Part 2
Plötzlich trat der, von dem sie sprachen, etwas unsanft aus dem Schulzimmer herein, und ganz in der Art eines Menschen, der den Verblüfften spielt, sagte er mit steifer Verbeugung: »O, bitte tausendmal um Verzeihung. Ich hatte keine Ahnung --.«
Sie stieß einen leichten Schrei aus, erhob sich und flüchtete durch das Spielzimmer hinaus. »Aber so bleiben Sie doch, Fräulein, was soll man denn davon denken,« rief Fröhlich ihr nach, aber sein Bemühen war vergebens. Die Korridortür klappte bereits. Der Kandidat war ärgerlich, denn sie hatte seiner Ueberzeugung nach etwas Unbegreifliches getan, was dazu geschaffen war, ihrem Beisammensein eine andere Deutung zu geben, wenigstens diesem jungen Herrn gegenüber, der seine neunzehn Jahre bereits mit der Wichtigkeit eines Lebegreises herumtrug, den nichts mehr überraschen kann. Aber sofort sich beherrschend, hielt er den anderen zurück: »Sie haben durchaus nicht gestört, Herr Rudi.«
»Herr Roderich, wenn ich bitten darf, Verehrtester,« schnitt ihm der Hausherrnsohn mit der gleichen Verbindlichkeit jede Annäherung ab. »Weshalb verfallen Sie eigentlich immer in den alten Fehler? Einmal muß man Ihrem Zauberbann doch entwachsen.«
Kandidat Fröhlich hielt es für besser, denselben leichten Ton anzuschlagen. Und so erwiderte er lächelnd: »Pardon für meine Rückfälligkeit, es soll gewiß nicht wieder vorkommen, Herr Roderich. (Diese beiden Worte waren gleich stark betont.) Ich werde mich jedenfalls sehr auf den Tag freuen, wo ich Ihnen noch einen besonderen Titel anhängen kann.«
»So lange wollen Sie noch bei uns aushalten? Beneidenswerte Courage.«
»Hängt das von Ihnen ab, oder von mir?«
»Na, Sie können doch nicht als ewiger Kandidat in die Unsterblichkeit gehen. Das würde ja meiner hohen Meinung von Ihnen den Todesstoß geben.«
»Ich werde mich bemühen, mir auch fernerhin Ihr gütiges Wohlwollen zu bewahren,« gab Fröhlich heiter zurück.
Trotzdem er den Spott des andern jedesmal empfand, sobald sie in derartige Plänkeleien gerieten, fühlte er sich doch viel zu sehr als überlegener Mann, um seinen Gleichmut aufzugeben. Die kindische Herausforderung des andern erschien ihm immer nur als ein Mangel an guter Erziehung, dem er in Würde begegnen müsse.
»Mir angenehm zu hören,« schnarrte Roderich junior plötzlich von oben herab, indem er sich bemühte den Einwurf anders aufzufassen. Die Hände in den Hosentaschen, schlenderte er gemütlich im Zimmer umher. Er steckte bereits in der neuesten Frühjahrsmode: in ganz engen Beinkleidern, die nach englischer Art fast trikotartig über die gelben Strandschuhe fielen, in auffallend kurzem Jackett und in oben geschlossener Weste, aus der der Sezessionsumlegekragen so hoch über der roten Sportkrawatte ragte, daß man den Eindruck gewann, er hätte aus Versehen eine steife, umgekippte Halsmanschette um den Hals gewürgt, damit den etwas zu groß geratenen Ohren die Schaustellung nicht geschmälert würde. Nur mit Anstrengung konnte sich der Kopf daraus hervorschrauben, je nachdem das Bedürfnis vorlag, der Nase eine neue Richtung zu geben. Ein dünnes Uhrkettchen, das durch das Knopfloch gesteckt war, zog sich über die schmale Brust von einer der oberen Westentaschen zur andern, und so glich er einem stilvollen Gecken, der auch niemals vergaß, die linke Hand auffallend nach unten zu schütteln, damit man das silberne Armband klirren hören könne. Ein leichtes Gähnen hinter der vorgehaltenen rechten Hand folgte seinen Worten. Er gähnte selbst am lichten Tage sehr oft, und zwar mit einer gewissen Koketterie, weil er das zum guten Ton gehörig fand, wodurch Lebewesen seiner Art die ewige Langeweile ihres jungen Daseins andeuten müßten.
»Ich finde, Sie sind etwas erregt, Herr Kandidat,« begann er wieder und holte das lose Monocleglas aus der Westentasche, das er sich mit Grazie und schiefem Gesicht ins Auge klemmte. »Schwere Arbeit heute, was? So drei Rangen auf einmal in Raison halten zu müssen -- wie? Auch kein Austernschlucken, was? Mama hat mir schon von Ihrer Opferfreudigkeit berichtet. Na, einmal ist ja keinmal. Aber trösten Sie sich mit den Paukern, die eine ganze Klasse über sich ergehen lassen müssen. Habe ich auch mal mitgemacht, natürlich aktiv. Bis Quarta ist man ja immer rauhbeinig. Wir hatten da einen Ordinarius, na --! In dessen Haut hätte ich nicht stecken mögen. Werden Sie ja auch mal erleben ... In den höheren Klassen wird man vernünftiger.«
»Sind Sie nicht aus Obertertia abgegangen?« fragte Fröhlich.
Roderich junior merkte die Absicht, aber blieb kalt. Sein Hochmut war jedoch unverkennbar, als er mit Daumen und Zeigefinger sein kaum sichtbares Bärtchen teilte und mit Betonung erwiderte: »Ich habe mein Einjähriges, Verehrtester. Das dürfte Ihnen doch nicht ganz unbekannt geblieben sein -- bei der Regsamkeit, mit der Sie sich für alle Vorgänge im Hause interessieren.« Dann aber schlug er wieder einen leichten Ton an, um schneller über diese Gesprächsbrücke zu kommen, dem endlichen Ziele entgegen. »Was wollte denn eigentlich Mausi? Pardon -- Fräulein wollte ich sagen. Ich denke, sie ist krank, liegt im Bett und konserviert ihre Schönheit durch Vermeiden jeder Aufregung? Und nun hat sie Ihnen hier Gesellschaft geleistet als =mademoiselle sans gène=? Erteilen Sie ihr etwa auch Lektionen? Herr Kandidat, Herr Kandidat!«
Im Bewußtsein seiner augenblicklichen Uebermacht drohte er Fröhlich lächelnd mit dem Finger. Dieser jedoch zeigte keine Neigung zum Scherzen, gab ihm vielmehr mit ernster Miene kurz die nötige Aufklärung. Rudi jedoch bückte sich plötzlich mit ungläubiger Miene vor dem Stuhle, auf dem Fanny Frank gesessen hatte, und hob lachend eine Haarnadel auf.
»Ei, sehen Sie doch -- sie hat etwas verloren. Ihr Haar muß ja ordentlich ramponiert gewesen sein. Darf ich Ihnen das Ding zur Erinnerung an die genußreichen Minuten dedizieren?«
Eine Blutwelle schoß dem Kandidaten ins Gesicht, und sofort empfand er die Neigung, ihm die Haarnadel aus der Hand zu schlagen; aber indem er sich sofort beherrschte, sagte er mit erzwungener Verbindlichkeit: »Ich muß bedauernd verzichten. Vergrößern Sie nur Ihre Sammlung damit, die ja, wenn sie mit Ihrer Lebensauffassung gleichen Schritt gehalten hat, sehr reichlich sein muß!«
»Sie sind heute äußerst verschwenderisch in Anerkennung meiner Vorzüge,« erwiderte Rudi mit einem Kopfnicken und legte den Fund, den er zwischen den Fingerspitzen wie etwas Unangenehmes weit von sich hielt, auf ein Tischchen am Fenster. »Dann mag Mama sich den Kopf darüber zerbrechen. Die ist ja gleich bereit, sich aus allem einen Roman zu machen.«
»Vielleicht kann ich dabei mit einem Kapitel dienen, das sich hin und wieder im Zoologischen Garten abspielt.«
»Wie meinen Sie, Herr Kan--di--dat?«
Roderichs junior Lächeln war verschwunden, er erhob den Kopf aus der Kragenschraube, gab dem wackelnden Augenglas einen neuen Halt, machte einige Schritte und blieb herausfordernd vor seinem Gegner stehen.
Fröhlich empfand die Neigung im selben Tone zu erwidern, aber sogleich fiel ihm ein, daß sein Beruf in diesem Hause es mit sich bringe, auch diesem Jüngling gegenüber, der der Schule bereits entwachsen war, jene Milde zu bewahren, die die schönste Eigenschaft des Erziehers ist. Und so begann er mit seiner klangvollen Stimme:
»Herr Roderich, es ist den Kindern bereits aufgefallen, daß Sie merkwürdig oft im Zoologischen Garten zur Stelle sind, wenn Fräulein Frank ihrer Pflicht nachgeht. Sie ist jung und Sie sind jung, sie aber ist gänzlich unerfahren, während Sie in der =ars amandi= schon bedeutende Fortschritte gemacht haben. Ich höre darüber manchmal Andeutungen -- Sie wissen ja, ich genieße das besondere Vertrauen Ihrer Frau Mama. Bleiben Sie meinetwegen hübsch bei Ihren Bar-Damen, poussieren Sie Ihre Konfektioneusen, mich soll's nicht genieren, mich geht's auch nichts an, -- das ist Sache Ihrer Herren Eltern, sich darüber mit Ihnen abzufinden. Aber lassen Sie anständige Mädchen aus dem Spiel, die unerfahren in die Welt blicken und den Verführungskünsten der Männer nicht gewachsen sind! Solche jungen Dinger reißt ihr Blut leichter fort, weil sie sich impulsiv geben, ohne Berechnung, im Vertrauen auf den Anstand desjenigen, der da lockt und in der Leidenschaft unwürdige Beteuerungen nicht verschmäht. Die Erfahrung spricht dafür, daß diese Beteuerungen von Liebe um so williger Gehör finden, wenn die soziale Stellung des Lockenden dabei ins Gewicht fällt. Sie wissen, daß Fräulein Frank aus vortrefflicher Familie stammt; ihr Bruder ist aktiver Offizier, ihre Mutter ist eine reich mit Kindern gesegnete Witwe, deren jüngere Söhne noch im Kadettenkorps erzogen werden. Ein Vergnügen ist es für eine solche junge Dame wahrhaftig nicht, ein sogenanntes Fräulein zu spielen. Aber sie wollte zu Hause nicht länger zur Last liegen, da die älteste Schwester die Wirtschaft führt. Das sonst übliche Lehrerinnenexamen hat sie nicht gemacht, anders konnte sie sich nicht betätigen, und so verwertet sie hier ihre Kenntnisse und Liebe zu Kindern. Etwas, was heute hundert andere aus gleicher Familie tun. Ich möchte hinzufügen: tun ~müssen~ im Vertrauen auf die Diskretion der großen Welt, die in der Regel wenig von diesem Martyrium der armen, gebildeten Mädchen erfährt. Sie treiben eben mit in dem breiten Strom, in dem die Armee der Abhängigen und wirtschaftlich Gestraften schwimmt. Man sieht die tausend Köpfe der Schwimmenden und wundert sich nicht, bis plötzlich ein besonders hübscher auftaucht, der die Aufmerksamkeit erregt. Nehmen wir z. B. an, ~Ihre~ Aufmerksamkeit erregt, und fügen wir hinzu, daß dieses schöne und temperamentvolle Gesicht Fräulein Fanny Frank gehört. Sie sind zu reif in allen Dingen, Herr Rudi -- Verzeihung, Herr Roderich, -- als daß Sie meine kleine Warnung, die aus dem Herzen kommt, nicht verstehen sollten. Und also, nicht wahr? Sie werden der guten Freundin Ihrer kleinen Geschwister den Platz hier nicht verärgern wollen. Schließlich wird sie doch weichen müssen, denn Sie sind der Sohn des Hauses, der unter allen Umständen recht behalten wird.«
Rudi hatte ihn ruhig angehört, mit jener brutal-lächelnden Miene, die der frühreife junge Mann für die Lebensbelehrungen weiser Männer bereit hat. Nur hin und wieder hatte er ein kurzes »So?«, ein spöttelndes »Meinen Sie?« und ein ebensowenig ernstes »Hübsch, sehr hübsch von Ihnen!« eingeworfen. Und um seine Gleichgültigkeit noch mehr zu beweisen, mußte das Spielen mit der silbernen Zigarettenbüchse herhalten, der er schließlich eine der Marke »High life« entnahm und sie mit großartigem Getue anzündete. Noch das Schwenken des allmählich verglühenden Zündhölzchens sollte seine erhabene Stimmung andeuten. Und als er mit vollen Backen den Dampf gegen die Decke stieß, beinahe über den Kopf des Sprechers hinweg, war das unstreitig die Illustration zu dem Gedanken, daß ihm im Augenblick alles Luft sei. Dann nahm er einen Anlauf zu einer gewaltigen Zwischenbemerkung, um dem Redestrom ein Ende zu machen, aber das Wort erstarb ihm auf der Lippe. Das Augenfeuer des andern ließ ihn den Blick allmählich niederschlagen, und so sank er zur Kleinheit herab, während der Kandidat über ihn hinauswuchs. Es lag etwas in Fröhlichs Sprechweise, das ihn bezwang, am Ende seine Aufmerksamkeit erregte und das letzte dumme Lächeln verscheuchte.
»Hören Sie, Sie hätten eigentlich Pastor werden müssen,« sagte er endlich. »Verflucht, können Sie predigen! Das kann einem ja nahe gehen. Wenn Sie's nicht wären, ich hätte längst die Flucht ergriffen. Sie haben eben eine ganz bestimmte Diktion, um in Ihrem Jargon zu reden, Sie schmücken Ihre Sätze mit Gefühlsspitzen. Geistreich, was? Eigener Einfall von mir ... Der Meinung ist auch Mama, Papa nennt es anders. Der sagt einfach: Sie griffen an die geistige Niere, Sie fixten auf Moral-Aktien. Börsenton natürlich! Aber diese Aktien haben doch inneren Wert, Sie müssen sich nur hüten, zu überzeichnen, sonst haben Sie bei raschem Kursfall die Differenz allein zu tragen. Sie imputieren mir etwas, woran ich gar nicht gedacht habe. Man wird wohl noch ein bißchen techtel-mechteln können! Das wird wohl schließlich auch Ihre Gnade finden. Darf ich mir erlauben --?«
Er hielt ihm die offene Zigarettendose hin, in die hineinzugreifen Fröhlich aber keine Neigung zeigte. Innerlich erfreut darüber, diesen angenehmen Verkehrston wieder geschaffen zu haben, lehnte er doch dankend ab mit dem Bemerken, daß er nur wenig rauche.
Und einmal im Zuge, jede Meinungsverschiedenheit über den wunden Punkt zwischen beiden ein für allemal aus der Welt zu schaffen, warf der Kandidat angeregt ein: »Nicht wahr, Herr Rudi -- ich nenne Sie diesmal mit guter Absicht so -- Sie versprechen mir, auch das Techtel-mechteln zu unterlassen.«
Roderich junior lachte. »Töchtermöchteln möchte ich schon,« witzelte er. »Sie kennen doch diese neueste Scherzverdrehung?«
Der Kandidat glaubte, diese gute Laune festhalten zu müssen, und so drang er aufs neue in ihn: »Sie geben mir Ihr Ehrenwort darauf, nicht wahr?«
Sofort schlug die Stimmung des andern um. »Aber, Verehrtester, ich verstehe Sie nicht! Um Lappalien gibt man doch kein Ehrenwort. Ich weiß überhaupt nicht --. Sie trainieren mich ja förmlich.«
Fröhlich ging durch das Zimmer und blieb dann wieder erregt vor ihm stehen. »Fräulein ist doch keine Lappalie,« stieß er hervor.
»Für mich aber ein Begriff. Sagen wir besser eine Art, meinetwegen auch eine Gattung.«
»Herr Roderich!«
»Aber natürlich doch. Ich kenne weder die Schwester des Aktiven, noch die Tochter der Offizierswitwe, sondern nur das sogenannte ›Fräulein‹. Ich habe Ihre Pauke mit Würde über mich ergehen lassen, aber das Bild bekommt jetzt eine andere Beleuchtung. Sie muten mir zu, hier bindende Versprechungen zu geben ... Ja, worüber denn? Ueberhaupt, ich verstehe Sie gar nicht. Tun ja gerade, als handele es sich um eine große Dame. Mit Abzug von Manko. Pauken Sie doch Ihre Moral sich selbst! Weshalb wollte ich Ihnen denn die Haarnadel dezidieren? Herrgott, ich will ja gar nicht auf fremden Revieren jagen. Beruhigen Sie sich doch!«
Einige Augenblicke schwieg der Kandidat, völlig verblüfft über diese unerwartete Wendung; dann aber hob er sich leicht auf die Zehen, wie er es oft zu tun pflegte, wenn er ganz aus sich herausgehen wollte, und sagte scharf: »Ach, Sie sind ein kompletter Narr! Ich bitte, mich nicht weiter zu stören, ich bitte ~sehr~ darum!«
Roderich junior wurde blaß. »Sie werden das Wort sofort zurücknehmen, Herr Kandidat!« schrie er ihn an.
Fröhlich zuckte mit den Achseln. »Ich bin gern bereit, Ihnen den Vorzug in dieser Beziehung zu überlassen,« sagte er ruhig.
Beide gerieten in ein Wortgefecht darüber, wobei jeder dem andern den begonnenen Satz vom Munde abschnitt. Je erregter Rudi wurde, um so gelassener blieb der andere.
Im Kinderzimmer, aus dem während der ganzen Zeit Rollen der Kugeln und das Klappern der Kegel hereingeschallt war, ertönte das laute Schreien Trudchens. Fröhlich erinnerte sich sofort wieder der übernommenen Verpflichtung und blickte besorgt hinein. Zu gleicher Zeit wurde die Tür zum Schulzimmer geöffnet, ohne daß man jemand sehen konnte. Dafür erschallte aber Walters Stimme, die schon in einem der Vorderzimmer laut wurde. »Mama, komm doch nur! Rasch! Rudi beschimpft den Herrn Kandidaten!«
»Ach, Du bist nicht recht gescheit,« ließ sich eine volle weibliche Stimme vernehmen.
Es folgte noch die heftige Gegenrede Walters; dann, nach kaum einer halben Minute, kam die Gerufene herangerauscht und füllte mit ihrer imposanten Figur fast ganz den Türrahmen aus.
III.
»Aber Rudi --! Herr Kandidat --! Wie kann man sich nur so hinreißen lassen!«
Vorwurfsvoll ging ihr Blick von einem zum andern, aber doch mit einem gewissen ungleichen Ausdruck. Rudi wurde ziemlich streng bedacht. Fröhlich jedoch empfing ein sanftes Lächeln, aus dem die Gnade zu lesen war, die sie ihm schon vorher auf alle Fälle zu teil werden lassen würde.
Die Frau Bankdirektor steckte in einem duftigen, spitzenbesetzten Morgengewand, dessen lange Schleppe, weite Aermel und kurzer loser Halsverschluß eigentlich nur dazu dienten, ihrer häuslichen Koketterie erhöhten Zauber zu geben. Denn trotzdem sie über das Mittelmaß hinausging und stark zur Ueppigkeit neigte, war sie von seltener Beweglichkeit, was mit ihren nervösen Zuständen zusammenhing, die merkwürdigerweise dann am meisten auftauchten, wenn sie die Absicht hatte, ihren äußerst ruhigen und seßhaften Gatten darunter leiden zu lassen. Reich gesegnet mit einer ganzen Auswahl dieser luxuriösen Morgenkleider, von denen sie mit Stolz behauptete, daß sie die meisten aus Paris beziehe, war es ihr ein Vergnügen, an Tagen, wo sie nicht auszufahren hatte und keinen offiziellen Besuch erwartete, bis zur Dinerzeit in diesen zarten Stoffwogen im Hause herumzufegen und sich in loser körperlicher Fülle wohl darin zu fühlen; auch dann noch, wenn die Friseuse bereits ihre umständliche Arbeit verrichtet hatte. Gleich nach dem Aufstehen steckte sie sich sämtliche Brillantringe an, und auch der tiefe Kleidverschluß über der Büste strahlte verlockend seinen Diamantglanz aus.
Die weniger Eingeweihten des Hauses, die behaupteten, über alles Wissenswerte berichten zu können, tuschelten sich in Verschwiegenheit zu, daß Frau Agathe Roderich in früheren Jahren vorübergehend als Sängerin der Bühne angehört habe, und so war es wohl nur eine liebe alte Angewohnheit, wenn sie jeden Morgen etwas stark Rot auftrug, den kühn geschwungenen Augenbrauen nachhalf und auch sonst jene feinen Touchierarbeiten vornahm, die scheinbar eine ewige Frische verleihen, in Wahrheit aber der künstliche Aufputz für verblühtes Fleisch sind.
Sie trat ins Zimmer und brachte den starken Duft von Rosen mit herein, in dem sie sich jeden Morgen förmlich badete, um den trockenen Geruch des Puders zu ertöten, der noch in feinen Andeutungen auf Hals und Armen lag.
»Herr Kandidat, wollen Sie mir, bitte, erklären --?« fuhr sie fort. Ohne erst die Antwort abzuwarten, wandte sie sich vorwurfsvoll an ihren Sohn. »Rudi, ich begreife Dich manchmal nicht! Du mußt doch immer etwas haben! Wie kommst Du dazu, den Unterricht zu stören? Aber das passiert jedesmal, wenn Du nicht ausgeschlafen hast. Heute war es wieder drei, als Du nach Hause kamst. Still! Ich habe Dich kommen hören. Ich werde noch ernstlich mit Papa sprechen müssen.«
»Aber, Mama, ich bitte Dich --. Das sind doch rein private Dinge.«
Ihre Lebhaftigkeit steigerte sich. »Der Herr Kandidat kann alles wissen, er gehört zum Hause. Sei so liebenswürdig und verziehe Dich!«
Schon aber war Fröhlich, der sich dankend verneigt hatte, bereit, für den andern einzutreten und eine passende Erklärung abzugeben. »O, es ist durchaus nichts von Bedeutung, Frau Roderich,« sagte er und hielt sich den Jüngsten von den Beinen, der durch die offene Tür getobt war und aus Gründen des bösen Gewissens sich sofort schmeichelnd an ihn herangemacht hatte. »Eine kleine Meinungsverschiedenheit, die -- ich bin überzeugt -- Herr Rudi ebenso gern als beigelegt betrachten wird, wie ich.«
Die Frau vom Hause lächelte ihn diesmal stark an, so daß die zwei niedlichen Goldplomben der Vorderzähne sichtbar wurden. Denn es freute sie, daß er endlich einmal in diesem engeren Verkehr das steife »Frau Bankdirektor« fortgelassen hatte, wie sie ihm erst kürzlich nahegelegt.
Rudi jedoch fiel es nicht ein, zu gehen. Er hatte rasch seine pomadige Stimmung wiederbekommen, nahm die Haarnadel vom Tisch und hielt sie seiner Mutter mit den Worten entgegen: »Ein kleines süßes Andenken, Mama, das Fräulein, unser ~schwer krankes~ Fräulein soeben hier in Gesellschaft des Herrn Fröhlich verloren hat. Natürlich wunderte ich mich darüber. Das wird man doch noch dürfen.«
Das Gesicht der Gnädigen wurde starr. »Wie, Fräulein war auf?« stieß sie verwundert hervor. »Wie kam denn das? Davon weiß ich ja gar nichts.«
Fröhlich gab abermals mit einigen Worten die Aufklärung, sie jedoch behielt ihr langes Gesicht, in dem unschwer Mißtrauen und Ungläubigkeit zu lesen waren. Sie sagte nichts mehr, aber ihr Blick ging wie fragend von einem zum andern, blieb auf der Haarnadel haften, die nun wieder auf dem Tischchen lag, und kehrte dann zu Rudi zurück, der mit beiden Händen eine Bewegung machte, die soviel heißen sollte, als: »Nun ja, so ist es, nun rede Du!«
Ihre Gedanken wurden durch Trudchen abgelenkt. Hans hatte das Kegelaufsetzen schlecht belohnt und ihr zuletzt eine ungeübte Kugel gegen das Schienbein gerollt, was Veranlassung zu dem Skandal vorher gegeben hatte. Als kleine Komödiantin hatte sie beim Lautwerden der Mutter rasch ihren Schmerz verbissen, weil sie gewöhnt daran war, stets die Strafe zur gleichen Hälfte mit dem Bruder zu tragen. Nun aber, da sie die Luft rein wähnte, kam sie mit entsetzlichem Geheul hereingestürmt. Frau Roderich zog ihr kleines Ebenbild zu sich empor und liebkoste es, indem sie sorgsam darauf achtete, daß weder die Patschen noch die tränenreiche Wange ihrem Gesicht zu nahe kamen. »Ich sehe schon, es geht heut alles verkehrt, mein Kind,« flötete sie ärgerlich, »daß auch Fräulein gerade krank werden mußte! Es scheint aber gar nicht so gefährlich zu sein mit ihr. Vielleicht hat sie sich nur verstellt .... Rudi, meinst Du, daß sie mich belügt?« rief sie ihrem Sohne plötzlich zu. »Ich wäre ja außer mir!«
»Das ist ganz ausgeschlossen, Frau Roderich,« warf Fröhlich höflich ein, innerlich empört über diese Offenheit in Gegenwart der Kinder.
Aber sie beachtete diesmal seinen Einwurf nicht, blickte vielmehr an ihm vorbei, in der Art einer Gebieterin, die sich verletzt fühlt, ihre Gedanken jedoch nicht verraten möchte. Was sie aber verschwieg, sagte ihre heftig arbeitende Brust und die plötzlich hereinbrechende Unruhe, die der Bankdirektor immer dann am unangenehmsten zu empfinden pflegte, wenn er am wenigsten darauf vorbereitet war.
Rudi hob aufs neue die Schultern. »Das kann ich wirklich nicht sagen.« Er sah die Erregung Fröhlichs, und so hielt er es für besser, sich so vorsichtig als möglich auszudrücken.
Aeffi kam auf seinen kurzen Beinen herangesprengt und kläffte vergnügt die Herrin an. Mit seinen hervorstehenden Zähnen, die langen, weichen Strähnen kokett über die Augen gestrichen, ein himmelblaues Bändchen um den Hals, nahm er sich fast wie ein reizendes Spielzeug aus, das man aufgezogen hatte und das nun lustig herumschnurrte. Alle achteten darauf, ihn nicht zu treten, denn er schlüpfte jedem unter den Beinen hindurch, glatt wie ein Wiesel.
»Natürlich, da bist du auch!« sagte Rudi wieder. »Jetzt fehlt nur noch Mausi.«
Dieser Name, der sehr bezeichnend gesprochen wurde, erinnerte Fröhlich daran, daß er das letzte Wort noch nicht gesprochen habe. »Ich hatte durchaus nicht die Empfindung, Frau Bankdirektor, daß Fräulein sich verstellt habe!« sagte er mit Eifer. »Im Gegenteil -- sie schien mir noch ein wenig zu fiebern. Schließlich ist sie doch auch ein Mensch, der das Recht des guten Glaubens für sich in Anspruch nehmen darf.«
Frau Roderichs Lippen zuckten, denn die rasche Wandlung in seiner Anrede bestärkte sie in ihrer Vermutung, daß diese Parteinahme eine tiefere Bedeutung haben müsse. »Herr Kandidat, Sie wissen, daß in unserem Hause den Menschenrechten stets nach Bedürfnis Rechnung getragen wird,« sagte sie mit wallendem Busen. »Sie lassen sich zu sehr von Ihren Gefühlen fortreißen. Wir hatten früher ein Fräulein, das allwöchentlich seinen Faulenzertag hatte. Aber es ist müßig, darüber zu streiten, ich werde sie selbst fragen. Immerhin scheint es mir unpassend von Fräulein, aus dem Bett zu springen und in einem wenig repräsentablen Zustand hier zu erscheinen und Sie vielleicht zu belästigen.«