Etymologisches Wörterbuch der deutschen Seemannssprache

Part 10

Chapter 103,395 wordsPublic domain

wird als Fremdwort manchmal für Kentern gebraucht; englisch capsize, to upset or overturn. Die Engländer wissen aber selbst nicht, woher dieses ihr Wort kommt. Es drängt sich der Gedanke an das Purzelbaumschlagen auf, das man in Niederdeutschland »Kopheisterschießen«, doch wohl auch »Kopsheisterschießen« heißt. Da dieses dieselbe Bewegung darstellt, die ein kenterndes Boot macht, so wäre es nicht unmöglich, daß capsize davon herstammt, also seinen Ursprung aus dem niederdeutschen Kinderspiel herzuleiten hätte.

*Cargo*,

die Ladung eines (Handels-) Schiffes. Vom lateinischen carrus, der Wagen, kommt zunächst carricare, (auf den Wagen) laden, davon dann das spanische Zeitwort cargar, laden, woraus das Substantivum cargo gebildet ist. *Supercargo*, der von der Rhederei bestellte mit an Bord eingeschiffte kaufmännische Verwalter der Ladung, dessen Geschäft es ist, den Verkauf der Waren zu besorgen und überhaupt die das Schiff betreffenden kaufmännischen Verhandlungen zu führen. Von carrus kommt auch Carneval (carrus navalis, der Schiffswagen; bei den alten Deutschen wurde im Frühling zur Feier der Wiedereröffnung der Schiffahrt ein festlicher Umzug gehalten, bei dem unter allerlei Verkleidung und Scherz ein Wagen in Gestalt eines Schiffes umhergefahren wurde). Von carrus kommt auch Charge (s. d.)

*Certepartie*, s. Certificat.

*Certificat*, das,

ein Zeugnis, ein Schein, eine Bescheinigung über wichtige das Schiff und seinen Führer betreffende Eigenschaften und Fähigkeiten. Zu den Schiffspapieren gehören folgende Certificate: Der Classificirungsschein, der Meßbrief, der Registerbrief, der Beilbrief, der Befähigungsschein (Qualifications-Attest; die Certepartie, der Schiffsfrachtbrief, Schiffsfrachtvertrag, das Connaissement, der Verladungsschein). Der Unterschied zwischen Certepartie (eigentlich Cartepartie, bei Roeding Chartepartie) und Connossement (Conaissement) besteht darin, daß sich letzteres nur auf einen Frachtbrief über einen Teil der Ladung bezieht, ersteres aber gebraucht wird, wenn ein Kaufmann ein ganzes Schiff befrachtet, trotzdem eigentlich -- partie gerade auf einen Teil schließen ließe.

Die Herkunft aus dem lateinischen liegt auf der Hand.

*Charge*, die,

eigentlich Ladung, wie man denn auch vom Chargieren eines Gewehres oder einer Kanone spricht, bedeutet den Dienstgrad, den jemand in der Rangstufe der Unter- oder Oberoffiziere einnimmt oder bekleidet. Wie Cargo vom lateinischen carrus, der Wagen, carricare laden; also einer, der mit etwas beladen ist, auf den eine Würde, ein Amt, ein Dienst gelegt ist. Es ist dabei zunächst an die Bürde gedacht, hernach aber auch mehr und mehr an die Würde, so daß es in manchen Redewendungen nur von letzterer gebraucht wird. Neuerdings wird vorschriftsmäßig in der Marine anstatt Charge Dienstgrad gesagt.

*Chasse marée*

heißt ein französisches Küstenfahrzeug mit Fockmast, Großmast und Treibermast, Lugger- und Topsegeln; wegen der Segel könnte man es mit Lugger oder Logger übersetzen, am einfachsten aber wäre es durch »Jacht« wiedergegeben. »Bateau des côtes de la Bretagne, solidement construit, le plus souvent ponté, et parfailement approprié à la navigation de ces parages. Le Chasse-Marée navigue bien, il est très-convenable pour la pêche et pour le petit cabotage; il porte deux mâts inclinés sur l'arriére gréés avec beaucoup de simplicité, et souvent un troisième -- das ist der Treibermast -- dit de Tapecul«.

*Cirrocumulus*, s. Cirrus.

*Cirrostratus*, s. Cirrus.

*Cirrus.*

Federige Wolkenbildung = Federwolke, von cirrus = Haarbüschel, natürliche Haarlocke, Federbüschel am Kopfe der Vögel. Cirrostratus, die federige Schichtwolke, von sterno, stravi, stratum sternere, hinbreiten (davon auch unsere Straße, via strata). Cirrocumulus, die federige Haufenwolke, von cumulus, der Haufe.

*Citadellschiff*, das,

bezeichnet ein Panzerschiff, dessen Panzer nicht die ganze Länge des Schiffes bedeckt, sondern nur den Raum einschließt, der die wichtigsten Anlagen, die besonderen Schutzes bedürfen, enthält. Man könnte sagen, die Citadelle wäre ein Panzer im Panzer, wenn Panzer für Panzerschiff allgemein verständliche Abkürzung wäre. Die Bezeichnung Citadelle ist, davon abgesehen, daß sie ein Fremdwort darstellt, zutreffend gewählt, sie stammt vom französischen citadelle, das seinerseits vom italienischen citta, Stadt, kommt und eine kleine Festung bei einer größeren Stadt bedeutet, in die die belagerten Bewohner der Stadt, wenn diese nicht mehr zu halten ist, sich als äußersten Zufluchtsort zurückziehen können. So verhält sich also die Citadelle an Bord zu dem ganzen Panzerschiff wie die citta zur citadelle.

*Compartement*, das.

(Wasserdichte) Abteilung des Schiffes, aus dem englischen, vom lateinischen compartior, ich teile ab. Die Kriegsschiffe alle werden jetzt so gebaut, daß sie in einzelne Abteilungen zerfallen, die gegen einander wasserdicht abgeschlossen werden können, so daß eine oder mehrere mit Wasser (durch einen Zusammenstoß, durch Auflaufen auf einen Felsen, oder auch -- bei Feuer -- durch den Willen des Kommandanten) gefüllt werden können, ohne daß das ganze Schiff sinkt. Das Fremdwort ist im Aussterben begriffen, seitdem unsere Schiffsbaukunst sich von England unabhängig gemacht hat. (s. Schott.)

*Compound*

-- heißt zusammengesetzt, vom lateinischen componere, und kommt im Englischen in unzählbaren Verwendungen vor; seemännisch haben wir im Deutschen deren zwei herübergenommen. 1. Compound-Maschine, eine Maschine, bei der der Dampf nach einander in zwei Zylindern expandiert, bei der aber die Zylinder nebeneinander liegen, so daß deren Kolben an zwei rechtwinklig zu einander versetzten Kurbeln arbeiten, (also nicht immer gleichzeitig auf dem toten Punkte stehen). 2. Compound = Panzerplatte (steel faced armour plate), »stahlbekleidete Walzeisenpanzerplatte«; Stahlplatten und Eisenplatten zusammengeschweißt, eine Vereinigung der Härte und Undurchdringlichkeit des Stahles mit der Zähigkeit des Eisens, so daß die Vorzüge beider Materialien, nicht aber ihre Nachteile, zur Geltung kommen.

*Concentration*, die,

deckt sich begrifflich mit dem, was man »Breitseite« zu nennen gewohnt war, und bedeutet die Richtung sämtlicher Geschütze auf der einen Seite eines Schiffes auf einen Punkt, der getroffen werden soll. Es gibt bestimmte Zeichen auf Deck, nach denen die Kanonen gerichtet werden, um in Concentration zu stehen, sie heißen Concentrationsmarken. Sämtliche Kanonen einer Schiffsseite haben in dieser Ladestellung ein *Zentrum* für ihre Richtung *mit* einander gemein; daher der (dem lateinischen entlehnte) Name.

*Contrebrass*, die,

heißt die Braß der Großrahe die in *entgegen*gesetzter Richtung der eigentlichen Braß fährt und dieser zu wesentlicher Unterstützung dient. Mit ihr wird vorzugsweise das Bewegen der Großrahe ausgeführt, während die Achterbraß dieselbe stützt. Die Achterbraß fährt nach achtern, nach dem Kreuzmast; die Contrebraß nach vorne, nach dem Fockmast. Gewöhnlich *Grosscontrebrass* genannt.

*Convoy*, der,

aus dem Französischen vom lateinischen con und via, einer der mit einem anderen denselben Weg geht oder fährt; seemännisch das Kriegsschiff oder die Kriegsschiffe, die Handelsschiffe in Kriegszeiten über See begleiten, damit sie nicht gekapert werden. *Convoyieren* heißt also mit einem Handelsschiff als Geleit- und Beschirmungsschiff fahren. Der solchem Schiffe bezw. seiner Ladung zur Versendung nach dem Bestimmungsorte mitgegebene Abfertigungs- oder Begleitschein heißt Convoybrief.

*Cordes'sches Gewehr*, das,

ist ein Gewehr zum Schießen einer Leine, wodurch eine Verbindung zwischen Rettungsboot und Schiff hergestellt werden kann, wenn das Boot nicht an das Schiff gelangen kann. Die Wurfweite beträgt 70 m. Aus dem Gewehr können auch Leuchtkugeln geschossen werden, um bei Nacht dem in Not befindlichen Schiff das Nahen des Rettungsbootes anzuzeigen. Die Very'sche Pistole dient auch zum Signalgeben durch Leuchtkugeln; sie ist Hinterlader, ihre Handhabung daher sehr einfach, weil die Zündmasse gleich mit in der fertigen Patrone liegt. (Dick und Kretschmer, II. 315.) Cordes und Very sind die Namen der Erfinder.

*Crew*, die,

heißt eine Gemeinschaft von Seeleuten, die Gesamtheit derer, die sich an Bord eines Schiffes befinden, die zusammen die Bemannung eines Bootes ausmachen, Schiffscrew, Bootscrew. Besonders aber wird es in der Marine gebraucht für die Gesamtheit derer, die mit einander in einem und demselben Jahre als (See-) Kadetten eingetreten sind. »Wir sind von der 75er Crew,« »er ist von meines Mannes Crew,« »sie sind Crew-Kameraden,« »wir feiern unser Crewfest.«

So unzweifelhaft englisch Form, Aussprache und nächste Herkunft sind, so ist doch das Wort gemeingermanisch und bedeutet nichts weiter als Wachstum, das was (in einem Jahre) gewachsen ist (»Crescenz« sagen sie am Rhein), was in einem Jahre als Zuwachs zur Marine gekommen ist oder was durch langes enges Beisammensein an Bord und Zusammentragen von Freud, Leid und Arbeit zusammengewachsen ist. Verwandt mit dem niederdeutschen greien, groien, grojen (s. Groden), althochdeutsch gruoan, gruan, gruen, gröen, cröen, mittelhochdeutsch grüen, grüjen, mittelniederdeutsch groien, altfriesisch groia, growa, angelsächsich growan, altnordisch groa, norwegisch groe, schwedisch gro: alles grünen, wachsen bedeutend.

Vom lateinischen cresco kommt das französische croître wachsen, recroître wieder (nach-) wachsen und davon recru (unser Rekrut), also der Wiedernachgewachsene, der »Nachwuchs«. Davon dann recruter ausheben, sich rekrutieren, seinen Nachwuchs beziehen.

Insofern crew (früher crue geschrieben, altisländisch kru) und recru eigentlich dieselbe Bedeutung haben, treffen die getrennte Wege gegangenen Vettern der großen Wortsippe wieder sehr nahe zusammen.

Zu bemerken ist hierbei, daß es ein mittelniederdeutsches Wort krup, krop gibt, das Vieh bedeutet, besonders Rindvieh, aber auch Pferde. Schiller und Lübben vermochten es nicht zu deuten und bemerkten richtig nur so viel, daß es nicht von krupen = kriechen komme, da es sich ja nicht um kriechende Tiere handle. Es erscheint mir sehr wahrscheinlich, daß dieses krup gleich crew ist, d. h. das Vieh das einem Besitzer (ursprünglich vielleicht auch bloß in *einem* Jahre) gewachsen ist, wobei noch einmal zu vergleichen altfriesisch growa, angelsächsisch growan, wachsen. In dieser Annahme werde ich durch den daneben hergehenden, gleichbedeutenden Begriff queck bestärkt. Eine mittelalterliche Rechtsbestimmung sagt: »So die beiden oldern jeven einem Kinde mit -- it is gelt ofte ein hovet krops ... und so dat queme, dat dat Kind sturve, deme dat gelt unde queck bit den beiden olden blyven.« Hier wird also ein Stück (»Haupt«) Vieh, weil es lebendig ist mit dem Worte bezeichnet das »Leben« bedeutet. So gewiß man aber Vieh Leben nennen kann, kann man es auch »Gewachsenes«, Wachstum, (also auch hier »Crescenz«) nennen; man muß nur dabei im Auge haben wie wichtig einem Viehzüchter sein Vieh und das Wachsen (und Gedeihen) dieses seines Hauptbesitzstandes ist. So war es für die Betroffenen geradezu eine Lebensfrage, wenn einmal die krup von einer Sturmflut überrascht wurde: wie es in einer dithmarsischen Chronik heißt: »umme dusse tidt was ein mechtich storme ... insonderheit averraschet dat water an etlichen orden dat krup.« Denn, so sagt ein anderer aus jener Zeit, »alle volkere van erst an hebben ehren vonehmsten rikedom im krupe gehatt.« Es fragt sich also noch sehr, ob die Angeln und Sachsen nicht schon das Wort krup mit über den Kanal genommen und drüben zu crew umgestaltet haben, so daß wir es also auch hier, trotz der so sehr englischen Gestalt, doch mit einem deutschen Worte zu tun hätten.

*Culmination*, die,

ist der Durchgang eines Gestirns durch den Mittagskreis. Die Beobachtung jener Höhe, die es bei diesem Durchgang hat, stellt seine Mittagshöhe fest und ist von ganz besonderer Wichtigkeit für Feststellung des Ortes, da sich ein Schiff befindet. Deshalb wird das Wort culminieren im Munde der Seeleute auch in übertragener Bedeutung gebraucht. »Na, endlich culminiert?« wird einer gefragt, der sehr lange geschlafen hat; culmen = Gipfel, Höhepunkt.

*Cumulus* s. Cirrus.

*Cyclon*, der.

Das griechische Wort für Kreis, Kyklos, hat seit Cyklops, dem Schmiedeknecht Vulkans mit dem einen *runden* Auge auf der Stirn, die weiteste Verwendung in allen gebildeten Sprachen gefunden: auch zur Beziehung jener gewaltigen Drehstürme in denen, namentlich ehe das Drehungsgesetz der Stürme bekannt war (ein deutscher Gelehrter, Dove, hat es zuerst aufgestellt), manches Schiff mit Mann und Maus untergegangen ist. Cyclone haben einen Durchmesser von 200 bis 500 Seemeilen, der sich um einen windstillen Mittelpunkt (»ein kalmes Centrum«) dreht und mit einer Geschwindigkeit bis zu 30 Seemeilen in der Stunde fortschreiten kann. Sie drehen sich auf der nördlichen Halbkugel nach entgegengesetzter Richtung wie auf der südlichen, nämlich auf dieser mit, auf jener entgegen dem Zeiger einer Uhr. Es geht ihnen eine eigentümliche Windstille und tiefer Barometerfall voraus. Seitdem man das Drehungsgesetz kennt, kann man ausweichen, unter Umständen aber sogar die Drehung benutzen zu einer desto schnelleren Fahrt.

D.

*Davit*, das.

Vorrichtung zum Aufhissen und Aufhängen der Schiffsbeiboote. Meyers Konversationslexikon behauptet mit einer Sicherheit die einer besseren Sache würdig wäre, das Wort sei englisch. Gewiß wird es jenseits des Kanals in derselben Bedeutung gebraucht, aber seine Wiege hat an deutscher Seeküste gestanden. Denn weder in der englischen Form davit, noch in der schwedischen david, noch in der dänischen davit, noch in der holländischen jutt gibt das Wort irgend einen Sinn, den gibt es nur im Deutschen, und zwar in seine Bestandteile zerlegt und in seiner ursprünglichen niederdeutschen Form: Dove Jitte, d. h. taube Jütte. Jütte ist ein gangbarer weiblicher Vorname, Koseform von Judith. Der Name diente einst allgemein zur allgemeinen Bezeichnung des weiblichen Geschlechts. Man sagt noch heute vielfach mal Jitte für albernes Frauenzimmer. Aus dem Mittelalter ist uns der Spruch erhalten: »Lange Kleder un körten syn, dat is syne arth der leven yuten,« Im »Reinke de Vos« heißt es, da Braun der Bär beim Bauer Rustefyl in die Klemme geraten war: »De Kärkher unde de koester bede. De kwemen dar ok mid erem geräde. De papen-meiershe (Pfarrköchin), de het fru Jütte, de was de, de de baste grütte konde bereiden un koken« ... Um Bremen herum und mehr nach Oldenburg und Ostfriesland hin sagte man Jitte. Eine »dove Jitte« ist nach dem »Bremer Wörterbuch« »ein Weibsbild das nicht gut hört.« »Jumfer Jitte mit dem holten Titte, Schimpfname für ein junges Frauenzimmer, deren Busen nicht sonderlich begabt ist.« Es kommt auch die Bezeichnung »dumme Jitte« eben so häufig vor wie dumme Trine, dumme Liese, schlampige Suse, faule Grete, dove Greetje. Ueberhaupt spielt die Volkssprache gern mit dergleichen Frauennamen. Man denke nur an »schnelle Kathrine.« So sagt man »Jumfer Kattel« für »menses« »Gretchen in der Küche« heißt ein ungeborenes Mädchen, wie »Jan im Keller« ein ungeborener Knabe. »Gretchen vom Deich« wird das Kreuzbramsegel genannt. »Frau Johanna«, dame Janne, nannten die französischen Matrosen eine dickbauchige korbumflochtene Flasche, was mißverstanden als Demijohn ins englische überging und von da nach Norddeutschland kam, wo es für Korbflaschen, in denen Portwein, Madeira und dergleichen Getränke versandt werden, gebraucht wird und sich eine deutsche Aussprache mit ungewöhnlich langem i gefallen lassen muß. »Liese« heißt ein Trinkkrug nicht unbedeutenden Inhalts; »Liese« nannten die Soldaten in früheren Zeiten das Strohbündel, auf dem sie liegen mußten, wenn sie Stockprügel bekamen. Wie gern das Volk dergleichen Namen wählt, lehren die volkstümlichen Namen für Nigella damascena: Braut in Haaren, Jungfer im Grünen, Gretel im Grünen, Teufel im Busch, Gretel in der Hütte, Gretchen im Busch, Gretel in der Hecke, Gretel unter den Stauden. Und wie gern der Seemann mit dem ewig Weiblichen zu thun hat, beweist der Name »Jungfer« für einen Block von eigenartiger Gestalt. So ist es denn nicht zu verwundern, daß wir in seinem Munde die »dove Jitte« finden. Was aber bezeichnet er damit? Daß der Davit früher keine so verbesserte Vorrichtung zum Schwingen war wie heute, liegt auf der Hand. Vor hundert Jahren begnügte man sich noch mit einer recht einfachen Sache. Einfach sogar wörtlich genommen, denn damals bestand der Davit nicht aus zwei, sondern nur aus einem Balken, der zuerst gar nicht zum Bootaussetzen oder Einsetzen, sondern nur zum Ankerlichten bestimmt war. Roeding, der zu Hamburg 1794 das vortreffliche »Allgemeine Wörterbuch der Marine« herausgegeben hat schreibt über »taube Jütte«: »Eine kurze und etwas gekrümmte Sparre von starkem Holz, an deren einem Ende sich eine Scheibe befindet. Sie wird gebraucht, wenn man den Anker im Boot lichtet. Man setzt nämlich die Jütte hinten ins Boot, so daß das Ende, woran die Scheibe befindlich, etwas über den Spiegel des Boots ragt. Über die Scheibe legt man alsdann das Bojereep und windet mit dem Bratspill darauf.« »Ähnliche, aber gerade Jütten gebraucht man auch in den Marssen, die Luvpardunen auszusetzen oder zu spannen« ... Man kann sich nun leicht vorstellen, daß die eine in Betracht kommende Sparre so in die Spur eingesetzt wurde, daß ein Mann sie mit beiden Armen umfaßte, etwa wie einer seine Jütte umarmt; es war aber nur eine hölzerne, herz- und gefühllose, »taube«, dove Jütte (wie man auch von einer tauben Nuß spricht). Einmal nun im Scherz dove Jütte oder dove Jitt genannt, leuchtete dieser scherzende Vergleich bald allgemein ein, fand Beifall, Nachahmung, Aufnahme und erwarb sich schließlich in der zusammengezogenen bequeme Form davit (etwa über Dovjit, Dowit) Bürgerrecht in der Seemannssprache. Das Wort müßte demnach eigentlich die Davit heißen, wie der Seemann auch wohl sagt, die Marine schreibt aber der Davit; das Davit kann man auch hören, so daß für jeden Geschmack gesorgt ist. Die moderne Aussprache ist allerdings anglisierend Dävit.

*Deck*,

Mehrzahl: die Decks, seemännisch niemals Verdeck, ist, wie Decke, Dach, decken verwandt mit dem lateinischen tegere, bedecken, tectum, Dach; griechisch tegos, Dach.

Die Schiffe der Handelsmarine werden nach den Bauvorschriften des Germanischen Lloyds gemäß der Anordnung ihrer Decks benannt. Es gibt: 1. Volldeckschiffe mit drei oder vier Decks, 2. Spardeckschiffe, von etwas leichterer Bauart, 3. Hurrikan (Orkan-) Deckschiffe, 4. Sturmdeckschiffe, 5. Schiffe mit teilweisem Sturmdeck, 6. Schutzdeckschiffe, 7. Schiffe mit Schattendeck oder Schirmdeck (wie auf vielen Flußdampfern), 8. Glattdeckschiffe (ohne Aufbauten), 9. Brunnendeckschiffe (haben vorne und hinten je einen Aufbau, die Vertiefung dazwischen heißt der Brunnen), 10. Walrückendeckschiffe, bei denen die Seiten des Schiffes bogenförmig in das Hauptdeck übergehen, 11. Turmdeck- und Kofferdeckschiffe, bei denen der Laderaum gleichsam einen großen Koffer bildet, zum Selbsttrimmen der Ladung eingerichtet; darauf dann ein kleines Deck, das Turmdeck heißt, 12. Tankschiffe, (s. Tank). Bei einem der neuen großen Passagierdampfer unterscheidet man von oben nach unten gerechnet: 1. Bootsdeck, 2. oberes Promenadendeck, 3. Promenadendeck, 4. Brückendeck, 5. Hauptdeck, 6. Zwischendeck, 7. Unterdeck, 8. Orlopdeck. Dieses letztere war ursprünglich das einzige Deck, das zum Gehen für Menschen bestimmt war. Dieses Gehen an Deck hieß mittelniederdeutsch over (deck) lopen, daraus ist overlop geworden, (bei Kilianus overlop = boord van't schip) und das ist zu Orlop zusammengezogen; hat also mit Urlaub nichts zu tun, die wörtliche Übersetzung würde vielmehr etwa Lauf(-planke) sein. Insofern ein Deck aus (Decks-) Planken, aus Brettern, Dielen besteht hieß ein solches althochdeutsch dilla, mittelhochdeutsch dille, altnordisch thilja = Ruderbank; französisch tillac, spanisch tilla, portugiesisch tilha, Deck.

Früher sagte man zuweilen auch Raum anstatt Deck, s. Raum.

*Deckoffizier*, der,

eine ziemlich unglückliche allgemeine, zusammenfassende Bezeichnung für Maschinisten, Feuermeister, Feuerwerker, Bootsleute, Steuerleute, Zimmermeister, Materialienverwalter. Welcher Gedankengang der Bildung dieses jungen Wortes zu Grunde lag ist nicht recht erfindlich, es müßte denn sein, daß ursprünglich jedem der Deckoffiziere eines der verschiedenen Decks zur besonderen Beaufsichtigung zugedacht war. Aber auch das hat sich schon lange geändert; hat doch z. B. über das Zwischendeck ein Leutnant die Aufsicht und heißt dann Zwischendecksoffizier.

*Declination*, s. Variation.

*Deich*, der.

Der das Land vor der See schützende Erdwall, im Hochdeutschen, in das das Wort erst zu Anfang des 18. Jahrhunderts aus dem Niederdeutschen gedrungen ist, gewöhnlich Damm genannt. Ein für den ganzen Bestand vieler Länderstrecken unentbehrliches aber sehr kostspieliges Werk der Menschenhand, daher in doppeltem Sinne treffend in Ostfriesland »de golden hoop«, der goldene Reif genannt. Das Wort ist mit Teig und mit Teich verwandt, sie stammen alle drei aus der Wurzel digh, bestreichen, verkitten, dichten, tasten, tastend formen (aus einer weichen, schlammigen Masse). Der Deich wird aus weicher, ausgegrabener Erde geformt. Weil diese Arbeit hauptsächlich mit dem Spaten geschieht, so hieß im altfriesischen dyka graben, und in dem ihm so nahe verwandten Angelsächsischen dic zugleich Deich und Graben. Altfranzösisch dik, französisch digue. Die Deichgeschworenen hießen altfriesisch dikaldermon. Die Leute die einen Deich bauen heißen diker und sind bei ihrer schweren Arbeit für ihren guten Appetit bekannt, wie sonst wohl die Scheunendrescher. Es konnte in früheren Tagen die Last des Deichens einem Besitzer so schwer werden, daß er lieber sein ganzes Besitztum aufgab und in die Fremde zog. Das tat er, indem er seinen Spaten in den Deich steckte. Wer ihn herauszog, ergriff Besitz von dem verlassenen Lande und trat in alle Rechte und Pflichten ein. (Spatenrecht). Naturgemäß spielt der Deich in den von ihm beschützten Ländern im Denken und im Sprachgebrauch der Leute eine große Rolle. Das beweisen zahlreiche Sprichwörter und geflügelte Worte, z. B. sagt drastisch aber wirkungsvoll einer der sich nicht hänseln lassen will in Westfriesland: »Ik bin niet von Kraien an diek scheten.«

*Deining*, *Dünung*, die.

Das sich Heben und Senken des Meeres in hohen glatten Wogen bei windstillem Wetter oder wenigstens nicht zu den Wellen im Verhältniß stehender Brise. Roeding: »Eine heftige Bewegung der See, die nach schweren Winden noch etliche Tage fortdauert, und selbst, wenn der Wind sich schon verändert hat, noch dieselbe Richtung behält. Ein Schiff, welches z. B. mit Ostwind durch den Kanal ins atlantische Meer segelt, kann daselbst bey eben diesem Winde noch ein Deining aus Süden haben, wenn es nämlich nicht lange vorher schwer aus dieser Himmelsgegend geweht hat.« Eben deswegen, weil Windrichtung und Seegang nicht immer einander entsprechen, heißt die betreffende Rubrik im Loggbuch »Windrichtung und Seegang«.

Es kann aber auch umgekehrt sein, daß die Dünung den Vorläufer eines Sturms bedeutet; in diesem Sinne heißt das Wort italienisch mar nuovo, im anderen mar vecchio oder morto, »tote See«, wiewohl sie ein Schiff lebendig genug schlingern macht. Ist mit Düne von gleicher Abstammung (daher s. d.) im Sinne von sich ausdehnen, in die Höhe gehen, hochgehen, »schnellen«; englisch swell, »a successeon of long unbroken waves setting in one direction, as after a storm.«

*Deisen*,