Erdsegen: Vertrauliche Sonntagsbriefe eines Bauernknechtes.
Part 3
Und sie: „Zu schlecht ist ihnen schon alles. Haben im vorigen Sommer zum Heuen so eine Gnad’ gehabt, eine zweifüßige. Eh von der Nachbarschaft einer. Ein ausgedienter Soldat. Beim Militari, von Obristen abschanden lassen wie ein Mistbub, aber daheim vom Hausvater kein ungeschaffen Wörtel annehmen. +Solche+ Dienstleut! Da arbeit’ ich lieber Tag und Nacht selber. Ist ja wahr auch! In der Kasern, ja, da lassen sie sich das Hungerleiden schön gefallen, aber nachher auf der Bäuerei stoßen sie die Erdäpfelschüssel mit der Faust über den Tisch hin: Das wär’ ein Fressen für die Säue! Mein Lebtag hat mir noch keiner mein Essen verschmäht, als wie der. Aber dem kommt’s heim. Dem kommt’s noch heim. Denkt’s, daß ich’s gesagt hab!“
„Thu dich nit anzünden, Mutter,“ beschwichtigte wieder der Bauer. „Ist eh arm dran, so ein Mensch, wenn sein schwacher Magen nit einmal mehr ein Erdäpfelsterzel verkochen kann. Nit einmal ein Erdäpfelsterzel!“
Jetzt habe ich mir einen Anrand genommen. „Bauersleute,“ sage ich, „wenn euch mit mir geholfen wäre. Ich habe schon allerhand probiert auf der Welt, Hartes mehr wie Leichtes, so wird mich das Bauerndienen auch nicht umbringen. Wenn ich auch kein Geborner bin. Was man nicht kann, das lernt man und was einem etwa nicht taugt, das gewöhnt man. Um Kost und Schlafstatt werde ich nicht greinen, und Jahrlohn, was ihr leicht mögt. Nicht etwa, daß mir just ums Winterdach zu thun wäre, will auch im Sommer bei euch bleiben und wegen keiner schweren Arbeit verzagen. In allem Ernst, Leutlein, wenn’s euch recht ist, so bleib’ ich da.“
So, mein Freund, habe ich mich hinwerfen müssen, ist das nicht tapfer gewesen? Und habe dabei gar nicht einmal auf mein Ehrenwort gedacht, als vielmehr, daß mich die armen Hascher erbarmen. -- Bin doch ein schrecklich edler Mensch! Wie also das gesprochen war, sind sie vor mir alle zwei dagesessen, haben sich angeschaut und nichts als angeschaut. Er hält über den Magen die Hände gefaltet und endlich ist er doch so weit, zu sagen: „Da weiß der Mensch gar nit, wie ihm geschieht.“
Sie hingegen hat ein schlagenderes Wort. „Richtig wahr,“ sagt sie, „mehr kunnt ein Spitzbub auch nit versprechen.“
Aber er: „Ungeschickt, ungeschickt, Mutter! Wenn’s ein schlechter Mensch thät’ sein, wär’ er mir mit dem Mehlsack davon, unten auf der Brandlahn. Weißt, wie sie voriges Jahr dem Gleimer-Stindl die Kasbutten weggenommen haben. Unser Herrgott ist hoch oben und der Schandarm weit weg.“
Ein förmliches Gericht war’s, das ich über mich habe ergehen lassen müssen. Nachdem sich das Paar noch um mancherlei erkundigt hatte, nicht zuletzt nach meiner Religion, kam es endlich dahin überein, dieser weltfremde Mensch müsse rein von der heiligen Nothburga geschickt worden sein, zu der sie, wie ich nun weiß, jeden Abend beten um Beistand.
„Machen wir’s halt so,“ sagte der Adamshauser endlich, „wenn’s schon dein freier Willen ist -- jetzt sag’ ich halt gleich: du. Aber fürs ganze Jahr festbinden, das nit. Heut taugt’s dir in der warmen Stuben, morgen kunnt schön Wetter sein und deine Füß’ hübsch ausgerastet. Und bleiben wir beisammen, so hat man halt sonst vierzig Gulden Jahrlohn gegeben und das Gewand. Ist freilich nit viel. Bleibst halt so lang du magst.“ --
So, alter Freund, jetzt hast du sie gesehen und gehört, meine neuen Hausherrenleute.
Willst du auch den Hof sehen? Auf der Höhe eines Bergausläufers liegt er gar behäbig da mit seinen braunen Holzwänden und den weit vorspringenden Bretterdächern. Vor dem Hause senkt sich die Feld- und Wiesenlehne bis ins Engthal hinab zum Bache. Neben dem Hause kahle Laubbäume, die im Sommer wahrscheinlich grünen werden. Hinter demselben, gegen die Almen hinan, kümmerlicher Nadelwald. Seitlings hin ein mit Buschwerk bewachsener Rain, bis zur Schlucht, wo unter einer Altfichte ein zweites Haus ist, das zum Hof gehörige Ausgedingegütel; jetzt steht es leer. -- Die Hausthüren sind so eingerichtet, daß jeder Eintretende sich tief verneigen muß vor den Inwohnern, sonst stößt er sich den Schädel entzwei. Aber auch den Ausblick in die weite Welt gestatten die niedrigen, mit gekreuzten Eisenspangen vergitterten Fensterchen nur in Stellung der Demut. Auf dem Drambaum in der Stube des Adamshauses steht die Jahreszahl 1650. Das ist gar nicht lumpig! Die große Stube ist Küche, Eßzimmer und Wohnraum für alle, auch für die Hühner, deren Käfig unterhalb des Herdes in der Mauernische sich befindet. Außerdem hat das Haus noch etliche Kammern für Schlafstellen und Vorräte. An der Außenwand ein paar Bienenstöcke, die leer sind. Die Ställe und Scheunen sind weitläufig und deuten auf eine große Wirtschaft in früherer Zeit. -- So, nun kennst du auch meine jetzige Heimstätte.
Mir ist eine Kammer neben dem Ochsenstall angewiesen worden, „dem Valentl seine“. Kommt er auf Urlaub heim, so heißt’s umsiedeln. Das Innere der Apartements will ich dir später einmal beschreiben, jetzt heißt’s Berufsinteressen voran. Der Hausvater hat mir schon am zweiten Tage all’ seine Schätze gezeigt: Heu, Stroh, Getreide, Hafer, Flachs, Hanf und mit besonderem Stolz den großen Dunghaufen im Hofe. Mühe wird’s schon kosten. Augenblicklich ist mir der Unterschied zwischen Roggen und Gerste, zwischen Flachs und Hanf nicht klar. Beim Vieh wird’s einigermaßen leichter gehen, obschon mir heute noch unbegreiflich ist, wie man zwei schwarze Lämmer oder zwei scheckige Kalben von gleicher Größe soll unterscheiden können. Meine Hausgenossen haben das auf den ersten Blick los und es scheint, daß die Tiere für ein geübtes Auge ganz die individuelle Physiognomie haben, als die Menschen. Ein Hirte soll aus hunderten von Schafen jedes für sich erkennen.
Meine erste Obliegenheit wurde das Abfüttern der Ochsen, Kalben und Schafe. Das ist aber nicht etwa, als ob man ihnen Heu oder Gehacktes nur gleich so hinwerfen dürfte, wie in einer schlampigen Menagerie. Die Haustiere haben ihre Geschichte, ihre Kultur, ihre Pflichten und Rechte und sind nicht gesonnen, sich wie wilde Tiere behandeln zu lassen. Da giebt’s des Tages bestimmte Mahlzeiten und eine genaue Zubereitung von Heu, Rüben, getrocknetem Laub mit Aufguß, Heublumenmehl, Salz u. s. w., was für den Neuling um so schwerer zu treffen ist, als weder geschriebene Rezepte noch Kochbücher dafür vorhanden sind.
Und nun sage ich dir, Philosoph, daß solcherlei noch gar nichts ist, nicht einmal der Anfang. Aus den flüchtigen Andeutungen, die mein Hausvater mir bisher gemacht hat, merke ich, daß die Kenntnis des Bauernwesens eine ganz respektable Wissenschaft bildet -- in allem Ernste. Und eine Kunst noch dazu, denn das muß nicht bloß verstanden, es muß auch ausgeführt werden. Das wird plagen. Wenn der „Volkswirt“ im Zeitungsblatt einen Stiefel sagt, so rührt sich darüber keine Katze und der Schreiber ist ein gelehrter Mann. Wenn aber der Bauer einen Unsinn macht, so fault das Heu in der Scheune, schimmelt das Korn im Sack, verreckt das Rind im Stall. Ja, Bauer, das ist was anderes!
Nun möchte ich dir aber vom ersten Tage noch etwas erzählen. Da war mir gar so eigentümlich zumute. Als die Hausmutter das Herdfeuer anzündete setzten wir uns auf Bank und Block um den Herd, weil des Aufrechtstehenden Haupt zu hoch in das graue Gewölk des Rauches hineingeragt hätte. Dieser Rauch fließt nur langsam durch einen Wandschuber ab, ins Vorhaus, wo er durch einen Holzschlauch übers Dach hinaus geführt wird. Der Hausvater fettete ein paar derbgebaute Schuhe mit Schweinsschmiere ein. Die Hausmutter schmorte in der Pfanne Kartoffeln und mir war die Aufgabe zugefallen, von einem großen Schwarzbrot Suppenbrocken abzuschnitzeln für das bevorstehende Nachtmahl. Plaudersam waren wir gerade nicht. Mich schützte vor Langeweile nur die Mühe meines Brotbrechens. Die Hausmutter merkte meine Unbeholfenheit und sprach: „Du -- du! Wie heißt du denn?“
„Hans, wenn’s recht wär’.“
„Du, Hansel, ich sag’ dir was. Deine Brocken werden zu dick! Du kannst es nit recht.“
Na, gute Nacht, Knecht! Wenn du das Brot nicht einmal aufschneiden kannst, wie wirst es erst verdienen können!
Rief in der Nebenkammer plötzlich jemand nach der Mutter. Sie ging hinein. Durch die offene Thür sah ich, daß es da drin ganz feierlich war, wie in einer Kapelle. Ein weißgedeckter Tisch, auf dem ein Wasserglas mit brennendem Öllichtlein stand. An der Wandecke Heiligenbilder, kleine bunte böhmische Glasmalereien. Daneben ein hochgeschichtetes Bett, in demselben ein junger Mensch, an dem Kissen lehnend. Auf der blauen Decke hatte er seine rechte Hand liegen. Die war mit Lappen umwunden. Das Gesicht glatt, fein und weiß wie eine italienische Marmorarbeit; aber große, dunkle Augen, an der Oberlippe einen Bartschatten. Zwischen den zuckenden Lippen schimmerten Zähne, das braune Haar üppig, verworren, es wühlte die linke Hand drin. Wie man manchmal schon alles so auf einmal sieht. Ein bildschöner Mensch.
Der hatte nach der Mutter gerufen. „Ist die Barbel nit da?“ fragte er.
„Was willst ihr denn, Rocherl?“
„So viel weh thut’s wieder.“
„Sei getröstet, Kind,“ sagte die Mutter. „Ich will dir frisches Schusterpech auflegen und nachher wieder gut einbinden.“
„Dank Euch Gott, Mutter. Aber die Barbel -- die, die soll’s thun. Bei der Barbel thut’s nit so weh.“
„Sie thut halt noch haarkampen draußen in der Hinterstuben.“
Am Ende, mein Professor, weißt du jetzt nicht, was haarkampen heißt: Gebrochenen Flachs durch die Hechel ziehen, um die Agen abzustreifen. -- Endlich weiß ich einmal mehr als du. +Das+ thut wohl!
Ich bin dann hineingegangen und habe mir die Schußwunde zeigen lassen. Knapp hinter dem Gelenke ein rundes Loch, mit gestocktem Blute verstopft, die Haut ringsum gerötet. Eben war das Pflaster, eine schwarze, zähklebrige Masse, losgelöst worden. Auf meine Frage, ob die Kugel schon entfernt sei, hieß es, das Schusterpech werde sie schon herausziehen.
Nun kam das Mädel herein. Auch die muß sich an der Thür bücken, so groß ist sie. Aber sie bückt sich nicht oben, sondern unten -- ein Knixlein und durch ist sie. Wie Leute nur so schlank und so gerade wachsen mögen, wenn sie sich jeden Tag unzähligemale einschnappen müssen! Im Arm hatte sie Flachsstrehne, die legte sie sorgfältig über eine Stuhllehne; auf dem Kopfe hatte sie einen alten schwammigen Filzhut, den hing sie flink an den Wandnagel.
„Bist schon brav, Barbel, daß du auf meinen Bräutigamhut schön acht giebst!“ lobte der Hausvater. „Wohl, wohl, in dem Hut hab’ ich deine Mutter in die Kirchen geführt. Selben hat ein sauberer Buschen drauf gesteckt und heut’ sind die Schaben dran. Herentgegen ein frisch Gesichtel darunter, das macht auch einen schäbigen Hut schön. Na halt ja, einen Spaß muß man auch haben.“
Dieser gemütliche Stolz auf seinen Bräutigamhut und auf seine Tochter stand dem Alten entzückend. Schon deswegen müßte man ihn gern haben. Jetzt besah ich mir aber auch die Barbel.
Himmelkreuzstern, Doktor, +das+ ist ein Mädel! --
Hans.
+Adamshaus+, am sechsten Sonntage.
Beim Mädel, nicht wahr, bin ich stehen geblieben, das vorige Mal.
In deinem Speisezimmer hängt ein Bild von ihr. Du nennst sie die „Sixtinische“. Wahrlich, nichts fehlt unserer Barbel dazu, als das Kind. Bei euch drin in der Stadt wäre ein solches Wesen unmöglich. Unmöglich, sage ich dir! Die begehrenden Männeraugen hätten diesen Hauch versengt. Es ist noch der Reif der Traube an ihr. Sie hätten den Schmelz dieser Augen ausgesogen, diese Lippenknospen versehrt, sie hätten diese reine, herbe Seele längst zu einem koketten Damengeistlein gemacht. Obschon das gar nicht möglich zu sein scheint. Ich gönne das Mädel keiner Stadt und keinem Palaste, ich gönne es niemandem, auch dir nicht -- auch mir nicht. Ich stehe abseits und betrachte es voller Ehrfurcht, das dumme Ding, das seit drei Wochen kaum dreißig Worte zu mir gesprochen hat. So ernsthaft und verschlossen sein, wenn man so lachend aufgeblüht ist! Nur mit dem Rocherl scherzt und herzt sie, mit dem durchschossenen Bruder. Wenn das Mädel bei ihm ist, thut ihm kein Blei weh in der Hand, da lacht er und schalkt und schaut ihr so treuherzig ins Madonnengesicht, daß ich alle Wand- und Thürfugen preise, obschon manchmal ganz niederträchtig der Wind durchzieht. Ich für meinen Geschmack wüßte keinen feineren Guckkasten.
Kniet sie gestern vor dem Bette, streichelt seinen verbundenen Arm und sagt voller Zärtlichkeit:
„Armes Handerl, du! Geh’, sei gescheit und thu’ nit weh! Ich will dir nachher zu Lohn was Schönes schenken.“
„Wenn das Kügerl nit heraus will!“ meint der Bursche.
„So soll’s drinnen bleiben. Hat der Mensch so viele Knochen im Leib, wird er wohl auch ein bissel Blei vertragen mögen.“ So spaßet sie.
„Was halt nit hineingehört, das thut kein gut,“ sagt er traurig.
„Mußt nit verzagt sein, Rocherl,“ tröstet sie, „immer Eins hat was in sich, was nit dazu gehört. Darf nit verzagen.“
Ich weiß nicht, alle möglichen Nöte der Menschheit stellt sie ihm manchmal dar, damit er in Hinblick darauf seine eigene Not leichter trage. --
Nun will ich meine Feder auch auf anderen Feldern spazieren führen, damit dir mein Tagebuch allmählich ein Ganzes liefert. -- Am Tage vor Lichtmeß war aus Hoisendorf herauf ein alter Mann gekommen, der hat an der Hausthür einen Spruch aufgesagt, den ich zur Hälfte nicht verstanden, zur andern Hälfte wieder vergessen habe. Ich glaube, von der Muttergottes und den Heiligen hat er gehandelt und die Pointe war -- Geld. Der Alte ging nämlich zu den Häusern umher, um Geld zu sammeln für die Altarkerzen in der Hoisendorfer Pfarrkirche, damit dort bei allen Gottesdiensten des Jahres Lichter brennen können. Zuerst ging er also zum Hausvater und hielt ihm ein blau-angestrichenes Trühlein vor, derweilen er etwa folgenden Spruch sagte: „Unsere liebe Frau schickt mich in euere ehrengeachtete Hütten und laßt um ein frommes Lichtmeßopfer bitten!“
Der Hausvater holte von der Wandleiste ein altes Lederbeutlein herab, nestelte eine Münze heraus, küßte sie ehrerbietig und legte sie in das Trühlein. Der Sammler kläubelte es wieder heraus, beguckte es von beiden Seiten und sagte: „Adam, du hast sonst allemal ein Zwanzigerl gegeben.“
„Ist eh eins, ist eh eins,“ sagte der Bauer.
„Sein thut’s eins, aber was für eins! Sonst waren es zwanzig Kreuzer, heut’ sind’s zwanzig Heller! Hörst du, Bauer, Nickel nimmt keine Weih’ an.“
„Und Silber haben wir keins mehr,“ versetzte mein Hausvater bedächtig. „Bei den schlechten Zeiten wird wohl auch die Himmelmutter bei der Mess’ mit ein paar Kerzen weniger gern zufrieden sein.“
„Paar Kerzen weniger? Ah na, das thät’s nit, daß uns die Muttergottes ins Dustere thät kommen! -- Thu’ ich mich halt zu einer christlichen Wohlthäterin wenden. Gelt, Bäuerin, ehrengeachtete, in deiner Hütten, auch dich laßt unsre liebe Frau um ein Lichtmeßopfer bitten.“
Die Hausmutter gab einen Nickelzehner, unter besonderer Bedingung, daß in der Kirche beim Schutzengelbild eine besondere Kerze gestiftet werde.
„Eine Kerze gestiftet? Für das da? Du bist spaßig, Adamshauserin!“
Nach dieser geringschätzigen Rede trat der Mann in die Kammer an den Rocherl, der auf dem Bette saß, und sagte denselben Spruch.
Der Bursche wurde rot im Gesicht, so blaß er sonst war, und schaute hilflos um sich. Denn, wie mir schien, er besaß nichts.
Da mischte sich die Barbel ein: „Wartet ein wenig, ich habe sein Geld in Verwahrung.“ Aus ihrer blumigen Gewandtruhe holte sie ein Münzlein hervor. Der Alte besah es, schnalzte mit der Zunge: „Hau, da ist ja noch eins! Adam, bei deinem sauberen Töchterl haben sie sich versteckt, die Silberschimmel! Ich glaub’s, ich thät’s auch. Sollten ihrer nit ein paar sein, im Nest? Wenn nit, nachher ist’s so auch gut. Vergelt dir’s Gott, Jungfräulein! Glück und Segen! Einen braven Mann und eine stubenvoll Kinder daneben! Für jeden Heller ein Madel, für jeden Kreuzer einen Buben, nachher wird’s schon lustig in der Stuben.“
Weil sich das Mädel jetzt rasch fortmachte, so sah der Lichtmeßsammler den Schulknaben, den Franzel. Der war, um seine weißen frischgewaschenen Hemdärmeln zu zeigen und sich an dem possierlichen Bettler zu ergötzen, so lange unvorsichtig umhergestanden, bis das Schicksal nun auch ihn antrat. Er machte aber nicht viel Umstände, griff in den Sack und gab zwei Heller. Das that er mit solcher Sicherheit, als ob der ganze Hosensack voller Schätze wäre. Es war aber das erste und letzte Geldstück gewesen, ein Botenlohn vom Schulhause, wie mich däucht erfahren zu haben. Denn der Junge trägt manchmal etliche Eier hinab und was es sonst so mitunter auszurichten giebt.
Endlich, als alle übrigen abgeschabt waren, stand der alte Kracher auch vor mir fest und brummte: „Giebt der nichts?“
Ich reichte ihm einen Zehner und muß etwas von einem Trinkgeld gesagt haben. Da habe ich angezündet!
Er hielt die Münze in der breiten, runzeligen Hand: „Ein Trinkgeld? Wieso? Glaubst du, ich geh Trinkgelder betteln wie ein Nachtwachter um Neujahr? Du Racker, du! Was bist denn für einer, daß du kein Licht brauchst, beim Herrgott! Du Duster-Mannl, du! -- Heb’s weg, das Ding! Heb’s weg!“
„Na, na, so schlimm ist es ja nicht gemeint gewesen.“
„Heb’s weg, sag’ ich!“
„Soll auch von mir eine christliche Gabe der Kirche vermeint sein.“
„Wir brauchen’s nit!“ Mit diesem Schrei schleuderte er das Geldstück zu Boden, daß es ein paarmal ganz entrüstet aufhüpfte.
„Trinkgeld, wie einem Nachtwachter!“ Gleichsam hinspuckte er dieses Wort.
Jetzt hat mich der Hausvater in Schutz genommen: „Mußt nit, Schragerer, ’s ist der neue Knecht. Ein Zugereister. Weiß halt nichts vom heiligen Brauch. Beten thut er eh fleißig.“
Darauf hin hat der Mann die Münze doch aufgehoben und ins Trühlein gethan. Dann noch einen gereimten Spruch, halb sagt er ihn, halb singt er ihn, und so ist er würdig zur Thür hinausgegangen.
Als letzte Post ist es mir übrigens gar rührend vorgekommen, daß diese armen Leute Geld zusammenschießen für das Weihelicht am Altare. Und am Lichtmeßfeste, als ich mit dem Hausvater nach Hoisendorf hinabgegangen, ist die ganze schier stimmungsvolle Feierlichkeit zu sehen gewesen, wie bei vielem Lichtleuchten und Orgelklang vom Kuraten die neuen Kerzen geweiht wurden, wobei auch der Lehrer, ein Licht in der Hand und lateinische Sprüche sagend, behilflich war.
Gegen mich hat er was, der Lehrer. Was weiß ich? Als wir Blicke wechselten, ich that’s grüßend, aber aus seinem Auge kam kein heiliges Feuer.
Was nun mein Dienstgeber über das „fleißige Beten“ seines zugereisten Knechtes sagt -- bedingungslos unterschreibe ich’s nicht. Ein Mensch zur Abendstunde, wo er gewohnt ist, im „Roten Krug“ bei Bier und Rostbraten zu sitzen, dann noch ins Kaffeehaus zu gehen in Gesellschaft ausgelassener Kumpane! Und soll zur selben Stunde jetzt täglich auf dem Schemel knien, die Ellbogen auf die Tischkante stützen und gemeinsam mit einer Bauernfamilie Litanei und Rosenkranzgebete murmeln! Du kannst dir’s vorstellen. Nein, nicht kannst du dir’s vorstellen, es ist fabelhaft trostlos! Der Teufel hat immer Geschmack bewiesen. Wenn er mit sonst nichts mehr zu vertreiben ist, beim Gebet, da fährt er ab. -- Der häusliche Abendgottesdienst dauert an Werktagen gegen vierzig Minuten, an Feierabenden, sowie auch an Sonn- und Festtagen, nahezu eine Stunde. Mein Sack voll Stadtsünden, den ich hübsch vollgerüttelt mitgebracht -- er ist sicherlich verbüßt. Durch das Beten kaum, denn das meinige dürfte beim lieben Gott nicht viel mehr gelten als beim alten Schragerer mein Silberzehner. Durch das Knieen auf dem Brette wohl auch kaum, bei dem der Kerl vierknieig dahockt. Hingegen alles sühnt das heldenmütige Ankämpfen gegen den Lachreiz. Den abscheulichen Lachreiz. Hast du es schon einmal gehört, wie Bauersleute beten? Ernsthaft betrachtet ist an diesem gottwilligen Hinmurmeln und Hindämmern einfältiger Seelen gewiß nichts Komisches enthalten; aber so ein Stadtbengel ist das Ungezogenste, Frivolste und Intoleranteste der ganzen Schöpfung. -- Erst nach und nach, o Freund, habe ich das blutende Herz geahnt, womit sie unter gefalteten Händen und geschlossenen Augen beten, diese bekümmerten Menschen.
Immer einmal geschieht’s wohl auch, daß sie den geistlichen Rat „Bete, und arbeite“ zu gleicher Zeit befolgen. Thut während des Psalters der Hausvater Späne klieben, die Hausmutter kochen, die Barbel spinnen, der Rocherl und der Franzel auf dem Tisch Bohnen säubern, die wir am nächsten Tage zu essen bekommen. Und der zugereiste Knecht? Auf den Waden sitzend wie ein Türke, rodelt er mit und trachtet es zu vertuschen, daß ihm weder das Vaterunser, noch das Avemaria wörtlich bekannt ist. Auch mir hat die Mutter einmal diese Hände gefaltet, als sie noch klein gewesen: „Vaterunser, der du bist im Himmel!“ In der Lehrzeit hat sich der Katechet noch ein paarmal erkundigt nach solchen Dingen, später, bei den Kaiserlichen und bei der „Kontinentalen“ ist keine Nachfrage mehr gewesen.
Wenn die Unwissenheit ans Licht käme! Einige Rügen hat mir meine Aufführung ohnehin schon eingetragen. Die heillose Ungeschicklichkeit in der Arbeit wird mir jetzt zwar nicht schwer aufgemessen. Aber daß der „Zugereiste“ bei Tisch weder vor noch nach dem Essen ein Kreuz zieht mit dem Daumen über Stirn, Mund und Brust, daß er beim Nockenessen die Gabel mit der linken Hand zum Munde führt, daß er die Einbrennsuppe (den Bauernkaffee) nicht aus der gemeinsamen Schüssel essen will, sondern sie vorerst auf den Teller herausschöpft, daß er Sonntags wie Werktags dasselbe Gewand am Leibe hat, daß er sich täglich mit Seife wäscht und sogar mit einer kleinen Bürste die Zähne scheuert, daß er seinen Bartwust stehen läßt, anstatt sich allsamsttägig säuberlich zu rasieren, und andere Unarten -- solcherlei hat mir der Hausvater schon ein paarmal in aller Güte vorgehalten, die Hausmutter mit schärferen Worten verwiesen.
„Du, Hansel,“ sagte sie vor zwei Tagen, „mit deiner Hoffart wirst du uns noch die Kinder verderben! Wo die jungen Leut’ jetzund eh’ allerhand Dummheiten im Kopf haben! Das schlechte Beispiel da! Ich sag dir’s, Hansel! Sobald mir der Schulbub so ein grausliches Zahnbürstel heimbringt, nachher kannst du dir um einen anderen Platz schauen. Ich leids nit.“
Was meinst du, wäre diese unwirsche Thatsache nicht etwa bei den „Fliegenden Blättern“ anzubringen? Nein doch, ich will mir die Seelenkonflikte dieses Jahres nicht von der ganzen Welt verlachen lassen. -- Und wirklich? Thut’s es nicht auch am Ende ohne? Mein Hausvater scheuert sich des Morgens den Mund mit einem Hanflappen. Das Haar strählt er sich mit den fünf Fingern aus. Als Trinkgefäß am Brunnen benutzt er die aufgebogene Hutkrempe oder die hohle Hand. Sie entbehren nichts, nach ihrer Meinung, sie haben alles. Bis so ein Bauer von Mangel spricht, ist er schon nahe am Verhungern. Und da habe ich mir gedacht, daß der Mensch zweimal bedürfnislos ist, einmal im Naturzustande, das andere Mal auf dem höchsten Grade der Bildung. Was dazwischen liegt -- daß Gott erbarm! Jeder Wunsch des Weltkindes gebärt im Augenblicke der Erfüllung sieben neue, und vor lauter Wünschen kommt es zu keinem Genießen.