Erdsegen: Vertrauliche Sonntagsbriefe eines Bauernknechtes.
Part 25
Da habe ich schon gemeint, alles wäre in der Brüche und die Barbel ist dagestanden wie eine Wegsäule, so starr. Nun kommt aber der Rocherl über die Mutter. Der ist seit dem Allerseelentage ein anderer, welche von den zwei Kugeln davon den größeren Anteil hat, weiß man nicht. Manchmal wetterleuchtet’s noch und wenn er ein heißes Wort sagt, da schaut ihn die Mutter an, und wenn er treuherzig redet, da hört sie ihm zu. Daß statt des Lehrers der Hansel an seiner Schwester Seite steht, scheint ihm gar lieb zu sein, und so kommt er nun an die bitterböse Mutter. Vom seligen Vater spricht er ihr. Der hätte lange gewußt, was es mit dem zugereisten Knecht ist und er wäre nur um so dankbarer gewesen, daß ein fremder, ein solcher Mensch sich freiwillig alle Mühe und Not auferlege, um uns beizustehen. Und einmal habe der Vater gesagt, der Hansel sei zwar in mancher Arbeit ungeschickt, aber wegen seiner Bravheit könne er um jede Tochter werben, sie würde ihm nicht versagt werden. -- Diese Wendung hat gewirkt. Der Adam hat angeklopft. Und so hat mein Hausvater, der seit Wochen im Grabe ruht, noch ein lebendiges Wort für mich gesprochen, gleichsam mir den Vaterssegen erteilt.
Die halbe Nacht sind wir beisammengesessen und haben allerlei besprochen und die Hausmutter ist ganz weichmütig und sinnig geworden und hat gemeint, ich müsse rein aus einem Märchen herausgestiegen sein, und sie werde dumm vor dem, was sich heutzutage ereigne auf der Welt.
Unser Trauungstag ist für den zwölften Dezember bestimmt. Das soll nicht auch wieder eine lange Bank werden. Der Kurat knüpft an diese Trauung im Advente nur die eine Bedingung, daß keine Lustbarkeit mit ihr verbunden sei. Ganz nach unserem Sinne. Wo das Glück ist, wozu da noch Lustbarkeiten. -- In allem übrigen ist’s mit den Behörden abgemacht. Mir ist darum zu thun, daß es sich rasch vollzieht, schon des Lehrers wegen, du kannst dirs denken. Bevor er nach Hause kehrt, wenn er überhaupt noch einmal kommt. Den möchte ich nicht gerne als Hochzeitsgast haben.
Und du, treuer Freund, erweise mir den Gefallen, von meiner Vermählung niemandem etwas zu verlauten. Es könnte übermütige Leute geben und an diesem Tage kann ich niemanden brauchen, als die Sippe allein.
Auf Grund deines neuerlichen Anerbietens -- für das der Himmel dich segne -- habe ich in Kailing bereits Sachen bestellt, besonders einen Anzug, städtische Bauerntracht, auf gut deutsch: Touristenkostüm. Wollen den Kerl halt herrichten, so gut es geht. Und wenn es gut geht, dann springt er aus. Den Bauernstand hat der Schelm so lange gelobt, bis er ausspringt. Man braucht mich auch nicht. -- Und was ich am Dienstage zur Hausmutter gesagt, bevor ich’s bedacht, habe ich bedacht, nachdem ich’s gesagt. Wenn das andere nichts ist, so weiß ich mir mit der Feder was zu machen. Ja, warum denn nicht? Jetzt auf einmal ist mir zu Mute, als könnte ich alles. Und was unsere Kinder betrifft, das erste Dutzend wird Bauern.
Der fünfzigste Sonntag.
Vom Briefschreiben konnte keine Rede sein an diesem Tage. Dafür soll dir der junge Ehemann nachträglich alles in schönem Herzensfrieden berichten, wie es sich vollzogen hat.
Gearbeitet wird seit drei Tagen im Adamshause nicht um eines Hosenknopfes wert. Und im ganzen Almgai Bauernräusche, wie seit Noahs Zeiten keine massiveren dagewesen. O Freund, das war ein Brennpunkt von Herzenslust für die einen und Magenjammer für die anderen! Schon am zweiten Tage hatte der belesene Schmied und Kirchendiener die philologische Anwandlung, der Tafelrunde zu erklären, soweit sie zugehört hat, daß im Worte Katzenjammer statt des ersten a ein redliches o stehen müßte.
Aber besser als diese ungeschlachte Weisheit hat mir sein Liedel gefallen. Klatschte der Alte in die Hände, auf die Knie und sang:
„Jauchzen thut heut’ Leib und Seel, Bruderherz, gar kreuzfidel Geht’s bei uns her. Traurig sein, das giebt’s ja net, Fünf und sechs ist siebzehne, Oder noch mehr!“
Damit soll dir die Stimmung dieser Hochzeit, bei der es keine Lustbarkeiten geben sollte, angedeutet sein.
Und nun zu den besonderen Angelegenheiten. Als wir am Sonntage vom Adamshause fortgingen -- sie hatte ihr neues vergißmeinnichtblaues Kleid an, um Schultern und Brust ein rotseidenes Tuch, das auch die Mutter einst am Trauungstage getragen hatte. Ihr lichtes Haar war in einen Kranz geflochten um das Haupt, wie Meister Defregger seine Tirolerdirndeln gerne herrichtet. So stand sie an der Thürschwelle still und sagte beklommen:
„Es wird mir doch schwerer, als ich gedacht habe.“ -- Da habe ichs gleich gemerkt. Sie dachte an den Lehrer und setzte noch bei: „Es ist wohl wahr, wir sind uns schon lang gleichgültig geworden, aber gesagt haben wir es uns doch noch nit. Und jetzt, derweil er fort ist, soll ich mit einem andern zum Altar. Das kommt mir so untreu vor, so untreu....“
Darauf habe ich gesagt: „Liebes Kind, die Untreue liegt wohl auf seiner Seite. Wenn überhaupt eine vorhanden ist. Daß er sich bei dir gar nimmer angemeldet hat, ehe er fortging! Seitdem sich alles so ganz anders gewendet hat, seid ihr euch gegenseitig ja nichts mehr schuldig und wie man mit freiem Willen zusammengegangen ist, so geht man mit freiem Willen auseinander.“
Und sie: „Das eine kann ich nit einmal sagen. Es hat schon so sein müssen. Ich denk’ mir wohl, daß es ihm nichts macht, was ich jetzt thu’. Wenn ich nur vorher zu ihm treten könnte und sagen: Guido, behüt’ dich Gott!....“
Leise in ihr weißes Tüchlein schluchzend ging sie neben meiner des Weges. Mit uns gingen auch ihre Brüder. Jetzt stand der Kulmbock da, als Hochzeitvater, und sagte: Das hätte keine Manier nicht! Miteinandergehen, das Brautpaar zur Kirche, das wäre sauber! Daraus werde nichts. Die Braut gehöre hinten dran! -- Und denke dir, mußte nach altem Brauch die arme Barbel am Hochzeitszug ganz hinten dreingehen, mutterseelenallein. Dann, während alle anderen schon in der Kirche sind, steht sie noch allein draußen vor der Thür und wartet, bis der Hochzeitvater sie hineinführt zum Altar, wo der Hansel ist. -- Diese sehr unritterliche Sitte soll wohl die Niedrigkeit des Weibes anzeigen, bevor der Mann sie erwählt und erhöht.
Wie scharf es bei den Hochzeiten hier gegen die Weiber hergeht, zeigt auch eine andere Sitte, die es der künftigen Schwiegermutter verbietet, bei der Trauung anwesend zu sein. Beim Mahle soll sie ganz hinten im Ofenwinkel sitzen und dann -- hörst du es! -- dem jungen Ehepaare ein ganzes Jahr lang fern bleiben. -- Jetzt wirst du doch Respekt haben vor den Almgaiern, daß sie so stramm und bündig mit der Schwiegermutter fertig zu werden wissen. Doch warte nur, wer der Stärkere ist! Wie der Kulmbock der Hausmutter den Eintritt in die Kirche verwehren will, sagt sie entschlossen: „Eine Mutter wird ihr Kind meiden! Just so!“ Schiebt mit dem Arm den Kulmbock zur Seite und tritt ein.
„Na gut, gut,“ sagt der Ordner, „aber ohne Präjudiz!“ Denn er ist zeitweise ganz Gesetz.
Am Altare brannten zwei einzige Kerzen, kein Kirchenschmuck, keine Blumengezier. Es ist spät im Jahre....
Wie mir ums Herz war, als das liebe Wesen an dieser Stelle neben mir stand, als wir die Ringe wechselten und gegenseitig unser Ja sagten, das, mein Freund, kann ich dir nicht beschreiben. Wer es aus sich selber nicht weiß, der kann es nicht verstehen. Im übrigen ist bei der Trauung nicht geweint worden und nicht gelacht....
Als wir ins Wirtshaus wollten, war das Thor geschlossen. Der Kulmbock pochte mit dem Stab, drinnen kicherte man und das Thor blieb zu. Jetzt begann er zum Schlüsselloch allerhand Sprüche hineinzusagen, die ich nicht verstanden habe, ich glaube, sie handelten von den Tugenden und Würden des jungen, Eintritt heischenden Ehepaares, aber das Thor öffnete sich nicht. Da trat meine Barbel vor, berührte mit einem Weißtannenzweig den man ihr in die Hand gegeben, das Hausthor -- und jetzt ging es langsam auf und wir traten ein.
Das Mahl -- ein Halberabendmahl -- haben wir recht einfach gehalten. Ziemlich schweigsam hat jeder seine Portion Aufgeschnittenes mit Kuchen verzehrt oder in den Sack gesteckt. Es war zu merken, daß der Kulmbock einen Trinkspruch in Bereitschaft hatte und damit nur warten wollte, bis der Wein kam. Wir tranken Apfelmost und der Wein kam nicht. Draußen schneiete es stark und es begann zu dunkeln. Die Barbel schaute mich schon immer an und sagte nun ganz leise, es würde ein hartes Heimgehen sein in der Nacht. Das hieß, wir möchten lieber noch bei Tage gehen, und das war sehr nach meinem Geschmack. -- Und als wir uns zusammenpackten, na, da kamen sie. Als der erste erschien, der Nachbar Gleimer war’s, zündete der Wirt sogleich zwei Lampen an. Der Gleimer brachte einen eisernen Kochtopf mit und stellte ihn schweigend vor die Braut. Hernach stiegen die anderen daher zu unserer Überraschung. Es kamen die Bauern aus nah und fern, von der ganzen Gemeinde. Wie pure Schneemänner gingen sie zur Thür herein. Ungestüm war das Wetter geworden und der Wind trieb den Schneestaub ins Vorhaus. Da haben wir uns neuerdings niedergelassen am Tische. Jeder Ankommende hatte ein Hochzeitsgeschenk bei sich. Bäuerinnen brachten mancherlei Hauseinrichtungen, hatten in Körben und Säcken Mehl, Fett, Eier und Backwerk. Der Schuster Zwegel brachte mir eine von ihm selbst gestrickte Wollenhaube, der Schneider Setznagel ein Paar Lodenpantoffeln, zum Zeichen, daß er vergeben und vergessen hat und um neue Kundschaft wirbt. Der Kulmbock konnte nicht mehr länger zurückhalten, er bestellte Wein. Während noch allenthalben die Gläser gefüllt wurden, ließ er los. Er sprach im Predigertone und griff zurück bis auf Adam und Eva. Dabei machte er Anspielungen, die man schlechterdings nicht zweideutig nennen konnte, weil sie nur mehr eindeutig waren. Ungeahnt frühzeitig, gottlob, kam er auf die geistvolle Schlußwendung: Der Bräutigam soll leben und die Braut daneben!
Kaum war die Festrede vorüber, so erhob sich draußen im Vorhause helles Gedudel. Bläser und Geiger waren gekommen. Der Kulmbock zog seinen feuchten Lodenrock aus, ging in flatternden Hemdärmeln umher, lud nach allen Seiten zum Essen und Trinken ein, war witzig und rief ein ums andere mal: „Geschmalzene Holzäpfel friß ich nit!“
Dieweilen kamen immer noch Leute mit Gaben. Der Sackbuttner brachte eine Blechschelle für die Kuh, die er dem Lehrer verkauft; er war der Meinung, es gebe Lehrerhochzeit. Der Schrager brachte einen nagelneuen Melkzuber, den er selber geböttchert hatte. Der Jäger Konrad, der zu endgültigem Friedensschlusse als Brautzeuge gewählt worden war, brachte einen wolligen Fuchsbalg dar, „vors Bett hin, wenn die Barbel schlafen geht und aufsteht“. Die Nähterin Rosalia that mit ihrem Hochzeitsgeschenk gar geheimnisvoll, wickelte es vorsichtig aus einem schneeweißen Tüchlein und hielt es am Stengel der Barbel hin. Ein großer Apfel mit roten Wangen. Alles könnten sie genießen, die lieben Eheleute, so legte die Nähterin es aus, nur an diesem Apfel dürften sie nicht naschen. „Warum nit, das will ich euch sagen, wer davon ißt, der verdirbt sich den Magen.“ Weise war’s gesprochen, denn der große Apfel erwies sich als hölzerne Kapsel, die aufzuschrauben war und in der sich ein Spiegelchen, ein Fingernagelzwicker und ein Hühneraugenpflaster befand. Schlimmer war’s, als die alte Marenzel mit einem kleinen Kinde hereinkam und es schaukelnd und ein Wiegenlied trillernd der Barbel zutrug. Auf dem Tische wurde sofort ein Bettchen hergerichtet, die Alte wickelte die Fatschen auseinander und da lag -- mutternackend -- ein schlanker Butterstritzel.
„Geschmalzene Säg’späne friß ich nit!“ schrie der Kulmbock drein, um über das sinnige Geschenk seine Überraschung und seinen Beifall auszudrücken.
Ich lachte überlaut mit und dankte dahin, dorthin. Mein armes Mädel saß da wie ein Muttergottesbild und ließ alles gelassen über sich ergehen.
Die Hausmutter war nachgerade ungeberdig geworden. Schon die Musikanten gefielen ihr nicht, mitten in der heiligen Adventszeit. Das ganze Treiben war ihr zuwider „und wenn es Glasscherben schneibt“, sie will heim. Just zündete sie die Laterne an, die der Kirchenwirt uns für den Heimgang borgen wollte, da -- aber Freund, ich kann nichts dafür, daß der Zufall bisweilen so gut aufgelegt ist. Du wirst sagen, der Zufall komponiere nicht Romane. Ja, Alter, er komponiert deren manchmal -- rein aus Zufall.
Die Wirtin hatte die Stubenthür weit aufgemacht und sagte laut auf uns her: „Jetzt werd’ ich mir wohl ein Vergeltsgott verdienen fürs Thüraufmachen!“
Wir schauen ins dunkle Vorhaus hinaus, die Musikanten blasen einen Tusch und nun -- steht er da. -- In voller Uniform, mit Helm und Seitenspieß, den beschneiten Mantel auseinandergeschlagen, daß von der breiten Brust die Knöpfe uns entgegenfunkeln wie zwei Reihen munterer Augen. Der Valentin. Das war nun freilich ein anderer Kerl, als damals im Sommer. Sein rotes Gesicht lachte breit auseinander, wie ein Sieger schaute er frei um sich. Von allen Tischen streckten sich ihm Hände und Gläser entgegen -- er drang durch das Gedränge bis zum Ehrentisch vor, zu Mutter und Geschwistern. Meine Hand nahm er zuletzt und hielt sie am längsten.
„Diesmal ist’s anders, Hansel!“ lachte er mir zu.
„Und bei uns auch!“ sagte ich.
„Und bei dir schon gar!“ setzte er bei, auf die Barbel spielend. „Recht hast. Erst in Kailing habe ich es gehört.“
„Haben dir’s nicht geschrieben, weil wir wieder eine Dummheit fürchteten.“
„Man wird ja gescheiter,“ sagte er.
Und jetzt war vom Nachhausegehen keine Rede mehr. Jetzt begann es lustig zu werden. Auch die Hausmutter nippte vom Glas, klatschte mit den Händen: „Verklöpfelte Leut’ seid’s!“ -- Ich denke, es hat ein Lobspruch sein sollen.
Der Kulmbock versicherte von Zeit zu Zeit, daß er „keine geschmalzenen Schuhnägel fresse“.
„Ich auch nicht!“ gab der Valentin bei und ließ sich den Schweinsbraten schmecken. Und dann kamen die Erzählungen aus dem Kasernleben, von den Märschen, von den Kameraden, von den Offizieren, besonders vom Obersten. „Weiler!“ hatte ihm dieser gesagt, „solange Sie das kreuzverfluchte Heimweh haben, bleiben Sie beim Regiment. Daß Gott mich -- Sie bleiben! Bis Sie das Vollmondgesicht wieder aufgesteckt haben, mit dem Sie vor zwei Jahren eingerückt sind, bekommen Sie Urlaub. Und vorher nicht! Und nachher sofort!“ Diesen Ausspruch hat der Valentin sich zu Herzen genommen und soll er bei seiner erwachenden Frohheit thatsächlich zum Vollmondgesicht nicht viel länger gebraucht haben, als der Neumond zu dem seinen.
Längst Mitternacht vorüber, als wir uns von der Gesellschaft, die bei jungem Wein schon ausgelassen zu werden begann, verabschiedeten und den Heimweg antraten gegen das Adamshaus. Schneegestöber, blasser Mondschein, Windrauschen in den Bäumen. Der Valentin führte die Mutter am Arm, der Rocherl den Franzel, ich -- mein Weib. Als wir ans Haus kamen, führte mein Weg nicht wie sonst über den Hof zur frostigen Stallkammer. Ich trat mit allen ins Haus und dann mit der Barbel ins warme Stübchen.
* * * * *
Beim Kirchenwirt sollen sie vierundzwanzig Stunden später noch beisammengesessen sein und zwar in einer Verfassung, die aller Beschreibung spottet. „Schwabenkäfer friß ich nit!“ soll der Kulmbock auf der Ofenbank liegend gelallt haben und da wären sie ihm auch schon zum Munde hineingekrabbelt.
Am einundfünfzigsten Sonntage.
Unglück im Spiele, Glück in der Liebe. So ähnlich, nicht wahr, lautet es ja. Bei mir stimmt’s.
Obgleich ich die „Kontinentale“ schon lange nicht mehr eigentlich las, fiel mir doch auf, daß sie seit einiger Zeit in vergrößertem Format erschien. „Der Tod streckt sie schon,“ hatte der Lehrer gesagt. Nun also ist es, wie du schreibst, geschehen. Das Blatt eingegangen, der Chef durchgegangen. Somit wäre meine Angelegenheit auf das Gründlichste geordnet.
Um so lebhafter interessiert mich dein Vorschlag, lieber Freund. Du meinst, daß ich meine Sonntagsbriefe aus dem Adamshaus veröffentlichen soll? Daß sie Aufsehen erregen müßten, sagst du. Ist das dein Ernst? Während ich glaubte, ein zugereister, notiger Bauernknecht zu sein, wäre ich Schriftsteller gewesen! So ein bißchen Zola, von dem man erzählt, daß er seine Stoffe persönlich hervorholt aus den Volksschichten, und sie lebt, bis er sie durchdrungen hat. Aber ich bin ihm voraus. Daß er bei seinem „~La terre~“ ein Bauernmädel geheiratet hätte, ist ihm meines Wissens nicht passiert. -- Was ich doch für ein großartiger Kerl bin!
Doch, zum Ernste. Wenn du für meine Sonntagsbriefe wirklich einen Verleger findest und du giebst dir die Mühe, sie für die Öffentlichkeit herzurichten -- ich bin einverstanden. Unheimlich ist mir allerdings der Gedanke, fürderhin unter den zehntausend, größtenteils brotlosen deutschen Federhelden des Kürschnerschen Litteraturkalenders prangen zu sollen. Zehntausend! Ob es heutzutage noch so viele Bauern giebt in deutschen Landen? Je nun, ist’s mit der Unsterblichkeit nichts, so würde ich auch mit einem Nachtwächterposten zufrieden sein. -- Ein armer Familienvater wird’s heißen! -- Es ist doch eigentlich auf das Höchste überraschend, daß ich plötzlich verheiratet bin! --
Schließlich ist’s noch eine Frage, ob ich überhaupt von hier fortgehe. Im Adamshause ist frischer Mut und neues Leben. Die Burschen und ich arbeiten von früh bis abends im Walde. Der Valentin scheint’s an richtiger Stelle zu packen. Er hat zwölf alte Lärchbäume um schweres Geld verkauft. Nun werden sie gefällt und auf Schlitten zu Thale gebracht. Der Rocherl hat sich gefunden und ist heil, aus- und inwendig. Der Franzel weiß vom neuen Schulprovisor Schlimmes zu erzählen, wohl daß er strenge sei und man bei ihm viel mehr lernen müsse, als beim Guido Winter.
Mutter und Tochter walten in Haus und Hof. Hier sind diese Dezemberwochen ein einziges großes Vorbereiten auf Weihnachten. Selbst in den Ställen werden mit langen Besen die Spinnweben von den Wänden gefegt. An den Tieren werden alle Krustlein losgestriegelt, die Klauen und Hörner beschnitten und der Stallboden bekommt frische, waldduftende Streu. Um das Haus ist das Herdholz in zierliche Stöße geschichtet, in den Stuben wird alles Gemöbel gescheuert, alles Mauerwerk weiß getüncht, alles Fenster- und Bilderglas mit feiner Asche geputzt. Von der alten Schwarzwälderin hat die scheuerwütige Hausmutter sogar die Ziffern zu schanden gerieben, so daß die Barbel -- diese gute Stunde selber -- mit Kohle nachmalen mußte. Der Messingzeiger funkelt wie Sonnenschein. An den Abenden hatten sie sonst Herbstschurwolle gesponnen; nun, dem Christfeste nahe, stellten sie das Spinnen ein, „damit das schnurrende Rad das Christkind nit aus dem Schlafe wecke“. Aus denselben Gründen müssen wir alle des Abends auf den Zehenspitzen gehen und überhaupt jedes Geräusch vermeiden.
Soll ich dich nun auch ein wenig in unser Stübchen gucken lassen? Na freilich, du lieber Mensch, so gucke. -- Das Tischlein gedeckt mit einem roten Tuch, darauf steht ein kleiner Krug, in welchem drei Kirschbaumzweige frischen. Sie sind am Barbaratage, ihrem Namenstage, gepflückt worden und sollen in der heiligen Nacht aufblühen. Die zwei hellen Fenster haben schneeweiße Vorhänge, zierlich genäht und mit Buchstaben gestickt von ihrer Hand. Die Betten stehen so nahe aneinander, daß sie mit +einem+ Überzuge zugedeckt werden können. Dieser Überzug ist himmelblau und hat kleine, rote Blümlein. -- In das Kämmerchen ziehen wir uns zurück nach dem Abendbrot, und wenn du horchen wolltest -- aber das darf man ja gar nicht -- so würdest du noch lange ihr fröhliches Lachen hören.
Am Donnerstage hat mir der Valentin Urlaub gegeben, daß ich nach Kailing gehen konnte. Wir haben mancherlei einzukaufen, außerdem steht dort zwischen Obstgärten, gerade am Rechenflusse, ein niedliches Landhaus, das zu vermieten wäre. Ich miete es nicht, ich sehe es nur an, gehe ringsherum und sehe es an und denke: Wenn man dich mieten könnte! Dann gehe ich wieder davon. -- Ich wollte dir etwas anderes erzählen.
Wie ich am Vormittage immer der Rechen entlang gegen Kailing hinabgegangen bin, gerade in der Engschlucht begegnet mir -- was glaubst du, wer? -- Richtig, mit dem ersten Worte hast du ihn. Ganz gemächlich trottet er heran auf dem glatten Schnee, das Beinkleid in die Stiefelröhren gesteckt und über der Achsel eine Ledertasche hängen.
Zum Satan! denke ich mir, jetzt kann’s hübsch werden.
„Was?“ ruft er mir heiter zu, „wie wußtest du denn, daß ich heute komme, Hans?“
„Das wußte ich nicht. Ich will nach Kailing.“
„Dann begleite ich dich zurück,“ sagt der Guido Winter. „Es giebt manches zu plaudern. Jetzt wird geheiratet!“
„So? Wer denn? Wo denn?“
„Noch vor Neujahr, wenn’s geht, führe ich meine Barbel heim.“
„Wird nicht gehen,“ sage ich.
„Und bleibe in Hoisendorf Lehrer, einstweilen. Denn draußen hat sich nichts Passendes gefunden.“
Nun wende ich mich ihm zu, mit meiner ganzen Breitseite, und sage: „Winter! Wenn sich draußen etwas gefunden hätte, so wärest du wahrscheinlich draußen geblieben. Weil sich nichts gefunden hat, so kommst du nach Hoisendorf zurück und willst doch die Barbel heiraten!“
„Die heirate ich auf jeden Fall!“ sagt er.
„Die heiratest du auf keinen Fall!“ sage ich.
„Teufel!“ sagt er und tritt einen Schritt zurück.
„Ja, mein Lieber, die Barbel hast du verpaßt. Die ist schon verheiratet.“
Er tritt einen zweiten Schritt zurück, kreuzt die Arme über die Brust, mit weit aufgerissenen Augen schaut er mich an und fragt: „Die ist schon verheiratet. Wie so? Das verstehe ich nicht.“
„Und ich kann dir’s deutlicher nicht sagen. Am vorigen Sonntage hat die Trauung stattgefunden.“
„Aber im Ernste? Aber wirklich? -- O du vertracktes Mädel!“ ruft er hell, fast lustig aus. „Und wen denn?“
„Mich.“
„Wen sie genommen hat, frage ich.“
„Mich.“
„Na, hörst du, Hans, das sind mir abgeschmackte Späße. Ich dachte wirklich schon.“
Er betrug sich ganz anders, als ich mir vorgestellt hatte. Auf meine neuerliche Versicherung, daß wir während seiner Abwesenheit geheiratet haben, begann er endlich doch etwas bestürzt zu werden. „Das hätte ich nicht für möglich gehalten,“ sagte er.
„Du hast es selbst möglich gemacht, mein lieber Winter.“
Er bohrte seinen Stock in den Schnee ein und murmelte: „So so -- so so. Nun, mir kann’s recht sein. Habe es ja geahnt, daß sie mich nicht liebt, vielleicht nie geliebt hat. Sie war klug -- hat abgerissen. Auch gut. -- Auch gut. -- Was mich aber wundert,“ und jetzt wurde sein Gesichtsausdruck ungut, „was mich wundert, das ist mein treuer Freund Hans Trautendorffer, der sich erst so viele Mühe gab, seine Geliebte einem andern anzuheiraten. Erst als er sie anderweitig nicht an Mann brachte, nahm er sie selber. Sehr vornehm das, Herr Trautendorffer. Empfehle mich Ihrer ferneren Freundschaft!“
Damit ging er mit stolzen Schritten davon, der Schlucht entlang.
Donnerwetter, das war ein Abgang! Ich bin zerschmettert. -- Aber ich gönne ihm den Effekt, mein Vorteil ist mir lieber. Und glücklich bin ich, daß es so abgelaufen; mir war -- um offen zu sein -- vor diesem Momente ein wenig bange gewesen.
Wie wenn er sie doch gern gehabt hätte? Dann wollte ich nicht gerne Hans Trautendorffer sein! Daß die Liebe mangelte, hat uns gerechtfertigt, sie, mich und -- ihn. Was ich ihretwegen allein mit mir auszumachen gehabt habe, monatelang -- das ist vorbei.
Der Barbel habe ich von dem Zusammentreffen in der Rechenschlucht einstweilen nichts gesagt. Der Franzel hat heute aus Hoisendorf die Nachricht heimgebracht, daß der provisorische Lehrer wahrscheinlich hier angestellt werden wird. Der Winter habe mit einem Wagen des Kirchenwirtes seinen großen Koffer fortführen lassen.
Und jetzt thut er mir leid.
+Adamshaus+, am zweiundfünfzigsten Sonntage.