Erdsegen: Vertrauliche Sonntagsbriefe eines Bauernknechtes.
Part 15
„Mich dünkt, Trautendorffer, du hast eben von dir selbst gesprochen. Hast du dich auch stets mit Hochzeiten abgefunden?“
„Ich sage dir, wenn es nötig gewesen wäre, gewiß! Man bequemt sich den Kreisen an, in denen man lebt.“
„Das denke ich auch,“ entgegnet der Lehrer. Und setzt bei: „Was meinst du von der Bauernschaft? Wird jeder Bursch’, der ein Mädel gerne hat, dasselbe gleich allemal heiraten? Und fragt der Bauer, der später die Braut heimführt, ob er der Erste sei?“
„Teufel, was sind das für Ausflüchte!“ fahre ich auf.
„Ich meine nur, wenn man sich den Kreisen wollte anbequemen, wie du gesagt hast. Ich weiß ja, was zu thun ist.“
„Na, das denke ich auch, Guido, daß du +dieses+ Mädel nicht mit anderen Bauerndirnen vergleichen wirst. Diese Adamshauserleute, das sind Sonntagsmenschen, mein Lieber! Obschon ihr äußeres Leben ein einziger, lastvoller Werktag ist. Wäre ich ein junger Königssohn, mit Demut würde ich werben um +dieses+ Bauernkind. -- Ja, ja, sieh mich nur an! Du weißt es schon lange, daß ich sie liebe. Heute ist diese Liebe allerdings noch eine fromme Schwester, um mich deiner Poesie zu bedienen, aber sie könnte einmal etwas anderes werden. Sie könnte eine Rächerin werden, verstehst du?“
„Hans, es scheint, daß du mich für eine Kanaille hältst.“
Nun bin ich aber vom Karren gesprungen, habe den Lehrer an den Rockflügeln gepackt: „Sage mir klar, willst du sie heiraten oder nicht? Ja oder nein!“
Er ist gar nicht arg verblüfft, sondern entgegnet: „Wenn du es wirklich wissen wolltest, Freund Hans, das wäre nicht das richtige Fragen. Mit einer Schreckensherrschaft dürftest du wenig ausrichten. Wenn ich dir eine Antwort gebe, so geschieht es, weil ich sie geben +will+. Und daß sie nicht eine plötzliche etwa gar herausgezwungene, sondern eine vorbereitete ist, sollst du aus diesen Vorlagen sehen, wenn du die Güte hast!“
Er zieht aus seiner Tasche Briefschaften. Die eine ist der Bescheid seiner Zuständigkeitsgemeinde, die gegen eine Verehelichung nichts einzuwenden hat. Die andere Schrift ist eine Abantwortung von der Lehrerbehörde; sie sei dermalen nicht in der Lage, den provisorischen Lehrer Herrn Guido Winter definitiv anzustellen, respektiv sein Gehalt von dreihundert Gulden zu erhöhen.
Ich lege die Schriften in seine Hand zurück und sage: „Das soll also die Antwort sein!“ Doch ist meine Stimme durchaus nicht mehr so zuversichtlich laut. Mit dreihundert Gulden heiraten! Und eine alte Mutter, glaube ich, ist auch noch da.
„Das ist nur die Antwort, weshalb ich gezögert habe,“ sagt der Lehrer. „Es wird trotzdem ernst. Ich habe einmal ein Duell abgelehnt. Der damals erspart gebliebene Mut ist jetzt gut hernehmen. Ich heirate mein Mädel auf dreihundert Gulden.“
„Gut,“ sage ich, „beim Mädel bleibt’s. Das steht fest.“
„Wie der Rechenstein!“
„Wie der Rechenstein. Des Weiteren wegen sprechen wir noch. Du weißt, daß ich dein Freund bin. Und jetzt müssen wir den Berg hinan alle drei, ich und die Öchslein. Sage mir noch, Guido, wann erwartet sie?“
„Um den ersten Teil des September.“
Am achtundzwanzigsten Sonntage.
Immer reizt es mich, lieber Freund, dir meine Erfahrungen über das Leben der Haustiere zu schildern. Über das leibliche und -- höre es! -- auch über das seelische Leben der Rinder, Schafe, Schweine, Hunde und Hühner! Wollen aber diese Darstellungen doch auf eine günstigere Zeit aufheben, wenn die „Vieher“ nicht unmittelbar über die Achseln aufs Blatt schauen. Wir verfassen dann ein Werk darüber. „Das Seelenleben der Haustiere.“ Ich gebe die Empirik, du das System und die Philosophie. Als Motto sage ich dir heute schon: Die Ochsen und Kühe sind auch Menschen, nur solche mit vier Füßen. Ihre Freuden und Leiden merkt man ihnen leicht an, ihre Liebe und ihren Haß bekommt man manchmal zu spüren. Ihr Glauben und ihr Zweifeln beeinflußt ihr Wollen so gut, wie bei uns. In ihren Träumen haben sie ein zweites Leben wie wir. Von ihren Gedanken würden unsere Philosophen sehr vieles lernen, wenn sie einstweilen so klug wären, ihre Sprache zu verstehen.
Es ist durchaus verständlich, daß diese Tiere im Bauernhofe wie traute Hausgenossen behandelt und geachtet werden. Wie Lebensgenossen geliebt, wenn du willst! Nicht allein, daß sie eine Sprache für sich haben, verstehen sie auch die menschliche, so weit sie sie angeht. Du mußt einmal ein Rinderfuhrwerk gesehen haben, auf der Straße oder am Pflug, du mußt einmal ein Kuhmelken beobachtet haben, oder das Herdelocken eines Hirten -- und du wirst dir gewiß schon gesagt haben: da ist mehr dahinter, als unsere alten Gelehrten wahrhaben wollen. Mein Adam ist nicht der Gesprächigsten einer, doch wenn er mit seinen Haustieren zu thun hat, da geht ihm Herz und Mund auf. Denen Herrschaften erzählt er ganze Geschichten aus seinem Leben, die allerdings so harmlos sind, daß sie in jedes Familienjournal für Kälber und Schafe Aufnahme finden könnten. Er macht auch Späße, bei denen die Ochsen nicht gerade offen lachen, immerhin aber ein ganz munteres Geschau bekommen. „Geh, sei so gut, Falber,“ sagte er vor ein paar Tagen bei einem Fuhrwerk zum Rinde, „laß mir meine Joppen ein bissel an’s Hörndel hängen!“ Denn es war heiß und der Ochse trug gehobenen Hauptes den Rock fast feierlich heran und schmunzelte ein wenig dabei. Am liebsten hören sie es natürlich, wenn er sie zum Heu lockt, oder zum Salz, wovon jedes jeden Tag ein Stücklein aus seiner Hand in die Schnauze bekommt. Aber sie achten es auch, wenn er sie am Pfluge leitet, und wissen, daß sein Hi -- vorwärtsgehen und sein Hota -- stehenbleiben bedeutet. Wenn er ihnen auf der Weide strenge zuruft, nicht ins Haferfeld zu gehen, nicht vom Kleeacker zu naschen, so gehorchen sie zumeist gutwillig. Doch giebt es sehr unterschiedliche Ochsencharaktere. Da haben wir einen grauen Recken mit breitem, kurzem Kopf und schwarzer Schnauze, die immer tropfig ist. Der läßt sich alles ruhig gefallen, das schlechte Gras und die Gertenhiebe, der regt sich nie auf, strengt sich nie an, läßt am Karren den Kameraden anziehen und schreitet würdevoll nebenher. Der läßt sich den verbotenen Klee auf der Wiese mit demselben ruhigen Gewissen schmecken, wie das Heu aus dem Troge. Einen Falben haben wir, der ist der Fleiß und die Treue selber. Er zieht an der Egge oder am Karren immer scharf drein, ohne daß die Gerte seinetwegen zu pfeifen braucht. Er kann einen halben Tag lang am Raine grasen neben dem Kohlgarten, ohne daß er sein klobiges Haupt nach dem süßen Kraut wendet, weil er aus mancherlei Erfahrungen weiß, daß es der Adam nicht leiden mag. Da haben wir einen schwarzen Stier mit dicken, kurzen Hörnern und einem schrecklich wuchtigen Hautlappen am Halse, der bei jedem Tritte schwer hin- und herschlägt. Das ist ein händelsüchtiger Geselle, wählerisch im Futter und zur Arbeit überhaupt nicht zu brauchen. So oft ihm ein Geschlechtsgenosse in die Nähe kommt, brüllt er auf, sucht ihm mit dem Horn einen Schurf oder mit dem Hinterfuß einen Schlag zu versetzen. Gegen Kühe und Kalben ist er sehr zuvorkommend und streichelt sie verführerisch mit seiner rauhen Zunge am Kopf, am Hals, an den Hüften, bis sie ihm verfallen sind. Er ist sich seines Berufes für den Gai bewußt und läßt sich durchaus weder von einer Rute noch von einer Zaunplanke Gesetze geben. Nur meine Gerte hat ein Pfeifen, nach dem er manchmal tanzen muß. Im nächsten Herbste, meint der Rocherl, wird dem Schwarzen etwas passieren, wonach sein Haar bald ergrauen dürfte und sachte weiß werden, wie bei einem Ochsen. Unterricht? Diesmal erteile ich dir ihn nicht. Du kannst den Kulmbock einmal danach fragen. Der besorgte früher das Geschäft für die ganze Gegend. Jetzt, weil er einer ist, „der keine Schuhnägel frißt“, fürchten wir, wird er Geschichten machen und in so untergeordneten Sachen nicht mehr gemeinnützig sein wollen.
Seit jener Nacht, als der Hasenschrecker herabgestiegen war zum Fenster der Barbel, haben wir einen zottigen Haushund. Der abgewirtschaftete Nans, der weit fort in eine Fabrik gehen will, hat das Tier dem Adamshause vermacht. Eine Woche lag es an der Kette, dann war es angewohnt und konnte freigelassen werden. Bismarck heißt der Pudel. Der Nans hatte nämlich als Soldat den Germanenherzog einmal hoch zu Roß gesehen und aus Bewunderung für ihn den Hund also getauft. Der Pudel sucht seinem großen Namensvetter Ehre zu machen durch Klugheit, Schneidigkeit und Wachsamkeit. Landstreicher haben die größten Unannehmlichkeiten mit ihm, bevor sie von der Hausmutter ihr Almosenbrot ergattern. Dann legt sich der Bismarck, indem er sich etliche Male im Kreise dreht, aufs Stroh im Vorhause, bettet seinen Kopf mit den breiten Ohrlappen auf die Vorderpfoten und macht die Augen zu. Wie ein Maurer schnarcht er manchmal. Sobald aber draußen von irgend einer Seite dem Hause auf hundert Schritte etwas Fremdes naht, fährt er bellend auf, zottet hinaus und prüft die herankommende Wesenheit, ob sie verdächtig ist oder nicht. Der alten Marenzel war er einmal auf den Korb gesprungen; sie, einer Ohnmacht nahe, hatte schon geglaubt, ihr armes Dachsel wäre vernichtet -- aber vom Bismarck war das nur Spaß gewesen und wedelte er vergnüglich mit der Schwanzfahne; als ihm die Alte dankbar für die Verschonung ein Stückchen Speck zuwarf, ließ er es liegen. Wenn der Hund mit seiner zarten Zunge dem Rocherl manchmal die schmerzende Hand leckt, da muß man sein Auge beobachten. Die funkelnden Wolfslichter werden zu milden, treuen Menschenaugen, die voller Mitleid zum armen Burschen aufschauen. Und so, Alfred, wollest auch du unserem neuen Hausgenossen deine Freundschaft schenken.
Das Adamshaus hat ein Teilrecht an den Almweiden des Scharecks. So haben wir vor einiger Zeit zwei paar Ochsen und die Kalbinnen hinaufgetrieben. Die eine Kalbin ist der Liebling des Mädels, und da hat’s einen Abschied gegeben. Hinter dem Futterbarren der Knecht versteckt mit der Streugabel -- das war wieder so etwas für ihn. Zuerst streichelt sie dem jungen Rind lange den Backen, dann kraut sie ihm den Kopf zwischen den kaum noch hervorguckenden Hörnern und dann flicht sie ihm mit Tannenzweigen einen Kranz aufs Haupt. Und endlich hebt sie an, mit der Kalbin zu plaudern -- halblaut, vertraulich: „Im vorigen Jahr, mein du! Weißt du noch? Sind wir zwei miteinander gegangen auf die Alm. Jede mit einem Kranzel auf dem Kopf. Seither hat sich was verändert, mein du! Verwundern wirst dich, wenn du wieder heimkommst, im Herbst.“
Die Kalbin macht großmächtige Augen: Verwundern! Wieso?
„Weiß nit, wie ich dran bin,“ flüstert das Mädel weiter und hat ein ganz anderes Gesicht als sonst, alle Mienen zucken. „Weiß nit, ist’s zum Verzweifeln oder zum Juchezen.“ Ihren Arm legt sie um den Hals des Tieres, ihre Wange drückt sie an seinen Kopf. „Was Lebigs wachst!...“
Die Kalbin dreht ihren großen pechschwarzen Augapfel dem Mädel zu. Sie versteht nicht ganz.
„Schämen thu ich mich neun Klafter tief in die Erden hinein,“ fährt die Barbel fort.
Die Kalbin gleichmütig: Das hilft alles nichts, das muß ertragen sein.
„Mein größtes Anliegen sind Vater und Mutter.“
Die Kalbin: Denen wird’s auch nichts Neues sein.
„Und immer einmal ist mir so gut -- so glückselig!“
Die Kalbin: Natürlich, wenn Eins zwei Herzen hat!
„Wenn ich nur den Guidel so kunnt halsen, wie dich!“
Leidenschaftlich kost sie das Tier und ihr aufgelöstes Haar kräuselt sich um seinen Kopf. -- Dann sinnt sie still für sich hin, dann murmelt sie ein Gebet, an dem ich nur die letzten Worte verstand: „-- der ist mein Verderben, sonst kunnt ich als reine Jungfrau sterben...“
Mir war ganz traumhaft, ganz taumelig, ganz rauschig, und mußte mir noch sagen: Unverschämter Kerl. Aber hatte ich denn davon können hinter dem Barren? Es wird mich lange brennen.
Dann sind wir auf die Alm gezogen, der Rocherl und ich, mit den Rindern. Schwer bepackt mit Lebensmitteln, Gewand, Bettzeug und Vieharzeneien. Die Kalbin kam mir ganz heilig vor. Die Vertraute. Aber zum Rocherl habe ich nichts gesagt. Der war schier leblustig, begann einmal zu jodeln -- brach aber mitten im hellsten Klange ab. -- Der Weg über die Hochmatten hin stieg sachte an, von einer Kuppe zur andern. Die Höhen sind fein glatt, die Ausblicke so weit, daß ich fürchte, es könnten sich Touristen züchten im Almgai. Glücklicherweise ist nichts zum Klettern da. Das Schareck ist wohl ein ruppiger Felskegel, mit Knieholz bewachsen, hat aber, wie mir der Lehrer sagt, im roten Buch keinen Stern und du weißt, daß nur solche was gelten, die einen Orden tragen. Vorläufig wären wir also sicher. Von den Almen geht’s nach drei Seiten tief niederwärts in die bewaldeten Thäler, an deren Bächen die langgestreckten grünen Wiesen liegen. Weit draußen an den Lehnen die Bauerngründe. Dort steht auch der senkrecht aufspringende Rechenstein, an dessen Fuße das weiße Kirchlein von Hoisendorf schimmert. Bergrücken, die einen ätherigen Schleier haben, verdecken den Vordergai. Unsere Almhütten liegen nach den Messungen des Lehrers über siebzehnhundert Meter hoch. Es stehen noch ein paar Fichtengruppen dort, die aber ihre zerzausten Äste alle nach einer Seite hin wachsen lassen, im Sturm erstarrte Windfahnen. Die Hütten stehen unter dem Scharek in einem kleinen Kessel, auf dessen Weiden graue Steinblöcke liegen. In dem mit Stangen eingefriedeten Pfränger, dem Tummelplatz des Viehes, wächst üppiger Sauerampfer. Die kleinen Hütten selbst sind ganz musikalisch, so pfeift durch die Fugen ihrer Zimmerung der Wind in allen Tonarten. Ihr steiles Bretterdach scheint wohl die Absicht zu haben, Herd und Bettstatt vor Regen zu schützen, erreicht diese Absicht aber nur bei schönem Wetter. Die Gleichgültigkeit dieser Älpler gegen Regen und Sturm ist fast gottlos. Scheint die Sonne, so schafft man in bloßen Hemdärmeln, regnet oder schneit es, so werfen sie sich den Wettermantel über den Leib, einen Lodenfleck, der mitten das Loch hat, um den Kopf durchzustecken. Selbst im Juliregen sind Schneeflocken nichts seltenes, kein Mensch spricht davon.
Am Tage unseres Auftriebes sind auch von anderen Seiten die Nachbarstriebe heraufgekommen, Halter und Senninnen, die auf der Alm ihre Milchwirtschaften einrichten über den Sommer. Lustig ist es hergegangen. Das Kuhgeschelle, das Blöcken der Rinder auf den Weiden, das Jauchzen der Bergfrohen, das Hin- und Herrufen der Ankommenden und das Blasen der Alphörner, hier „Flatschen“ genannt -- allzusammen mir ein ganz neues Rauschen des Lebensstromes.
Von der Nachbarsalm ist ein Hirte da, ein alter borstiger Besen. Als ringsum die Kuhschellen schrillen, ruft er: „Leut’, sie thun schon zusammenläuten zu der Predigt.“ Springt auf einen Holzschragen und singt in Predigerton das Lob der Almdirndeln. Ihre Nächstenliebe! Ihr Gerngeben! Und ihre große Züchtigkeit faßt er schließlich in dem Vierzeiler zusammen:
„Zum Dirndel ihrem Kamerl Is a dicke, an eichnene Thür, Hat a dreifaches G’schloß Und als Riegel -- is a Strohhalmerl vir!“
Vom Kulmbock ist die Tochter da, eine üppige Rundlichkeit auf und auf. Der Rocherl nennt sie einen „harben Kerl“. Was er damit meinen mag? Diese anlebigen Augen unter ihrem Strohhut! „Es ist Feuersgefahr, meinst du nicht, Rocherl?“ Fortwährend schalkt sie über den Zaun herüber, um einzufädeln, und wenn ihr mein Junge was hinüberstichelt, giebt sie’s derb zurück. Und der Rocherl verdoppelt es keck und da habe ich meine Wunder gehört, was die für eine Sprache führen, wenn Vater und Mutter weit weg sind.
„Ich kenne dich nicht, Rocherl!“ ist mein Aufwecken. „Wenn so was deine Schwester hörte!“
„Die Kulmbockische ist schon was gewohnt“, antwortet er, „um die thut’s mir nit leid. Und der Andere“ setzt er zögernd und finster bei, „der’s der Barbel hat angethan, --“
„Was meinst?“
„Der -- lebt nimmer lang.“
Und da zuckt in seinem Aug ein grünliches Blitzen, mit dem Arm fährt er aus, daß die Schlinge reißt. Das kann ich mir nicht reimen. In diesem Knaben brennen allerhand Feuer.
Am Abende, als wir unser Vieh in dem Almstall untergebracht und uns in der luftigen Hütte eingeheimt hatten, röstete er auf dem Herdfeuer Mehlnocken -- ich habe schon bessere Soupers mitgemacht. Auswendig waren sie verbrannt und inwendig spickig, auch hatte der Koch das Salzen vergessen, aber sonst waren sie gut. Das Heu nachher war noch besser, wir genossen es nach unserer Weise, indem wir uns lang und breit darauf hinlegten, ich hinten bei den Brettern, er bei der Thürwand. Von den Nachbarhütten her gab’s noch Gelächter und man hörte die grelle Stimme des „harben Kerls“.
Endlich war alles still geworden, nur daß manchmal ein Dachbrett ächzte im Nachtwind. -- Oder war es der Rocherl?
„Es muß sich das Wetter ändern,“ sagte er auf einmal von seinem Heu herüber.
„Schlafst du denn noch nicht, Bergsohn?“
„Mir bohrt’s wieder in der Hand.“
„Soll ich sie dir verbinden? Du hast sie heute so aus der Schlinge geworfen.“
„Ich weiß ein anderes Mittel,“ sagte er, „und das will ich probieren. Wo hast du den Ruckkorb hingestellt? Ich hab’ Hexenkraut mitgenommen. Wenn’s dem Vater hilft, kann’s mir auch helfen.“
In seinem groben Hemde ging er in den Winkel, wo der Korb stand, kramte etwas hervor und nicht lange, so stand er an der Herdglut und atmete gierig den Rauch des glosenden Krautes ein.
Zur Stunde habe ich mich erinnert, daß das Hexenkraut ein Früchtel aus dem Mittelalter ist, welches durchaus keinen guten Ruf hat. Damals hat man es „Liebesklee“ genannt, der berückenden Träume wegen, die es hervorgebracht haben soll. Nun, seither ist das Unkraut älter geworden und anstatt, daß es arme müßige Seelen in den Irrgärten der Liebe umherführt, widmet es sich jetzt der christlichen Barmherzigkeit, stillt Lungenkrämpfe und die Schmerzen übel geheilter Schußwunden. Der Adam wird allemal recht ruhig davon. Und der Rocherl, nun der ist auch ruhig geworden. Ganz fest und auch süß mußte er schlafen, denn kein Atemzug war zu vernehmen her von seinem Heu.
Schon nach Mitternacht ist’s, daß mich ein Lärm weckt. Er kommt von den Nachbarhütten. Ein Poltern, Schreien und Fluchen.
„Rocherl!“ sage ich, „hörst du nichts? Mir scheint, sie raufen.“
Er hört es nicht und steht nicht auf. Soll sich ausschlafen, denke ich, verlasse mein Lager, suche im Dunkeln die Rindspeitsche und gehe hinaus. Und finde die Kerle draußen vor der Kulmbockhütte im Handgemenge. Zwei Halterburschen haben einen dritten unter sich, auf den sie mit Fäusten losdreschen. Ich lasse eilig meinen Riemen zischen, da fahren sie auseinander, und wer sich schwermütig vom Boden erhebt und die Sterne des Himmels in sein verknülltes Gesicht schauen läßt, das ist mein Rocherl. --
„Teuxel noch einmal!“ knurrt er und macht mit der einen Hand, als wolle er sich den Rücken glatt streichen. „So was ist mir auch noch nit passiert.“
„Haben sie dir stark aufgeladen?“
„Meinetwegen, sie kriegen es schon zurück. Aber die andere Dummheit. -- Zu der Kulmbockischen hat er mich tragen wollen, der Teuxel!“
„Hast doch schon so fest geschlafen!“
„Ich? -- Ja die Hand, die ist bald gut gewesen auf das Rauchen. Nachher --“ Mit ärgerlichem Lachen hat er’s einbekannt, daß ihm auf einmal so absonderlich geworden sei. „Bin ganz munter gewesen und hab’ gemeint, es müßt sein auf der Stell. Aufgestanden bin ich und zu der andern Hütten hinüber. Vor der Thür sind wir zusamm’kommen, der Gleimer-Jockel und der Wendhoferische. Na, die sollen sich g’freuen! Sei so gut, Hansel, binde mir jetzt die Hand ein. Saggra, das grabt! -- Das ist wieder einmal eine Dummheit gewesen!“
Ja, Philosoph, es ist ein himmelweiter Unterschied, ob das Kraut von einem alten Manne angewendet wird, oder von einem jungen.
Nächstens muß ich’s doch selber probieren.
Am neunundzwanzigsten Sonntage.
Nun heben die Feste an. Es beginnt das Ernten.
Zuerst reift uns das, woran wir das geringste Verdienst haben. Wasser leiteten wir auf die Wiesen, das war so ziemlich alles. Das Wasser löst in der Scholle die gebundenen Kräfte und nun steht die üppige Halm-, Blätter- und Blumenwildnis da. Am Morgen heben sich die taufeuchten Knospen empor, im jungen Sonnenschein entfalten sie sich und lachen in allen Farben den ganzen Tag. Und schaukeln im Winde ihre Glocken und Kronen, umtanzt und umworben von summenden Hummeln und flammenden Faltern. Gegen Abend senken sich die Blumen müde niederwärts und schließen sich zu und die kleine unendliche Tierwelt birgt sich unter Blättern und im Wurzelgeflecht. Immer möchte man dastehen und die Herrlichkeit betrachten, anstatt dessen muß man sie mit der Sense zerstören. Das gehört auch zum Menschenfluch -- er macht die Blume zu Heu!
Freund, das Mähen ist schwer! Die härteste Arbeit im ganzen Jahr! Damit entschuldigt mich der Adam, wenn’s nicht klecken will. Schon die Vorbereitungen deuten auf Außerordentliches, so das schallende Dängeln der Sicheln am Vorabend, so der kräftige Weckruf am Morgen, so das stattliche Frühstück um sieben Uhr früh auf der Wiese. Aber du mußt vorher drei Stunden mähen. Taunasses Gras schneidet sich besser als eins, das die Sonne gewelkt hat. Schon seit einigen Wochen hatte ich mich geübt in der Führung des grauenhaften Messers und spiele nun leidlich den Sensenmann, blühendes Leben vor mich niederzulegen in langen Machden, die hinterher der Franzel mit der Holzgabel auseinander streut. Der mit Wasser und Stein gefüllte Wetzkumpf hängt mir hinten, so wie euch der Zopf. Aber unten am Gürtel. Und nach jedem dritten Dutzend Hiebe ins Gras -- die Sense zählt fast jeden Streich mit einer kleinen Scharte -- muß sie geschärft werden mit dem Wetzstein. Schüttest du dir ungeschickterweise beim Bücken das Wetzkumpfwasser über den Kopf, so magst du den Stein nachher ins nasse Gras tauchen; ausgelacht wirst nicht, weil jeder mit sich selbst zu thun hat. Die Reihe bei uns ist nicht lang. Voran der Hausvater, der in seiner blädernden Leinwandhose gebückt und weitbeinig dasteht und mit jedem Hieb einen Schritt weiter schleift. Dann meine Wenigkeit mit ihren unterschiedlichen Nöten; hinten die Hausmutter, die sehr schneidig dreinmäht und mir stets hart an den Fersen ist. Es ist eine schreckliche Marschroute, Stund’ für Stund’. Zum Glücke hat man dabei keine Gedanken, man schwitzt alle heraus.
Die häuslichen Arbeiten besorgt das Mädel. Der Rocherl hat seinen Almdienst dem Gemeindehalter übergeben und weidet die Schafe am Rain. Dabei flucht er wieder etwelches über den Jäger Konrad, der ihn unfähig gemacht hat zu jeder starken Arbeit. „Der Vater mit seiner kranken Brust muß mähen und ich muß müßiger Schäfer sein!“ klagte er mir. Könnte der junge heißblütige Mensch so arbeiten, als wir anderen, er würde sich nicht verlieren, die Kraft würde sich nicht umsetzen in ein dämonisches Seelenleben, vor dem mir manchmal so bange ist.
Freilich muß der Adam oftmals aussetzen mit der Sense, um sich verschnaufen zu können. Die Mutter hat immer das Hexenkraut mit, aber bisher ist es auf der Wiese nicht nötig gewesen. -- Steht die Sonne hoch, dann hängen wir die Sensen in den Schatten eines Strauches, nehmen Gabel und Rechen, krauen die flachgestreuten Futterschichten um, so daß sie über und über trocknen, und am nächsten oder übernächsten Tage zu Haufen oder Schöbern gespeichert werden können. Vom Wetter getrauten wir uns nicht ein Wort zu sprechen vor lauter Frohsein, daß es so schön war. Wir könnten es verschreien. Nur einmal sagte der Adam fast beklommen vor Freude, ein so gutes Heu, wie dieses Jahr, hätte er schon lange nicht mehr bekommen. Dieser Duft! Köstlich wie der Geruch des feinsten chinesischen Thees. Die Leute wissen nicht, weshalb es beim Heuen so heiter hergeht, es ist der Rausch der Düfte, die aus welkenden Kelchen steigen. Über Nacken und Antlitz rieselt prickelnd der Schweiß, immer und immer bestätigend jenen uralten Fluch oder Segen: Im Schweiße deines Angesichtes sollst du dir dein Brot verdienen! -- Das heißt einmal Wort halten, du heiliger Herrgott! -- Hingegen muß ich sagen, daß meine alten Kopfschmerzen, die mich sonst in der heißen Jahreszeit gequält haben, bisher hier ausgeblieben sind.