Etymologisches Wörterbuch der deutschen Seemannssprache
Part 4
Zu 2. »Zehn Minuten vor acht Glas, Zeit zu Backen und Banken«, soll, als seiner Zeit der neue Chef der Admiralität General von Caprivi zum ersten Male an Bord eines Kriegsschiffes war, ihm gemeldet worden sein, und er soll diese Meldung mit einem liebenswürdigen Lächeln des Unverständnisses entgegengenommen haben. »Backen und Banken« ist das Kommando, daß man am Kürzesten mit »Tischdecken und Auftragen« übersetzen könnte, wenn der Tisch für die Mannschaften an Bord überhaupt gedeckt würde. Es bedeutet, daß die (Tische und) Bänke, die bis dahin der Raumersparnis wegen zusammengeklappt an der Decke befestigt waren, heruntergenommen, aufgeklappt und aufgestellt werden sollen und daß die »Backschaft« mit der »Back« zur Kambüse gehn und das Essen holen soll. In früheren Zeiten gab es keine Tische, da mußten sich die Leute so gut sie konnten zum Essen um ihre »Back« gruppieren. Als die Tische aufkamen, war der Seemann so an seine Back gewöhnt, daß er diesen Namen ohne Weiteres auf den Tisch übertragen hat. So nennt man ja auch, durch einen ähnlichen Vorgang bewogen, die viereckigen Stücke Glas in unsern Fenstern Scheiben, wiewohl eine Scheibe doch eigentlich etwas Rundes bedeutet. Back heißt nun sowohl das runde Gefäß als auch der viereckige Tisch auf dem es steht. Halbertsma in seinem Lexicon Friesicum übersetzt das eine Mal ganz richtig bak mit »alveus, linter in qua coquus cibum nautis offert«, und das andere Mal übersetzt er das Kommando: »Kom oan'e bak« mit: »accedite ad mensam!« Auch sonst wohl wird im Holländischen in Anlehnung an die Seemannssprache bak für Tisch gebraucht. »Van de bak noa't gemak is's menschen gerak.« (Bedarf, Bedürfnis, Notdurft sagt man im Groningen'schen.) Doch wußte man wenigstens vor zweihundert Jahren daselbst noch genau, was eigentlich eine Back ist, denn da ist es französisch mit plat wiedergegeben und Backsgesellen sind, »ceux qui mangent à même plat«, und zwar natürlich plat de bois. Zu dem Kommando »Banken« ist übrigens die Verwandtschaft des Wortes in den romanischen Sprachen zu vergleichen. Bank heißt italienisch, spanisch und portugiesisch banco, bedeutet aber heute nicht mehr bloß Bank, sondern auch Tisch, Wechslertisch; daher Bank im Sinne von Geldinstitut, Bankier und Bankrott, letzteres von der dem Zahlungsunfähigen öffentlich entzwei gebrochenen Bank. Der Ursprung, ebenso wie vom französischen banc, ist deutsch. Abgeleitet ist italienisch banchetto, Bänkchen und Gasterei, banchett are Gasterei halten, bankettieren, ursprünglich »Bänke zum Gelage zurüsten«; mittelhochdeutsch benken: »Hie ward gebenket schone, tuoch unde brot uf geleit.«
Zu 3. Wenn der Wind von vorn in ein Segel weht, was übrigens nicht immer auf Unachtsamkeit, sondern dann stets mit Absicht herbeigeführt wird, wenn das segelnde Schiff seine Fahrt mindern und still liegen will, ohne daß es Segel birgt und ankert, so sind sie vom Winde nach rückwärts gerundet, und der Rücken heißt, wie gesagt, niederdeutsch bak.
Zu 4. Backbord ist ein sehr wichtiges und viel gebrauchtes Wort, namentlich darum weil das ganze Schiff nach seiner Längsrichtung in zwei große Hälften eingeteilt wird, die mit Steuerbord und Backbord bezeichnet werden, und weil alles an und auf dem Schiffe was sich doppelt, auf der einen und auf der anderen Seite, findet nach Steuerbord oder nach Backbord unterschieden wird: Steuerbord-Bordwand, Backbord-Bordwand; Steuerbord-Anker, Backbord-Anker; Steuerbord-Kutter, Backbord-Kutter; Steuerbord-Nock, Backbord-Nock; ja sogar Steuerbord-Wache und Backbord-Wache mit entsprechenden Abzeichen auf der rechten oder linken Schulter. Und dann das wichtige Kommando für den Mann am Ruder: »Backbord!« Wir müssen daher fragen, was das Wort bedeutet und wie es aufgekommen ist.
Ein holländischer Sprachforscher hat behauptet: »De stuurman heeft de roerpen aan de regterzyde en, derwaarts gekeert, heeft hy dus hes linkerboord achter den rug, vandaar stuur = en bakboord.« Darauf antwortet aber ein anderer treffend: »Neen, de sturman heft de roerpen, nu aan de regter- dan aan de linkerzyde, al naar dat de wind van dezen of genen kant invalt, en bakboord blyft niet te min onverandert bakboord en gevolgelyk ook stuurboord, stuurboord.« So weit ist das richtig. Aber im Weiteren irrt auch er. »Volgens eene vry algemeene overlevering is de vorsprong van de spreekwyse stuurboord en bakbord de volgende. De stuurlieden hadden vorheen hun verblyf in hutten, aan de regterzyde van het schip; de matroozen daarentegen in bakken (om by bepalde getale te schaften) afgedeeld aan de linkerzyde, en van daar stuur- en bakboord.« Ein dritter aber stellte sich die Sache so vor: »Een stuurman met de regterhand aan het roer, en ter linkerzyde den schaftbak, om onder de hand te kunnen eten.« Man braucht sich das Bild nur auszumalen um die Erklärung immer abenteuerlicher zu finden. Auch die Unterscheidung zwischen Steuerleuten und Matrosen ist willkürlich und die Behauptung, jene hätten in Hütten an Steuerbord, diese hätten ohne Hütten in Backschaften abgeteilt an Backbord logiert, ist völlig unhaltbar; als ob die Steuerleute nicht auch in Backschaften abgeteilt gewesen wären! Nein, -- sondern wer einmal ein altes Vikingerfahrzeug sich angesehen und mit einiger Aufmerksamkeit auf dem Boden des Museums Vaterländischer Altertümer in Kiel geweilt hat, dem kann die Entstehung des Ausdruckes nicht mehr zweifelhaft sein. Der Steuermann saß in alten Tagen hinten im Boot rechts und steuerte mit einem pagaienartigen Riemen, den er in beiden Händen hielt, also daß beide Arme über das Dollbord hinausragten. Dabei mußte sich der Leib, -- nicht der Kopf, denn der war mit dem Gesicht auf den Bug gerichtet, -- ganz dem Bord, über den gesteuert ward, zudrehen und demgemäß war der Back, der Rücken des Steuernden, dem entgegengesetzten Bord zugewandt. Bei dieser Erklärung kommt auch die zweite Silbe in Backbord zu ihrem Rechte; der Steurer war ja fest an die Bordwand angelehnt.
Zuerst kommt das Wort in der Form bacbort, backbort im Seebuch (1400) vor. »Unde sal so insegelen, dat he twedeel van dem watere schal hebben an backbort van eme«.
Der 1475 in Cleve erschienene »Teuthonista« hat nur bak im Sinne von Gefäß, capisterium, »eyn muede oder eyn trog, do die pherde +uss essent.«
Cornelius Kilianus Duffläus im Dictionarium teutonico-latinum von 1548 hat backbord zwar, gibt aber eine kindliche Erklärung: »navigii sinistra pars, pars navigii quae furnum et focum continet«, also am Backbord sei der Backofen und der Herd gewesen.
Nicht unbemerkt soll bleiben, daß eine alte pommersche Übersetzung des 23. Psalms den fünften Vers (Luther: »Du schenkest mir voll ein«) wiedergibt mit: »Du givst mi een ganz bak vul.«
*Backen und Füllen*,
ist ein seemännisches Manöver, das zwar in unserer Zeit des Dampfes und der Schleppdampfer nicht oft mehr gemacht wird, das aber doch dem Kapitän oder Lootsen, der es versteht, großen Nutzen bringt, indem er sich durch Backen und Füllen seiner Segel durch einen Revier oder ein sonstiges enges und gekrümmtes Fahrwasser hindurchbringen kann, vorausgesetzt, daß er die Gezeiten, die Wassertiefe, die Stromkabbelungen u. s. w. genau kennt. Es besteht darin, daß man die Segel abwechselnd »back« (s. d.) kommen läßt und dann wieder so braßt, daß sie voll Wind werden.
*Backstag*, das,
ist beim Klüverbaum das, was bei den Untermasten die Wanttaue sind, dient also dazu, dem Klüverbaum nach den Seiten zu Festigkeit zu geben. Es fährt vom Kopfe des Klüverbaums nach beiden Seiten durch die Nocken der blinden Rahe nach dem Vorschiff, wo es befestigt wird. Da Klüverbaum und Rahe einen rechten Winkel bilden, so sind sie die beiden Katheten des rechtwinkligen Dreiecks und das Backstag ist die entsprechende Hypotenuse, die in einer Richtung verläuft, die auch da, wo sie mit dem Backstag garnichts zu tun hat, doch »*backstags*« genannt wird, z. B. sagt man: »es weht eine *Backstagsbrise*« d. h., der Wind kommt in derselben Richtung auf die Segel zu, wie das Backstag von der Nock der blinden Rahe auf den Kopf des Klüverbaumes; also in der vorteilhaftesten, die es zum Segeln geben kann.
*Badegast*, der.
So werden diejenigen Mitglieder der Offiziersmesse genannt, welche weder Seeleute noch Kombattanten sind: Ärzte, Auditeure, Pfarrer, Zahlmeister etc. Wie kam man dazu, ihnen diesen Namen beizulegen? Es ist vermutet worden, weil sie ein bequemes, bademäßiges Leben führen. Es mag ja sein, daß wohl ein Offizier, der nachts auf die stürmische Wache muß, denkt und sagt: ja, diese Herren, die haben es gut, die brauchen nicht vier Stunden auf der Kommandobrücke zu stehn, die führen das reine Badeleben. Aber der Ursprung des Wortes ist doch ein ganz anderer. Das Wort hieß früher nicht Badegast, sondern Badequast, und dieses diente als Bezeichnung von Leuten, die nicht gern kämpfen wollten, und von diesen ist es übertragen auf solche, die überhaupt zu kämpfen nicht bestimmt und berufen sind.
Das Wort muß sprachlich und geschichtlich erklärt werden.
Sprachlich. Ein Badequast war im ganzen Mittelalter ein kleiner Quast oder Besen, eine Art Rute, aus Birken- oder anderen Zweigen gebunden, wie man sie zu mehrfachen Zwecken beim Baden gebrauchte. Einmal vertrat solch ein Quast in Ermangelung von Badehosen diese durch Bedeckung der Blöße. Aber der Hauptzweck war ein gesundheitlicher. Man rieb, scheuerte oder peitschte sich mit dem kleinen Besen die Haut zur Reinigung und Anregung ihrer Tätigkeit. Diese Tätigkeit nannte man quästen oder questen. Gustav Freitag erzählt eine Geschichte aus der Selbstbiographie des 1520 geborenen Stralsunder Bürgermeisters Bartholomäus Sastrow. Der hatte in seiner Jugend einmal gegen das Verbot seines Vaters gebadet. Da sprach dieser: »Habt ihr gebadet, so muß ich euch *quästen*;« dabei ergriff er die Rute, warf dem Söhnlein die Kleider über den Kopf und lohnte ihm nach Verdienst.
Althochdeutsch questa, mittelhochdeutsch queste, Büschel von Reisig, Laubbüschel, Wedel zum Fegen und Kehren, also unser heutiges »Besen«; badequeste, badekoste, Badewedel, Badeschürze. Die das »Questen« besorgende Bademagd, die auch riberin, die Reiberin, hieß, war nicht immer die allertugendhafteste, so daß das Wort bald einen zweideutigen Sinn erhielt.
Questenbinder = Besenbinder. Irrtümlicherweise wird das Wort Quast heutzutage sogar für Kranz gebraucht, vergl. was Jakob Grimm nach Otmars Volkssagen von einem alten Gebrauche in dem besenbindenden Dorfe Questenberg am Harz erzählt.
Bei Reuter kommt die Bezeichnung Questen für Tannenzweige vor. Teuthonista: qwast, wyqwast, Weihwedel; er gebraucht qwesten geradezu für balneare. Kilianus: quast = quispel, borstel, Kleerborstel, Kleiderbürste. Edda: Kvistr, Zweig; nordfriesisch quest, Ast, Zweig. Dänisch Kost, Laubbüschel; schwedisch quast, Besen, Wedel. Bremisches Wörterbuch: heid-queste, abgestumpfter Besen von Heidekraut zum Scheuern. Quast heißt heutzutage in der Seemannssprache jedweder Pinsel, insonderheit spricht man von einem Theerquast, welches Wort aber auch am Lande seit unvordenklicher Zeit in Niederdeutschland in Gebrauch ist. Bei Riepe in Ostfriesland liegt ein Stück Land das Theerquast heißt, weil der frühere Besitzer seinem Ortsgeistlichen mit dem Theerquast ins Gesicht geschlagen hat und für diesen Frevel das Stück Land zur Strafe hergeben mußte.
Geschichtlich. Das Wort ist ursprünglich ein Schimpfwort gewesen; es lag der Vorwurf des Verrates und der Feigheit darin. Und zwar finden wir in zahlreichen Urkunden, daß besonders die Lübecker mit diesem Worte verhöhnt wurden. Hernach erst hat Badequast im Allgemeinen die Bedeutung eines furchtsamen Menschen empfangen. Wie das gekommen sein mag, ahnen wir, wenn wir an den doppelten Sinn des Wortes »Waschlappen« denken, welches ja sowohl in der eigentlichen als auch in der übertragenen Bedeutung an beide Bedeutungen von Badegast, Badequast erinnert. Die Lübecker sind aber bei einer ganz bestimmten geschichtlichen Veranlassung zu dem Schimpfnamen Badequast gekommen. Im Jahre 1427 hatten sich die Hamburger und Lübecker verabredet, daß ihre Schiffe sich zum Kampfe wider die Dänen im Belt versammeln sollten. Es war ein bestimmter Tag und eine bestimmte Stunde dazu festgesetzt worden. Damit nun die befreundeten Hamburger und Lübecker sich auch im Gewühl einer zu erwartenden Seeschlacht als Freunde erkennen könnten, verabredeten sie ein gemeinschaftliches Erkennungszeichen. Dieses war ein »achter up de compannien« steckender *Badequast*, also ein Besen, wie sie ja auch zur Bezeichnung des Fahrwassers an den Küsten ausgesteckt werden.
Aber die Hamburger erschienen eher auf dem Sammelplatz als die Lübecker. Und da die Dänen bereits zur Stelle waren, ging der Tanz alsbald los, da diese keine Veranlassung hatten, erst noch auf die Lübecker zu warten. Als es zwischen Dänen und Hamburgern bereits heiß herging, erschienen endlich auch die Lübecker. Als sie aber sahen, wie die Sache stand, dachten sie: weit davon ist gut vor dem Schuß, und machten, anstatt tapfer in den Kampf mit einzugreifen, daß sie wieder in ihre Trave kamen; »do se auerst segen, dat de sake so stunt, *steken se den badequast hynder* und leden dragen na der Trauen; und worden de Hamborger gefangen und ore schepe genamen.« Wer will es ihnen da verdenken, daß sie auf die Lübecker wütend waren, und sie nicht grade sehr liebenswürdig und schmeichelhaft an jene Badequäste erinnerten? Und obwohl bald darauf, 1431, die Lübecker durch die Einnahme von Flensburg jene Scharte glänzend wieder auswetzten, so ist doch ein solcher Beiname leichter erworben als wieder in Vergessenheit gebracht. Noch im Jahre 1511 »stupede ein schipper vom Amsterdam to Ryga den arent (Adler), dat lubsche wapent, mit roden.« »Ein anderer schipper kerede den lubschen arent umb, dat hovet neden, de voete baven, und bestak sin schip mit questen vom mey (Maien, Birkenreisern) gemaket den Lübschen tho hone undt tho spotte.«
Also Badequast ist ein Schimpfwort gewesen für einen, der sich um die aktive Teilnahme an einer Seeschlacht drückte, oder überhaupt an einer Schlacht. In einem alten Spottverse heißt es:
Vord an bist ein wundderlich gast, Du sleist hinder na mit Philippes badequast, Nener logen deistu di schemen, Du segst, do id scholde an ein drepend gan Do fund man de heren hinder dem busche stan, Dat mag di wol hebben gedromed.
In einem anderen:
Ok Bokelen fast Du den badequast Nu forest in dinem schilde, Dar na bestan Du woldest han Den vor Marien bilde.
Von hier bis zu Leuten, deren Beruf die Führung der Waffen überhaupt nicht ist, war, wahrscheinlich im Anfang scherzhafterweise, kein weiter Weg. Und bald konnte man die Nichtkämpfer an Bord der Kriegsschiffe um so eher und harmloser und ohne sie zu beleidigen Badequäste nennen als nach und nach die Lübecker Geschichte in Vergessenheit geraten und die ursprüngliche Bedeutung des Wortes dem Sprachbewußtsein entschwunden war. Man hatte Badequäste an Bord ohne zu wissen was Badequäste waren. Da kam denn das Neuhochdeutsche und gewann, gerade auf den Kriegsschiffen, immer mehr Einfluß. Offenbar wurde nun Badequast als eine mundartliche, plattdeutsche Verschlechterung von Badegast angesehen, »sie haben ja auch ein so bequemes Leben, diese Badegäste«, und so hat sich das Wort Badegast eingebürgert. Um den Vorgang ganz zu verstehen braucht man nur an jene »höhere Tochter« zu denken, der Klopstock nicht fein genug war, sie schrieb »Klopfstock«.
Im Andenken an die Lübecker Quastgeschichte mag hernach in Hamburg und anderen niederdeutschen Gegenden das Schimpfwort »Hans Quast« aufgekommen sein. In dem niederdeutschen aus dem Jahre 1618 stammenden, von J. Bolte und W. Seelmann herausgegebenen Schauspiel »Hanenreyerey« schimpft einer einen anderen neben den schönen Ehrennamen Hans Schubberug, Hans Hasenkihl, Hans Kladdehack, Hans Rustefihl auch Hans Quast, und die Herausgeber bemerken hierzu: »Vgl. ndl. Kwast, Pinsel, bildlich Narr.« Hans Quast kommt als Schimpfwort im Hannöverschen (s. Schambach) besonders aber auch in Hamburg vor, vgl. Schütze 2, 102 Hans Quast, alberner, närrischer Mensch. »Hans Quast vom Steendoor Settet sie Mütz up een Oor.« Nach einem mir zugegangenen Schreiben eines Seeoffiziers ist das Schimpfwort auch in der Mark Brandenburg verbreitet und hat sogar noch heute in seiner Bedeutung einen Anklang an den ursprünglichen Sinn, indem ein Knabe einen anderen, den er vergeblich zum Kampfe herausgefordert hat, »Hans Quast« nennt.
Daß aber Quast anstatt Gast gesagt wurde, und zwar nicht hie und da einmal, sondern oft, so daß es dem Munde des Volkes durchaus geläufig war, wird dadurch bewiesen, daß Quast in ein vielgebrauchtes Sprichwort übergegangen ist, mittelniederdeutsch: »darna man darna quast« d. h. wie der Mann ist, so wird er als Gast behandelt.
*Bagger*, der.
Eine in neuerer Zeit zu immer größerer Bedeutung gelangte Vorrichtung zum Ausschöpfen von Schlick, Sand, Erde aus dem Wasser. Ursprünglich ein höchst einfaches Werkzeug, ähnlich einem Obstpflücker oder einem Klingelbeutel: an einem langen Stiel ein Ring mit einem Säckchen daran. Dieses Säckchen hieß im Niederdeutschen bag, wie noch heute im Englischen Bag einen Sack, Reisesack, Geldsack, Kornsack bedeutet. Man hat sogar heute noch in England die alte einfache Vorrichtung: »bag and spoon«, »an arrangement used in dredging for river sand, and consisting of a bag attached by the mouth to an iron hoop which is fastened to a long pole, by means of which it is sunk to the bottom of the river and dragged along so that the bag is filled.« Auch in Deutschland hat man in kleinen Verhältnissen noch immer etwas Ähnliches im Gebrauch. Das Ende des 18. Jahrhunderts erschienene sogenannte »Bremer Wörterbuch« übersetzt Bagger mit »mudder-hamen« und bemerkt dazu: »Ein eiserner Ring, woran ein Netzbeutel befestigt ist, mittelst dessen man den Schlamm aus den Wasserlösen, Wetterungen und Sielgräben ziehet;« wobei die Frage entsteht, was ein Netzbeutel sei, ein Netz, oder ein Beutel?
Auch in Holland gebraucht man dieses einfache Werkzeug noch; Halbertsma im Lexikon friesicum übersetzt baggern mit: »reti vel sacco ex panno cannabino extremitati gracilis conti (Stange) affixo coenum trahere e fundo aquae«, wobei sich auch wieder die unbegreifliche Unbestimmtheit reti vel sacco findet, da der Stoff doch mit ex panno cannabino deutlich genug bestimmt ist als aus Leinwand bestehend. Also kein Netz, sondern ein Sack, niederdeutsch bag; daher Bagger.
Zuweilen wird der durch den Bagger zu Tage geförderte Schlamm, Mud, Mudder oder Schlick (s. d.) auch Bagger genannt. Das mag man als Abkürzung von Baggerschlamm (Groningen: bagger-cerde, bagger-modder) oder Bagger-Erde gelten lassen, wie ja im Ostfriesischen auch der baggel-turf kurzweg baggel heißt, aber darum hätten sich deutsche Sprachforscher doch nicht zu der Behauptung versteigen dürfen, Bagger käme daher, daß man den Bagger vom Meeresgrund herausbefördere. Das ist eine völlige Umkehrung der Tatsache, denn die geförderte Masse ist nach dem fördernden Werkzeug benannt. Das hieß, wie gesagt, ursprünglich Bag. Die damit ausgeübte Tätigkeit hieß baggern. Als nun später der Ursprung von baggern aus Bag dem Bewußtsein entschwunden war, und der niederdeutsche Name Bag nicht verstanden ward von hochdeutschen Wasserbaumeistern, aber doch das Bedürfnis nach einem Namen für das inzwischen zur Maschine herangewachsene Werkzeug sich einstellte, so kehrte man nicht etwa zu dem ursprünglichen Bag zurück, sondern bildete aus dem, aus dem Substantivum Bag entstandenen Zeitwort baggern ein neues Substantivum Bagger. Diese Neubildung ist wenigstens noch einigermaßen kurz und gut ausgefallen; was hätte werden können, vermögen wir zu ahnen, wenn wir lesen, daß in einer wissenschaftlichen Zeitschrift jemand dem das Wort Bagger fern lag, den Vorschlag machen konnte, das holländische Wort modder-molen mit Ausschlammungsmaschine zu übersetzen.
Das Etymon von Bag ist Balg, Tierbalg, vergl. Balje, Bagienrahe, Bilge, Packetdampfer.
*Bagienrahe*, die.
Die unterste Rahe am Kreuzmast, ohne Segel. Dieser letztere Umstand, daß die Rahe kein Segel hat, scheint mir, ähnlich wie bei der blinden Rahe, den Ausschlag bei der Benennung gegeben zu haben, die eine *Bettel*-Rahe bedeuten dürfte. Im Französischen heißt sie, oder hieß sie 1702 Pöbel-Rahe, la vergue de foule; zur gleichen Zeit ward sie holländisch een onnutte ree, eine unnütze Rahe genannt: »De begyn ree is een lose en onnutte ree, behalven om de schooten van het kruis-zeil daar by van onderen uit te halen.« Wir müssen auf das unter Bagger behandelte bag zurückgehen. Es hat eine weite Verbreitung, auch starke Bedeutungsverschiebungen erlebt. In die romanischen Sprachen ist es stark eingedrungen. Provençalisch bagua, spanisch baga = Packseil; altfranzösisch bague, Bündel. Davon bagage = Gepäck. Insofern nun die alten Kriegsknechte mit den Erbeuteten und Erplünderten (dem »Plunder«) nicht haushälterisch umgingen, sondern es bald wieder an den Mann oder vielmehr an die Frau (Marketenderin) brachten, so ward trotz der Plünderung reicher Städte die Bagage eines Söldners als etwas Verächtliches und Geringes angesehen, und aus bagage ward bagatelle. Weil sich aber bei den Bagagenwagen nicht nur allerlei Männlein zweifelhaften Handwerks, sondern auch allerlei Fräulein zweifelhaften Rufes herumtrieben, so kam wie das deutsche Wort Hurenpack, Lumpenpack, Diebespack, so im Italienischen bagascia, in Spanien bagasa, in Portugal bagasca, in der Provence baguassa, im Altfranzösischen bagasse, bajasse auf zur Bezeichnung einer feilen Dirne. Im Niederdeutschen dagegen entwickelte sich der Sinn von bag in anderer Richtung. Das wichtigste Ausrüstungsstück eines Bettlers war entweder ein Scherben für die Bettelsuppen oder ein Sack für das Bettelbrot. Von diesem bag haben Bettelnonnen den Namen Bagienen empfangen. Nach ihnen mag -- zuerst scherzhaft -- die des Segels entbehrende Rahe wegen ihrer Armut genannt worden sein. Hat man doch in Holland auch eine Kuh ohne Hörner bagyn genannt, und in Westfalen heißt heute noch Begine nicht nur ein verschnittenes Schwein, sondern auch ein törichtes, unnützes Frauenzimmer. Zu Kilianus' Zeiten hieß beghyne ein aschfarbener Ochse, weil die Bagienen solche Kleider trugen. In Bremen nannte man und nennt man wahrscheinlich noch eine gewisse Art von Hauben Begine, weil diese Nonnen dergleichen getragen haben. Weigand schreibt: »Adelung acht dezen naam, waarschynlykst, afkomstig van het oude begge d. i. bedelen, dewyl de Begynen voornamelyk van het bedelen bestonden,« kann sich aber, trotzdem dies doch der Wahrheit sehr nahe kommt, doch nicht enthalten von einer Herzogin Begga von Brabant zu fabeln, die im Jahre 635 ermordet worden sein soll.
Im Teuthonista ist das Wort Baghyne geschrieben. Die Nonnen des Namens waren in niederdeutschen Seestädten sehr weit verbreitet, die Anwendung des Namens in übertragener Bedeutung lag daher nahe. Es heißt, nach Waghenaer, »Spiegel der Zeewaerdt«, 1573, sogar ein Felsen in der Hafeneinfahrt von Brest Bagiene.
*Bai*, die,
ist ein aus den romanischen Sprachen zu uns gekommenes Wort für Meerbusen. Bei Aubin, Dictionaire de Marine, 1702 baye und baie. Derselbe gibt für das Niederländische die Form baai an. Italienisch baja, spanisch baja, Hafen. Aus dem Niederländischen ins Niederdeutsche und von hier um die Mitte des 17. Jahrhunderts ins Hochdeutsche gedrungen.
*Bake*, die.