Erdsegen: Vertrauliche Sonntagsbriefe eines Bauernknechtes.

Part 14

Chapter 143,862 wordsPublic domain

„Wäre es denn so groß Wunder?“ sagte ich. „In solchen Jahren braucht der Mensch muntere Ansprache. Sie hat keine Gesellin, keine Freundin, wie andere Dirnlein ihres Alters. Immer allein mit sich selber, mit der herben Mutter, dem armen Rocherl. An uns zwei Alten ist auch nicht viel Lustiges zu finden. Da muß ein junges Wesen freilich ernsthaft werden, und traurig mit der Zeit.“

Mein Hinweis auf solche Ursachen befreite ihn fast.

Wäre nur auch ich von meinen Worten überzeugt gewesen. Ich weiß die Hasenschreckergeschichte und er weiß sie nicht. „Keine rechte Gespanin hat sie,“ sagte er. „Wird eh so sein, wird eh so sein!“ -- Aber bald wurde er wieder nachdenklich, trocknete sich den Schweiß und murmelte für sich: „Wenn’s was anderes hätt’! -- ’s wär’ nit zu überleben...“

Gegen Abend habe ich den Lehmsack auf meine Achsel genommen und heimgetragen ins Adamshaus. Der Adam geht, am Spatenstiel gestützt, langsam hinter mir her. Er hat keinen Lehmbündel auf dem Rücken -- aber ich wollte es leicht erraten, wer von uns beiden schwerer trägt. --

Nun muß ich dir aber noch ein verteufelt artiges Stücklein erzählen.

Am Montag hatte ich drüben am Schachenrain zu thun. Es müssen dort die Hecken gerodet werden, weil der Adam Rüben anbauen will. Bei dieser Arbeit fällt es mir auf, daß im Schachen manchmal so ein Wiederhall ist, als würde irgendwo laut geschrien. Zu Mittag sage ich das dem Rocherl, und ob denn die Hirten aus der Planalm so schrieen? Anstatt einer Antwort sagt er, das Heckengraben sei jetzt nicht nötig, ich müsse für den Nachmittag ins Thal hinab, es sei die Mühlbachwehr gebrochen. Der Hausvater schickt mich aber doch in die Hecken und den Rocherl mit, daß er das Strubwerk zusammenschleife zum Verbrennen. Und da höre ich wieder das Schreien.

„Es kommt vom Ausgedinghäusel herüber!“ sage ich. Das steht nämlich drüben, hinter dem Schachen an der Schlucht.

„Das Häusel ist ja unbewohnt, und es kommt auch kein Mensch hin,“ sagt der Rocherl hart.

„Und es schreit doch wer drüben, ich lasse mir’s nicht nehmen. Komm, wir müssen hinüber!“

Wie der Bursche sieht, ich wäre nicht zu halten, geht er mit und sagt: „Hansel, du wirst im Ausgedinghäusel wohl wen finden. Du wirst den Saufüsselbuben finden. Den hab’ ich dort eingesperrt.“

„Aber Lapp!“ rufe ich aus, „du wirst dem dummen Schusterbuben doch die Osternacht nicht noch immer nachtragen!“

„Ich wollt’ nicht reden davon. Vom Hasenschrecker,“ sagt der Rocherl, vor Erregung die Worte ganz kurzatmig hervorstoßend. „Du weißt ja eh davon. Hast ihn eh selber zerfetzt. Der Saufüssel hat ihn aufgestellt vor ihrem Fenster.“

„Was Teufel noch einmal! Der und allemal der, wenn wo ein Schelmenstück geschieht.“

„Schelmenstück sagst du bloß?“

„Dummheiten, sage ich.“

„Weißt du, daß ich ihn dabei erwischt habe?“ fährt der Rocherl fort, während wir durch den Schachen gehen. „Weißt du, daß ich ihn mit der Axt hab’ tot schlagen wollen den Hund? Er hat nicht mehr aus können, hat sich versteckt ins Häusel hinein. So gescheit bin ich wohl, daß ich nit nachlauf ins Finstere. Aber die Thür hab’ ich zugesperrt. Seitdem ist er drinnen und jetzt weißt es, wer so schreit.“

„Seit wann ist er drinnen?“

„Seit Samstag.“

„Narr, da muß er ja verhungern!“

„Meinetwegen,“ sagt der Rocherl.

Wir kommen zur Hütte, die unter einer großen Wettertanne hart am Rain steht, am Abhang der Schlucht. Wir gucken rückwärts durch die kleinen, glaslosen Fenster hinein. Der Saufüssel kauert im Winkel mit zerfetzten Kleidern. Als er uns gewahr wird, springt er auf, faltet die Hände und wimmert: „Um Herrgottswillen bitt’ ich euch, laßt mich aus. So viel Hunger! So viel Hunger!“

Wir haben uns nicht lange mit ihm unterhalten.

„Du hast meine Schwester beschimpft!“ rief der Rocherl. Und der andere drin: „Deine Schwester ist --“ Und eine Geste mit den Händen, da habe ich genug gehabt.

„Rocherl,“ sage ich, „jetzt glaub’ ichs schon selbst, daß wir den jungen Mann noch ein paar Tage im Kotter lassen sollen, bis er etwas gemütlicher wird. Komm’!“

Lassen den Saufüssel schreien, bitten und fluchen und gehen davon.

Am Dienstag wollte ich ihm einen Krug Wasser bringen und nachsehen, wie es mit seiner Besserung stünde. Die Hausthür weit offen, der Vogel ausgeflogen. -- Und am selbigen Abend beim Suppenessen sagt die Barbel: „Wenn sich heut’ das Kalbel nit in die Schlucht verlaufen hätt’, so möchten wir einen schönen Schreck derlebt haben, nächstens im Häusel. Der Schusterbub. Eingesperrt worden soll er sein! Vor vier Tagen schon. Hat gar nimmer reden können. Ist nur gleich hingefallen ans Bachel und hat so lang Wasser getrunken, bis ich ihn aufricht’ und sag: Mensch, du trinkst dich ja zu Tod!“

„Du hast ihn ausgelassen?“ fährt sie der Rocherl an.

„Gott Lob und Dank, daß es noch früh genug gewesen ist!“

„Weißt du nit, Barbel, daß es der Saufüssel ist gewesen, der --“

„Der dem Schaf das Füssel hat abgeworfen!“ rede ich rasch drein.

Weiter nichts. Sie weiß nichts und wir sagen nichts und mir ist zum Lachen und zum Weinen gewesen darüber, was doch die Fürsehung bisweilen für einen wunderlichen Humor hat.

Am Tage Peter und Pauls.

Das ist eine Extrapost. Oder ein Nachtrag zum vorigen Sonntage. Des Saufüsselbuben wegen. Die Sache liegt mir fast an. Der Junge -- Clemens heißen sie ihn jetzt -- ist schwer erkrankt am Typhus. Er liegt bei seiner Mutter, der Marenzel, die sich arg über die Adamsleute beklagen soll. Sie habe mit ihrem guten Pflaster dem Rocherl die Hand gerettet, sonst hätte selbige müssen weggeschnitten werden. Dafür habe dieser ganz bösartige Bursche ihren armen Clemens in eine entlegene Hütte gelockt, ihn dort tückisch überfallen und eingeschlossen, so daß der gute Knabe schon dem Hungertode verfallen war und jetzt sein junges Leben werde lassen müssen.

Darüber ist der Rocherl heute mittags nach dem Essen von seinen Eltern zur Rede gestellt worden.

„Ich sag’ dirs nur, was die Leut’ jetzt über dich reden, Rocherl,“ sprach der Hausvater. „Daß es nicht wahr ist, weiß ich gleichwohl. Wer wird denn so was thun!“

Sagte der Rocherl trutzig: „Warum soll’s nit wahr sein! Es ist wahr.“

„Christi Heiland!“ rief die Mutter. „Du hättest den Schusterbuben in die Hütten gesperrt! Daß er auf den Tod ist worden! Ja warum denn, gottverlassener Mensch!“

Der Rocherl blickte um sich, blickte die Barbel an, den Vater, endlich auch die Mutter, und antwortete: „Das kann ich nit sagen.“

„Die Marenzel schreit herum, sie werde dich von den Schandarmen abholen lassen. Da wolltest du ein bissel länger sitzen müssen, als ihr Clemens in der Hütten!“

Der Rocherl nichts, als ein Achselzucken.

Später habe ich ihm draußen unter den Kirschbäumen zu bedenken gegeben, daß er den abscheulichen Vorwurf nicht auf sich sitzen lassen dürfe. Da wird er zornig und schreit: „Stell’ dich nit so blöd’! Du weißt es recht gut, wie es ist. Mich rechtfertigen -- nichts leichter, als das! Soll sich die Barbel das Herz abkränken, wenn sie den Schimpf erfährt? Und den Vater der Schlag treffen wegen des Hasenschreckers und was dran ist zu verstehen gewest? Laß mich aus, da will ich lieber mit den Federbuschmännern davonspazieren.“ -- ’s ist doch ein Kerl zum Küssen.

Der Konflikt ist zur Stunde aber schon gelöst und die Barbel hat’s gethan. Die Barbel ging hinab zum kranken Clemens um ihn zu trösten und auszufragen, wie es gekommen sei. Beim Jungen war vorher gerade der Kurat gewesen mit den Sterbesakramenten.

Der Kranke soll ihr gleich die glühheiße Hand entgegengestreckt haben und sie um Verzeihung gebeten.

„Was hab’ denn ich dir zu verzeihen?“ hat sie gefragt.

„-- Das mit dem Hasenschrecker und dem Kind vor deinem Fensterl.“ -- So hat sie’s von ihm selbst erfahren. Mit keinem Auge soll sie gezuckt haben. Sie gab ihm die Hand: „Wegen meiner sollst in Frieden sein, Clemens. Ich trag’, was mein ist.“

Und wie hat der Rocherl dreingeschaut, als das Mädel heimkommt und zu ihm sagt: „Bruder, der Clemens laßt dich grüßen und bitten, daß du ihm verzeihst. Er thut’s auch dir.“

Jetzt ist’s ihnen beiden leid, wenn der Saufüsselbub sterben muß. Die Mutter weiß auch davon, nur der Vater kann immer noch nicht begreifen, was doch dem Rocherl mag eingefallen sein. Er will übrigens jetzt die Barbel auf eine Alm schicken in die Sennhütte, damit sie ihre Schwermut sollt’ verlieren. O einfältiger Adam du! --

* * * * *

+Nachschrift.+ Um Mitternacht. Mir zittern die Hände und doch muß es dir noch geschrieben werden. Eine plötzliche Veränderung wollte es nehmen.

Nachdem ich den Brief an dich geschlossen, war im Stalle den Ochsen noch Reisigstreu hinzuschütten. Ich thue das mit der eisernen dreispießigen Gabel, und da springt der Rocherl rasch zur Thür herein, auf mich zu und reißt mir heftig die Gabel aus der Hand. An seinem Munde weißer Schaum, die Waffe zückt er gegen mich, während ich sie noch am Stiel erfasse und ablenke.

„Was willst du, Mensch!“

„Hund, ich stech’ dich nieder!“ schnauft er. Wir ringen um die Gabel. Er ist von Sinnen! Er ist von Sinnen! sonst kann ich nichts denken. Sein einziger Arm hat dreifache Kraft, wie zwei Tiger, so ringen wir, von einer Wand zur andern fahrend, daß es dröhnt, bis endlich die Streugabel in meiner gehobenen Hand bleibt.

Starr stehen wir uns gegenüber.

„Was bedeutet das?“ frage ich.

„Das wirst du schon selber wissen!“ sagt er knirschend.

„Bei Jesu im Himmel, ich weiß es nicht!“

Er langsam, wie träumerisch: „Bei Jesu im Himmel? -- Du weißt es nicht? -- Dann werde ich dich schon erinnern müssen.“

„Was soll das Umreden! Sag’s, was du meinst!“

„Verstell’ dich nit, Hansel. Gesteh’s nur offen ein, daß du die Schuld bist. Bei ihr...“

Jetzt habe ich ihn aber auch verstanden. -- Daß er es noch nicht wissen sollte, was ich weiß! Aber wie soll er’s denn wissen, wenn es der Lehrer mir als Geheimnis anvertraut hat!

So sage ich nun zum Rocherl: „Wenn es so steht! Wenn ich in +diesem+ Verdacht bin! Wenn man mich gleich niedermachen will, anstatt dort anzufragen, wo man’s doch leicht würde erfahren können, dann -- bleibt mir keine Wahl mehr, was zu thun ist. Meinen Dank an deine Eltern für alles Gute -- du kannst ihn ausrichten, oder auch nicht, wie du willst. Morgen früh braucht mich dein Vater nicht mehr zu wecken.“

„Fortgehen ist freilich das Bequemste,“ sagte er.

„Rocherl! Mein Bleiben dürfte dir nicht wohlbekommen!“

Er sagt nichts mehr, stolpert aus dem Stall.

Dann habe ich begonnen, meine Sachen zusammenzusuchen und in ein Bündel zu thun und bei mir gedacht: So muß es enden! Und als das Bündel fertig war und ich an der Thür stand, hinausschauend in die sternhelle Nacht -- da kam er über den Hof gegangen. Einige Schritte vor der Thür blieb er stehen und fragte leise: „Bist noch da?“ Dann trat er ganz an mich her, hielt mir die Hand entgegen: „Hansel, verzeih’ mir. Ich weiß es jetzt schon. -- -- Bleib’ da bei uns -- bleib’ da!“ Und fiel mir an die Brust und weinte so wild, so schwer, daß ich hätte vergehen mögen vor lauter Erbarmen.

Das, mein Alfred, habe ich dir noch schreiben müssen in dieser Sommernacht.

Am siebenundzwanzigsten Sonntage.

Es ist doch eine Freude, jetzt! Die Haferfelder grünen frisch auf und lachen uns schon Dank zu. Das Korn steht hoch, viele Halme höher, wie ein Mensch. Wenn man auf dem engen Fußsteig durch das Kornfeld dahingeht, so streicheln einem wiegende Ähren die Wangen und ihre zarten Blüten bleiben hängen im Haar und ihr Duft weht in die Seele einen süßen Rausch. Wie ein bläulicher See wallt die Fläche, wenn die Luft streicht. Zwischen dem Gehalme leuchtet dort und da der glühende Mohn hervor, oder das feurige Blau der Kornblume, Schönheiten, die aber meinem Adam nicht recht gefallen wollen, weil sie „Unkraut“ sind. Überall wirbelt Gesang der Lerchen, und man sieht keine; in den Halmen zirpt es, im hohen Himmel klingt es. Was ist alle gemachte Poesie in einer großen Stadt gegen die Schönheit eines Kornfeldes!

Vor ein paar Tagen haben wir stundenlang gezittert. Im Hochgebirge stand ein Gewitter. Zuerst waren die weißen Nebelstreifen niedergeflossen in die Schründe und Schluchten, sachte sank das schwere Gewölk ins Hochthal herein und in den Lüften war ein Rauschen, als rieben sich in ungeheueren Säcken gedörrte Nüsse. Auf dem Rechenstein haben sie geschossen. So dunkel war es geworden in der Stube, daß die Wetterkerze, die mein Hausvater angezündet hatte, ihren roten Schein an die Wand warf, wie in der Nacht. Bei allen drohenden Gefahren muß die Weihekerze brennen, leise betend schauen wir in die geheimnisvolle Flamme. Draußen, über dem Dache steigen die Rauchwölkchen der Palmsonntagszweige auf, die in der Herdglut glosen. Die lastende Luft schlägt ihren prickelnden Geruch nieder auf den Erdboden.

Unter dem Ahorn stand die Barbel und schwang fortwährend in der Hand ein Kruzifix gegen das stetig heranrollende Gewitter. Dabei sprach sie halblaut den Wettersegen: „Im Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort. In ihm war das Leben und das Leben war das Licht der Menschen. Und das Licht leuchtete in der Finsternis. -- Und das Wort ist Fleisch geworden.“

Ich stand unweit von ihr und schaute hin, wie sie in einer Art von Verzückung die Worte des Johannesevangeliums sprach. Ihr weißes Gesicht vor dem bleiernen Hintergrunde leuchtete magisch. Wie eine Seherin stand sie da. Endlich trat ich hin zu ihr: „Barbel, du sollst jetzt ins Haus gehen. Siehe, in den Ästen rauscht der Wind. In wenigen Augenblicken ist es da. Du sollst ins Haus gehen!“

Da sagte sie zu mir: „Laß’ mich, Hansel. Hier ist es schön.“

Die Nebelmassen wälzten sich thalwärts, so daß wir fast über ihnen waren. Plötzlich sprang aus ihnen ein Blitz auf, so grell, daß man ihn im Auge wie einen heftigen Schlag empfand.

Als der Donner ausgeschmettert hatte, hörte ich die Barbel traumhaft sagen: „Hier ist es so schön! -- Herrgott, nimm mich jetzt -- Das Wort ist Fleisch geworden ....“

„So komm doch, Barbel!“

Mit gehobenen Armen stand sie da und schaute halb schreckhaft und halb schwärmerisch ins Geäste des Ahorns auf: „Hörst du, wie sie wispeln? -- Die kleinen Kinder! Siehst du sie? Dort schaukeln sie in den Zweigen, siehst du sie? Und hocken und schaukeln und tanzen!“

„Kleine Kinder? Wo?“

„Da oben im Ahornbaum. Und schaukeln und wispeln. Die vor der Taufe gestorbenen Kinder! Die kleinen armen Seelen! -- Im Särgelein liegen die Knospen. Die Seelen müssen auf dem Ahorn warten, bis das Christkind kommt in der heiligen Nacht. -- Herr Jesu Christe -- gnadenreich, -- und führt sie ein -- ins Himmelreich ....“

Jetzt brachen die Wässer aus den Lüften, ich zog die Barbel am Arm mit ins Haus. Sie strich sich mit krampfigen Fingern das lose Haar vom Gesicht und starrte betroffen umher, als wäre sie aus einem Traum erwacht. --

Als das Gewitter vorüber war, funkelten die Bäume wie Glasluster in der untergehenden Sonne. An jedem Halm wiegte sich ein Lichtlein. Draußen aber, in den Thälern des Vordergaies, lag ein weißer Winter. --

Und jetzt, denke dir, hört man die Mär, daß die Bewohner des vorderen Gaies klagbar auftreten wollen gegen den hinteren Gai. Im Hintergai sei nämlich geschossen worden, während man sich doch seit Jahren gegenseitig verabredet habe, es dürfe weder vorne noch hinten geschossen werden, wenn ein Gewitter zusteht. Denn das Wetterschießen mit Pöllern sei erstens ein Eingriff in den Willen Gottes, der sich es nicht gebieten lassen werde, wo gehagelt werden soll und wo nicht. Zweitens wäre es eine Lumperei gegen die nachbarlichen Ortschaften, wo nicht geschossen werde, und wo das verjagte Gewitter sich entladen müßte. Und drittens sei es überhaupt eine Dummheit zu glauben, daß durch den Knall etlicher Mörser der Himmel sich werde schrecken lassen, maßen ein Hochgewitter sein eigenes Feuern und Krachen hat und trotzdem manchmal Eis wirft, was das Zeug hält. Wie das auch sei, hinten wäre jetzt geschossen worden und vorne sei der Teufel los. -- Der Kulmbock aber sagt: „Sollen nur kläglich werden, die da draußen! Werden’s ihnen schon zeigen! Die sollen sich anschauen, wenn ich drüber komm! Schuhnägel friß ich nit!“ -- Das Wetterschießen wird also in den Landtag kommen. Der Gleimer behauptet, daß es in der Hoisendorfer Gegend am Frohnleichnamstag seit Menschengedenken nicht grob gewettert hätte. Sicherlich des Frohnleichnamsschießens wegen. Du kannst einmal einen Naturforscher fragen.

Gestern ist ein Händler zu uns gekommen. Der hat die Felder geprüft und gemessen und das Korn auf dem Halm gekauft. Mein Hausvater bekommt einen Vorschuß auf die Hand, der kaum ausreicht, um die allerdringendsten Steuern und Anschaffungen zu bestreiten, aber gerade groß genug ist, um ihn rechtlich zu binden. Der mehrere Teil soll ihm ausbezahlt werden im Frühherbst, wenn das Getreide, unversehrt vor Wetterschlägen, Nässe, Dürre, Wildfraß und anderem Unheil in die Säcke rieseln kann. Nämlich so: Ist die Ernte gut, so hat der Händler den Vorteil, schlägt das Unglück, so hat mein Adam den Schaden. Der hat wohl recht den Kopf geschüttelt, aber unterschrieben hat er doch. Denn es ist kein Kreuzer im Hause. In früherer Zeit hat man im Bauernhause das Geld entraten können, da haben sie fast alle ihre Bedürfnisse an Nahrung, Gewand und Haus mit eigenem Werk befriedigt und besser, als heute mit gekauftem. Der Adam sagt, sein Vater habe für Haus und Familie im ganzen Jahre nicht dreißig Gulden Geld ausgegeben. Mein Herr Stein von Stein spendiert sich jährlich fünfhundert Gulden für Cigarren, und seine Frau Gemahlin nicht weniger für Handschuhe, Puder, Schminken und Salben. Und der fleißige Bauer? -- Es wackelt in der Welt.

Ich bin mit einem Ochsenpaare und einem Karren nach Hoisendorf geschickt worden, da ist’s einmal hoch hergegangen: Einen Metzen Weizenmehl, einen Salzstock, dann Feldwerkzeuge, als Sensen und Sicheln, dann Eisenstiften, Zündholz, Wacholdergeist und Rosenbuschbalsam zur Medizin. Der Hoisendorfer Schmied kann glasen und wachsziehen, bei dem habe ich Fensterscheiben und einen Wachskerzenstock erstanden. Ferner habe ich einen Krug Lichtöl eingekauft. Als Aufklärer von Fach that ich meinen guten Leuten das Petroleum solange anpreisen, bis sie es versuchten. Es gefällt ihnen und mich reut es. Das Öl kostet Geld, den Kienspan hatten sie umsonst. Den Bauern Geldausgeben lehren und ihm das Schuldenmachen angewöhnen, wie unsere Kreditvereine und Sparkassen es thun, das ist schon die richtige Volkswirtschaft, das! Der Adam fühlt sich manchmal noch altständig und sagte gestern ganz einfältig: „Wenn alle Stricke reißen und alle Brücken brechen, so leben wir halt von dem, was wir selber bauen. Und brauchen keinen Teuxel wen sonst dazu.“ -- Welch ein anderer Stand könnte das je von sich sagen!

Na, ich wollte dir eigentlich etwas anderes erzählen.

Ich sitze auf der Karrenladung und leite mit der Gerte die braven Ochsen stetig durchs Thal herein. Und lobe sie, daß sie so folgsam sind und so fest anziehen, und die Gerte brauche ich nur, um ihnen die zudringlichen Stechfliegen vom Leibe zu wehren. Wie wir zur Bachbrücke kommen, steht dort der Lehrer. Er hat die Ärmeln aufgestreift und ist beim Fischfang. Zwei weißbauchige Forellen hat er schon hübsch in ein großes Lattichblatt gebettet und fragt mich gleich, ob ich sie nicht wollte mitnehmen ins Adamshaus. Dort gebe es jemanden, der gern gebratene Forellen esse.

Ich will zuerst dieser Sache ausweichen und sage: „Gieb acht, Winter, daß dir der Konrad die Hand nicht abschießt!“ Denn der Jäger hat auch die Aufsicht über das Fischwasser.

„Der Jäger Konrad ist zahm geworden,“ sagt der Lehrer. „Den muß das böse Gewissen schon stramm zusetzen, des Rocherls wegen. Seitdem läßt er alles gehen, ich glaube, vor dem könnte man jetzt den Steinbock aus dem astronomischen Tierkreis schießen.“

„Ja ja, dort oben ist der Herrgott Jagdeigentümer, hier ist’s der Baron!“

Dieweilen habe ich mein Fuhrwerk angehalten. Der Lehrer streift die Ärmlinge vor und reicht mir eine Cigarre auf den Karren.

„Na nu! So etwas rauchst du?“

„Nein, ich nicht. Du sollst es rauchen.“

„Sehr verbunden, Herr Schuldirektor! Oder sind wir schon Fleischermeister geworden, oder Groß-Käsehändler, daß es ein solches Kraut giebt?“

„Vom Herrn Landtagsabgeordneten habe ich sie!“

„Und der Kulmbock raucht Regalitas?“ lache ich auf.

„Er sagt, der Bauer dürfe sich nicht lumpen lassen.“

Ich gebe ihm die Cigarre zurück. Was ich vom Rauchen halte, weißt du ja. Und schon aus Achtung für meine Ochsen wollte ich mir das Ding nicht ins Gesicht stecken.

Die Tiere fressen ruhig Kernkaut, das an der Brücke wuchert. Ich lasse sie gewähren und denke: Wie packest du jetzt den Schullehrer?

„Willst sie denn nicht selber hinauftragen, deine Fischlein, ins Adamshaus?“

„Verdammt heiß ist’s,“ sagt er.

„Man müßte eben des Abends gehen. Oder gar in der Nacht,“ klinge ich an.

„Wahrhaftig!“ sagt der Schelm ganz harmlos.

„Es ist halt nicht gar lustig, bei uns oben jetzt,“ sage ich.

„Ist was? Ist was?“ fragt er rasch.

„Ja, es ist was,“ antworte ich gelassen. Glaube beinahe, daß ich die Worte so ein wenig gesungen habe.

Er lehnt sich angelegentlich an das Karrenjoch, schaut mir ins Gesicht und sagt: „Was reden wir denn so. Du weißt es ja.“

Mit der Gerte streiche ich ihm über den Rücken. Er fährt auf und ich sage: „Eine Bremse ist dir angesessen. Die Viecher stechen höllisch arg.“

„Du bist wieder so besonders, Trautendorffer,“ sagt der Lehrer unsicher.

„Und ich kenn’ mich an dir nicht aus, Winter! Als ehrlicher Mann -- müßtest du schon wissen, was jetzt zu thun ist.“

Darauf er leidenschaftlich: „Wird nicht nötig sein, gleich den ehrlichen Mann vorzuspannen. Der lauft dir nicht davon.“

„Dann werden wir uns leicht verstehen. Guido, du mußt dich erklären. Mit der Mutter kannst offen reden. Beim Vater ist’s anders. Ich glaube, der weiß noch nichts. Die höchste Vorsicht, ich sage es dir. Er ist herzleidend.“

„Sollte er noch nichts ahnen?“

„Er ist ein altes Kind.“

„Dann steht dem armen Mädel das Schlimmste noch bevor,“ sagt er mit einem Seufzer. Plötzlich stößt er heraus: „Freund, wie oft habe ich diese Stunde verflucht!“

„Wie jeder, den die Liebe traf!“

„Diese verdammte Liebe!“

„Mein Freund, die Liebe ist nicht verdammt!“

„Sie ist anders, als man sich sie vorstellt! Da schleicht sie an, wie ein Engel, der durchs Zimmer geht -- so fromm, so arglos. -- Warum bleibt’s nicht dabei?“

„Ho, Falberle, ho!“ Denn die Ochsen zogen an. Der Karren ging quixend vorwärts, der Lehrer schritt daneben her, stützte sich immer an das Karrenjoch und sprach leise, rasch, fieberhaft: „Dumm wäre es und schlecht wäre es, eine Rechtfertigung zu versuchen. Ich bin ja doch selber Schuld, ganz allein ich. Die geschwisterliche Traulichkeit läßt man sich nicht genug sein. In Gedanken wird gezündelt und immer gezündelt -- wochenlang, und immer in Gedanken gezündelt. Man sinnet sich ein, man regt sich auf, man sucht Gelegenheiten und führt die unschuldige Liebe spazieren, wohin sie nicht gehört. Ganz unversehens ist’s da, Leidenschaft und Gelegenheit beisammen und der Teufel ist los.“

„Und das Philosophieren hinten drein hilft nichts,“ sage ich.

„Wenn ich’s allein zu tragen hätte -- nicht ein Wort! Mit Wonne würde ich büßen.“

„Nun eben! Der Adam bringt’s und die Eva trägt’s.“

„Die Eva!“ fährt er auf. „Ich leide es nicht. Das ist kein Vergleich. Als ob +sie+ mich verführt hätte! Das ist ja das Verfluchte: die Schlange war ich. Das Mädel ist heute so unschuldig, wie vor einem Jahre. Und jetzt -- leiden muß es +sie+. Sie allein. Wer eine Taschenuhr stiehlt, der wird eingesperrt. Wer einen jungen Menschen zerstört, der... Es ist ein abscheulicher Zustand. Ich sage es dir: Jeder soll sich hüten!“

„Meinst du damit etwas? Stelle du dich deinen Schulknaben als warnendes Beispiel auf. Ich brauche keines mehr. Meine Hundstage sind, sagen wir, größtenteils vorüber. Man verflucht sich nicht, man findet sich ab. -- Mich interessiert heute nur zu hören, mein lieber Winter, wann du Hochzeit machen wirst?“