Erdsegen: Vertrauliche Sonntagsbriefe eines Bauernknechtes.

Part 24

Chapter 243,581 wordsPublic domain

Lieber Alfred, ich will schweigen, wenn wieder einmal die Frage ist, was vorzuziehen wäre, die altbäuerliche Bedürfnislosigkeit oder die moderne Kultur. Ich will schweigend zugestehen, daß die Naturprodukte erst durch die Kultur, so durch die Industrie geheiligt und zu jener Läuterung gebracht werden, die des Menschen wert ist. Ich will einverstanden sein mit den zu erbauenden Brücken zwischen Land- und Stadtleben. Ich will selbst dem Handel gelegentlich ein Loblied singen und sagen, daß der Bauernhof ein kleiner Staat, und der Staat ein großer Bauernhof ist. Daß hier wie dort produziert und konsumiert wird, daß hier wie dort der Verkehr die Werte steigert. Was für den Staat der Eisenbahnwagen, das ist für den Hof der Bauernkarren. Der fährt vom Feld zur Tenne, von dieser zur Mühle, von dieser zum Backofen, und auf jeder Station gewinnt das Feldprodukt an Wert. Eine Civilisation im kleinen, aber berufen, groß zu werden. Ich bin mir bewußt geworden, daß es nur darauf ankommt, das Bauerntum der allgemeinen Entwickelung vernünftig anzugliedern. Ist dieses geschehen, dann wird ein Stadtmensch nicht erst um zwanzigtausend Kronen ein Jahr lang Landmann sein, dann thut er’s umsonst, oder zahlt noch etwas drauf, weil die Kultur mitten in der Natur draußen erst den ganzen Daseinsgenuß ermöglicht. Und wenn es gelingt, altväterische Tüchtigkeit und Treue mit jungweltlicher Genußfähigkeit und Vorurteilslosigkeit zu vereinigen, dann beginnt ein erträglicheres Zeitalter.

Und der Mann, der dieses bessere Zeitalter verbuchen wird von Tag zu Tag, verbuchen und weise beraten zugleich -- das wird der herzstarke Journalist sein, der diesen Beruf zu seiner ganzen idealen Größe erhebt -- bis er einst die Geschichts- und Lehrkanzel der Menschheit ist.

Deine gelegentliche Bemerkung, daß ich trotz meiner Flucht vor den Journalisten doch ein solcher geblieben sei, der gleichsam ein Wochenblatt aus dem Bauernhause schreibe, hat mich angemutet. Du hast sicherlich recht, wer bei allerlei Bekümmerungen und körperlichen Anstrengungen das Berichteschreiben nicht sein lassen kann, der ist einer und bleibt einer! Und warum nicht? Jeder Beruf wäre richtig, wenn der richtige Mann dazu kömme. Der richtige Mann adelt sogar das Henkeramt. Der alte Scharfrichter Möllendorfer, eine zart und mild angelegte Natur, gütig und wohlwollend gegen jedermann, war der beste Henker seinerzeit. Der hat einmal den Ausspruch gethan: „Das Hinrichten von Mitmenschen ist die schwerste unter allen Notwendigkeiten eines Staates. Ich habe sie übernommen, weil auch wer dazu sein muß und weil andere vielleicht roher mit den Unglücklichen verfahren würden, als ich es thun will.“ So kann selbst aus dem Henker ein Held werden. In gewissem Sinne muß auch der Journalist manchmal ein notwendiges Henkeramt besorgen, doch seine Hauptsache wird nicht das Zerstören, sondern das Bauen sein. -- Jenes begeisterte Buch möchte ich lesen, das schon nach hundert Jahren ein erleuchteter Mann über die Kulturmission des Journalismus schreiben wird. Vielleicht schließt dieses Buch zusammenfassend mit folgendem Satze: Sobald der Journalismus sich in die bodenlosen Bereiche der Theorien, Prinzipien und Phantastereien verlor, wurde er schwankend, verfiel der Charakterlosigkeit und Charlatanerie; sobald er schlicht und redlich auf seines Volkes Erdscholle stand, wurde er zu einem Faktor der Sittlichkeit und des Wohlstandes.

Da mein leidender Fuß einstweilen nicht auf der Erdscholle stehen kann, so läuft dieweilen fleißig der Kopf herum und trägt alle möglichen Güter zusammen, um das Herz eines siebenunddreißigjährigen Junggesellen zu erfreuen. Wenn man es sich so nach Wunsch einrichten könnte! Auf einem Punkt in schöner Gebirgslandschaft, der gute Verbindung hätte mit der größeren Stadt, ein stattliches Landgut. Ein frisches Weib dazu, das die Wirtschaft leitet. Auch selbst tüchtig mitthun auf Feld und Weide, in Wald und Garten und an Sonntagen sich der schönen Künste begeben und ein wenig schriftstellern -- Freund, dann wär’s eine Lust zu leben!

Während des Neubaues solcher Luftschlösser heilt der Fuß und dann möchte er tanzen. Was ist’s denn mit der Hochzeit? Woche um Woche verstreicht und man hört nichts. Meister Setznagel hat wohl auch den äußeren Menschen schon fertig. Wo steckt nur der inwendige?

Diese Frage wurde gestern gelöst durch ein Brieflein, das der Franzel mir vom Lehrer heimgebracht. Da das Schriftstück nicht lang, aber recht lehrreich ist, so teile ich dir es wörtlich mit. Der Lehrer schreibt:

„Lieber Hans!

Nach den bekannten Ereignissen der letzten Zeit ist mein längeres Verbleiben in Hoisendorf ausgeschlossen. Ich habe nicht Lust, die Dauer meines Lebens von den Launen eines Rappelkopfes abhängig zu machen, der seine brüderliche, beziehungsweise schwägerliche Gesinnung durch Pulver und Blei dokumentieren zu müssen glaubt. Nachdem ich einen vorläufigen Substituten gefunden, verreise ich morgen, um mir anderwärts den Boden einer Existenz zu suchen. Mit Hilfe eines oder des andern Jugendfreundes dürfte mir das doch gelingen. Daß die Trauung mit Barbel bis über Neujahr hinaus verschoben werden muß, versteht sich demnach von selbst. Es wird mein notgedrungenes, pflichtmäßiges Bestreben sein, ihr ein besseres Heim zu schaffen, als es im Schulhause zu Hoisendorf möglich gewesen wäre. Gleichzeitig teile ich meiner Braut mit, daß ich mich baldmöglichst zur Erfüllung meines Ehrenwortes einfinden werde.

Einstweilen mit bestem Wunsch für baldige Heilung deines kranken Fußes und vielen freundschaftlichen Grüßen

Dein alter

Guido Winter.

Hoisendorf, am 20. November 1897.“

Nun also, das schreibt der Lehrer.

Ich war über alle Maßen gespannt auf das Gesicht der Barbel, wenn sie mir das nächste Essen bringen würde. Es kam am selben Abende aber die Hausmutter. Auf der Zunge brannte mir die Frage, ob das Mädel nicht etwa unpaß sei. Und konnte sie nicht aussprechen. Am nächsten Sonntage kam sie doch wieder, brachte Roggenklöße mit Kraut. Hatte ein heiteres Gesicht, lachte wie ein helles Glöcklein, kümmerte sich noch um meinen Fuß, fragte, ob ich nicht bald in die Hausstube hineinkommen könne, wo es kurzweiliger sei, und eilte wieder davon.

Drinnen in der warmen Hausstube, wo der weiße Wintertag still zu den Fenstern hereinschaut, wo die Barbel Linnen näht und dabei Liedlein singt, ernsthafte und schalkhafte. Kurzweiliger, meint sie. O ahnungsvoller Engel du!

Am achtundvierzigsten Sonntage.

Recht gern teile ich dir „das Laufende der bewußten Angelegenheit“ mit. Die letzte Botschaft meines Rechtsanwalts ist eine kleine Schilderung des Besuches, den er bei Doktor Stein gemacht, in der Absicht, um dem Manne auf diplomatische Weise hinter die Gesinnung zu kommen. Es soll aber nichts zu erfahren gewesen sein. So oft das Gespräch wie zufällig auf mich gelenkt worden war, schwenkte der Chef ab. Das Wesentlichste war, daß er mich achselzuckend einen Sonderling nannte und dann mit den Fingern auf dem Tisch zu trommeln begann, welches Trommeln die Besucher stets als Reisemarsch aufzufassen haben. Mein begriffsstütziger Rechtsanwalt ging aber nicht, sondern fragte nun geradehin, wann Herr Doktor Stein von Stein dem Sonderling die Wette wett zu machen gedenke? Der Kontrahent würde sich danach richten wollen und müssen.

„Ach ja, die Wette!“ antwortete der Chef, „damit hat’s noch gute Weile.“ Dann höflich, aber bestimmt: „Nicht wahr, liebster Doktor, Sie entschuldigen mich für diesen Augenblick, es drängt die neueste Post. Ach, ein Zeitungsklave!“

Hierauf mein Anwalt: „Leider kann ich mich mit dem Bescheid, als habe die Sache keine Eile, nicht zufrieden geben. Ich bin -- um ganz offen zu sein -- beauftragt, hierüber Klarheit einzuholen.“

„Wieso?“ darauf jener, „ich denke, man müßte wohl erst das Jahr zu Ende gehen lassen, erstens um zu sehen, ob der Herr Trautendorffer die Wette überhaupt gewinnt, und zweitens um abzuwarten, ob in diesem Falle von meiner Seite Schwierigkeiten gemacht werden, oder nicht. So viel mir bekannt ist, haben Sie ja schon mit meinem Herrn Lobensteiner in der Angelegenheit eine Unterredung gehabt, um sich seiner Zeugenschaft zu versichern. Was -- wenn ich bitten darf -- berechtigt Sie denn eigentlich zum Mißtrauen gegen mich, wenn Sie Ihres Rechtspunktes sicher zu sein glauben?“

„Meinem Klienten sind einige Äußerungen zu Ohren gekommen, die ihn beunruhigen.“

„Vielleicht mit Recht!“ sagte Doktor Stein. „Sie erinnern sich, daß Lobensteiner, Ihr Kronzeuge, Ihnen den Wortlaut der Wette mitgeteilt hat? Gut. Der Spaß hat, so weit ich mich entsinne, daraufhin gelautet, der Kontrahent habe ein volles Jahr als Bauernknecht zu dienen, also vom ersten Januar bis zum letzten Dezember dieses laufenden Jahres. Ich besitze Briefe, in welchen Trautendorffer selbst ausführlich erzählt, daß fast der ganze Monat Januar verstrich, bevor er einen Dienst gefunden. Gesetzt den Fall, die Wette wäre ernst gemeint gewesen, so wurde die Bedingung gleich anfangs so himmelweit verfehlt, daß ich nicht begreife, wie von einer Verpflichtung meinerseits auch nur die Rede sein kann. Es wird mir übrigens sehr angenehm sein, wenn Sie den Fall einer gerichtlichen Entscheidung anheimstellen wollen.“

So, mein Freund und Philosoph, stehen wir jetzt mit unseren zwanzigtausend Kronen. Du warst sehr unvorsichtig mit deinem Darlehen. Und ich war sehr unvorsichtig mit meiner Hoffnung, mit diesen Krongütern Bauerhöfe zu retten, Schullehrerfamilien zu fördern und weiß Gott was alles. Zwar schreibt mir mein Vertreter, daß er durchaus nicht willens sei, den Fuchs laufen zu lassen. Bis der Betrag fällig und nicht ausgefolgt sein wird, das ist am ersten Januar 1898, wird die gerichtliche Klage anhängig gemacht. Dann wird sich der Prozeß so seine verschiedenen Jährchen hinschlängeln und ich werde -- ein großartiger Michael Kohlhaas. Nach solchem Ruhme geize ich aber nicht. Zum Satan! Mir geht das Wasser jetzt schon an den Hals, oder was das Gegenteil und dasselbe ist, ich sitze im Trockenen. Meine Sachen sind verplempert und den besten Freund muß ich auf das Nachdrücklichste warnen, mir je noch einen Heller zu borgen. Bedenke doch einmal diesen Leichtsinn! Die journalistische Karriere hat er fahren lassen, ist einer Grille wegen Bauernlümmel geworden ohne Hof und Grund und will als solcher demnächst heiraten.

Denn, mein Alfred, nun sammle dich zur Andacht für das, was kommt.

Heute, am Vormittag, während unsere Leute in der Kirche sind, meine ich, daß man’s wagen könnte mit dem Fuß, über den Hof zu gehen und in die Hausstube, um der Barbel, die allein daheimbleiben mußte, Gesellschaft zu leisten. Es geht leidlich. Sie ist, wie immer, mit etwas beschäftigt. Vor ein paar Tagen hatte die Hausmutter ein Schaf geschlachtet. So ist das Mädel daran, in der Feuerpfanne das Schafsfett zu „zerlassen“ und dasselbe in Kerzenmodeln zu gießen, durch welche die Dochte schon gespannt sind. Die also gefüllten Blechcylinder hängt sie vors Fenster hinaus, wo das Zeug nach wenigen Minuten gestockt ist, daß es dann als glatte milchweiße Kerzen aus den Modeln hervorgezogen werden kann. Das macht sie so handlich und reinlich, als ob es ihr Fach wäre. Diese Leute können doch alles, was sie anfassen. Ein rechtes Bauernhaus ist wahrlich die Wiege aller Urproduktion und Industrie, ein echter Bauer der ganze Mensch.

Als sie mich mit dem Stocke -- ein Dreschflegelstab war es -- daherhinken sieht, lacht sie und sagt, ich liefe ja schon wieder wie ein Wiesel.

„Oder wie eine Schnecke, wolltest du sagen, wenn ich ein Häusel hätte.“

„Das wäre schon gar lustig,“ sagt sie, „wenn der Mensch sein Häusel so auf dem Buckel müßt herumtragen.“

„Barbel, das wäre gar nicht lustig. Denke dir, wenn nur eins Platz hätte im Häusel, nur eins allein!“

Darauf hat sie nichts geantwortet, beide sind wir still gewesen. Ich habe ihr bei der Arbeit zugeschaut und weil endlich doch wieder was gesagt werden muß, so frage ich, ob das schon die Hochzeitskerzen thäten sein?

Ob man denn bei einer Hochzeit Kerzen brauche?

„Ja freilich, auf dem Tanzboden.“

Und nichts weiter. Sie ist fertig, räumt die Sachen weg und geht in ihr Stübel. Ich sitze allein und denke nach, wie man denn eigentlich das anfängt, was ich im Sinne habe.

Weil sie nicht wieder kommt, so will ich ins Freie, und unterwegs sehe ich durchs Fenster, wie sie in ihrer Kammer am Tischlein kniet und betet. Die Sonntagsandacht hält sie, die von denen, so nicht in die Kirche gehen, sonst immer gemeinsam abgehalten wird. -- Warum läßt sie mich nicht mithalten? Was hat sie gegen mich? -- -- Da ist mir auf einmal weh geworden! Weh und fremd....

Dann habe ich mich ausgescholten. Wie fromm doch dieser Hans Trautendorffer geworden ist! Sich zu kränken, wenn man zum Psalter nicht eingeladen wird! -- Neuerdings in die Stube bin ich gegangen, an den Herd hin, wo der große Schnitzger ist und der Scheiterstoß. Und habe wegen einer Zerstreuung angefangen, Leuchtspäne zu klieben. Später kommt sie wieder, trifft Vorbereitungen zum Mittagmahlkochen und sagt: „Späne machen thust, Hansel?“

„Freilich!“ sage ich, „muß man halt mit der Arbeit den Sonntag heiligen, wenn das Beten nicht angenommen wird.“

„Das Nichtsthun steht einem freilich auch am Sonntag nicht an,“ sagt sie, „deswegen hab’ ich ja auch Kerzen gemacht.“

„Du Kerzen, ich Leuchtspäne! Da wird jemandem doch einmal ein Licht aufgehen.“

Sie legt Brennholz über die Herdgrube und sagt so nebenhin, zum Lichtaufgehen, dazu würden keine Kerzen und keine Späne vonnöten sein.

Länger ist es nicht mehr auszuhalten.

„Wetter noch einmal, Barbel, wie steht’s denn mit euch? Wir werden uns ja die Hochzeitsbuschen bestellen müssen.“

Habe schon gemeint, darauf käme keine Antwort, da sagt sie: „Damit wird’s noch keine Eil’ haben, mein lieber Hans.“

„Man hört gar, daß es neuerdings verschoben ist.“

„Kann schon sein,“ sagt sie.

„Auf wie lange wohl wieder?“

Sie gelassen: „Das kunnt ich wohl nit sagen.“

Jetzt haue ich den Schnitzger ins Scheit, daß der Span fliegt.

„Ist man das Warten gewohnt, so fragt man auch nit viel,“ setzt sie bei. „Es muß überhaupt nit sein.“

Nachher Schweigen auf beiden Seiten. Ich steh’ vom Block auf, gehe in der Stube hin und her und da zucken ein paarmal unsere Augen aneinander.

„Hol’ doch der Kuckuck diese verdammte Leimsiederei!“ So bricht’s plötzlich aus mir los. „Von einem Monat auf den andern. Und jetzt ist er gar davongelaufen.“

„Er wird auswärts zu thun haben.“

„Es scheint, daß er auch mit seinem Beruf eine Änderung machen will.“

„Da wird er schon recht haben.“

„Wenn er für den Ehestand nicht besser geeignet ist, als für den Lehrstand?“ schlage ich an.

Sie sagt nichts.

„Der Mensch soll doch wissen, was er will,“ rufe ich aus.

Sie bläst in den Herdkohlen die Glut an, und wie ihr zartes Gesichtel so im Wiederschein glüht, sagt sie: „Ich denk, es wird ihm nit mehr ernst sein.“

„Barbel, es werden dir die Funken ins Aug’ springen, wenn du so scharf drein blasest!“

Sie legt Zündspäne dran und sagt: „Er redet alleweil nur von der Pflicht. Wenn es sonst nichts mehr ist, ein Ehrenwort kann man zurückgeben.“

Jetzt stelle ich meine Wanderung ein und bleibe vor ihr stehen. Knapp vor ihr.

„Barbel! Wenn es euch nicht heilig ernst ist, dann lasset es sein. Im Heiraten hat man die Wahl, in der Liebe hat man keine.“

Sie bricht heftig Späne entzwei, aber das Zittern ihres Leibes habe ich doch bemerkt.

„Das, was du jetzt gesagt hast, Hans --.“ Sie stockt.

„Daß man in der Liebe keine Wahl hat --?“

„Ich kenne eine, die’s erfahren hat.“

„Und ich auch einen solchen!“ Darauf mein Einsatz. Und denke für mich, der, den ich meine, der hat in jungen Tagen mit der Liebe gespielt, mit der Liebe geprahlt. Aber kennen gelernt hat er sie erst spät, als das Leid dazugekommen ist und das Erbarmen. Und schreie es plötzlich heraus: „Ein Mitleid habe ich mit dir, du herzgutes Mädel, alles möchte ich für dich thun. Wenn das die Liebe ist, Barbel -- -- und du kannst mich nicht gern haben -- -- dann ist es aus mit mir....“

So ähnlich muß ich gesprochen haben, so zittert es noch in mir nach.

Und sie? Sie hat sich nicht gewehrt, hat ihr Haupt zurückgelegt auf meinen Arm und ich habe ihr Küsse gegeben auf die Stirn, auf die Augen, auf den Mund, und haben uns aneinander gesogen mit den Lippen, als hätten wir uns gegenseitig austrinken mögen.

Und als das vorbei gewesen, hat sie mir mit feuchtem Blick ernst und offen in die Augen geschaut und hat langsam, wie traumhaft, gesagt: „Endlich, endlich. -- Endlich ist die Stund’ gekommen....“

-- So hat es sich ereignet, Freund Alfred, und jetzt ist sie mein.

Am neunundvierzigsten Sonntage.

Noch kaum selber habe ich mich gefunden seit dem freudigen Schreck. Dieses urplötzliche Auflodern des seit langem unter der Asche glosenden Feuers!

Wer ich denn eigentlich bin -- sie hat mich gar nicht gefragt. Aber ein Geständnis ist ihr bald entschlüpft: „Daß du ein geborener Bauer +nit+ bist, hab’ ich am ersten Tag gemerkt. Daß du ein guter Mensch bist, hab’ ich auch gleich gesehen, und hab’ gemeint zu vergehen die ganze Zeit, weil ich den anderen nit mehr hab’ so gern haben können, wie dich.“

„Und deswegen bist du immer so betrübt gewesen und hast gar nimmer lachen wollen?“

„Deswegen nit allein. Du weißt es ja, mein Hans.“

Und sie hat nicht gefragt, was ich ihr werde bieten können, was ihr Schicksal werde sein an meiner Seite. Dieser himmlische Leichtsinn! --

Aber nachher die Hausmutter, die hat uns bald nüchtern gemacht. Erschrocken war sie nicht, als ich ihr noch am selben Abend unsere Verlobung mitgeteilt hatte.

„Diese Barbel, das ist ein Band!“ sagte sie nur. „Weil der eine davon ist, packt sie den andern her. Meiner Tag hätt’ ich mir das nit lassen träumen, von dem Mädel. Jetzt, wo sie schon einen haben muß, so ist’s eh gescheiter, sie nimmt einen Bauersmenschen, als wie den herrischen Schulmeister da.“

Einen Bauersmenschen, sagt sie! Das Rainhäusel da hinten beim Schachen sollten wir uns herrichten und nachher fleißig arbeiten helfen im Hofe. Das ist ihre Anordnung und das ganze Programm meiner Zukunft. Also ist die Falle zugeschnappt, steineisenfest, und der Hansel sitzt drinnen.

Am Dienstagabend war großer Familienrat. Beim Tische, auf dem Platze, wo der Adam gestorben war, kam ich zu sitzen, da ist es mir ganz kalt über den Rücken gelaufen. An seine Stelle bin ich gesetzt. Habe mit meinen Vorschlägen auch nicht lange gesäumt. Wahre Sinaigebote, zähle nach, ob ihrer auch zehn sind.

Der Valentin, wenn er glücklich heimkehrt vom Militär, wird nicht hinausgehen in das Radmeisterwerk, auch nicht in die Grabacher Papierfabrik, die jetzt viele Arbeiter beschäftigt, er wird daheim bleiben und als der Ältere die Wirtschaft übernehmen. Der Rocherl wird nicht Almhalter in der Wendau, wie er schon hatte anklingen lassen, er bleibt auch daheim und wird Großknecht, als der ich mit Ende des Jahres mein Amt niederlege. Jetzt kann er ja wieder zugreifen mit beiden Händen und die gleichmäßige Arbeit wird das Irrlichtern seiner unruhigen Seele schon dämpfen. Der Franzel bleibt nicht daheim. Der geht für drei Jahre auf die Landwirtschaftsschule nach Grotting, dann kommt er auch zurück. Diese drei Brüder werden zusammenhalten wie die Scheiter an einem ungespaltenen Lärchblock. Der Kornbau wird aufgegeben. Nur Gemüse, Kartoffeln, Kohl, Karfiol, Rüben und Salat. Die Felder werden zu Weiden und Wiesen gemacht; eine Jungviehzucht wird gegründet, mit dreißig bis vierzig Stück Rindern. Schafe und Ziegen werden abgeschafft. Hingegen etliche Schweine für Speck und ein gutes Stück Rauchfleisch übers Jahr. Milch- und Käsewirtschaft gemeinsam mit den Nachbarn, die für eine Genossenschaft gewonnen und unterwiesen werden müssen. Jungwald pflegen, besonders Lärchen, so viel nur immer wachsen wollen. Der Wald zahlt wenig Steuer, braucht wenig Arbeit und bringt bei vernünftiger Kultur ein gutes Stück Geld jedes Jahr. -- „Sapperlot, wer schon einmal eingespannt ist, der muß auch anziehen!“ sage ich beeifernd zu meinen Leuten. Sie gucken mich unsicher an, ob’s wohl auch alles mein Ernst wäre? -- Mir ist selber nicht ganz sicher. Das Ding hat stellenweise verzweifelte Ähnlichkeit mit meiner voreinstigen volkswirtschaftlichen Rubrik in der „Kontinentalen“.

„Mein Gott!“ seufzt die Hausmutter auf, „wenn man halt wüßt’, was der Adam dazu sagen thät’!“

Der Rocherl meint: „Wenn’s einmal im Gang wär’, kunnt’s schon schön sein. Aber anfangen! Wie denn anfangen?“

„Habe ich das Wichtigste schon gesagt?“ fahre ich zu reden fort. „Das Wichtigste hätte ich noch nicht gesagt? Doch ein zerstreuter Pinsel, der ich bin. Unsere gute Hausmutter wird sich auch einmal ausrasten wollen. Da muß halt der Jungbesitzer gelegentlich ein braves Weib heimbringen, das anfangen hilft.“

„Ja, Hansel!“ ruft der Rocherl auf einmal aus und legt die Hand auf meine Achsel, „was ist’s denn mit +dir+? Mit dir und der Barbel, möcht’ ich wissen!“

„Mit uns? Mit der Barbel und mir? Was wird’s denn sein! Das Rainhäusel werden wir uns sauber herrichten lassen für den Sommer und Herbst. Im Frühjahr und Winter werden wir draußen in Kailing wohnen. Dort ist’s auch schön. Oder gar in einer Stadt, wenn’s uns freut.“

Darauf die Hausmutter: „Ja, Hansel, bist denn du nit gescheit?“

„Ihr wisset es wohl doch schon lang, daß ich ein verwunschener Stadtherr bin. Ein reicher Mann hat mich heraufgeschickt ins Almgai und mir viel Geld versprochen, wenn ich Euch ein ganzes Jahr lang arbeiten helfe wie ein Knecht.“

„Das ist erstunken!“ erklärt die Hausmutter.

„Daß der reiche Mann mir für das Bauernjahr viel Geld versprochen hat, ist wohl wahr. Ob er’s aber auch hergiebt? Das mag schon erstunken sein. Und wenn’s ist, auch gut, dann weiß ich mir mit der Feder was zu machen.“

„Mit der Feder? Solltest du gar ein gelernter Uhrmacher sein?“

„Mit der Schreibfeder. Es wird’s schon thun, gelt, Barbel!“

Die Hausmutter thut, als ob sie plötzlich vom Himmel gefallen wäre. Sie schlägt sprachlos die Hände zusammen. Und als sie soweit die Sprache wieder erlangt, will sie es noch einmal hören. -- „Mit der Schreibfeder?! Mit der Schreibfeder, sagt er?! Leut’, ich weiß nit, bin ich ein Narr, oder ist es der! Ein Stubenschreiber! Warum nit gar ein Zeitungschreiber! Ja, wenn’s ein Solcher thut sein! Ein Solcher? Nein, nachher g’reut’s mich, da darf’s nit sein! Da darf’s heilig nit sein! +Das+ wären Geschichten! +Nein+, sage ich!“

Nun hat ein starkes Streiten angefangen, die Mutter wird immer noch zorniger. Die Kinder verteidigen mich und stellen ihr vor, wie brav und rechtschaffen der Hansel gewesen wäre, das ganze Jahr.

„So!“ fährt sie auf, „brav und rechtschaffen! Die ledige Falschheit ist er gewesen. Wenn er sich für einen Knecht ausgiebt und ist keiner. Das ist doch die ledige Falschheit. -- Daß du’s weißt, Hansel, jetzt ist dein Jahr aus. Pack’ z’samm’ und geh!“