Etymologisches Wörterbuch der deutschen Seemannssprache

Part 3

Chapter 33,496 wordsPublic domain

Daß Arbeit, wie Doornkaat gemeint hat, aus der Vorsilbe ar und dem althochdeutschen Zeitwort peitjan, gebieten, kommen soll, will nicht einleuchten, schon weil in deutschen Mundarten Arbeit vielfach Arwed heißt, mit dem Ton auf dem ganz langen A und sehr kurzem e, (angelsächsisch earfod, earfede) und das bedeutete doch eine gar zu starke Tonverschiebung. Man hat auch an die in aro, ich pflüge, liegende Wurzel, also an die erste aller Arbeiten, die Feldarbeit, gedacht (»im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen«), allein ein anderer Gedanke liegt näher: In uralten Tagen überließ der freie Deutsche alle Arbeit dem Unfreien. Daher liegt in dem Worte Arbeit, das mit altslovenisch rabu = Knecht, mit böhmisch rabota = Arbeit, Knechtsarbeit und mit dem vorgermanischen orbho = Knecht, zusammenhängt, leider nicht der Begriff freier, fröhlicher Mannesarbeit, sondern der der seufzenden Knechtesarbeit, der Mühe, der Beschwerde, der Not, und der ist auch in der Redewendung »das Schiff arbeitet« vorhanden.

*Armada*, die.

Das spanische Wort für Kriegsflotte kommt meines Wissens im Deutschen zum ersten Male vor in dem 1565 zu »Frankfurt am Mayn« erschienenen Buche von Leonhart Frohnsperger: »Von Kayßerlichen Kriegßrechten Malefitz und Schuldhändeln, Ordnung und Regiment« x. x., aus welchem ein Abdruck der die Kriegsführung zur See betreffenden Abschnitte in der Marine-Rundschau, 1898, 2. Heft mit seemännischen Anmerkungen erschienen ist.

*Arsenal*, das,

aus dem Arabischen dar-azzana, Werkhaus, unter Carl V. und durch den damaligen lebhaften Verkehr der Deutschen mit Italien und Spanien zu uns gekommen, wie Armada (s. d.) und viele andere Mittelmeerwörter. Werkhaus erinnert an die eigentliche Bedeutung von Werft (s. d.). Nach Roeding (1794) begriff man zu seiner Zeit unter dem Namen Arsenal nicht allein die Gebäude, in welchen alle zur Ausrüstung einer Flotte erforderlichen Sachen aufbewahrt werden, sondern auch die Werftstellen, wo solche verfertigt werden, als Reepschlägereien, Segelmachereien, Stückgießereien, Ankerschmieden, Bäckereien, Schiffszimmerwerfte u. s. w. Er schreibt: »Die ältesten Arsenäle, wovon wir Nachricht haben, sind diejenigen, welche der König Salomo anlegen ließ. Eins derselben befand sich zu Joppe für seine Schiffe auf der mittelländischen See, und das andere zu Eziongeber, welches für seine Schiffe auf dem Roten Meer bestimmt war. Die Griechen und Römer hatten ebenfalls Arsenäle, wovon der letztern ihre sich zu Ravenna, Misena und Frejus, am Pontus Euxinus, am Rhein und an der Donau befanden. (Thucid. lib VII. Sueton in August. c 49, Tac. Annal. lib IV). Das berühmteste von allen See-Arsenälen ist jetzt das Venezianische, wo sogar Linienschiffe unter Dach liegen«.

*Auf und nieder*,

ein der Seemannssprache -- auch im Holländischen (op en neer), Dänischen (op og ned) und Schwedischen (up och ned) eigentümlicher, aber die Sache sehr deutlich und anschaulich treffender Ausdruck für die Richtung in der sich ein Gegenstand befindet, die wir senkrecht oder lotrecht nennen, die Rahe ist »auf und nieder« (zum Aufhissen), der Anker ist »auf und nieder«, d. h. er hängt frei am Krahnbalken, bereit entweder fallen gelassen oder gekattet zu werden. (s. Katten).

*»Auf Riemen!«*

Kommando beim Bootsrudern, veranlaßt die Bootsruderer, ihre Riemen mit dem Blatt so hoch aus dem Wasser zu nehmen, daß sie in der Richtung der Duchten (s. d.) frei in die Luft hinausragen, und sie in dieser Lage, genau ausgerichtet, so lange zu halten, bis das Kommando »Ruder an!« kommt. Es geschieht teils zur Minderung der Fahrt, teils als Ehrenbezeugung für Offiziere, während für Kommandanten und Flagg-Offiziere »Riemen hoch!« kommandiert wird, worauf die Riemen senkrecht »auf und nieder« gehalten werden.

*Aufbänken.*

Wenn aus irgend einem Grunde eine Zeit lang kein Dampf gebraucht wird, die Maschine aber doch bereit sein soll, baldigst wieder in Gebrauch zu treten, so werden die Feuer unter den Kesseln aufgebänkt, d. h. klein gemacht, dadurch daß man sie nicht über den ganzen Rost ausgebreitet brennen läßt, sondern in Gestalt einer schmalen Bank aufhäuft, doch so, daß sie in kurzer Zeit wieder ausgebreitet und zum vollen Brennen gebracht werden können.

*Aufbrassen*, s. brassen.

*Aufduven*, s. lenzen.

*Aufentern*, s. entern.

*Auffangen*,

greifen, fassen, festmachen (skr. pàça, Strick, weil dieser »faßt!«). Die seemännische Bedeutung ist: etwas festbinden, was lose ist, aber nicht lose sein soll und sich nicht bewegen darf. Offenbar ist das Wort in Gebrauch gekommen im Gedanken an ein sich bewegendes, im Winde oder von der Bewegung des Schiffes hin und her schlagendes Tau, das man zu fangen, zu erhaschen suchen muß; das ist die erste Bedeutung von auffangen. Aber zur Tätigkeit des Fassens gehört die des Haltens, daß das Tau nicht wieder schlagen kann; das wird verhindert durch Festbinden, welches die zweite Bedeutung von auffangen ist. Die hat sich dann dahin erweitert, daß man auch nichtschlagendes Tauwerk auffängt; wenn z. B. Deck gewaschen werden und das an Deck aufgeschossene Tauwerk nicht im Wege sein und nicht naß werden soll, wird es aufgefangen, d. h. zusammengebunden und hoch gehängt. Von hier aus ist der Begriff noch weiter und zwar so ausgedehnt worden, daß auffangen ganz allgemein für aufhangen gebraucht wird, so daß man, wenn die niederdeutsche Form opvangen dem nicht entgegen wäre, auf den Schluß kommen könnte, es müßte auffangen dasselbe wie aufhangen sein.

*Auffrischen*

ist dasselbe Wort das auch das Neuhochdeutsche gebraucht, wenn es sagt: »Der Maler frischt das Bild auf,« nur daß es hier transitiv gebraucht wird, während es im Seemännischen intransitiv ist: »Der Wind frischt auf«. Frisch ist etwas, das eben erst entstanden ist, frisches Obst, frisches Gemüse. »Es frischt auf« heißt also: es kommt ein neuer und zwar stärkerer Wind auf, es fängt stärker an zu wehen.

*Aufgeien.*

Vermittelst der Geitaue, Bukgordinge und Nockgordinge die Segel unter die Rahen holen, damit sie festgemacht werden können. Das Wort kommt nur in der Seemannssprache vor, niederländisch opgyen, schwedisch giga up, dänisch gige, gie op; die Etymologie ist unter geien gegeben.

*Aufhissen*, s. hissen.

*Aufholen.*

Der Unterschied zwischen aufholen und aufhissen wird schwerlich ganz genau festgehalten werden können. Sie bedeuten beide dasselbe, nur der seemännische Sprachgebrauch entscheidet, wo das eine, wo das andere Wort anzuwenden ist. Im Allgemeinen muß jedoch gesagt werden, daß aufholen sich -- von den Fällen, in denen es sich um einen *Aufholer* handelt, abgesehen -- auf die allereinfachste Tätigkeit mittels eines allereinfachsten Werkzeuges, nämlich eines schlichten Taues bezieht. Wenn z. B. einem Manne im Mars ein Teertopf hinaufgegeben werden soll, so läßt er ein Tau herab, der Topf wird daran befestigt und dann *holt* er ihn Hand über Hand *hinauf*; hier könnte man nicht von aufhissen sprechen. Doch darf man darum nicht denken, daß einer immer oben ist, wenn er »aufholt«; wenn z. B. irgendwo ein Aufholer geschoren ist, der durch einen oben befestigten Block an Deck läuft oder eine Talje darstellt, so kann von unten aus aufgeholt werden, und dafür kann man ebenso gut auch aufhissen sagen, wie beim Aufholer eines Stagsegels, Rackaufholer, Brokaufholer, Dempgordingsaufholer. Beim Stückpfortenaufholer wird man indessen seiner ganzen Beschaffenheit nach nur von aufholen, nicht von hissen sprechen.

*Aufklaren.*

1. Gleich »sich aufklären«, hell werden, besser Wetter werden. »Es klart auf«, es wird schön. 2., »Klar Deck« machen d. h. nach einem Manöver wieder alles aufräumen, wegbringen was im Wege ist, und alles so in Stand setzen, daß es zu einem neuen Manöver gebrauchsfähig ist. Das Kommando heißt »Deck aufklaren«. 3., Überhaupt: Ordnung machen, aufräumen. Siehe klar.

*Aufkommen*,

eigentlich in die Höhe kommen, zu Macht, Ansehen, Einfluß, Stellung und Geltung kommen; neu auf der Bildfläche erscheinen und näher kommen; seemännisch: »Das eine Schiff kommt dem anderen auf«, es fährt schneller, holt es ein; dann: nach gelegtem Ruder wieder auf die alte Ruderlage kommen, überhaupt sagt man, wenn ein Schiff dem Ruder gut gehorcht: »es kommt vor seinem Ruder auf«.

*aufmachen*,

in der Verbindung »Dampf aufmachen«, heißt Dampf erzeugen und bereit halten, damit auf gegebenes Kommando die Maschine angehen könne. Dampf »aufmachen« kommt nicht etwa daher, daß ein Absperrventil aufgemacht, geöffnet würde, ist auch nicht in dem Sinne gebraucht in dem der verlorene Sohn sagte: »ich will mich aufmachen und zu meinem Vater gehen«; auch nicht wie man sagt »eine Ware hübsch aufmachen«, zurichten, zurechtmachen, sondern »Dampf aufmachen« ist falsch geschrieben, es muß heißen »»Dampf auf!« machen«, so wie man sagt »»Alle Mann!« machen« oder: »wir machen »Anker auf!«« Das Kommando heißt: »Dampf auf«. Wenn das ausgeführt ist, dann hat das Schiff »Dampf auf«. Man kann aber eben so gut sagen »das Schiff liegt »*unter* Dampf««. Die Präposition »auf« ist also nicht so genau zu nehmen; man könnte sonst an das Aufsteigen des Dampfes beim Sieden des Wassers denken.

*Aufkreuzen*, s. kreuzen.

*Aufkrimpen*, s. krimpen.

*Aufscheeren*,

vergl. *scheeren*. Wenn ein seemännisches Manöver zu Ende ist und »klar Deck« gemacht wird, so wird das laufende Tauwerk »aufgeschoren«, d. h. zu neuem Manöver in Ordnung gebracht (s. aufschießen). Aufscheeren ist also der Teil des Deckaufklarens, der sich auf das Tauwerk bezieht. Das letzte Kommando z. B. beim Wenden war früher nicht »Klar Deck«, sondern »Scheert auf die Taue«.

Aufscheeren bedeutet auch so viel wie aufkommen, ein anderes Schiff einholen, ihm längsseit kommen.

*Aufschiessen*,

im Hochdeutschen im Sinne der Seemannschaft nicht gebräuchlich, kommt vom althochdeutschen sciozan, fortschnellend bewegen. Eine solche Bewegung machen die Matrosen, wenn sie bei »Klar Deck« das laufende Gut aufklaren, aufscheeren oder aufschießen. Man unterscheidet: mit der Sonne, gegen die Sonne, segelklar, in Scheiben, in Buchten aufschießen.

*Aufpentern.*

Das was jetzt Krahnbalken heißt (und auf Kriegsschiffen auch bereits »im Verschwinden gepeilt« wird) hieß früher Penterbalken: der vorn am Schiffe außenbords quer abstehende Balken an dem der Anker frei auf und nieder hängen kann. Das Substantivum Penterbalken ist veraltet, aber das Zeitwort aufpentern ist geblieben: den am Penterbalken oder vielmehr Krahnbalken hängenden, aufgekatteten (s. katten) Anker mit dem Penterhaken fassen und mit der Pentertalje an das Schiff heranholen und festmachen. Mittelniederdeutsch pin, niederländisch penn, ostfriesisch penne, niederdeutsch penn heißt Pinne (s. d.), Pflock, Zapfen zum Festhalten, zum Festmachen. Davon dürfte das Zeitwort, das ja festmachen bedeutet, weitergebildet sein. Das t ist das ostfriesische Einschiebe-t vor n in Diminutivformen; so wie aus Anna Antje, so wird aus penn pentje gemacht und davon pentjern, pentern gebildet sein.

*Aufschricken*, s. schricken.

*Aufstoppen*, s. stoppen.

*Auftakeln.*

Mit der Takelage (s. d.) versehen, ein Schiff seemännisch zurüsten. Auch in übertragenem Sinne: aufputzen, nicht nur im Munde der Seeleute, Immermann im »Münchhausen« spricht von einem »ganz blümerant aufgetakelten« Fräulein. Man erzählt sich einen Scherz, der von keiner geringeren Stelle als von der allerhöchsten stammen soll. »Warum ist im Englischen Schiff stets weiblich und auch im Deutschen ein männlicher Schiffsname weiblich gebraucht (»die Moltke«)?« »Weil es so viel kostet es aufzutakeln«.

*Auftun.*

»Die Küste tut sich auf« heißt sie kommt in Sicht, bildlich gesprochen wegen des allmählichen Höherkommens, Heraufkommens des angesteuerten Landes; wohl auch im Gedanken daran, daß sich irgendwo eine vorerst dem Auge noch nicht sichtbare Einfahrt öffnen, auftun wird.

*Auftoppen*, s. toppen.

*Auftuchen*,

ein Tuch, Kleid (s. d.), Segel, einen Teppich, eine Flagge zusammenlegen, zusammenrollen. Wenn eine Flagge kunstgerecht »aufgetucht« ist, so kann sie aufgetucht vorgehißt werden, um erst auf ein gegebenes Kommando alsbald ausgerissen zu werden und sofort auszuwehen.

*Aufziehen.*

»Segel aufziehen« ist in der heutigen Seemannssprache nicht mehr geläufig, man sagt dafür Segel setzen, aufholen, hissen etc. etc., es scheint aber früher eine sehr gangbare Redewendung gewesen zu sein, da dieselbe in übertragenem Sinne im Neuhochdeutschen weit verbreitet ist: »Alle Segel aufziehen« um etwas zu erreichen, alle Minen springen lassen, etwas mit allem Eifer und allen Mitteln betreiben; neuerdings: etwas mit »Volldampf« betreiben.

*Auge*, das.

Jede in ein Tau gemachte künstliche Schlinge, auch eine runde Öffnung in einem Handwerkszeug, im Ankerschaft, in einem Bolzen, daher Augbolzen; eines Stags Auge ist der Teil des Stags der um den Top des Mastes liegt. Immer ist die Erklärung aus der bildlichen Redeweise gegeben. Auch sonst gebräuchlich, wo irgend etwas nur von Ferne einem Auge ähnlich sieht: Fettauge, Pfauenauge, Punkt auf dem Würfel, Loch im Hammer für den Stiel. Ochsenauge hat eine doppelte Bedeutung; seemännisch bezeichnet es eine kleine, runde Fensteröffnung; gastronomisch das was man gewöhnlich Spiegeleier nennt.

Augplatte und Augsplissung erklären sich hiernach von selbst.

*»Aus dem Ruder laufen«*

ist eine in engem Fahrwasser, in Kanälen und Flußläufen sehr gefährliche, in ihren Ursachen noch kaum ganz aufgeklärte Erscheinung. Sie zeigt sich (nach Dick und Kretschmer, Handbuch der Seemannschaft) sowohl bei Schraubendampfern als auch bei Raddampfern und Schleppzügen und charakterisiert sich dadurch, daß ein seitlich der tiefen Fahrrinne fahrendes Schiff plötzlich scharf nach der tieferen Seite des Fahrwassers hinüberscheert und in dieser Bewegung auch durch Ruderlegen hartgegenan nicht oder wenigstens nicht sofort aufgehalten werden kann. Fällt in diesem Fall nicht sofort ein Anker oder kann man der Drehbewegung nicht sofort durch verschiedenen Schraubengang wirksam entgegentreten, so läuft das Schiff in der Regel auf dem gegenüber liegenden Ufer auf. Auch können unter solchen Umständen leicht Kollisionen stattfinden.

*ausfahren.*

1. = ausreisen, das Schiff ist auf der Ausfahrt, gleich Ausreise, ein Gegensatz zu Heimreise.

2. transitiv: eine Leine, eine Trosse ausfahren, deren eines Ende an Bord des Schiffes bleibt. Das andere Ende wird in einem Boot an irgend eine Stelle gefahren um es da an einer Boje, einem Poller, einem Spill festzumachen. Wird dasselbe dann weiter an einem andern Poller festgemacht, so heißt diese Tätigkeit verholen. Über das Verholen eines Schiffes s. verholen.

*Ausfracht*, s. Fracht.

*Ausguck*, der,

nicht bloß seemännisch sondern auch sonst im Reich gebraucht für den Ort, von wo aus einer Ausschau hält, für die Tätigkeit des Ausguckens und für den Mann der ausguckt, (letzteres ähnlich wie der Posten, die Schildwache, das Frauenzimmer, der Hof gebraucht). Doch ist das Ausgucken nicht auf den Ausguck beschränkt, »sie hat sich schier die Augen ausgeguckt nach ihrem Liebsten.« Die »Gucke« heißt in Süddeutschland das Tuch, das die Mädchen und Frauen bei Feldarbeit so weit über den Kopf gezogen haben, daß sie nur eben noch herausgucken können. Der Ort hieß in alten Zeiten Wart oder Luginsland, welch letzteres Wort heute noch als Ortsbezeichnung vorkommt (Worms). Niederdeutsch Kieken, s. Kieker. Im Allemannischen heißt gucken lugen und in der österreichischen Marine dementsprechend der Ausguck Auslugg, (s. Dabovich, nautisch. techn. Wörterbuch).

*Ausholer*, der,

ist ein laufendes Tau das etwas ausholt, oder vielmehr mit dem etwas ausgeholt wird. Ein Gaffelsegel wird mit dem Ausholer so geholt, daß es sich bis zur Nock der Gaffel oder bis zur Nock des Besansbaums ausdehnt, ausbreitet, ausspannt. Auch der Klüver hat seinen Ausholer, das Gegenteil des Klüverniederholers. Sogar der Klüverbaum kann einen Ausholer haben, durch den er nach außen geschoben wird; hier vertritt dann der Ausholer die Stelle dessen, was bei den Stängen Windreep heißt.

*ausklarieren*, s. verklaren und klar.

*auslegen.*

Auf das Kommando »leg aus!« laufen die vorher aufgeenterten und bereit stehenden Matrosen nach Steuerbord und nach Backbord auf die Rahe hinaus und legen sich da mit dem Leibe auf die Rahe, die Füße in die Pferde (s. d.) stellend, den Rücken nach hinten, den Kopf und den Oberkörper nach vorn geneigt um, auch ohne sich mit den Händen festzuhalten, das Gleichgewicht zu behalten.

*Ausleger*

heißt ein bewegliches Bugspriet oder ein beweglicher Besan zum Ein- und Ausholen; auf Wangerog utliger.

*Auslieger.*

1. ein Schiff das »draußen« liegt oder fährt als Küstenwachtschiff.

2. die eigenartige Vorrichtung der Südseeinsulaner bei ihren Booten, die sich gleichsam als ein zweites, kleineres Boot neben dem Hauptboot darstellt, mit ihm fest verbunden zur Verhütung des Kenterns. Durch zahlreiche aus der Südsee mitgebrachte, von dortigen Fischern verfertigte Modelle ist diese sinnreiche Einrichtung bei uns bekannt geworden.

*auslothen* s. lothen.

*ausösen* s. ösen.

*ausscheiden*,

aufhören mit einer Arbeit, aufhören zu reden u. s. w., ein sonst im Deutschen in diesem Sinne ungewöhnliches Wort. Man sagt wohl »aus einer Gesellschaft oder einem Verein ausscheiden«, »einen Fall aus der Verhandlung ausscheiden« u. s. w. »Ausscheiden mit Zeugflicken«, »ausscheiden mit Deckwaschen«, »ausscheiden mit Unterricht« u. s. w. im Sinne von aufhören ist aus dem Niederdeutschen in die Seemannssprache gekommen, und zwar nicht in dem Sinn, daß etwa ein Einzelner aus der Reihe der Zeugflickenden ausscheiden solle, sondern daß das ganze Zeugflicken ein Ende zu nehmen habe. Doch ist auch hier der Begriff *trennen* der ausschlaggebende: wenn die Leute sich vom Deckwaschen trennen, so bedeutet das eben das Aufhören des Deckwaschens. Vergl. *scheitern*.

*ausscheeren* s. scheeren.

*aussegeln.*

1. in See gehen.

2. ein Schiff aussegeln heißt schneller fahren als es, es ein- und überholen (also mehr wie ihm »aufkommen«). Man kann auch den Wind aussegeln, das müßte aber eigentlich ausdampfen heißen, denn es wird gesagt wenn der Wind von hinten kommt und das Schiff unter Dampf so viel Fahrt macht, daß der Wind nicht zu spüren ist, weil man vor ihm herläuft.

*Aussenhaupt* s. Schleuse.

*Aussenschot* s. Schot.

*auswehen* s. auftuchen.

*Aviso*, der,

engl. advice-boat, franz. barque d'avis, ital. barca d'avviso, span. und portug. yaque de aviso. Vom lat. visum gesehen, altital. viso, provençalisch, altfranz. vis, Gutachten, Nachricht, Anzeige; also ein Nachrichtenschiff.

*Axiometer*, der.

Eine Vorrichtung aus der am Standorte des Kapitäns oder wachhabenden Offiziers, ohne daß das Ruder sichtbar ist, doch ersehen werden kann, wie dasselbe liegt, d. h. ob es *richtig* liegt, vom griech. axioo, ich halte für wahr, für richtig.

*Azimuth*, der.

Der Bogen des Horizontes, welcher zwischen dem Mittagspunkt und dem Scheitelkreise des Sterns enthalten ist; arabisch as-semuta, die Wege.

B.

*Baas*, der.

Seemännisch wird das Wort hauptsächlich in der Verbindung Heuerbaas gebraucht, den Mann zu bezeichnen, der es als Geschäft betreibt, unbeschäftigten Matrosen eine Heuer zu vermitteln. Auch Schlafbaas kommt im seemännischen Sprachgebrauch vor für Quartiergeber oder Logiswirt. Sonst wird das Wort Baas gebraucht um das zu bezeichnen, was man im Hochdeutschen einen »Kerl« nennt. Althochdeutsch faths, Herr, Vorgesetzter; sanscr. patir, Herr; indogermanische Wurzel pa, schützen, erhalten, wovon unser »Vater«. Insbesondere hat das Wort jetzt den Sinn »Meister«, Handwerksmeister. In Westfalen: akesbas = Flußschiffer, Bootsmann. Bei Kilianus heißt das Wort baes, er sagt: »Sicambri regem suum Basan sive Basanum solent appellare, anno ut scribit Tritemius, ante Christum natum 284.« Dieffenbach: »mittellat. vassus = Diener; daher vasallus, vasletus, valetus = valet, kymr, gwas = Knabe, Diener; Breizonnek: gwaz = Mann. Gaedhelisch: uasal = elevé, excellent. Daher basus = Hauptmann, Krieger, Ritter im Capitol. Carol.

*Back*, die.

1. Der vorderste, erhöhte Teil des Schiffes.

2. Ein Gefäß, rund, flach, aus hölzernen Dauben, von hölzernen oder eisernen Reifen zusammengehalten, mulden- oder kummenartig aussehend; als Eßback, Spülback, Speiback im seemännischen Gebrauch; sonst auch noch Regenback, Wasserback.

3. Adverbium. »Das Segel steht back«, d. h. der Wind füllt es von der verkehrten Seite, von vorn anstatt von hinten.

4. Backbord, die linke Seite des Schiffes von hinten aus gesehen und gerechnet, und zwar die ganze linke Seite von hinten bis ganze vorne, nicht etwa nur wie Weigand zuerst fälschlich gemeint hat, »die linke hintere Seite des Schiffes.« So genau der treffliche Mann in seiner geliebten Wetterau Bescheid wußte, so fern lag ihm die See. Lebte er doch in einer Zeit, in der eine Denkschrift über eine zu gründende preussische Kriegsflotte die denkwürdigen Worte gelassen aussprechen konnte: »Da das Wasser bekanntlich nicht unser Element ist.« ... Es ist auch leicht zu verstehen und demgemäß zu verzeihen, daß dieser Irrtum entstanden ist. Offenbar hatte ein Kundiger ganz richtig gesagt: »Backbord ist die linke Seite von hinten gesehen« und daraus konnte ein Fernstehender leicht »linke hintere Seite« machen.

5. Backschaft, die Genossenschaft derer die zu einer Back, zu einer Eßback natürlich, gehören; besonders heißt aber auch noch Backschaft derjenige, welcher in der Back das Essen aus der Kambüse herbeischafft.

6. Backstag. Ein Stag das nicht wie die andern abwärts, sondern rückwärts, backwärts läuft. Daher: Backstagsbrise, ein Wind der fürs Segeln der allergünstigste ist. Er weht in der Richtung des Backstags, also etwa in einem Winkel von 45° die Längsachse des Schiffes treffend.

Es liegt dieser ganzen Sippe eine Wurzel zu Grunde, die bewegen bedeutet, und zwar »sich biegend, krümmend bewegen.« Die gemeinsame Bedeutung der genannten sechs Wörter ist also: etwas Gebogenes, Gekrümmtes, Rundliches, Rundes. Es liegt auf der Hand, daß hieraus sich ein sehr reichhaltiger Wortschatz entwickeln mußte. Nach Dieffenbach kommt daher das kymrische bach, gälisch bac = Haken. Nach Kluge kommt das Wort Bauch von einer Wurzel biegen, (allerdings wohl kaum als »biegsame Stelle«, sondern eher als »gebogene«, runde Stelle). Im Niederdeutschen heißt Back der (gekrümmte, gebogene) Rücken. Von der Rundung dürfte auch althochdeutsch bacho, altfranzösisch bacon, englisch bacon, Speckseite, Schinken kommen, (entsprechend Bache das (weibliche) wilde Schwein). Daß Backe noch das ganze Mittelalter hindurch auch in Deutschland Schinken bedeutete, erhellt aus der reizenden Geschichte, die Simrock, Mythologie, 6. Aufl. S. 333 von dem Backen am roten Turm zu Wien erzählt. In einer Urkunde des Königs Jaroslav Jaroslawitsch von Nowgorod (Nogarden) vom Jahre 1269 wird gesagt, daß der lodienman, der Mann der die lodie, das Leichterfahrzeug, führt, für eine Fahrt die Newa auf und ab »enen baken« zur Beköstigung haben solle.

Im Angelsächsischen finden wir die Form bäc = dorsum und bäcling = retrorsum. In der Edda bedeutet bakfall das Rückwärtsfallen, die Rückwärtsbewegung des Oberkörpers beim angestrengten Rudern. Im Einzelnen ist zu den genannten sechs Wörtern zu bemerken:

Zu 1. Die Bezeichnung Back für den vordersten Teil des Schiffes ist vielleicht von dem niederdeutschen bek = Schnabel beeinflußt, wegen der Nähe des Schiffsschnabels, des rostrums; doch genügt zur Erklärung ein Hinweis auf die da vorne besonders starke Biegung (s. Bug) des Schiffes. Die Wurzel bleibt überall dieselbe. Auf und unter der Back vor dem Fockmast ist die eigentliche Heimat des Kriegsschiffsmatrosen; hier fühlt er sich frei, hier darf er sich gehen lassen; »hier bin ich Mensch, hier darf ichs sein«, wenigstens in der Freizeit.