Etymologisches Wörterbuch der deutschen Seemannssprache
Part 24
Im Mittelalter war Kapitän gleichbedeutend mit Häuptling. »1355 is Edo Wimkenn van den Richteren der Rüstring, Oistring und Wangers, nomtlik van Hillert van Laurens, Tanno Iben tho Sandell, Mester Olrick tho Kniphusen, Junge Hedde tho Welens etc erwelet und angenhamen mit synen Nakomelinge tho ein Capitain und Hovet de lande und luide vorthostaen und tho regeren, wente de Richter weren des amptes moede und averdratich.« Das erste und älteste Zeugnis für das Vorkommen des Wortes Kapitänleutnant finde ich in einem Briefe, der im Jahre 1623 aus seinem Schlosse Lützburg an den nachmaligen Feldmarschall Dodo von Knyphausen geschrieben worden ist: »Der obrist Syton hatt vor 3 tagen jegen den abendt, alß man die pforten zuschließen wollen, einen anschlagh uff dieß Hauß gemachet, indem er etzliche mußquettier bewerter Handt geschickett, alß nun aber solches mißgelungen und der _captain leutenambt_ vom Heren Ryngrawen, so im Kruege gewesen, auß dem schatthause angerufen worden« ... Auf einem Grabdenkmal in der Schloßkirche zu Meisenheim (Heintz S. 106) lesen wir von einem Kapitän-Lieutenant Schmidtmann, der 31 Jahre alt im Jahre 1688 gestorben ist: »Gedachtnuß Herren Carl Ludwig Schmitmans Herren Johan Daniel Schmidtmanns, Hiesigen Pfarrers Und Inspectoris In Gott Ruhenden Lieben Sohnes Gewesenen Kapidain Lieutenants Unter Dem Löblichen Schweizer Regiment Von Salis« ... 1747 erschien zu Regensburg ein Buch »Auxilia historica oder Historischer Behulff«, in dem werden »die Offizier und Personen in einem einzigen Schiff« folgendermaßen aufgeführt: 1. Capitain ist in einem Schiff der Höchste, so das ganze Kommando darüber, und sehr streng, führet. Er hat einen Lieutenant. 2. Commandeur hat in einem Schiff nur das Commando über die Soldaten. 3. Schiffprediger ist ein Feld-Pater. 4. Schiffer ist über die Segel, und die ganze Equipage. Wird auf dem Mittelländischen Meer Patron genennet. 5. Steuermann, Pilote, ist, der das Schiff mit dem Steuer-Ruder nach dem Compaß lencket, wohin es soll. Er muß in Geometria, Astronomia, Geographia, der Karten u. s. w. wohl erfahren sein. Es seynd zwei auf einem Schiff, und beobachten mit dem Schiffer die Einrichtung der Segel, bestellen die Wachten auf den Masten und beratschlagen sich immer wegen der Seekarten, davon sie dem Capitain Rapport geben. 6. Bosseman, der die Ancker beobachtet. 7. Weiteres ist darauf ein Schreiber oder Secretari: Zwey Barbier: Ein Schiffszimmermann oder Baumeister: ein Haupt-Constabler, und andere zwölff. Esquiman oder Schiemann, hat Aufsicht über die Pompe, ist sonst Quartier-Meister. Ein Buddelier mit seinen Gehülffen: Ein Mund-Koch: Ein Schiff-Koch mit Bedienten: Lotsmann oder Wegweiser: Segelmacher: Tischler: Schmied: Feuerwerker: Profos u. s. w. und Boots-Leuth, Matrosen, Matelots, sind die gemeine Bediente und Schiff-Volck, so alles, was in der See-Fahrt selbst von nöthen, verrichten, mit tawen, anckern, seeglen, wachen. Seynd in drey Wachten oder Compagnien, jede zu 100 Mann abgetheilt, darüber der Schiffer und die zwey Steuermänner commandiren. Insgemein ein verwegenes Volck: Und hat es theils vonnöthen, massen sie in höchsten Stürmen auf den Bäumen und Stricken wie die Mucken herum fahren müssen.«
*kappen*
heißt im ganzen niederdeutschen Sprachgebiet schneiden, durchschneiden, durchhauen. Den Mast kappen bedeutet nicht sowohl diesen selbst durchhauen, sondern vielmehr die ihn haltenden Hofttaue der Wanten, damit er abbreche und über Bord gehe. Die Ankertaue wurden gekappt, wenn man keine Zeit zum Ankerlichten hatte. Niederländisch kappen, die Haare schneiden, Kapper: der Friseur, französisch couper. Von diesem kommt unser Fremdwort coupon und das Zeitwort coupieren; auch Coupé.
Ein Kapaun ist ein Kaphan, ein »geschnittener« Hahn; stammt zwar vom lateinischen capo, griechisch kapon, aber diese haben mit kappen dieselbe Wurzel, sodaß Kaphan ausnahmsweise einmal eine auch sprachlich zutreffende Volksetymologie ist.
*Kardeel*, ein,
ist einer der einzelnen Teile aus denen ein Tau zusammengeschlagen wird, also ähnlicher Bedeutung wie Ducht, nur daß das Kardeel stärker und in sich schon geschlagen, aus einzelnen Teilen zusammengedreht ist. Niederdeutsch kordeel und karteel, auch kordel, wird nicht nur für den einzelnen Strang eines Taues, sondern auch für dieses selbst gebraucht: »idt is ock ein iderer schipper schüldich, gode starke kordell unde windtakel in dem schepe tho holdende, dar man des Kopmans goder mede in unde vth setten kann.« (Dän. Seerecht). (Nicht zu verwechseln mit einem anderen kartel, karteel, welches Quart bedeutet, ein Quartteil als Maß oder Gewichtsbezeichnung.) Französisch heißen cordage »toutes les cordes qui sont emploiées dans les agrés d'un vaisseau«. Dieser corde stammt aus dem italischen corda, vom lateinischen chorda, entlehnt aus dem griechischen chorde, Darm, Darmsaite, was an sehr alte Kulturzeit erinnert und an das altnordische garnir, Eingeweide, Gedärme, mit Garn zu einer Wurzel gehörig, so daß also Garn und Kardeel entfernte Vettern sind. In oberdeutschen Mundarten heißt das, was in der hochdeutschen Schriftsprache Bindfaden genannt wird, Kordel mit kurzem e.
Ostfriesisch korde, zusammengezogen kore und kor; man liebt daselbst das Einsilbige. Niederländisch koord, koorde.
Zu bemerken ist, daß es auch Tauwerk gibt, das aus vier Kardeelen zusammengeschlagen ist, und daß also doch die Ableitung Quartdeel nicht ganz undenkbar ist. Dann wäre kardeel als Teil eines Taues, als Quartteil, ein ganz anderes Wort wie kardeel als Tau selbst. Doch spricht hiergegen die Seltenheit vierschäftigen Tauwerks und vor allen Dingen die Tatsache, daß die Teile *drei*schäftigen Tauwerks hauptsächlich und vor allen Dingen Kardeele heißen.
*Kartusche*, die,
ein zylinderförmiger Beutel mit dem zum Laden einer Kanone nötigen Pulver. Ehedem war der Beutel, wie heute noch bei den Jagdgewehrpatronen, eine Papierrolle. Daher ward vom lateinischen charta für Papier im Italienischen cartoccio gebildet, altfranzösisch cartoche, französisch cartouche, niederländisch kardoese.
Auch in der Bedeutung Umrahmung kommt das Wort vor, in der Architektur ein Ornament bezeichnend.
*Karake*, die,
niederländisch kraak, dänisch, schwedisch karake, englisch carack, französisch caraque, italienisch, spanisch, portugiesisch caraca; altfranzösisch carraque, vom spätlateinischen carraca, carrica, Lastschiff, lateinisch carrus, die Karre; wahrscheinlich keltischen Ursprungs. Nach Roeding die größte Art der ehemals gebräuchlichen Schiffe. Sie hatten zuweilen 7 bis 8 Stockwerk, worunter auch noch eines auf der Back war. Sie konnten 2000 französische Tonnen tragen und führten 2000 Mann Besatzung. Schon im Jahre 1350 schlugen die Spanier gegen die Engländer auf Karaken. Nun längst veraltet.
*Karavele*, die.
So hießen die Schiffe der Spanier und Portugiesen, die im Zeitalter der Entdeckungen nach fernen Küsten fuhren. Kolumbus hatte bei der ersten Fahrt nach Amerika drei solcher Karavelen unter seinem Kommando. »A caravel was narrow at the poop, wide at the bow, and carried a double tower at its stern and a single one at its bows. It had four masts and a bowsprit, and the principal sails were lateen sails.« Spanisch und italienisch caravela, Diminutivum des lateinischen carabus, griechisch carabos, ein leichtes Schiff, ein Boot und eine Krabbe.
*Kasemattschiff*, das.
Der Kampf zwischen Geschütz und Panzer ist noch nicht beendet. Es werden fortwährend neue Versuche angestellt, wie er am zweckmäßigsten zu führen sei, ohne daß Größe und Schwere ins Ungemessene gehen. Einer derselben ist die Einführung von Kasemattschiffen, bei denen die mittschiffs gelegene Batterie besonders gepanzert und als Kasematte behandelt ist. Dieses Wort hat eine große Zahl von Erklärungen gefunden, aber es geht ihnen wie den Gründen, wenn einer daran zu viele beibringt, so will keiner recht einleuchten. Es soll aus dem griechischen chasma, Mehrzahl chasmata = Grube, Höhlung kommen; aus casa mata, niedriges Haus; aus casa matta, mattes, totes, verstecktes Haus; aus casa und matar = schlachten, töten, also zu deutsch Mordkeller; andere denken an das italienische mattone, also Backstein- (aus Backsteinen gewölbtes, geschütztes) Haus, was am sinngemäßesten erscheint.
*Kasteel*, das,
ein erhöhter (turmartiger) Aufbau auf Deck, vom italienischen castello, spanisch castillo = Turm. Ist der Aufbau vorn auf der Back so heißt er Voor-Kasteel; hinten auf der Schanze: Achter-Kasteel.
*Katten*, den Anker,
heißt ihn, nachdem er an der Kette durch das Spill so weit gelichtet ist, daß der Ring über dem Wasser erscheint, bis unter den Krahnbalken aufwinden. Dazu gebraucht man einen Block, den Katblock, mit dem Kathaken daran; und ein Gien, das Katgien mit dem Läufer daran, dem Katläufer. Kat heißt niederdeutsch Katze; wie auch Bock, Widder, Kranich haben herhalten müssen, so ist dieser Name zunächst dem Block gegeben worden, offenbar wegen des katzenkrallenartigen Zugreifens seines Hakens, das an der Katze mit der auf der Werft schwere Lasten gefaßt und gehoben werden, noch deutlicher zu sehen ist.
In der mittelalterlichen Belagerungskunst war katte der Name eines auf Rädern stehenden Sturmwerkes, in einer Hansa-Urkunde von 1363 heißt es: »Duo instrumenta machinalia, unum dictum un driuende werk, aliud dictum een katte;« woher noch heute der Name Kattenstrasse; dürfte aber eine Abkürzung von Katapult sein.
*Kausch*, die,
eine eiserne Hülse, bez. ein Füllring eines Tau-Oehrs oder Segel-Oehrs, womit dieses zur Verstärkung ausgefüttert ist. Der äußere Umkreis dieses Ringes hat eine Rinne in die das ihn umfassende Tau paßt. Neuhochdeutsch Kausche und Kauße. Niederländisch kous, schwedisch kausa, dänisch kause, französisch cosse, Hülse, Schale, Schote. Der Grundbegriff scheint Schale zu sein. Wie nun bei uns Schale auch ein Trinkgefäß (Kaffe-Schale, Sektschale) bedeutet, so weist Hildebrand in Grimms Wörterbuch im Deutsch-Litauischen ein kausche nach, das Kanne, Krug, Trinkgefäß bedeutet und bis nach Asien hin zu verfolgen ist.
*Kavielnagel*, der.
Die hölzernen oder eisernen »Nägel«, (wenn man ein so stumpfes Ding einen Nagel nennen kann) an denen die verschiedenen laufenden Taue »belegt« werden, heißen Kavielnagel. Wohl kein Wort der Seemannssprache kommt in so vielen verschiedenen Formen vor, wie dieses, das sich schon dadurch als Fremdwort verdächtig macht: Koveinnagel, Koveljennagel, Kovejennagel, Karvielnagel, Karveilnagel, Karveinnagel, Kobiliennagel, Koveiljennagel, Kaveinnagel, Koviennagel, ja nach Breusing sogar Koffernagel. Die Form Kavielnagel kommt dem Ursprung aus dem italienischen caviglia am nächsten, das Holznagel, Bolzen bedeutet. Nagel ist im Deutschen also nur für solche hinzugefügt, denen unbewußt ist, daß Kaviel allein schon Nagel bedeutet.
*Keep*, die,
ist die in einen Block eingeschnittene rings herumlaufende Vertiefung, in die der Stropp, der um den Block gelegt wird, paßt, der dadurch vor dem Abrutschen bewahrt wird. Der Bedeutung nach dasselbe Wort wie Kerb, Kerbe, ohne daß es, wie man denken könnte, sprachlich mit ihm verwandt wäre. Denn keep, kep, kepe, kap, käpe kommt von kappen, schneiden, wie es ja auch einen Schnitt, Einschnitt bedeutet. Niederländisch keep; keep houden heißt Kurs halten, Strich halten, da der Strich am Kompaß ja nicht bloß ein Strich, sondern ein Einschnitt ist.
*Kennung*, die.
Das Wort ist jetzt nur noch vereinzelt in der Bedeutung Landkennung im Gebrauch, worunter man alles das an Kennzeichen versteht, daraus man als erfahrener Seemann erkennen kann, an welcher Küste man sich befindet: Berge, Kirch- und andere Türme, Mühlen, Baken, Bäume, Häuser etc. etc., also alles was man jetzt *Landmarke* zu nennen pflegt.
Bei den mittelalterlichen Seefahrern war Kennung ein Maß, und zwar ein ziemlich großes, für Entfernungen. Breusing bemerkt in der nautischen Einleitung zum »Seebuch« von 1400: »Das Maß wird von der Entfernung genommen sein, in welcher man auf See bei klarer Luft die Küste, ein Schiff oder dgl. »erkennen« kann. Es ist das natürlich sehr relativ und hängt von der Schärfe des Auges ab.« Man hatte deshalb auch kleine, gute kleine, und große Kennungen; letztere betrug 18 Seemeilen, die Entfernung von Dover nach Dungeness.
Es fragt sich ob in der unter dwars angeführten Stelle unter Kennung ein Maß oder eine gute Landmarke zu verstehen ist.
Eine der hervorragendsten Landkennungen an der deutschen Nordseeküste war der von Graf Johann XVI. von Oldenburg auf Wangerooge erbaute Turm. Vor undenklichen Zeiten hatte zum Besten der Seefahrer auf dieser damals so viel größeren Insel ein Turm gestanden, der aber längst durch Krieg und Wassersnot zerstört war. Graf Anton I. von Oldenburg hatte sich zwar 1566 bewogen gefunden, den Kirchturm zu Blexen, damit er als ein Pharus diene, vierundzwanzig Fuß höher mauern zu lassen. Allein er ersetzte nicht den Wangerooger Leuchtturm. Nun zeigte Graf Johann, daß das Fräulein Maria von Jever Jeverland und Wangerland keinem Unwürdigen vermacht hatte. Er selbst spricht darüber zu uns durch einen Bericht des Doktors Herrmann Neuwald: »In vergangenen 1597 und 1598 Jahre hat Graff Johan zu Oldenburg etc. etc. auch in der Insel Wangerrohe, so zu Jever gehörig, auff der Elterleute zu Bremen (welche vom allgemeinen Kauffmann dazu vermügt) einstendiges mundt- und schriftliches bitten und ansuchen (inmassen das Wolselige Frewlein Maria zu Jever, von den Bremern zu offt und vielmahlen auch darumb bittlich angelangt) an stat eines alten umbgefallenen Thurms, so vor vielen undenklichen Jahren durch Krieg und sonsten abbruch der saltzen See, zu nichte worden, wiederumb einen newen stattlichen viereckigen hohen Thurm, mit zwo spitzen, und grossen unkosten auffbawen lassen, darbei auch biß an noch gearbeitet wird. Und hat mit demselbigen weiter die Gelegenheit, daß die Breite des Thurms zeigt ins Süden und Norden, und die Lenge ins Osten und Westen, beyde Thurmspitzen kommen die eine ins Norden, die ander ins Süden zu stehen, also die aus dem Westen auff der See, des Eylands oder Thurmbs ansichtig werden, sehen zwischen beyden spitzen durch, so lange sie ins Norden vors Eylandt kommen, und so bald sie so weit umbsegeln, daß sie beide Spitzen gegen einander haben, so seind sie auff der Weser, und können als dann ohne große Gefahr Bremen ablangen. Imgleichen ist es auch mit denen, so aussen Westen auff Hamburg die Elbe einlauffen wollen, welche gleicher Gestalt jhr merckzeichen an dem Thurm haben, und nunmehr auf der Weser die Seetonnen nicht hochnötig, dann ohne das, das Wolseliges Frewlein Maria zu Jever, die Legung dieser Tonnen, als mehrernteils in Jeverscher Iurisdiction, den Bremern nicht allerding verstattet. So ist auch die Norderse bißweilen dermassen ungestüm, daß man für den grossen Wällen ernante Seetonnen nicht sehen kann, oder dieselben wol gar abgestossen werden, dadurch dann offtmahls die Seefahrende Leute grosser gefehrlichkeit, wegen hoher Sande, unterworffen, den jennigen aber, so aus Hispanien, Norwegen und anderen abgelegenen Königreichen, auch Hollandt und Seelandt kommen, dienet der Thurm dazu, weile das Eylandt Wangerohe, das neheste an der See, daß die Schiffer, wann sie den Thurm vernehmen, wissen, wo sie sein, und also nach jhrem gefallen, die Seehafen, dahin sie gedenken, einlauffen können, sonderlich ist hieran auch gelegen, allen Schiffleuten, welche die Harle, Jade, Weser aus- und einfahren, auch die Nordsee auf Bremen, und viele andere Örter, zu jhrem grossen nutz und vorteil gebrauchen wollen, daß also bemelter Thurm vor etzlich viel tausend Thaler, verstendiger erkenntniß nach, jährlichs nicht zu entrathen, hat also Wolbemelter Graff Johann, allen Schiff- und Kauffleuten zu gutem, und steter Gedechtnuß, wie obberürt, den Thurm wiederumb erbawen und aufführen lassen.«
Das »Seebuch« von Manson, aus dem Schwedischen übersetzt von Hans Wittenburgk, Schiffer in Wißmar, Lübeck 1735, beschreibt in einer Segelanweisung den »Einlauf nach Riga«: »Wenn man aus der See kommt, und man bekommt Kennung von den Rigischen Thürmen, welcher drey seyn, zwene gleicher Höhe, und der dritte etwas niedriger, so soll man so lauffen, daß man den niedrigen zwischen beiden hohen habe« ... Waghenaer, 1588, schreibt in seinem »Spiegel«: »Omme perfectelyk tot de conste ende wetenschappe der Zeevaert te gheraken is de principaelste middele, dat soo wanneer een Stuermann oft Bootsghesel, ut eenighe Landen, Riuiren oft Hauenen, zeylen wil, sal wel scherpelyk moeten letten, wat ghebome, Sloten, Toornen, Kercken, bekende Berghen, Duynen, Molens oft andere mercken daer op staen. Ende alle t' selfde alst nu een kenninghe van v begint te legghen, mette penne ontwerpen oft contrefaicten, ende dit op sekere ende ghewisse streken van den Compasse« ...
*Kentern.*
1. Einen Balken mit der Hand oder mit einem sogenannten Kanthaken so bewegen, daß er sich um seine Kante dreht und auf die andere Seite zu liegen kommt. Wenn das mehrere Male geschieht, so bewegt sich dadurch der Balken von seiner Stelle und man kann in dieser Hinsicht das Kentern als eine Art von Fortbewegungsmittel ansehen. Was den Kanthaken betrifft, so gebraucht der Seemann das Wort auch in übertragener Bedeutung; »jemanden am Kanthaken kriegen« heißt ihn gehörig fassen und vornehmen.
2. Ein Schiff oder ein Boot kentert, wenn es sich unter allzugroßem Druck auf die Segel oder sonstigem Zusammentreffen widriger Umstände so auf die Seite legt, daß es seinen Schwerpunkt verliert und »über Kante« geht, so daß die Seite die bisher oben war und immer oben sein soll nach unten zu liegen kommt; das Wort müßte eigentlich käntern heißen.
3. Der Strom kentert wenn Ebbestrom gewesen ist und nun Flutstrom einsetzt, der Strom also von der andern Seite oder Kante kommt.
4. Der Anker kentert, indem er sich auf die Seite legt. Kante ist überhaupt ein in seemännischem Munde häufig gehörtes Wort, wo das Hochdeutsche Seite sagen würde, daher die berühmte Zusammensetzung waterkant für Küste, Seeseite.
*Kerkedortje*, das, s. Schlappgording.
*Kessel*, der.
Das lateinische catinus = Holzschüssel hat sich infolge der großartigen Siege der Dampfkraft zu einem gewaltigen Dampferzeugungsapparat ausgewachsen. Es ist hier nicht der Ort ein Mehreres darüber zu sagen, als daß die verschiedenen Systeme von Kesselanlagen teils nach ihrer Gestaltung, teils nach ihren Erfindern und Verfertigern benannt werden: Kofferkessel, Zylinderkessel, Lokomotivkessel, Wasserrohrkessel; Belleville-, Niclausse-, Dürr-, Thornycroft-, Jarrow-, Normand- und Richard Schulz-Kessel.
*Kette*, die,
vom lateinischen catena, hat auf größeren Schiffen als Ankerkette das früher übliche Ankertau vollständig verdrängt. Sprachlich ist nur die Wendung »Kette stecken« zu erwähnen, weil sie in übertragener Bedeutung gebraucht wird. Es heißt eigentlich: »mehr Kette zu den Klüsen hinausstecken«, was stets zu geschehen hat wenn ein Sturm aufzukommen droht. Das Bild der aus der Klüse herauskommenden Kette schwebt dem Seemann vor, wenn er für das, was man sonst nennt »den heiligen Ulrich anrufen« oder »Kotzebues Werke herausgeben«, sagt: »Kette stecken«. Schon diese scherzhafte Bezeichnung beweist, daß Jan Maat mit seekranken Leuten nicht allzuviel Mitleiden hat.
*Kettenschiffahrt*, die,
ist eine Flußschiffahrt bei der der betreffende Dampfer sich selbst an einer Kette entlang schleppt, die in den Fluß versenkt ist. Die Kette geht vorn auf das Dampfschiff hinauf und, auf Rollen laufend, hinten wieder herunter. Eine Gesellschaft, die auf der Elbe von Magdeburg nach Hamburg dergleichen Schiffahrt betreibt, heißt »die Kette«.
*Kieker*, der.
1. Der Mann auf dem Ausguck, hochdeutsch schlechtweg »der Ausguck« genannt (und zwar mit etwas größerem Recht als der Soldat auf Posten die Schildwache heißt).
2. Ein Fernrohr, jedes Fernrohr, besonders aber das lange für *ein* Auge.
Kiken heißt gucken, kucken, sehen, schauen. Wahrscheinlich gehören kiken, sehen und kiken, stechen zu einer Wurzel, wie man auch von einem stechenden Blick und von einem Krimstecher spricht.
*Kiel*, der.
Die Erklärung dieses wichtigen Seemannswortes wird dadurch recht erschwert daß es im Mittelhochdeutschen zwei einander gleich lautende und doch Verschiedenes bedeutende Wörter Kiel und Kil gibt, von denen ersteres Seeschiff, letzteres Kiel in dem uns geläufigen Sinne heißt. Doch auch das möchte noch angehen. Aber da wir gewöhnt sind Kiel als Schiffsteil auch fürs ganze Schiff zu nehmen, so stehen wir in doppelter Gefahr Kil mit Kiel in eins zu verschmelzen. Zunächst ist jedenfalls festzuhalten
1. daß es ein althochdeutsches Wort kiol gibt das Schiff bedeutet, mittelhochdeutsch kiel, altnordisch kioll (kjöll), angelsächsisch ceól, welches nachher im Altenglischen noch für »Schiff« gebraucht wurde, wie eine Urkunde des Königs Aethelred (978-1016), (gedruckt bei Höhlbaum, Hans. Urkundenbuch) beweist, wo es heißt: »si adveniat ceol vel hulcus (s. Hulk) et ibi jaceat 4 denarii ad telonum.« Das ist das alte Seeschiff, in dem die Angeln und Sachsen über Meer gingen.
2. daß es auch ein altnordisch kiolr gibt, das Kiel bedeutet, alt- und mittelhochdeutsch kil, Federkiel und Schiffskiel, an den sich die Spanten als Rippen ansetzen, wie die einzelnen Rippen an den Federkiel.
So sehr nun diese beiden Wörter auseinander zu halten sind, weil sie nun einmal grammatikalisch auseinander gehen, so stehe ich doch nicht an, zu glauben, daß beide ursprünglich doch aus einer und derselben Wurzel entsprossen sind, als welche Fick ku oder gu, schwellen annimmt. Diese Meinung wird dadurch bestärkt, daß unser Seemann anstatt Kielschwein Kolswin sagt, was doch von König Aethelreds Zeiten her ihm, dem äußerst zäh am Alten hangenden, könnte hängen geblieben sein.
Urverwandt mit gaulos schiff, eigentlich Eimer, also etwas rundlich Anschwellendes. Es kann nicht auffallen, daß die Germanen und die Griechen ein seemännisches Wort urgemeinschaftlich haben, da sie doch stammverwandt und in uralten Zeiten mit einander über den Kaukasus gewandert sind. Indessen ist es nicht einmal unbedingt nötig Urverwandschaft zwischen gaulos und kiol anzunehmen, da ja Bischof Ulfilas, der Übersetzer der Bibel ins Gothische und damit Schöpfer der gothischen Schriftsprache, in Konstantinopel ausgebildet worden war und dort unzweifelhaft Gelegenheit genug hatte, seemännische Wörter kennen zu lernen und sie aus dem Griechischen in gothische Form zu übertragen, von wo aus sie dann ins Althochdeutsche übergingen. (Bei den vielen engen Berührungen der alten Deutschen mit den Römern kann natürlich eine unmittelbare Herübernahme lateinischer Seemannswörter ins Deutsche noch weniger befremden, zumal mit neuen, verbesserten Werkzeugen sich überhaupt leicht der neue Name aus der Fremde einbürgert).
*Kielholen.*
1. Ein Schiff, es geht natürlich nur bei kleineren, am Gestade oder Ufer so auf die Seite legen, daß man an den Stellen, die sonst unter Wasser sind, arbeiten kann; also eigentlich den Kiel trocken holen. Auch in übertragener Bedeutung »das Unterste zu oberst kehren«; wenn eine Frau »Rein Schiff«, d. h. große Frühjahrsreinigung des Hauses vorhat, so sagt wohl der dadurch erschreckte Mann in Holland: »zy zal beginnen te kielhalen« (Lüpkes, Seemannssprüche).