Etymologisches Wörterbuch der deutschen Seemannssprache
Part 34
Unter 7. ist gesagt worden, Messe ist mit Mutter verwandt. Das Mittelglied ist maz, Speise; dieses hieß nämlich ursprünglich ebensowenig Essen im Allgemeinen wie Fleisch im Besonderen, kommt auch wohl nicht von einem Stamme der »kochen,« sondern -- wie Mutter -- von einem der teilen, zuteilen, zumessen bedeutet, so daß maz also das (einem Menschen zum Verzehren) Zugemessene ist, woher dann Messe als der Ort wo, und die Versammlung, worin jedem Mitgliede das Seine zugeteilt wird.
*Messbrief*, der.
Nach den Gesetzen des deutschen Reiches müssen alle Kauffahrteischiffe vermessen werden. Dick und Kretschmer I. 60: »Für die Berechnung des Brutto- und Nettogehaltes der Schiffe und Fahrzeuge ist ein Vermessungsprotokoll nach einem in der Vermessungsordnung vorgeschriebenen Schema aufzustellen und der obersten Vermessungsbehörde, dem Schiffsvermessungsamt, einzureichen. Auf Grund des Vermessungsprotokolls wird ein *Messbrief* ausgestellt.«
*Metacentrum*, das,
ist ein für die Berechnung der Stabilität eines Schiffes äußerst wichtiger mathematischer Punkt, nämlich der »jedesmalige Durchschnittspunkt der Vertikalen aus dem Deplacementsschwerpunkt in der aufrechten Lage des Schiffes mit der vertikalen aus dem jedesmaligen Deplacementsschwerpunkt bei jeder geneigten Lage.« So die technische Erklärung bei Dick und Kretschmer I. 114, 115; die sprachliche Anmerkung zu dieser Stelle ist jedoch zu berichtigen. Es heißt da: »Das Wort Metacentrum, welches sich zuerst in Bourguers Werk »Traité du Navire« 1746 angeführt findet, kann nur aus den lateinischen Worten meta (Endpunkt, Ziel) und centrum zusammengesetzt, betrachtet werden; nach anderer Ansicht auch als eine Zusammensetzung der griechischen Worte Méta (Wechsel) und kentron (centrum)«. Meta ist aber, wie unzählige andere Zusammensetzungen beweisen, z. B. Metamorphose, Metapher, Metaphysik, Metastase, Metempsychose, die griechische Präposition, die inmitten, zwischen, unter, in Verbindung, in Gemeinschaft, im Verein, in Begleitung, gepaart, mit, nebst, neben, unter, nach, zu, auf u. s. w. bedeutet; im Allgemeinen ist sie Bezeichnung einer Gemeinschaft: Metacentrum ist also der Punkt, den die zwei genannten senkrechten Linien mit einander *gemeinschaftlich* haben, mit der auch in meta liegenden Nebenbedeutung, daß dieses Centrum räumlich *über* dem Deplacementsschwerpunkt liegt.
*Miek*, die,
ist begrifflich nahe mit Klau verwandt, wird aber nicht nur für den gabelförmigen Ausschnitt der Gaffel, sondern auch für den gegabelten Stock oder Pfahl gebraucht, in dem der niedergelegte Mast, der Besansbaum etc. etc. festliegt; in Ostfriesland auch das gabelförmige Holz an der Pumpe, in dem der Schwengel sich bewegt. Mittelniederländisch, bei Kilian micke = furca, Gabel. Sollte nicht, da die Gabel doch eines der ursprünglichsten mechanischen Werkzeuge darstellt, Miek eine Zusammenziehung von Mechanik sein? Daß eine solche möglich, ja tatsächlich vorhanden ist, beweist die Tatsache, daß im Gebiet des Rheinfränkischen Mick die mechanische Vorrichtung zum Hemmen beider Wagenräder heißt; im Gegensatz zu dem nur ein Rad hemmenden, weit einfacheren Hemmschuh, stellt sie eine Mechanik dar, deren Zusammenziehung in Mick um so eher möglich war, als sie meist mit dem Ton auf der letzten Silbe ausgesprochen wurde und wird.
*mistig*, vergl. diesig,
bedeutet nebliges, trübes, »dreckiges« Wetter. »Must gy int Schager-Rack by nacht offt in mistig wedder laverren« ... Vom niederdeutschen, niederländischen, englischen mist = Nebel; »mist het den oost in der kist« (Brem. Wörterbuch). Im Beówulf mistig, mist-heid = Nebelkippe; Kilian miest = nebula. Davon Mistel als die Pflanze die durch den Mist der Vögel auf Bäumen ausgesät wird. Denn dieses niederdeutsche Mist und unser hochdeutsches Mist sind ein und dasselbe Wort, nur in der Bedeutung ein wenig auseinandergegangen. Sanskrit-Wurzel mih = ergießen, besprengen; beregnen; auch ein Substantiv mih ist vorhanden: feiner Regen, Nebel. Althochdeutsch migan, neuniederdeutsch migen = pissen, harnen; lateinisch mingere.
*Missweisung*, s. Variation.
*Mittagshöhe*, die,
nämlich der Sonne, ist »die Höhe der Sonne wenn der Mittagspunkt derselben im Mittagskreise seines Beobachters steht, welches die größte Höhe ist, die sie für diesen Beobachter erreichen kann.«
*Mittagsschuss*, der,
ist ein in einem Kriegshafen von dem jeweiligen Wachtschiff abgefeuerter Kanonenschuß zum Zeichen, daß es genau 12 Uhr ist. Es haben sich mit der Zeit und mit dem Gange ihrer Uhren die übrigen Schiffe und auch die Uhren am Lande, soweit der Einfluß der Marine in dieser Beziehung reicht, nach diesem Schusse zu richten.
*Mittagswimpel*, der,
ist auf unseren Kriegschiffen der Wimpel der gehißt wird wenn es zum »Schaffen«, zum Mittagessen geht, also ein hochwillkommenes Signal, zumal es nicht nur die Essenszeit, sondern überhaupt die Mittagspause im Dienste, die mittägliche Freizeit von 12 bis 1-1/2 h bezeichnet.
*Mittagskreis*, der, s. Meridian.
*Mitteldruckmaschine*, s. Maschine.
*mittschiffs*
ist ein ziemlich unbestimmtes Adverbium mit dem etwas näher bestimmt wird das sich nicht »vorn«, aber auch nicht »achtern« befindet. An eine mathematische Mitte ist schon garnicht zu denken. Aber das ist zu betonen, daß es nicht bloß die ungefähre Mitte zwischen hinten und vorne, also nicht bloß die Mitte der Länge nach, sondern auch die Mitte der Breite nach bedeutet, und zwar die ganze von hinten nach vorne gedachte, von beiden Bordwänden gleich weit abstehende Mittellinie oder Längsachse des Schiffes. Man sagt: »Das Schiff wurde mittschiffs gerammt«, bei einem Vollschiff also etwa zwischen Großmast und Fockmast; man sagt aber auch: »Das Schiff hat sein Ruder mittschiffs liegen« d. h. die Ruderpinne befindet sich in der Mitte zwischen beiden Bordwänden, in der Mittellinie.
*Moker*, der, s. Kalfatern.
*Mole*, die,
im Munde des niederdeutschen Seemanns wohl auch Mulje, ist jetzt ein Steindamm oder vielmehr eine Kaimauer, die den Eingang eines Hafens zugleich bildet und schützt. Früher ganz allgemein ein Damm oder Deich. In der Chronik des Landes Dithmarschen von Neocorus heißt es: »up de mohle is ein grot inbrock geschehen«. Holländisch mole, dänisch mullie, schwedisch mölja, englisch mole, französisch mole, italienisch molo, spanisch muelle, portugiesisch molhe -- alles zurückgehend auf das lateinische moles, Masse, Last, große Steinmasse, Damm. Bei San Lucar de Barrameda befand sich sehr früh eine Mole. 1588 schreibt Waghenaer im »Spiegel der Zeevaerdt«: »Voorts om te weten die mercken vanden steen oft droochte die int gadt van S. Lucas ligghende syn, als de Molen ende t'witte Clooster staende opt Oostereynde van S. Lucas ouer een comende« ...
*Monsun*, der,
ist ein im Indischen Ozean in regelmäßigen Perioden stets aus gleicher Richtung wehender starker, sich oft bis zum Sturm steigender Wind, von Oktober bis März aus Nordost, von April bis September aus Südwest wehend. Das Wort lautet französisch monson, monçon, spanisch monzon, portugiesisch monsao und stammt aus dem Arabischen, wo mansim bedeutet a time, a season, the favourable season for sailing to India; also: günstige Jahreszeit.
*Mooring*, die,
ist eine besondere Befestigung eines Schiffes durch Anker, Ketten, Taue, um es in der Lage zu halten, in der man es haben will, aus der es um irgendwelcher Gründe, wie Raummangel, Rücksicht auf die Windrichtung, willen sich nicht herausbewegen soll; also eine Befestigung des Schiffes zur Vermeidung des Schwojens. Man nennt es auch »ein Schiff vertäuen«. Vergl. auch Spring. Das Zeitwort mooren, häufiger vermooren, hat seinen langen o-Laut von der dunklen niederdeutschen Aussprache des a, denn es heißt eigentlich marren = binden, festbinden, befestigen. Von ihm ist das andere seemännische Zeitwort marlen ein Iterativum. Schon dem Teuthonista war das Wort bekannt, und zwar in der Form merren; er schreibt: »cabel-lyn reep, seel, to vo dair mede men eyn schyp an dat lant vestiget offte merret«.
*Morgenwache* s. Wache.
*Mufferdeischuner*, der,
(vergl. John Brinckman, »Kasper Ohm un ik«), ein Schuner, oder vielmehr eine Brigg, oder noch besser eine Schunerbrigg, eine Brigantine, »that is square-rigged forward and schooner-rigged aft«, also ein Schiff, das am vorderen Maste Rahesegel, am achteren Schratsegel (s. d.) hat. Mufferdei soll eine von deutschen Seeleuten zurechtgemachte Form des im Englischen gebräuchlichen Hermaphrodite sein, würde also ein Zwitterding bedeuten, wegen der zweierlei Segel oder zweierlei Masten. Aber zweierlei Segel und Masten hat schließlich jedes Schiff. Die Erklärung mag hier dahingestellt bleiben, da das Wort ohnehin in der neuhochdeutschen Seemannssprache kaum gebraucht wird. Im Korrespondenzblatt für niederdeutsche Sprachforschung vom Jahre 1895 ist Näheres darüber nachzulesen.
*Mundpfropfen*, der,
ein Pfropfen, der in die Mündung einer Kanone gesteckt wird, wenn diese außer Gebrauch ist. Das Wort bedürfte der Aufnahme nicht, wenn man nicht im Munde der Kriegsschiffsleute öfters die Frage, in übertragenen Sinne als Ausdruck der Verlegenheit, hörte: »Wo legen wir den Mundpfropfen hin«. Dieses geflügelte Wort stammt aus einer Geschützinstruktion an Bord eines S. M. Schiffe. Als einmal ein Feuerwerksmaat seiner Geschützbedienung genau alle Handgriffe und Bewegungen beim Klarmachen eines Geschützes zum Exerzieren auseinandergesetzt hatte, endigte er seine Instruktion etwas allzu wichtig tuend mit den Worten: »Nun entsteht aber noch die große Frage: wo legen wir den Mundpfropfen hin?«, den zum Exerzieren aus der Mündung herausgenommenen.
*mustern*
heißt jemanden oder etwas daraufhin ansehen, ob er oder es sich in dem Zustande befindet in dem er oder es sich befinden soll, also zusehen, ob er oder es dem Muster gemäß, musterhaft ist. Auf unseren Kriegsschiffen ist Musterung schlechthin die tägliche Musterung der Mannschaft und des Schiffes durch den Kommandanten, welche als »Sonntagsmusterung« besonders feierlich und gründlich vorgenommen wird. Es gibt aber auch besondere Musterungen: Reinlichkeits-, Zeug-, Gewehr- etc. Musterung. Im Teuthonista heißt das Wort noch monsteren, und so kann man es auch heute noch seemännisch und überhaupt niederdeutsch hören. In dieser Form läßt es seine Abstammung von monstrare zeigen, deutlicher erkennen. Doch hat das Wort eine wesentliche Bedeutungsverschiebung erlitten, denn eigentlich ist es der Mann der mustert, nämlich sich seinem Kommandanten zeigt, aber jetzt heißt es: »Der Kommandant mustert den Mann.« Die Verschiebung hat sich wohl über das Substantivum Musterung bewegt, indem diese die Veranstaltung ist, bei der die Matrosen sich zeigen, bei der sie also besehen werden, und dieses »Besehen« ist dann als das Wichtigste in den Vordergrund getreten.
»Er läßt sich anmustern«, sagt man, wenn einer sich zum Eintritt in einen Dienst vorstellt, »zeigt«; er wird dann in die Musterrolle eingetragen. Dem entsprechend ist dann abmustern, aus dem Dienst treten, gebildet, ohne daß der Begriff monstrare überhaupt noch in Betracht käme, der aber in dem kaufmännischen Muster und in Monstrum noch zu erkennen ist.
*Mut*, *Mutte*, die,
ein Fahrzeug an der friesischen Küste mit flachem Boden und zwei Farunners anstatt einer Kajüte. Es sieht plump und wenig schmuck aus, so daß die Vermutung nahe genug liegt, der Name komme von mutte = Sau, Mutterschwein. Das ist nicht gerade fein, aber die Weserkähne werden von den Hamburgern Schweinsköpfe genannt, wogegen die Weserschiffer die Hamburger Ewer mit dem Ehrennamen »Kreijenkieper« nennen und von ihnen zu sagen pflegen: »Groß von Masten, klein von Lasten.«
N.
*Nachen*, der,
ist eigentlich kein seemännisches Wort mehr. Wohl ist es früher eins gewesen, denn im Beówulf wird naca sogar für seegehendes Schiff gebraucht, aber zur Zeit ist es nur bei Nichtseeleuten und nur im Binnenlande, namentlich in Hochdeutschland als gleichbedeutend mit Kahn, das auch kaum seemännisch gebraucht wird, üblich.
Es besteht die Neigung, Worten die mit a anlauten ein n vorzusetzen, z. B. ärs, närs; Ast, Nast; ost, nost; arren, narren (mit dem Schlitten fahren); ort, nort (Spitze). Das kommt daher, daß das n unbestimmten Artikels zu dem Anfangs-a des Substantivums hinübergezogen wird, wie Nobiskrug aus 'n Abyssuskrug entstanden ist. So könnte man Nachen erklären als Achen mit solch einem n davor. In der Tat findet sich nämlich dieses Achen in oberdeutschen Mundarten vor, niederdeutsch aak, ake, ak; niederländisch aak neben naak. Wenn man nun ak oder ach für die ursprünglichere Form ansehen dürfte, so ließ sich die Sache so erklären: man sprach von einer Achenfahrt und meinte damit eine Wasserfahrt (aha, ahwa, aqua, ach, ahe, a = Wasser) und hernach meinte man, zu Zeiten, da ach als Wasser nicht mehr verständlich war, Achen sei das, womit man auf den Wasser fährt, ein Boot. Dem steht aber die angelsächsische Form naca entgegen, da sich zur Zeit des Beówulf diese Bedeutungsverschiebung noch nicht vollzogen haben konnte. Es muß demnach eine andere Erklärung gesucht werden. Mit einiger Zaghaftigkeit hat man auf das lateinische navis hingewiesen. Ich möchte eine andere Möglichkeit erwähnen. Bekanntlich ist das lateinische nix aus snix entstanden. Dem entsprechend könnte auch in unserem Worte ein anlautendes s geschwunden sein. Dann käme es von einer Wurzel sna, snu und gehörte zum althochdeutschen snahhan = gleiten, schlüpfen, schleichen, kriechen, sich bewegen, fließen durchs Wasser gleiten, schwimmen, vergl. englisch snake, Schlange, auch niederdeutsch snake = Schlange. Dann wäre Nachen »ein durch Wasser dahingleitendes Ding.« Aber die Sprache hätte sich dann nicht mit einmaligem Schwund eines Anlautes begnügt, sondern es wäre ein zweimaliger erfolgt; es wäre außer dem s auch noch zuweilen das n abgefallen und Nachen wäre nicht aus Achen, sondern Achen aus Nachen entstanden.
*Nachtwache*, die, s. Wache.
*Nadir*, der,
ist der dem Zenith entgegengesetzte Pol des Horizontes, der Fußpunkt im Gegensatz zum Scheitelpunkt, der Punkt der auf der anderen Seite der Erdkugel dem Scheitelpunkt entgegengesetzt ist. Arabisch und persisch nadir, nazir, von nazara gleich sein, sich entsprechen, entgegengesetzt sein, ein Gegenstück zu etwas bilden.
*Nagelbank*, die,
ist ein an der Binnenseite des Wants oder sonst an passender Stelle angebrachtes Stück Holz, in dem die Koveinnägel zum Belegen laufenden Gutes befestigt sind.
*Naht*, die,
bedarf nur im Sinne von Decksnaht einer Erklärung, indem es die Fuge zwischen zwei Decksplanken bedeutet. Es hat also mit nähen keine Gemeinschaft, kommt vielmehr vom althochdeutschen hnôjan, nuoen = einsetzen, genau zusammenfügen; davon althochdeutsch hno, nô, nua, nuo, nuoha = Fuge, schmale Ritze, Nut. Dieses Nut wäre die richtige Form des Wortes, wie es unsere Handwerker auch täglich gebrauchen, Naht aber ist auch eine der vielen Verdunkelungen, die von Unkundigen bei der Aufnahme ins Hochdeutsche verschuldet worden sind.
*Nahrungszweig, erlaubter*,
nennt man wohl scherzhaft die Seefahrt. Wenn einer ihrer bei andauernd schlechtem Wetter oder sehr langem Seetörn recht müde ist und sie verwünschen möchte, so fängt er wohl mit einer Verwünschung an, unterbricht sich dann aber und sagt: »na, sie ist ja aber ein erlaubter Nahrungszweig.« Der Ausdruck stammt aus der alten Litanei, die auf Schiffen, wo ein Pfarrer ist, an Bord und in den Marinekirchen am Lande am Bußtag gebetet wird und bis vor Kurzem eine Fürbitte enthielt für Bergbau, Handel, Seefahrt »und andere erlaubte Nahrungszweige.« Das Gebet ist also zu einer Zeit verfaßt, in der die Seefahrt vielfach als unerlaubter Nahrungszweig, als Seeräuberei, betrieben wurde.
*Navigationsoffizier*, der,
ist an Bord der Kriegsschiffe der Offizier der alles unter sich hat, was zur Navigation im engeren Sinne gehört, dessen Aufgabe vor allen Dingen die Bestimmung des Mittagsbestecks ist, der überhaupt die astronomischen Beobachtungen anzustellen und zu leiten hat, der das Meteorologische besorgt, unter dessen Verantwortung die Chronometer bedient werden, der die Karten- und Instrumentenkammer unter sich hat, also einen verantwortungsvollen Posten bekleidet. Daher wird ein älterer Offizier dazu genommen, der nächste nach dem ersten Offizier; er ist wachfrei und hat auch sonst mit dem Schiffsdienst weniger zu tun, damit er sich ganz seiner besonderen Aufgabe widmen könne. Unter ihm steht mit seinen Maaten und Gasten der Steuermann, den man bei der Marine eine Zeit lang Navigations-Bootsmann nannte; nicht sehr glücklich, so daß man erfreulicherweise bald wieder davon abkam. Das Fremdwort Navigation war schon früh im Gebrauch. Waghenaer gebraucht es schon 1588: »Alsoo onse particuliere Zee-Caerten die wy vande Westersche, Oostersche ende Noordtsche navigatien, eensdeels hebben laten vtgaen ende d'andere (met Godes hulp) mede van meyninghe syn eerstdaechs int licht te doen brenghen« ...
*Napier'scher Turm*, der, s. Turm.
*Neer*, das,
heißt das fallende Wasser, der Ebbstrom, der zurückfließende, rückläufige Strom, das Wasser, das durch irgend ein Hindernis eine der Hauptströmung entgegengesetzte Stromrichtung erhält, wie dies bei der vorspringenden Stelle eines Ufers, bei einer Sandbank etc. etc. geschieht; niederländisch neer, neere = Gegenstrom. Doornkaat dürfte mit seiner Vermutung recht haben, daß neer Zusammenziehung von neder = niedrig sei, indem Ebbestrom das ursprünglich Ausschlaggebende war, und der hat niedrig Wasser im Gefolge.
*Nehrung*, die,
Name der langen, schmalen Halbinsel an der preußischen Ostseeküste. Weil Nehrung eine schmale, also auch enge Landzunge ist, so hat man an das altsächsische narn enge gedacht. Da aber eine solche Landzunge leicht Änderungen in der Strömung, Strudel und dergl. erzeugt, so wäre in Betracht zu ziehen, ob wir hier nicht eine Weiterbildung von Neer (s. d.) vor uns haben.
*Nes*, die,
auch Nesse, Halbinsel, Vorsprung, Landzunge, Name der Halbinsel Nesse bei Emden, der Ortschaft Nesse bei Norden; englisch ness, in Sheerness; altnordisch, norwegisch nes; schwedisch näs, dänisch nes, naes Vorgebirge, Kap; Lindesnäs und andere. Das Wort ist kein anderes als die niederdeutsche Form für unser hochdeutsches Nase.
*Niklausse-Kessel* s. Kessel.
*Niederdruckmaschine* s. Maschine.
*Niederholer*, der,
ist ein laufendes Tau, das an solchen Segeln angebracht wird, die, wenn ihr Fall losgemacht ist, nicht von selbst sinken, sondern, eben mit Hilfe des Niederholers, niedergeholt werden müssen. Er wirkt in der entgegengesetzten Richtung des Aufholers. Klüver und Stagsegel haben dergleichen Niederholer.
Auch gibt es Niederholer für die Bramrahe und Oberbramrahe, die mit diesem Niederholer an Deck bezw. in den Mars niedergeholt werden.
*Nipflut*, die
= niedrige Flut. Das niederdeutsche Zeitwort nippen heißt mit dem Kopfe nicken, den Kopf sinken lassen. Dem entspricht das Hochdeutsche nippen, den Kopf öfters sinken lassen um in kleinen Schlucken zu trinken. Mittelniederdeutsch nipen sinken, niedergehen, heruntergehen, sich senken. Ein niederdeutsches Substantiv nip heißt Nicken, das Sichneigen des Kopfes. Von dem allgemeinen Begriff *niedergehen* kommt das angelsächsische nipan = obscurari, weil niedergehende Gestirne dunkel werden, bezw. dunkel machen. Es ist also Nipflut mit »niedrige« Flut zu übersetzen.
Breusing mochte dieses Wort vergl. »Gezeiten«, nicht leiden, weil er es für englisch und deutschen Seeleuten unverständlich hielt. Er möchte dafür »taube Gezeit« eingeführt sehen. »Man unterscheidet Springzeit und taube Gezeit in ähnlichem Sinne, wie man leere, taube Schoten von denen unterscheidet, die aufspringen, wenn sie voll und reif sind.« Es hat sich aber Nipflut so in der wissenschaftlichen Welt eingebürgert, daß an ein Verdrängen nicht zu denken ist. Nach obigem ist es auch gar nicht so ausschließlich englisch wie Breusing dachte; ebensowenig wie tide (s. d.) englisch ist.
*nisseln*,
fein, sanft, langsam regnen, so daß keine großen Tropfen, ja überhaupt kaum Tropfen, sondern kaum etwas mehr denn feiner Nebelregen herniederkommt. Das niederdeutsche Zeitwort nüsseln heißt langsam sein, zaudern, säumen, nicht vorwärts kommen, nichts beschicken, keine ganze Arbeit tun. Offenbar ist letzteres auch die Bedeutung von nisseln = regnen, ohne daß es ganzer, richtiger Regen ist, regnen mit halber Kraft, mit halber Arbeit. Nüsseln könnte gleich nüsteln sein, und dieses ist gleich nesteln, kleine, tiftelige Arbeit tun, Arbeit die viel Zeit braucht, ohne daß sie viel zu Stande bringt.
*Nitsel*, das,
auch Nitzel geschrieben, heißt ein dünnes, kurzes, getakeltes Stücken Garn, mit dem die Seeleute ihre Wäsche an der Wäschejolle zum Trocknen aufhängen oder vielmehr festbinden, besonders aber das Bändsel oder Nestel, mit dem man die Hängematte zusammennestelt, zurrt. Für Nestel hört man wohl auch Nistel und davon ist Nitsel eine einfache Umstellung.
*Nock*, die,
die spitze Ecke eines Segels, die äußerste Spitze einer Rahe. Weiland: »Nok een woord, dat in het gemeen het opperste toppunt van iets, het niderste einde schijnt beteekend te hebben. In het bijsonder is het in gebruik voor het opperste van het dak.« Auch im Niederdeutschen wird es für First gebraucht; norwegisch nuk, Bergspitze.
Die Grundbedeutung ist biegen, beugen, krümmen, in einem Winkel sich umbiegen, eine scharfe Ecke bilden. So hieß also zuerst die äußerste Ecke des Segels Nock, und von ihr ist der Name auf den nächstbenachbarten äußersten Teil der Rahe übergegangen; wie umgekehrt der Name Klau vom Ende der Gaffel auf den benachbarten Teil des Segels überging.
Da durch das Nicken eine Biegung und Krümmung entsteht, so wird Nock zu nicken zu stellen sein und als verwandt mit Nacken und Genick angesehen werden müssen.
*Nockgording* s. Gording.
*Normandkessel* s. Kessel.
*Normalnull* s. Nullpunkt.
*Normänner*, die,
heißen zwei querschiffs stehende an den Betings befestigte eiserne Arme, dazu dienend, den Betingschlag der Ankerkette frei von Deck und die beiden Parten frei von einander zu halten. Früher war ein Normanne ein Stück Holz zur Befestigung des Ankertaus; der Name stammt aus England, wo man die Vorrichtung für so alt gehalten haben muß, daß sie noch von den alten Normannen, die mit Wilhelm dem Eroberer nach England kamen, abstammend angesehen wurde.
*Notschuss*, der,
ein Schuß den ein Schiff in Seenot abfeuert um Hilfe herbeizurufen. Er hat natürlich nur Sinn und Zweck, wenn überhaupt eine Küste nahe ist und wenn sich an ihr Rettungsmittel befinden, die auf den gefeuerten Kanonenschuß hin bereit sind, in Tätigkeit zu treten.
*Null!*
hört man an Bord oft rufen wenn Beobachtungen oder Messungen vorgenommen werden bei denen es darauf ankommt, einen genauen Zeitpunkt zu haben. Es gehören zwei zu solcher Messung, einer der das Meßinstrument und einer der die Uhr im Auge hat. Sobald der bestimmte Zeitpunkt da ist, wird in demselben Augenblick kurz, laut, scharf Null! gerufen; man könnte auch irgend einen anderen Ton von sich geben, aber dieser ist kurz und deutlich und daher einmal als zweckentsprechend eingeführt, zuerst natürlich, weil der genannte Augenblick als Nullpunkt für die Berechnung dienen sollte.
*Nullpunkt*, der,
Dick und Kretschmer I. 232: »Die Pegel der Hafenplätze beziehen sich auf das mittlere örtliche Niedrigwasser. Werden die Nullpunkte jedoch in Verbindung gebracht mit dem Normal-Null, gleich dem Amsterdamer Null oder dem mittleren Wasserstande der Ostsee, gleich 37 m unter dem Normalhöhenpunkte der Sternwarte in Berlin, dann ergibt sich das Folgende: Der Nullpunkt des Pegels liegt unter Normal-Null
in Wilhelmshaven 0,578 m " Bremerhaven 2,075 " " Brunsbüttel 0,230 " " Holtenau 0,330 " " Cuxhaven 3,639 "
O.
*Ocean*, der,