Etymologisches Wörterbuch der deutschen Seemannssprache

Part 33

Chapter 333,521 wordsPublic domain

früher Segelbaum, Baum der die (Rahen und durch sie die) Segel trägt. Ursprünglich hieß Mast überhaupt Baum, Baumstamm, denn das angelsächsische mäst, das das älteste Zeugnis für das Vorkommen des Wortes ist, bedeutet Baumstamm; die Taube nach der Sündflut setze sich auf »treoves telgum torhtum moste«. Es ist also anzunehmen, daß Mast im seemännischen Sinne ein Wort ist, das die Angelsachsen mit in ihre neue Heimat genommen haben. Mit ihrer Sprache war die der alten Friesen, von denen viele mit übers Meer gezogen sind, nahe verwandt, es darf daher für wahrscheinlich erklärt werden, daß auch sie das Wort Mast besaßen, und daß -- schon im Althochdeutschen -- von Friesland aus das althochdeutsche segilbaum durch mast wegen seiner Kürze bei den die Einsilbigkeit so sehr liebenden Seeleuten verdrängt worden ist. Segilbaum war aber ein so schönes und bezeichnendes Wort, daß es, wenigstens im Binnenlande, nie ganz außer Uebung gekommen ist; es paßte so schön zu Segelstange = Rahe, ja zu den Zeiten Piet Heyn's kam es vor, daß man für Mast selbst Segelstange sagte, was aber vielleicht Segelstänge lautete und bedeutete, also das was jetzt kurzweg Stenge heißt. »Sobald der Admiral unterdessen die Top-Flagge von seiner vorderen Segelstange wehen ließ, begaben sich die sieben Chalupen in aller eil nach den vier Schiffen« ... (durchl. Seehelden II. 64.) Zeitweilig war auch das pleonastische Maßbaum bei Seeleuten in Gebrauch, wie es von Nichtseeleuten heute noch gehört werden kann. Es wird Zeit, daß auch diese sich mit Mast begnügen, da es ja Baum bedeutet. Im Mittelniederländischen und Mittelniederdeutschen kam freilich öfter mastboom, mastbom vor; so nannte man sogar auch einen noch grünenden und wachsenden Baum, nämlich den zur Mast der Schweine dienlichen Baum, die Eiche; Beweis, wie jeder die Welt aus dem Gesichtswinkel seiner eigenen Angelegenheiten ansieht.

Vom Schiff aus hat sich der Mast auch über das feste Land verbreitet als Flaggenmast, Exerziermast, Signalmast.

Natürlich spielt ein so wichtiges Stück der Seemannssprache auch im übertragenen Sinne seine Rolle; man denke nur an das holländische Sprichwort: »Er kunnen geene twee grooten masten in een schip syn« d. h. nur einer kann im Hause das Regiment führen.

Über *Mastkorb* s. Mars.

*Matrose*, der,

ein befahrener Seemann. Vordem hieß ein solcher Schiffsknecht, Schiffsknabe, Schiffskind, im Gegensatz zum Kapitän, dem Schiffer oder Schiffsherrn. Die Gesamtheit der Matrosen hieß Schiffskinder oder Schiffsvolk; ihre Kleidungsstücke und sonstigen Sachen Schiffskindergut. Das Wort Matrose ist erst im 17. Jahrhundert ins Hochdeutsche gekommen, und zwar aus dem Niederländischen; matroos hieß und heißt es da. Und dieses matroos geht wieder auf das Französische zurück, wo uns im 13. Jahrhundert die Formen mathelot, matelot, matenot begegnen. Es fragt sich aber: woher stammen diese? Und was ist die Bedeutung?

Es liegen nicht weniger als vier verschiedene Deutungen vor.

1. Hat man an das altniederländische maatgenot, Maatgenosse gedacht; aber wenn man sich auch -- zumal maatgeselle vorkommt -- über die Tautologie hinwegsetzen kann, so erregt der Umstand doch Bedenken, daß weder maat für sich noch genot für sich im Französischen Aufnahme gefunden haben, die Verbindung beider kann also keinesfalls in dieser Sprache sich vollzogen haben.

2. Hat man versucht, das Wort mit Mast in Verbindung zu bringen, so daß ein Matrose als ein Mann zu denken wäre, der am Mast seine Hauptarbeit hat. Ein an sich anziehender Gedanke, aber schon Dietz hat darauf aufmerksam gemacht, daß dann im Französischen des 13. Jahrhunderts mastelot stehen müßte. Darum ist Dietz 3. auf das lateinische matta = Binsenmatte verfallen und erklärt das Wort aus mattarius, was einen Mattenmann bedeuten soll, einen der mit einem anderen auf oder unter einer Matte schläft, oder einen der sich überhaupt auf einer Matte sein Lager zurecht macht. Hier müßte vor allen Dingen der Gedanke an eine Hängematte ausgeschieden werden, die einmal gar keine Matte ist und die es überdies erst seit der Entdeckung Amerikas gibt. Die Erklärung hat dann insofern etwas Verlockendes als man annehmen könnte, das auf dem Wege vom Mittellateinischen ins Französische verloren gegangene r sei auf dem Wege vom Französischen ins Niederländische, vielleicht in Folge einer alten Erinnerung, wieder zu seinem Rechte gelangt. Ob aber das Schlafen auf einer Matte etwas dem Seemann so Eigentümliches ist, daß er davon sollte den Namen empfangen haben? Es schlafen sicher an den Küsten des Mittelmeers noch andere Leute auf Matten, wie sollte gerade der Seemann ein besonderer Mattenmensch sein?

4. Müllenhoff ist der Meinung, der alten französischen Form liege das altnordische mötunautr zu Grunde, auch matunautr. Ihm stimmt Kluge bei unter Annahme normannischer Vermittelung. Das käme dem Sinne nach auf Nr. 1 hinaus, nur daß dann die Verbindung geschehen war, ehe die Nordmänner das Wort nach Frankreich getragen haben, so daß auf diese Weise die unter 1. erwähnte Schwierigkeit beseitigt wäre. Matunautr heißt ins Niederländische übersetzt allerdings maatgenot und bedeutet, maat in seinem ursprünglichen Sinne (von gimazo) genommen, Eßgenosse; eigentlich Tischgesellschaftsgenosse. Der dreifache Ausdruck desselben Gedankens darf dabei nicht stören, ein solcher kann eintreten, wenn einer der drei nicht mehr als solcher empfunden wird oder gar, wie hier, wo das gi (= cum) von gimazo bereits geschwunden war, für das Sprachgefühl des Volkes gar nicht mehr in Betracht kommt. (So steckt z. B. auch in dem alten kymryschen Namen für Ostsee morimarusa ein dreifacher Pleonasmus, Meermeersee, wobei sa nicht als See, sondern wohl nur als Endung empfunden ward.) Matunautr ist offenbar die Form aus der matenot entstanden ist, welche Form sich, wie erwähnt, bereits im 13. Jahrhundert in matelot umgebildet hatte. Welche Einflüsse nun bei der Übernahme ins Niederländische die Verschiebung in matroos verursacht oder gefördert haben ist unschwer zu erkennen. Man hat zunächst an den Plural matelots zu denken und daran, daß die Holländer heute noch gerne das stumme Schluß-s der Franzosen mit aussprechen. So war matlos gegeben; l und r aber wechseln so häufig mit einander, daß ganze Völkerschaften gar nicht wissen, ob sie l oder r sagen. So war die Form matros, matroos ein Plural, was aber bald vergessen ward, so daß schon im Niederländischen und erst recht bei der Aufnahme ins Deutsche ein neuer Plural auf en gebildet werden konnte.

Daß aber eher vom gemeinsamen Essen der Name kommen konnte als vom gemeinsamen Schlafen, ist -- trotz Kamerad und Geselle -- dem nicht zweifelhaft, der bedenkt, eine wie große Rolle das Essen überhaupt im Leben -- man denke an Genosse, Kumpan, Kompagnie, Maat und Messe -- so auch besonders im Bordleben spielt, und der weiß, daß an Bord heute noch die Leute in Backschaften d. h. Eßgenossenschaften eingeteilt sind. So ist es unzweifelhaft, daß auch auf den Schiffen der Nordmänner die Männer in mötuneyti, in Eßgenossenschaften, besser in Genossenschaften eingeteilt waren. Ein solcher »Genosse« hieß matunautr, Backsgenosse, Backskamerad.

Im 17. Jahrhundert wurde zwar schon Matrose gesagt, aber daneben auch noch von Bootsleuten und Bootsgesellen in ganz gleicher Bedeutung gesprochen. Zu einer Flotte Piet Heyn's gehörte z. B. nach den »Durchläuchtigsten Seehelden« II. 71: »das Schiff Harlem, von zweyhundert und achtzig Lasten, mit zwey Metallinen, zwey und zwanzig eisernen, und acht Steinstücken, und achtzig Bootsleuten bemannt; das Schiff Leiden zweyhundert und dreyssig Last groß, worauf zwey Metallene und zwey und zwantzig eiserne und 8. Steinstücken und fünff und siebenzig Matrosen; der schwarze Löw, hundert und achtzig Last groß, mit vier und zwantzig Stücken Geschütz (oder Götelingen) vier Stein Stücken, und siebentzig Bootsgesellen.« Bemerkenswert ist, daß nach Halbertsma im Friesischen der Matrose auch siler heißt (englisch sailor).

Ein altes gutes deutsches Wort für Matrose, ja noch besser und bedeutungsvoller als dieses ist Seemann. Es deutet mehr den dauernden seemännischen (Lebens-)Beruf an. Wenn ein Binnenländer freiwillig bei der Marine eintritt und von dieser zum Kriegsdienst an Bord ausgebildet wird, so heißt er zwar auch Matrose, aber Seemann ist er darum doch noch nicht, das ist nur der, der auch in seinem Zivilverhältniß die Seefahrt als Beruf betreibt.

*Maus*, die.

Man sollte annehmen, daß dieses Substantivum in seiner Bedeutung nahe verwandt wäre mit einem ebenfalls seemännischen Zeitwort *mausen*. Es gehen jedoch die Begriffe zunächst sehr weit auseinander. Eine Maus ist eine knotenförmige Verdickung eines Taus an einer Stelle, wo ein um das Tau gehendes Auge am Zuschlieren verhindert werden soll oder einer Zeising fester Halt soll verliehen werden, daß sie nicht rutschen kann; diese Maus wird auf die Kabelaring gesetzt, jene auf das obere Ende des Stags, wo das Stagauge aufzuliegen kommt. Mausen aber heißt die offene Seite eines Blocks so schließen, daß er nicht aushaken kann; es geschieht mit Kabelgarn, das mit einem Schnitt leicht wieder zu entfernen ist.

Beide Wörter haben mit Maus und mausen im hochdeutschen Sinne gar nichts zu tun, sie stellen vielmehr eine sehr irreführende hochdeutsche Verdunkelung eines sonst ganz klaren niederdeutschen Wortes dar, wobei es lehrreich ist zu sehen, wie Maus und mausen je eine besondere Seite der beiden in dem niederdeutschen Worte möten liegenden Begriffe entwickelt haben; möten heißt nämlich zunächst einfach »zusammenkommen«, zusammentreffen, begegnen, aber es ist eine vox media, das Zusammentreffen kann im günstigen, es kann auch im ungünstigen Sinne gemeint sein und im letzteren Falle »Widerstand leisten«, hemmen, hindern bedeuten. Und nun bedeutet das niederdeutsche Zeitwort möten --mausen -- das Zusammenkommen der beiden Teile eines Hakens, das Zusammentreffen des offenen Teiles mit dem anderen Teil in der Kabelgarnzeising. Das niederdeutsche Hauptwort möte aber bedeutet Hemmung, Hinderung. Dadurch, daß ein Block gemaust wird, wird er auch gehemmt und gehindert, nämlich am Aushaken, aber deutlicher wird doch das Bild, wenn wir den Begriff »zusammenkommen, sich vereinigen« festhalten, zumal alle Sprache Bildersprache war.

Es ist also anzunehmen, daß die Maus ursprünglich, als das Hochdeutsche noch nicht dazwischen gekommen war, möte hieß, mausen aber möten. Daß man überhaupt auf eine »Uebersetzung« durch Maus kommen konnte, mag seine Erklärung, also seine Entschuldigung darin finden, daß möte altsächsisch muot, mittelhochdeutsch muot, auch muoz und moz hieß.

*Meer*, das.

Ein gemeingermanisches Wort, dessen uns bekannte älteste Form mari ist. Es ist behauptet worden, daß es aus der indogermanischen Wurzel mar, sterben, entsprossen, also mit morior und Mord verwandt sei, weil das Meer im Gegensatz zum Festlande mit seinem reichen Leben, Grünen und Blühen als tot anzusehen ist. Nun hat man zwar in grausamem Scherz die Nordsee wohl Mordsee genannt und kennt auch ein »totes Meer«, aber das Meer als solches ist keineswegs tot, sondern in mehr als einer Beziehung sehr lebendig. Wer je mit ihm in nähere Verbindung gekommen ist, und wie innig haben die alten Naturvölker sich mit dem Meere vertraut gemacht, der weiß auch, welch ein unendliches Leben und Weben, welch ein Sichregen und Sichbewegen, welch eine Fülle von Mannigfaltigkeit und Abwechslung das Meer bietet, das niemals dasselbe ist, nie einförmig, nie »tot.« Die Bezeichnung »totes Meer« hätte ja auch gar keinen Sinn, wenn für das Volksbewußtsein jedes Meer ein totes Meer wäre. Im Gegenteil, gerade im Lande des toten Meeres hat der Dichter des 104. Psalms gesungen: »Das Meer, das so groß und weit ist, da wimmelt's ohne Zahl, beide, große und kleine Tiere«.

Wir müssen nach einem anderen Etymon suchen. Nun gibt es noch eine andere Wurzel, die zwar mit jener den gleichen Laut und die gleichen Buchstaben hat, aber einen ganz anderen Sinn: mar, glänzen, schimmern, leuchten, strahlen. Davon kommt das griechische Zeitwort marmairo, flimmern, funkeln, und Marmor, ein glänzender Stein. Nun braucht einer noch gar nicht das zauberische Meerleuchten einer Nacht im karaibischen Meere gesehen zu haben, er braucht nur einmal gegen Abend »am einsamen Fischerhause« gesessen und die Augen aufgetan zu haben, wie »das Meer erglänzte weit hinaus«, so wird er nicht mehr an den Tod, sondern an das Leben, an ein reiches glänzendes Leben denken.

Man bedenke auch das andere Wort für Meer: See. Das ist doch nahe verwandt mit Seele, von derselben Wurzel su, bewegen, regen, beleben. Da haben wir das Gegenteil von Tod. Sollte das Meer einmal vom Tode, das andere Mal vom Leben den Namen empfangen haben?

Ist unsere Deutung von Meer richtig, so ist Meer mit Mähr und Mährchen verwandt; mari als etwas von der Sonne beschienenes ist nicht nur leuchtend sondern auch berühmt und bekannt; daher althochdeutsch mari, mittelhochdeutsch maere = Kunde, Bericht, Erzählung.

Der Name Margarete kommt ohnehin von Meer, denn »Perle« ist eigentlich Meergries, Korn des Meersandes; also ein echt seemännischer Name.

Ein namhafter Erforscher des Keltischen nahm keltischen Ursprung von Meer an. Er verglich die keltischen Ortsnamen uralter Herkunft: Morini, Amorica, Morimarusa (Ostsee), Morbihan und führte die Formen an: kymrisch, kornisch und Breizonek (Mündung der Loire) mor; gadhelisch (d. h. dem Gälischen [Hochschottischen] und Irischen gemeinsam) muir, Genetiv mara. Uns genügt das althochdeutsche meri, mere (gotisch marei, angelsächsisch mere).

*Meile*, die.

Wenn der Seemann von Meile spricht, so meint er natürlich Seemeile, einer Gradminute entsprechend. Eigentlich bedeutet es aber 1000, nämlich 1000 Schritte, milia passuum; italienisch der miglio, Plural miglia, milia ausgesprochen; es mag eine dunkle Erinnerung an die Herkunft sein, die den Seemann veranlaßt, niemals Meile, sondern immer »Mill« zu sagen.

*Meridian*, der,

oder Mittagskreis, von meridies, der Mittag, heißt am Himmel derjenige gedachte größte Kreis der Sphäre, welcher durch beide Weltpole und den Scheitelpunkt eines bestimmten Ortes geht.

*Merk*, das,

war früher = Landmarke, wird aber jetzt nur selten noch in diesem Sinne, etwa noch in der Verbindung »das ist ein gutes Merk« gebraucht. Sonst ist die Bedeutung darauf zusammengeschrumpft, daß es ein Kennzeichen an irgend einer Sache ist, an dem man sich etwas merken will, etwa einen Strich oder einen Streifen bildend. »Etwas mit einem Strich oder Streifen versehen«, das ist ja die uralte Bedeutung des unserem Mark zu Grunde liegenden Stammes, und Mark heißt zunächst nur Zeichen, dann Kennzeichen, Grenzzeichen, Grenze, davon Markgraf und marquis, spanisch marques, italienisch marchese.

Merk ist die niederdeutsche Form für Mark. Im Seebuch (1400) heißt es merk und merke.

Mark als Münze bedeutet ein bestimmt abgeschätztes und gekennzeichnetes, mit einer Marke versehenes Goldstück.

*Messe*, die,

ist der Raum eines Schiffes, in dem die zu einer solchen Messe Vereinigten sich, besonders zum Zwecke der gemeinschaftlichen Einnahme der Mahlzeiten, zu versammeln pflegen, weshalb auch nicht nur der Raum, sondern auch die Gemeinschaft derer die darinnen heimatberechtigt sind, Messe heißt. Man spricht von einer Offiziermesse, einer Kadettenmesse, einer Deckoffiziermesse. Macht das Offizierkorps eines Schiffes Besuch, so wird eine Karte abgegeben: »Die Offiziermesse S. M. S.« ... Ein Mitglied der Messe wird zum Messevorstand erwählt. Nicht als ob dieser dann den Vorsitz bei Tische zu führen hätte, der steht auf Kriegsschiffen stets dem I. Offizier zu, er hat vielmehr die Verwaltung des gemeinschaftlichen Vermögens, die Beschaffung der Vorräte, überhaupt die ganze Verpflegung unter sich. Zum Essen gehört das Trinken. Daher wird ein anderes Mitglied der Messe beauftragt, die nötigen Getränke zu beschaffen und zu verwalten; das ist der Weinvorstand oder Vorstand der Weinmesse.

In den Garnisonen des Königreichs Hannover hatten die Offiziere von der Verbindung mit England her ihre Messen. Sonst ist das Wort, wie es scheint, in Deutschland auf die Seemannssprache beschränkt geblieben.

An Erklärungen fehlt es nicht. Es gibt deren eher zu viele als zu wenige.

1. Von vornherein als ausgeschlossen zu betrachten ist der Gedanke an den katholischen Cultus und seine Messe; wenigstens in Bezug auf die landläufige Deutung dieses Wortes, nach der es von dem Zuruf des Priesters an diejenigen, welche nicht berechtigt waren an dem Hauptstück des Gottesdienstes teilzunehmen: »ite, missa est concio!« kommen soll.

2. Weil bei Kirchmessen zahlreiche Andächtige zusammenkamen, so fanden sich auch Leute ein, die etwas zu verkaufen oder zur Schau zu stellen hatten. So entstand ein Markt, der Messe genannt ward und diesen Namen behielt als die Kirchmesse wegfiel; Frankfurter Messe, Leipziger Messe. Daß auch hiermit, trotz des »Zusammenkommens« der Leute, unsere Messe nichts zu tun hat, liegt auf der Hand.

3. Weit eher könnte man an Herkunft von dem lateinischen mensa, der Tisch, denken, weil die Hauptsache bei der Messe in der Tat der gemeinsame »Tisch« ist. Wirklich heißt im Gothischen der Tisch auch mes; man könnte auch das spanische meza zu Hilfe nehmen. Diese Deutung wäre denkbar auch für den Fall, daß die ältesten Messen gar keine Tische gehabt hätten, da das gotische mes nicht nur Tisch, sondern auch Schüssel heißt. Aber es fehlen für das Wort die Zwischenglieder vom Gotischen zum Niederdeutschen, und hier ist Messe doch ausschließlich heimisch.

Zeugnisse für die Herkunft aus dem Spanischen liegen nicht vor, im Gegenteil, das Wort ist im niederdeutschen Sprachgebiete gezeugt, ehe Spanien in Betracht kam. Überhaupt dürfen wir nicht in die Ferne schweifen, solange eine näherliegende Erklärung im Deutschen sich darbietet. Aus diesem Grunde muß auch

4. Eine Deutung aus dem Französischen beanstandet werden, nach der das Wort Messe von mets, altfranzösisch mes kommen soll. Diese beiden heißen »Gericht, Speise«, nämlich im Sinne von »Aufgetragenes«, (aus der Küche in den Speisesaal) »Geschicktes«, von mitto ich schicke. Die ziemlich alte Schreibung mets für mes erklärt Dietz für eine etymologische, um das Wort an das Zeitwort mettre zu knüpfen.

5. Man könnte auch an das althochdeutsche massenie, messeni denken, welches Hofstaat, Gefolge eines Fürsten bedeutet, so daß die Messe als »Stab« des Kommandanten gedacht wäre. Dieses messenie kommt von mansio, die Behausung. Und sprachlich könnte Messe um so eher davon abstammen, als Meßner = Küster davon herkommt, althochdeutsch mesinari, mittelhochdeutsch messenaere, mittellateinisch mesenarius, mansionarius; es könnte sogar mansio als Behausung in Messe stecken.

Doch wir wenden uns zum germanischen Sprachgebiet.

6. Hier tritt uns zunächst ein Zeitwort entgegen, das »zusammenkommen« bedeutet und deswegen vielleicht in Betracht kommen könnte, weil die Messe ein Zusammenkunftsort ist. Altfriesisch meta, angelsächsisch metan, altenglisch meten, altniedersächsisch motian, englisch meet. Aber gerade der Umstand, daß dieses meet sein t unverschoben bewahrt hat und nicht zu s werden ließ, verbietet uns mess mit meet zusammenzubringen.

7. In unseren fortgeschrittenen Zeiten, in denen namentlich auch die Ernährung an Bord so viel besser geworden ist, wird in der Messe nicht jedem sein Teil zugemessen. Zu Zeiten aber, wo das Essen oft recht knapp war und wo mancher vielleicht bei dem Worte Messe an das altfriesische Zeitwort missa = entbehren zu denken geneigt war, da mag wohl ein Einteilen und Zumessen nötig gewesen sein. Man könnte daher an das althochdeutsche Zeitwort mezzan, messen, denken, angelsächsisch metan. Dann wäre Messe eines Stammes mit »Mutter«, denn Mutter bedeutet die Abmesserin, die Zuteilerin, »die Spendende«, neben dem Vater als dem »Beschützenden«. In der Tat kommt dieses Wort in Betracht. Doch nicht so, daß Messe unmittelbar von messen käme, es kommt vielmehr noch ein Mittelglied in Betracht und es liegt noch ein weiter Weg dazwischen.

8. Das Essen, die Speise heißt gotisch mats, althochdeutsch maz, altniederdeutsch meti, angelsächsisch mete, altenglisch mete. (Weil das Fleisch ein so wichtiges Essen ist, so hat sich im Englischen und Niederdeutschen meat, met für eßbares Fleisch eingebürgert.) Altfriesisch mede, met, mat und meyt = Speise: *Essen und Trinken*. Hierzu ist zu vergleichen der altdeutsche mesiban, d. h. der Eßbann, das Speiseverbot, ein scharfes Verbot, einem Verbrecher Speise zu reichen.

In der Mainzer Beichte, einer Handschrift aus dem X. Jahrhundert in Wien, heißt es: »Ih gihun gode almahdigen unde allen godes engilon« ... gesündigt zu haben »in uncîdin sclâphun, uncîdin uuachun, in uncîdigimo mazze, uncîdigimo dranche« ... Unser neuhochdeutsches Wort Messer hieß althochdeutsch messisahs, also eigentlich »Eßschwert.«

Dementsprechend erhielt sich im Mittelniederdeutschen sehr lange das Wort mess für Speise. Im Lübecker Zunftrecht steht die Bestimmung: »Men schall nener hande kramgued vthsetten des sondages vnd aposteldages, vthgenahmer koken unde messwerk.« Doch hatte sich damals mess, dessen ursprünglicher Vokal a war, schon daneben über moes in mos, ja in mus verschoben. Letztere Form ist besonders bekannt aus der Verbindung musdel, Musteil; so nannte man den Teil an Lebensmitteln der beim Todes Mannes der Witwe zufiel; erstere in der Verbindung moshus = Speisehaus, Speisesaal. Hernach hat sich mus als breiartige Speise weite Verbreitung verschafft, und wenn unser Sammelwort Gemüse auch jetzt auf Pflanzenspeisen eingeschränkt ist, so hat es in diesem Sinne desto unbestrittener Geltung erlangt. Natürlich ist auch Mast damit verwandt, denn Mast heißt auch nichts weiter als Speise, Futter, Fütterung, Mästung und dieses hat erst in weiterer begrifflicher Entwickelung die Bedeutung »Fettmachung« erhalten; wovon mästen, das heute noch in Ostfriesland messen heißt.

Vom angelsächsischen Hauptwort mete dagegen hat sich das angelsächsische Zeitwort metsian, mesan, altenglisch metsien = essen, gebildet; wobei in Betracht zu ziehen ist, daß heute noch im Englischen to mess = zusammen essen ist, so daß also der Begriff des gemeinschaftlichen Essens sich bis auf diesen Tag erhalten hat. Das ist aber ursprünglich nicht, oder doch nicht immer geschehen, denn schon im Altsächsischen hieß mesa der Speisekorb, der Futterkorb; desgleichen im Altnordischen meis. Man saß also von Alters her an Bord um Futter- oder vielmehr Speise-Behälter herum, also um »Backen« im ursprünglichen Sinne. Die Gemeinschaft derer die dergestalt zusammen aßen hieß »Meßgesinde«. Das wird uns zum ersten Male durch die Freiheiten der Stadt Brügge für deutsche Kaufleute vom Jahre 1309 bezeugt: »Vord dat die vorseide coopmanne moghen hebben alrehande vitaelge ende alle maniere van dranke, die si bringhen bi der zee, ute ghesteken wyn onder hem ende hare maisniede te verteerne, binnen haren herberghen zonder assise daer of te ghevene, up dat sy 't niet vort verkopen«. Für maisniede kommt im Flämischen auch meyssenye, messniede, maysinede vor. Das altnordische meis klingt hier deutlich durch. Der germanische Ursprung ist also unzweifelhaft, und auch dieses Wort ist im seemännischen Sinne nicht in England, sondern in den Niederlanden zuerst gebraucht worden.

Es hat eine ähnliche Bedeutungsentwicklung wie Bursche, spätmittelhochdeutsch hieß burse Geldbeutel, Börse, Kasse; dann gemeinschaftliches Wohn- und Kosthaus der Studenten, wo sie aus gemeinschaftlicher bursa lebten; dann zuletzt studentische Genossenschaft, deren einzelnes Mitglied ebenfalls Bursche genannt wurde.