Ermesinde

Part 3

Chapter 33,579 wordsPublic domain

Und der Hofstaat der Lützelburg war glänzender denn je. Neue Aemter und Würden waren eingeführt worden, und die edelsten Männer des Landes stritten sich um die Ehre, eines derselben bekleiden zu dürfen.

Doch was lag der Fürstin an alledem? Was lag ihr an Schönheit, Wohlstand und Glanz! Das alles hatte sie genugsam betrogen. Wie eine herrliche, scheinbar goldene Wolke war es gewesen, und sie hatte sich unversehens in eine dunkle Gewittermasse verwandelt, die nur Unheil und Trübsal in ihrem dunkeln Schoße barg! Wie ein buntes, gefangenes Vöglein war es gewesen, das unerwartet den Händen eines Kindes entschlüpft und mit gestreckten Flügeln das Weite sucht! Warum sich ein weiteres Mal der Gefahr aussetzen, von trügerisch schillernden Farben geblendet und enttäuscht zu werden? —

Sie konnte nicht mehr beten.

Trüb und abwechslungslos verflossen ihre Tage. Nur dann und wann sandte sie einen Boten. Der sollte ihrem Statthalter in Luxemburg kurze Anweisungen bringen. Weiter wollte sie sich um nichts mehr kümmern.

Stunde um Stunde saß sie einsam auf der Bardenburg. Gedankenlos schaute sie den Vögeln nach, die im hohen Äther eilig vorüberstrichen, oder sie blickte in das nimmermüde Spiel der Wellen, das die Eisch eintönig zu Tale führte und spurlos in die Ferne trug. War aber das Wetter schlecht, dann hockte sie am fest verschlossenen Fenster, schaute in die vom Wind gejagten und zerfetzten Wolken und ließ ihre nassen Augen an den Regentropfen haften, die wie Tränen lautlos und zitternd an den Scheiben niederrollten.

— Sollte denn nichts imstande sein, ihren Trübsinn zu brechen und neuen Lebensmut in ihre wunde Seele zu gießen? Kunigunde von Schockweiler riet ihr und mahnte sie, in stärkenden Spaziergängen, in längeren Wanderungen durch Feld und Wald Ablenkung und Trost zu suchen.

Aber sie hörte nicht den lieblichen Gesang der Vögel und achtete nicht auf das einlullende Murmeln der Quellen.

Alles, alles war umsonst.

Nur eines schien sie dann und wann zu fesseln. Das war die alte, graue Mühle am Fuß des Berges. Wie friedlich lag sie da im Grün der Wiese, am stillen, dunkeln Wasser! Wie friedlich spiegelte sich ihr Bild in dem weiten, schilfumsäumten Teiche! Frieden atmete sogar ihr eintöniges, regelmäßiges Klappern und die großen, moosbedeckten Räder, die sich knarrend im schäumenden, rauschenden Gischte drehten. Und erst ihre Bewohner! Bei aller Arbeit waren sie zufrieden und sichtlich glücklich.

Doch auch dieses schöne Bild wollte im Herzen der Leiderfüllten keine frohe Stimmung wecken. Es zwang sie nur zu neuen Klagen und bittern, unaufhörlichen Tränen.

Gottes Gedanken sind nicht die Gedanken der Menschen; seine Wege nicht die Wege der Erdgeborenen. Sollte er vielleicht seine eigenen Pläne mit dieser Fürstentochter vorhaben? Sollte er sie vielleicht deshalb immer tiefer in den Feuerofen der Leiden senken, damit sie für später ein um so brauchbareres Werkzeug in seinen Händen würde? Es erfüllt sich ja so manchmal im Leben das bedeutsame Wort des Dichters:

„Durch Druck und Schläge mannigfalt Wird rein geglättet jeder Stein, Bevor des weisen Vaters Hand In hohen Bau ihn füget ein.“

* * * * *

7. Kapitel.

Schwindende Nacht

Septuagesima 1213. Tagszuvor hatte die Fürstin lebensmüde die Bardenburg verlassen, um über Hobscheid und Körich nach Luxemburg zurückzukehren. Nicht, als ob neue, wichtige Ereignisse ihre dortige Anwesenheit notwendig gemacht hätten; auch der Einsamkeit und Stille war sie überdrüssig geworden und sehnte sich zurück nach der Stätte, wo ihre Kindheits– und Jugendjahre verflossen waren.

Von der Münsterabtei riefen die Glocken in feierlichen Tönen zur Konventsmesse. Mit ihrem ersten Schlage erschienen vom Kreuzgang her die zum Gottesdienst schreitenden Mönche. Zu zwei und zwei kamen sie daher, schweigsam und gemessenen Schrittes. Ihre Augen waren niedergeschlagen: ihre Hände in den weiten, herabhängenden Ärmeln ihrer Kutten vergraben. Sie machten eine fromme Kniebeugung zum Altare, verneigten sich ehrerbietigst zum Throne ihres Abtes und reihten sich lautlos in das braune, kunstvoll geschnitzte Chorgestühl, in dem sie mit geöffnetem Buch dem Beginn des heiligen Opfers entgegensahen.

Im Mittelschiff, als Erste vor den Schranken, kniete die Gräfin. Ihre Wangen waren abgezehrt. Das fahle Weiß ihres Gesichtes hob sich schreckhaft und gespenstermäßig von dem tiefen Dunkel der Trauerkleider ab, die sie seit dem Tode ihres Gatten nicht mehr ablegen wollte.

Verstohlen blickten die Kirchgänger zu ihr hinüber. „Arme Frau!“ lispelten sie, „nicht lange mehr wirst du ihm nachtrauern! Nicht lange mehr, ... dann wirst du Frieden finden!“

Schon wogte der rythmische Chorgesang, wie Flut und Ebbe, feierlich getragen zwischen den Mönchen hin und her. Der Fürstin klang es wie banges Rufen, wie leiderfülltes Ringen in dunkeln, tiefen Grüften.

Sie weinte. In allem fand sie ein Bild des Todes.

Und wieder waren es die Gedanken ans Sterben, die mit den Worten des Introitus auf sie eindrangen. „Die Schmerzen des Todes umringen mich; die Gefahren der Unterwelt hüllen mich ein.“ — Als ob sie eigens für sie geschrieben und nur deshalb in Töne gefaßt wären, um desto nachhaltiger auf ihre Seele einzuwirken! — Und so hörte sie nicht das trostvolle, im gleichen Introitus angegebene Mittel, sich aus Trauer und Bedrängnis emporzuranken: „... und in meiner Trübsal habe ich zum Herrn gerufen, und er erhörte meine Stimme.“ So ist ja der Mensch. In großer Freude, in tiefer Trauer achtet er nur auf das, was seiner augenblicklichen Stimmung zusagt und den Höhenflügen oder Tiefengängen seiner Gedanken entspricht.

Auch in Luxemburg fand sie nicht den Frieden.

Nach schlaflos verbrachter Nacht eilte sie in der Frühe des folgenden Tages zurück zur Bardenburg. Sie glich eben dem auf den Tod Erkrankten, der unaufhörlich seine Kissen rückt und rückt und doch keine Ruhe findet.

Wie ein gehetztes Wild irrte die bedauernswerte Frau durch Feld und Wald. Scheu wich sie allen Menschen aus, und diese wieder machten Umwege, um nicht mit ihr zusammenzutreffen. Von ferne nur flüsterten sie: „Wenn das junge Laub erscheint ...! Arme, arme Fürstin! den Kuckuck wirst du wohl schwerlich noch einmal singen hören!“

* * * * *

Alleluja! Osterjubel! — Über Nacht verging die Winterstarre und wandelte sich in neues, flutendes Leben. Heller flossen die Brunnen. Die graue Mühle umhüllte sich mit einem farbenbunten Kleide von roten, blauen und weißen Blumen. In blühenden Bäumen sangen die Vögel.

An einem herrlichen Frühlingstage war die Gräfin ihrer Gewohnheit gemäß von der Bardenburg herabgestiegen und wandelte sinnend am Ufer des murmelnden Bächleins drunten im engen Waldtal.

Wie war es hier so still! — Nur das Wasser rauschte und raunte, als ob es in seiner Art von der Größe des Allmächtigen plaudern wollte.

Alles atmete Frieden.

Als fürchtete sie, die weihevolle Stille zu verscheuchen, schritt die Gräfin mit vorsichtigen Füßen langsam auf dem moosbedeckten Pfade weiter und fand sich schließlich am Fuße einer dichtbelaubten Eiche, unter deren knorrigen Wurzeln die sogenannte „klare Quelle“ hervorsprudelte. Die Sonne hatte ihren Höhepunkt erreicht und schaute friedlich in das helle Wasser, wie ein eitles Mädchen, das vor dem Spiegel steht und seinem eigenen Bilde selbstgefällig zulächelt.

Auch die Fürstin blickte in das Wasser. Aber schon meldete sich wieder die Wehmut. Sie schüttelte den Kopf und wollte weiterwandern.

Aber etwas hielt sie zurück.

Sie begann zu grübeln und zu sinnen, und ohne es recht zu wissen, ließ sie sich nachdenklich am Fuß der alten Eiche nieder.

Sie lehnte das müde Haupt an den Stamm des Baumes zurück und sah zu den goldumsäumten Wolken, die kaum bewegt, langsam, ganz langsam über dem Tälchen daherzogen.

Ihre Augen waren halb geschlossen.

Durch die Bäume klingelte das Glöckchen eines Einsiedlers, der in der Nähe sein Kapellchen hatte und durch das Zeichen des Glöckleins von Zeit zu Zeit die frommen Bewohner der Gegend zum Gebete aufforderte.

Sie hörte es und lauschte. Ihre Hände legten sich unwillkürlich ineinander; auf ihre Lippen stieg das |Ave|, der Gruß an die Königin der Königinnen.

Das Quellchen murmelte weiter. Kaum hörbar lispelten die Bäume. —

Da! — Ging nicht ein Rauschen durch das Dickicht? — Es teilten sich die Sträucher. Nebelhaft, verschwommen, erschien ein menschliches Wesen. Es wurde heller und heller. Der Nebel verfloß, und endlich stand vor den Augen der erstaunten Gräfin eine andere Fürstin, so voll Licht und Hoheit, wie sie niemals eine solche gesehen hatte. Ein blendend weißes Kleid, gesäumt mit Gold und Silber, umschloß ihre Glieder. Um ihre Stirne wallte ein blauer Schleier, in dem die herrlichsten Sterne, wie kleine Sonnen, glänzten.

In ihren Armen trug sie ein Kind, aus dessen Zügen die Schönheit selbst zu leuchten und überirdische Güte zu strahlen schien.

So kam die Erscheinung näher und näher. Schon stand sie am Rande des Quellchens, Ermesinde gegenüber, und setzte sich gleichfalls an den Rand der Quelle nieder. Holdselig winkte sie Ermesinde einen freundlichen Gruß, in den auch das Kindlein huldvollst einstimmte.

Das Staunen der Fürstin sollte noch größer werden. Mit einemmal breitete das Kindlein seine Händchen aus, und von der Höhe stiegen, leise durch die Sträucher huschend, viele, viele Schäflein, weiß wie Schnee. Sie hüpften im weichen Grase und tranken aus der Quelle in langen, durstigen Zügen. Dann schmiegten sie sich furchtlos zu Füßen der holden Dame nieder, die sie liebevoll streichelte und denen sie ihre makellose Hand freundlich auf das weiße, wollige Fell legte. Nicht minder freute sich das Kindlein am Anblick der sanften Tierlein, die es herzte und koste. Die Lämmlein aber waren sichtlich froh und überglücklich.

Doch eines erregte die besondere Aufmerksamkeit der Gräfin. Was war das denn für ein Zeichen, das jedes Schäflein auf dem Rücken trug. Ein schwarzes Band zog sich über denselben hin, ging über die Schultern auseinander und vereinigte sich erneut unter dem Halse. Ein Skapulier hätte man sagen können, wie es manche Mönche tragen, mit dem Unterschied, daß letztere das ihrige ablegen können, während dieses inmitten der Wolle von selber wuchs.

Noch immer staunend verkostete die Gräfin das eigenartige, liebliche Bild.

Nun wurde sie gar von der himmlischen Erscheinung angeredet. „Meine Tochter,“ sprach sie freundlich, „dieses sind meine Lämmchen. Einige von ihnen kommen weit her, von den hohen Bergen, die in der Sonne glänzen. Andere steigen aus den Tiefen der Täler, aus Brachfeld und unwirtlicher Steppe. Bei mir finden sie fette Weide und köstlichen, labenden Trank. Keines dieser Schäflein hat Sorgen. Sie schenkten sich meinem Sohne, ganz und ohne Rückhalt, und er gab ihnen das, was ihnen die Welt nicht bieten konnte, das Höchste, was es gibt, was auch du suchst und nirgends findest, ... den Frieden.“

Erschrocken fuhr die Fürstin auf. — Klang das nicht wie die letzten Worte, die ihre sterbende Mutter an sie gerichtet hatte? —

Aber die Erscheinung fuhr fort. „Jetzt kennst du meine Schäflein. Du kennst die Liebe, die ich zu ihnen hege. Soll ich sie dir anvertrauen? Hier wären sie gut! Das Tal ist dein! Gestatte ihnen, hier zu bleiben!“

Nach diesen Worten stand die Dame auf. Von ihren Schäflein gefolgt, zog sie von dannen, talaufwärts, gegen die Hütte des Einsiedlers hin, und verschwand in einem silbern leuchtenden Nebel. Einige Zeit noch schwebte dieser Nebel über dem Tälchen, hob sich in die Lüfte und verging.

Wie aus einem Traume erwachend, blickte die Gräfin auf. Ihr Auge suchte, aber das Tälchen war wieder still und einsam, wie zuvor. Nur das Quellchen murmelte, und kaum hörbar lispelten die Bäume.

Freudig erhob sich die Gräfin, und kehrte jubelnden Herzens zu ihrer Burg zurück. So leichten Schrittes war sie seit langem nicht mehr gewandelt.

In ihrem stillen Kämmerlein saß sie am Abend lange Zeit sinnend am Fenster. Am Himmel stand der volle Mond mit den goldschimmernden Sternen, ein Bild dessen, was sie an der |klaren Quelle| geschaut hatte.

Und ehe sie zur Ruhe ging, betete sie aus voller Seele, inbrünstig, wie schon lange nicht mehr, das ihr früher so geläufige Abendgebet, in das sie einige Verslein einfügte:

„Ich will schlummern; wache du, Herr und Hirte deiner Schafe, Schließ die müden Augen mir, Schütze mich in meinem Schlafe! Gib mir deiner Engel Wacht, Liebster Jesu, gute Nacht! Wenn ich träume, sei’s von dir Und den lieben Englein allen, Die wie Schäflein, voller Zier, Durch den Himmel mit dir wallen! Grüße, die mir sind bekannt, Dort, zu deiner rechten Hand! Gute Nacht, Herr Jesu Christ! Hirte, der du gütig bist,

Deiner Lieb’ sei nicht verhehlet, Was ich klagend hab’ gefehlet, im Trübsinn, sonder Maß, Ich auf deine Huld vergaß! Hilf mir fortan besser sein, Gute Nacht, jetzt schlaf ich ein!“

In ihren Träumen hüpften und spielten die Schäfchen.

Ehe die Sonne am Himmel stand, kniete sie wieder am Fenster. Aus ihrer längstverschlossenen Truhe hatte sie eine silberbeschlagene Bibel hervorgeholt, um aus den Psalmen das Morgengebet eines neuen Lebens zum Himmel zu senden:

„Gott ist mein Hirt, nichts wird mir mangeln; Am Ort, wo Weide ist, läßt er mich weilen, Am Wasser, wo Erquickung, versorgt er mich, Labt meine müde Seele; Lenkt mich auf Pfade der Gerechtigkeit, Um seines Namens willen. Und mußt’ ich wallen durch die Todesschatten, Ich würde keinen Unfall fürchten, Denn du bist bei mir.“ ($Ps. 22$)

* * * * *

8. Kapitel.

Beim Klausner

Doch wer mochte die holde Dame sein, die Ermesinde mit ihrer Erscheinung beehrt und ihr mit gütigem Lächeln unerwartet süßen Trost ins müde Herz gegossen hatte? Wer war das liebe Kindlein, dessen freundlicher Blick endlich wieder einen Schimmer des längst vermißten Friedens in ihrer wunden Seele geweckt hatte? Und die weißen, schwarzbebänderten Schäflein, die so freudig an den himmlischen Gestalten vorbeizogen und von ihnen geherzt worden waren, hatten doch sicher ebenfalls ihre besondere Bedeutung! —

Diese und ähnliche Fragen traten an jenem Abend immer wieder vor den grübelnden Geist der Gräfin und ließen ihr keine Ruhe. Sie suchten und suchten nach einer Antwort, aber diese Antwort ließ sich nicht finden.

In der Frühe des folgenden Morgens wanderte sie zurück ins Tal. Sinnend durchschritt sie die Pfade, die sie tagszuvor gegangen war. Nachdenklich stand sie an der klaren Quelle. Bald blickte sie ins murmelnde Wasser, bald nach der alten Eiche, bald nach der Anhöhe, von der die Schäflein niedergestiegen waren ... Aber alles Spähen blieb umsonst. Kein Lüftlein störte die eindrucksvolle Stille. Nur der gewöhnliche Frühlingsmorgen webte geräuschlos um Baum und Strauch, und die hellen Sonnenstrahlen glitten wie weiße Fäden lautlos durch das junge Grün.

Da tönte mit einem Male von der nahen Kapelle her der sanfte, feierlich getragene Klang des Klausnerglöckchens. Wie ein feines, helles Stimmchen kam er daher; wie suchend wand er sich durch die Bäume; verklingend stieg er in die Grüfte, um gleich darauf wieder anschwellend nach der Höhe zurückzuschnellen ... Als wollte er in alle Klüfte, in alle Winkel die Mahnung tragen:

„Grüße die Mutter, Die himmlische Frau! Ihr deine Leiden Sorglos vertrau!“

Die Menschen hörten den Klang. In der Nähe und Ferne falteten sie die Hände und beteten, wie man sie gelehrt hatte:

„Gruß dir, o Mutter, Du himmlische Frau! All meine Sorgen Dir ich vertrau!“

Auch die Fürstin hatte das Gebetchen gesprochen. Aber ihre Gedanken waren augenblicklich von demselben abgebogen. Der Ton des Glöckleins hatte sie an jemanden erinnert, der ihr auf ihre Fragen Antwort geben konnte, der fromme Einsiedler Rhabanus. — Wie sie bloß seiner so lange vergessen konnte ...! —

Seit Jahr und Tag wohnte er an der klaren Quelle. Von Ginster und Farn umstanden, hockte sein Hüttlein am Fuße eines hohen Felsens.

Die ganze Gegend kannte ihn.

Und doch kannte man ihn wiederum nicht. Niemand wußte um seine Familie und sein Vaterland. Von weither war er gekommen. Vielleicht aus fürstlichem oder königlichem Hause. Das verrieten seine vollendete Höflichkeit, mit der er allen, auch den Ärmsten begegnete und die tiefe Wissenschaft und Weisheit, mit denen er in allen Fragen bescheidenen, klugen Rat erteilen konnte.

Nun aber lebte er in gänzlicher Zurückgezogenheit. Eines nur beschäftigte ihn, die Ehre Gottes und das Wohl seines Nächsten. Zu verschiedenen Stunden des Tages läutete er das Glöcklein seiner Kapelle und mahnte damit die Gegendbewohner zum Gebet. Hatte er selbst seine langen Betrachtungen vollendet, so wandelte er durch den Wald. Dort sammelte er Kräuter und Heilblumen, die er sorgsam trocknete und für die aufhob, die in ihren Krankheiten zu ihm kamen. Unentgeltlich gab er seine Arzneien an die leidenden Mitmenschen ab und vergaß niemals auch ein Wort der Erbauung und Belehrung für ihre Seele beizufügen.

An regnerischen Tagen schreinerte er. Damit ihn der Teufel niemals müßig fände.

In der Ecke seines Hüttleins stand sein Sarg. Der sollte ihn zu Lebzeiten an den Tod erinnern und ihm die Kostbarkeit des schnell verrinnenden irdischen Daseins ins Gedächtnis rufen. Deshalb grüßte er ihn immer wieder mit den wohlbedachten Worten: „_Memento mori!_ Gedenke deines Sterbens!“

Bruder Rhabanus hatte eben sein Glöcklein zu Ende geläutet und wollte nun auf seinem Betschemel niederknien, um die Tagzeiten der Muttergottes zu verrichten, wie es die Priester zu tun pflegten. Da trat die Fürstin ehrerbietigst an ihn heran.

„Bruder Rhabanus,“ flüsterte sie, „dürfte ich auf einen Augenblick Eure tröstliche Hilfe in Anspruch nehmen?“

Schweigend schloß der Mann Gottes das eben geöffnete Buch. Demütig folgte er der Gräfin auf die Schwelle des Kapellchens.

Es lag ein eigenartiger Gegensatz zwischen den noch unruhigen Zügen der Gräfin und dem abgeklärten, von himmlischer Ruhe und überirdischem Frieden versonntem Wesen des Einsiedlers.

„Ehrwürdiger Bruder, ich brauche Euern Rat!“

„Gnädige Fürstin, wenn es in meiner Macht steht, will ich Euch mit größter Freude helfen. Redet!“

Da griff Ermesinde weiter aus. Sie schilderte mit bewegter Seele all das Ungemach, das sie seit Kindheittagen unablässig verfolgt, die Nacht der Trübsal, die immer dichter und dunkeler um sie geworden war und sie schließlich an den Rand der Verzweiflung getrieben hatte. Dann sprach sie von der lieblichen Erscheinung, die ihr an der klaren Quelle wieder einigermaßen Ruhe und Frieden verschafft hatte, deren Sinn sie sich aber trotz eifrigstem Nachdenken nicht deuten könnte.

Mit gespanntester Aufmerksamkeit hörte Rhabanus zu. Punkt um Punkt prägte er sich die Einzelheiten der Erscheinung ein. Als die Gräfin geendet hatte, gab er freundlichst zurück: „Wie ich bereits hervorgehoben habe, gnädige Frau, will ich gerne alles tun, was ich zu Euerm Trost und Euerm fürstlichen Wohlergehen vermag. Aber einstweilen muß ich von einer sicheren Deutung Eures Gesichtes absehen. Erst will ich beten und den Allwissenden, von dem alle Erkenntnis kommt, um Erleuchtung anflehen. Stammt die Erscheinung von ihm, so wird er uns in seiner Güte restlose, eindeutige Erklärung finden lassen. Die gnädige Frau wollen ebenfalls in eifrigem Gebet zum Himmel rufen, mein schwaches Flehen bei Gott unterstützen und morgen wiederkommen!“

Ermesinde versprach es.

In stiller Stunde der Nacht betete Rhabanus eindringlicher noch als sonst. Am Himmel standen die Sterne. Sie leuchteten in ungetrübter Klarheit und sahen zur Erde nieder wie eine in der Ferne grasende, friedliche Herde.

Anderntags, lange vor der festgesetzten Stunde, war die Fürstin auf der Schwelle des Kapellchens. Rhabanus weilte noch im Gebet.

Als er schließlich aus dem Heiligtum hervortrat, lag ein frohes Leuchten auf seinem friedlichen Antlitz.

„Heil Euch, gnädige Frau!“ jubelte er, „die Lösung ist gefunden. Es war kein Spiel trügerischer Einbildungskraft oder teuflicher Bosheit, das Euch an der klaren Quelle blendete. Was Ihr geschaut habt, war himmlischen Ursprungs. Ihr sahet die allerseligste Jungfrau; Ihr sahet das Kindlein Jesu. Die Königin des Friedens, die Mutter der Barmherzigkeit, hat Euch gnädig zugelächelt. Wohl Euch! Wer sie findet, findet das Leben und schöpfet Heil vom Herrn!“

„Aber was bedeuten die weißen, schwarzbebänderten Schäflein, Bruder Rhabanus!“

„Auch dieses kann ich Euch deuten, gnädige Frau. Die allerseligste Jungfrau hat eine Bitte an Euch!“

„Eine Bitte? Was könnte ich für die Königin des Friedens tun?“

„Gnädige Frau, dieses Tälchen gehört Euch. Hier möchte die Mutter der Erbarmung ein Heiligtum haben; hier an der klaren Quelle möchte sie verehrt werden von frommen, gottgeweihten Jungfrauen, Zisterzienserinnen, die hier ein Kloster gründen und ihr das Ave singen sollen von früh bis spät.“

„Ein Kloster Zisterzienserinnen?“ wiederholte die Gräfin mit wachsendem Staunen. „Bruder Rhabanus, das verstehe ich nicht. Woher entnehmt Ihr denn, daß Maria gerade Mitglieder dieses Ordens an der klaren Quelle wünscht?“

„Ich sehe es an der Farbe der Lämmchen, gnädige Frau. Ein Irrtum ist ausgeschlossen. Weiß sind nur die Zisterzienserinnen gekleidet, und ihr Skapulier ist schwarz.“

Die Gräfin nickte. Schon sah sie im Geiste den Wald gelichtet, die klare Quelle umbaut mit hohen, friedlichen Mauern, in ihrer Mitte ein schmuckes Kirchlein mit niedrigem Turm, und durch die stillen Bäume hörte sie ein frommes Raunen gehen, ein Flüstern und Ave Beten bis in die fernsten Zeiten.

„Übrigens,“ fügte der Bruder hinzu, „kein Wunder, daß die Himmelskönigin gerade Zisterzienserinnen in diese Gegend ruft! Ist doch dieser Orden gestiftet zu Ehren Unserer Lieben Frau und hat die allerseligste Jungfrau stets eine besondere Vorliebe für die Stiftungen von Citeaux bekundet. Und ist nicht der berühmte Zisterzienser, St. Bernhard, selbst an dieser Stätte vorübergekommen und hat auf seiner Durchfahrt die klare Quelle gesegnet?“

Die Gräfin lauschte auf. Wohl hatte man ihr früher von dieser Durchreise des Dieners Gottes erzählt, aber sie hatte damals der flüchtig erwähnten Begebenheit keine besondere Bedeutung beigelegt. Nun aber fragte sie mit steigender Neugierde, ob Rhabanus vielleicht nähere Einzelheiten darüber wisse.

Statt der Antwort entschuldigte er sich auf einige Augenblicke und verschwand in seiner Hütte. Mit einem Stoß sorgsam verpackter Schreiben kam er zurück. Eine der Urkunden rollte er auseinander und reichte sie der Fürstin mit untertäniger Verbeugung hin. „Wollen gnädige Frau selbst lesen, was Bruder Wolfram, einer meiner Vorgänger in dieser Klause, darüber schreibt!“

Die Gräfin las:

„Im Jahre des Heils tausendeinhundertvierzigundsieben war unser heiliger Vater, Papst Eugen, der dritte dieses Namens, nach Frankreich gekommen, um einer Kirchenversammlung in der Stadt Reims vorzustehen. Zugegen war auch Adalbero, Erzbischof von Trier. Der lud den Papst und die ganze erlauchte Versammlung nach seiner Stadt Trier ein, wo sie die Weihe der St. Matthiaskirche vornehmen sollten. Der Papst nahm an. Begleitet von seinem geistlichen Sohne Bernhard und einem auserlesenen Gefolge von Kardinälen, Bischöfen und anderen Prälaten machte er sich auf den Weg. Die Reise war ein ununterbrochener Triumphzug, denn die Verdienste des Dieners Gottes Bernhard waren allgemein bekannt, und überall, wo er durchkam, eilte ihm das Volk entgegen und bat um seinen Segen und sein Gebet.

Ordenstracht der ehemaligen Zisterzienserinnen (Bernhardinerinnen) von Clairefontaine. (Nach einem alten Holzschnitt).