Etymologisches Wörterbuch der deutschen Seemannssprache

Part 39

Chapter 393,394 wordsPublic domain

die amtliche Bescheinigung der heimischen maßgebenden Behörde, die ein Schiff mit sich führt über seine Nationalität, seine rechtliche Zugehörigkeit zu einer bestimmten Nation; sein Ausweis andern Staaten gegenüber, daß es den Schutz seiner Flagge seitens seines Heimatsstaates genießt; das darüber ausgestellte Certifikat, der Brief, muß eine Beschreibung des Schiffes enthalten, den Namen und die nähere Bezeichnung des Eigentümers, des Kapitäns etc. und eine Angabe darüber, daß es in die heimischen Register eingetragen ist.

*Reibholz*, das,

ist nicht mit der Bezeichnung Reibholz = Streichholz zu verwechseln, sondern bedeutet das Holz, das zwischen einem an einer Kaimauer liegenden Schiffe und der Kaimauer selbst sich befindet und verhütet, daß das Schiff sich an den Steinen der Mauer reibt, also ein Mittel gegen das Schamfilen. Wird die Vorsichtsmaßregel von Bord aus getroffen, so bedient man sich eines Fenders; von Land aus, so nennt man das dazu verwendete Holz Reibholz, doch können natürlich auch Bord und Land zusammenwirken.

*Reichskommissar*, der,

für das Seemannswesen, ist der Beamte des Reichs, der, ein früherer Seeoffizier, angestellt ist um bei Seegerichtsverhandlungen mit Recht zu sprechen und dabei sein seemännisches Verständniß zur richtigen Beurteilung eines See-Unglücksfalles im besonderen in die Wagschale fallen zu lassen.

*Reil*, das,

ist das zuweilen noch gehörte, schlecht ausgesprochene Wort für Oberbramsegel: royal. Es heißt eigentlich königlich, offenbar weil dieses Segel das höchste, oberste an Bord ist. Es könnte aber auch sein, weil die royal navy es zuerst in Gebrauch gehabt hätte. Doch das müssen die Engländer unter sich ausmachen. Es beschränkt sich der Gebrauch des Namens bei uns auf das Oberbramsegel; die Oberbramstenge und Oberbramrahe ist bei uns überall nicht nach diesem royal benannt.

*»Reise, reise!«*

Der Ruf mit dem der Bootsmannsmaat der alten Wache die neue Wache die »verfangen« soll aufweckt. Wie oft ist dieser Ruf für englisch gehalten worden, wo to rise bekanntlich aufstehen heißt. Und doch wurden in Ostfriesland Leute mit dem Rufe riis! geweckt, lange ehe Britannien daran dachte die Wogen zu beherrschen. Schon im Altfriesischen, das seit fünfhundert Jahren nicht mehr gesprochen wird, hieß es: »riys oer ein! Di sinne scynt yn dyn naest!« Aufstehen, sich erheben hieß eben altfriesisch risan, gotisch urreisan, althochdeutsch risan, mittelhochdeutsch risen, mittelniederdeutsch noch ziemlich spät und zwar, wie die davon abgeleiteten Wörter bezeugen, nahe an reisen anklingend, ebenfalls risen. Daher kommt nämlich ein Reisiger, einer der sich aufmacht, zu Felde zu ziehen. Daher das schweizerische pleonastische Reislaufen, in fremden Kriegsdienst treten. Schon im Althochdeutschen hieß reisa Aufbruch, Kriegszug, und daraus entstand nach und nach unser »Reise« im Sinne von: »So jemand eine Reise tut,« dabei gilt es ja und galt es früher noch mehr, sich früh zu erheben, »der Sonne entgegen« zu gehen.

Sehr deutlich hat die Architektur in ihrem Worte Riese die Bedeutung »sich erheben« festgehalten. Sie unterscheidet in der Gothik bei einer Fiale, diesem kleinen schlanken Türmchen, den Leib und den Riesen, und dieser ist der Teil der sich verjüngend nach oben strebt.

1673 hieß niederdeutsch das Steigen, das Höhergehen der Sonne noch risen; »Beschriving van der Kunst der Seefahrt«: »im gewissesten tho gahn, so mag man diese Pegeling 2. à 3. mahl dohn, und ein jedermahl anschriven, doch mut solckes kort na ein ander geschehen ehr de Sün vel rist.«

»Wenn gy nu sünd by Norden de Sünn, dat ys wen de Sünn Südwart van juv ys, und upt Högeste ys geresen, so nehmet den Stock (Jakobsstab), und settet ehn an dat buten Kant, nevens juw Ogappel, und schufet dat Krütz so lang, dat gy dat bawenste Ende vant Krütz recht int midden up de Sünn krigen, und dat underste Ende just an de Kimmen offt Horizont des Waters. Wachtet den ein weinich und proberet ydt wedder, und wat de Sünn den höger reist, dat halet dat Krütz na juw, bet gy sehn dat de Sünn nicht mehr riest, so ys ydt wol.«

*Reling*, die.

Es ist nicht zu verkennen, daß unsere Kriegsschiffsseeleute heutzutage unter Reling etwas anderes verstehen als was sie eigentlich ist. Denn sie nennen die ganze Bordwand soweit sie über das Oberdeck hinausragt Reling, während sie eigentlich doch nur ein auf dieser Bordwand aufsitzendes Geländer bedeutet. Es waren auf dieser Bordwand Stützen angebracht, und diese waren mit Riegeln unter einander verbunden, so daß diese Riegel das Geländer bildeten. Riegel heißt niederdeutsch Regel; daher zunächst Regeling und dann nach Schwund des g und Zusammenziehung der beiden e Reling. Roeding (1794) hat eine leicht verständliche Beschreibung: »Regelingen sind lange dünne hölzerne Riegel die von Zeit zu Zeit durch hölzerne Stützen getragen werden, die man Finknetzstützen oder Regelingsstützen nennt. Letztere sind auch manchmal von Eisen und beide zusammengenommen bilden ein Geländer um den Bord des Schiffes, welches die Schanzkleidung trägt. Auf Kriegsschiffen sind die Finknetzstützen gewöhnlich von Eisen und doppelt; statt der Regelingen scheert man gern einen Leier (Leiter) von hinlänglich starkem Tauwerk durch ein Loch an ihrem oberen Ende. Vom Leier bis zum Bord wird nach innen und außen ein Netz von dünner Lien befestigt, welches das Finknetz heißt. Zwischen beide werden im Gefecht und bei gutem Wetter zum Auslüften die Hangematten des Schiffsvolks gestauet, die eine Art von Brustwehr machen, welche zuletzt mit einer Schanzkleidung von gemaltem Segeltuch oder bloßer Presenning bedeckt wird.«

*Remorqueur*, der.

Am Rhein hält man es für geschmackvoll, einen Schleppdampfer remorqueur zu nennen und von remorquieren zu sprechen. Französisch rémorquer, italienisch remorchiare, spanisch remolcar, vom lateinischen remulcum = Schlepptau, remulcare, griechisch remulkein, am Seil ziehen, ins Schlepptau nehmen.

*Reveille*, die.

Mit Bezug auf dieses Wort sind wir französischer als die Franzosen. Denn die reden nicht von Reveille, sondern sagen battre la diane; holländisch die Diana slaan. Diana heißt die Morgenwache, italienisch diana, der Morgenstern, eigentlich stella diana, von dem verschwundenen Adjektiv diano, von dies, der Tag. Die Göttin der Jagd ist durch Mißverständnis in die seemännische Gesellschaft gekommen. Übrigens hat man sich besonnen und sagt jetzt anstatt Reveille Wecken.

*Revier*, das,

ist das Fährwasser in einem schiffbaren Flusse. Es ist also ganz überflüssig Flussrevier zu sagen. Diese nähere Bestimmung ist zu Revier nur hinzugefügt worden, weil in verschiedenen hochdeutschen Verbindungen, wie z. B. Jagdrevier, Forstrevier, Revierförster, und auch für sich allein stehend das Wort Revier die Beziehungen zu Fluß, die es ursprünglich besaß, verloren hat. Es kommt von rivière, Fluß; dann Gegend am Fluß, also Ufer; dann Gegend am Ufer, und zuletzt einfach Gegend, Bezirk. Mittelhochdeutsch rivier, und so meist auch mittelniederdeutsch, die zweite Silbe mit sehr langem i, fließendes Wasser, Fluß, Strom. Die Formen revier, rivier, rever wechseln mit einander. Es ist zu beachten, daß seemännisch nicht jedes fließende Wasser, sondern nur das schiffbare Revier heißt. In den »durchläuchtigsten Seehelden« (1681) wird von einer holländischen Gesandtschaft nach England aus dem Jahre 1664 berichtet. Der Gesandte, Herr von Goch, »hatte noch denselbigen Abend geheime Audientz bei dem König, da anfänglich nichts als allerley Freund- und Höfflichkeiten vorgiengen. Aber Se. Majt. fiel zum ersten auf die Sachen der Ost- und West-Indischen Compagnie davon er unter anderen Reden sagte: Es wäre unerträglich, daß die West-Indische Compagnie mit etlichen wenigen Vestungen, und einem Schiffe drey oder viere (drei oder vier Schiffen), ohne fernere Besitzung einiges Landes die gantze Africanische Küste mit derselben Rivieren und Strömen unsicher machen und andern den Handel alle verhindern und incommodiren solte.«

*Riemen*, der,

besser Remen, das seemännische Wort für das Werkzeug zur Fortbewegung eines Boots, das im nichtseemännischen Leben *Ruder* genannt wird. Daß Remen zu Riemen gemacht und so in die Lage gebracht wurde, mit einem Lederstreifen verwechselt zu werden, war ein ziemlich kühnes Wagnis, zumal es Leute gemacht haben, die doch wohl kaum ahnen konnten, daß die beiden Wörter am letzten Ende auf eine Wurzel zurückgeführt werden können. Tatsache ist, daß jetzt Remen = Ruder und Riemen = Lederstreifen zwei sehr verschiedene Dinge sind.

Remen ist als seemännisches Wort zuerst, und zwar schon in althochdeutscher Zeit, am Oberrhein gebraucht worden. Von da ist es den Rhein hinabgewandert und hat sich an den Küsten der Nordsee und auch --wie zahlreiche mittelniederdeutsche Urkunden beweisen -- an der Ostsee ausgebreitet. An den Oberrhein haben ihr remus die Römer gebracht, vielleicht der römische Admiral Crescentius, dessen Votivstein im Museum in Köln steht, oder einer seinesgleichen, denn es gab römische Seeleute genug am Rhein. Es fragt sich jedoch, wie die alten Deutschen dazu kamen, das fremde Wort für eine Sache anzunehmen, die ihnen doch unzweifelhaft schon lange vor der Zeit der römischen Herrschaft am Rhein bekannt war. Sie hatten doch gewiß auch in der vorrömischen Zeit einen deutschen Namen für das Fortbewegungsmittel ihrer Einbäume. Da sie nicht so neuerungssüchtig waren wie ihre spätgeborenen Söhne, so muß der uralte Name zu Gunsten des neuen darum aufgegeben oder doch zurückgedrängt worden sein (s. Ruder) weil das neue Werkzeug ein wesentlich verbessertes, brauchbareres, handlicheres darstellte als das bis dahin gebrauchte. Es mag also hier gegangen sein wie mit der verbesserten Mahlvorrichtung molina, der zu Liebe die Väter ihr Wort quairn so ziemlich in Vergessenheit geraten ließen und Mühle sagen lernten. Wahrscheinlich hatten die Rheinländer bis dahin mit Pagaien aus freier Hand gerudert, während remus auf dem Dollbord aufliegend gehandhabt wurde. Die Schreibart Remen ist der von Riemen aus geschichtlichen, sprachlichen und sachlichen Gründen vorzuziehen, s. auch Ruder und rojen. Französisch rame ist wohl dem italienischen, spanischen, portugiesischen rama, Ast, nachgebildet aber in seiner Bedeutung doch durch remus bestimmt, das der französischen Sprache ursprünglich gewiß nicht fehlte, aber ihr als eine zu ausdruckslose Form, denn es hätte rein lauten müssen, mißfiel. Wangerländisch rium, Ehrentraut II. 62. Nordfriesisch reem.

Auffallend hat sich der Begriff eretmos und der rhyma in dem Worte vereinigt, das die Rheinschiffsleute in der Schweiz gebrauchen: »Zugruder.«

*Riff*, das,

kommt vom altnordischen rifa, schlitzen, spalten und bedeutet etwas Gespaltenes, zersplittertes, zerklüftetes Felsgebilde. Dann aber auch im weiteren Sinne jede sich ins Meer hinausstreckende, von Wasser bedeckte Bank, auch wenn sie eine Sandbank ist; besonders auch eine sich unter Wasser hinziehende Korallenbank. An sich liegt die Bedeutung »unter Wasser befindlich« nicht in dem Worte, sie wird aber im seemännischen Sprachgebrauche unwillkürlich damit verbunden.

Mittelniederdeutsch rif, ref, reve; »we schipbrokich gudt vindt by dem Strande, de schal dat antwerten der negesten Stadt ... van den upgefischeden gude schall men eme geven, de dat gevunden heft, dat twintigste deel; hale he dat ock ut der see van dem reve, so behort hem dat drudde deel.« Das war Lübisches Recht. Das Rigaer sagt: »So we scipbroken gut vindet oppe dem vorende, de sal daraf hebben den twintegesten deel; de et halet uppe deme reue vppe der ze, de zulen hebben den dridden del.«

*Rof*, das,

ist ein Aufbau an Deck, der als Unterkunftsraum für die Schiffsmannschaft dient. Das niederdeutsche rof heißt Decke in allen Bedeutungen, die dieses Wort im Hochdeutschen hat. Die Bedeutung ist also der von Plicht ähnlich.

Angelsächsisch hrof, Dach, englisch roof, niederländisch roef, Kajüte, mittelniederdeutsch (Kilian) roef = puppis concameratio. Altnordisch hrof, das Dach, unter dem ein Schiff gebaut wurde, kleine Schiffswerft. Edda: raefr = Dach. Altfriesisch hrof.

Mittelniederdeutsch auch roffe: »Schipper Albert sy achter vth dem roffe inn de kokenn gekahmen,« Bremer Urkunde von 1564.

Das Wort ist mit Robe verwandt, denn das ursprünglichste Kleid war nur eine Decke. Wahrscheinlich liegt das Zeitwort rauben zu Grunde, so daß rof etwas Geraubtes, einen Raub bedeutet; sei es daß man auf dem Beutezuge dem Feinde zuerst und hauptsächlich seine Decken, seine Kleider raubte; sei es daß man noch weiter zurückgehen und daran denken muß, daß die ersten und ältesten Decken Tierfelle waren, die der Mensch dem Tier erst rauben mußte um sich damit bedecken zu können.

*rojen* s. rudern.

*Rolle*, die,

ist die Verteilung jedes einzelnen Mannes auf seinen Posten beim Exerzieren und Manöverieren. Wie der Theaterdirektor die einzelnen Mitglieder seiner Bühne auf ihre Posten stellt und jedem seine Rolle zuteilt, so teilt an Bord der Erste Offizier die Rollen aus und stellt jeden auf seinen Platz. Je nachdem es sich bei dieser Verteilung um Segel-, Ruder-, Gefechts-, und Feuerlöschübungen handelt gibt es eine Segel-, Ruder-, Gefechts-, Feuer-Rolle. Jedesmal wird, ehe ein solches Manöver beginnt, genau untersucht ob auch jeder da steht, wo er nach der Rolle stehen soll. Diese Rolle ist aber schon lange keine Rolle mehr, sondern ein richtiges Buch, das *Rollenbuch*, von dem jeder Offizier sich genaue Kenntnis verschaffen muß.

Rollen heißt sich um einen Mittelpunkt drehend bewegen. Eine Rolle ist eine walzenförmig zusammengerollte Schrift; ein geschriebenes Verzeichnis, das den Namen Rolle behält, auch wenn es nicht mehr die Form einer Rolle, sondern die eines Buches hat. Von rota, das Rad, oder vielmehr von rotula, das Rädchen.

*rollen*

heißt eigentlich sich wie ein rotula, ein Rädchen, um seine Achse drehen. Daher ist die theoretische Bestimmung, nach welcher rollen = schlingern ist, zwar richtig, aber sie entspricht nicht dem populären Sprachgebrauch unserer Seeleute. Die nennen die Bewegung des Schiffes in der Richtung von Steuerbord nach Backbord und zurück *schlingern*; die Bewegung des Schiffes von achtern nach vorne und umgekehrt, also das Eintauchen des Schiffes mit den Heck oder dem Bug in ein Wellental und das entsprechende Wiederhochkommen *stampfen*; die für nicht ganz seefeste Leute aber sehr unangenehme Verbindung beider Bewegungen mit einander nennt man *rollen*.

*Roring*, der,

heißt der Ring an der Spitze des Ankerschaftes durch den der Anker mit der Ankerkette verbunden wird. Das Wort wird auch Rooring und Röring geschrieben, heißt aber neuerdings meistens Schäkel. Diese letztere Bezeichnung ist offenbar in Anbetracht dessen in Aufnahme gekommen, daß man sich sagte, daß ja der Roring eigentlich gar kein Ring ist, sondern wegen der einen offenen von beiden Seiten den Schaft umfassenden Stelle weit eher einem Schäkel ähnlich sieht. Dieser Gedankengang ist richtig, bildet aber keinen Vorwurf gegen die Seeleute früherer Tage, die das Wort Röring gebildet und gebraucht haben. Denn einmal war der Roring damals wirklich ein Ring, und dann hat das Wort mit Ring überhaupt garnichts zu schaffen und hieß im Niederdeutschen die Roring (oder vielmehr, wie gleich zu erwähnen sein wird: Röring). Zu Rödings Zeiten hieß so auch die aus altem Tauwerk hergestellte Bekleidung des Ankerringes, die man vornahm um denselben vor Rost zu schützen und um ihn dicker zu machen, damit das Ankertau sich desto besser um denselben schließen könne. Röding nennt diese Bekleidung Ankerrührung oder Röring, und zwar: die Ankerrührung oder der Röring. Er hat aber offenbar etwas Nebensächliches für die Hauptsache gehalten. Nicht die Bekleidung war das Wichtige, sondern der Ring selbst, und der treffliche Mann ist wohl auch nur darum auf die Bekleidung verfallen, weil er sich sonst für den Ring das Femininum nicht erklären konnte. Das erklärt sich aber leicht, wenn man von der im Grunde doch -- wie Schäkel beweist -- nebensächlichen Ringform dieses Stückes absieht und, anstatt an die Gestalt, an den Zweck desselben denkt. Der Roring hat den Zweck, zu ermöglichen, daß der Anker durch die Ankerkette bewegt, umgestoßen, von der Stelle gerückt werde. Eine solche Bewegung heißt an der deutschen Nordseeküste röring, von dem Zeitwort rören, rühren, bewegen, regen, anfassen, treffen, erreichen. Roring also (richtiger, wie bei Röding, Röring) hat seinen Namen daher, weil damit die Stelle bezeichnet wird, entweder wo Kabel und Anker sich berühren, treffen, sich erreichen; oder, und das will noch einleuchtender erscheinen, davon, daß der Anker mittelst des Rorings bewegt, umgestoßen, von der Stelle gerückt, gerührt wird. Nicht davon, daß der Ring das bewegliche Ding am Anker ist, heißt er »Bewegung«, sondern davon, daß durch ihn -- abgesehen davon daß er im Übrigen die Gestalt eines Ringes hat -- der Anker seine Bewegung erhält. So erklärt sich auch ungezwungen zweierlei. Einmal die Form Röring und sodann das Femininum. Männlich ist das Wort erst bei der Aufnahme ins Hochdeutsche geworden, weil man dabei an Ring dachte, ohne aber zu bedenken, daß dann, wenn Ring zur Geltung gebracht werden sollte, auch Rorring hätte geschrieben werden müssen, dann hätte man es wenigstens mit Berührungsring übersetzen können, die zweite Silbe im Worte heißt aber nicht -ring, sondern -ing und ist weiter nichts als die niederdeutsche Form der Endung -ung.

Da aber unter dem Einfluß der ringförmigen Gestalt sich die männliche Form »der Röring« einmal festgesetzt hat und schwer durch die weibliche Form »die Röring« wieder zu verdrängen gewesen wäre, so ist es eigentlich für das sprachliche Gefühl mit Freude zu begrüßen, daß der Eindringling nun in »Schäkel« einen so mächtigen Gegner erhalten hat.

Das niederdeutsche Zeitwort rören heißt niederländisch roeren, altfriesisch hrera, auf Wangerooge rer, im Saterland röre; altsächsisch hrorjan, angelsächsisch reran, altenglisch hroren, altnordisch hroera, norwegisch und schwedisch röra, dänisch röre; althochdeutsch hruorjan, hroren, mittelhochdeutsch ruoren. Aus dieser dem Doornkaat entnommenen Zusammenstellung geht hervor, daß die Form röring ihre volle niederdeutsch-seemännische Berechtigung hat.

*Rose*, die,

heißt an Bord die Kompaßrose. Das Wort erklärt sich nach dem bekannteren Windrose von selbst, wenn auch eine sehr beträchtliche Phantasie dazu gehört, in dem Bild der verschiedenen Kompaßstriche eine Rose zu erblicken. Doch mag bei der Neigung der Alten, auch dergleichen Dinge zu schmücken, ein besonderer Schmuck die Veranlassung gegeben haben, diese runde Tafel Rose zu nennen. Auf französischen Kompassen des 18. Jahrhunderts und besonders auch des 17., ist in der Mitte ein Mann zu Pferde abgebildet, auf den acht Hauptstrichen sind Menschenköpfe und sonstige Verzierungen angebracht. Der Strich für Nord ist aber von einer französischen Lilie in der bekannten heraldischen Form gebildet. Nichtsdestoweniger hieß die Scheibe schon damals auch im Französischen rose; so mag also anstatt der Lilie zu anderer Zeit oder an anderen Orten eine Rose als Verzierung gedient haben.

*Rosenlaschung*, die.

Wenn irgendwo zwei Augen, wie man die Ringe am Ende eines Taues nennt, mit einander verbunden werden sollen, so geschieht dies mit einem Taljereep, dessen beide Enden sich in der Mitte der Verbindung kreuzen. Um die Kreuzungsstelle werden die beiden Parten einigemale zur größeren Festigkeit so herumgewickelt, daß aus den schneckenhausförmig neben einander liegenden Schlägen eine Art Scheibe entsteht, die man mit der nötigen Einbildungskraft wohl für etwas Rosenartiges halten kann.

*Routine*, die,

die Zeiteinteilung, Ordnung des Tageslaufes, genaue Bestimmung, was an einem Tage, wann und in wie langer Zeit es zu geschehen hat. Diese Bedeutung hatte das Wort ursprünglich nicht; weder im Lateinischen, noch im Italienischen, noch im Französischen. Es kommt von rumpere brechen; davon via rupta ein gebrochener Weg, das Gegenteil von einer gebrochenen Linie, indem der Weg möglichst gerade und direkt durch Felsen gebrochen worden ist, wie die Donau entlang am Eisernen Tor, also eine Kunststraße im Gegensatz zu den Karawanenwegen der Elfenbeinträger in Afrika, wo sich der Pfad um jeden Stein, der im Wege liegt, herumschlängelt. Von demselben Worte stammt italienisch rotta, spanisch, portugiesisch, provençalisch rota, altfranzösisch route, Bruch, Bruchteil, Abteilung eines Heeres, ein Trupp Soldaten, eine »Rotte«; dann überhaupt einen Bruchteil einer größeren Versammlung bezeichnend, wobei der Bruch aus dem Bewußtsein geschwunden und nur der Teil geblieben ist; davon »sich zusammenrotten.«

Unser seemännischer Sinn von Routine entstand durch folgende Bedeutungsentwicklung. Auch bei via rupta ging, als man via wegließ, doch nicht etwa die Bedeutung Weg (vergl. die Entstehung von Straße aus via saxis quadratis strata, wo strata doch verhältnismäßig das unbedeutendere Wort in der Verbindung darstellt), sondern vielmehr die Bedeutung »gebrochen« verloren, so daß route, wie man für rupta sagte, bald ganz allgemein für Weg im Gebrauch war; zunächst im Sinne von zurückgelegtem Weg, durchwanderter Strecke; daher portugiesisch rota, Lauf des Schiffes; dann auch für eine noch zurückzulegende Strecke. Ein Mann aber, der des Weges kundig war, hieß routier. Und davon ist erst routine gekommen. Es bedeutet zunächst nur durch Übung erlangte Kenntnis des Weges. Dann bald bloß Übung, Gewandtheit, Geschicklichkeit, Kenntnis, Pfiffigkeit, Routiniertheit. Demnach ist Schiffsroutine nicht nur der Wegweiser für den Tageslauf, sondern auch der Weg selbst, auf dem die Schiffsmannschaft durch richtige Einteilung und Ausnutzung der Zeit die nötige Übung und Gewandtheit im Schiffsdienste erlangen kann.

Eine richtige Routine -- in der Schule sagt man Stundenplan -- auszuarbeiten ist eine schwere Sache, bei der sehr viel zu berücksichtigen ist; sie liegt in den Händen des Ersten Offiziers.

*Rücker*, der,

ist ein Tau, einerseits an der Bram- oder Oberbramrahe, andererseits an dem Bram- bezw. Oberbramraheniederholer befestigt und dazu dienend, die Rahe, wenn sie gekait und an Deck genommen werden soll, zu rücken, d. h. los zu machen von der bisherigen Stelle, durch einen Ruck zu entfernen, also zu rücken, zu bewegen.

*Ruder*, das.

1. Eine Vorrichtung zum Steuern eines Schiffes. 2. Ein Werkzeug zum Fortbewegen eines Bootes. Auf Kriegsschiffen ist nur die erste Bedeutung im Gebrauch, sonst überall im deutschen Sprachgebiet hat sich die zweite im Munde von Seeleuten und Nichtseeleuten erhalten, wiewohl schon zur Zeit der römischen Herrschaft am Rhein Remen oder Riemen (s. d.) vom lateinischen remus herübergenommen wurde. Es wird auch nie gelingen, dem Worte sein Hausrecht im Deutschen zu rauben, dazu war es denn doch zu fest eingewohnt und -gewurzelt als das fremde Wort eindrang.