf. »Was sollte er auch erwidern?« gab er spöttisch zurück. »Er hat doch nur bewiesen, daß ich recht habe. Sklaven ducken sich, weil sie stets die Herrschaft fühlen.«

Kornelia maß ihn mit einem Blick des Mitleids. »Du möchtest am liebsten die Peitsche noch schwingen.«

Er nickte ihr freudig zu. »Möchte ich auch. Es wird immer eine Kanaille geben, die sie verdient. Weshalb steckt er so etwas feige ein? Es war nur Revanche von mir.«

»Oft ist Anstand der größere Mut,« sagte Kornelia nur noch kurz. Dann nahm sie die Kinder mit in ihr Atelier.

Kaum war Frau Roderich mit ihrem Sohne allein, als sie ihn ankeifte: »Warte nur, heute sollst Du es einmal zu hören bekommen! Dein Betragen übersteigt alle Grenzen. Gleich wenn Papa nach Hause kommt, erzähle ich's ihm.«

Das sagte sie immer, ohne es auszuführen. Und da er sich bereits an diese leere Drohung gewöhnt hatte, lächelte er nur dazu.

»Du treibst uns noch den besten Lehrer aus dem Hause,« fuhr sie erregt fort.

»Ich? Aber gutes Ma'chen, ich bitte Dich! Das kann doch Dein Ernst nicht sein. Wenn er mal flieht, tut er's gewiß vor jemand anderem.«

»Manchmal bist Du ein rechter Ekel.«

»Ach, ich bin ja doch Dein lieber Rudi. Komm, gib mir 'nen Kuß!«

»Laß mich zufrieden! Aendere Dich endlich! Du tyrannisierst uns alle.« Aber sie meinte es nicht mehr so ernst, denn sie fühlte sich bereits wieder schwach, und so eilte sie mit gemachter Entrüstung hinaus.

Rudi trat leise pfeifend auf den Balkon. Er war mit sich zufrieden, denn er hatte heute vier Menschen in die Flucht geschlagen, und das genügte ihm. Immerhin ~etwas~ von einem »dummen Jungen«! Aber sein vergnügtes Lachen erstarb sofort im Ingrimm bei dem Gedanken an diesen Ausspruch. Das mußte seiner Meinung nach ganz besonders bestraft werden, aber mehr durch Süßigkeiten als durch Bitternisse, oder durch beides. Wie man's nehmen wollte!

Als er hinter sich das Klappern von Tellern hörte, trat er wieder ins Zimmer. Emma, das Stubenmädchen, räumte die Tafel ab. Sie war nicht mehr jung, aber recht drall, mit stets roten Wangen, die immer wie verfroren aussahen und noch röter wurden, wenn man sie daraufhin ansah. Ihr strohgelbes Haar war nicht gerade die passende Umrahmung dazu, aber da sie es glatt gescheitelt hinter den Ohren trug, bekam sie dadurch etwas Würdevolles, das ihr viel Aehnlichkeit mit einem alten Kinde gab. Schon seit vier Jahren im Hause, hatte sie Rudi vom Knaben zum Jüngling heranwachsen sehen und viel von seinen Unarten zu ertragen gehabt, die sie aber stets durch ihre mecklenburgische Derbheit erwiderte.

Er begann mit ihr zu schäkern, indem er sie in Arm und Wange kniff.

»Lassen Sie ab von mir, das machen Sie man wo anders! Jawoll doch!« sagte sie unwirsch und drohte, sämtliche Teller fallen zu lassen. Seitdem sie einen herrschaftlichen Diener in der Nachbarschaft kennen gelernt hatte, waren bestimmte Grundsätze in ihr aufgestiegen, die sie nun rücksichtslos zu erkennen geben wollte.

Die Tür zum Nebenzimmer war auf. »Rudi, was soll denn das!« schallte Frau Roderichs Stimme herein.

»Der junge Här macht ja man bloß Spaß, Gnäd'ge,« rief Emma zurück. Und sie lachte auf, ohne eigentlich zu wissen, warum, und trug ihre schwere Last davon.

»Na, fliehen tut sie doch eigentlich auch vor mir,« dachte Rudi trotzdem befriedigt. »Nummer fünf!«

VII.

Da die Bank um fünf Uhr schloß, so kam der Bankdirektor erst um ein halb sechs Uhr nach Hause und tafelte dann allein, und zwar nicht oben im Familienzimmer, sondern unten im Gesellschaftsspeisesaal, wo er fast eine Stunde lang sechs Gänge zu sich nahm. Im ersten Stock »aß« man zu Tisch, im Parterre »dinierte« man, was sich bereits so sehr als Sprachgebrauch eingebürgert hatte, daß daran nicht zu rütteln war. Oben trug das Mädchen die Kost auf, unten ließ sich der Hausherr von Emil bedienen, der als eine Art Groom ins Haus gekommen war und sich allmählich zum Leiblakai entwickelt hatte, der nebenbei noch allerlei Verrichtungen im Hause tat und bei großer Ausfahrt in Galalivree neben dem Kutscher thronen durfte. Roderich hatte sich so an ihn gewöhnt, vor allem an seine Handreichungen als Kammerdiener, daß er ihn kaum noch zu missen vermochte und ihm sogar den Vorzug einräumte, gelegentlich über einen Witz, den er machte, mitlachen zu dürfen.

Der Bankdirektor war ein wohlerhaltener Herr in den Fünfzigern, mit einem runden, frischen Gesicht, in dem zwei kluge Augen stets suchend hin und her gingen, und das ein üppiger, aber schon stark ergrauter Schnurrbart zierte, allerdings unter einer Nase, die besser in ein anderes Antlitz gepaßt hätte, denn sie war ein wenig klein und weibisch, aber doch in einer klaren Linie mit der schön gewölbten Stirn vereint. Diese zierliche Nase war für Kenner entschieden das Zeichen dafür, daß Roderich senior keine wilden Leidenschaften besaß, vielmehr ein ruhiger, überlegender Mensch war, der seine bestimmten Ziele hatte und höchstens nebenbei noch ein unschuldiges Steckenpferdchen ritt.

Er aß und trank gut, rechnete noch besser und stritt sich eigentlich nur um Zahlen, wenn es jemals an das Streiten ging. Sein Scharfblick in kaufmännischen Dingen war bewundernswürdig, und es war wohl nur eine Frage der Zeit, daß man ihn zum Generaldirektor seiner Bank ernennen würde, falls der bisherige Allmächtige das Zeitliche gesegnet hätte, oder sich gänzlich ins Privatleben zurückgezogen haben würde, was bei seiner geringen Arbeitsfreudigkeit infolge eines Leidens zu erwarten war.

Große Dinge regten Roderich senior niemals auf, dagegen konnten kleine und nichtige Vorgänge ihn aus dem Häuschen bringen. Und weil er oben in seiner Familie niemals davor sicher war, so hatte er sich hier unten eingekapselt, ganz nach persönlicher Bequemlichkeit. Oben schlief er nur, nahm den Morgenkaffee ein und hielt bei dieser Gelegenheit große Musterung über die lieben Häupter ab. Das war nun schon seit Jahren so, und er fand, daß seine Nerven dabei je mehr sich stärkten, je weniger das bei seinem lieben Weibe der Fall war. Ihre wechselnden Launen machten ihm viel zu schaffen, und wenn er sich früher darüber geärgert hatte, so entging er jetzt dieser Aufregung durch das Alleinsein, das ihm ein Labsal war.

Zuerst hatte es Kämpfe dieser Abzweigung wegen gegeben, denn Frau Agathe fühlte sich in ihrer häuslichen Würde verletzt. Sie wollte das allgemeine Familienmahl ebenfalls auf diese späte Stunde verlegen, damit der gestrenge Herr oben an der Tafel teilnehmen könne. Aber Adolf Roderich sträubte sich so sehr dagegen aus Rücksicht auf die Kinder, daß sie sich an die doppelte Kocherei gewöhnen mußte. Eigentlich hatte sie damit nicht viel zu tun, denn die »perfekte Köchin« wirtschaftete so selbständig und schraubte sich manchmal auf den Küchenherrscherton, der so ziemlich mit der Höhe ihres Lohnes übereinstimmte. Frau Roderich zankte zwar viel mit ihr und drohte oft mit Kündigung, weil ihr alles zu teuer erschien, aber sie lenkte rasch wieder ein, sobald Lene das berühmte Wort sprach: »Es ist jut, gnädige Frau, ich werde es dem Herrn Direktor direkt sagen.« Aber weil sie wußte, daß die Gebieterin es niemals soweit kommen lassen würde, stand ihr dabei der offene Triumph auf dem feisten Gesicht geschrieben; denn Roderich, der große Feinschmecker, gab der Köchin stets das Zeugnis »Nummer eins« und betrachtete sie sozusagen als »Vizeherrin«, die um ihrer ausgezeichneten Kochkunst willen die größte Hochachtung und Nachsicht beanspruchen dürfe.

»Nun, was gibt's heute, Emil?« fragte der Bankdirektor seinen Diener, der, wie immer, bereits auf der Lauer stand, um dem Herrn Hut, Schirm und Geheimtasche abzunehmen.

Roderich hatte sich bereits hungrig an der gedeckten Tafel niedergelassen, die in der Mitte einen kleinen silbernen Aufsatz mit Früchten zeigte, aus dessen Kristallkelch ein einzelner Fliederzweig ragte. Trotzdem auf einem beigelegten Kärtchen die Speisefolge verzeichnet war, über die an jedem Morgen beim Kaffee zwischen den Ehegatten eine Einigung erzielt wurde, richtete Roderich jedesmal diese Frage an den Getreuen. Und Emil, dessen schlanke Figur sich vorteilhaft in der Hauslivree: braunem Schniepel mit silbernen Knöpfen und dunkelgrünen Aufschlägen, und dito Puffbeinkleidern mit grünen Wadenstrümpfen, ausnahm, schnarrte sofort das Menu herunter: »Champignon-Suppe, Steinbutt mit holländischer Sauce, frischen Stangenspargel mit Schinken und Pökelzunge, gefüllten Truthahn, Fürst Pückler, Butter, Käse und Radieschen.« Die Schmorfrüchte und den Salat erwähnte er nicht, denn beides stand bereits in Schalen auf dem Tisch.

»Schön, sehr schön,« sagte Roderich schmunzelnd, ungefähr mit der Miene eines Menschen, der etwas Angenehmes gern zum zweitenmal hört. Er hatte sich bereits die blütenweiße Serviette zwischen Hals und Kragen gesteckt, schob die zwei Morgenzeitungen beiseite, die er aus dem Geschäft gebracht hatte, und trommelte leise mit den Fingern auf dem Tischtuch, etwa wie ein verwöhntes, ungeduldiges Kind, das angepriesener Herrlichkeiten wartet.

Von dem Anrichteraum aus, der nebenan lag, ging ein Aufzug direkt zur Küche hinauf. Emil kehrte mit der dampfenden Suppe zurück und blieb erwartungsvoll stehen.

»Heute mal eine Deidesheimer -- von dem Fünfundneunziger,« sagte Roderich wieder, während er schon zu löffeln begann. Aber er hielt ihn noch zurück. »Nichts Besonderes vorgefallen, oben?«

»Nichts Besonderes, Herr Direktor,« erwiderte Emil mit klugem Gesicht. Das ganze Personal wußte zwar von dem Krach am Vormittag, aber er hütete sich, etwas davon zu sagen, trotzdem ihm seine Offenheit hier unten nicht übel angerechnet wurde; aber um so mehr oben. Er hatte in dieser Beziehung seine Erfahrung hinter sich.

Er ging und brachte sofort den Kühler mit dem Riesling, der schon längst bereit stand; denn es war immer dieselbe Marke, die der Gebieter trank, wenn er auch tagtäglich danach verlangte, wie nach etwas Neuem.

»Was macht Fräulein?« fragte Roderich wieder, während Emil aufmerksam das Glas vollschenkte.

»Ernst mußte den Herrn Sanitätsrat holen. Die gnädige Frau behauptet, es sei sehr schlimm. Das ganze Haus müßte ausgeräuchert werden.«

»Nanu! Doch nicht ansteckend?« Er fuhr auf, aber Emil beruhigte ihn sofort, indem er die Angst der Gnädigen auf das gehörige Maß zurückführte. Roderich lachte still in sich hinein, womit er unstreitig andeuten wollte, daß er nichts anderes erwartet habe.

Mit gesundem Appetit ging er zum Fisch über. »Wer hat sich denn heut mit den Kindern beschäftigt?« war dabei seine Frage.

»Der Herr Kandidat mußte mit ihnen spielen,« gab Emil zurück, indem er die Betonung auf das letzte Wort legte. Auf eine kleine Uebertreibung kam es ihm nicht an, denn er wußte, wie sie aufgenommen wurde.

Der Bankdirektor lachte abermals heimlich. »Das ist recht, das kann er auch mal probieren,« preßte er kauend hervor, eigentlich mehr zu sich, mit einem gewissen, harmlosen Ingrimm.

Aus kleinen Verhältnissen hervorgegangen, hatte er sich zu dem jetzigen vielbeneideten Direktorposten einer großen Bank emporgeschwungen, durch den er wohl zu Ansehen und Reichtum gekommen war, der aber doch den alten Menschen in ihm nicht hatte unterdrücken können. Und so wurde er manchmal »rückfällig«, indem er noch die Gewohnheiten des kleinen Mannes zeigte, der den Abstand zwischen Herr und Diener nicht gehörig zu schätzen weiß. Was man bei geborenen Herrschern Leutseligkeit nannte, war bei ihm mehr Vertraulichkeit, durch lange Gewohnheit bedingt.

Von seltenem Fleiß und Pflichteifer den Tag über, war ihm diese Tafelstunde hier die einzige wirkliche Ruhe und Erholung, die er ungestört genießen wollte. Oben wußte man, daß er erst nach gründlicher Sättigung zu haben sei, und so verdarb man ihm niemals die Laune durch vorzeitige Belästigung. Selbst seine Frau störte ihn selten, trotzdem ihre nervöse Stunde erst recht kam, sobald sie ihn unten wußte. Früher war sie zu ihm hinabgestiegen, um während des Essens mit ihm zu plaudern, nach Neuigkeiten zu fragen und ihm selbst die Schüssel zu reichen. Bald aber hatte sie gemerkt, daß all die kleinlichen Dinge, mit denen sie ihn überschüttete, ihm den Appetit verdarben. Und so blieb sie gleich den übrigen lieber oben und wartete sein Erscheinen ab.

Da Roderich zu den Leuten gehörte, die stets bestrebt sind, das Angenehme mit dem Nützlichen zu verbinden, so bereitete er sich sozusagen schon beim Essen auf die Ueberraschungen vor, die ihn oben in seiner Familie erwarten würden. Emil mußte ihm daher als Berichterstatter dienen, hin und wieder auch als Schnelläufer die Treppe hinaufeilen, um Fragen zu übermitteln und die Antwort zu überbringen. Zwar befand sich vorn im Arbeitszimmer ein Haustelephon, das Roderich aber abgestellt hatte, weil früher das Klingeln kein Ende nahm.

Frau Agathe hatte aber verstanden, sich zu helfen. Neben dem Aufzug war ein Sprachrohr, das die Verbindung mit der Küche herstellte. Kaum war der Schinken mit Spargel heruntergelassen worden, als es oben klopfte. Wohlweislich hatte Emil die Tür geschlossen, denn er wußte, daß er jetzt die Neugier der Frau Bankdirektor erschöpfen mußte.

»Emil, ist alles zur Zufriedenheit des Herrn?«

»Jawohl, gnädige Frau,« tutete er leise zurück.

»Schmeckt's meinem Manne?«

»Jawohl, gnädige Frau; ausgezeichnet.«

»Ist es auch reichlich?«

»Jawohl, gnädige Frau.«

»Wie ist denn mein Mann gelaunt?«

»Sehr gut, gnädige Frau.«

»Hat er etwas gefragt?«

»Nein, gnädige Frau,« log Emil tapfer. »Nur, wie es Fräulein geht.«

»Soooo,« klang es etwas scharf zurück. »Hat er sich nicht nach uns erkundigt?«

»O doch, gnädige Frau,« log Emil wieder. »Es sei auch nichts vorgefallen, sagte ich.«

»Es ist gut. Klopfen Sie wieder, wenn mein Mann mit dem Essen fertig ist! Lene kann es bestellen.«

»Jawohl, gnädige Frau.«

Emil wollte es mit keinem verderben, und so behielt er diese harmlose Unterhaltung, die er als eine ehrenvolle Auszeichnung betrachtete, stets für sich. Und wenn er auch die Wahrheit dabei ein wenig unterdrückte, so glaubte er das im Interesse von Hausfrau und Herr zu tun, die nicht unnötig zusammengeraten durften. Roderich, der das Gemurmel manchmal hörte, war der festen Ueberzeugung, daß derartige Gespräche nur die Köchin angingen.

Beim vierten Gang war die Berichterstattung des Dieners in der Regel erschöpft; er konnte die Speise und den Käse sofort auftragen und sich bis auf weiteres unsichtbar machen.

Nun saß der Bankdirektor ganz ungestört vor seinem gefüllten Truthahn und labte den Gaumen mit erquickendem Behagen. Das Speisezimmer lag nach dem hinteren Garten hinaus, zu dem man durch eine breite Flügeltür gelangte, deren obere Felder aus getrübtem bunten Glas bestanden, das butzenscheibenartige Figuren zeigte. Er hatte die Tür öffnen lassen, und so sah er durch den kleinen Holzvorbau das saftige Grün der Sträucher, aus dem die Steinfiguren sich weiß hervorhoben. Ganz hinten stand eine große Laube, umringt von Flieder, und davor auf einer Säule blinkte eine mächtige Spiegelkugel, in der sich hell ein Stück des blauen Himmels wiegte; und darunter zeigten sich unzählige Licht- und Farbentupfen, durch die ein blendender Blitzstreifen ging.

Hinter dem Hause lag Schatten, und so zog Kühle in den großen Raum, in dem das graugrün gebeizte Eichenholz der teuren Möbel das Auge ruhig stimmte. Selbst die rostbraune Tapete erhöhte nur diese vornehme Einheit, die entschieden von ausgeprägtem Geschmack zeugte. Alles war auf einen sanften Ton gestimmt, gedämpft wie der Tritt, der auf dem echten Perser über dem Dielenfilz leicht verhallte. In dem wohligen Dämmerlicht glänzten nur wenig die Lichter in den Zinnkrügen auf dem Prunkbuffet und in der matten Bronze des elektrischen Gehänges an der Decke.

Roderich blickte zwar in den Garten, aber er sah die Pracht des erwachenden Sommers nicht. Während er gleichmütig kaute, arbeitete sein Hirn fortwährend. Es waren immer Zahlen, die ihn beherrschten, die ganze Ziffernwelt des Tages, mit ihren Kursbewegungen und der Aufregung der neuesten Börsenvorgänge. Wer ihn so still beobachtet haben würde, hätte ihn für einen reichen Junggesellen halten können, der mit Ruhe sein üppiges Mahl einnimmt und höchstens still bedauert, daß die intimen Freunde nicht vorhanden sind, die die drei übrigen Lehnstühle um den zusammengeschobenen Tisch hätten besetzen können. Kein Laut umgab ihn, nur dumpf schallte wie von fern das Rollen der Straßenbahn herein.