Erdsegen: Vertrauliche Sonntagsbriefe eines Bauernknechtes.

Part 18

Chapter 183,841 wordsPublic domain

Der Adam legte den Brotlaib hin, legte das Messer hin und sprach mit schwankender Stimme: „Thut’s mich nit so peinigen, meine lieben Leut’. Ich derkenn’ ja die Ehr’, daß unsere Tochter so eine Heirat kunnt machen. Aber zu jung. Noch allzujung. Gelt, Mutter, ’s wär noch zu früh?“

Seine Berufung auf die Hausmutter war keine glückliche.

„Zu jung?“ sagte sie, „das möcht’ wohl kein Unglück sein. Älter wird der Mensch. Und haben schon jüngere geheiratet. Daß sie sich gern haben, das zeigt sich ja. Das zeigt sich ja wohl leider Gottes! --“

Der Hausvater hatte sich auf die Bank gesetzt, legte die Hände ineinander und man merkte ihm eine schwere Beklemmung an, als er sagte: „Wie das hart ist, wenn man auf einmal sein Kind sollt weggeben...“

Ging sein Weib vom Herde an den Tisch, setzte sich zu ihm, ganz nahe und sprach fast zärtlich: „Wird uns halt sonst nichts übrig bleiben, Adam. Wird wohl sein +müssen+. Die paar drei Wochen sind bald vorbei, die sie noch hat. Wenn sie gleich anfangen, kann’s noch zu rechter Zeit in Ordnung gebracht werden.“

Jetzt schaute der Adam auf sein Weib, dann auf den Lehrer, dann wieder auf sein Weib. Sein Gesicht war völlig fremd, in gemütlichem Tone, aber recht heiser sagte er: „So, so. -- Ist’s wohl doch wahr. -- Hab’s nit glauben wollen. -- Hab’s nit glauben wollen. -- Die Barbel. -- Meine Barbel... Nachher freilich wohl....“

Allsogleich nach diesen Worten wandte die Hausmutter sich ganz vergnügt dem Lehrer zu: „Nachher thät’s ja so weit richtig sein. -- Geh’, Franzel, ruf’ die Dirn’. Das dumme Ding soll doch herkommen. Zum Schamen ist’s schon lang’ zu spät. Kann Gott danken, daß es noch so ausgeht. -- Aber thu’ sich der Herr Lehrer doch hersetzen zum Tisch. Jetzt wird er halt schon thun müssen, wie daheim und ein Bauernessen nit verschmähen. -- Was hat denn der Vater? -- -- Jesus Maria, was hat denn der Vater?!“

Unser Hausvater hatte sich in den Winkel gelehnt. Matt röchelte es in seiner Brust.

Was soll ich dir sagen, Alfred? -- Nach wenigen Minuten ist’s vorbei gewesen.

Das war gestern, als am 14. August.

Am vierunddreißigsten Sonntage.

Welch eine Wucht von Drangsal und Trübsal in diesem Hause! -- Mit einem Schlag bin ich in den Mittelpunkt versetzt, als wäre ich Hausvater und Bruder. Alle stützen sich auf mich und weinen. Alle schauen zu mir um Rat, was jetzt zu thun sei. Aus welch frevelhaftem Grunde bin ich in dieses Haus gekommen und welch ernste Menschenpflichten haben meiner hier gewartet? Wenn die heilige Last dieses Standes und das Erbarmen mit den Duldern mich nicht einigermaßen geläutert hätten, wie wäre ich diesen Tagen gewachsen! Hier der tote Vater, hier die gefallene Tochter, hier der von unheimlichen Leidenschaften bethörte Krüppel, hier der Soldatenflüchtling -- und über allem der wirtschaftliche Zusammenbruch des Hauses!

In der Nacht, da ich verwirrt und ratlos auf meiner Truhe saß, kam mir ein Gedanke, für den ich mich hätte peitschen mögen wie einen feigen Hund. -- Was hält dich denn fest in diesem Jammerhause? Nimm den Stecken und geh davon. Im Vordergai brauchen die Bauern jetzt auch Leute. -- Teufelseinflüsterung, verfluchte! Wer denkt noch an die thörichte Wette! Mein Platz ist hier und nirgends als hier. Das will ich doch mal sehen, ob aus dem Haderlumpen, der ich war, ein treuer Mensch werden kann, oder nicht!

Nur dir muß ich schreiben dürfen, Alfred, nur du darfst mir dein gutes Wort nicht versagen. Dann will ich’s versuchen zu leisten, was jetzt von mir verlangt wird. Und nun höre die weiteren Berichte aus dem Adamshaus.

Als bei jenem Mittagsmahle der Adam gestorben war, da habe ich es zunächst nicht glauben können. Derselbe Mensch, mit dem ich eine Stunde vorher gearbeitet hatte oben bei der Brunnenquelle, der zu mir noch gesprochen hatte, wie ein Mensch zum andern spricht -- der lehnt jetzt da im Wandwinkel, wird blaß, wird kalt und starr. Wie wir seinen Namen auch rufen, sein Gesicht begießen mit kaltem Wasser, seinen Leib schütteln und rütteln -- das Auge ist gebrochen. Als ob ihn gewisse Mittel noch retten könnten, so thut die Hausmutter. Sie ruft die Heiligen an, sie trifft Anordnungen zum Laben und Aufwecken, sie spricht ihm zärtliche Worte zu, sie macht Gelöbnisse, sie betet den Sterbesegen. -- „Aber Vater, was ist denn das? So krank werden jetzt auf einmal! Wart’ nur, der kalte Guß, der schreckt dich schon wieder zurück. Das ist doch ein Unsinn, wie es dich wieder packt. Keinen solchen Dampf hast wohl schon lang nit gehabt. Unsere liebe Frau wird’s noch einmal machen. Nur einmal noch hilf ihm, liebeste Mutter Gottes! Am heiligen Christtag und Ostertag will ich fasten dir zu Ehr. Keine Nacht länger als fünf Stunden will ich schlafen -- nur einmal weck’ ihn noch auf, Maria, unsere liebe Frau!“ --

Kein Atemzug mehr, sein verkalktes Aug’ starrt leer dahin. Da sinkt das Weib aufs Knie: „Kreuzsterbender Jesu, erbarme dich seiner!“ Und schreit: „Adam! Adam! Ohne Behütgottnehmen gehst du mir fort? -- Mein Mann, mein lieber Mann! -- Adam!“ -- -- Dann knickt sie zusammen: „’s ist aus und ’s ist vorbei.“

Und wie das Klagen angeht in der Stube, richtet sich die Hausmutter auf und schreit: „Still sein thut’s! Daß wir noch ein zweites Unglück kunnten haben!“

Der Franzel, der die Barbel hätte rufen sollen, war immer noch an der Thür gestanden. Jetzt ging die Mutter zu ihr hinaus. „Hast recht,“ sagte sie zum Mädel, „hast schon recht, daß du in deinem Stübel bleibst. Bei uns in der Stuben hat’s wieder einmal was gegeben. Der Vater will nit. -- Mach’ dir aber nichts draus, er wird schon wollen, du kennst ihn ja. Bis der Sturm vorbei ist. Den Dampf hat er auch wieder. Ist nur am gescheitesten, du zeigst dich derweil nit auf.“

Eine ganz unglaubliche Verstellung, aber du wirst dir’s denken, weshalb dem Mädel der plötzliche Schreck zu ersparen war.

Der Lehrer hat dem Adam noch die Weste aufgerissen und sein Ohr an die Brust gehalten. An die stille Brust.

Ich nehme ihn an der Hand: „Guido, komm, du hast jetzt etwas Anderes zu thun. Geh’ zu ihr. Führe sie hinaus über die Felder spazieren und bereite sie langsam vor.“

Da hieb der Lehrer sich die Faust an die Stirn: „Ich bin an allem Schuld!“

„Jetzt heißt’s ein starker Mensch sein! Ich sage dir, geh’ zu ihr hinaus. Nötiger wie jetzt hat sie deinen Beistand wohl ihr Lebtag nimmer!“

Da ist er hinausgegangen, da sind sie beide über den Hof gegangen und dem Rain entlang.

Wir haben den Toten auf der Bank ausgestreckt und dann in größter Betrübnis Rat gehalten, was jetzt zu geschehen hat. Der Franzel wird um die alte Marenzel geschickt, daß sie die Leiche wasche, in den Sonntagsstaat bringe und aufbahre. Der Kleine eilt flink wegshin. Das ist einer, der es noch nicht erfahren hat, daß jemand, der gestorben ist, nimmer und nimmermehr vorhanden sein wird. Der Rocherl muß den Stecken in die Hand nehmen zu einer Wanderung nach Kailing, um die Depesche aufzugeben an den Valentin in Laibach und Sachen für die Leichenfeier heimzubringen. Ich bin nach Hoisendorf hinabgegangen, um beim Kuraten und dem Totengräber die Bestattung zu bestellen. Überall errege ich mit meiner Nachricht die höchste Bestürzung; nur der Kurat hat’s gelassen angehört, wie eine alltägliche Sache. Er ist es ja gewohnt, das Sterben -- bei anderen. Als es zum Verscheidenläuten ist, „Schiedungläuten“ sagen sie hier, fehlt der Lehrer, der solchen Küsterdienst sonst zu verrichten pflegt. Daß, und wo der auf Freiersfüßen aus ist, habe ich nicht sagen mögen. Der Lehrling vom Schmied und ich haben uns an die Glockenstricke gemacht, ich in jeder Hand einen, so haben wir es ins Hochthal hinausgeläutet: Beten, beten sollet ihr! Ein Mitbruder ist verschieden! -- Das hat mir der Schmiedjunge gleich erklärt: wenn’s ein Mannsbild ist, müsse zum Schluß die große Glocke einige Züge lang nachgeläutet werden, bei einem Weibsbild die kleine. Damit sie es wissen. -- Dann mit dem Totengräber, das war schlimm. Denn es ist keiner. Man muß von Haus zu Haus gehen und bitten um Knechte, die -- es ist dafür eine Formel vorhanden -- „aus christlicher Barmherzigkeit den abgerufenen Pfarrgenossen N. N. ein Erdenbett bereiten zur ewigen Ruh.“ -- Sind uns nachher drei Knechte zusammengekommen; ich habe mitgethan, mein lieber Alfred, und so haben wir mit Haue und Schaufel meinem Hausvater eine Raststatt gebaut, wie es keine bessere giebt. Den Sarg macht der Zimmermann Martin, der gleich gesagt hat, das Maß dazu wolle er an sich selber nehmen, sie seien hübsch gleich groß gewesen.

Auf dem Heimweg in der Abenddämmerung treffe ich den Rocherl, der schon von Kailing zurückkommt. Er hat ein Bündel mit Weizenmehl, Preßhefe, Leichlichtern und ein weißleinenes Decktuch -- „Überthan“ sagen sie -- für den Sarg.

Wie wir so hintereinander den steilen Berg hinaufsteigen, erinnere ich mich an jenen ersten Tag, als dort unter dem Lärchbaum im Schnee mit dem Mehlbündel ein erschöpfter Mann gesessen war, aus dem nachher mein guter Hausvater Adam geworden ist.

„Jetzt wird er’s schon wissen,“ sagte der Rocherl.

„Wie es im Himmel ist, meinst du?“

Der Bursche stutzte und sagte noch einmal: „Jetzt wird er’s schon wissen, der Valentin.“

-- Ob es nur auch die Barbel schon weiß? denke ich mir. Der Lehrer muß noch oben sein, weil er nicht unterwegs kommt.

„Wenn er nur Urlaub kriegt?“ warf der Rocherl auf.

„Es ist eine Frage. Haben sie Übungsmärsche, so ist es gar nicht möglich. Übrigens kommt er wahrscheinlich zu spät, denn übermorgen früh ist das Begräbnis.“

Dann erzählte der Bursche, daß der Kailinger Kaufmann wohl recht grob geworden sei, wie er ihm die Sachen hübsch in ein Bündel zusammengeschnürt hergiebt und hört, daß er heute kein Geld kriegt.

„Die Mutter hat dir doch Geld mitgegeben?“ erinnere ich den Rocherl.

„Ja,“ sagt er, „den Dukaten. Der ihr Bindband ist gewesen, wie sie der Vater genommen hat. Jetzt ist’s mir unterwegs eingefallen, was nutzt dem Valentin der Urlaub, wenn er kein Geld hat zum Heimfahren. Und habe ihm gleich den Dukaten telegraphieren lassen.“

Darauf ich: „Ihr seid nicht klug. Ihr wisset es doch, daß ich immer bissel ein Geld im Sack habe.“ Dir offen gestanden, viel nicht mehr! Die aus der Stadt mitgebrachten Kapitalien, vermehrt durch den Erlös von Uhr und Ring und ander Ding, haben hier einen verdammt schlechten Zinsfuß. Ihrer fünfundzwanzig Gulden, oder nahe dran, damit hieße es auslangen bis Neujahr, wenn nicht auf den Baumwipfeln die Vögel sängen: Sorge nicht für den morgigen Tag.

Es ist dunkel geworden, die Wölklein am Himmel haben noch den Rosensaum des Abendrotes. Geruhsam ist alles, und wenn der Weg nicht seine tiefen Löcher und die Bäume nicht ihre gebrochenen Äste hätten, man dächte nicht daran, wie wahnsinnig diese stille Natur manchmal werden kann.

Vom toten Vater sprechen wir nicht, doch wendet der Rocherl sich wieder einmal um und sagt: „Jetzt wirst es doch glauben, Hansel!“

„Was soll ich glauben?“

„Daß dieser Mensch unser Unglück ist.“

Ich habe keine Antwort gegeben.

Endlich kommen wir hinan zum Hause. Das liegt da, eine dunkle Masse, aus zwei Fenstern leuchtet ein roter Schein. Der Rocherl bleibt stehen. Ich sage, er solle doch gleich mitkommen zur Mutter und Schwester. Er bleibt noch immer stehen und jäh hebt er an, heftig zu weinen. -- Er weiß es wohl. Dort, wo der Fensterschein ist, steht die Bahre. Doch, wie wir hinkommen, ist im Hause nicht der Totenfrieden, ist vielmehr ein wirres Durcheinander von Weibern. Der Lehrer kommt zur Thür heraus uns entgegen und sagt: „Wir haben neues Unheil. So wie +ich+ ist noch keiner gestraft worden...“

Der Rocherl stürzt wie wahnsinnig ins Haus.

„Was ist schon wieder geschehen?“

Die Barbel....

Weiter kann ich jetzt nicht. Wir wissen zur Stunde noch nicht, ob sie davonkommt mit dem Leben.

Am fünfunddreißigsten Sonntage.

Dein Brief, mein teurer Freund, hat mich gestärkt. Habe Dank dafür. Der Kompaß deines klaren Geistes giebt mir größere Sicherheit und Kraft zu dem, was ich muß. Du willst nun noch hören vom armen Mädchen.

Ich schrieb dir vor acht Tagen, wie zur Stunde, als der Vater gestorben war, der Lehrer sie hinausgeführt hat ins Freie, um sie vorzubereiten. Zuerst hat er ihr gesagt, daß sie zusammen nun vor Gott und den Eltern Bräutigam und Braut wären. Dann, daß er ihr Freund sein wolle in jeder Freude und in jedem Leide, für das Leben lang.

„Aber der Vater will ja noch nicht!“ hatte sie gesagt.

„Ganz gewiß will er,“ beteuerte der Lehrer. „Erregt mag er ja gewesen sein, anfangs, wer verdenkt ihm das? Wenn er sich auch ungern von dir trennt. Er muß auch wissen, zu wem du nun einmal gehörst.“

„Das ist ja alles recht,“ sagte sie. „Wenn es mir nur nicht immer thät’ vorkommen, mein Guido, als hättest du nur notigerweis um mich angehalten.“

„Wie meinst du das?“

„Ob’s dir wohl auch von Herzen geht!“

„Solche Gedanken sollst sein lassen, Barbel. Du weißt es ja, was ich gesagt habe.“

Und dann sind sie lange umhergegangen über die Felder und Wiesen hin, wo jetzt so viel Schutt liegt. Und haben allerlei besprochen, wie sie es halten wollten in ihrem gemeinsamen Leben, und einrichten in ihrer neuen Wirtschaft. Und das Mädel war dabei ganz froh geworden. Dann war sie einmal still gestanden und hatte gefragt: „Was läuten sie denn zu Hoisendorf?“

„Morgen ist Maria Himmelfahrtstag,“ sagte er.

„Es ist ja noch nit Feierabendzeit,“ meinte sie.

Und er: „Vielleicht hat doch schon jemand Feierabend gemacht.“

Da dachte sie: Es kann wohl wer gestorben sein. Zog mit dem Daumen über ihr weißes Gesicht ein Kreuz und betete still ein Vaterunser. Da dachte der Lehrer: Armes, gutes Kind, du betest für deinen Vater und weißt es nicht. --

Dann sagte sie: „Du solltest ja daheim sein, Guido, wenn es zum Läuten ist.“

„Es läutet der Schmied.“

„Man hat nichts gehört, daß wer krank gewesen wäre.“

Sagte der Lehrer: „Mein Gott, es giebt doch kränkliche Leute in der Gegend. Der alte Gleimer zum Beispiel. Der hat ja immer so viel Atemnot, hört man, und herzleidend soll er auch sein. Der Mensch ist halt keine Stunde sicher.“

„Müßt’ wohl hart sein,“ sagte sie ganz leise, „so wen verlieren, wen lieben....“

„Du hast recht, es ist immer ein Schmerz, wen’s trifft. Aber endlich bleibt es keinem aus, und doch ist’s noch besser, es drücken Kinder den Eltern die Augen zu, als umgekehrt.“

Wie er so gesprochen, da hat die Barbel angefangen unruhig zu werden. Und plötzlich sagte sie: „Ich will aber doch jetzt heimgehen.“

„Es ist noch Zeit, mein Schatz. Gönne dir den schönen Tag.“ Er hielt sie an der Hand. „Siehe doch, wie es schon wieder zu grünen anhebt auf dem zerschlagenen Rasen.“

„Laß mich aus, Guido! Ich will heim zum Vater!“

So hat sie sich von ihm losgerissen und ist schnell den Rain entlang geeilt, daß er laufen mußte, um sie noch abzufangen an der Hausthür.

„Barbel, ich will dir was sagen, du sollst jetzt nicht hinein. Denke, wofür du verantwortlich bist. Denke dran, Barbel. Laß dir’s nur sagen. Dein Vater -- er ist schwer krank geworden....“

Heftig stieß sie ihn zurück und eilte in die Stube. Da hat man auch schon den gellenden Schrei gehört. Über den Toten ist sie hingefallen, hat ihn gerüttelt, hat ihm wie wahnsinnig ins fahle Antlitz geschrien, daß er soll’ aufwachen und sie ansehen! -- Und als sie endlich zur Überzeugung kam, wie die Sache stand, da ist sie in eine starre Ruhe verfallen, daß es unheimlich war. Sprachlos, thränenlos wankte sie ihrer Kammer zu. -- -- Als man später das Stöhnen gehört hat, ahnte die Hausmutter es bald, was vorging. Die alte Marenzel, die gekommen war, den Toten aufzubahren, hatte nun etwas anderes zu thun. -- Als wir, der Rocherl und ich, am Abende heimkamen, lagen zwei des Adamshauses auf der Bahre -- der älteste und der jüngste.

So, mein Alfred, hat es sich zugetragen. Und war eine solche Trauer im Hause, daß ich gemeint habe: Wenn nur wer schelten wollte! Wenn nur wer hadern wollte mit diesem niederträchtigen Geschick, daß ein frischer Zorn, eine Gemütsrevolution ausbreche, damit doch diese dumpfe, diese schreckliche Trauer unterbrochen werde. Alle, auch die sonst so scharfe Hausmutter, standen und gingen matt und traumhaft umher. In der Nacht aber war’s, daß die Barbel in ihrem Bette anhub zu fragen: „Ja, ihr Leute, wie ist denn alles das zugegangen?“ Und am Frühmorgen hat sie gefragt: „Wie ist denn das gewesen, daß mein Vater gestorben ist?“

Weil keines mit der Sprache herauswollte, so trat ich vor, ging entschlossen in ihr Stüblein und begann herzhaft zu erzählen.

„Barbel,“ sage ich, „es ist ein glücklicher Tod gewesen. Wie er hört, daß der Lehrer redlich um deine Hand bittet, da hebt er beide Arme auf wie zum Segen und ruft: Soll’s doch sein, daß mein liebes Kind glücklich wird! Gott Lob und Dank! -- Darauf an die Wand hingesunken und -- aus ist’s gewesen.“

„Und herb wär’ er nit gewesen?“ fragt sie, „herb nit?“

„Freilich wohl herb, anfangs weil der Lehrer so spät gekommen ist -- wohl rechtschaffen spät.“

Darauf hat sie nichts mehr gesagt. Nur später leise mit sich selbst gesprochen: „Wenn es so ist gewesen! Wenn es so ist gewesen!“ Und hat in sich hineingeweint, aber ganz anders, als vorher.

Von dieser Lüge, Alfred, mußt du mich lossprechen. Die wohlgemeinte Unwahrheit, die ein Herz vom Fegefeuer erlöst, kann doch nicht unrecht sein? -- Aber jetzt in den Nächten, wenn ich schlaflos bin, sieht’s anders aus. Es ist ja furchtbar frevelhaft, ein Kind über das Sterben des Vaters zu täuschen! Hat nicht sie den Jammer über die Familie gebracht? Soll sie nicht die ganze Wucht ihres schweren Fehlers büßen? -- Ich bitte dich, Freund, sage +nein+. Sage, du treuer Forscher nach dem Guten und Wahren, sage, daß es erlaubt ist zu täuschen, wenn man damit was Gutes stiften kann. Sage nicht auch das abscheuliche Wort: Wahrheit über alles, auch wenn darunter Menschenglück und Menschenherzen zu Grunde gehen. Ich beschwöre dich, Philosoph, laß alle Philosophie so sein, daß dieses Erdenleben milde wird und warm. Wenn es auch dunkel ist, wenn es nur reich an Liebe ist. Schau, das arme Mädel lächelt heute unter seligen Thränen. Die rohe Wahrheit hätte sie auf ihr Lebtag lang in Gram und Weh gestürzt.

Am nächsten Sonntage werde ich berichten, was sich in diesen Tagen weiter ereignet hat.

Am sechsunddreißigsten Sonntage.

An der Oberfläche scheint es, als kümmerten sich in der Bauernschaft die Leute nicht viel umeinander. Kommt jedoch über ein Haus etwas Besonderes, dann steht überall die menschliche Teilnahme auf, dann sind sie +eines+ Stammes, die grünen und die dürren Zweige.

In den zwei Nächten, als unser Hausvater auf der langen Bank lag, konnte die große Stube kaum alle Anwesenden fassen, die gekommen waren, um zu trösten und zu beten. Etliche Bauernweiber hatten Butter, Weißbrot und gedörrte Waldkirschen gebracht, damit die Adamshauserin Mittel habe, ein würdiges Totenmahl zu bereiten. Ich beschreibe dir nicht die Sterbe- und Begräbnisgebräuche, deren im großen und kleinen unzählige sind, sinnlos nur für den, der keinen Sinn herauszufinden oder keinen hineinzulegen weiß. Denke dir bloß, daß während der Tage, als ein Toter im Hause liegt, keine knechtliche Arbeit verrichtet werden darf, daß die Wanduhr still stehen muß, daß das Sprengreisig, mit dem die Leute Weihwasser auf die Leiche spritzen, in einer dreifachen Kreuzform gewachsen sein soll, daß das Bettstroh im Freien verbrannt wird, auf welchem der Verstorbene in seiner letzten Lebensnacht gelegen, und dergleichen mehr. Der Gehstock des Toten wird ins Freie getragen und an einen alten Baum gebunden, damit er nicht allein umherwandeln kann, zu Nachbarshäusern. Wo so ein Stock an die Thür klopft, dort muß bald wer sterben. Im Trauerhause sind nächtig die Leute der Nachbarschaft an Tischen und Bänken herum, beten den Psalter, singen Totenlieder, essen Weißbrot mit Milchrahm und führen nebenbei allerlei Gespräche. Es soll bei solchen „Leichwachten“ manchmal ganz heiter hergehen, daß junge Leute Kurzweil treiben, körperliche Übungen ausführen und Schalkereien anstellen, sogar mit der Leiche nach einem alten Herkommen. Gleichsam -- sie machen sich lustig über den Tod, er imponiert ihnen nicht. -- In unserem Adamshause war nichts als die tiefe Gedrücktheit, und die Wirkung der von Männer- und Weiberstimmen kunstlos gesungenen Totenliedermelodien kann nur gefühlt, nicht beschrieben werden.

Die Leiche war mit einem weißen Leintuche bedeckt. Manche, die ankamen, hoben vom Haupte das Tuch, schauten ins lehmfahle Gesicht des Adam und sagten zu ihm nieder: „Gott gebe dir die ewige Ruh. Sollt’ ich dich einmal gekränkt haben, thu’ mir’s verzeihen.“

Es mag wohl so sein. Wenn man an der Bahre eines lieben Menschen steht, so fängt er erst an, einen zu erbarmen, nicht weil er gestorben ist, sondern weil er gelebt hat. Gelebt und gelitten, manchen schweren Kummer heimlich und geduldig für sich allein getragen. -- Auch der Jäger Konrad hatte ihn so angeredet. Die Hausmutter hörte es und machte mit der Hand einen Deuter, als wollte sie sagen: Du, laß’es gut sein! Hättest ihm früher das Leid nit gemacht!

Neben der Leiche auf dem Lehnstuhl steht das hölzerne Kruzifix, vom Hausaltare herabgestellt, daneben ein Wasserglas mit dem Öllichte und ein Schüsselchen mit Weihwasser und dem Sprengzweige, mit dem sie den Toten von Zeit zu Zeit besprengen. Zu Füßen dieser langgestreckten schmalen Leiche, ganz im Wandwinkel, liegt ein kleines Ding, das auch mit weißem Tüchlein zugedeckt ist. Und das, mein lieber Alfred, ist die Erbsünde. --

Die Leute thun, als ob sie es nicht sähen und niemand fragt nach der Barbel.

In der zweiten Nacht wars, daß von der Nachbarschaft zwei Mägde ankamen, ganz erregt und verstört zur Thür herein. Sie wüßten etwas Unheimliches zu erzählen. Als sie durch den Schachen hergegangen seien, hätten sie an der Brunnenquelle neben dem Holzapfelbaum den Adam stehen gesehen. Er habe sich an einen Spatenstiel gestützt, als ob er gegraben hätte und dabei müde geworden wäre. Sie wüßten gar nicht, wie sie zum Hause hergekommen seien vor lauter Schreck.

„Wir wünschen ihm all’ die ewige Ruh,“ sagte ein alter Mann. Da that sich der Kulmbock hervor, der am Tische saß und rief überlaut: „Nit so dumm daherreden, Weiberleut’! Das friß ich nit! Was wirds denn ein Geist gewesen sein! Es giebt gar keinen Geist! Das werd’ ich etwan nit wissen! Just so!“

Der Kulmbock gehört jetzt zu den Aufgeklärten. Seit er zum Abgeordneten gewählt worden, stellen sie ihn überall voran, auf den Ehrenplatz und als Ordner hin. So hat er auch die Leitung des Begräbnisses übernommen. Allerseits entwickelt er eine große Beredsamkeit, die er einstweilen nur im Landtage noch nicht hat bethätigen können. Da will der kluge Mann erst einmal hören, was die anderen sagen. -- Seine dralle Tochter war auch vorhanden in dieser Nacht; die drängte sich nicht vor, sondern hielt sich im Herdwinkel auf, mit anderen jungen Leuten heimlich schäkernd. Als der Rocherl mit Brotlaib und Messer dorthin kam und die munteren Burschen einlud, zuzugreifen, sagte die Kulmbock-Tochter schelmisch: „O ja, Rocherl, ich mag schon eins von dir, ein Brot. Schneid’ mir nur eins, aber ein recht großes Trumm.“

„Das wär’ bei dem eine Kunst,“ spottete einer der Burschen. „Mit +einem+ Maul Brot essen, das wird er wohl können; aber mit +einer+ Hand abschneiden, schwerlich.“

Darauf entgegnete der Rocherl scharf: „Und du thätest auch mit dem einen Maul nit stänkern, mein Lieber, wenn ich zwei gesunde Händ hätt!“

„Geht’s weg!“ schmollte die Kulmbock-Tochter, die Anderen mit dem Ellbogen von sich tauchend, „ich laß’ über den Rocherl nichts kommen!“

„Sie meint halt, halsen kann ein Einhandel auch!“ gab jener Bursche zurück.