Erdsegen: Vertrauliche Sonntagsbriefe eines Bauernknechtes.

Part 7

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Jetzt frage ich dich, Alfred! Du bist zwar ein tapferer Mann, schon auch darum, weil du so fest zum zugereisten Bauernknecht stehest. Aber die Hand aufs Herz! Hättest du den Mut, dieses Wesen aufzuklären darüber, daß ihr in der schönen Mappe so sorgfältig gehüteter Sparpfennig mit dem sie dem kranken Valentin die Heimreise ermöglichen will, wertlose Papierfetzen sind? Das wäre ja gerade, als risse ihr ein gottverfluchter Erzräuber das Vermögen aus der Hand. -- Na, da rücke ich mich auf meiner Bank ein wenig gegen die Tischecke hin.

„Du, Barbel,“ sage ich, „laß einmal sehen. Acht Gulden hast du da. Papiergeld. Hörst du, das werden sie dir auf der Post schwer annehmen. Geld kann man neuzeit nur durch Postanweisungen schicken, und da muß Silbergeld eingezahlt werden. Ja, ja, Dirndel, du glaubst es nicht, was so eine kaiserliche Post für Kaprizen hat! Ist aber leicht geholfen. Wart’ ein bissel, ich wechsle dir die Papiergulden gegen Silberlinge um. Hab’ ihrer einen ganzen Teuxel im Hosensack, da genieren sie. Mir ist Papier lieber und der Post Silber und so ist uns beiden geholfen.“

Gelogen wie gedruckt. Aber ich hoffe, der Herrgott, wenn er sich überhaupt um einen durchtriebenen Strick noch kümmert, wird mir dreihundert Zeitungslügen dieser einen willen verzeihen. -- Du hast einmal gesagt, daß gute Menschen ansteckend wären. Hätte gar nichts dagegen.

Und so ist nachher dem dreibeinigen Bandelkrämer zu Hoisendorf die Geldsendung übergeben worden, und ein schöner, Brief dazu, des Sinnes, daß die Heimatberge noch felsenfest stehen, daß Eltern und Geschwister frisch und gesund sind und alle Tage ihr Vaterunser beten für den Valentin um glückliche Heimkehr. Die durchschossene Hand ist ihm verschwiegen worden. Die kann er jetzt nicht brauchen.

Als der Brief geschrieben und vorgelesen war, schaute mich die Barbel an. Hatte ich ihr aus dem Herzen geschrieben? Mensch, so lieb hat mich noch niemand angesehen! -- Wir haben heute Frühlingsanfang. Das stimmt, Professor. Frühlingsanfang! Frühlingsanfang!

+Adamshaus+, am dreizehnten Sonntage.

An das Redaktionskollegium der „Kontinental-Post“.

Lasset es gut sein, meine Herren. Euere dem Blatte unrechtmäßiger Weise entzogenen und mir unverdient brieflich zugewendeten Geistesentladungen sind nicht mehr wohl angebracht. Ich bin bereits zu sehr verbauert, um dafür die richtige Wertschätzung aufzubringen. Ihr werdet schon verzeihen, daß der Spaß wirklich ernst geworden ist. Der Philister in mir wird bereits so vordringlich, daß ich aufhöre zu „wissen“ und anfange zu ahnen. Zu ahnen, was das weltberühmte Wort heißt: Im Schweiße deines Angesichtes! Und was Menschenleben heißt!

Die „Kontinentale“ ist mir nicht mehr unter allen Umständen notwendig. Wenn ihr sie mir noch weiter schicken wollet, um euch bei mir in freundlicher Erinnerung zu halten, dann sendet sie an den Herrn Guido Winter, Schullehrer zu Hoisendorf, ob Kailing. Bei mir daheim wird sothanes Papier nicht geduldet, weil es, nach Ausspruch einer mir maßgeblichen Persönlichkeit beim Verbrennen zu viel Gestank macht.

Hier hebt jetzt Erdgeruch an, aus dem Boden zu steigen, der macht sich nach Weihrauch, Pulverdampf und Druckerschwärze, die mir schon in die Nase gestiegen, freilich ganz märchenhaft!

Machet euch um mich weiter nur keine Sorgen. Wenn das Jahr um ist, werde ich mein Visitkarte schon abgeben. Schluß.

Hans Trautendorffer.

Am vierzehnten Sonntage.

Liebster Alfred!

Am vorigen Sonntage hatte ich gerade so viel Zeit, um an die Herren der „Kontinental-Post“ ein Absagebriefchen zu schreiben. Denn diese Art von Zuschriften ist mir endlich doch zu unangenehm geworden. So sehr mich deine Briefe stets aufrichten, so sehr haben mich die frivolen Geistreicheleien von jener Seite verstimmt. Und war auch einmal so einer!

Den größten Teil des vorigen Sonntags habe ich brütend über einem alten Buche zugebracht, das sich in einer wurmstichigen Truhe des Hauses gefunden. Es ist eine Erd- und Geschichtbeschreibung vom Gesichtswinkel eines alten Scholastikers aus. Weiter nicht der Mühe wert, wenn ich in demselben nicht meine -- Ahnen entdeckt hätte. Kann mir darauf schon etwas einbilden! Zur Hohenstauffenzeit haben die Trautentorffer schon eine Rolle gespielt. Ein „Hannus Trautentorffer“ ist damals zu Augsburg gevierteilt worden. Der Mann scheint die Durchfuhrszölle etwas zu eigenmächtig und zu energisch eingetrieben zu haben, bei reichen Kaufleuten, die durch den Spessart zogen.

Unser Rocherl guckt auch manchmal gerne in ein Buch, so habe ich den Namen durch einen Tintenklex bemäntelt. Wenn der Adam, dessen Ahnen wohl seit Jahrhunderten die Scholle bebaut haben, wüßte, daß ich die meinen in Tinte rein zu baden Anlaß habe!

Ob meine alten Bärenfleischfresser wohl einmal davon geträumt haben werden, daß für einen ihrer entarteten Urenkel die Zeit dünner Erbsensuppen kommen wird!

Nie habe ich eigentlich gewußt, was das heißt: Fastenzeit. Und nie habe ich darüber nachgedacht, obschon sie jeder Kalender sieben Wochen breit aufzeigt. Jetzt bin ich mitten drinnen. Die Erbsenwoche ist übrigens schon vorüber. Da hat die Hausmutter so unentwegt Erbsen auf den Tisch gebracht, daß der Rocherl das Wort Erbsünde davon ableitete. Nun sind die Wasserwochen, als Folge der Erbsünde gleichsam die Sündflut. Des Morgens, des Mittags, des Abends -- nichts als Wassersuppen, bisweilen ein wenig mit Butter gefettet, an Freitagen aber vollkommen pur, mit Ausnahme des Zwiebelbeigeschmacks, der Hauptwürze in der Fastenzeit. -- Der gute Adam! Wenn der zur Fastenzeit einmal in eine Prälatenküche gucken könnte!

Die Barbel kann schneidern und hat mir schon Jacke und Weste enger machen müssen. Doch merke ich nicht etwa ein Sinken körperlichen Wohlbehagens oder der Kräfte. Die Mäßigkeit, die gute Luft, körperliche Arbeit -- man lobt sie auch in den Städten. Dozieren -- ja. Probieren -- nein. Die Schwielen meiner Hände thun mir schon lange nicht mehr weh. Von meinem noch stark städtischen Schuhwerk hatte mir der Hausvater eines Tages gesagt: „Thu sie nur wieder einmal wichsen, sie verdienen’s. Du wirst dir drin noch die Zehen allmiteinander erfrören.“ Heute trage ich ein Paar vom Valentin; der überschüssige Raum wird mit Stroh ausgefüllt. Auch mit anderen Kleidern versorgen mich die Hausgenossen. Denn der Touristenanzug muß geschont werden, soll ich in demselben einst wiederum bei euch einreiten. -- -- Diese Gedankenstriche bedeuten Fragezeichen.

Vor einigen Tagen, mein lieber Philosoph, habe ich die Weihe dieses Standes empfangen. Durch allerlei Arbeiten und Obliegenheiten bin ich endlich avanciert bis zum Dunghaufen. Wir führen den Stalldung mit Schlitten auf die Felder. Der Schnee ist auf dem Lande kein Verkehrshindernis, wie die Städter meinen, er ersetzt vielmehr die Eisenbahn und wohin der Landmann seinen Schlitten lenken mag, überall sind schon die glatten Schienen gelegt.

Anfangs hatte ich vor genannter Arbeit nicht geringe Angst. Nichts fürchtete ich so sehr, als den Dunghaufen, der übrigens recht harmlos im Hofe liegt. Niemand zeigt vor ihm einen Abscheu und die Leute, die daran arbeiten, kommen vom Brunnen mit reinen Händen in die Stube. Als ich mit der dreispießigen Gabel das erste Mal hineinstechen mußte, dürfte ich ein ähnliches Gefühl gehabt haben, wie der Soldat, der das erste Mal ins Feuer zieht. Ein Ding, das meiner Militärzeit nicht blühte. Es muß doch die Baronin Suttner dahinterstecken, daß es zu so gar keinem ordentlichen Kriege mehr kommen will. Für die Zeitungen wird dieser Zustand schon zur Kalamität. -- Freilich, meine Hausmutter, die betet jeden Abend vor dem Einschlafen ein herzblutiges Vaterunser um den Frieden. Wer ein liebes Kind bei den Soldaten hat, der denkt in dieser Sache anders, als ein abonnentenhungeriger Zeitungschreiber. Wenn’s einmal wirklich ums Vaterland geht, da rückt der Bauer wild aus. Für eine politische Großmacht, für die Eroberung türkischer Provinzen, oder für eine Million Soldaten, die durch ihre Gewehrläufe Friedensschalmei blasen sollen, hat der Bauer nicht um einen Groschen Verständnis.

Und nun zurück zur Goldgrube. Sie hat, das wird niemand leugnen, einen starken Geruch. Einen starken, man könnte auch sagen: würzigen. Die Stadt hat schlimmere Wohlgerüche. Weißt du, woran das gemahnte, als ich hineinstach? An die feinen Käse nach einem Diner. Nur schade, daß es hier ein Dessert ohne Mahlzeit ist. -- Mein Hausvater schmunzelt. Die dampfenden Schichten sind hübsch speckig und stellenweise blüht daran schöner Salpeter. Wenn uns die Wetter verschonen, so kann’s Korn geben! Bislang siehst du die grauen Felder nur schwarz punktiert mit den abgeladenen Häuflein, dann kommt die Barbel mit der Gabel und streut die Sachen flach auseinander. Dichter älterer Schulen würden singen: Sie streut Rosen aus! -- Mich Bauerntölpel dünkt, sie streut Früchte aus. Wir werden’s ja sehen im August.

Heute muß ich dir aber noch eine andere Dunghaufengeschichte erzählen, die sich in Kailing zugetragen hat. Der Kurat, der Lehrer und andere in Hoisendorf wissen davon. Es ist darüber viel gesprochen und viel gelacht worden, aber noch mehr geflucht. Du kannst sie herumzeigen in unserem schönen Chinesien.

Nu man dran.

+Wundersame Geschichte vom anrüchigen Garibal.+

Das war also zu Kailing an der Rechen. Die Leute standen überall unter den Hausthüren und tuschelten es einander in die Ohren. Der Brotausträger sagte es laut in die Küchen hinein: „Wißt ihr’s schon?“ Und auf allen Gassen: „Wahr muß es doch sein, die Leut’ reden überall davon.“

Wovon?

Nun eben, das ist’s ja. Wenn man das wüßte. Unbegreiflich ist es jedenfalls. Hatte dieser Mensch doch sonst immer einen guten Eindruck gemacht. Ein so netter junger Mann. Der Sohn des reichen Grösselhofers. Junger Doktor und gar Oberleutenant. Und doch nicht ein bissel stolz, auf du und du mit allen Schulkameraden in ganz Kailing. Vor kurzem noch hatte man ihn daheim gesehen auf dem Grösselhof, bei der Arbeit zulangend wie ein frischer Bauernknecht. Hatte auch gern mit den Dirnlein gescherzt und Schelmenliedeln gesungen. Ein flinker, hübscher Bursch!

Und jetzt diese Gerüchte! Diese unheimlichen Gerüchte! Soll auch schon in der Zeitung stehen, hieß es. Und in der That, das Wochenblatt brachte die Notiz, gegen den Reserveleutenant Garibal Randauer sei die Disciplinaruntersuchung eingeleitet worden.

Aber weshalb doch? Weshalb, weshalb? -- -- Man munkelt. Jemand wußte von einem Diebstahl, dafür hätte er beinahe Prügel gefaßt, wenn er seine Behauptung nicht eiligst damit begründet haben würde, der Oberleutenant habe einem Kailinger Bürgersmädel das Herz gestohlen. Schließlich vereinigten die Mutmaßungen und Meinungen sich um einen Totschlag aus Jähzorn und Eifersucht. Wieder andere wollten wissen, es sei noch etwas viel Schlimmeres. Dann hatte er gar am Ende einem Vorgesetzten was ins Gesicht gesagt. Renitenz? -- Ach, Kindereien! Der Mann ist ganz anderer Dinge wegen anrüchig. Man munkelt von -- von -- -- es sträubt sich die Feder, mein Alfred! Von einer ganz unaussprechlichen Schandthat hört man. Auch sein Bruder, der junge Grösselhofer, soll mit beteiligt sein.

Die Aufregung steigerte sich, als eines Tages drei Offiziere, der kleine, dicke Kommandant darunter, in die Gegend kamen, sich zum Grösselhof begaben und dort eine geheime Untersuchung abhielten. Sie standen vor den Ställen herum, an den Scheiterhaufen, Streuwächten und Dunghaufen, sie betrachteten Hacken, Krampen und Gabeln, nahmen das Hausgesinde in Verhör, unter dem strengsten Auftrage, nichts weiterzusagen. Trotzdem war es jetzt so viel als klar: ein Mord. Doch nur das? Aber wen hatte der Mensch mit dem Beile erschlagen oder mit der Gabel erstochen? Es fehlte niemand. Alles, was nicht eines natürlichen Todes verblichen, war noch vorhanden. Ein alter Schuster endlich kam auf die Idee, die nach allen Seiten stimmte. Eine Revolte hatte er anzetteln wollen, einen Bauernaufstand gegen die Stadtherren, eine schreckliche Empörung mit Beil, Krampen und Gabeln. Das war’s und nichts anderes. Natürlich!

„Den machen sie um einen Kopf kürzer.“

„Dann ist er immer noch so lang wie der Kommandant.“

Wer das gedacht hätt’! Ein Nihilist! Die Verschwörung geht heutzutage ja durch die ganze Welt. In allen Klassen und Ständen faßt sie Wurzel, man darf keinem Menschen mehr trauen. Wenn er noch einmal kommen sollte vor der Hinrichtung -- ihm von weitem ausweichen. Den jungen Weibsbildern ward es schwer im Gemüt.

„Oft wird er nicht mehr kommen!“ sagte der Schuster. Und recht hatte er doch. Nur einmal kam er noch, der Garibal, um nicht mehr fortzugehen.

War’s ein bureaukratisches Gericht oder ein standrechtliches -- Nebensache. Die Hauptsache ist das Urteil. Der Reserveleutenant Garibal Randauer aus Kailing im Vordergai war schuldig befunden, die ganze kaiserliche Armee entehrt zu haben und ist deshalb des Offiziergrades verlustig erklärt worden. Der Unglückselige hatte nämlich -- höre und schaudere -- mit eigener Hand Dünger gestochen!! -- Das Reglement verbietet nämlich dem Offizier in seiner Uniform jede gemeine, niedrige, knechtliche Arbeit, jede entehrende Beschäftigung. Und der junge Mann hatte in der Soldatenhose daheim auf seines Vaters Hof gemeinsam mit dem Bruder ein paar Stunden lang Kuhmist auf den Karren gefaßt. Deshalb ist das Scheusal degradiert worden. --

Ich fürchte, du hältst mich für einen Aufschneider. Mein Herr! -- In der That, Freund, wir wußten all’ miteinander nicht, wie uns geschah. Ich kenne jenes Verbot ja auch, aber +das+ hätte ich nicht für möglich gehalten. Wie stehen wir jetzt da, wir Bauern! Lauter niedrige, gemeine, ehrlose Kreaturen. Er hat die Hand nach körperlicher Arbeit ausgestreckt, nach der uralten Beschäftigung des uralten Bauernstandes, und darum wurde er verlustig erklärt der Kameradschaft von Leuten, die in des Kaisers Rock an Spieltischen würfeln, leichtsinnige Schulden machen und Weiber verführen! -- Alfred! Bleibt dir nicht der Verstand stehen?

Allerdings soll es noch irgendwo barbarische Länder geben, wo Generäle und Minister im Ruhestande auf ihren Landgütern persönlich mit Schlamm und Dünger umthun. Ja, es giebt sogar Könige, deren Ehrbegriff so verkommen ist, daß sie ganz gleichmütig und stumpfsinnig das Brot essen, welches auf Kuhmist gewachsen ist. -- Die Bauern erzählen sich noch heute das Märchen von einem Kaiser, der im Lande Mähren einmal eigenhändig den Pflug geführt und Dünger in die Furchen geackert haben soll. Und es ist endlich der Aberglaube verbreitet, daß die ganze Welt, Hoch wie Nieder, vom Nährstand abhänge. Pfui, das sind alte Sachen! In den modernen Staaten giebt’s statt Halme -- Helme, und wenn man den Boden mit Menschenkadavern düngen will, wozu da Kuhmist! --

Das ist die Geschichte vom anrüchigen Garibal.

Gestern, als die alte Marenzel wieder da war, hielt ich ihrem Hündlein ein Stück Krume hin. Das Vieh nahm nicht einmal den Bissen Brot von mir. -- So weit gehen die Herren Offiziere wieder nicht.

* * * * *

Laß mich wieder zu meinem guten Adam gehen. Sinnend schaut er zu, wie das Feld genährt wird und sagt leise: Wenn Gottes Willen ist!

Das Wort wird einem geläufig auf der Scholle, der wunderbaren. Es ist eigentlich zum Verrücktwerden, wie der Bauer inmitten von lauter Wundern steht. Das Jahr hat dreihundertfünfundsechzig Tage -- und was geht vor in dieser Spanne Zeit! Das Ungeheuerste geschieht. Eine sechzehn Stunden lange Nacht und wenige Monde später ein sechzehn Stunden langer Tag. Und in diesem Ring ein zartes Keimen, ein leuchtendes Blühen, ein üppiges Reifen, ein müdes Sinken, ein totes Starren. Welch’ lange Zeit des lachenden Grüns, welch’ lange Zeit des ernsten Erwartens, und doch alles innerhalb eines kurzen Jahres!

Wenn ich am Feierabend draußen vor dem Wetterkreuze stehe, ist es zu hören jetzt, wie in den Bergen die Lawinen donnern. Hoch in den Hängen sammeln sich unter der Schneedecke die Wasser und gießen unten in trüben Fluten dahin, bis alles locker wird. Die Berge stehen klar und scharf in der feuchten Luft und ein lauer Wind weht über die Höhen. Welch’ ein Fernblick in die schneebedeckten Gipfel der Hintergaiergebirge und der Sandalpen, die so weiß, so still und weiß aufragen in den bleigrauen Himmel! In den Gaithälern werden schon die jungen Gräser sprossen, werden die Weiden ihre Kätzlein treiben -- wir sehen nicht hinab. Bei euch werden jetzt die Konzerte sein mit den blädernden Fächern und den gelangweilten Gesichtern dahinter. Die Gärtner werden den Parkrasen säubern, die Winde werden den Straßenstaub aufwirbeln, die Schneider werden mit irgend einer Modethorheit die Frühjahrssaison einleiten.

Ei doch, die Fremdwörter. Nirgends sind sie so störend, als im Volkstum. Nirgends ist Unsinn so unsinnig, wie in der lieben Natur. Wehe thun sie dir in meinen Briefen, sagst du. Freund, das sind immer noch Schlacken, Kulturschlacken. Warte nur, bis das Fegefeuer mich erst ganz gereinigt hat.

Am fünfzehnten Sonntage.

In der vorigen Woche hat’s bei uns Zank gegeben und zwar zwischen Vater und Mutter. Das soll sonst selten vorkommen, denn es ist, wie der Rocherl sagt: „Die Mutter thut, wie’s der Vater anschafft, und der Vater schafft an, wie’s die Mutter haben will.“ Diesmal hat aber das Männchen recht behalten, das heißt --. Recht behalten hat jedenfalls die Frau, er hat nur zufällig seinen Willen durchgesetzt.

Die Sache hat sich so begeben. Aus dem Untergaithal sind zwei Bauern gekommen, denen sich auch unsere Nachbarn Schragerer und Kulmbock beigesellt hatten. Sie traten um die Mittagsstunde so feierlich ins Haus, daß wir alle miteinander erschraken. Sie brachten eine Zumutung mit, wie eine solche kaum je an einen Bewohner dieser Hütte gestellt worden war. Man will den Adam Weiler, insgemein Adamshauser im Almgai, zum Landtagsabgeordneten wählen. Ob er die Wahl annehme? fragte der Kulmbock.

Eine Weile verstand sie der Adam gar nicht. Dann aber legte er seine flache Hand aufs Knie, wie er gerne that, wenn er etwas mit Nachdruck sagen wollte, und sagte sehr leise: „Männer, was fällt euch denn ein? Ich soll ein Landbote werden!“

„Das ist wohl wahr auch,“ meinte der Kulmbock. „Der Adam hat hart’ Zeit, wo jetzt der eine beim Militär ist und der andere die schlechte Hand hat!“

„Daran denke ich nit einmal,“ sagte der Adamshauser. „Ich taug’ auch sonst nit für so was. Ein alter Almbauer, der nichts weiß, der sein Lebtag nit viel weiter gekommen ist, als bis Kailing hinaus. So einer kennt sich wohl zu wenig aus. Man versteht’s ja nit, was die Leut’ jetzt machen auf der Welt. Na, das thät wohl zum Lachen sein.“

„Grad derowegen, grad derowegen!“ rief der Schragerer. „Just weil du dich nit kümmerst um die andern, just weil du so heimständig bist, brauchen wir dich. Wir wollen keinen schicken, der in der großen Politik dreinredet, die ändern wir Bauern so wie so nit. Wir wollen auch keinen Herrnbauern schicken, der sich etwan mit dem Großgrundbesitz zusammenthäte. Wir schicken einen, der ein altgesessener Bauer ist, der alten Brauch und alte Wirtschaft halten will, weil unsere Äcker und Wiesen auch die alten bleiben und weil wir uns nach +unserem+ Sommer und Winter richten müssen und nit nach dem, wie anderswo das Wetter ist. Du bist einer, Adam, der selber arbeiten muß wie ein Knecht, der’s an sich selber spürt, wie’s uns Bauern geht. Hätt’ der Mittelbauernstand nit alleweil lauter Großbauern in die Landstube geschickt, so kunnt’s auch anders sein. Das muß eine Veränderung nehmen. Einer, der sich um nichts kümmert als um Wirtschaftssachen, der ist uns der liebste. Und deswegen haben wir halt an dich gedacht, Adam.“

Dieser saß da und schlug die Hand auf den Oberschenkel. Sagen that er gar nichts.

„Es ist wohl wahr,“ redete der Kulmbock wieder drein, „wenn sich einer schon gar nit auskennt, das ist halt auch hart. Nit, daß ich mein’, der Adam hätt’ den Kopf nit dazu. Aber zu gut ist er, zu gut. Das muß ein harter Kloß sein, der in der Landstube was ausrichten will. Das muß ein Steinharter sein, den wir schicken. Sakerment noch einmal, Heugabeln friß’ ich nit!“

Der Schragerer schaute den Kulmbock an: „Nachbar, du thust ja abreden. Wegen was sind wir denn da?“

„Wo red’ ich ab!“ wies der Kulmbock den Vorwurf zurück, „aufmerksam machen muß man einen Menschen doch. Und auch, daß er sich um wen schaut daheim für die Wirtschaft, derweil er aus ist.“

Der Schragerer zum Adam: „Du wirst etwa meinen, daß es nicht geht, wenn du wochenlang vom Haus fort sein mußt. Du weißt aber doch, daß der Abgeordnete eine Entschädigung bekommt. Davon kannst du dir derweil einen tüchtigen Wirtschafter halten und bleibt noch was übrig. Schau, dir und uns allen thust was Gutes, wenn du annimmst. Du hast einmal unser Vertrauen. Im ganzen Gai heißt es: Kein Besserer als der Adamshauser. Sagst uns: ja, so ist deine Wahl so viel als sicher. Geh’, Adam nimms an!“

„Nimm’s an, Adam!“ setzte der Kulmbock bei. „Ich mein auch, daß du genug Stimmen kriegen wirst. Will den Leuten schon auch zureden. Man sieht doch wie nötig es ist, daß wir einen ganzen Kerl schicken, einen +ganzen+ Kerl, der sich auch was zu sagen traut! Nit?“ Er blickte herausfordernd um sich.

Stand jetzt mein Hausvater schwerfällig auf, wendete sich schräg gegen die Wand hin und murmelte: „Gar nichts sag’ ich drauf.“

„Also, du nimmst an?“

„Aber saggra -- +nein+!“ rief der Adam.

„So sauber!“ sagte der Kulmbock. „Am Ende bös auch noch sein!“

„Bös! Was soll denn ich bös sein!“ hierauf wieder der meinige und warf die Arme auseinander. „Kann mich ja g’freuen! Kann mich ja g’freuen. Aber thun thu ich’s nit. Mein Lebtag nit!“

Er setzte sich auf den Holzblock in den Herdwinkel und hub an, schwer zu atmen.

„Mein Gott, er hat ihn schon wieder!“ jammerte die Hausmutter. „Wenn er halt in die Hitz’ kommt, da hat er gleich den Lungendampf. Es ist wohl ein heiliges Elend auf der Welt!“ Hernach vertraulich zu den Abgesandten: „’s wird ja eh nit auf der Stell’ sein müssen, daß er zusagt. Laßt’s nur Zeit ein paar Tag. Er wird’s überlegen. -- Gelt, Vater, du wirst es überlegen?“

Der hatte jetzt ausschließlich mit dem Atmen zu thun. „’s ist halt ein Kreuz, wenn ein Mensch so krank ist!“ bedauerte der Kulmbock. Die Männer wünschten ihm baldige Besserung und wollten in zwei Tagen wiederkommen.

Als sie fort waren, bereitete die Hausmutter das Hexenkraut. Und als die Atemnot hierauf nachgelassen hatte, begann sie ihn zu bearbeiten. Weil er selber nichts aus sich zu machen weiß, so muß halt sie wieder einmal anschieben. Man hat ihnen gerade gern zugehört.

„Müßtest wohl ein Lapp sein, wenn du so was thätest ausschlagen?“ sagte sie zum Hausvater.

„Jawohl,“ entgegnete er, „das kunnt sauber werden! Kunntst du gleich alleweil hinter mir stehen mit dem Kraut, im Landtag, wenn mich beim Reden der Lungendampf anpackt.“

„Geh, wird nit so hitzig werden mit dem Reden. Wo die meisten Landboten, wie man hört, die ganz’ Wochen lang dasitzen wie die Stummerln. Wirst grad du dich strappazieren.“

„Na freilich wird der Mensch ruhig sitzen bleiben, wenn er hört, daß alles gegen seiner ist. Daß sie nichts als neue Sachen und alleweil nur neue Sachen aufbringen wollen, bei denen der Bauernstand zu Grund’ geht. Da verschlagt’s oft gar einem andern die Red’, der gut auf der Brust ist.“

„Na, so red’ halt gar nichts,“ riet sie. „Wenn’s eh nichts hilft. Dein Geld kriegst doch.“

Jetzt schaute er sie an. Das war stark. Der Blick war stark. So einen hatte ich bislang an meinem Hausvater nicht gesehen.

In etwas sänftiglicherem Ton sagte sie: „Wer Kinder hat, soll’s nit verschmähen. Macht doch allerhand Bekanntschaften dabei, die man einmal zu brauchen haben kann. Denk’ an den Valentin. Wer weiß, ob du für ihn nit was thun kannst, wenn du Landbot’ bist. Denk an den Franzel. Der wird auch nit alleweil im Almgai bleiben wollen.“

„Warum denn nit! Wir sind seit undenklichen Zeiten verblieben auf dem Hof.“

„Mein Gott, wenn er sein Glück anderswo finden kann --“