Erdsegen: Vertrauliche Sonntagsbriefe eines Bauernknechtes.
Part 8
„Bleiben soll er!“ rief der Hausvater heftig. „Und mit deinem dummen Reden kannst mir aufhören. Mit deinem schlechten Reden! Sich wählen und zahlen lassen dafür, daß man dabei seinen eigenen Vorteil sucht!“
„Uh du lieber Gott! Den werden andere wohl auch suchen. Deswegen sitzen sie ja drinnen, daß sie ihren Vorteil suchen.“
„Bieg’ mir die Worte nit um, Weib! Ob einer den Vorteil für seinen Stand oder für sein Haus sucht, das wird wohl ein Unterschied sein. Nit?“
Vor Aufregung zitterte er. Da hoben sich seine Achseln, es hob sich seine Brust. Wieder die schreckliche Not -- und heftiger als je.
Die Hausmutter that sehr gelassen beim Herde um, als sehe sie’s nicht. -- Er soll nur ein wenig zappeln, mochte sie denken, geschieht ihm recht. Warum giftet er sich so in die Hitz’ hinein, wegen Sachen, die sich gar nicht auszahlen.
Er hielt seinen Mund über den Rauch des knisternden Krautes, aber der Krampf wollte diesmal nicht nachlassen. Erbärmlich rang er um das bißchen Luft, die Stirnadern, die Halsadern schwollen ihm zum Bersten, die Lippen zuckten, die Augen traten hervor.
„Jesus Maria! -- Rocherl!“ schrie die Hausmutter. Der erschrockene Bursche langte von der Wandstelle die Weihekerze, um sie anzuzünden. Die Barbel lief zum Brunnen um frisches Wasser. Mit dem labte sie ihn und sagte dabei fortwährend: „Vater! -- Vater! -- Vater!“
Er tastete nach ihrer Hand, krampfte die Finger in ihren Arm: „O Kind!“ --
Unbeschreiblich betrübt sah er sie an. Tropfen hingen an seinen Wimpern.
„Du -- du bist mein liebes Kind!“ sagte er endlich aufatmend. Es war ihm leichter geworden.
Von dieser Zeit an sprach meines Wissens die Hausmutter nichts mehr davon, daß er sich in den Landtag wählen lassen soll. Nach zwei Tagen kam der Kulmbock nachfragen, ob der Adam es sich überlegt hätte.
Sie antwortete: „Es ist gescheiter, du redest gar nit mehr mit ihm. Schad’ um jedes Wort.“
„Ich hab’s ja gleich gesagt,“ rief der Kulmbock fast fröhlich aus. „Müssen wir halt einen andern suchen. Und wenn sich doch etwan ein Nachbar dazu sollt’ hergeben, so wird ihm der Adam wohl die Stimm’ zuwenden. Ich laß ihn grüßen.“
Nach diesen klugen Worten ist der Kulmbock mit sehr würdigen Geberden davongetrottet. --
Weißt du aus der Schule her noch etwas vom Palmsonntag? Wie der Herr, einen Palmzweig in der Hand, auf dem Esel in Jerusalem eingeritten ist. Das hat weitere Folgen. Heute bin ich mit einem großen Buschen Felberzweige auf der Achsel in Hoisendorf eingezogen. Das heißt man hierzulande Palmesel sein. Von jedem Hofe haben Bursche solche Buschen herbeigetragen und der Kurat hat sie in der Kirche geweiht. Dabei hatte sich eine sehr dramatische Scene abgespielt zwischen dem Priester und dem Schullehrer. Es war eine Prozession um die Kirche herum; als sie wieder zum Thore hineinzogen, schlug der Lehrer dem Kuraten vor der Nase das Thor zu, so daß dieser laut schreiend im kalten Winde stehen bleiben mußte, während es die Gemeinde stumpfsinnig geschehen ließ. Na, das ist doch stark, denke ich in meinem Kirchenstuhl, das geht zu weit. Wie ich zum Lehrer eilen will, der noch am geschlossenen Thore steht und mit dem Geistlichen draußen disputiert, merke ich, daß sie lateinisch reden. Wenn sie lateinisch reden, dann hat’s weiter nichts auf sich, und ist es richtig eine kirchliche Ceremonie gewesen, deretwegen sich der Knecht, der zugereiste, bei einem Haare tüchtig blamiert hätte. Der Auftritt soll wohl den Konflikt des Heilandes mit den Schriftgelehrten und Pharisäern bedeuten, die den Propheten und Seher zu aller Zeit aus ihrer Gemeinschaft verstoßen haben.
Allmählich schleicht sich mir bei solcher Umgebung ein klein bißchen Religion ins Herz. Du hast einmal den Ausspruch gethan: Bis der Mensch siebzig Jahre alt wird, lernt er Gott erkennen. Beim Bauernknecht dauert’s nicht so lang, ich versichere dich! -- Ich bin auch schon in Stadtkirchen gestanden, um bittweise mit der Gottheit anzubinden. Es war nichts, sie fand mich nicht und ich sie nicht. Wenn man aber in Dorfkirchen steht, da steht man nicht lange -- man kniet nieder. Die gläubigen Beter ringsum, man fühlt sich mit ihnen in einer leidenden Einheit. Die kirchliche Passionstrauer, die heute begann, hat etwas Berückendes, man muß es nur sehen, wie die armen, kummervollen Menschen sich den heiligen Geheimnissen hingeben. O nein, die Religion ist durchaus kein überwundener Standpunkt, wie manche meinen, sie ist Natur, gehört zur Menschennatur, wie das Lieben und das Hassen.
Nach der Messe, die heute nur unter gedämpftem Orgelton stattgefunden, schritt der Lehrer leise von Bank zu Bank und teilte an die Leute „Palmzweige“ aus. Der Tolpatsch, warum er meine Barbel übersehen hat?
Auch sie hat ihr Gesicht von ihm abgewendet, ganz hinter dem Pfeiler ist sie gesessen. Sind ja sonst doch einmal so gut miteinander gestanden. So viel ich merke, liest sie auch keine Bücher mehr von ihm. Gegen mich ist der Lehrer etwas ungleich. Manchmal, als hätte er einen Groll, und heute hat er mir doch einen der schönsten Zweige in die Hand gegeben. Was soll ich denn damit anfangen? Den großen Buschen, den ich getragen, hat die Hausmutter nachher auf dem Dachboden unseres Hauses verwahrt. Im Sommer, wenn die Wetter blitzen, legt man -- sagt der Rocherl -- davon in die Herdglut und der aufsteigende Rauch treibt aus den Wolken die böse Macht davon.
Wofür nur soll ich meinen Zweig aufbewahren? Wäre es schon die Palme für das Märtyrertum? Oder soll der Palmsonntagszweig mich schützen vor einer bösen Macht? O Barbel! Was wird das werden im Sommer, wenn die Wetter blitzen?
Aus dunklem Mittelalter grüßt dich, Freund, wie ein kleines, rotes Lichtlein ein Menschenherz.
Am Ostersonntag, das ist der sechzehnte des Jahres.
Mein lieber, treuer Freund!
Willig füge ich mich dem Vorschlage, in meinen Briefen den Inhalt der deinigen nicht weiter zu berühren. Du willst einheitliche Stimmung haben in den Berichten aus dem Adamshause. So was wie ein Roman! Weiß man’s? Das wäre so etwas! Im Buche läse es sich vielleicht ganz hübsch, in Wirklichkeit ist es manchmal verdammt unbehaglich.
Zeige mein vertrauliches Tagebuch nur nicht her. Es würde mich für alle Zukunft unmöglich machen. Höchstens drucken lassen, wenn du willst. Da glaubt’s kein Mensch. -- In dieser vergangenen Charwoche, wenn ein paar feingebildete Herrschaften hier gewesen wären, oder gar die Redakteure der „Kontinental-Post“! Die hätten einen Brocken gehabt für ihren Witz! Wie Vandalen hätten sie gewirtschaftet in diesem mystischen Reiche.
Die Charwoche ist hier ein großes, einziges Weihefest. Alle weltliche Absicht der Arbeit tritt zurück, aller häuslichen Beschäftigung wohnt eine wundersame Stimmung inne, von der die Weltleute draußen keine Ahnung haben. Hätte ich in meiner Kindheit nicht selbst von diesem Blute Muttermilch getrunken, ich könnte es nicht begriffen, nicht bewundert, nicht verehrt haben, wie den letzten Gruß einer versinkenden Welt. Lache mich nicht aus, Philosoph, manchmal weht es wirklich noch hier wie eine Auferstehung von den Toten. Von längst zur ewigen Ruhe gegangenen Menschen streichen die Seelen umher. -- Schon am Montag ist das hölzerne Kruzifix vom Wandwinkel gehoben und auf den Tisch gestellt worden. Abends setzten wir uns allemal an den Tisch und der Rocherl oder der Franzel las ein Stück aus der Leidensgeschichte, die mit großer Ehrerbietung angehört wurde. Erst dann genossen Vater und Mutter den ersten warmen Bissen des Tages. Dabei sind sie in einer Hochstimmung, die manchmal an Verzückung gemahnt. Wie hätte ich das geglaubt! Am Gründonnerstag hatten wir ein größeres Abendmahl von Mehlspeisen und Brunnenkreß-Salat. Nach demselben gingen wir zum Brunnen und wuschen uns die Füße. Und da sah ich, wie die Burschen barfuß über den Rasen hinschritten, der überall schon grünt. Und auch die Barbel that dasselbe, mir schien aber, als berühre sie den feuchten Boden nicht, als schwebe sie wie eine Seele, die nicht erlöst ist. Du meinst, dieser Rasengang werde zur Erinnerung an den Ölberggang des Heilandes geschehen sein. Aber da ist wieder eine jener Stellen, wo das Volk mit seinem Christentum Sprünge macht. Wer am Antlispfingstag (Gründonnerstag) mit nacktem Fuß auf grünen Rasen steigt, den kann im folgenden Sommer kein „Donner derschlagen“. Am Freitag und Samstag saßen wir in der Kirche. Die Fenster, die Bilder sind mit blauen Tüchern verhüllt, das große Kruzifix ist mitten in der Kirche auf den Boden hingelegt und die Leute knieen daneben nieder, neigen sich zur Erde und küssen die Nägelwunden. Kein Glockenklang, kein Orgelton. Während der Geistliche leise murmelnd die geheimnisvollen Ceremonien verrichtet, schlägt von Zeit zu Zeit die Charfreitagsklapper an.
Spät abends am Freitag war’s, in der dunklen Stube daheim, daß mein Adam, sich allein wähnend, am Tisch kniete vor dem Kruzifix, im tiefen Gebete versunken. Und mir schien, ich hätte ihn schluchzen gehört. -- Ein schweres Anliegen muß der Mann haben, aber ich komme nicht dahinter.
Und am Samstagmorgen gab’s in Hoisendorf etwas Lustiges. Während der Meßner auf dem Turm anstatt der Frühglocke die große Klapper läutete, lief der Jagdaufseher der nahen Herrschaftswaldungen wie rasend um die Kirche, hielt sich mit beiden Händen die Ohren zu und schrie, man möge das verdammte Klappern sein lassen, sonst gäbe es ein abscheuliches Malheur.
Der Lehrer stellte ihn darob zur Rede und war es also das. Der Mann hatte seit Tagen mit vieler Mühe im nahen Forst auf der Tanne einen Auerhahn festgewartet. Und siehe, die Ahnung Nimrods ging in Erfüllung, die Klapper hatte das Tier verscheucht -- ein paar Tage vor der Jagd! -- Vielleicht wirst du nächstens einen Gesetzentwurf der löblichen Jagdvereine lesen, daß aus Rücksicht für jagdliche Interessen in der Charwoche nicht mehr geklappert werden darf.
Hat ja doch auch für die in der Osternacht angezündeten Freudenfeuer von der Jagdherrschaft die Bewilligung eingeholt werden müssen. Das gemeinsame Feuer ist auf unserer Höhe veranstaltet worden, auf der sogenannten Kulmplatte, oben hinter dem Schachen. Die Burschen des Almgais hatten schon tagelang gebaut an dem Holzstoß, und als zu Hoisendorf die Auferstehungsfeier vorüber war und der Ernst der Fastenzeit, die Trauer der Passionswoche sich ganz plötzlich in Freude und ausgelassene Lustbarkeit verwandelt hatte, kam von weit und breit alles zusammen auf diese Höhe. Es war eine laue Vollmondnacht, der Boden schneefrei und auf den dicken Ästen der alten Wettertannen saßen die Musikanten. Sie hatten Erlaubnis zu blasen nach Herzenslust, denn auf unserem Berge giebt es dies Jahr weitum keinen Auerhahn.
Der Rocherl, der Franzel und ich waren natürlich auch hinaufgegangen. Doch war der Bursche mit der durchschossenen Hand, die er in der Binde trägt, viel zu betrübt für ein Freudenfeuer. Alles Jauchzen und Pfeifen und Pöllerknallen hat’s nicht vermocht, daß er den Scherzen anderer Burschen und den Schelmereien junger Weibsleut’ hätte stehen mögen. Da war ein ausgelassener Strick dabei, den hießen sie den Saufüssel. Sein wahrhaftiger Schreibname. Es soll der alten Marenzel ihr Sohn sein. Dieser Junge hat zwar die Osternacht sehr lustig angefangen, aber sehr ärgerlich beschlossen. Er konnte sich nicht genug thun an unpassenden Ausdrücken und rohen Späßen. Die Männer lachten bisweilen dazu, die Dirnlein jedoch flohen seiner mit Abscheu. Er aber haschte nach ihnen und neckte sie mit unflätigen Dingen. -- Das große Feuer auf der Kulmplatte loderte voll grauenhafter Pracht in den dunklen Nachthimmel auf. Dabei sang man Osterlieder, die zum Teil einen so weltlichen Sinn hatten, daß manches Maidlein sich die Ohren zuhielt. Die Burschen thaten springen und ringen und machten helles Geschrei. Nebenhin waren mehrere kleine Feuer angezündet worden, über die sie in hohen Sätzen sprangen. Einer trachtete dem andern schalkhaft kleine Hindernisse zu bereiten und die Unterliegenden wurden mit Kohle gezeichnet, maßen man ihnen die Nasen anschwärzte.
Auch mein Rocherl mischte sich, von mehreren Seiten gelockt, endlich unter die Heiteren und der Saufüssel eiferte ihn an, über ein Feuer zu springen. Dieweilen man nicht mit den Händen, vielmehr mit den Beinen springt, so war er bereit. Während er ausholte, zog der Saufüssel unbemerkt eine schwarze Schnur -- der Rocherl sprang, stolperte und wäre mitten in die Flammen gefallen, wenn ich nicht zufällig in der Nähe stehe und ihn auffange. Der Saufüssel schlug über seinen großen Witz ein grelles Gelächter an -- wir dachten einigermaßen anders.
„Es ist zwar die heilige Osternacht,“ sagte ich, „aber etwas knechtliche Arbeit wird mir doch erlaubt sein.“
Darauf habe ich den Saufüsselbuben hergenommen.
Es sei ja nur ein Spaß gewesen, versicherte er flehend.
„Es ist ja auch das nur ein Spaß,“ sagte ich und waltete scharf. Der Racheengel waren zu Dutzenden da, besonders weibliche. Anfangs hielt ich es für eine mildere Entwickelung, als der Missethäter den Dirnen überlassen wurde, bald jedoch mußten Männer schlichtend eingreifen, um ihm das nackte Leben zu retten. Erdrosseln, zerreißen wollten sie ihn. „Den lieben Adamshauser Rocherl, der eh die wehe Hand hat, ins Feuer haspeln! Werft ihn selber hinein, den Wichtelbalg, das Krotmaul!“
Na nu, die können’s auch, die jungen Furien, wovon einige nicht bloß gereizt, sondern auch reizend waren. Auf unsere Fürbitte hin haben sie sich schließlich damit begnügt, dem Saufüssel die Hände auf den Rücken zu binden, die fetzigen Haare zu versengen und das Gesicht zu schwärzen. Darauf haben sie ihn, wie Hunde den Hasen, über die Höhe hingejagt und ist er nicht mehr gesehen worden.
Mein Rocherl war nun der Gegenstand wärmster Teilnahme. Und da habe ich bemerkt, wie dieser Junge, dessen sanfte Trauer um die verlorene Hand einen völligen Verklärungsschein um seine klassische Schönheit legt, der Abgott aller Dirnlein ist. Und der Schlingel weiß es gar nicht, wie mich dünkt. Oder es ist ihm einerlei. Davongelaufen ist er ihnen.
Als wir dann mitteinander nach Hause gehen und die weite, mondbeschienene Berglandschaft so himmelsfriedlich vor uns daliegt, da sagt der Junge plötzlich und in einem unbeschreiblich traurigen Tone: „Wie schön ist doch die Welt!“
„Ja, wer sie gut zu fassen weiß,“ antworte ich.
Schweigend gehen wir nebeneinander dahin. Es scheint ein paarmal, als wollte er etwas sagen. Und thut’s doch nicht.
Endlich thue ich wieder den Mund auf: „Jetzt kommt die schöne Frühlingszeit.“
Er schüttelt leicht das Haupt. Dann bleibt er stehen und lehnt sich an einen Baum.
„-- Rocherl! -- Rocherl! -- Ist dir etwas? Was ist dir denn?“
„Hansel --“ sagt er leise und stockt wieder.
„Was ist dir, Rocherl?“
Da atmet er fast laut und sagt mehr in den Baum hinein als auf mich her: „Die Barbel hat geweint...“
* * * * *
Die Barbel hat geweint.
Was ist denn das? -- Die mit sieben Schlössern zugeschlossene Barbel. Die so plaudersam, so lustig gewesen sein soll in früherer Zeit. Vor Erscheinung des zugereisten Knechtes. Und gesagt haben soll, für traurige Leut’ hätt’ der Himmel keine Ofenbank. Die hat geweint? Wann? Warum?
Der Bursche hat weiter nichts gesagt.
Wir kamen zu unserem Hause. Er reichte mir die Hand, was er sonst nie zu thun pflegt. Es war, als hätte er durch das Anvertrauen des Geheimnisses mich zu seinem Freund erhoben.
„Gute Nacht, Hansel!“
Nicht eine halbe Stunde werde ich geschlafen haben in dieser Osternacht.
Die Barbel hat geweint....
Am siebzehnten Sonntage.
Ich nenne dich nicht mehr. Du bist es ja. Ich schildere weiter. Der Osterjubel ist verrauscht. Das war wie ein klingender knallender Springbrunnen aus diesen Menschenherzen. Christ ist erstanden und das Frühjahr ist da! Natürlich ein tausendstimmiger Freudenschrei zum Himmel.
In den Thälern, auf die wir niedersehen, liegt ein Wiesengrün, wie es die Maler nicht zuwege bringen, weder die alten, noch die modernen. Es fehlt ihnen dazu das wahre Freilicht, das Licht der freien Natur. Zwischen den Wiesen hin gießen die braunen Bäche, in denen der einst so weiße Winter zu Thale fährt seit Wochen. Im Hochgebirge hinten, wir sehen es so schön über den Almen stehen, rührt sich noch nichts. Dort alles staar. Und wenn über unserem Gai die warme Aprilsonne leuchtet, ist über jenen Höhen ein graues, halb durchsichtiges Schneegestöber.
Was wir jetzt mit den Wiesen und Weiden thun, auf denen Gras wachsen soll, das ist eine reizende Sache. Sie werden gewaschen, gekämmt, gefüttert und getränkt. Das Füttern geht voran, soweit der Dung reicht, dann streichen wir den Rasen mit dem Rechen ab, krauen alles dürre Zeug und Geschütte weg und machen den Boden glatt vor Steinwerk und Maulwurfshaufen, daß er wie ein gebügeltes Tuch daliegt an der Lehne hin. Nun leiten wir aus der Schlucht Wasser in einer Rinne oben am Raine hin und schlagen von Stelle zu Stelle Schärtlein aus, daß die Wasser tagelang niederrieseln und sich glitzernd ausbreiten über den Wiesenboden. Aber es kommt nicht zu Thale. Der Boden saugt das Nasse gierig ein, die Stoffe lösen sich und zwischen den fahlen Grasresten des Vorjahres sprießen jung und spitz die grünen Gräslein auf. Dieses Berieseln mit dem Wasser ist ein liebliches Spiel und noch immer mehr Bach habe ich mit der Haue aus der Schlucht hervorgeholt, um die durstige Wiese zu begasten. Hat sie genug, dann macht sie ihre Millionen kleinen Mäuler zu, das Wasser rieselt wie ein schimmernder Schleier zu Thale und wir schütten die Rinne zu.
Mein Hausvater ist gestern mitten im Hofe gestanden, hat zu dem Giebel aufgeschaut und den Kopf geschüttelt. Was denn das ist, daß sie heuer noch nicht da sind? Heißt es doch: „Zu Maria Verkündigung kommen die Schwalben wiederum.“ Das ist kein gutes Zeichen, wenn dieser Glücksvogel ausbleibt. Um den Hoisendorfer Kirchturm hat der Adam ihrer schon gesehen tanzen. Und zum Adamshaus wollen sie nicht mehr kommen? Was soll das bedeuten?
„Vater,“ rede ich ihn an, „wenn Ihr nach Schwalben ausseht, so kann ich Euch schon aus dem Traum helfen. Die Schwalben werden immer seltener erscheinen und endlich gar nicht mehr.“
„So wär’ der jüngste Tag nicht weit?“ fragt er.
„Der jüngste Tag wird kaum daran Schuld sein, wenn unsere lieben Zugvögel ausbleiben, wohl aber die Vogelmassenmörder.“ Und habe ihm dann erzählt, wie man in Dalmatien, in Südtirol, in Italien die durchziehenden Vogelscharen fängt und vernichtet.
Ganz sprachlos hat er mir zugehört, die Hände ineinander geschlungen, so stand er da und sagte schließlich: „Immer einmal kommt’s einem wahrhaftig vor, unser Herrgott schläft.“
Wenn er bloß schläft, dann wird er ja wieder aufwachen, dachte ich. -- Heute schleichen sie noch auf Socken an der Himmelsthür vorüber und sind froh, wenn er schläft. -- Ob der Mensch nicht einmal mit rasender Faust an das Thor pochen wird, um ihn zu wecken?! --
In dieser Woche, wenn wir bei Tisch zusammen saßen oder in der Arbeit nebeneinander zu thun hatten, habe ich manchmal dem Mädel verstohlen an die Augen geguckt. Es sind die sanften großen Kindesaugen wie immer. Ein ganz besonderer feuchter Glanz ist wohl in ihnen. Vielleicht hat der Rocherl das für ein Weinen gehalten. Auch sie schaut manchmal zum Hausgiebel auf. Es sind ja die Meisen, die Finken da. Ist ihr das nicht genug? Ein einsamer Spatz ist auch da. -- Manchmal kommt’s mir gottlos an, ich möchte das Mädchen ein wenig beleidigen. Ich möchte sie einmal zornig sehen, und wäre sie’s gleich auf mich. Jemandem so ganz und gar nichts zu bedeuten, das ist auf die Länge schwer zu ertragen.
Am Ostermontag ist der Jäger Konrad in unser Haus gekommen, der auf den Rocherl geschossen hat. Gar höflich trat er ein, ohne Gewehr, ohne Gemsbart oder andere Jägerhoffart; allein die Hausmutter begrüßte ihn mit den Worten, es wäre ihr lieber, wenn sie seiner von hinten ansichtig würde.
Ob der Rocherl daheim wäre, fragte er fast demütig.
„Der Wildschütz?“ darauf die Hausmutter giftig, „der wird wohl mit der Büchsen im Wald sein. Wo denn sonst?“
Alsogleich setzte der Hausvater gemütlicher hinzu: „Von der Kirchen ist er noch nit heim.“
Der Jäger ging hinaus und setzte sich im Hof auf den Kopf des Brunnentroges. Wir beguckten ihn durch das Fenster und ergingen uns in Mutmaßungen, was das zu bedeuten habe. Ob er nicht etwa dem Rocherl noch etwas anthun wolle? Oder ob er am Ende dienstlos geworden wäre? Vielleicht vom Jagdherrn abgesetzt, weil er auf Menschen schießt.
In diesen Gegenden wird am Ostersonntag von jedem Hause aus ein Korb mit Rauchfleisch, hart gekochten Eiern, Weißbrot und geschnittenem Meerrettich in die Kirche getragen, wo solche gute Sachen, wie eine Woche vorher die „Palmen“, die Osterweihe empfangen. Mit diesen geweihten Speisen wird das Ostermahl eröffnet und fremde Besucher, die während der Osterzeit ins Haus kommen, werden mit einem Teller dieses Aufgeschnittenen bewirtet. Nun sagte der Adam zu seinem Weibe: „Mutter, gieb dem Jager ein paar Schnitten Osterfleisch hinaus!“
Für diesen Wunsch hatte sie nichts, als einen Blick der Entrüstung. Den Todfeind ihres Sohnes bewirten? -- Dann aber mochte ihr der Gedanke kommen: Über geweihte Sachen soll der Christenmensch seinen Haß nicht spinnen. Sie holte aus dem Kasten den Fleischkorb hervor, sie holte einen blumigen Teller und begann aufzuschneiden. Das war gar nicht karg, die braunen Spalten des Rauchfleisches, die Scheiben der Eier, die gelblichen Brotschnitten, die lockeren Späne des Krenns darüber füllten beinahe den Teller. Sie wollte ihn schon heben und hinaustragen, da zuckte ihr die Hand zurück. -- „Nein, so was kann unser Herrgott nit verlangen.“
Sie hat den gefüllten Teller in den Kasten gestellt, den Kasten abgesperrt, den Schlüssel in den Sack gesteckt. -- Recht hast, Mutter, mußte ich ihr zudenken, das ist Rückgrat.
Der Jäger saß immer noch draußen und wartete. Einmal stand er auf, hielt seinen Mund vor das Brunnenrohr und trank. Dann setzte er sich wieder hin und wartete. Endlich kam er daher, der Rocherl, in seinem grauen, grünverbrämten Feiertagsgewand. Im grünen Hutbande stak ein Sträußlein frischer Brimmeln, die er im Thale gepflückt haben mochte. Vielleicht auch ließ er sie sich von jemandem schenken. Den rechten Arm trug er in der hellroten Tuchbinde.
Der Jäger ging ihm bis zur Hofplanke entgegen.
„Ich wart’ schon auf dich,“ sagte er.
„So!“ antwortete der Bursche, ohne stehen zu bleiben.
„Wenn du dich ein wenig hersetzen wolltest, Rocherl. Ins Haus mag ich nit hineingehen. Hätt’ halt was zu reden mit dir.“
Der Rocherl setzte sich einigermaßen widerwillig auf den Brunnentrog.
„Schau, Rocherl, ich --“ so begann der Jäger, „ich habe dich fragen wollen. Wie geht’s dir mit der Hand?“
„Das siehst du ja,“ antwortete der Rocherl und schwenkte den Arm in der Binde. „Wie soll’s denn gehen? Ein Loch hat sie halt.“
„Ist die Kugel heraußen?“
„Wahrscheinlich. Weil’s jetzt einmal zuheilen thut.“
„Kannst sie schon brauchen, die Hand?“
„Nit abbiegen laßt sie sich.“
„Thut’s noch weh?“
„Das glaub’ ich. Voraus bei der Nacht.“
„Wenn nur einmal das Blei heraußen ist!“ meinte der Jäger. Dann schwieg er still und schien, wie es mir, dem Lauscher, vorkam, nach passenden Worten zu suchen. Und nach einer Weile: „Es ist wohl saudumm, daß es so hat sein müssen. Ich hab’ am vorigen Samstag für drei Monat meine Löhnung bekommen.“
„Ist eh recht,“ sagte der Rocherl. „Zu den Feiertagen braucht der Mensch immer Geld.“
„Nit deswegen, Rocherl. Weißt -- schau -- ich hab’ dich um was bitten wollen. Im Wirtshaus -- kannst dir denken -- g’freut’s mich nimmer. Das Kartenspielen auch nit. Für den Tabak langt’s so noch aus.“
„Hast recht,“ sagte der Rocherl.
„Schau, du solltest deine Hand halt doch von einem ordentlichen Arzt untersuchen lassen. Ob das Ding wohl auch richtig heraußen ist. Daß du kein Krüppel wirst. Denn, wenn’s nit heraußen wär’ --. So hab’ ich mir gedacht, es ist meine Schuldigkeit, daß ich --. Gelt, Rocherl, du bist mir nit bös deswegen.“