Erdsegen: Vertrauliche Sonntagsbriefe eines Bauernknechtes.
Part 23
In tragische Schuld! Diese ist auf Seite der edlen Gattung. Du hast es ja immer gesagt und ich kann dir heute ein Beispiel dazu geben aus meinem Adamshause.
Am Allerseelentage hatten die Hausmutter und die Barbel auf dem Grabe des Vaters eine Kerze angezündet, eine Flasche geweihten Wassers auf den Hügel gegossen und still einige Vaterunser gebetet. Die Barbel versank dabei knieend in ein so tiefes Träumen, daß sie gar nicht wahrnahm, wie die Mutter aufstand und langsam des Weges vorausging. Endlich hat sie angefangen zu weinen.
Ich sah es durch die Hecken und als mir an der Ecke der Lehrer begegnete, da war meine Zurede, er solle doch auf den Kirchhof gehen und nachsehen, ob dort nicht etwa ein betrübtes Menschenkind tröstlichen Zuspruchs bedürfe.
„Das kann ich auch thun,“ sagt er.
Dann geht er hin, steht eine Weile neben ihr und weiß nicht recht, wie er anfangen soll.
„Barbel,“ sagt er endlich. „Was kränkest du dich so! Das hilft nichts. Steh nur auf, es ist nicht gesund so zu hocken auf dem feuchten Rasen.“
Sie erhob sich und ging an seiner Seite hin.
„Ich will dir gleich was sagen,“ sprach er, wohl um sie zu zerstreuen. „Was denkst du zu einer Kuh?“
„Einer Kuh? Aber das wird ja noch Zeit haben,“ sagt sie.
„Wenn wir ja doch vielleicht ernst machen wollen in diesem Monat? Eine Milchkuh habe ich gekauft.“
Da wurde sie bewegsam und lachte auf einmal, daß er einen Viehstand hätte. Und es war thatsächlich so viel als abgemacht mit der Kuh. Zu günstigen Abzahlungsbedingungen hatte er sie bekommen drüben in der Wendau. Und dann haben sie das Ereignis eingehender besprochen. Das Rind ist in den besten Jahren, hat vor kurzem das erste Kalb geworfen und soll massenhaft Milch geben. Drei Liter den Tag! Stall und Futter für sie habe er einstweilen im Nansenhof. Er wolle sie noch an diesem Tage heimholen von der Wendau herüber. Er habe eben den Strick gekauft beim Krämer. Ob sie scheckig wäre? -- Ja selbstverständlich, braun und weiß gefleckt. -- Wie sie heißen werde? -- Scheckin natürlich.
„Guido, Guido!“ rief sie aus. „Jetzt haben wir eine Kuh!“
„Wenn sie nur auch schon bezahlt wäre!“ meinte er nachdenklich.
Denn bei dem ist alles so gesondert. Einmal ganz Ehre, dann ganz Liebe, dann ganz Geld. Scheint es also doch, daß das Heiraten zwischen dem Paare endlich Hand und Fuß, oder vielmehr Haus und Kuh bekommt, daß es nicht mehr ein Liebespaar aus dem Romanbüchel ist, sondern ein erdgründiges.
„Vielleicht,“ vertraute mir hernach Guido an, „verlege ich mich ganz auf die Landwirtschaft. Und gebe die Schulmeisterei auf. Offen gesagt, ich habe keine Vorliebe dafür. Und auch nie gehabt. Was ein rechter Lehrer haben soll, mir ist es nicht gegeben. Daß ich’s geworden bin, es war nur ein Notnagel. Ich habe schon gedacht, ob man nicht von der Sparkasse Geld bekommen und eine Musterwirtschaft anfangen könnte!“
Na nu! Das läßt sich hören! Ein Bauerngut! Einstweilen ist allerdings noch nichts davon da, als die Kuh, und diese ist noch nicht bezahlt. Aber wenn er Lust und Zeug dazu hat, den Almgaiern zu zeigen, wie so eine Wirtschaft nach modernen Grundsätzen rationell betrieben werden muß! Das meine dazu soll nicht fehlen. -- Lustig ist mir gerade nicht zu Mute.
Als wir nachher von der Kirche nach Hause kamen, war die Nähterin da. Die hat einen sehr weitläufigen Kittel an, sogar an die Krinoline aufgeblasenen Andenkens erinnernd, und sie will der Barbel auch dergleichen machen zum Hochzeitsgewande. Das weiße Kleid mit dem grünen Kranz ist verspielt, so will die Muhme Rosalia den vergißmeinnichtblauen Brautrock zum Ersatz ausstatten mit schönen Kresen und Krausen, Bändlein und Maschen und zierlichen Knöpflein an allerhand Stellen, so vornehm und geschmackig, wie es sich für eine Frau Schulmeisterin nur irgend geziemt. Die Barbel aber will es bäuerlich haben. „Viel Hoffart wird’s mir nit tragen,“ meint sie, „ich brauch’ ein Gewand, das auch zum Kuhmelken taugt.“
„Wie du halt willst,“ sagte die Nähterin gefällig. „Aber ich hätt’ doch gemeint, was Besseres. Kosten thut die hübsche Form nit mehr, als die ordinäre. Und hättest nachher was Schönes. Wenn sich der Mensch nit beim Heiraten was Ordentliches anschafft, später kommt er eh nimmer dazu. Sein Lebtag nimmer. Und muß man sich denken, in der ersten Zeit laßt der Mann noch was aus, später hat sein Geldbeutel sieben Schlösser an. Ich sag’s!“
„Dank dir schön, Rosalia,“ antwortete das Mädel, „ich bleib’ schon bei meinem alten Tragen.“
Am Abende, als Nacht und Nebel niedergesunken waren über das Gebirge, saßen wir bei einem Kerzenlicht ganz zutraulich beisammen am Tisch, um die Muhme Rosalia herum, die ihre Stoffe großartig auseinander gebreitet hatte. Der Franzel las, wie oft an langen Abenden, etwas aus der alten Hausbibel vor. Er las Moses I, Kapitel 4:
„Und Heva gebar dem Adam zwei Söhne, den Abel und den Kain. Und Abel ward Hirte und Kain ward Landbauer. Da opferten sie dem Herrn, und das Opfer des Abel war Jehova angenehm, das Opfer des Kain aber verwarf er. Und als sie auf dem Felde waren, da geschah es, daß Kain den Abel erschlug....“
„Pfui!“ rief die Nähterin aus. „Das ist ein garstiger Bruder, dieser Kain! Weißt du denn nichts Lustigeres zu lesen, Bübel?“
„Es kommt ja schon die Suppe,“ sagte die Hausmutter und brachte, stets mit beiden Händen tragend, die große Schüssel mit gekochter Milch auf den Tisch.
„Das heißt wohl, daß ich jetzt abfahren soll mit meinen schönen Sachen,“ sagte die Nähterin noch launig und räumte den Tisch. Da knarrte die Hausthür und durch Dunkelheit und Rauch sprang ungebärdig ein Mann herein.
„Jesus!“ schrieen Mutter und Tochter zugleich. „Jesus, der Rocherl!“
Und er war’s. Wüst im Anzuge, wüst in Haar und Gesicht, ganz verstört über und über -- die linke Hand ans Brusthemd geklammert, der rechte Arm außerhalb der Binde niederhängend -- so war er in die Stube gefahren. Dann schrak er zurück vor Mutter und Schwester, kauerte sich in den Herdwinkel nieder, so tief, daß man ihn gar nicht sah, daß man nur sein Gröhlen und Stöhnen hörte.
„Heiliger Gott, Bruder, was ist das?“ rief ihm das Mädel zu, „dir ist ja die Hand aus der Binde!“
Er winkte heftig, sie solle ihm fernbleiben, barg sein Gesicht in den Ellbogen und ächzte so wild, daß es uns allen durch Mark und Bein ging. Wir stellten uns um ihn, wir bestürmten ihn mit Fragen, woher er komme, was das bedeute? Die Barbel kam weinend mit Wasser, um ihn zu erquicken. Da sprang er auf, stieß sie zurück, daß ihr der Krug aus der Hand fiel und auf dem Fletze zerbarst.
„Will dich nit sehen, du Unglück, du!“ kreischte er auf. „Du bist mein Unglück! Mein Unglück! Mein Unglück!“
Unser erster Gedanke: Wahnsinn! Die Mutter faßte ihn an der Hand: „Kind, du erschreckest uns zu Tod. Was ist denn geschehen? Will dir wer was? Rocherl, so sprich! Schau, jetzt bist ja wieder daheim, bist bei uns. Viel Herzleid um dich, Gott weiß es. Soll vergessen sein, weil du mir wieder da bist. Krank bist so viel! Thu’ dich ausweinen, da bei mir, nachher wird dir leichter. Mein liebstes Kind....“
Nie bisher hatte ich das herbe Weib in solchem Tone sprechen gehört. Der Bursche begann am ganzen Körper zu zittern; als er sich erheben wollte, knickten ihm die Knie ein, so brach er vor ihr nieder: „Bin’s nimmer wert, Mutter! -- Nur sehen -- nur euch noch einmal sehen. Dann gehe ich ja schon, wohin sie mich treiben....“
„Du wirst --“ sie brach wieder ab. Du wirst doch nichts angestellt haben? wollte sie fragen.
„Mutter, ich will nimmer sein!“ schrie er auf und rang die Hände. „Mutter, schaut mich nit an. Ihr verzeiht mir nit, ich weiß es wohl, ihr +könnt+ mir nit verzeihen. Nur +ein+ Tag wird noch sein, da werdet ihr mir verzeihen...“
Da verschlug’s uns freilich allen miteinander die Sprache. Wir standen herum wie dürre Bäume. Plötzlich wurde der Bursche ruhig, er stand auf, setzte sich auf ein Holzscheit und schien beinahe gefaßt. Stierte vor sich auf den Boden hin und sagte: „Ja, meine lieben Leut’, mich hat der Herrgott verlassen. Jetzt bin ich fertig. Nit aus Jähzorn ist’s geschehen. Aus Schlechtigkeit ist’s geschehen. Wie lang’ ich’s hab’ vorbedacht. Es muß sein und es +muß+ sein! hat mir der bös’ Feind zugesprochen Tag und Nacht. Um die da! Um die!“ Auf das zitternde Mädel deutete er mit dem Finger. „Die ich so gern hab’ gehabt! Keinen Menschen so gern auf der Welt! Und ihretwegen, daß es ein +solches+ End’ hat mit mir!“
Fuhr die Mutter zornig auf: „Jetzt red’, was ist geschehen?“
„Derschossen hab’ ich ihn!“
Die Barbel thut einen Schrei, so schrecklich, daß ich ihn seither in jeder Nacht höre. Ihre Züge werden fahl, ganz fahl und starr. Alles erstarrt ringsum und es ist ein Krampf, daß man gemeint hätte, am Himmel blieben die Sterne stehen zur selben Stunde.
* * * * *
Den Jammer stelle dir selber vor, zu beschreiben ist er nicht. Wie furchtbare Sturmglocken, so scholl er durchs Haus. Aber das tragische Kapitel wendet sich. Es schwankt langsam die Thür auf und eine unsichere Stimme ruft herein: „Wo es so lustig hergeht, da will ich auch dabei sein.“ Als ob er gemeint hätte, es wäre ein Freudenlärm. Und er hat’s gesehen, wie der Rocherl jetzt neuerlich einen gellenden Schrei ausstößt und sein Gesicht in die Rockfalten der Mutter birgt. Er hat’s geahnt, weshalb die Barbel ihm mit so großer Heftigkeit, lachend und weinend zugleich, in die Arme springt.
Es war freilich nicht der Geist des erschossenen Lehrers, wie der Rocherl meinte. Es war der Guido, der wirkliche, mit dem lebendigen Fleisch und Blut.
An diesem Abende des Allerseelentages haben wir das Wunder noch nicht so gesehen, das sich zugetragen und zu dessen Beschreibung ich einer ruhigeren Stunde bedarf.
Will dir nur sagen, wie der Rocherl zuerst noch eine Weile gelauert hat, gegen den Lehrer hin, ob es nicht doch ein Blendwerk sei, was da vor ihm steht blatternarbig und in der Pelzhaube. Dann tritt er ihn an und sagt in ganz hartem Tone: „Dank dir’s Gott, Lehrer, daß du lebst. Und ich bin ein Narr geworden.“
Der Guido ist sehr nachdenklich und schweigsam. Er hat nichts mehr zu sagen. Er scheint nur gekommen zu sein, um sich zu beklagen darüber, daß und vor wem er seines Lebens nicht mehr sicher sei.
„Geh dich waschen, Rocherl!“ raten wir.
Der Bursche taumelte hinaus zum Brunnen, tauchte den Kopf in das kalte Wasser, mehrmals und immer wieder. Dann saß er auf dem Trog in stiller Nacht. Ich trug ihm des Vaters Wettermantel hinaus: „Decke dich ein, Rocherl, es ist kalt.“
„Bist du’s, Hansel?“ fragte er. „Geh, bleib’ bei mir. Du glaubst es nicht, wie ich jetzt dran bin. Wie das lustig ist, wenn man niemanden umgebracht hat! Denk dir, mir ist’s gerad’ so vorgekommen, ich hätt’ den Lehrer derschossen. Wenn’s ist, so werde ich aufgehenkt, und wenn’s nit ist, komm’ ich in den Narrenturm. So bin ich dran, mein lieber Hans.“
Vielleicht giebt es doch noch einen dritten Weg. Ein furchtbares Verhängnis zog vorüber und was geschehen, das ist -- recht betrachtet -- ein ganz gewaltiger Brocken Gnade Gottes, der jetzt auf einmal vom Himmel fiel aufs bebende Adamshaus.
Am sechsundvierzigsten Sonntage.
Jetzt kannst du wieder etwas Neues hören, lieber Alfred! Jetzt sehen wir den Brocken des himmlischen Wunders erst recht, er ist noch größer, als es anfangs schien. -- Der Jäger Konrad hat seinen Schuß wett gemacht.
Am vorigen Donnerstag, als ich gegen Abend das Vieh heimtreibe, das jetzt noch spärliches Gras abweidet draußen auf den Wiesen, begegnet mir der Jäger. Er schaut so recht behaglich drein, viel munterer als sonst und hat im Gesicht ein kurzes Pfeiflein stecken, das er mit den Zähnen nach aufwärts schupft, als sollte es mit dem spitzen Messingdeckel an die Nasenspitze tippen. Einen guten Tag bietet er mir und fragt, ob der Rocherl heimgekommen wäre.
„Das wohl,“ antworte ich, „aber das Schießen hat er sich zu sehr angewöhnt von euch Jägern.“
„Vielleicht hat er sich’s auch wieder abgewöhnt,“ sagt er.
„Der, wenn er gut träfe!“
„Treffen,“ meint der Jäger, „thäte er vielleicht eh gut, aber das Gewehr ist schlecht geladen.“
Da deucht mich, der Mann wisse etwas. Und weil wir den Waldweg nebeneinander gehen, hinter dem Vieh her, so habe ich’s erfahren.
Der Rocherl, so erzählt der Jäger Konrad, sei ihm schon lange verdächtig vorgekommen, als ob er etwas im Sinn hätte gegen den Lehrer. Mehrmals habe er ihm das Gewehr abgenommen, immer wieder hat er eins. Vor Allerheiligen sei er tagsüber oben gelegen in der Nähe der Waldheuhütte. Bei der Nacht sei er durch die Gegend gestrichen, sogar bis Hoisendorf hinab und um das Schulhaus herum. Lauernd und flüchtig huschend wie ein wildes Tier. Den Tag vor dem Feste sei der Jäger drüben in der Wendau beim Sackbuttner zugekehrt und habe die Bäuerin um eine Rein Milch gebeten. Dieweilen er sie gegessen, sei der Lehrer von Hoisendorf gekommen und habe dem Sackbuttner eine Kuh abgekauft.
Im weiteren soll der Jäger die Geschichte selber erzählen: „Wie ich nachher der Bäuerin ein paar Kreuzer hinhalte und sie sagt, ein Vergeltsgott wäre ihr lieber und wir so ein bissel nebeneinander stehen vor der Hausthür, bemerkt mein Aug’ in der dunklen Streuschoppe den Adamshauser Rocherl, der sich an die Wand drückt und durch eine Luke hinhorcht auf den Lehrer, wie es dieser mit dem Sackbuttner verabredet, daß er die gekaufte Kuh am Allerseelentage nachmittags abholen will. Das fällt mir auf -- sage aber nichts. Es wird gut sein, denke ich, wenn der Lehrer einen Kameraden hat auf dem Heimweg. Habe ihn begleitet bis Hoisendorf hinab. Ist gar nit gesprächig gewesen, der Herr, hat sich über den ungebetenen Weggenossen wahrscheinlich geärgert. Vielleicht wollt’ er unterwegs ein Hochzeitsliedel dichten. Mir ist es auch nit viel besser ergangen neben seiner. Ein Jäger und ein Schulmeister, ich bitt’ dich! Mit was sollen denn die sich unterhalten? -- Es ist halt kurzweiliger zu zweien, sage ich, die Gegend ist jetzt schon gar so viel einschichtig. -- Na, meint der Lehrer, einen Jäger wird die Einschichtigkeit doch nicht genieren! Und schaut mich seitlings an -- ein Jäger und sich fürchten? Hab’ mir’s gefallen lassen müssen. Mein Lieber, denke ich, wenn du wüßtest, für +wen+ ich fürchte! -- Sagen habe ich ihm’s freilich nit mögen. Ich kann mich ja grob irren. Wäre wohl noch schlimmer, als ein Schuß in die Hand! -- Das mußt allein mit dir selber abschließen, Jäger, sage ich zu mir, und sollst jetzt einmal über zwei Menschen wachen. -- Darauf am Allerseelentag gehe ich frühmorgens aufs Joch. Unsereiner ist das Passen ja gewohnt. Nit weit von der Waldheuhütte, da begegnet er mir schon, hat an seinem Rock noch die Heuhalme kleben, daß ich es gleich weiß: Rocherl, du hast in der Hütte übernachtet. Ich rede ihn an: Wohin so früh? Er keine Antwort, eilends davon. Ich krieche durchs Wandloch in die Hütte und sehe im Heu noch die Grube. Und finde daneben, im Heu vergraben, das Gewehr. Scharf geladen! -- Also doch! denke ich. Es scheint, für den Lehrer ist vorbereitet, wenn er des Weges kommt in die Wendau. Ist es denn möglich? Aus Haß, der Schwester wegen, oder wie sonst? Wahnsinniger Mensch, du! -- Will jetzt aber doch sehen, wie weit das geht. Weg nehm’ ich das Zeug diesmal nit. Da machen wir lieber einen andern Spaß, lieber Rocherl! Hab’ mir’s vorgenommen mein Lebtag, daß ich dir deine Hand vergüte. Aus der Hand kann ich dir die Kugel freilich nit herausziehen, aber -- weißt du wohl -- aus diesem Büchserl kann ich sie herausziehen. Knallen thut’s auch ohne.... Und hab’s gethan. Den Schuß herausgezogen, frisch blind geladen und das Gewehr wieder ins Heu gesteckt. -- Nachher habe ich mich selber ganz hinten hingelegt. Durch eine Bretterfuge sehe ich hinaus gerad’ auf den Weg. Dort bin ich gelegen den ganzen Tag und immer wieder hat’s in mir gesagt: Ah, Unsinn, wie wird der Junge auf den Lehrer schießen! Einem Hirschen wird das Blei vermeint gewesen sein, der oben auf dem Jochanger äset. Der Wildschütz laßt’s ja nit! Nachher schlagt’s wohl in mein Fach. -- So um Mittag herum, wie ich meinen Speck aufs Brot lege, schleicht er an. Kriecht in die Hütte, übers Heu hin zum Gewehr. Von meinem versteckten Winkel aus ist er gut zu beobachten. Er will sich’s bequem machen im Heu und kommt doch zu keiner Rast. Stützt sich auf den Ellbogen der kranken Hand und lugt durchs Bretterloch hinaus auf den Weg und kann das Aug’ nit abwenden. Fliegen ein paar Raben, setzen sich an den Steig, picken Käfer auf, fliegen wieder ab und krähen in den Wipfeln. Sonst nichts. Da ist’s auf einmal -- es schwummelt was zwischen den Lärchbäumen her und ist’s der Lehrer. Der hat um die Achsel einen Strick geschlungen, in der Hand einen Stock. Er geht, um seine Kuh zu holen. Der Rocherl bäumt sich stad auf und hebt mit der Linken das Gewehr. Teufel! denk’ ich, ’s ist doch ernst. -- Da kommt vom Weg ein lustiges Lachen -- Kinderlachen. Zwei Schulknaben laufen hinter dem Lehrer daher. Auf dem Heimweg wohl von der Kirche. Die haben einen großen Käfer gefangen, der zwickt in den Fingern, sie wollen ihn dem Lehrer zeigen und fragen, was es für einer ist. Tschapperln! sagt er, ihr werdet doch den Hirschkäfer kennen! Na, Kerl, du hast dich hübsch verschlafen, dies Jahr, jetzt kommt schon der Winter. -- So gehen sie miteinander vorbei, der Lehrer und die Kinder, und verschwinden hinter der Böschung. Der Schuß hat nit geknallt. Die dummen Buben! Der Rocherl schlägt sich ärgerlich die Faust an die Stirn. Jetzt muß er warten auf die Rückkehr, und das Gewehr thut er nicht mehr aus der Hand. -- Na, so haben wir wieder gewartet. Wenn der Jäger das Aufpassen nit gewohnt wär’! Bin doch neugierig, denk’ ich, ob ihm denn nichts einfällt. Was er vorhat! Was das bedeutet! Was +nachher+ kommt! -- Aber nichts und nichts! Man kennt’s ja, wer auf dem Anstand steht, die ganze arme Seel’ ist im Büchsenrohr und wartet auf das Losdrücken. -- Einmal kommt vom Waldhang ein Reh herab, ganz possierlich, und nascht am verherbsteten Haidekraut. Hab’ noch gemeint, der Rocherl könnt sich doch besinnen. Schuß ist Schuß. Aber nein diesmal giebt er’s fürnehmer! Als es endlich zu dunkeln anhebt, strampelt der Bursche ungeduldig mit den Beinen. Seine Augen brennen ganz katzenhaft -- lauter grüne Funken. Jetzt zuckt er zusammen. Er hat etwas gehört. Von der Wendauerseite herüber kommt der Lehrer mit seiner Kuh. Er führt sie am Strick, in der andern Hand hat er einen Birkenzweig zum Antreiben: Hi, geh, Scheckige. -- So kommen sie stad heran und ich meine schon, es ist nichts, da kracht’s. Das Tier macht einen Sprung, der Lehrer stürzt zu Boden. -- Verdammt, was ist das? -- -- Einen Augenblick ist der Rocherl starr, dann thut er einen Schrei. Mensch, einen Schrei! Meiner Tag’ hab’ ich keinen solchen gehört. Dann fährt er unbändig zum Loch hinaus und fort. Mich hat’s nur so zusammengerissen, wie der Lehrer hinstürzt. Aber wie ich auf den Weg komme, ist er schon wieder auf und mit der Kuh davon. Das erschreckte Tier hat ihn mit dem Sprung zu Boden gerissen -- und weiter, Gott Lob, ist nichts zu vermelden. Nur daß ich nachher über die Abachleiten den Adamshauserischen hab’ laufen sehen, in der höchsten Verzweiflung. Mein Lebtag hat mir nichts so wohl gethan, als dem seine Verzweiflung. Bübel, denk ich, die ist dir gesund. Heißt das, wenn sie nit zu unchristlich wird. Hab’ ihm doch nachgerufen: Rocherl, hörst du! Jetzt sind wir wett. Zwei Menschenleben für eine Hand! Ich glaube, sie ist bezahlt. -- Er wie ein wildes Tier davon und nichts gehört.“ --
So, mein Freund! Und das ist der Jäger Konrad. Ich hätte es nicht geglaubt. Hätte es nicht geglaubt, daß wirklich solche Menschen umhergehen auf Erden. Und ein solches Wunder hat müssen sein, daß unser armer Junge gerettet werden konnte. Er, und wir alle mit ihm. Und weiß Gott, der Junge ist seither anders, -- anders!
* * * * *
Ein Nachtrag! Für verrückt wirst du mich halten. Für einen jener unheilbaren Irrsinnigen, die plötzlich so heiter geworden sind, daß sie selbst bei Tragödien und Trauerfällen nichts als lachen können. Bei solchen Schicksalsschlägen, wie sie das Adamshaus getroffen, könnte man ja wirklich überschnappen. In dem Augenblick, als ich vorstehenden Brief an dich schließe, kommt der Rocherl in einem wahren Freudenrausch, hoch zwischen den Fingern etwas haltend, schwingend: „Sie ist heraußen! Sie ist heraußen! Die Kugel!“
„Natürlich,“ sage ich, „weil sie der Konrad herausgezogen hat.“
„Die meine ich nit!“ schreit er, „+die+ meine ich. Die in der Hand drin gewesen ist!“
Seit dem aufregenden Allerseelentag soll sie wieder sehr geschmerzt haben, die kranke Hand, an der alle Pflaster und Salben der alten Marenzel nichts nützen wollten. Die Narbe war neuerdings aufgegangen und schwürig geworden. Die Barbel hat sie ihm jeden Tag sorgfältig verbunden. Und wie sie heute wieder den alten Verband ablöst, fällt etwas aufs Fletz. Ein kleines, längliches Bleistückchen, und der Rocherl behauptet, es thät’ nicht mehr weh. Ich bitte dich, Alfred, frage doch einen Arzt, ob das möglich ist, ob Schreck, Angst und derlei Seelenaffektionen nicht kugeltreibende Mittel sein können. Ist das nicht möglich, dann bin ich in allergrößter Verlegenheit, denn die Kugel ist da.
Am siebenundvierzigsten Sonntage.
Im Drang der Ereignisse sind meine Schilderungen und Berichte längst entgleist. Keine Sonntagsbriefe mehr, hingegen ein fermer Roman, von dem jeden Sonntag ein Kapitel geschrieben wird.
Heute ist Adagio. Die Arbeit zieht sich zur Neige des Jahres fast ganz in Haus, Scheune und Stall zurück. Nur um Herdholz sind wir in den Wald gefahren mit dem Schlitten, denn seit einiger Zeit haben wir Schnee. Dabei trat ich auf ein mit Schnee gedecktes Scheit so ungeschickt, daß es im linken Fußgelenke einen Knack machte und der Rocherl mich auf dem Schlitten nach Hause ziehen mußte. So lag ich tagelang in meiner Kammer, in Dämmerung und feuchtem Stalldunst. Freund, da war’s öde. Die Barbel brachte mir das Essen, ordnete, wo sonst etwas fehlte, ging aber allemal unmenschlich bald wieder fort. Die könnte auch ein bißchen mehr Barmherzigkeit haben mit einem Invaliden. Dafür wollten sie mir die alte Marenzel mit ihren Pflastern und Ratschlägen an den Fuß schicken; da habe ich gesagt, kalte Umschläge wären besser, als warme Ratschläge und wenn das verstauchte Bein nichts anderes zu thun hat, so wird’s schon selber heilen -- schon aus Langeweile.
Bei dieser Gelegenheit habe ich auch erfahren, was ein Novemberabend ist. Ein einsamer, endloser Novemberabend! An einem solchen, mein Freund, ist mir plötzlich das Heimweh gekommen nach -- der Stadt. Ein ganz brutales Heimweh. Mit Gewissensbissen darüber, daß ich mich in Wort und Schrift so oft gegen die moderne Kultur versündiget habe. Über dem alten Adamshause beginnt sich der Himmel wieder aufzuheitern, ein Siecher genesend, eine Hochzeit vor der Thür. Und trotzdem, wie kümmerlich und elend! Wenn jetzt zum inneren Frieden auch so ein bißchen Kultur da wäre! Ein hübscher Berghof im Schweizerstil, altdeutsche Möbel drin, Sparherd und schwedische Öfen, ein Bücherschrank und ein Klavier -- Gott strafe mich, auch ein Klavier! Dann behagliche Bettstätten mit Federkissen und die vortrefflichen Nahrungsmittel im Geiste der Prato zubereitet! Wäre eine solche „Korruption“ denn gar so schlimm? Und hier in der Kammer ein Sofa, Luftheizung und ein bißchen elektrisches Licht. Und vor allem ein Arzt, der mir den Fuß untersuchte, ob er verrenkt oder gebrochen ist!