Etymologisches Wörterbuch der deutschen Seemannssprache
Part 46
ist leider kein eigentliches Seemannswort, weil nur von oberdeutschen Schiffern gebraucht; Straßburg, Basel, Zürich haben ihre Staden. Es bedeutet das Wort Flußufer, eine Stelle wo man stehen und wo man Güter hinstellen kann. Von der indogermanischen Wurzel sta = stehen, von der auch Gestade kommt. Betrübenderweise schon mehrfach durch quai verdrängt, (Limmatquai in Zürich). Wenn man noch wenigstens, da Quai ursprünglich ein niederdeutsches Seemannswort war, die Form Kai oder Kaje gewählt hätte.
*Stag*, das,
ein dickes Tau, durch das jeder Mast und jede Stenge ihre Befestigung nach vorne erhält, während die Wanttaue zur Befestigung der Masten nach beiden Seiten und nach hinten zu dienen. Die Stage halten die Masten hauptsächlich beim Stampfen des Schiffes, die Wanten beim Schlingern. Jeder Mast und jede Stenge hat ein Stag; es fährt um den Top und von da nach dem Fuß des nächstvordern Mastes oder der nächstvordern Stenge, beim Vortop oder bei einmastigen Schiffen nach den entsprechenden Stellen des Vorgeschirrs.
Niederländisch stag, isländisch, norwegisch, schwedisch, dänisch stag; englisch stay, französisch étai, spanisch und portugiesisch estay. Das Wort kommt von stan = stehen, als etwas, was etwas stehen macht, stützt; mittelniederdeutsch staeden, staeyen; bei Kilian staede, staye, Stütze, Hilfe.
Aber nicht nur zur Stütze der segeltragenden Masten und Stengen dienen die Stage, sie tragen nebenbei auch selbst Segel, dreieckige, *Stagsegel* genannt, die näher bezeichnet und benannt werden nach den Stagen an denen sie fahren.
Wenn man das Schiff wendet so gehen die Stagsegel von der einen Seite über das Stag auf die andere Seite; daher man das Wenden auch nennt »*über Stag gehen*.«
*Staglaterne* ist eine Laterne, die am Vorstengestag gehißt wird, hoch in der Mitte zwischen beiden Positionslaternen, zum Zeichen daß das Schiff unter Dampf ist. Auch die Ankerlaterne wird in ähnlicher Weise, doch niedriger, gehißt, zum Zeichen, daß das Schiff vor Anker liegt.
Über Stagläufer s. Läufer.
Ein schöner dichterischer Ausdruck für Pferd findet sich in der Edda: stagstjorn-marr, Stagsteuermähre, also ein Pferd das Stag und Steuer hat, dem der Zaum und Zügel als Halt dient und die Richtung angibt.
Stagtalje, Stagtakel erklären sich von selbst.
Von Stag ist seemännisch ein Zeitwort gebildet: *stagen* = stützen.
*Wasserstag* heißt das Stag des Bugspriets nach dem Vorsteven zu, weil es so nahe am Wasser, das dem Wasser nächste Stag, ist.
Es gibt auch noch einen von »wenden« verschiedenen Sinn von »über Stag gehen«, nämlich den von »fallen, umfallen«; wenn das Schiff z. B. plötzlich sehr »überholt«, sich unvermutet sehr auf die Seite legt, so geht etwas das nicht fest, seefest gezurrt ist »über Stag«, d. h. es verliert seinen Halt, seine Stütze, sein Gleichgewicht und fällt um.
*staken*
wird seemännisch für die Tätigkeit zur Fortbewegung eines kleineren Fahrzeuges in seichtem Wasser mit Hilfe von Staken oder Stangen gebraucht. Der Stakende stößt mit der Stake in den Grund und stößt so das Schiff vorwärts. Das niederdeutsche stake = Stange ist uns Hochdeutschen in dem Worte Stacket, Zaun von Pfählen, durchgeschnittenen Stangen, geläufig.
*Standarte*, die,
die Flagge des Landesherrn und der Mitglieder seines Hauses, im Großtop gehißt, die Gegenwart der Genannten an Bord anzeigend. Mittelhochdeutsch stanthart; bei Stieler 1691 Standart, mitttelniederdeutsch standart, bei Kilian standaerd = vexillum, signum; altfranzösich estendart, neufranzösisch étendart, spanisch estandarte, provençalisch estendart; italienisch stendardo, mittellateinisch standarda, vom lateinischen Zeitwort extendere = ausbreiten. Ursprünglich eine Reiterfahne.
*stampfen*, s. schlingern.
*Stander*, der.
1. Eine dreieckige Signalflagge, s. Standarte.
2. Verschieden von 1, auch der Ableitung nach, ist Stander, niederländisch staander, ein »Stehender«, nämlich ein stehendes Tau oder eine stehende Kette zum Tragen und Halten von Lasten, z. B. Drehreepstander, Kohlenstander. Stehend ist aber, wie Kohlenstander beweist, nicht im Sinne von »aufrecht stehend« gemeint, sondern im Sinne von »fest stehend«, im Gegensatz zu laufend, zu »laufendem Gut« als »stehendes Gut« betrachtet.
3. Stander, der, oder Ständer, eine aufrecht stehende Stütze aus (hohlem) Eisen, an Stellen wo sie beim Exerzieren, im Gefecht u. s. w. hinderlich sind, beweglich und abnehmbar.
Die beiden Stander 2. und 3. kommen von stan, stehen; Stander unter 1. von extendere, ausbreiten, entfalten.
*Stänge*, die,
ist die Verlängerung des Mastes nach oben in der Reihenfolge Marsstänge, Bramstänge, Öberbramstänge. Eine vielgebrauchte Nebenform dazu ist Stenge, wie Stänge selbst Nebenform zu Stange ist. Eine Diminutivform zu Stange ist Stengel. Die Verlängerung des Bugspriets heißt nicht Stänge, sondern Baum, Klüverbaum, Außenklüverbaum oder Jagerbaum.
*Stapel*, der,
ist das Gestell, das Gerüst, die Unterlage von hölzernen Stapelklötzen auf dem der Kiel eines im Bau (oder im Dock) befindlichen Schiffes ruht. Ist das Schiff fertig, so wird es vom Stapel gelassen, es läuft vom Stapel, sein Stapellauf findet statt. Zur Erklärung geht man wohl am besten auf das altfriesische stapul, stapel zurück, das den Block bedeutete, auf dem ein Kopf oder eine Hand abgehauen wurde, den Richtblock. Es ist also Stapel die aus dergleichen Stapeln errichtete Unterlage, auf der das Schiff beim Bau aufliegt. Weil nun diese Stapelklötze in gerader, geordneter Reihe liegen, so heißt stapeln etwas z. B. Holz, geordnet hinlegen oder hinsetzen, und zwar nicht bloß in einer Reihe, sondern wenn es die Ordnung erfordert auch auf einen Haufen; daher »ein Vermögen aufstapeln«, besonders auch Güter aufstapeln, namentlich gelöschte Ladungen, die aufzunehmen gewisse Städte das Vorrecht vor anderen hatten, das sogenannte *Stapelrecht*, wie es lange Zeit Emden für die Ems besaß. Daher niederländisch staapel-plaats (1704 bei Aubin), ein öffentlicher Handelsplatz, wohin die Kaufleute gewisser Gegenden ihre Waren bringen müssen um sie zum Verkauf auszustellen. Das Bremer Wörterbuch erklärt stapel mit »Haufe, nämlich ein ordentlicher gelegter Haufe in richtiger Reihe«, so wie die Stapelklötze liegen. Das Wort kommt von einem alten Thema stap, von dem das altsächsische Zeitwort stapan = setzen, stellen stammt. Kilian übersetzt stapel mit stabulatio, sedes, statio. Auch sonst kommt das Wort im Mittelniederdeutschen in zahlreichen Bedeutungen vor, z. B. auch in der von »Haublock eines Knochenhauers.«
*stauen.*
1. Wasser stauen heißt es irgendwie hemmen, daß es nicht weiter fließen kann, abdämmen, durch einen Damm am Fließen hindern, zum Stehen bringen.
2. Waren in einem Schiffsraum unterbringen, niedersetzen, aufstellen, ihnen den richtigen Stand und die rechte Stelle geben, sie sachgemäß unterbringen, sie so legen oder stellen, daß sie nicht über Stag gehen.
Im übertragenen Sinne: viel essen.
Beide Bedeutungen kommen in der einen überein »*stehen machen*«. Niederdeutsch stauen; mittelniederdeutsch stouwen, stowen, auch in der Zusammensetzung understouwen. In einem Hansischen Vertrag von 1442 heißt es: »Unde de schipher schal deme kopmanne de vittallige (Lebensmittel) understouwen, unde schal sulven nene vittallige offte kopmansgud up den averlope (Overlop zwischen Back und Schanze) voren«. Altenglisch steowin und stowin, englisch stow; althochdeutsch stowan, stouwan, stuwan; mittelhochdeutsch stouwen = hemmen, stauen, stehend machen; aus einer Wurzel sta, stu = stehen.
*Stechbolzen*, der,
ist ein einfaches Tauende mit einem Auge an der einen Seite. Die Stechbolzen dienen dazu, den Teil des Segels der durch die Reeftaljen an die Rahe herangeholt ist an diese festzustecken. Das Wort ist Verhochdeutschung von Stekbolzen. Stek ist etwas was durch Durchstecken eines Taues durch ein Auge entstanden ist. Bolzen ist ein Etwas, das nach dem Ende hin verdickt ist; der Stechbolzen ist durch das Auge verdickt.
*Stechschwert*, das, s. Schwert.
*Stehendes Gut*, s. Stander 2.
*Steife*, die, s. Metacentrum.
*Stek*, der.
Wenn man das Ende eines Taues mit dem Tau selbst zusammensteckt nachdem dieses um den zu befestigenden Gegenstand gelegt ist, und zwar so zusammensteckt, daß durch das Durchstecken des Endes eine Schlinge entsteht, die nicht schliert wenn Kraft darauf kommt, also nicht sich zum Knoten zusammenzieht, sondern leicht löslich bleibt, so hat man einen Stek gemacht. Man kann ihn auf verschiedene Weise machen. Je nachdem er gemacht ist oder nach dem Zwecke des Gebrauches hat er verschiedene Namen. *Ankerstek*, der Stek mit dem das Ankertau am Röring des Ankers befestigt wird; *Fischerstek* der, mit dem man Säcke zum Ein- und Ausladen befestigt; *Schotenstek*, mit dem man die Schot an das Schothörn festmacht; *Trompetenstek* zur einfachen Verkürzung eines zu langen Taus, das man nicht abschneiden will; *Zimmerstek*, um Rundhölzer beim Hissen gelegt; *Sackstek*, um zwei Taue an einander zu binden, u. a. m. Ein Palstek (s. d.) ist ein Stek mit dem man eine Troß um einen Pfahl, einen Dücdalben legt. Das Nähere gehört in das Gebiet der speziellen Seemannschaft. Das Wort steht als niederdeutsche Form für Stich, es ist gewählt, weil das Ende durchgesteckt wird; stecken aber ist Faktitivum zu stechen.
*Stell*, das,
ist ein echt seemännischer kurzer, knapper Ausdruck für Zusammenstellung. Man spricht von einem Stell Segel, das bedeutet eine Zusammenstellung von Segeln, so daß von jedem Segel das an Bord geführt wird, ein Exemplar vertreten ist; ebenso von einem Stell Flaggen etc. etc. Es bedeutet also das was wir im Hochdeutschen mit dem Fremdworte Sortiment bezeichnen.
*Stelling*, die,
ist ein Gestell, das aus einigen Querhölzern mit Brettern darüber besteht und an Tauen schwebt, so wie es die Maler haben wenn sie ein Haus anstreichen. An Bord gebraucht man eine Stelling um außenbords die Nahten zu kalfatern, die Außenbordwand zu malen, die Stängen zu schrapen u. s. w. Es heißt eigentlich Stelling, nicht sowohl weil es steht, sondern man sich darauf stellen kann; meist aber sitzen die Matrosen darauf und lassen die Beine herunterbaumeln.
*Stenge*, s. Stänge.
*Stern*, der, s. steuern.
*Steuerbord*,
die rechte Seite des Schiffes von vorn bis hinten, die ganze rechte Seite und zwar von hinten aus gesehen, in der Richtung der Fahrt betrachtet. Es ist der Bord über den in alter Zeit gesteuert wurde als dies noch mit einem Riemen oder einer Pagaie geschah. Vergl. *Backbord*. Steuerbord heißt in Holland stuurboord, sprich stürboord. Von da haben es die Franzosen übernommen mit der Aussprache stirbord und haben daraus durch Umstellung (Metathesis nennen es die Schriftgelehrten) stribord gemacht. Weil nun stribord die rechte Schiffsseite ist, so haben es nachher etliche aus dem Lateinischen deuten wollen, als ob es eine Abkürzung von dextribord wäre, und dextribord hat es auch eine Zeit lang auf französisch geheißen, bis man sich besann und wieder zu stribord zurückkehrte; da man ja in der französischen Seemannssprache schon so viele deutsche Seemannswörter hatte, kam es auf eins mehr auch nicht an.
Mittelniederdeutsch sturbord; Seebuch (1400): »De dar wil segelen to Kalkesorde de sal laten dat twedeel van dem watere an backbort van eme unde dat dorde deel an sturbort.«
Lucas Jansson Waghenaer, 1588 im »Spiegel der Zeevaerdt« hat stuyerboort: »... so sietmen aen stuyerboort een cleyn Eylant daer een Kercxken op staet.«
*Steuerbordwache*, s. Wache.
*Steuermann*, der,
war früher der Mann der steuerte, indem er am Stern sitzend mit einem Ruder freihändig dem Fahrzeug die Richtung gab. In der Edda heißt er stjori = Lenker, angelsächsisch steorman, altenglisch steores mon, althochdeutsch stiurman, mittelhochdeutsch stiure, stiurman; (stieurmeier heißt dagegen Steuereinnehmer); althochdeutsch und mittelhochdeutsch auch scifmeister, Schiffsmeister.
Jetzt steuert der Steuermann nicht mehr, er ist (wohl auch nicht grade respektvoll »Stürke« genannt) auf Handelsschiffen der Mann, der die Navigierung besorgt, nachdem er auf einer Steuermannsschule die Prüfung bestanden hat; auf Kriegsschiffen ist er ein Deckoffizier, der mit seinen Steuermannsmaaten und Steuermannsgasten das Navigationsressort unter Aufsicht und Verantwortung des Navigationsoffiziers verwaltet. Das Steuern besorgen auf dem Schiffe die Rudergänger, im Boot der Bootssteurer.
*steuern*,
ein Schiff, ein Boot lenken. Altenglisch steoren; angelsächsisch steoran, stieran, styran; althochdeutsch stiuran; altfriesisch stiura, stiora, isländisch styra. Gothisch stiurjan; mittelhochdeutsch stiuren. Zur Erklärung geht man passend von dem niederdeutschen Eigenschaftswort stur aus, das »stark« bedeutet, und vergleicht dazu die Bedeutungen dieses mittelhochdeutschen stiuren: stützen, lenken, leiten, lindern, beschränken, Einhalt tun, mäßigen, treiben, stoßen, bedrängen, unterstützen, helfen, wozu verhelfen, versehen mit, beschenken, ausstatten, als Abgabe entrichten, Steuer zahlen, Steuer auflegen, erheben. Dann leuchtet die Annahme Schades doch sehr ein, daß das althochdeutsche stiuri, stark, der Ursprung und Grundbegriff von steuern sei. Ein Starker mußte das Ruder führen, ja der Stärkste wird es geführt haben in einer Zeit, wo man weder Pinne noch Rad besaß, sondern der Steuernde saß im Heck, oder vielmehr in dem von stiuren den Namen führenden *Stern*, und lenkte mit dem Ruder (daher Steuerruder, stiurruodar, was damals paßte, jetzt aber nicht mehr gesagt werden kann, seemännisch auch nicht gesagt wird) fest und sicher das Fahrzeug durch Klippe und Brandung, indem er das Ruder aus freier Hand regierte. -- Von dieser Tätigkeit des Regierens bis zu einem wirklichen Regiment war nur ein Schritt. In Zeiten wo es gilt, richtet sich der Blick aller auf den Stärksten, Mutigsten, Kühnsten. Der Stärkste am Ruder ward wie von selbst der Führer, der Herr, der Häuptling, der Herzog der anderen; er kam ans Staatsruder, an die Regierung, angelsächsisch steor, styr; altenglisch steore; althochdeutsch stiura; wie man denn im Niederländischen noch heute jedes Regiment bestuur nennt: gemeentebestuur, huisbestuur, scheepsbestuur, staatsbestuur, stadsbestuur, ja jeden Vereinsvorstand. So erklärt sich auch Steuer als Abgabe. Zunächst freiwillige Abgabe an den Stärkeren zur Unterstützung bei seinem Aufwand für das gemeine Wesen, gegeben auf seine Bitte hin. Daraus ward dann nach und nach ein Herkommen, ein Sitte; und wie es von der bede zur sede ging, so ging es nach und nach von der sede zur wede, zum Gesetz. Daneben aber blieb das Geschenkmäßige in Aussteuer und Haussteuer, wie mundartlich ein Hochzeitsgeschenk noch heute genannt wird, Geschenk ins (neue) Haus.
Wie die beiden Begriffe steuern und regieren zusammenhängen sieht man aus dem Teuthonista: stuyren: regieren een scheep of *anderswat*, oder sonst etwas; ja bereits im Beówulf finden wir styrian sowohl für lenken als auch für feststellen, ordnen.
Das *Steuer*, also das was man seemännisch jetzt Ruder nennt, die Steuervorrichtung, hieß mittelniederdeutsch stur, stür; davon kommt die mittelniederdeutsche, auch im niederdeutsch-seemännischen Sprachgebrauch noch vorhandene Wendung »over sture«, rückwärts, »over stür gan«, zunächst vom Schiff = »über den Achtersteven gehen«, rückwärts getrieben werden, dann auch bildlich: »den Krebsgang gehen.«
*Stert*, der,
ist ein kurzes Tauende das an einem Block -- der darum Stertblock heißt -- befestigt, gesplißt ist und an dem der Block irgendwo, wo er grade gebraucht werden soll, festgebunden werden kann. Einen ähnlichen Stert hat die Ankerboje zum Anfassen, die Leesegelspier zum Befestigen. Stert heißt im Niederdeutschen Schwanz, das althochdeutsche sterz, mundartlich noch heute als Sterz im Gebrauch. Der Ausdruck kommt von der Ähnlichkeit; ein Block mit einem Stert sieht einem kurzen dicken Tier mit einem langen Schwanze ähnlich.
Im Mittelniederdeutschen war stert, wie es scheint, ein sehr beliebtes Wort, man wandte es sogar, weniger fein als deutlich, auf Menschen an: »Id syn itlike lude, die ore kleidere so kort maken, dat men sie achter in den stert mach syn.« Hirsch, Danziger Handelsgeschichte, berichtet aus dem Jahre 1447 von deutschen Seeleuten die den englischen gram waren: »vnd also in tauernen sittende seyden se, se wulden den Engelschen de sterte vor dem ersse aff houwen.« Im Redentiner Osterspiel von 1464 sagt der Teufel Oberster Lucifer zu seinen Unterteufeln: »De krugerschen myt ereme tappen Unde ok den monnik mit syner cappen. De holdet alle bi deme sterte.«
Im Seebuch (1400) wird stert als Bezeichnung des spitzen Ausläufers eines Sandes, einer Sandbank gebraucht: »Item van den sulven sande strecket eyn stert aff, de het de Speyt« ... »Unde buten der Seynis sal he vinden 55 vadem, unde komet nicht neyer by nachte, umme des stertes willen, wente he strecket verne in de see.«
*Steven*, der,
ist ein starker auf und nieder stehender Balken am Bug und am Heck, der an diesen Stellen die Gestalt des Schiffes bestimmt; den Lauf des Bugs vorne und die Form des Hecks hinten; vorn heißt er Vorsteven, hinten Achtersteven; an den Steven stoßen die Seitenplanken der beiden Borde an und sind mit ihm durch eine Sponung verbunden. Früher kannte man es nicht anders als daß der Vorsteven weit überkragte, auslud oder überschoß, oft um den achten Teil der ganzen Schiffslänge. Dem modernen Dampfschiffsbau blieb es vorbehalten, den Vorsteven zurückspringen oder wenigstens senkrecht verlaufen zu lassen; für das Auge des Seemanns keine Verschönerung. Auch ist bei den großen neuen eisernen oder stählernen Schiffen der Steven längst kein Balken mehr, sondern eine in einem Stück gegossene Eisen- oder Stahlmasse.
Das Wort Steven gehört in das weitverbreitete Gebiet der Wurzel sta = stehen, und zwar so daß Stab und Stamm dabei mitspielen und einmal mehr Stab, das andere Mal mehr Stamm in den Vordergrund tritt. Altsächsisch stamn, ein aus einem Stamm (Einbaum!) gefertigtes oder mit einem Stamm (Steven) versehenes Fahrzeug. Altfriesisch stef, stev, Pfahl, Stab, Grenzpfahl, vor allen Dingen ein Kreuzpfahl, an dem jemand zum Beweise seiner Unschuld eine gewisse Zeit unbeweglich mit ausgebreiteten Armen stehen mußte. Hielt er die gesetzte Zeit nicht aus, so wurde er sachfällig. Auch standen beide Parteien am Kreuze, und der es am längsten aushalten konnte, erhielt die triumphante Sentenz, wie Wiarda mitteilt. Dieses Ordale genannte examen crucis hat übrigens Ludwig der Fromme schon abgeschafft.
Angelsächsisch stafn, stefn, stemn = Baumstamm und Steven. Steven ist also der Teil des Schiffes der durch einen Stamm Festigkeit erhält, durch ihn verstärkt und versteift ist. Das bezieht sich allerdings besonders auf das Vorderteil des Schiffes. Aber es war in alten Zeiten schon so und ist auch heute noch so, daß, wenn kurzweg von Steven die Rede ist, man zuerst und hauptsächlich an den Vorsteven denkt. Schon in der Edda hieß stafn das Vorderteil des Schiffes und stafn-tjald war ein daselbst aufgeschlagenes Zelt. Auch die alten Friesen sagten stewen und meinten den Vorsteven; Emsiger Land-Recht: »Huarsoma annen ut smit eter stewene, that ma hine eter stiure wither haut«, wenn man jemanden beim Vorderteile des Schiffes auswirft, daß man ihn beim Hinterteile wiederkriegt. Das war auch im Mittelniederdeutschen so: Hamburger Chronik: »vnd synt de Hamborger vnd Bremer myt schepen tor seewert gerucket ... vnd weg genamen, wat en vor steuen gekamen is.«
*Steward*, der.
Diese Bezeichnung des »Kellners« bezw. Ökonomen an Bord sieht sehr englisch aus, stammt aber von deutschen Eltern ab. Sie bedeutet ursprünglich einen Viehhüter. Das mag den Earls of Leicester, in deren Familie das Amt eines Lord high steward als das vornehmste im Lande erblich war, schon nicht mehr bewußt gewesen sein, aber Tatsache ist, daß das Wort angelsächsisch stigeward und stiward, altenglisch styward hieß und eine Zusammensetzung des altdeutschen Wortes stiga, Schweinestall, Schafstall, überhaupt Stall und wart Wärter ist. Insofern in alten Tagen, wie es Walter Scott im Ivanhoe an Cedrik und seinem Wambo so meisterhaft geschildert hat, der Viehstand eines vermögenden Mannes das Hauptstück seines Vermögens ausmachte, auch in jenen unruhigen und rechtsunsicheren Tagen ein energischer, mutiger, kampfgeübter Mann als Wächter, Hüter und Verteidiger dieses Besitzstandes nötig war, war dieses Amt gar nicht so unwichtig, und es nimmt uns nicht Wunder, daß solch ein Viehhüter sich allmählich zu höherem ausgewachsen hat. So gut wie der Marschall sich gefallen lassen muß, daß sein Amtstitel Pferdeknecht bedeutet, so gut kann es jeder Steward mit ansehen, daß er vom Stallknecht abstammt. Was man übrigens damals unter einem Stall verstand, war aber gewiß nichts weiter als ein Pferch, ein Verschlag von Latten, eine Hürde in die die Tiere des Nachts getrieben wurden. Nur so erklärt sich das sonst befremdliche altdeutsche Wort Stiga. Wir müssen annehmen, daß die Wände des Pferches wie eine Leiter, eine Stiege gestaltet waren und auch zum Steigen benutzt wurden. Ward ist ein weitverbreitetes, gemeingermanisches Wort, von dem auch das wie ein Fremdwort aussehende Garde stammt, auch Münzwardein, Wartefrau und Wirt (gotisch vairdus, sprich wärdus, noch heute wird Wirt vielfach wie Wärd ausgesprochen), wie denn der Begriff Wirt dem von Steward auf einem Kriegsschiffe auch in der Bedeutung sehr nahe kommt. Die ganze Sippe geht zurück auf althochdeutsch wartjan, warten, aufwarten, hüten, pflegen (daher êwart der Priester, der Hüter des Rechtes), gotisch vards, altfriesisch wardia, altenglisch ward, altisländisch vördr. Da das Wort unser deutsches Eigentum ist, so kann uns niemand verwehren es Ste-ward anstatt Stjuward auszusprechen: sprechen es doch selbst die Engländer nur in Folge der falschen Meinung Stjuard aus, daß es aus stew und ard bestände, da es doch aus ste und ward besteht.
*stoppen*
heißt in der Seemannssprache »eine Bewegung aufhalten«, »machen, daß etwas sich nicht weiter bewegt«, z.B. eine Maschine, ein laufendes Tau, eine Logleine, eine Ankerkette. Das entsprechende Kommando heißt: »Stopp« oder »Stop«! oft mit einer lang gedehnten scharf betonten Endung e, »Stoppé!« Im ganzen niederdeutschen Sprachgebiet heißt stoppen: stopfen, füllen, voll machen, verstopfen, dicht machen, stehend machen, hemmen, aufhalten, angelsächsisch stoppian, altsächsisch stuppon, althochdeutsch stoppon. Vom lateinischen stuppare, mit stuppa = Werg verstopfen, italienisch stoppare, altspanisch estopar, französisch étouper = »to stop with tow«. Diese Bedeutung »mit Werg verstopfen« führt uns den ursprünglichen Vorgang vor Augen: man verstopfte die Ausflußöffnung irgend eines Flüssigkeitsbehälters mit Werg und versperrte dadurch der Flüssigkeit den Weg, daß sie nicht in Bewegung geraten, daß sie sich nicht aus dem Gefäß herausbewegen konnte, von hier aus entwickelte sich die Bedeutung weiter bis zu dem allgemeinen Begriffe »hemmen.« Das Wort ist also mit stauen bedeutungsverwandt.
Bei Kilian wird het schip stoppen sogar noch mit kalfaten wiedergegeben, man dachte damals also noch an das Werg.
Es gibt an Bord verschiedene Arten eine Bewegung zu hemmen. Ein Tau wird mit einem Abstopper abgestoppt, der auch kurz Stopper heißt oder Taustopper, da er ein kurzes Tauende darstellt mit dem ein Tau, das geholt wurde, so lange festgehalten wird bis es belegt ist und sich selbst hält. Besonders wichtig sind, von der Dampfmaschine und ihren Vorrichtungen zum Stoppen abgesehen, die Stopper der Ankerkette. Je nach dem Orte wo sie in Tätigkeit treten oder nach der Weise wie sie arbeiten, spricht man von Zwischendecksstoppern, Decksstoppern, Kneifstoppern, Zungenstoppern und Schlippstoppern.
*Stosstalje*, die,