Ermesinde

Part 2

Chapter 23,537 wordsPublic domain

Graf Heinrich aber lag bewußtlos in schweren Fiebern.

Eilboten jagten fort. Von Metz herüber, von Köln herauf, sollten sie die berühmtesten Wund– und Augenärzte herholen.

Sie taten ihr Bestes. Ihrer Kunst gelang es auch, das Schlimmste zu verhindern und das Leben des Verwundeten zu retten.

Aber sein Augenlicht war dahin. Noch krank brachte man ihn nach Luxemburg. Als er nach einigen Monaten zum erstenmal wieder ausgehen durfte, führten ihn seine Diener an der Hand. Wie ein schwerer, undurchdringlicher Nebel lag es vor seinen Augen, und nur mit äußerster Anstrengung konnte er die Umrisse selbst in der Nähe gelegener Dinge unterscheiden. Als letzte Hoffnung tröstete er sich auf die Versicherung der Ärzte, sein Zustand werde sich allmählich bessern; aber diese Hoffnung zeigte sich irrig. Immer mehr drang die Nacht auf ihn ein, und gegen Ende seines Lebens verfiel er in vollständige Finsternis, ein Zustand, der ihm in der Weltgeschichte den Namen „Heinrich, der Blinde“ eintrug.

Wie sollte die Gräfin Agnes diesen plötzlichen Umschlag ihres Glückes tragen?

Von Schrecken wie gelähmt, fing sie an zu kränkeln. Wie ein rastlos nagender Wurm quälte sie das Bewußtsein, daß ihr Pfeil es gewesen, der den Grafen für den Rest seines Lebens in Finsternis tauchte, und obschon man ihr hundert– und tausendmal sagte, sie habe ja das schreckliche Mißgeschick nicht ahnen können, und es treffe sie deshalb auch keinerlei Schuld, die traurigen Gedanken wollten nicht aus ihrem Sinne schwinden.

Dunkeln Schatten gleich senkten sich diese Kümmernisse um das nach Sonne dürstende Kind Ermesinde.

Während sonst gesunde Väter ihre Kleinen an lichterfüllten Frühlingstagen freudig in Gottes herrliche Natur hinausgeleiten und sie auf das klare Blau des Himmels, den Schmelz der Blumen und das molligweiße Schäumen murmelnder Quellen und Bächlein aufmerksam machen, saß Ermesindens Vater mit gesenktem Antlitz im Innern des grauen Schlosses oder droben auf der von Lorbeerbäumchen umrahmten Terrasse. An seiner Seite spielte das Kind. Aber wie sollte er ihr auf all die kindlichen Fragen nach diesem und jenem antworten, wo er aus ihren mangelhaften Schilderungen oftmals nicht erraten konnte, was sie in buntbemalten Büchern oder weitab in der Ferne schaute!

Auch am Krankenbett der Mutter fühlte sich das Kind nicht wohl. Frohe Kindergedanken stimmen ja so schlecht zu den Ausbrüchen eines leiderfüllten Herzens! Agnes hatte sich noch immer nicht in ihre neue Lage gefunden. Bittere Klagen standen auf ihren Lippen. „Einst so reich und angesehen!“ murmelte sie, „und nun so elend und verlassen!“ Und wie verhaltenes Weinen klang es, wenn sie ihre gegenwärtige Trübsal mit der Zufriedenheit der armen Leute verglich, die sie einst verachtet hatte. „Ich baute auf irdisches Gut und Wohlergehen,“ pflegte sie dann zu sagen, „und hielt es für unvergänglich. Wie bald war es dahin! Glücklich die armen Leute! Sie haben wenig, können aber auch nur wenig verlieren! Ich war einst reich! In welchen Abgrund der Betrübnis bin ich geraten!“

Der Graf suchte sie zu trösten. „Mannigfache Trübsal zeichnet das Leben eines jeden Menschen. Haben wir einst das Gute von der Hand Gottes angenommen, warum sollen wir uns nicht auch in das Böse willig fügen!“

Aber der Schlag war zu plötzlich gewesen. Erst nach und nach konnte sich das Herz der Gräfin ins Unabänderliche fügen lernen.

Ihr Ende rückte näher und näher.

Sie fühlte es. Und raffte sich schließlich zur Seelenruhe und zum christlichen Gleichmut auf. Die Härten des Lebens hatten es ihr endlich zum Bewußtsein gebracht, daß das Glück nicht allein in vergänglichen, irdischen Dingen wohnt.

Mit mütterlicher Liebe rief sie ihr Kind an ihr Krankenlager und sprach zu ihm in ruhigen, abgeklärten Worten, die Ermesinde allerdings erst viel später in ihrer ganzen Tragweite verstehen sollte: „Mein Kind, wenn ich eines Tages nicht mehr an deiner Seite weilen werde, dann bedenke und vergiß es nicht: Das Fundament allen Glückes ist der Friede des Herzens. Den mußt du suchen! Den mußt du bewahren! Du bist jung; du trägst einen ehrenvollen Namen; ein schönes Land wirst du eines Tages dein eigen nennen. Man wird dir schmeicheln. In irdischem Besitz könntest du deine Freude zu finden wähnen. Nein, Kind! Wie ein Pfeil die Luft durchschwirrt, schwindet das Vergängliche rasch dahin.“

Wenige Tage darauf trauerten an ihrer Bahre ein blinder Greis und ein unmündiges Kind, Ermesinde.

Liebevoll und ergeben suchte ihr der Vater den allzufrühen Tod der Mutter verschmerzen zu lassen. Wie manche Stunde saß das Kind an seiner Seite, droben auf den Zinnen der alten Burg und lauschte auf seine Ermahnungen und seine Schilderungen aus längst vergangenen Tagen! Vom alten Römerweg drüben erzählte er, der hinter Klausen meterhoch über das Gelände nach dem fernen Grünenwald führte, und auf dem die fremden Eroberer Unterwerfung und Knechtschaft gebracht hatten; auf demselben Wege waren aber auch die Boten des Evangeliums, Frieden kündend, herangekommen und hatten dem Lande eine neue Freiheit und Gottes Segen vermittelt. Er sah den großen Bischof und Wundertäter Martinus. Auf ihm war St. Bernard vorübergezogen und Papst Eugen III. Von Verdun herüber, durch Arlon, Straßen und Luxemburg waren sie gekommen, um nach Trier weiterzuziehen, zur Einsegnung der St. Mathiaskirche, im Jahre 1148. Der Bardenburg war damals die Ehre geworden, die hohen Gäste bewirten zu dürfen. Auch vom Süden des Landes sprach er, von den saftigen Wiesen des Rösertales und den fruchtbaren Gefilden, die sich um Johannisberg und Zolverhöhe dehnten, von denen bei klarem Wetter die Dächer und Zinnen herrlicher Burgen herübergrüßten. Dann freute sich das Kind und vergaß auf eine Weile den Zug der Trauer, der jahraus, jahrein die Lützelburg jener Tage füllte.

Dann meldete sich ein neues Unheil. Heinrich, der bis dahin als tapferer Streiter auf den Schlachtfeldern der Gegend bekannt und gefürchtet war, konnte nicht mehr die Waffen führen. Zur Untätigkeit verurteilt, hockte er verlassen in seiner Burg und war auf die Rechts– und Friedensliebe seiner Vasallen und Nachbarn angewiesen.

Doch, wo die Kraft zur Abwehr fehlt, erweist sich diese Hoffnung oftmals trügerisch. Ritter und Barone griffen seine Besitzungen an und entrissen ihm dieses und jenes. Und er konnte bloß machtlos zürnen und mußte sich auf Verhandlungen einlassen, die meistens zu seinem Schaden aussschlugen.

Wohl oder übel mußte er sich eines Besseren besinnen. Er mußte sich nach einem Bundesgenossen umsehen, der an seiner Stelle in den Kampf ziehen und den Ruhestörern das widerrechtlich Geraubte entreißen könnte.

Seine Wahl fiel auf Heinrich, Grafen der Champagne in Frankreich. Als Lohn für seine Hilfe sollte ihm später mit der Hand Ermesindens das Anrecht auf die von ihm geschützten Länder zufallen. Aber es dauerte nicht lange, so trat er von dem Vertrag zurück. Allzuhäufig waren die Streitigkeiten, in die er dieses Erbes wegen, verwickelt wurde.

So litt der blinde Graf gegen Ende seines Lebens mehr und mehr, und wäre nicht sein Kind gewesen, er hätte wirklich den Tod als milden Retter und Freund herzlich gegrüßt.

Von Bedrängnissen umringt, starb er 1196 im Kloster zu Echternach und fand seine Ruhestätte an der Seite seiner Gattin, in der stillen Gruft des Klosters #Floreffe#, in der Nähe von Namür.

Einsam und verlassen stand das neunjährige Kind Ermesinde, als Doppelwaise in den weiten, altersgrauen Hallen ihres väterlichen Schlosses.

* * * * *

4. Kapitel.

Tage der Sonne

Kindertränen trocknen rasch. Auch am Grabe der Eltern. Und doppelt schnell schreitet das Vergessen, wenn ein jahrelanges, schweres Leiden den Vater oder die Mutter schon zu ihren Lebzeiten mehr und mehr am wirksamen Eingreifen in die Familienangelegenheiten gehindert hatte.

Gemäß der Anordnung eines Vormundes sollte Kunigunde von Schockweiler, Hofdame der verstorbenen Gräfin Agnes, die Erziehung des fürstlichen Kindes leiten. Sie war eine Frau von hervorragender Bildung und herzgewinnender Güte. Ihr ganzes Sinnen und Trachten sollte darauf gerichtet sein, Licht und Sonne in das Herz ihres Schützlings hineinzugießen. Die kleine Ermesinde hatte doch lange genug, wie ein im Keller vergessenes Blümchen am Krankenlager der Mutter oder am Sorgenstuhl des blinden Vaters trauern und welken müssen!

Mit peinlicher Sorgfalt sollten ihr deshalb alle Nachrichten vorbehalten werden, die sie irgendwie betrüben konnten. Später, wenn sie einmal erwachsen wäre und mit eigener Hand die Zügel der Regierung zu lenken hätte, bliebe ihr noch Zeit und Gelegenheit genug, des Lebens Härten und Bitternisse aus eigener Erfahrung kennen zu lernen.

So wuchs sie in dem Wahne auf, die Schwierigkeiten, die früher so oft Sorge und Betrübnis in die Lützelburg getragen hatten, seien mit dem Tode des Vaters wie durch einen glücklichen Zauber spurlos verschwunden; es mußte in ihr die Überzeugung Platz greifen, über ihrem Schloß und Lande herrsche der reinste, ungetrübteste Friede. Und doch bestanden diese Schwierigkeiten in ihren verschiedensten Arten unvermindert fort, und mehr als einmal konnten sie nur zum dauernden Schaden der gräflichen Besitzungen geschlichtet werden.

Als die Trauerzeit vorüber war, setzte am Hofe ein lustiges, frohes Treiben ein. Ein Fest jagte das andere. Sorglos schwanden des heranwachsenden Töchterleins sonnerfüllte Tage. Mit durstigen Lippen schlürfte sie am Strome der Freuden. In nächtlichen Träumen erschien ihr die Zukunft im rosigsten Lichte.

Wohl dachte sie auch da noch hie und da an ihre frühverstorbenen Eltern, und in liebender Erinnerung stiegen ihr heiße Tränen in die blauen Augen. Aber sie schwanden wieder. „Warum sich mit Vergangenem nutzlos härmen?“ lispelte sie, „Unabänderliches soll man vergessen, dem Kommenden zuversichtlich entgegensehen und sich fröhlich des gegenwärtigen, heiteren Tages freuen!“

Und doch wollte ihr nimmer die Erinnerung an das letzte Wort der scheidenden Mutter aus dem Gedächtnis schwinden, das Wort vom Frieden und die Aufforderung, um dieses höchste aller Güter, den Frieden der Seele, unaufhörlich zu beten. Dann saß sie sinnend, und zu den Wolken blickend, flüsterte sie: „Ich kann es nicht begreifen! Oder doch, ich verstehe dich, tote Mutter! Unter den Schlägen des Schicksals warst du zusammengebrochen. Deshalb hast du geseufzt und gebetet um den Frieden. Ich aber, ich habe ein solches Gebet, Gott sei Dank, nicht nötig. Mir leuchtet das Glück, und dieses steht höher, als der Friede!“

Mit besonderer Festlichkeit sollte der 7. Mai des Jahres 1204, an dem die Fürstin mit vollendetem 18. Lebensjahr die Regierung der Grafschaft übernehmen sollte, gefeiert werden.

Schon tagelang zuvor regte und bewegte es sich auf allen Wegen und Stegen des Landes. Ritter und Grafen, Vasallen und Waffenleute eilten in hellen Scharen herbei, hoch zu Roß, in goldbesäten Rüstungen, mit wappengeschmückten, bunten Helmen, Schilden und Lanzenwimpeln. Sie wollten es sich nicht nehmen lassen, den Ehrentag der neuen Herrscherin gebührend auszuzeichnen und ihr mit den besten Glückwünschen auch die Versicherung ihrer unverbrüchlichen Ergebenheit und Treue zu Füße zu legen.

Aber nicht alle erschienen mit diesen uneigennützigen, rein patriotischen Gedanken. Ermesinde war reich und schön; ein stolzes Schloß, ein herrliches Land nannte sie ihr eigen, und, war nicht mit ihrer Großjährigkeit die Zeit gegeben, wo sie, dem Gebrauche der Zeit entsprechend, ans Heiraten denken mußte? Ihr erster Verlobter, Heinrich von Champagne hatte sein Wort zurückgenommen und war auf sein väterliches Erbe nach Frankreich zurückgekehrt. Somit war sie wieder frei geworden, und diesmal konnte sie sich, ohne Bevormundung, der Neigung ihres Herzens gemäß, selbst entscheiden.

Auf wen sollte die Wahl fallen?

Unter all den Anwärtern tat sich einer besonders hervor. Der schien Ermesinde all die Eigenschaften aufzuweisen, die sie von ihrem künftigen Gatten forderte. Sein Name war Graf Theobald von Bar. Seine Familie gehörte zu den angesehensten von ganz Lothringen; seine Besitzungen stießen an die Grafschaft Luxemburg, so daß eine Verbindung zwischen den beiden Häusern Ausdehnung und Macht der Grafschaft Luxemburg merklich steigern mußte.

Von der Herrschaft Vianden abgesehen, stimmten die Adelsgeschlechter des ganzen Landes begeistert in die Kunde von der bevorstehenden Vermählung ein. Am Tage der Hochzeit ergötzte sich die Ritterschaft in glänzenden Turnieren, das gewöhnliche Volk bei froher Tafel und geselligem Spiel.

So schien denn der letzte Stein in den hochragenden Glücksstempel der Fürstin eingereiht; sie wähnte sich vor einer wolkenlosen, heiteren Zukunft, denn Theobald war reich und mächtig, ein Freund von Jagd und Festen. Sein Hofstaat war glänzend. Überall leuchteten Freuden und Sonne.

Und doch lauerten an der Schwelle neue, bittere Schicksalsschläge, hinterlistig und falsch, wie wilde, blutgierige Tiere, die plötzlich aus einem unerwarteten Hinterhalt hervorbrechen und ein armes, wehrloses Opfer mit hartem, rohem Zahn zerfleischen.

* * * * *

5. Kapitel.

Zerstörte Glücksträume

Wie mancher herrliche Tag hat in ungetrübter Sonne begonnen, und ehe sich seine Abendschatten auf die Dächer senken konnten, fand er in furchtbaren Gewitterstürmen ein jähes, unheilvolles Ende!

Wie waren die Ritter und Grafen des Luxemburger Landes so freudig und zahlreich zu den Hochzeitsfeierlichkeiten ihrer Fürstin gekommen! Aus tiefstem Herzen heraus hatten sie ihr und ihrem Gemahl die besten Glückwünsche für ein langes, friederfülltes Leben entgegengebracht.

Und doch sollte diese Vermählung nicht die Morgenröte einer wolkenlosen Zukunft, sondern der Auftakt zu einer an Schicksalsschlägen reichen Zeit werden.

Die Ursache ihrer ersten Tränen lag für Ermesinde in dem heftigen, kriegerischen Sinn ihres Mannes. Seine Gedanken standen auf den Kampf. Nur dann schien es ihm eigentlich wohl zu sein, wenn er an der Spitze seiner Söldlinge ins Feld ziehen und sich mit gebeugtem Nacken rücksichtslos in die größten Gefahren stürzen konnte.

Wohl suchte ihn die Gräfin nach und nach zu friedlicheren Gesinnungen umzuwandeln, aber ihr Bemühen war umsonst. Ein Rechtshandel drängte den anderen; und kaum war dieser geschlichtet, so hatte der Ränkesüchtige schon wieder Gelegenheit zu einem anderen gefunden, wobei ihm jeder, auch der fadenscheinigste Anlaß willkommene Handhabe bot.

Von Kampfes– und Abenteuerlust entbrannt, fiel er schließlich, trotz der Bitten und Tränen seiner Gattin, mit bewaffneter Hand in die Besitzungen des Bistums Metz ein und holte sich für dieses gottesräuberische Unterfangen die schwerste der kirchlichen Strafen, die Exkommunikation. In feierlicher Weise wurde sie über ihn ausgesprochen.

So war er denn ausgeschlossen vom erhebenden Besuch des Gottesdienstes und der tröstlichen Teilnahme an den Festen und Zeremonien der heiligen Kirche. Lebend war er gleichsam gestorben.

In rascher Folge verließen seine Diener das Schloß. Sie wollten nicht eingeschlossen werden in den furchtbaren Fluch, der auf ihrem Meister lastete.

Trauernd zog auch seine Gattin fort. Auf der Bardenburg wollte sie bessere Zeiten abwarten und den Himmel bestürmen, in Gebet und Almosen, daß er das Herz des Verstockten zur Einsicht und Umkehr wende.

Lange wollte sich sein stolzer Sinn nicht beugen. Lange wollte er sich nicht entschließen, das begangene Unrecht rückgängig zu machen und damit Verzeihung und Aufhebung seiner Strafe nachzusuchen.

Einsam und zürnend irrte er durch die öden, menschenleeren Hallen seiner grauen Burg.

War es nun diese drückende, unerträgliche Einsamkeit, waren es die Gebete und Tränen seiner Gattin, die sein hartes Herz erweichten; endlich gab er nach. Er versprach Besserung und Buße und bat um Nachlassung des Bannes.

Sie wurde ihm gewährt. Aber der Größe seines Vergehens entsprechend, sollte auch die Sühne sein, die er dafür übernehmen mußte. Im Frühjahr verließ er die Heimat, um in Südfrankreich an einem Kreuzzug gegen die Albigenser teilzunehmen, deren Irrlehre dort eine weite Verbreitung gefunden hatte.

Erleichtert atmete Ermesinde auf. Mochte auch der Kriegszug in so weite Ferne Gefahren mit sich bringen, Theobald war doch wieder mit seinem Gewissen und der Kirche ausgesöhnt und konnte sich auf die opferwillige Unterstützung und den Schutz seiner Mannen verlassen.

Nach der Abreise ihres Gemahles nahm auch Ermesinde den Weg nach Frankreich. Während der Verstocktheit Theobalds hatte sie gelobt, eine Wallfahrt zum Grabe der heiligen Genoveva nach Paris zu unternehmen, und diesem Versprechen wollte sie möglichst bald nachkommen. Sie zog durch Lothringen und die Champagne und kehrte im Herbst, als die Vögel südwärts zogen, nach Luxemburg zurück.

Zahlreich waren die Boten, die ihr in der ersten Zeit Kunde vom Wohlbefinden ihres Mannes und seiner Kampfgenossen heimbrachten. Nur einige wenige waren bisher gefallen. Zugleich teilte der Graf mit, daß wenn keine besonderen Schwierigkeiten einträten, er mit dem kommenden Frühling nach Hause zurückzukehren hoffe, um von da ab ein kriegsfeindliches, friedliebendes Leben zu führen.

„Gott sei Dank!“ jubelte die Gräfin, „so wird am Ende doch noch alles gut werden!“

Während des Winters wurden die Nachrichten spärlicher.

„Kein Wunder!“ tröstete sich Ermesinde, „Südfrankreich ist weit entfernt, allenthalben herrscht eine grimmige Kälte, und die wenigen gangbaren Wege liegen tief verschneit.“

Mit der Weihnachtszeit setzte alle weitere Kunde aus.

Die Gräfin war darüber nicht übermäßig beunruhigt. Sie redete sich sogar ein, daß das eher als ein erfreuliches Zeichen der baldigen Heimkehr ihres Gatten gelten könnte. Als der Frühling vom Süden her immer näher kam, erwartete sie den Heimkehrenden von Tag zu Tag.

Doch Woche um Woche verstrich. Alle Nachmittage saß die Fürstin mit ihrer Hofdame droben auf der lorbeerumstandenen Terrasse des Schlosses und sehnsüchtig schaute sie nach Süden. Aber weder Ritter noch Reisiger zeigte sich auf der bestaubten Straße.

Immer mehr fühlte sich ihre Seele geängstigt und niedergedrückt. „Ach, Kunigunde,“ seufzte sie, „wie fühle ich es, ein schweres Joch liegt auf den Kindern Adams, den reichen nicht minder, wie den armen!“

Als sie eines Tages mit Tränen in den Augen ihre Klage wiederholte, antwortete Kunigunde nicht. Ihr Auge war ganz lebhaft geworden und hing mit gespanntester Aufmerksamkeit an der von der Itzigerhöhe herabsteigenden Straße. Näherte sich doch von dort ein eigenartiger Zug!

Nun merkte auch die Fürstin die außergewöhnliche Erscheinung.

„Endlich!“ jauchzte sie, „endlich! Mein Hoffen war nicht umsonst! Siehst du, Kunigunde, um die Freude des Wiedersehens zu vergrößern, hat Theobald so lange nicht mehr geschrieben.“

Und sie erhob die Hand und winkte hastig und zitternd ein frohes Willkomm in die Ferne.

— Ob man nicht besser täte, den Herankommenden ins Tal entgegenzuziehen? —

Kunigunde riet davon ab. Allerdings sei auch sie überzeugt, daß es sich nur um Theobald und seine Krieger handeln könnte, doch sollte man sich vielleicht gedulden, bis man der Sache völlig sicher wäre.

„Kunigunde, kannst du denn die gräflichen Farben, blau und weiß, nicht unterscheiden?“

„Noch nicht, gnädige Frau! Wenn ich recht sehe, scheinen mir die Schilde und Lanzenwimpel eher von dunkler Farbe zu sein.“

„Der Staub der Straßen hat sie verdüstert, Kunigunde. Vielleicht handelt es sich auch um Trophäen, Waffenstücke, die man dem Feinde abgenommen und nun als Zeichen des Sieges freudig heimführt.“

„Frau Gräfin, die Schilde sind nach unten gekehrt. Wehe! das bedeutet keine frohe Heimkehr!“

“Man trauert um die Toten, die nicht wiederkehren. Du weißt doch, Dietrich von Bondorf und Arthur von Machern sind gefallen.“

Doch, wo sollte nur der Graf reiten? Weder an der Spitze des Zuges, noch am Schluß desselben sah man sein weißes Pferd ...

„Frau Gräfin, seh’ ich recht? Seht, im Zuge schreiten Mönche ... Und dort, seht dort, weitausgespannt die weißen Arme eines großen silbernen Kreuzes ... Und dort eine schwarzverhangene Bahre ...“

Entsetzt schrie die Gräfin auf. Unter dem Flor der Bahre sah sie die Farben ihres Hauses, blau und weiß, hervorleuchten. Nach Atem ringend, sank sie zurück und fiel bewußtlos in die Arme ihrer Hofdame.

Theobald war im Kriege gefallen. Trauernd brachten ihn die Seinen heim, um ihn in Luxemburger Erde zur letzten Ruhe zu betten.

Erst als der Sarg in dem mit Wappen reich gezierten Prunksaal des Schlosses Aufstellung gefunden hatte, kam Ermesinde zu sich; erst da erkannte sie die ganze Schwere des Schlages, der sie getroffen und die volle Wucht des Leides, das nun auf ihren Witwenschultern ruhte.

* * * * *

6. Kapitel.

Untergang?

Mit dem Tage, an dem die blutbefleckte Leiche ihres Gatten in die feuchte Gruft seiner Ahnen zur letzten Ruhe niederstieg, schien für Ermesinde die Sonne jeglichen Erdenglückes für immer erloschen zu sein.

Wie geistesabwesend stand sie am Beerdigungstage in den weiten, schaurigen Gewölben, in deren kaltem Düster sich die schmucklosen, aus Stein gehauenen Sarkophage in langen, grauen Reihen dehnten.

Tagelang fand sie keine Tränen.

Dann aber rang sich ihr Schmerz mit solcher elementaren, ungezähmten Wucht durch, daß ihre Umgebung ernstlich für ihre Gesundheit fürchten mußte, und die Besorgnis groß wurde, es möchte in Bälde ein weiterer Sarg Schloß und Land Luxemburg in neue, noch tiefere Trauer senken.

Ermesinde hätte sich auf diese Lösung herzlich gefreut. Auch der schmerzlichste Tod wäre ihr in jenen Tagen als milder Retter und lieber Freund erschienen.

In nie gesehener Schärfe traten ihr wieder und wieder all die schweren Schicksalsschläge vor Augen, die ihr wie ein dunkeler Schatten seit Kindheittagen gefolgt waren und ihr rastlos ihre jungen Jahre vergällt hatten. Mutlos ließ sie die Arme sinken. In bitterem Weh wiederholte sie wieder und wieder das klagende Wort: „Ein schweres Joch liegt auf den Kindern Adams vom Tage ihrer Geburt bis zu der glücklichen Stunde, wo sie das Zeitliche segnen und alles Leides enthoben, aus dem Tränental der Erde scheiden dürfen.“

Immer mehr verlor sich ihr Sinnen in dumpfes Hinbrüten. Merklich zehrte es an ihren Kräften, bis sie schließlich, wie mit gebrochenen Flügeln hilflos in die Nacht der Verzweiflung zu stürzen drohte. „Hätte ich nie einen Thron gesehen! Hätte mich das Schicksal in ärmliche Verhältnisse hineingestellt, ich hätte vielleicht noch glücklich werden können! Aber so! Eitelkeit der Eitelkeiten! Alles ist eitel!“

Ein zweites Mal zog sie von Luxemburg fort. Ein zweites Mal nahm sie den Weg zur Bardenburg. Wie sich das verwundete Wild schutzsuchend in das tiefste Dickicht des Waldes zurückzieht, trug sie ihren Schmerz fort aus den Augen der Menschen und aus dem lauten Lärm der Straßen. Ob vielleicht in stiller Waldeseinsamkeit ein zartes Blümlein sprösse, an dessen Duft ihre kranke Seele Labung und neuen Höhenflug finden könnte ...!

— War sie denn wirklich so elend geworden? War denn eine Flucht in die Einsamkeit, in das wohltuende Schweigen der Wälder die einzige Möglichkeit, ihr neue Stunden des Glückes erblühen zu lassen? — War sie denn nicht mehr jung? — Kaum 27 Jahre zählte sie, und weder die Zeit, noch die Härte der Schicksalsschläge hatten ihre einstige Schönheit vernichtet. Nur ernster war sie geworden, überlegender, mehr in sich zurückgezogen.

Auch an Reichtum fehlte es ihr nicht. Theobald hatte sogar in glücklichen Feldzügen einen Teil der einst verlorenen Güter zurückerobert und den früheren Besitzungen neue hinzugefügt.