Erdsegen: Vertrauliche Sonntagsbriefe eines Bauernknechtes.
Part 5
Ja so, der Hase! Vom Hasen muß ich dir noch erzählen, der uns über den Weg lief. Von rechts nach links, was immer ein Unglück bedeuten soll.
Und auf einmal, als ob sie mich in meinem Gram zerstreuen wollte, fragt die Barbel: „Weißt du, Hansel, warum der Has’ an der Schnauze die Hasenscharte hat?“
„Weißt du’s?“
„Freilich weiß ich’s. Wie der Herrgott die Welt hat erschaffen gehabt, hat ihn der Hase ausgelacht, weil sie ganz buckelig ist. Und so viel hat er gelacht, bis ihm das Schnäuzel zerrissen ist!“ -- Und dabei lacht sie selber wieder so hell, daß mir ganz heiß wird.
Lange hat’s freilich nicht gedauert, und es ist die fast traurige Ernsthaftigkeit in ihr, wie immer. Gott, wenn nur mehr Hasen über den Weg liefen!
Ich war nach diesem mißlungenen Baumfällen eine Nacht und einen halben Tag lang unglücklich. Da kam der Gemeindebote, brachte einen Steuerbogen und einen Amtsbrief in Sachen der Grundablösung. Der Steuerbogen ist immer ein Hagelschlag im Bauernhof und es ist vielleicht doch gut, daß es einen Kanzleistil giebt. -- Geld her! Fünfunddreißig Gulden aus dem Sack, längstens bis nächst’ Wochen, oder wir nehmen dir die Kuh weg! -- Diese Deutlichkeit wäre zu schrecklich. Da macht das Amt lieber so viele Umschreibungen, Windungen und Wendungen, Einschübe und Umzüge im Stil, teils gedruckt, teils geschrieben, teils lateinisch, teils was anderes, teils in Paragraphhaken, teils in Ziffern, teils in abgekoppelten Buchstaben, teils mit der Feder, teils mit Stampilien, daß es der Empfänger schlechterdings nicht versteht. Er liest hin und liest her, zerstudiert sich, was das denn wieder sein möchte, bis ihm allmählich die Ahnung kommt: warum, wieviel und bis wann!
Nun, bei dieser Gelegenheit habe ich die Scharte vom Holzschlag leidlich ausgewetzt. Wohlgemut machte ich mich ans Studium über die beiden Amtsschriften, bis es gegen Abend zur Not ersichtlich war, was die löblichen Behörden zu Kailing meinten.
„Doch eine schöne Sach’, wenn der Mensch lesen und schreiben kann!“ Dieses Lob hat mir mein Hausvater gesagt.
Aber der Ruhm ist nicht fleckenlos. Es kam eine neue Blamage. Laß dir erzählen.
Ganz vor kurzem war’s, daß des Morgens der Hausvater in den Stall trat und den Ruf ausstieß: „Hansel, was ist denn das? Wie kommt denn das fremde Vieh in den Stall?“
„Fremdes Vieh? Wieso?“
„Da steht ein schwarzgefleckter Stier, oder was es ist. Der gehört nit her da! Jesses, und wo ist denn unser falbes Öchsel. Wo ist das Öchsel, Knecht?“
Ich trat mit dem Licht heran und sah, daß ein fremdartiges Rind, scheckig wie Pinzgauerschlag im Stall war. Es hatte über den Rücken pechschwarze Flecken.
„Das ist nicht möglich!“ beteuere ich, „die Stallthür ist verriegelt die ganze Nacht.“
„Und das falbe Öchsel ist fort! Lang bin ich schon Bauer, aber so was ist mir noch nit passiert. Wenn man sich nit einmal so weit auf dich verlassen kann, daß das Vieh aus dem Stalle gestohlen wird, nachher kannst uns --“
-- auch du gestohlen werden! -- Der Alte ist nicht herb genug, um solche Lapidarsätze zu vollenden. Aber ich verstehe ihm seine Wünsche bereits aus den Augen zu lesen. Zu gleicher Zeit jedoch klärt sich mir auch das Ereignis auf.
Ich pflege nämlich meine Tintenflasche, damit sie nicht einfrieren kann, im warmen Stall auf einem Wandvorsprung aufzubewahren. Da mag bei der Nacht nun die Katze oder die Maus das Zeug herabgeworfen haben auf das falbe Öchslein.
„Tinte, sagst, ist das?“ fragte der Adam, „sei nit einfältig. Wie wird in den Ochsenstall Tinte kommen!“
Nun habe ich mein heimliches Treiben wohl bekennen müssen.
„Briefschreiben thust du? Briefschreiben? Ja, hast denn wo eine alte Mutter, oder sonst wen?“
„Mein liebster Hausvater,“ sage ich, „wir wollen jetzt einmal das Öchsel abwaschen gehen.“
Mit heißer Lauge und einem Kotzenlappen haben wir den ganzen Vormittag gearbeitet, bis der Pinzgauerschlag endlich zur Not abgewaschen war.
Mein Hausvater hat nachher lange und immer wieder den Kopf geschüttelt.
Tintenfluch im Bauernhause. -- Auch gegen die Druckerschwärze ist eine instinktive Abneigung vorhanden. Es heißt, in einem Bauernhofe, wo sie anheben, ihre Nasen in Bücher zu stecken, käme bald der Bettel-Feierabend.
Am neunten Sonntag.
Mein Doktor!
Gestern mittags, knapp nach Tisch, hat mir die Hausmutter in einer unzweideutigen Sprache das Davonjagen in Aussicht gestellt. Aber nicht etwa, weil der Knecht nicht Baumfällen kann, oder weil unter seiner Wartung die weißen Rinder scheckig werden, sondern weil er einen so abscheulich langen Bart hat. Wenn ich mich nicht ordentlich tragen wolle, wie es einem Christenmenschen ansteht, so solle ich halt in Gottesnamen sagen, was ich glaube, daß sie mir für die etlichen Wochen auszuzahlen hätten. Jetzt sei das Frühjahr bald im Anzug, da würde ich mich wohl fortbringen.
Sogleich fiel es mir ein: Sie brauchen dich gar nicht. Sie behielten dich bislang nur aus Barmherzigkeit, damit du in der kalten Jahreszeit nicht zu Grunde gehst. -- Nun, vom Auszahlen könne keine Rede sein. Wenn sie mich umsonst nicht brauchen könnten, so möchten sie halt sagen, was ich gelegentlich draufzuzahlen hätte, um im Hause bleiben zu dürfen als Knecht. -- Schon that ich den Mund auf, um das zu sagen, da stieß mich etwas: Thu’s nicht! Thu’s nicht! Es müßte Mißtrauen erwecken. Es könnte alles verderben. Du mußt dich fügen wie der Sclave, der mit Haut und Haar seinem Herrn verfallen ist.
Und so hat der Knecht Hansel demütig entgegnet, er besäße keine Haarschere und kein Rasiermesser, er könne sich selber weder scheren noch rasieren. Wenn der guten Hausmutter mein langes Haar schon so zuwider sei, so müsse sie mich halt rupfen.
Darüber hat sie aufgelacht: „’s ist wahr, man kann ihm nit feindlich sein. Er weiß allemal so eine spaßige Red’. Geh’ Vater, auf den Abend, wenn du Zeit hast, nimm den Hansel zwischen die Knie und schneid’ ihm den Pelz herab. Die Schafsscher’ thut’s eh dazu.“
Hörst du, Philosoph, die Schafsscher’ thut’s eh!
Nun und am Abend da geschah es. Ich hatte noch auf den „Lungendampf“ gehofft, der den Hausvater um diese Zeit manchmal anzufallen pflegt. Aber diesmal kam er nicht. Ich mußte mich auf den niedrigen Dreifuß setzen. Mein schönes, mein zartes, mein nußbraunes Haar! Es ist dieselbe „güldgelockte Heldenmähne“, die du einst, ich glaube, in der Sekunda war’s, mit einem tadellosen Trochäus besungen hast. Sie ist dahin. Unter den Füßen des Barbaren lagen die herrlichen Fetzen umher, bis die Hausmutter dieselben mit kecklichem Griff zusammenraffte, um sie draußen unter den Dachtraufen zu begraben. Das kannst du dir bei dieser Gelegenheit auch merken, Weltweiser, du: Wer ein gutes Gedächtnis behalten will, der muß sein Haar unter Dachtraufen begraben! Gutes Gedächtnis! Sicherlich, dieses Jahr werde ich mit merken.
Dann ging’s an den Teutonenbart. Die rostige Schere biß, raufte und quiekste um Backen und Kinn, dieweilen der Kopf eingeschraubt war zwischen den spießigen Knien meines vielgeliebten Hausvaters. Der war dabei ganz munter.
„Hansel,“ sagte er plötzlich, während seine Finger die eine Schnurrbartspitze festhielten, „wirst du schön brav sein? Wirst du uns auch im Sommer bleiben, wenn’s zum Heuen und zum Ernten ist? Wirst, Hansel, wirst?“
Mein feierliches: „Ich gelobe es!“
„Gut ist’s. So will ich dir den Schnauzbart stehen lassen.“
Und jetzt weißt du, Freund, es ist bei meinem Bart geschworen.
Als wir fertig waren, machte ich eines der Stubenfenster nach innen auf, so daß hinten die schwarze Wand war. Das ist hier der Spiegel. -- Alfred, ich erschrak wirklich. Es ist über alle Vorstellung! Nie hätte ich geglaubt, daß hinter diesem schönen Bart ein so häßlicher Kerl stecken könnte. Mein Jugendantlitz einstens, du mußt dich ja noch daran erinnern. Es war doch leidlich. Und jetzt --
Na, gute Nacht, dachte ich. Wenn sie mich jetzt so sieht. Das ist über den Hasen, der sich beim Gottauslachen das Schnäuzel zerrissen hat.
Die Hände hab’ ich gefaltet: „Vater, Ihr habt mich vernichtet!“ Das mußte wohl sehr kläglich gesagt sein, denn der Hausvater war starr vor Schreck. Er sah es selber, was er hier angerichtet hatte.
Der Rocherl lachte hell auf.
„Hau!“ rief die Mutter, „wenn du Leut’ auslachen kannst, Bub, da thut dir leicht die Hand nit weh? Jeder Mensch ist, wie ihn Gott erschaffen hat!“
„Thut’s warten mit dem Gespött, bis ich erst fertig bin,“ sagte der Hausvater. „Die Wildnis wär’ ausgerottet. Jetzt muß halt der Boden glatt gemacht werden. Nachher wird er schön sein, der Hansel!“
Die Sache war, daß er mich noch einmal in die Arbeit nahm. Mit grober Unschlittseife schäumte er mich ein, und dieweilen diese Tünche trocknete, schliff er sein Rasiermesser am ledernen Beinkleid, und hierauf stellte er sich an mit schreckbar wilder Entschlossenheit, wie ein Scharfrichter, der das erste Mal seines Amtes waltet. Mir war, als müßte ich meine Unschuld hinausschreien in die weite Welt -- da kratzte er schon. Als das Stoppelfeld glatt gemacht, stellte es sich heraus, daß die Schnurrbartspitzen ganz und gar ungleich waren, rechts stand das Schöpfchen, links stand keines. Also hinweg mit der ganzen Anlage. Und dann war die Sträflingsfrisur vollkommen. Mit einer neuen Kette war ich festgeschmiedet an den ehrwürdigen Bauernstand, denn mit dieser Visage in die Stadt zurückzukehren -- ganz undenkbar. Ich traue ihm nicht, dem Adam! Es kann teuflische Absicht dabei gewesen sein.
„Jetzt schaut er halt aus wie der Pfarrer!“ meinte der Rocherl. Das etwa auch noch! Daß mit dem Haar und Bart die Maske gefallen wäre und der entlarvte Buchstabenmensch nun vor aller Augen dastünde! --
Und was war heute morgen? An Sonntagen kommt das Klopfscheit nicht. Hingegen kam heute der Hausvater selbst in die Kammer.
„Hast recht, Hansel,“ sagte er, „laß dir’s gut geschehen im Bett. Unseres Herrgotts Rasttag. Aber nachher -- muß dir’s wohl einmal sagen -- nachher sollst halt in die Kirchen gehen. Ich bin verantwortlich für meine Leut’, daß sie den christlichen Glauben halten. Wir sind auf Welt bei einander und wollen auch im Himmel bei einander sein. Gelt, Hansel!“
Das hat mich geärgert. Mich bevormunden in religiösen Dingen? Einem Kavalier geht das unmittelbar gegen die Ehre. Es hat mich aber auch gefreut, obschon ich mir den Himmel doch immer etwas anders gedacht habe, als mit den guten Adamshauserleuten beisammen zu sitzen. Zwar denke ich, daß der Hausvater im Namen seiner ganzen Familie spricht, auch in dem des jüngeren weiblichen Teiles derselben. Aber das ist Bürstenabzug, der die Censur noch nicht passiert hat.
Ich bin also an diesem Morgen nicht liegen geblieben und nicht aufgestanden. Sondern aufgesessen.
Und sagt jetzt der Adam verwundert: „Was hast denn da für Papierwerk?“ Weil er unter dem Kissen mehrere Nummern der „Kontinental-Post“ entdeckt hatte. „Geh, Hansel, auf so was liegt man schlecht. Es werden doch nit Zeitungen sein?“
„Ach, beileib nicht, beileib nicht!“ leugne ich und schleudere so wie zufällig die Bettdecke über die Blätter hin.
Der Bauer jedoch reckt sich in --
Jetzt lischt mir die Funzen aus.
Am zehnten Sonntage.
Lieber Freund!
Habe ich dir das vorige Mal noch geschrieben, daß der Alte mich bei der Zeitung erwischt hat?
Es war abscheulich. „Soll’s doch wahr sein!“ sagte er und zerrte das Papierwerk hervor. „Da hat man’s. Schon lang ist’s mir nit recht vorgekommen mit dir. Nachher glaub ich’s freilich, daß in deinen Kopf kein ordentlicher Verstand hineingeht, wenn du ihn mit so Zeugs anfüllst. Das darf wohl nit sein, Hansel. -- Weiters hab ich ja keine Klag’ gegen dich, kamodt bist, willig bist, genügsam bist, gleichwohl es immer einmal recht gefrettig hergeht, bei uns. Im Sommer nachher! Da wird’s dich schon gefreuen, da ist’s lustig bei uns heroben auf der Alm.“
„Ja, ja,“ sag’ ich, „freue mich auch schon drauf, wollen dann bisweilen eines jodeln miteinand. Und fleißig arbeiten, versteht sich.“
Das sollte ablenkend wirken. Er fuhr fort: „Wenn du aber mit Zeitungen umthätest! Einen Knecht, der Zeitung liest, kunnten wir wohl nit brauchen. Sei froh, daß dir der liebe Gott einen ehrengeachteten Stand gegeben hat, der mit den lumpigen Faxen nichts zu schaffen hat. Wenn du was lesen willst, so findest drin in der Stuben das Leben-Christi-Buch, die Legend’ der Heiligen und die Hausgebeter.“
Darauf der Knecht, der zugereiste, ganz bescheidentlich: „Möcht’ ich doch fragen, Vater, warum Euch die Zeitungen gar so zuwider sind?“
Der Bauer hebt jetzt an, langsam sich zu recken, ganz hoch empor, bis sein Hut unter der Holzdecke sich platt quetscht. Andere schreien, wenn sie zornig sind, mein Hausvater spricht dann noch leiser als sonst.
„Daß du aber schon gar nichts weißt, Hansel! Hast denn nie was davon gehört, daß die Zeitungschreiber Heiden sind? Oder gar Juden!“
„Wohl, wohl, Vater. Das habe ich schon gehört!“
„Und daß die Zeitungen für den Bauersmenschen Gift sind? -- Hast gleich ein Beispiel beim Nansen in Hoisendorf. Der nichts thut, als alleweil Zeitung lesen. Wahr ist’s, er hat fortweg mehr gewußt, als wir andern. Er hat gewußt, wie’s in Preußen hergeht, und im Franzosenland, und was die Landboten in der Reichsstuben sich alleweil für Grobheiten sagen und so Geschichten. Aber wie er seine Bauernwirtschaft betreiben soll, das hat er bald nimmer gewußt. Allerhand neue Sachen, wie sie in den Zeitungen angelobt werden -- haben hat er sie müssen. Gekauft hat er sie ums teure Geld. Gar eine Kornsäemaschin’ hat er gekauft, als ob er selber keine Händ’ hätt’ dazu. Und wie er mit der neuen Maschin’ säen gehen will, hat er kein Samenkorn im Kasten gehabt. Und zuletzt kauft er dir, der Nansen, kauft dir --“ Er hebt an zu lachen.
„Was denn, Vater?“
„Ha, ha! Mußt mich aber für keinen Schwätzer halten, Hans, es ist gewiß wahr, die andern werden dirs auch sagen. Dünger kauft der Bauer! Der Nansenbauer, der den Stall voll Vieh haben könnt’. Kunstdünger kauft er ums bare Geld.“
Weil ich mich nicht rühre, so kommt mein Adam ganz ans Bett heran, faltet die Hände: „Ich bitt’ dich, Hansel, ein Bauer, der um Bargeld Mist kauft!“
„Ja, mein Gott,“ sag ich, „Dünger kaufen, warum denn nicht? Dünger ist ja für den Bauer sehr notwendig.“
Auf diese Bemerkung antwortet der Hausvater allerdings nicht mehr. Nur daß er leise in sich hinein murmelt: „Der Nans ist fertig. Sein Gut, wenn du’s kaufen willst, es steht unter dem Hammer.“
Bei der Einbrennsuppe nachher war noch einmal davon die Rede, da sagte die Hausmutter: „Was hast denn heut mit dem Hansel, Vater? Du thust ja, als ob er erst bei der Nacht vom Himmel gefallen wär! Der stellt sich nur so!“ Und zu mir: „Ist ja wahr, Hansel, man kann dich gern haben. Aber trauen thu ich dir nit. Du hast was Heimliches in dir, das die Leut nit wissen sollen. Laß es gut sein, Hansel. Schlechtes wird’s wohl nichts sein, ich frag’ dich nit drum. So lang wir sonst nichts Ungutes an Dir wahrnehmen, bleiben wir halt beisammen. Ich weiß nit, haben wir dich nötiger oder du uns.“
So steht’s. Ein verteufelter Kerl, dieses Weib.
Ob sie mit ihren Meinungen recht haben? Einerlei, Meinungen haben sie festgründige, und das freut mich. Zwei Hände und einen Kopf dazu. Auf die herausfordernden Worte der Hausmutter habe ich bloß die Achseln gezuckt -- ’s war das Beste, nicht wahr? Den Hausvater hingegen habe ich anlügen müssen. Er soll keine Zeitung mehr bei mir finden! Dem geradsinnigen Mann ist das genug. Daß man sie bloß besser verstecken muß, daß sie der Hoisendorfer Lehrer fürderhin heimlich vermitteln wird -- das besorgt die Intelligenz. Auf Ehrenwort, Freund, den Alten betrüge ich!
Denn auf die Zeitung verzichten? Schon darum nicht, weil mein Abscheu vor der Welt noch zweiundvierzig Wochen lang aushalten muß. Nur ein Tag ohne Nachricht von der weiten Welt, und sie lügt sich auf zu weiß Gott was Begehrenswertem. Die Korrespondenz mit den Kollegen von der „Kontinentalen“ habe ich abgebrochen. Das schofle Gewitzel, wenn ich in Bedrängnis bin und hier den blutigen Ernst des Menschseins sehe -- es behagte mir nicht mehr. Von der Zeitung aber kann ich lernen, wie gescheit man einmal war und wie ich mich jetzt Woche für Woche von ihrem Geist entferne. Man muß sich nur in acht nehmen. Je weiter von der Zeitungpresse entfernt, desto geneigter ist man, ihr zu glauben. Aufs Glauben hält sie aber selber nichts. Man muß nur zwischen den Zeilen lesen, dort steht schon das Richtige. Und je schlechter es geht da draußen, desto besser für mich. Höre, Freund, was ich dir sage: Ich hasse euere Welt. Aber es ist der Haß der Liebe.
Es ist der Haß der Liebe, Alfred!
Lassen wir das jetzt und seien wir der gehorsame Knecht, der die alten Zeitungen in den Ofen werfen will. Doch die Hausmutter wehrt ab: „Nit, Hansel, es thät stinken!“
Dann bin ich fleißig nach Hoisendorf hinabgegangen in die Kirche. Dort habe ich mich in die Bank des Adamshauses gesetzt. Es hat nämlich jeder Hof in der Kirche seine Bank, wofür vom Pfarramt jährlich ein Abonnement von neun Kreuzern eingehoben wird. Es ist kein Fauteuil. Durchaus nicht. Man ist förmlich eingezimmert zwischen Rück- und Vorwand, auf einem fünf Zoll breiten Sitzbrett und einem Kniebalken.
Die Kirche ist jetzt in Trauer, die Altäre sind mit blauen Tüchern verhüllt. Wir sind ja in der Fastenzeit. Vom Karneval ist im Adamshause keine Rede gewesen, nur daß der Adam ein Schwein geschlachtet hatte. Ich half ihm beim Metzgern. Als wir dem toten Tier die mit einer Lauge gebrühten Borsten ausrupfen, fragt er mich: „Weißt du, Hansel, weshalb die Sau ein geringeltes Schweifel hat? -- Nit? Na, so sag’ ihm’s, Rocherl!“
Und der Rocherl erzählte: „Wie die Juden in Egyptenland gewesen sind, hat ihnen der Sauhirt des Königs Pharao zu heimlichem Verkauf über den Nil wollen junge Schweine zuwerfen. Aber der Nil ist breit und sie sind alle ins Wasser gefallen. Da kommt der Teufel und sagt: Sauhirt, das kannst du nicht. Siehst du, da muß man dem Schwein beim Schwanz ein Schlingel machen, daß man besser angreifen kann, siehst du? -- So packt er eins, schlingt es und schwingt es und wirft es hinüber. Der Moses drüben aber sagt zu den Juden: Nein, meine lieben Leut’, ein Fleisch, das uns der Teufel zuschmeißt, essen wir nicht.“
„Und davon soll’s kommen,“ setzte der Adam bei, „daß die Säue geringelte Schweiflein haben und daß die Juden kein Schweinfleisch essen.“
„Das wird wohl wieder so eine Dummheit sein,“ meinte damals die Hausmutter, die es nicht leiden mag, wenn man sich über etwas Biblisches lustig macht. Just in den Faschingstagen scheint sie’s nicht so genau zu nehmen, da wird in der Bauernschaft halt auch ein bißchen geschweinigelt. Früher soll viel gepraßt worden sein, soll es Maskeraden gegeben haben und allerlei alte Tänze. In diesem Jahre hatte in Hoisendorf nur ein sogenannter Holzknecht- und Veteranenball stattgefunden, wobei wenig getanzt aber viel gerauft worden ist. Aha, Du meinst etwa für Gott und Vaterland. Oder gar für Weibsbilder! Nein, mein Lieber. Unter den Holzleuten, Jägern, Bauernknechten und Bergknappen, die zusammengekommen waren, hatten sich -- wie der Lehrer erzählt -- gesellschaftliche Meinungsverschiedenheiten entsponnen und hätten sie einander Leitartikel über die sociale Frage geschrieben -- mit Buchenstäben und Stuhlfüßen auf die rückwärtigen Körperteile. Dieser politische Zeitungstil wird ja auch bei euch draußen wieder modern.
Nun, das ist ungebrannte Asche. Am darauffolgenden Mittwoch hatte der Hoisendorfer Kurat seinen Gemeindemitgliedern freilich ein anderes Kapitel auf die Stirne geschrieben, und zwar mit gebrannten Buchenstäben: „Du bist von Staub und Asche und wirst zu Staub und Asche!“ Kennst du diese kirchliche Sitte nicht? Ganz freimütig bekennt sie am Aschermittwoch den materialistischen Kreislauf der Natur, die allerdings nicht immer Asche, sondern manchmal auch Stecken sein will.
Das Adamshaus liegt nur um dreihundert Meter höher, als das Hoisendorfer Wirtshaus. Und hier findest du keinen Unfried mehr. In der schneidigen Hausmutter erfreuen wir uns eines festen Regimes und einer verläßlichen Exekutivgewalt. Selbst der Adam fühlt sich unter dem materiarchalischen Absolutismus behaglich.
Das vorige Mal fragtest du mich besorgt nach dem Eßgeschirr, aus dem im Adamshause gespeist würde, und nach anderen einschlägigen Dingen. Darüber kann ich dir zum Glücke nichts Besonderes sagen. Die Holzschüsseln und Holzlöffeln sind größtenteils ein überwundener Standpunkt. Auch die Beinlöffeln und Gabeln, obschon mein Hausvater deren noch etliche Paare aufbewahrt, von den Vorfahren her. Diese Hornlöffeln bedingen zwar etwas Großmäuligkeit, also für einen Journalisten durchaus nicht geeignet, sind aber sonst in ihrer perlmutterartig durchscheinenden Farbenpracht sehr schön und appetitlich. Ein alter Hüttler im Gai, der früher aus Rindshörnern solche Löffeln gemacht hat, ist heute ein Bettelmann, und muß froh sein, wenn er mit seinen Feinden, den Blechlöffeln, hie und da ein warmes Süppchen auszulöffeln kriegt.
Die Bäuerin kocht in Blechpfannen und Thontöpfen. Ihr heimlicher Wunsch geht nach einem eisernen Suppentopf, solchen Luxus erlauben aber die wirtschaftlichen Verhältnisse nicht. Wenn ich meine zwanzigtausend Kronen fasse, dann, Hausmutter, gehen deine ausschweifendsten Wünsche in Erfüllung!
Jährlich ein paarmal wandert sie mit einem Buckelkorb hinaus nach Kailing zum Töpfer und Klampferer, um Häfen, Schüsseln, Milchreinen und anderes Hausgeräte einzukaufen. Wenn im Hause etwas zerbrochen wird, dann giebt’s einen kritischen Tag erster Ordnung und die Hausmutter gerät in um so größere Wut, je gelassener der Missethäter bleibt. So haben wir es uns angewöhnt, jeden zerschlagenen Topf wie ein großes Unglück zu bejammern, damit das Scherbengericht der Hausmutter ein wenig glimpflicher ausfällt.
Der Reinlichkeitssinn wird bei uns manchmal zur Hausplage. Abends, wenn wir anderen schon zur Rast gegangen sind, ist die Hausmutter noch stundenlang beschäftigt mit Waschen und Reiben und an Samstagen tritt die Scheuerwut auch tagsüber auf und macht jede Niederlassung im Hause unmöglich. Tisch, Bänke, Kästen, Zuber, Pfannen, über alles die Sündflut; nur das Eßbesteck an den Wandhänkeln wird nicht gewaschen, das hat jeder nach jedesmaligem Gebrauche selbst am Tischtuche abzuwischen, damit basta. Hemden und Betten, wenn sie einmal dran kommen, werden gebacken und gesotten und mit Holzklappen gründlich durchbläut. Solltest du den tieferen Sinn dieser Verfahrungsweise nicht vollends erfassen, so laß’ das Grübeln. --
Ihr draußen habt jetzt beim Morgenkaffee zum Dazubeißen den türkisch-griechischen Krieg. Die brennende Frage der Hoisendorfer heißt: Landtagswahlen. Und hat mein Adam heute ein Stück Wahlmanöver heimgebracht. Es scheint ganz zufällig hängen geblieben zu sein an seinem Gewand. Als er, von der Kirche kommend, den Lodenrock auszieht, sagt er so vor sich hin: „Das ist auch rar von unserem Kuraten. Geht er mich heut’ vor der Beicht an, ich sollt’ keinen Umstürzler und Lumpenkerl wählen, und weiß nit, was er noch gesagt hat. Socialdemokraten, oder was. Kannst mir nit aus dem Traum helfen, Hansel, was er gemeint haben mag?“
Der Ahnungslose! Ein seit langem mit Not und Drang zurückgestauter Leitartikel brach hervor -- elementar. Die Socialdemokraten! Allgemeine Gleichheit natürlich! Ranglosigkeit, Gütergemeinschaft, Weibergemeinschaft! -- So dumm sind sie nicht, das bringt ihnen nur der Feind auf. Sie meinen das gleiche Recht. Was Einer verdient, das soll er haben. Das ist doch klar. Man muß ihnen Gelegenheit geben, emporzukommen. Sie sind Blut von unserem Blut. Genug Bauern, die ihre Brüder und Söhne in den Fabriken haben. Roh mögen sie sein, aber Kraft ist in ihnen, Tüchtigkeit und Bravheit. Sie kommen von unten, haben Erdsegen in sich. Ihr Menschentum ist noch nicht verbraucht. Sie müssen das Homunkeltum zu Tode sengen. --
Ob ich wirklich so gesprochen habe! Ich weiß nur, daß meine Hausgenossen ratlos dastanden und einander anschauten.