Erdsegen: Vertrauliche Sonntagsbriefe eines Bauernknechtes.

Part 22

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Die Zeit des Streumachens ist da, um den Stallbewohnern für den Winter einen grünen Teppich zu schaffen, der dann allwöchentlich einmal erneuert werden muß. Das Stroh wird hier nicht zur Streu benutzt, auch wenn eins vorhanden ist, sondern mit Heu vermischt gefüttert. Waldmoos und Heidekraut will man den Baumwurzeln nicht rauben. Da giebt der Baum noch lieber seine grünen Äste, als seine feuchte, schützende Wurzeldecke. So kommt von acht zu acht Jahren der Bauer mit der Axt, steigt an dem Baumstamm empor und hackt die längsten und buschigsten Äste herab als Winterstreu für den Stall. Die zarten Zweige und Triebe, sowie den Wipfel läßt er dran. Damit soll sich der schwerverwundete Baum wieder erholen fürs nächstemal. Das ist nun eine ganz abscheuliche Einrichtung, allein der Bauer im Almgai behauptet, er wisse anderswie keine Stallstreu, oder mit anderer Streu keinen richtigen Dünger zu erzielen. Ich machte dagegen theoretische Einwendungen, die Hausmutter stützte sich auf Erfahrungen und schickte mich hinaus in den Wald. Da hätte ich nun ein paar scharfzackige Steigeisen an meine Füße schnallen sollen, hätte die Axt rückwärts in den Gürtel stecken und den Baum hinaufklettern sollen, wie eine Eichkatze, bis zum Wipfel.

Im vorigen Jahre waren noch drei vorhanden gewesen, die das Reisig von den Bäumen schneidelten, der Vater Adam, der Valentin und der Rocherl. Das Mädel hatte munter die gefallenen Äste in Büscheln gesammelt, die Hausmutter war mit Ochsen und Karren gekommen, um das „Graß“ in den Hof zu führen, wo es nachher kleingehackt und in Stößen unter Dach geschichtet worden für den Gebrauch im Winter. Die beiden Burschen sollen hoch auf den Bäumen gesungen und gejauchzt haben und sich geschaukelt, und im Schaukeln sogar von einem Wipfel zum andern gesprungen sein, voll Übermut. -- Heute? Heute steht ein einziger da -- kann nicht jauchzen und kann nicht schneideln. Das Ästeherabhacken wäre freilich keine Kunst, aber das Hinaufsteigen! Die Hausmutter selbst hat mir die Steigeisen angeschnallt, die Barbel hat mich im Klettern unterwiesen, wie man mit den scharfen Eisenzacken hoch an dem Stamme weit fester stehe, als in gewöhnlichen Schuhen auf dem Erdboden, wie man mit dem einen Arm den Stamm umschlinge, als hätte man ihn sehr lieb, und mit dem andern Arm die Äste abhacke, daß sie lustig niederrauschen. -- Und ich? Mensuren habe ich geschlagen und in der Armee wird man auch nicht gerade für allzugroße Furchtsamkeit abgerichtet. Also frisch an! Aber wie hoch? Als es so weit war, wo der Baum sachte mit mir zu schaukeln begann, wo der Stamm mit jedem Hieb zuckte, als wollte er mich abschütteln und sich wie eine Schlange unter mir bog, just zum abspringen, da war der Feigling fertig. Die Glieder huben mir an zu zittern, der Wald begann zu kreisen -- rasch mußte ich bodenwärts.

„Mein Gott!“ sagte die alte Hausmutter, „wenn unsereins das dumme Weibergewand nit hätt, mit dem man überall hängen bleibt, mich däucht’, ich wollt’ selber hinauf.“

Du kannst dir denken, wie anmutig ich dagestanden bin. „’s ist mir just das Blut zu Kopf gestiegen,“ sagte ich, bloß um etwas zu sagen.

„Bis du’s noch einmal probierst, wird’s schon gehen,“ redete mir die Hausmutter zu, „anfangs ist einer, der’s nicht gewohnt, halt ein bissel schwindlig.“

„Mutter!“ sagte jetzt das Mädel, „den Hansel lassen wir nit mehr hinauf. Er macht alles zu geschwind, spießt mit den Steigeisen nit ordentlich ein, und anhalten thut er sich auch zu wenig. Da könnt’ wirklich was geschehen.“

Also, wegen Tollkühnheit darf ich nicht mehr hinauf! Auch gut.

Was nun machen? Es droht der Winter und das Reisig muß herab. Wenn der alte Soldat schon zu -- tollkühn ist, um auf die Bäume zu steigen, so muß man ihn umtauschen. Die Hausmutter schickt zum Kulmbock hinüber und läßt bitten um einen Baumschneidler. Der Kulmbock ist nicht daheim und sein Weib läßt zurücksagen, sie brauche ihre Leute selber und müsse jetzt die Mühlbrücke zimmern lassen, die das Wildwasser zerrissen hat. Ob denn der „herrische Knecht“ nicht baumschneideln könne?

Darauf läßt die Barbel zurücksagen: Der zugereiste Knecht könne das Baumschneideln sehr gut, aber man dürfe ihn nicht hinauflassen, weil er zu hitzig sei und den Vorteil nicht achte. Hingegen wolle man den Hansel zum Brückenbauen hinüberschicken, wenn die Kulmbock-Bäuerin dafür ihren Weidbuben zum Baumschneideln herüberthue. Es handle sich bei diesem Wechsel nur um etliche Tage, dann könne sie den Weidbuben wieder haben.

So werde ich für diese kommende Woche vertauscht, wie etwas Unbrauchbares gegen Brauchbares. Die Blamage wäre reichlich groß genug gewesen für einen Selbstmord, hätte das wundervolle Mädel aus meiner Feigheit nicht eine so unverantwortliche Waghalsigkeit gemacht. -- Was nützt mir das, wenn sie’s selber nicht glaubt!

Noch gestern abends bin ich heimlich in den Wald gegangen und hab’s versucht mit einem Baum. Dieselbe Lumperei. Wie er schaukelt, packt mich der Schwindel und ich muß zurück. Bin nachher gar nicht zum Nachtmahl erschienen. Kopfweh hab’ ich gedichtet. -- Und morgen früh hinüber in den protzigen Kulmbockhof zum Brückenbau.

Noch etwas für heute. Das letzte Mal wurde dir ausführlich mitgeteilt, wie wir den Rocherl gesucht, dann seine Flinte gefunden und in unser Haus zurückgetragen haben, um sie auf ihrem alten Platz an den Nagel zu hängen. Denke dir, sie hängt nicht mehr dort. Eines Morgens war sie weg. Er hat sie sicher selbst geholt. Dieser unbegreifliche Mensch! Die alte Marenzel meint, die Bleikugel in der Hand müsse ihm das Blut und das Gehirn vergiftet haben. Jetzt suchen ihn auch schon die Landwächter. -- Nicht eine Stunde sind wir sicher vor einem furchtbaren Verhängnis.

Am dreiundvierzigsten Sonntage.

Also am Montage bei Ehren-Kulmbock, beim Brückenbau. Ich hegte den heißesten Wunsch, es möge dabei jemand, meine Wenigkeit ausgenommen, ins Wasser fallen. Die Schmach kann nur durch eine Lebensrettung wett gemacht werden. Man hat mich richtig gleich aufgezogen: daß die Bäume im Adamshaus-Walde gar sehr froh sein würden, mit ihren Wipfeln diesmal noch heil davongekommen zu sein, ohne daß sie der Hansel in seiner wütenden Kurasch allesamt enthauptet hat! -- Denn die Tollkühnheit war ihnen im Grunde nicht einleuchtend. Da mußte rasch etwas Glaubhaftes zusammengelogen werden. Der Krampf! „Diese verfluchten Krampfadern in den Beinen, die man sich damals in Galizien geholt, bei den großen Märschen! Gerade das leidenschaftlichste Vergnügen, auf den Bäumen herumzuklettern, vergällen sie einem!“ Sie lachten noch mehr und meinten, die Fichtenbäume würden wohl Freudenfahnen ausstecken wegen meiner Krampfadern. -- Am Dienstag hatte ich schon nicht mehr Zeitungsdeutsch nötig; mein Heiligenschein qualmte an einer andern Stelle auf. Dieweilen sie an der zu bauenden Brücke die Holzbalken und Stämme schwerfällig und ungeschickt hin- und herprobierten, konstruierte ich mit Hilfe des Restes meiner geometrischen Kenntnisse die Brücke auf Papier und rechnete leichter Hand in Ziffern die Verhältnisse des Baues aus, worauf wir mit ziemlicher Einfachheit das tiefe Bachbett überbrückten. Die Leistung gab mir einen solchen Glanz, daß der Vorknecht mich einen ganzen Tag lang den „Herrn Johann“ nannte. Daß mein Name nicht ein zugehackter Johannes ist, sondern nach heidnischer Art der deutschen „Hansa“ entstammt, diese Wissenschaft würde ihnen alle meine bautechnischen Kenntnisse wieder gründlich verdunkeln.

Im Kulmbockhof -- muß ich dir sagen -- hätte ich meine Zwanzigtausend Kronen-Wette nicht gewonnen. Zwar zu essen giebt es mehr und fetteres, als im Adamshause, aber an den Schüsseln kleben noch die Krusten früherer Mahlzeiten; die Tische und die Fenstergläser sind mit so ausgiebigem Schmutz überzogen, daß die Herbstfliegen mit ihren altersschwachen Beinen drin stecken bleiben, wie die ungarischen Bauern auf der Dorfkirmes im Straßenkot. Und was das Schlafbett anbelangt! Freund und Philosoph! Wenn in deinem großen Bekanntenkreise jemand einmal dem Laster der Trägheit verfallen sollte, ich bitte dich, schicke ihn in den Kulmbockhof. Auf dem Strohlager allhier wird er Emsigkeit lernen. Das Stoßgebet bei diesen nächtlichen Umtrieben lautet: Vor den großen Feinden schütze ich mich selber; Herr, schütze du mich vor den kleinen!

Der Kulmbock ist natürlich nicht zu Hause. Er geht stets im Weltverbessern um, hält Versammlungen ab, bespricht die „Lage“. Die Anliegen der Wählerschaft nimmt er würdevoll entgegen. Er wird’s schon machen. Vor allem eine ordentliche Steuerreform! Die Steuer soll nicht der zu zahlen haben, der was schafft und hervorbringt, sondern vielmehr, der was aufbraucht. Dann, die Korneinfuhr aus Ungarn und die Fleischeinfuhr aus Amerika muß abgeschafft werden, damit wir Bauern die Sachen teurer verkaufen können. Zur Erntezeit muß bei den Dienstleuten die Sonntagsruhe aufgehoben werden. Der Kulmbock läßt nicht locker. Das wird seine Sorge sein! An ihm kommt keiner vorbei, und Herrenmanglereien, die frißt er nit! Ein großer Mund, aber keine Zähne drin. In der Landstube soll er hinter dem Pfeiler sitzen und sich sehr ruhig verhalten. Seit er bei einer und derselben Sitzung für die Annahme und für die Ablehnung der neuen Landesbahnen-Verkehrssteuer gestimmt hat und für diese seine zwiefache Bereitwilligkeit etwas unbarmherzig ausgelacht worden ist, zieht er es vor, „mehr unparteiisch zu bleiben, sich nirgends dreinzumischen, jeden reden zu lassen, wie er will und mag, selber der Gescheitere zu sein und nachzugeben.“ Es wäre, meint er, für einen verständigen Menschen ganz verzwickelt schwer zu reden in dieser äußerst gemischten Gesellschaft; bald sei es dem nicht recht, bald jenem nicht. Bald schnappe bissig ein dritter her, bald entgegne ein vierter mit niederträchtiger Bosheit, bald ein fünfter mit dem Dreschflegel. Man sei auch etwas gewohnt zu leisten, aber da gehöre noch eine spinnefalsche Abgefeimtheit dazu, sonst werde man übertrumpft von den Federfuchsern und zu Schanden geschrieen von den großmauligen Doktoren. „Na!“ meint der Kulmbock, „das friß ich nit! Aber die Zeit wird schon kommen, wo wir es ihnen zeigen werden, denen! Wir Bauern! Wir halten unsere Reden mit der Faust!“ -- Und trotzdem ist der Mann fortgegangen von hier, wo man noch mit der Faust schafft, und dorthin, wo man mit dem Munde regiert. Na! Solcher Volksvertreter wegen ist es schon der Mühe wert, daß man den Parlamentarismus aufgebracht hat und bei den Wahlen sich halbtot prügelt um das Recht der Selbstbestimmung.

Ja wohl! Das Recht der Selbstbestimmung, das der Kulmbock dort so mannbar vertritt, daheim in seinem Hause herrscht es unumschränkt. Jeder thut, was er will. Die Knechte sind nach Belieben faul und tölpelhaft, die Mägde sind zutäppisch. Die Haustochter Fronel wollte mich aushorchen wegen Adams Rocherl. Man höre, ihm sei daheim das Beten und Fasten zu langweilig geworden und deshalb sei er zu einer Räuberbande gegangen. Wenn der Rocherl Räuberhauptmann wäre, da möchte sie gleich Räuberhauptfrau sein. Der Rocherl habe gar so schlanke Beine, und die gefielen ihr. -- Diese Fronel hat einen breiten Mund und gelbe Zähne, mit denen sie immer an etwas kaut. Bei Tische jagt sie nach den besten Bissen und wenn von etwas die Rede geht, was sie nicht kennt, so fragt sie allemal, ob’s was zum essen wäre. Wenn sie sich nicht mit einem Mannsbild balgt, so hockt sie im dunstigen Hinterstübel und trennt und näht an ihren Kleidern herum. Hat sie ein buntes Band, eine Masche oder dergleichen Flitter angeheftet, so stellt sie sich damit vor den Spiegel -- in diesem Hause giebt’s einen hübsch großen -- und trennt dann das Zeug allemal wieder los, um es mit einer noch reizenderen Art zu versuchen. Ruft ihre Mutter hinein: „Die Sau sollst du futtern gehen, stinkfaule Dirn!“ Und die Tochter heraus: „Ja, leck’ mich im Buckel, bist selber nix z’gut dazu!“ -- Das wäre schon die richtige für den Rocherl, die! Da wüßte ich ihn schier noch lieber bei den Räubern.

Am zweiten Abend, als es regnet und ich in der Kulmbockhof-Kammer einen Wettermantel hole -- ein großer Lodenfleck mit dem Loch in der Mitte, zum Durchstecken des Kopfes, wie ich also den aus der Kammer hole, höre ich im dunklen Nebengelaß zwei Knechte sprechen; sie thaten es so sonderbar brummend und zischelnd, daß der Mensch anhebt zu horchen.

Der eine: „Du, Martel, wenn du mir die Hälfte nit giebst, so verklag’ ich dich.“

Der andere: „Verklag’ mich, wenn du’s beweisen kannst“

Der eine: „Nachher, mein Lieber, wird der Baumstock müssen reden. Der braucht gar nit zu juramentieren, dem glaubt man’s auch so, daß auf ihm der schöne Lärchbaum nimmer steht, den du heimlich dem Holzhändler verkauft hast!“

Der andere: „Verrätst mich, dann kitzle ich dir mit dem Federmesser den Hals durch!“

Der eine: „Kitzle nur, wenn du im Kotter sitzest.“

Der andere besinnt sich ein wenig und sagt: „Geh, Statzel, mach’ keine Dummheiten. Einen Gulden sollst haben.“

„Ich bekomm’ fünfe!“

„Hol’s der Teufel. Da hast den Bettel. Schuft!“

„Schuft? Nachher gieb mir einen sechsten Gulden.“

„Dem Henker bist du zu schlecht!“

„Dann bekomm’ ich noch den siebenten. Mein Lieber, mit mir mußt du höflicher sein. Ich hab’ dich am Strick.“ --

Und als Schlußtableau siehe die Mutter dieser Tochter, die Herrin dieser Knechte -- die Kulmbockhoferin.

Das ist noch ein erklecklicher Brocken. Nachblüte! Nur schade, daß sie immer so schwitzt. Kornmahlen kann sie und da ging sie eines Tages zur Mühle hinab. Ich habe ihr das Kornbündel nachtragen müssen.

„Du bist ja wolter stark, Hansel!“ sagt sie dann in der Mühle. „Du mußt mir nachher helfen. Magst?“

Sie richtet die Mühle an. Die Räder klappern, aus dem Mehlkasten fliegt der weiße Staub und schminkt die Wangen, daß sie nicht erröten können.

„Hast mich verstanden?“ lacht sie mir schnurgerade ins Gesicht. „Helfen sollst mir!“

„Ja, wenn ich könnte, meine liebe Bäuerin. Es will halt auch das Mahlen gelernt sein.“

„Korn aufschütten wirst doch können! Mahlen thut ja eh die Mühl’ selber.“ Und setzt traulich bei: „Schau, Hansel, du solltest halt jetzt der meinige sein, derweil mein Alter fort ist.“

Sacker! denke ich, die setzt scharf ein.

„Na, was sagst du, Hansel?“ fährt sie fort. Schalkhaft wird ihr Reden; am Mehlkasten lehnt sie und streckt ihre fleischigen Arme nach beiden Seiten aus: „Jetzt möcht’ ich just einmal wissen, wer breiter klaftern kann, du oder ich.“

„Ob’s dem Kulmbock wohl recht sein wird, wenn wir messen?“ bemerke ich möglichst ernsthaft.

„Fragt er, ob’s +mir+ recht ist, im Heu, mit der Teuxel weiß wem?“

„Natürlich, das Klaftermessen ist doch keine Sünd’.“

„Ja so!“ ruft sie, „im Adamshaus redet man noch von der Sünd’. Nit schlecht, das! Weißt, Hansel, die Sünd’ darf der Mensch nit verachten, die schmeckt alleweil gut.“

Weil sie mir immer näher kommt und die Gefahr, daß sie ihre Arme um mich zusammenklappen könnte, immer größer wird, ich mich an Vorurteilslosigkeit von ihr auch nicht übertrumpfen lassen will, so sage ich in aller Freundlichkeit: „Weißt, meine liebe Kulmbockhoferin, ’s ist mir nicht deines Alten wegen, und auch nicht der Sünde wegen -- aber zu unsauber bist mir.“

Als ob ihr eine breite Hand heftig ins Gesicht geschlagen hätte, so fährt sie zurück. Und der Mühlesel ist augenblicklich entlassen gewesen. --

Wenn ich dir, teurer Philosoph, im Laufe dieses ereignisreichen Jahres etwa einmal die Neuigkeit mitgeteilt haben sollte, daß die Korruption gerade in den Städten wuchere, daß bei den Bauern im Gebirge allenthalben noch Zucht und Ehrbarkeit walte, dann nimm denselben Briefbogen, hänge ihn an die Wand und bekränze ihn mit faulem Stroh und Brennesseln. Und solltest du, mein lieber Menschensohn, durch irgend einen Zufall einmal Buben kriegen, so rate ich dir, daß du sie bei Zeiten das Baumschneideln lernen lassest. Man bleibt da oben bei den Waldvöglein wesentlich bauerngläubiger, als da hinten in den dämmernden Kammern und staubigen Mühlen.

Am vierundvierzigsten Sonntage.

Einer Frage deines letzten Briefes muß ich noch gedenken. Trotz allem, nein -- Hunger keinen.

Den Hunger kennt man nicht am Busen der Mutter Erde. Den kennt nur die große Stadt. Ich meine jetzt nicht den Hunger nach Austern und Sekt. Ein wohlgestellter Städter, der es weiß, daß in seiner nächsten Nähe Menschen an Nahrungsmangel verkommen, vor Frost Tag und Nacht in ihre dunklen Nester gebannt, fluchen, weinen und verzweifeln -- kann noch behaglich in der Oper sitzen und eine glänzende Soiree genießen. Euch Stadtherrschaften -- ich meine ja nicht dich, den menschtreuen Alfred, ich meine die Ganzheit der „Elite“ -- ist Hunger und Not der Armen gerade recht als Stoff zur modernen Kunst und als künstlerisch wirkender Gegensatz zum eigenen Überflusse! Stellt es euch einmal so recht mitten in euer Herz, daß im Fleisch von eurem Fleische der grause Hunger nach dem kahlen Bissen Brot wütet -- und ihr werdet mit anderen Augen die Welt anschauen! Sage ihnen doch, den Allesstudierenden, daß sie auch einmal den Hunger studieren sollen, der in ihrer nächsten Nähe ist.

Hier auf der Scholle geht der Ärmste zum Armen und wird gesättigt. Der Kulmbock sackermentiert ganz schrecklich über das Bettelgesindel, das an die Schwelle seines Hofes kommt, mit dem Säcklein um etwas Korn, mit dem Töpflein um etwas Milch bittend -- aber er beteilt es. Mein Adam entschuldigte sich immer treuherzig, wenn er des Bettlers Säcklein nur halb zu füllen vermochte: „Mußt halt wohl zufrieden sein, wenn’s auch ein bissel wenig ist. Es geht uns halt selber nit aufs best. Gesegne es Gott, vermeint ist’s dir vom Herzen.“ --

Und nun zum Tagebuche.

Vollauf habe ich mit der Hausmutter zu thun. Beim Tode des Adam war es ein stummer, weher Schmerz, jetzt aber -- die Angst um den Rocherl steigt zur hellen Verzweiflung.

„Wenn er mir nur daheim gestorben wär’!“ ruft sie aus. „Es wär’ besser! Ich wollt’ der Mutter Gottes tausendmal dafür Vergeltsgott sagen.“

„Er ist freiwillig davon und das ist ihm nicht so hart!“

„Nachher wieder der Valentin!“ darauf sie. „Der eine +will+ nit heim, der andere +kann+ nit heim. Ist das ein Jammer mit den Kindern!“

Der Rocherl ist ganz und gar verschwunden. Verschwunden und verschollen. Über die erste Zeit haben wir uns hinweggetäuscht. Man müsse den Trutz ausrauchen lassen. Wenn das Gewand zerrissen sei und der kalte Wind blase, werde er schon wieder kommen. Jetzt bläst der kalte Wind, und nachdem wir dreimal umsonst aus waren, um ihn zu suchen, nachdem wir auch im Fuchsgraben und überall seine Spur verloren haben, stehen wir ratlos da. Ich wollte ihn doch in die Zeitung geben, unter die verlorenen Sachen. Da heißt es wieder: die öffentliche Schand’! Die fürchtet man im Bauernhaus nicht minder, als im Herrenschloß. -- Eines Tages hören wir, im Schurwalde wäre sein Hut gefunden worden. „Das sagt nichts,“ tröste ich, „ein Dickschädel kommt auch ohne Hut aus.“

„Wer wird ihm seine Hand einbinden?“ fragt manchmal die Barbel. Das geht mir am meisten zu Herzen. Nicht seine Hand, sondern ihr Bekümmern.

„Er selber wird sich die Hand einbinden,“ stelle ich ihr vor. „Mit der Linken und mit den Zähnen. Was der für Zähne hat!“

„Der Jäger wird ihn umgebracht haben!“ so wieder die Mutter.

„Der Konrad? Der seine eigene Hand opfern möchte für die des Rocherl!“

„Mir ist halt so viel bang!“ Damit schließt sie jedes Reden ab.

Die Barbel ist jetzt viel aufrechter, als die Mutter. Vor kurzem, denke dir, soll sie mit dem Weidknecht aus dem Kulmbockhof, dem Baumschneidler, einen Strauß gehabt haben. Sie war mit ihm im Walde gewesen, um die Reisigbüscheln zu sammeln. Auf ein solches Büschel setzt sich der Weidknecht und will das Mädel mit beiden Händen auf seine Knie ziehen.

„Ei schau, du wärest +gar+ gescheit!“ soll sie gesagt haben und ruhig weitergearbeitet. Wie er sie nachher mit Gewalt fangen will, hat er auf einmal einen Zahn weniger im Munde. Blutend geht er in den Kulmbockhof hinüber und bei diesen Adamshausleuten arbeite er nicht eine Stunde mehr, das seien kotzengrobe Leut’.

„Da sieht man’s, das ist der Dank!“ darauf die Kulmbockhoferin mit Entrüstung.

Wir haben die Geschichte erst von der Kulmbockseite her erfahren müssen. „Ist es wahr, Barbel?“ frage ich. Sie lacht dazu, und weiter nichts. Vom Bruder Rocherl spricht das Mädel wenig. Und von ihrem Guido gar nicht. Das sind die stillen Wasser! Der Herr Bräutigam strengt sich auch nicht an mit seinen Huldigungen. Ich glaube, sie sehen sich nicht einmal an jedem Sonntage. Nun, jetzt kommt ja bald die Zeit des bekannten Himmels voller Geigen.

Übrigens soll die Hochzeit wieder einmal verschoben worden sein. Diesmal wäre der Schneider Setznagel die Schuld. Der könne bis zu Leopoldi das Bräutigamgewand nicht leisten. Die schönen Tuchhosen, natürlich! Na, dann freilich. -- Guido, Guido! Ein Verliebter muß auch ohne Tuchhosen heiraten können. --

Der Kurat hat durch den kleinen Franzel anfragen lassen, ob die Barbel an Sonntagen nicht wieder auf den Kirchenchor kommen wolle, und mitsingen bei der Messe? Sie soll früher eine gar liebliche Singstimme gehabt haben. Mich hat das gefreut vom Kuraten, und wohl auch das Mädel scheint vergnügt darüber zu sein, daß die Kirche ihr dieses ungute Lebensjahr ausgestrichen hat. Aber vor der Gemeinde singen, wie im Engelschore, das mag sie nicht mehr.

Vor kurzem hatte der Geistliche auf den Lehrer gestichelt, und zwar mit der Heustange. Es war auf der Kanzel das Evangelium vom Hochzeitsmahle gelesen worden. -- Du kennst ja die Parabel. Nachdem die geladenen Gäste nicht erschienen waren, ließ der König die Erstbesten von der Straße hereinrufen, und ereiferte sich dann sehr, als unter diesen Straßenleuten einer kein hochzeitliches Kleid an hatte. Zornig darüber läßt er ihn an Händen und Füßen binden und in die Finsternis werfen. Schon mancher gelehrte Knacker hat sich an dieser evangelischen Nuß die Zähne ausgebissen; der Hoisendorfer Kurat aber hat ganz feste im Mund und sprach darüber, wie folgt:

„Ihr werdet, christliche Zuhörer, diesen König gewiß für einen großen Thoren halten. Da ladet er schnell die Vagabunden von der Straße ein und wundert sich, wenn sie kein Festgewandel anhaben. Das hättet halt ihr gewiß wieder gescheiter gemacht, natürlich! Ich aber kann euch sagen: der Herr Christus hat mit seinem Gleichnis schon recht gehabt. Er hat nicht das auswendige Hochzeitsröckel gemeint. Was kümmert sich der liebe Jesus um Hoffartsfetzen. Nein, das Inwendige, den Seelenschmuck, die Tugenden hat er gemeint. Und ein solches Hochzeitsgewand soll jeder Mensch zu jeder Zeit anhaben, auch bei der Arbeit auf Wiesen und Feldern, denn er weiß, daß auf einmal der Hochzeitsbitter kommen kann, und +ihr+ wisset, wen ich mit diesem Hochzeitsbitter meine. Diese Festtracht, die Tugenden und guten Werke, ist bei den Leuten freilich nicht Mode. Aber den Madensack mit bunten Fetzen zu zieren, das ist Mode. Mancher glaubt, am Ostersonntag oder einem andern Feste wäre nicht die Herzensreinheit, sondern der große Hutbuschen die Hauptsache und immereinmal steigt ein Bräutigam um, der nicht Hochzeit hält, wenn es die Liebe will, sondern bis die neue Tuchhose fertig ist!“

Na, das war ausgiebig. Ein paar Leute lugten auf den Platz hin, wo der Lehrer saß, dieser that nichts desgleichen. --

Das Mädel scheint sein Zuwarten gewohnt zu werden und macht sich nichts draus. Nun, dann mache ich mir auch nichts draus.

Aber schon gar nichts -- glaube es mir!

Dieser Guido Winter ist doch ein O... --

Ein Opfer seiner Unentschlossenheit.

Am fünfundvierzigsten Sonntage.

Als ob das zwei verschiedene Rassen wären, die vom Kulmbockhofe und die vom Adamshause. Und sind doch +eine+ Sippe, deren gemeinsamer Stamm sich im Pfarrbuche leicht würde nachweisen lassen. Wer löst mir dieses Geheimnis von der Erbsünde, die bei den einen sich in behaglich grunzende Niederträchtigkeit, bei den anderen in tragische Schuld auswächst!