Erdsegen: Vertrauliche Sonntagsbriefe eines Bauernknechtes.
Part 16
Am Donnerstage abends war’s, als ich über den Hof gegen meine Schlafkammer schritt, daß von Barbels Stube her die scharfe Stimme der Hausmutter erscholl. Sie steigerte sich bis zur höchsten Heftigkeit. Dann hub sie an, laut zu gröhlen. Das Mädel habe ich gar nicht gehört. Als wäre es froh, daß der gefürchtetste Sturm vorüber, herzte es am nächsten Morgen das schwarze Lamm und sprach: „Du bist ja mein! Du bist ja mein! Du bist ja mein!“ Das Tier leckte an ihrem roten Mund. Da lachte sie, und lachte so klingend, daß das Lamm emporfuhr und sie erschrocken ansah.
Und am Samstag war’s, als der Hausvater, der Rocherl und ich auf einem Heuhaufen saßen und „Halberabend“ hielten, das heißt, das Nachmittagsbrot einnehmen. Es bestand aus Buttermilch und Topfen, in einem Brei vereint, eine der wenigen Speisen, die mir trotz aller guten Zucht gar nicht in den Schlund wollen. So legte der Adam mir den Brotlaib vor: „Heiz ein, Hansel! Hast brav angezogen, die Wochen. Jetzt lassen wir’s gut sein, für heut. Eine Freud’ ist’s, so ein Heu! Eine Freud’ ist’s!“
Dann gingen wir, unsere Gabeln und Rechen auf der Achsel, langsam in den lieblichen Feierabend so dahin, die Sonne stand noch über den Bergen. Sagte der Adam plötzlich: „Und daß mir der Stein vom Herzen ist, Gott Lob und Dank, daß er mir vom Herzen ist! -- Gestern hat sie ja gelacht wie ein lustiges Vogerl in den Lüften!“
Da habe ich gesagt: „Wer sollte denn nicht lustig sein, wenn es so schönes Heu giebt!“
Er blickte mich rasch an und wieder weg. -- Wenn’s ein so schönes Heu giebt? Ist denn das Mädel ein Heu? -- „Bleichsüchtig wird sie sein, oder was Teuxel. Und blutarm, daß sie sich so stark anlegt im Sommer. Mein Gott, alles eins, Kranksein oder Betrübtsein. Nur brav bleiben! -- Gott Lob und Dank, daß sie wieder lachen thut!“
Die Spatzen pfeifen es auf dem Dache. Die paar Schwalben, die noch um unsere Giebel kreisen, wissen auch was. „Hörst sie?“ hat mich der Rocherl gefragt. „Hörst, was sie singen?“ Und zwitscherte -- der Vogelsprache kund: „Der Schulmeister ist ein Erzspitzbub’, ein Erzspitzbub’, bringt Dirnlein in die Schand’, in die Schand’, und laßt sie sitzen!“
„Dumme Ludern, diese Vögel!“ sage ich.
Der Junge legte den Finger an den Mund: „Hörst es, was jetzt einer singt? -- Totschießen, totschießen....“
„Ei, was dir nicht beikommt!“ lachte ich gröblich drein, „verstehe sie doch besser: ‚Brotessen, brotessen! Und hast du Junge im Nest, Junge im Nest, so mußt du sie fleißig atzen.‘“
In dem Augenblick, wie dem Burschen im Horchen auf den Vogel das Gesicht sich versichert, fährt es mir kalt über den Rücken. Was ist das für ein Menschenantlitz?
Ich hielt ihm meinen Taschenspiegel vor: „Willst ihn?“
„Will ich wissen, wie schön ich bin, so ist mein Brunnentrog da,“ antwortete er ablehnend, „thu’ ihn lieber dem Schulmeister spendieren, daß er sein Reibeisengesicht kann betrachten.“
„Weißt du, Rocherl, was ein junges Gesichtel noch häßlicher macht, als Blatternarben? Rate einmal.“
„Laß mich zufrieden!“
„Weißt du, was ein Menschenauge am ärgsten entstellt?“
„Was lauter?“
„Der Haß.“
„-- -- Der Haß?“
„Der Haß macht häßlich!“
„Brauchest mich ja nit anzuschauen, wenn ich dir nit gefall’!“ sagte er rasch und wendete sich ab.
Was lauert in dem?! --
Vor kurzem war der Konrad wieder bei ihm, der Jäger. Er hatte gehört, der Rocherl wäre auf der Alm von Lotterbuben beleidigt worden.
„Ist es dir recht, Rocherl, so zahl’ ich’s ihnen heim.“
Antwortete der Junge: „Da braucht’s nix heimzuzahlen. Wenn die Kulmbockische an einem hängen bleibt, dann hat er eh sein Teil. Und was geht das dich an!“ Nach diesen Worten wendete er sich nicht seitab wie sonst, blieb noch stehen vor dem Jäger und sagte: „Konrad, wenn du wieder einmal gut schießen willst -- einen Bock thät’ ich wissen!“
Das verstand der Jäger nicht. Zögernd ging er seines Weges. --
Nun wieder etwas anderes. Gestern am Abend gab es Tierhetze. Sah ich über die Breitwiese hin unsere braune Kuh laufen, mit hin- und herschlagender Wampen erschreckt dahintrotten, hinter ihr der Bismarck und ganz hinten lauft mein Adam, erregt den Pudel hetzend auf das Rind. Das will schon fast zusammenbrechen vor Erschöpfung, der Adam aber immer noch: „Huß, Bismarck, huß, huß!“ Und beide der Kuh nach.
Ich eile ins Haus: „Mutter, schauet geschwind hinaus. Der Vater ist närrisch worden!“
„Jesses, der Klee!“ ruft die Hausmutter und schreit zum Fenster hinaus: „Huß, huß, Bismarck!“ Und der Rocherl springt zur Wiese hinab, reißt vom Haselbusch eine Gerte und jagt das arme Rind wieder auf, weil es schon hingefallen ist.
O ihr verdammten Bestien! denke ich und eile auch hinzu. „Reitet euch denn alle der Teufel, jetzt auf einmal!“
Sie zerren die Kuh bei den Hörnern weiter, sie schlagen mit der Gerte auf sie ein und der Hund läuft im Kreise herum, bellt und schnappt manchmal in das Bein des Tieres.
Da fängt an diesem plötzlich etwas an zu gurgeln.
„Sie windet, sie windet!“ ruft der Rocherl.
„Nachher ist’s gut,“ sagt der Adam und bleibt stehen. „Jetzt führ’ die Braune in den Stall und schau, daß sie kein Wasser kriegt!“
Und des Rätsels Lösung ist die: das Rind war von seiner Grasweide unvermerkt auf das Kleefeld gekommen und hatte sich dort satt gefressen. Aber die üppige Pflanze hub an zu gären und hätte der Kuh den Magen gesprengt, wie der Adam sagte, wenn durch das heftige Jagen nicht Wandel geschafft worden wäre.
So sehen bei uns die Parforcekuren aus.
Vor einigen Wochen war derselben Kuh wegen ein kleiner Familienzank. Das Thier benahm sich des Morgens ganz wider seine Gewohnheit sehr unruhig, lautete fortwährend, bockte an den andern Rindern herum und da sagte der Adam, die Barbel und der Franzel sollten halt die Braune zu Nachbars Jodel führen. Das Mädel antwortete gedrückt, das möge es nicht gerne thun. Der Vater war darüber betroffen, daß sie -- die doch sonst in allem so willig ist -- auf einmal weigerlich würde. „Seit Jahr und Tag,“ sagte er, „führst du die Kühe zum Jodel und jetzt auf einmal der Unwillen! Das versteh’ ich nit!“ Es ist dir eine empörende Einfalt in diesem Alten, es ist der platte Adam vor dem Sündenfall. Die Mutter hat ihm nahe gelegt, daß die Zeiten sich halt ändern thäten, so hat der Vater den Kopf geschüttelt und mit der Kuh den Franzel und mich zum Nachbar geschickt. Mir war das gerade einmal recht und ich wollte den vierzehnjährigen Knaben beobachten. Es gab aber nicht viel zu beobachten. Dieweilen der Jodel mit der Kuh seine Scherze trieb, schnitt sich der Knabe auf der Wiese eine Germe ab, höhlte den Stengel durch und versuchte daraus eine Blaspfeife zu schnitzen.
Ganz so harmlos ging es heute beim Mittagsessen nicht zu. Es war die Barbel wieder einmal nicht vorhanden. Sie habe Zahnschmerzen und könne nichts essen. Die Hausmutter war ausnehmend weich gestimmt und gesprächig. Sie erzählte so nebenhin manche Neuigkeit von einer Bekannten in Krosbach. „Eine soviel brave Person, die Gutheit und Bravheit selber. Ein einziger Fehltritt, mein Gott, das junge Blut und das Gernhaben! Ist ihr halt auch so ergangen, wie es seit der ersten Menschenmutter Weltlauf geworden. Mein Gott, es ist ja nichts neues. Schon bald, wie der Vetter Krisost einmal gesagt hat, daß es in Krosbach wäre: Eine Schand für eine junge Dirne, wenn’s +nit+ ist. Zeit und Weil ist ungleich. Ehevor ist’s freilich großmächtig gefehlt gewesen, jetzt macht man sich schon bald eine Ehr’ draus. Die Schlechtesten, meint der Vetter Krisost, wären es eh nit, die Malheur haben.“
„Der Vetter Krisost ist ein Strick“ fuhr der Hausvater drein. „Die Lüderlichkeit schön machen, das thät’ g’rad noch fehlen. Im Adamshaus wird so was wohl doch nit vonnöten sein!“
Die Hausmutter kam nicht weiter in ihrer Erzählung von der Bekannten in Krosbach. Hingegen fragte sie, dieweilen ihr bloßer, magerer Arm in der Schüssel das geschmälzte Kraut umrührte, leichthin, wer heute bei der Predigt gewesen wäre? Ob nicht das Evangelium vom Pharisäer und Zöllner ausgelegt worden sei?
„Das ist heut’ nit,“ antwortete der Adam. „Heut’ ist dasselbe, wie der Herr Jesus viertausend Leut’ mit dem wenigen Brot gespeist hat.“
„So werden wir auch nit verhungern, wenn um Eins mehr wird,“ sagte sie.
„Wieso?“ fragte er dumpfig. „Du meinst, wenn der Valentin auf Urlaub heimkommt?“
Hat aber den zerrissenen Roggenknödel auf dem Teller liegen lassen, hat nichts mehr gegessen und ist’s gewesen, als wäre wieder so etwas wie der Dampf in Anzug.
Ich glaube, er ahnt. Nur nicht wahr haben will er’s.
„Kleine Kinder, kleines Kreuz, große Kinder, großes Kreuz!“ sagte noch die Hausmutter mit einem Seufzer.
Er fing an, die Achseln in die Höhe zu schieben, den Hals einzuziehen, die Brust schwer zu heben und stöhnte: „Mutter, den Rauch!“
Glaubst du, daß es gut ist, wenn man seinen Kopf in den Sand vergräbt? Nach meiner Meinung ist die Furcht vor einem bevorstehenden Unglück heilsam, sie nimmt schon einen Teil des Leidens vorweg. So wie die zu große Hoffnung auf ein kommendes Glück dasselbe schädigt, weil die übermaßige Erwartung enttäuscht wird, so erscheint nach großer Angst vor dem Ungemach dasselbe thatsächlich selten so schlimm, als man sich’s vorgestellt. Also sollte doch auch mein Adam das kommende Unheil tapfer vorweg fürchten, damit es ihn dann nicht in plötzlicher Wucht niederstoßen kann.
Tapfer fürchten! habe ich gesagt. Du verstehst, Philosoph.
Am dreißigsten Sonntage.
Das emsige Heuen, das heiße Heuen drängt alles andere in den Winkel. Alles ungute Denken und alles wehe Bangen. Die Barbel ist auch auf den Wiesen in ihrer wulstigen Joppe und mit ihrem langstieligen Rechen. Einmal hatte sie ein Liedel gedrällert:
„Es ging ein Knab’ spazieren Wohl heimlich bei der Nacht ...“
„So ist’s recht, Mädel!“ rief der Adam helle aus. „Junge Leut’ müssen lustig sein!“
Er hatte nur des Liedes lieblichen Anfang vernommen, nicht das Ende.
„Das Herz möcht’ einem zerspringen!“ hörte ich die Mutter seufzen.
Heute morgens bin ich hinabgegangen nach Hoisendorf, früher als an anderen Sonntagen, und eigentlich nicht der Kirche wegen. Ins Schulhaus gehe ich und sage zum Lehrer:
„Jeden Tag, den Gott vom Himmel giebt, wirst du erwartet im Adamshaus. Wir haben bald Ende Juli!“
„Es ist zum Verzweifeln!“ Er schlug seine Stirn mit der Faust.
„Aber ich verstehe dich nicht, Guido. Denke doch an Wort und Handschlag!“
„Zum Teufel, ja, ja, ja! Geh’ hinauf und nimm sie! Das ist so leicht gesagt, mein Hans! Lasset mich doch erst die Sachen ordnen.“
„Höre einmal, Guido, ich möchte dir etwas sagen. Bis dieses Jahr endet, bin ich ein reicher Mann. Nein, erschrick nicht, reiche Leute schenken nichts her. Ein Anlehen schon eher, auf Wucherzinsen natürlich.“
„Mir ist nicht besonders heiter!“ sagte er.
„Mir auch nicht. Aber zur Sache gehört’s für den romantischen Bauernknecht, daß er ein junges Liebespaar glücklich macht. Zweitausend Kronen sind dir fällig zu Neujahr. Du willst doch dein Weib und ich meinen Roman! Nun also! -- Kopf aufrecht, Junge!“
Da hebt er an mit gröblicher Derbheit die Stube auf- und abzugehen zwischen den Schulbänken. Die Hände auf dem Rücken, den Kopf vorgebeugt: „Ich kann mir nicht helfen! Es kommt mir immer wieder, es ist verflucht!“ Plötzlich bleibt er stramm vor mir stehen und sagt in bestechendem Tone: „Warum gerade dir so viel an dieser Heirat liegt!“
Das alte Teufelslied ist schon wieder da! -- Aber ich bin diesmal kalt geblieben, oder vielmehr kalt geworden.
„Winter!“ sage ich, „des öfteren habe ich dir den Rat gegeben, du sollst hinaufgehen. Jetzt gebe ich dir einen besseren Rat. Gehe nicht hinauf. Lasse sie, die du verführt hast, in Not und Unehr’ allein. Lasse sie hinwelken und in jungen Jahren sterben. Es ist besser, als du wirst zum Henkersknecht ihrer Liebe und peinigst sie mit Verdacht und hetzest sie mit Eifersucht in Verzweiflung und Stumpfsinn hinein. Schurken, die ein unschuldiges Wesen verderben und dann Ausflüchte suchen --“
Aufgröhlt er wie ein getroffener Eber, von der Schulbank bricht er schmetternd eine Latte und damit auf mich zu.
Ich stoße ihn mit der Hand seitlings: „Daß einen der leidige Zornteufel erfaßt, wenn ein Schulmeister nicht rechnen kann!“
Das hat er doch verstanden und ist still geworden. Und ist denn demütig zu mir gekommen: „Hans, die Liebe und die Sorgen! Das macht wahnsinnig! Nur soviel laßt mir noch Zeit, daß ich ein wenig den Weg machen kann, der uns zusammenführen soll.“
„Was ich vorhin gesagt habe, das ist gesagt. An dir liegt’s, ob ich dir Unrecht gethan oder nicht. Wenn ja, dann sollst du deine Genugthuung haben...“
Hierauf rasch davon. Und lange that es noch wetterleuchten in dunklen Seelen.
Seit meinem Aufenthalte im Adamshaus ist etwas, das früher nicht gewesen. Bei so manchem, was ich thue, frägt etwas in mir: War’s recht? War’s gefehlt? -- Was ändert mich nur so? Ist es der Adam mit seiner Geduld, die Barbel mit ihrer heimlichen Liebespein, „von der niemand nichts weiß“. Ist es die Bravheit und Tüchtigkeit dieser Leute? Ist es der Ernst der Arbeit, die Größe und Herbheit der Natur? -- -- Gott, was war ich für ein Windhund in der Zeitungstube!
Jetzt kommt es mählig über mich, ich müsse auch für was gut sein. Ich müsse, was da leidet und irrt nach meiner Möglichkeit zum guten wenden. Er ist ja ein Thor mit seinem Verdachte. Nur steht die Frage offen, ob man in seiner Lage nicht am Ende selbst ein solcher wäre? In dem Hitzegrad, wie wir beide zusammengeriethen, duelliert man sich ja schon bei euch draußen. Hier ringt jeder mit sich selber, daß es zum guten werde für dieses arme Kind. Und ob starke Herzen nicht den Erdfluch zum Erdsegen wandeln können?! --
Und dann habe ich dir heute noch etwas zu erzählen.
Wir wollen in der nächsten Woche brachen, das heißt, den Acker umbrechen für die Wintersaat. Sehe ich nun heute in der Zeughütte nach, ob der Pflug im Stande ist. Und wie ich just mit dem Schlägel den locker gewordenen Arling festkeile, pipst draußen jemand: „Hänsel“ und eine zweite Stimme kräht: „Grethel!“ Und stehen im nächsten Augenblick zwei Herren von der „Kontinentalen“ vor mir.
Ich habe keine Lust, die Reize dieses Wiedersehens zu schildern. Herr Sammer und Doktor Wegmacher! Mit einer wahren Sündflut von Witzen sind sie auf mich eingedrungen. Ganz gutmütig, unzutreffend und geistreich dumm, die Bösartigkeit lag nur in der Menge. Sehr belustigten sie sich über meine entbarteten Backen und nannten mich „Euer Wohlgeschoren.“ -- Auf einem touristischen Ausflug waren sie natürlich ganz zufällig in die Hoisendorfer Gegend gekommen. Durchwegs eine dunkle Gegend, aber aus der Ferne hätten sie ein Licht gesehen und diesem Lichte wären sie zugegangen und demnach urplötzlich vor dem klassischen Mistrüppel gestanden.
„Erleichtert euch immerhin, meine Herren“, habe ich gesagt, „nur erweist mir die Gnade, euch vor meinen Hausgenossen nicht legitimieren zu müssen. Ich begleite euch ins Thal hinab, durch den Waldsteig. In Hoisendorf giebts ein gutes Wirtshaus und morgen früh, recht zeitlich, wandert es sich prächtig durch die schattigen Schluchten hinaus in die schöne, lichte Welt.“
Wirklich schon in Todesangst war ich, sie könnten mir alles verschütten, aber das Wirtshaus übte eine solche Anziehungskraft, daß für den Adamshof die Gefahr bald vorüberging. Unterwegs haben sie mir Neuigkeiten erzählt von der „Kontinentalen.“ Doktor Angelus Mayer, der Redakteur des Feuilletons, ist nach irgendwo ausgewandert. Der Reporter für den Gerichtssaal wurde in eine Nervenheilanstalt überführt. Mir ist das nicht ganz geheuer, denn die genannten Herren waren Zeugen bei der Wette. Es ist noch der dritte vorhanden, der Administrator Lobensteiner. Was hatte ich dir auf dein Bedenken vor Wochen geschrieben? Daß drei lebendige Zeugen besser seien, als ein toter Federstrich? -- Jetzt wäre mir der tote Federstrich lieber. Da ich nun sozusagen auch die Schullehrersippe auf mich genommen habe. -- Der Chef, wußten die Herren zu sagen, spreche nicht gern von mir, oder nur achselzuckend wie von einem Sonderling, der seinen so hübschen Posten einer lächerlichen Bravour geopfert habe. -- Ich ließ mich schön empfehlen. -- Aber der Herr Knecht würde doch ins Wirtshaus mitkommen. Dieser gütigen Einladung wurde jegliche Antwort verweigert und als wir zur Bachbrücke kamen, verließ ich die Herren mit der Hoffnung auf ein frohes Wiedersehen zu Neujahr.
„Au, Teufel!“ rief der eine, „ist das eine Dreschflegelbratzen! Dein Händedruck ist ja das reine Vergehen gegen die körperliche Sicherheit!“
Dann hatte ich sie glücklich los. Eine halbe Stunde später kniete ich in der dämmernden Stube des Adamshauses und betete mit den Hausgenossen den Psalter.
Am einunddreißigsten Sonntage.
Das geht dich nichts an, Hansel! würde meine schneidige Hausmutter gesagt haben. In der That, was geht unsereinen die Predigt an! Der Pfarrer predigt halt für die Leut’ und nicht für den armen Knecht, der vor ein paar Jahren in die Carnevalszeitung das Inserat rücken ließ, daß ein noch völlig ungebrauchtes Christentum in Verlust geraten sei.
Im Hoisendorfer Pfarrhofe scheint es der redliche Finder thatsächlich hinterlegt zu haben. Ist nicht ohne, so ein derber Dorfkurat, der die Kurse der heiligen Theologie mit ihren dogmatischen Schätzen längst verschwitzt hat und das Evangelium sich nach seinem persönlichen Dafürhalten auslegen muß. Unserem Kuraten ist nicht übel zuzuhören, ein gerader deutscher Michel, giebt er das Wort Gottes so, wie es die Gemeinde am leichtesten versteht und am besten brauchen kann.
Da hat sich gestern Abend im Adamshause ein kleiner Religionsstreit erhoben. Der Franzel pflegt nämlich am Samstagsfeierabend stets den Evangeliumabschnitt des folgenden Sonntags vorzulesen, und so kommen jetzt die Verse des Lukas über den ungerechten Haushalter. Du kennst die Parabel vom verschwenderischen Verwalter, der von seinem Herrn verjagt werden soll. Der Verwalter ist schlau, und will sich, so lange er noch im Amte ist, die Gunst der Schuldner seines Herrn erwerben. Er läßt ihnen geschwind die Hälfte der Schulden nach, damit er dann, wenn er brotlos ist, bei ihnen gute Aufnahme finden möchte. „Und der Herr“ fährt Christus als Parabelerzähler fort, „lobt den ungerechten Haushalter, daß er klug gehandelt habe, denn die Kinder dieser Welt seien klüger, als die Kinder des Lichtes. Aber ich sage euch: Machet euch Freunde mittelst des ungerechten Reichtums, damit, wenn es mit euch zu Ende geht, sie euch in die ewigen Wohnungen aufnehmen.“
Als der Franzel das gelesen hatte, schüttelte mein Adam den Kopf und sagte: „Das gefällt mir nit.“
Die Hausmutter entgegnete von ihrem Herde her scharf: „Beim Evangeli sagt kein Christenmensch: das gefällt mir nit; er kann höchstens sagen: das versteh ich nit.“
„Versteh ich nit,“ wiederholte der Hausvater. „Wenn’s so deutlich gesagt ist, wird man’s doch verstehen. -- Franzel, das letzte noch einmal.“
Der las: „Machet euch Freunde mittelst des ungerechten Reichstums, damit, wenn es mit euch zu Ende geht, sie euch in die ewigen Wohnungen aufnehmen.“
„Das ist ja gerad’, als ob der Mensch mit unrecht Gut in den Himmel kommen soll!“ sagte der Adam.
Darauf hin war ich nun doch begierig, wie sich bei der heutigen Predigt der Kurat aus der Schlinge ziehen würde.
Er steht auf der Kanzel, liest die Verse und wie er zum Schlusse derselben das Buch küßt, sagend: „Das die Worte des heutigen Evangeliums!“ sehe ich meinen Adam auf seinem Platze schon unruhig werden.
Der Kurat nimmt langsam eine Prise, stellt die Horndose neben auf den Kanzeltisch, schiebt die weiten Ärmeln des Chorrockes zurück und beginnt:
„Liebe Christen!
Im heutigen Evangelium hätte der Evangelist Lukas auch ein bissel deutlicher sein können. Wie er’s gemacht hat, da kommts schier so heraus, als ob Christus der Herr den ungerechten Haushalter loben thät, von wegen der Lumperei! Das thät einigen unter euch vielleicht gefallen -- wie? Es ist aber durchaus nicht so. Christus will in seiner Parabel nur ein Beispiel geben, wie die Weltleute allemal abgefeimte Spitzbuben sind, und die Kinder Gottes sind einfältig. Wenn der Herr sagt, daß wir uns mit ungerechtem Reichthum Freunde machen sollen -- was heißt denn das? Heißt es, daß wir ungerechten Reichtum erwerben sollen, damit wir nachher mit demselben die Leute bestechen können? Da sei Gott für! Es heißt vielmehr erstens, daß der Reichtum eben ungerecht ist, daß er +überhaupt+ ungerecht ist, jeder Reichtum, nicht bloß der gestohlene, auch der erworbene. Und es heißt zweitens, daß, wer einen Reichtum hat, denselben als etwas Ungerechtes, ihm nicht Gebührendes wieder weggeben soll an die Armen und Notleidenden, daß man solcher Weise mit ungerechtem Reichtum gute Werke stiften muß, die uns, wenns zum Sterben kommt, in die ewigen Wohnungen Gottes führen. Also +das+ ist gemeint, wenn es heißt: Machet euch Freunde mit ungerechtem Reichtum! -- So ist’s, meine lieben Christen, und nicht, daß ihr glaubt, der liebe Heiland hätt’ einen Unsinn gesprochen, wo die Dummheit vielmehr an denen liegt, die ihn nicht verstehen. Merkt euch das, befolgt das Wort Gottes, übervorteilt eure Nebenmenschen nicht um Geld und Gut, die ihr als ungerechten Reichtum doch wieder zurückgeben müsset. Ja, nicht einmal auf sogenannte rechtmäßige Weise sollet ihr euch Reichtümer erwerben, sondern schön zufrieden sein mit dem, was ihr notwendig braucht für den heutigen Tag. Und nicht alleweil sorgen: Was werden wir morgen haben? Der himmlische Vater, der die Vögel nährt und die Blumen kleidet, vergißt euer nicht. Trachtet nur zuerst nach dem Reiche Gottes, das heißt, nach einem gottgefälligen Lebenswandel und nach einem guten Gewissen, das ist die Hauptsache, alles andere wird euch von selbst gegeben werden.“ -- Hier unterbrach er sich, blickte in den Kirchenstühlen umher und fügte bei: „Wollt ihr schlafen, meine Lieben, so höre ich auf. ’s ist die Arbeit hart um diese Zeit; wer hart arbeitet und seine Mühsal dem Herrn zu Lieb aufopfert, der ist auch auf dem Wege zum Himmel. Ich predige nicht, um zu predigen und ihr höret nicht, um zu hören. Ich sage euch, daß der müde Leib von der Erden ist, und die Seele von Gott, und daß die Seele den Leib heiligen wird, und daß des Leibes Erden gesegnet sein wird, und ewiglich selig im himmlischen Vaterlande. Amen.“
Ähnlich hat er gepredigt und das ist so seine Art. Die Gemeinde nimmt wohl auch hier so eine Sonntagspredigt als Formsache, nach der man ruhig zur Tagesordnung übergeht, nur meinem Adam müssen die Worte wohl gethan haben; schier ein verklärtes Gesicht hat er gemacht darüber, daß sein redliches Arbeiten und Dulden vom Priester so schön geweiht wird. --
Vor einigen Tagen ist unserem Hausvater angedeutet worden, daß in nächster Zeit der Herr Lehrer sich einfinden würde, um einen Besuch zu machen.
„Einen Besuch? Der Herr Lehrer? Bei uns? So so! Ja, warum denn?“
„Er hätte halt was zu reden mit uns,“ gab die Hausmutter bei.
„Hätt’s gar mit dem Franzel was? Sollt’ er nit brav lernen?“
„Mit dem Franzel hat’s nichts.“
Weiter fragte der Adam nicht. War still und sprach nichts mehr vom Schullehrer. Und als die Barbel über den Hof ging zum Brunnen, und den Krug unter den Quell hielt und träumend vor sich hinblickte, bis er voll war und überging, und sie immer noch so dastand, da schaute der Vater auf sie und rief ihr endlich zu: „Barbel! Mach, mach! ’s geht ja schon über!“
Da schrak sie auf, nahm den Krug und ging schnell ins Haus hinein.
Der Adam fährt mit dem Pflug auf die Brache, vergißt manchmal die Ochsen anzutreiben, steht da und schüttelt den Kopf.