Erdsegen: Vertrauliche Sonntagsbriefe eines Bauernknechtes.

Part 21

Chapter 213,650 wordsPublic domain

„Dann müßte ich noch einmal Licht machen“, sagt er, „denn im Dunkeln ist’s unheimlich, von solchen Sachen zu sprechen. Ich wollte es eigentlich für mich behalten. Doch weil wir schon dran sind. Weitersagen sollst es nicht, denn es kann mich getäuscht haben. Es kann ein Anderer gewesen sein. -- Er soll ja dem Bruder nach sein, sagt ihr.“

„Sprichst du vom Rocherl?“

„Gestern abends, als ich durch den Edelbrand gehe, fällt es mir auf, daß hinter einem Stein, der unter Rotkiefern steht, sich etwas bewegt, ein Mensch, der sich duckt. Wie ich hintreten will, um zu sehen, wer es ist, springt Einer auf und in das Dickicht. Ein Schußgewehr hat er bei sich gehabt und der Adamshauser Rocherl ist’s gewesen.“

„Hast du ihn sicher erkannt?“

„Ich werde mich nicht getäuscht haben. Er hatte eine Hand in der Binde. Mit der andern hat er auf mich schießen wollen, ich bin überzeugt.“

„Lehrer!“ sage ich, „solche Dinge redet man nicht so leichtsinnig heraus. Auf dich schießen wollen, was ist das für eine Rede! Erstens ist er’s gar nicht gewesen, in der Binde können auch andere Leute ihre Hände tragen und zweitens ist’s ein windiger Wildschütz gewesen, den du auf seinem Anstand gestört hast.“

Der Winter versetzt: „Gut, ich will sagen, es kann mich betrogen haben, ich will es sagen. Bei mir selber bin ich fest überzeugt, es war der Rocherl und der hat mich erschießen wollen.“

„So sage doch, welche Gründe du hast zu dem fürchterlichen Argwohn! Müßte denn schon das böse Gewissen sein über dein fortwährendes Säumen mit der Barbel. Es hat ja thatsächlich den Anschein, als wolltest du auskneifen, in diesem Falle wäre ein faustischer Valentin ganz an rechter Stelle.“

„Mein Lieber!“ sagt er, „wenn dieser Mensch nach dem Verlobten seiner Schwester schießt, so ist es -- Eifersucht.“

Ich stutze, also wäre ich mit meinem Verdachte doch nicht allein. Aber zugegeben habe ich es dem Lehrer nicht.

„Sei es wie immer, Guido, mache Hochzeit und es wird alles anders sein. Schon dieses tollen Knaben wegen -- +wenn+ es so wäre.“

Daraus redete er eine Weile noch so herum, das einemal ist’s ganz sicher, das anderemal frägt es sich um Wenn und Aber, und man dürfe sich in solchen wichtigen Angelegenheiten nicht übereilen und wenn er jetzt sofort heirate, sehe es ja genau so aus, als ob er sich durch den angedrohten Schuß habe schrecken und zwingen lassen. Nein, auf solche Weise kriege man einen Guido Winter nicht herum, der wisse schließlich immer noch selber am besten, wann und wen er heiraten wolle.

„Weiter,“ sage ich, „das klingt schon entschiedener, das ist schon kein Auskneifen mehr, das riecht nach offener Absage.“

„Was du schon wieder deutelst!“ ruft er und lacht auf. „Na, damit ihr ruhig schlafen könnt all miteinander -- soll’s noch in der Allerseelenwoche sein? Gut, also gleich danach.“

Zwölf Tage nach Allerseelen -- das ist ein Sonntag. An diesem Tage will er sich mit ihr trauen lassen.

Ich bin dir redlich froh, einen Tag festgenagelt zu wissen, daß endlich die Herzen zur Ruhe kommen im Adamshause....

Wenn mir der Winter auf das Mädel gut ist, dann will ich auch noch andere schöne Charakterzüge von ihm aufschreiben. Zum Beispiel.

Vor einigen Tagen war’s. Während der Schulstunden hat sich ein vagabundierender Handwerksbursche in das Wohnzimmer des Lehrers geschlichen und ein Paar Schuhe gestohlen. Bei der Bachbrücke unten, während er sie an seine Füße thun will, ist er schon aufgegriffen worden. Noch keck war der Kerl.

„Was wollt’s denn?“ sagte er, „glaubt’s ’leicht, unsereiner mag im kalten Reif und Schnee barfuß umsteigen, wenn jetzt der Winter kommt! Dieweil der Herr ein überflüssiges Paar unter seinem Bette stehen hat! Soll zusperren die Thür, wenn er will, daß ihm nichts gestohlen wird! Ist eine Schlamperei, das. Ich bin eh noch gut gewesen. Ein anderer hätt’ auch den Wettermantel mitgenommen. Hätt’ mir wohlgethan. Na, denk’ ich, das nit, stehlen thust nit. Nur das Paar Schuh nimmst mit. Das wird etwan doch nix Schlechtes sein, wenn er sie nit braucht. Goscht eh schon, beim Spitz, der eine!“

„Wissen Sie was,“ sagte hierauf der Lehrer, „die Schuhe sollen Sie haben. Müssen mir dafür aber eine Fuhr Brennholz klieben.“

„Schmutzian!“ knurrte der Vagabund und wirft ihm die Schuhe vor die Füße: „Da hat Er seinen Dreck! Thut eh schon die Goschen auf.“

Wer im Gebirge die Polizei rufen wollte, den würde das Echo ausspotten. Deshalb hat der Lehrer den alten Gauch bei den Ohren genommen und so wacker geschüttelt, daß das Zähneklappern bis zum Wirtshaus hinauf gehört worden ist. Das hat den Vagabunden aber noch lange nicht um seinen Humor gebracht. Bevor er davon lief, hat er sich beide Hände an die Ohren gehalten: „Die Hörwascheln wären jetzt freilich heiß, aber die Zehen frieren.“

Darauf hat der Lehrer die Schuhe dem frierenden armen Teufel nachgeworfen. -- Hoffentlich reut es ihn nicht, wenn er sich sein nun einziges Paar an den Füßen blank wichsen muß.

In der Schule ist der Lehrer seiner Sache sehr sicher, da macht er’s weder sich noch den Kindern zur Qual. Die Kleinen läßt er A, B, C sagen und Wörter lesen und auswendige Sprüchlein herbeten. Nach dem Inhalt wird nicht viel gefragt, das hält zu lange auf. Die Eltern fragen ja auch nicht, was das Wort bedeutet, sie sind’s zufrieden, wenn’s der Schüler flüssig lesen kann. Recht lesen ist gut, aber schnell lesen ist besser, denken sie, weil das nicht viel Zeit kostet. Beim Ausfragen weiß fast jeder Schüler flink Antwort. „Wieviel ist zweimal sieben?“ fragt der Lehrer. -- „Zweimal sieben ist -- ist -- ist --“ stottert der Schüler. Der Lehrer hilft nach: „Ist vierz...“ -- „Ist vierzehn!“ -- „Brav, Michel, das geht ja ganz gut.“ Und so kommen sie glatt über den Stoff hinweg. Zum Wiedervergessenwerden ist’s gut genug gemacht, denkt sich der Winter, und im nächsten Jahre würde es schon besser gehen. Nach der Schule, am Waldrain, wenn der Winter ein Hummelnest besichtigt oder ein zuckendes Fröschlein in die Hand nimmt, da stehen sie um ihn herum im engen Kreise und schauen, was er macht, und hören, was er sagt, und merken sich alles. Aber ob bei der Schulprüfung der Herr Inspektor fragen wird, wie weit am Waldrain die gelbgefleckten Molche ihre Mäuler aufthun oder wie die Eichhörnchen ihre Nester bauen, das möchte ich doch zu bedenken geben. Manchmal bestellt der Lehrer den Vorgeschrittensten der Klasse zum Schulhalten, dieweilen er selbst im Stübel seine Schuhe nagelt oder losgelöste Knöpfe in den Rock näht, und wenn sie die Rechenaufgaben gut gemacht haben, dann dürfen sie nach der Schule mit ihm Käfer suchen gehen. Freilich machen sie die Aufgaben gut, weil sie einer vom andern abschreibt. Wozu soll denn jeder extra noch für sich das Pulver erfinden, wenn’s der eine schon erfunden hat! Er sieht die Rechnungen auch weiter nicht durch, Pedanterie ist nie sein Fehler gewesen, und nach den Schulstunden ist er selbst immer der froheste. -- Das Beste an allem ist, daß die Kinder dem Lehrer sehr zugethan sind, und er in Sachen des Betragens auf sie Einfluß hat. Es ist noch keine Sittlichkeitsklage vorgekommen. Alles andere wird sich schon geben. Rechnen lernt der Mensch erst, wenn es sich nicht mehr um Ziffern und Fleißzetteln handelt, sondern um wahrhaftige Kornmetzen, Holzmetern, Gulden und Kreuzer. Und andererseits, meint der Winter, könne es dem besten Mathematiker passieren, daß er sich im Leben manchmal verrechnet.

Ich kenne auch jemanden, der gut lesen, schreiben und rechnen kann und doch bis heute nicht weiß, woran er ist. Dieser jemand +las+ in seinen Augen, +verschrieb+ ihm das Herz und +rechnete+ auf Treue.

Im Ganzen, muß ich dir gestehen, kennt man sich nicht aus. Manchmal kommt mir vor, der Kerl hätte zwei Seiten, wie Krämerloden. Auf der einen strammer Moralist, und wendet man ihn: Bruder Liederlich.

Was er nur aus der Barbel machen wird? Oder sie aus ihm? -- Das Letztere wäre mir nicht bange.

Am einundvierzigsten Sonntage.

Die Einlage deines Schreibens vom 2. dieses hat mich nicht wenig überrascht. Nein, so war’s nicht gemeint. Am Ende bedarf ich auch jetzt noch deines lieben Zuspruches mehr, als des Geldes, obschon diese materialistische Anwandlung deiner Philosophie sich im Grunde gar nicht so übel macht. Zurückzahlen kann ich dir den Betrag nur durch einen Wechsel, durch einen Schicksalswechsel. Vom Bauernknecht hast schlechterdings nichts zu erwarten. Diese Kerle zahlen nicht. Wenn der Journalist oder der Schriftsteller nicht kreditfähiger sein sollte! -- Ich will ja groß niedersteigen vom Berge des Adamshauses, zu euch, mit einem Buckelkorb voll Geistesdünger, und eine litterarische Wirtschaft anfangen. Ganz frischen, sehr kräftig duftenden Naturalismus bringe ich mit hinab. Das heißt, in meinen Romanen sollen die Idealisten als solche sehr naturalistisch geschildert werden. Damit kann jede Litteraturrichtung zufrieden sein und der Gläubiger hoffentlich auch.

Nun wisse aber, guter Freund, daß ich mit deinem Hundertguldenschein in großer Verlegenheit war. In der hiesigen Bauernschaft hat ihn niemand zerlegen können, nicht einmal der Hoisendorfer Kirchenwirt, trotz seines Tischtrühleins voll Scheidemünzen. Erst aus Kailing ist Hilfe gekommen. Da fiel mir jener Goldklumpen in der Wüste ein und daß eine Kornähre mehr wert ist, als der schönste nagelneue Tausendguldenschein. Bargeld wird erst Wert, wenn Erdsegen dazukommt. -- Stimmt’s?

Dein Anerbieten, daß du dich nach den gegenwärtigen Verhältnissen der „Kontinental-Post“ erkundigen willst, besonders, wie es mit dem Zeugen Lobensteiner steht, nehme ich mit großem Danke zur Kenntnis. Frage doch auch nach, wie es dem Reporter in der Nervenklinik geht. Entsinnt sich dieser noch auf den Fall, dann hielte ich die Geschichte jedenfalls für gewonnen. Übrigens ist es mir undenkbar, daß Doktor Stein auskneifen könnte. Wettschuld ist Spielschuld und Spielschuld ist Ehrensache. Die einzige Ehrensache, auf die sogar auch der Lump noch was hält.

Und nun wieder zu meinen Berichten.

Der schreckliche Rocherl ist immer noch in Verstoß. Der Hausmutter wurde nahegelegt, seinen Verlust auf den Kanzeln verkünden zu lassen. Sie will aber die Schmach eines durchgegangenen Kindes nicht an die große Glocke hängen. Wir haben ihn ja eigentlich schon fast einmal gehabt. Am vorigen Mittwoch hat uns der Jäger Konrad sagen lassen, daß der Rocherl sich in der Legwindhütte aufhalte. Das ist keine erfreuliche Nachricht, so froh man auch über die gefundene Spur sein muß. Die Legwindhütte im Fuchsgraben ist eine abgekommene Almwirtschaft, in der sich gern allerlei Gesindel aufhält. Landstreicher, Wilddiebe, neuestens sogar verrufene Weibsbilder, will unser Gemeindevorstand wissen. Von Zeit zu Zeit räumen Gendarmen das Nest; aber allmählich füllt es sich wieder mit zweifelhaften Leuten, die bei der alten Legwindhütterin Zuflucht suchen, dort ihre Kartoffeln braten und ihr für den Unterstand manchen Bissen zubringen. Was den Jungen bestimmen soll, gerade in dieser Höhle zu hocken?

Nun, so sind wir am letzten Donnerstage ausgezogen zur Fange. Die Hausmutter, die Barbel und ich. Die Barbel wollte anfangs nicht mit. Sie scheint zu ahnen, daß der Rocherl sich jetzt sozusagen auf Menschenwild-Jägerei verlegt. Sie spricht von ihm, wie von einem Kranken. Und hat sie die Bemerkung gethan: „Mein Gott, man weiß gar nicht, was es manchmal für ein Glück ist, wenn liebe Leute sterben. Hätte ihn der Jäger damals anders getroffen, so hätte ich jetzt einen Bruder im Himmel.“

Es war das härteste Wort, das ich je von dem Mädel gehört habe. Die Mutter hat sie gleich derb zurechtgewiesen: „Red’ nur du nit! Ich hätt’ meine Tochter auch lieber als Jungfrau im Himmel --“

Da muß man sich ins Mittel legen. Ist der stets beschwichtigende Adamvater nicht mehr da, so muß ein anderer dran.

„Das wäre nicht schlecht!“ sage ich. „Böse Red’ darüber, weil im Himmel die Engel sind und auf Erden die Menschen.“

Wie mich auf dieses Wort das Mädel dankbar anblickt! Gott, hat +die+ ein Augenlicht!

Darauf habe ich mich kühn auf den Evangelisten gespielt, der Herr habe mehr Freude an einem wiedergefundenen Schafe, als an neunundneunzig verlorenen. Und darum wollten wir getrost ausziehen, das verlorene wiederzufinden. -- So schief dieser Bibelausspruch geraten ist, sie waren dankbar dafür.

Dann sind wir hineingegangen über die Almen und hinten hinab in den Fuchsgraben. Die Hausmutter war sehr kriegerisch gestimmt; von ihrem Stecken schien sie etwas zu erwarten, den sie bei jedem Schritte fest in den Boden stieß. Die Barbel aber meinte doch, daß man mit Stecken keine verlaufenen Schafe locke. Als wir der Legwindhütte nahe kamen, sagte sie: „Gelt, Mutter, wir wollen recht gut mit ihm sein, wenn wir ihn finden.“

„Den Stecken schlag’ ich heut mitten ab!“ rief die Hausmutter und schwang ihren Haselstab. „Über wen, das werden wir schon noch sehen. Verführt ist er worden!“

Wir kommen in die Schlucht hinab. Die Büsche gilben, aber die Blätter hängen noch an den Zweigen. Den Fuchsgraben hat das Hagelwetter verschont, es hätte sich wohl kaum ausgezahlt, hier über Hasel- und wilde Beerensträucher den kalten Zorn des Himmels niederzuschleudern. Die Hänge sind mit Brombeerstrauchgewinden übersponnen, darin krauchen einzelne Gestalten umher und halten Mittagsmahl bei den dorrenden Früchten. An der Felswand lehnt die Legwindhütte, aus braunen Steinen roh gemauert; der bindende Mörtel ist schon aus den Fugen geschwemmt. An Thür- und Fensterstöcken hat der Regen die schiefergrauen Holzfasern bloßgespült, die Fensterscheiben bestehen teils aus erblindetem Glase, teils aus Papier, teils aus Lappenballen. Die Dachbretter sind mit Steinen beschwert. Daneben, mit zerzausten Strohschauben geflickt, eine Art Ziegen- oder Schweinestall. Das Ganze ist mit Sauerampfern, Brennesseln und unsauberen Dingen umwuchert. Da hast du die Herrlichkeit, die in jedem Salon hängen kann -- auf der Leinwand. Am Bache, der in der steinigen Schlucht niederrauscht, kniet die alte Hexe und schwemmt eine blaue Männerhose durch. Ich trete zu ihr, schüttle sie an der spitzen Schulter und schreie zur Wette mit dem Wasser, wo der Adamshauser-Sohn wäre? Sie glotzt mich dumm an, sie sei die Legwindhütterin und wisse nichts von einem Adamshauser-Sohn.

„Aber sie wäscht ja gerade seine Barchenthose!“ sagt die Barbel.

Dann ist er im Neste. Wir dringen in die Hütte. An dem schrillen Winseln der rostigen Thürbänder erkenne ich die kluge Wachsamkeit der Unterstandgeberin. In der dumpfmürfelnden Stube ist mein erstes, daß ich mir den Kopf an den Trambaum stoße. Die Beine verstricken sich in Stroh, das auf dem Boden wüst herumliegt und stellenweise mit alten Kleidungsstücken bedeckt ist. Auf dem wurmstichigen Tische liegt ein abgegriffenes Kartenspiel und stehen geleerte Schnapsgläschen, in denen Fliegen kleben. Am rußigen Kachelofen hängen nasse Hemdenreste. Zu sehen ist niemand. Wir treten in die Küche, wobei die Barbel ängstlich meinen Arm umfaßt, denn es ist dunkel und die morschen Fußdielen wanken unter den Tritten. Nach faulen Rüben riecht es und in der glosenden Herdglut liegen halbverkohlte Kartoffeln. Auch hier niemand vorhanden. Dann steige ich die Sprossenleiter hinauf in das Dachgelaß. Dort, im Heu vergraben, liegt einer, ich sehe nur das schwarze zottige Haupthaar. Bald hebt er sich und brüllt: „Wer ist da?“

„Das frage ich!“ meine Antwort.

Er richtet sich aus dem Wuste hervor: „Das fragst du? Gut, schöner Herr, du sollst es hören. Aber komm’ mir nit in die Nähe. Es ist ungesund, da heroben. Ich bin ein doppelter, wenn du es wissen willst. Der bayerische Hiesel und der Schinderhans.“

„Ah, guten Morgen, meine Herren!“ lache ich. „Dann ist wohl einer von euch beiden so gut, mir zu sagen, ob nicht noch ein dritter da ist, der sich Rochus Weiler nennt.“

„Weiß nix,“ antwortet die Stimme.

„So weiß es vielleicht der andere.“

„Weiß auch nix,“ antwortet dieselbe Stimme. Nun merke ich, es ist ja überhaupt nur einer da.

„Er trägt eine Hand in der Binde,“ erkläre ich.

„So, den Einhandel meint der Herr. Kann nit weit sein, weil seine Pfeife dort ist.“

Seine Pfeife, das war unsere alte Flinte, die wahrhaftig im Dachwinkel lehnte. Weil wir drinnen und draußen keinen Rocherl vorfanden, so habe ich die Flinte auseinander gethan und zu mir gesteckt.

Oberhalb der Hütte auf dem Moosfilz haben wir uns niedergesetzt, haben gewartet bis in den späten Abend. Mancher arme Schelm ist aus Strupp und Kraut herbeigekommen zur Hütte, hinein und wieder heraus und träge an ihr herumgeschlichen. Der Rocherl war nicht zu sehen. Unverrichteter Sache sind wir nach Hause gekommen um Mitternacht.

„Weil wir nur das haben,“ sagte die Barbel, als ich die alte Flinte an den Nagel hing. Im Vorhause war es ganz finster. Als wir auseinandergehend uns Gute Nacht sagten, tastete sie nach meiner Hand und sprach: „Ich danke dir, Hansel, daß du mit uns gegangen bist.“ Und so weich und warm sind ihre Finger gelegen einen kurzen Augenblick auf meinem Gelenke.

Philosoph, Philosoph! Das Mädel wird lebendig!

Am zweiundvierzigsten Sonntag.

Himmlisch ist es geworden auf den Bergen, jetzt auf einmal wieder! Wie unvergleichlich schöner ist der stille, klare, beständige Herbst, als der launische, springende schlagende und stechende Mai -- der Flegelmonat des Jahres. Könnte ich es dir zeigen, wie jetzt die Buchen und Kirschbäume in purpurnem Rot, die Ahorne und Lärchen in leuchtendem Golde stehen und die weiten Fichtenwaldungen in schwarzblauen Tinten dämmern. In den Wiesenthälern schimmert der silberne Reif und auf allen Höhen Sonnenschein, Sonnenschein! Der ganze Almgai ein bunter Strauß unter dem Glassturz des kristallklaren Himmels. -- Mensch, ich habe nicht umsonst gefürchtet, poetisch zu werden, bevor dies Jahr zu Ende geht. Oder ist meine Sehkraft schärfer geworden, daß auf den grünen Almen die Sennhütten wie weiße Eierchen glänzen, daß im fernen Felsgebirge jede Runse, jedes Riff, jede Sandhalde und jeder Schneeflecken so deutlich und klar geworden ist, als liege das weite Luftmeer gar nimmer dazwischen. Ein kühler Berghauch bringt mir den Duft der Cyklamen, Gentianen und des feuchten Erdreichs.

Und in dieser neuen Schönheit ist das alte Leid. Wie mag sonst das Treiben des Herbstes hier sein? Die Felder und Gärten besäet mit heiteren Menschen, deren Stimmen erntefroh von Berg zu Berg klingen, den Vogelsang des Frühjahres reichlich ersetzend. Und in diesem Jahre? Alles tot, alles schweigend. Nur da und dort knallt ein Hirte mit der Peitsche, aber nicht aus Lust, sondern aus Unmut, weil die Rinderherde ruhelos Gras suchend auf dem frostversengten Rasen unstet umhergeht und immer über die Berainung hinauswill. Sonst haben sich auf freiem Anger herlebige Burschen zusammengefunden zum Singen, Ringen und zu anderer Kurzweil. Dies Jahr streichen sie zu einzeln mürrisch umher, sinnend und grübelnd, wohin sie nur ihr thätiges, begehrendes Wesen wenden sollen, wenn es in den heimatlichen Bergen nicht mehr zu leben ist. Und in den Gräben rauscht und rauscht immerwährend das Wasser, gleichsam im Traume lallend: Der ewige Herr im Bergland bin ich. Ich meißle den Fels und bröckle ihn ab. Ich baue die Alpen und reiße sie ein und trage sie dahin. Deine Felder und Häuser schwemme ich davon, o Mensch, und auch deine Gräber...

Und da, mein Freund, kommt es mir in den Sinn, ob diejenigen nicht doch am Ende recht haben, die den Menschen lostrennen wollen von der Gebirgsscholle, daß er sich in der weiten Welt eine wohnlichere Statt suche und gründe. -- Nein, nein, die altständige Menschennatur stemmt sich dagegen, an nichts hängt sie so fest als an der Heimat. Und im Gebirge stehen die Geschlechter am längsten. Die Menschheit steht nirgends so fest gegründet, als im Bauerntum, und dieses nirgends so tief als in den Bergen. Wenn dieser Grund bricht, was soll dann noch halten? Können im Nomadentum alle Keime des Adamsgeschlechtes sich so reich und edel entwickeln als in der Bodenständigkeit? Nur unglückliche Völker wandern, Kain ist der erste Nomade gewesen. -- Woher stammt unsere Kultur? Wo hat sie ihren Sitz, an alten festen Stätten oder auf der Straße? Industrie und Handel bauen über Nacht Städte, die auch wieder über Nacht zerfallen. Sie bauen nur Zelte. Das Bauerntum, dieser Granit der Menschheit, baut Häuser, und aus diesen Häusern sind immer wieder, eine reiche, überschüssige Kraft, diejenigen hervorgegangen, die da Burgen, Schlösser und Kirchen gegründet haben, und solche Städte, die jahrhundertelang wachsen, jahrhundertelang eine Blüte der Menschheit sind und jahrhundertelang brauchen, bis sie zerfallen. Und das Patriziertum, aus welchem sich Zucht, Gehorsam, Würde, Kraft, Treue, Vaterlandsliebe und gesellige Sitte organisch entwickelt hatte, wodurch soll es neu nachgefrischt und ersetzt werden? Es wird hinfällig sein, wenn die Bodenständigkeit aufhört, wenn der Bauer -- sei es durch Unwetter und Bergwässer, sei es durch sociale Mächte -- fortgeschwemmt wird von seiner Scholle.

Du weißt es, Freund, daß ich vor einem Jahre noch vom Bauerntum vielfach gesprochen habe wie ein Blinder von der Farbe. Ich liebte es wie eine Idylle von Salomon Geßner. Heute liebe ich es wie die Odyssee! In diesem Stande, mein Alfred, ist neben finsteren Gewalten eine Opferwilligkeit und eine stillduldende Liebe, die ans Heldenhafte grenzt. Es ist in ihm eine Kraft und eine Geistesthätigkeit, von der die Hochmutspinsel im Frack keine Ahnung haben. Und wenn ich auf dieser Welt je an Glück glauben könnte, ich würde es suchen und versuchen fern von der rasenden Welt im Frieden eines ländlichen Hauses, inmitten der ewig herrschenden Natur, die mich belebt, beschäftigt und ernährt, die man selbst in ihrem Grimme noch anbeten und lieben muß. -- Und in dieser Erkenntnis habe ich mir vorgenommen, meinen armen Adamsleuten beizustehen, daß sie sich so lange als möglich auf ihrer alten Heimstatt halten können. Welch ein Elend auch hier sein mag, besonders wie in diesen Tagen, immer noch besser, als in der Fremde unstet sein und wehrlos vom wilden Zeitgeist hingerissen zu werden. Herrgott, wenn ich mir da draußen in den schwankenden Weiten meine alte Hausmutter denke! Oder mein treuherziges Mädel! -- Wird mir doch schon ganz daumelig, wenn ich mir sie vorstelle als Lehrersfrau, mit Kind und Kegel von einem Schulhause zum andern wandernd. Ist es denn wirklich so großartig gut und klug, wenn man diese zwei Leute zusammenkuppelt für alle Tage, bloß weil sie sich einmal ein wenig lieb gehabt haben?

Am vorigen Sonntag, als wir nebeneinander knieten auf der Tischbank, um die gemeinsame Sonntagsandacht zu verrichten, hatte ich eine traumhafte Erscheinung. Schwebte plötzlich über den Häuptern eine Hand, und als ich aufschaute, war nichts und niemand in der Nähe. Es war eine flache, sich breitende Bauernhand gewesen, wie dem seligen Adam seine. Mir stockt hierauf das Gebet und die Barbel schaut mich betroffen an. -- Man wird ja so anders, so ganz anders auf diesen feuchten Schollen -- so als ob eine dunkle Seele aus ihr aufstiege, von der man sachte besessen wird. --

Nur gut, daß es doch wieder Ereignisse giebt, die mich gründlich ernüchtern. An einem Fichtenbaum ist mein Stolz zerschellt. Vernimm den Bericht.