Erdsegen: Vertrauliche Sonntagsbriefe eines Bauernknechtes.
Part 13
Er kniff die Lippen zusammen und die Augen zu, er preßte sich die Faust an die Brust, als wäre ein heftiger Schmerz totzudrücken.
„Du bist kindisch, Rocherl,“ sprach sie voller Zärtlichkeit. „Von jedem andern, schau, so was mußt du nimmer sagen. Man kann ja nur Einen gern haben.“
„Warum hast du mich nimmer gern!“ schrie er auf.
„Aber Närrlein! Du bist ja mein lieber Bruder!“
Er packte sie um den Nacken, küßte sie heftig auf die Wange und taumelte zur Thür hinaus.
Am selben Abende hörte ich ihn vor sich hinmurmeln:
„Es wird sein müssen! Es wird sein müssen.“
Mir fällt’s auf, schon seit einiger Zeit. Der Rocherl wird von Woche zu Woche blässer und bekommt einen so sonderbaren Blick. Ich weiß nicht, mir ist er unangenehm, dieser Blick. Früher war er nicht. So etwas Springendes, wie ein Funken, den der Wind jagt. Ob +dem+ nicht etwa die Nägel der linken Hand blühen? Keinesfalls schlägt ihm seine unstäte Stimmung so gut an, wie der Barbel ihre stille Ernsthaftigkeit. So schweigen die Lilien und blühen. --
Mir geht’s -- um einmal landläufig briefzuschreiben -- Gott sei Dank, auch so weit gut. Die Arbeiten sind nicht schwer um diese Zeit. Der Anbau ist vorüber, die Wiesen sind bewässert und gereinigt. Lässig wird im Wald herumgethan, um Brennholz zu machen aus dem Gefälle und dürrem Astwerk, das der Sturm niedergeworfen hat. Man kliebt das Holz zu Scheiten, stößet es auf, um es gelegentlich mit einer Schlarpfen in den Hof hinabzuschleifen. Dann die Vorbereitung für die Erntezeit, die Sensen werden gedängelt, die Rechen gezähnt, die Heugabeln geschaftet, die Sicheln beheftet, die Körbe bebändert, die Karren berädert. Man ackert den Krautgarten, macht dann mit der Eisenstange Löcher in die gelockerte Scholle, gießt Jauche auf und setzt die zarten Kohlpflänzchen ein. Zum Hüter dieser wichtigen Pflanzung wird der Hasenschrecker aufgestellt. Na, da hat es sich wieder einmal gezeigt, was so ein zugereister Knecht kann. Mit einer alten Linnenhose vom Rocherl, einer zerfaserten Joppe und einem löcherigen Hut vom Hausvater hat er einen Strohbund bekleidet, denselben mit einem hölzernen Rückgrat versehen und mitten auf den Krautgarten gestellt. Es ist eine wahre Charaktergestalt und zwar von der Gattung, die hier herum öffentliche Meinung macht. Die Arme breitet der Kerl weit aus und wird die Beständigkeit, mit der er das thut, durch eine Querstange hergestellt. An den Händen hat er lose hängende Brettchen, die beim Luftzug aneinander klappern, so daß die Hasen etwas meinen sollen. Die älteren, nämlich solche, die keine heurigen Hasen mehr sind, lassen sich nicht so leicht dupieren. Sie lassen den harmlosen Herrn mit seinem martialischen Aussehen und seinem Strohkopf stehen und klappern, und fressen ruhig die Kohlpflanzen ab, ihre Lieblingsspeise selbst im Sommer, wo ihnen doch allüberall Freitisch gedeckt wäre. Die unerfahrenen Häslein aber, jene mit den Hasenfüßen, haben vor dem Herrn Polizeirat auf der Stange einen heillosen Respekt und wagen sich nicht an den Krautgarten.
Weil der Mensch in den holden Frühsommernächten nicht immer schlafen mag, so habe ich mich selbst dem Hasenverscheuchamte zur Verfügung gestellt. Neben dem Krautgarten steht ein Kirschbaum, darunter sitze ich auf der Bank und genieße die Nacht. Am vorigen Freitag sitze ich dort wieder. Es ist warm, fast schwül, der Himmel umzogen. Drin über dem Hochgebirge Wetterleuchten. Im Hause schläft alles voll tiefer Ruh. Auch die Kuhschellen im Stall melden sich nicht mehr. Kein Glanzkäferchen unten, kein Käferchen oben. Nur Wetterleuchten in allen vier Weltgegenden. Es ist fast, daß einem bange werden könnte. Ich wandle langsam am Rain gegen den Schachen hin und horche, ob kein Murren zu hören ist aus der Ferne. Nichts. Schweres Schweigen. Ich gehe wieder dem Hause zu und denke: Menschenherz, halte Frieden. -- Und wie ich um die Ecke biege, steht einer vor ihrem Fenster. Das Fenster ist offen. Drinnen thut jemand schluchzen, sehr tief, sehr heftig. Der vor dem Fenster spricht etwas hinein, ich kann’s nicht verstehen. Beruhigen will er, so kommt es mir vor, so gütig spricht er hinein. Und ist’s der Schullehrer.
„Kannst du mich denn noch lieb haben, jetzt!“ sagt sie drinnen.
„Klage +dich+ nicht an, ich bitte dich. Laß +mir+ die Last. Ich verlaß dich nicht!“
Drinnen wimmert es. „Mein armer Vater! Mein armer Vater!“
Er spricht wieder leise und tröstet sie; es zittert sein Hauch vor Erregung. Und sie weint und weint.
„Hättest es mir früher sagen sollen,“ spricht er.
„Ich hab gemeint, unser Herrgott wird mich sterben lassen. Hab’ ihn schon darum gebeten...“
Er will immer beruhigen und trösten. Sie weint und weint.
Da bin ich in meine Kammer gegangen. Was hat mir denn der Lehrer erzählt, damals in der Hochthalklamm? Wenn es +das+ wäre?! -- Vor dem Schlimmsten erwehre ich mich mit der Vorstellung: Des Hausvaters wegen. Er ist brustkrank. Schlecht wird’s mit ihm stehen und sie sagt es jetzt dem Lehrer.
Hingelegt habe ich mich auf mein Stroh und bin wieder aufgestanden. Und hinausgegangen auf den Anger. Es ist Ruhe. Am Fenster steht er nicht mehr.
Und wie ich wieder liege in meiner Kammer, da fällt es mir ein: Hat das Fenster ein Gitter? --
Am fünfundzwanzigsten Sonntage.
Das ist das Kapitel vom „Jungfrauentag“. Auch der „Kranzeltag“ geheißen, den wir gefeiert haben am vorigen Donnerstag zu Hoisendorf. Feierlicher Umgang durch das Dorf, über die Matten hin. Und auf dem Rechenstein donnern die Pöller wie Kanonen. Ja, hier schreit auch das Pulver betend auf zum Himmel, zur Reue und Buße dafür, was es anderswo Böses thut. -- Die Herren von der „Kontinentalen“, wenn sie mich so mit entblößtem Haupte und laut betend unter den Bauern hätten dahinschreiten sehen, sie würden ausgerufen haben: Was thut der Mensch nicht alles um zwanzigtausend Kronen! -- Pfui, daß mir diese Sachen immer noch aus der Feder springen. Ich bin doch fertig mit ihnen. Und gründlich fertig, will ich hoffen. Die ländlichen Vergnügungen, als Rangeln, Fingerhäkeln, Hosenlüpfen, Kegeln und Karteln, Fensterln und Wildeln würden etwas länger gebraucht haben, um mich in den Strudel des Bauernlebens hineinzuziehen, als es die Arbeit und das Leiden gethan. Ich habe schon oft beobachtet, daß Lust und Vergnügen die Menschen entzweien, die Leiden sie einigen. Das letztere habe ich nun auch erfahren. Wenn Wesen zusammenwachsen sollen, sie können es nur an blutenden Wunden. Und hat es letztens der Kurat auf der Kanzel gesagt: Wo das Leid ist, da kommt leicht auch die Liebe und der Glaube. Es mag wohl so sein.
Freund, ich bin nicht der Sitte halber hinter dem Sakrament einhergegangen. Wer selbst das Feld bepflügt hat, der wandelt unter heißem Sonnenhimmel hübsch demütig einher in der betenden Schar, die ein hundertstimmiges Rufen thut: Herr Gott, Allmächtiger, bewahre unsere Erdfrüchte! Beschütze uns vor Blitz und Ungewitter! -- Und wäre nichts vorhanden, als die harte Natur allein, wenn so viele Lebewesen gemeinsam etwas wünschen und ersehnen, da wird eine neue Kraft wach und es muß sich erfüllen. In einem Dichterbuche habe ich gelesen: In dem Augenblick, wo alle Kreatur zu gleicher Zeit heiß wünschen würde, nicht zu sein, würde die Welt aufgehört haben zu sein. -- Kann die Welt auf gemeinsames Verlangen verneint werden, so wird sie durch ein gemeinsames Verlangen auch bejaht werden können. Ich halte was auf Einmütigkeit der Menschen in Lieben, Hassen und Wünschen. In dieser Einmütigkeit läge doch vielleicht jener Punkt, von dem aus die Geschicke lenkbar sind.
Das mögen so meine Erbauungen gewesen sein, während wir betend über die Fluren streiften. Der Herrgott wird bei dem zugereisten Knecht halt mit dieser Andacht haben fürlieb nehmen müssen, sie war ja nichts anderes als eine Willenserklärung: Ich bin einverstanden mit allem, um was sie dich bitten, o Herr!
Die Burschen, unter die ich mich eingereiht hatte, dürften zeit- und stellenweise auch anderen Andachten gehuldigt haben, bei denen der schlechte Adamshauser-Knecht möglicherweise wieder gleicher Willensmeinung war. Ach, diese krummen Wege! So oft sie sich bogen, sahen wir vor uns das Haupt der Schlange, oder hinter uns den Schweif. Wir sahen nicht bloß den roten „Himmel“, unter dessen Dache der Kurat im Ornate die Monstranze trug, nicht bloß die vier Stangenlaternen und die bunten Fahnen, nicht bloß die Spielleute mit ihren Trompeten, Klarinetten und Trommeln, wir sahen auch die lange Reihe der weißgekleideten Jungfrauen mit dem Rosmarinzweige im Haar. -- Der Rosmarinzweig im Haar gilt hier als das öffentliche Bekenntnis magdlicher Unversehrtheit. Solches Bekenntnis wird abgelegt einmal im Jahre, und zwar am Frohnleichnamstage. Da gehen Kleine und Große, Schöne und -- Andere, bei denen die schämige Behauptung um so glaubhafter erscheint. Etliche sind wohl zu arm, als daß sie sich ein weißes Kleid anschaffen könnten, sie sind in ihrem blauen oder buntgestreiften Sonntagsgewand, aber der grüne Zweig auf ihrem gescheitelten Haar spricht so erfreulich und züchtig, wie bei den Weißen.
Die Burschen lassen natürlich ihre Augen fleißig spazieren gehen über diese lieblichen Reihen hin, sie wissen, daß man sich auf den alten Brauch so ziemlich verlassen kann. Eine, die freimütig ihr bekränztes Haupt dahinträgt durch den Frohnleichnamstag, die steht nicht bloß hoch im Preise, nein, sie ist eben gar nicht zu haben. Es wäre kaum zu wagen, was einst eine heimlich Gefallene draußen in Sankt Kunigunden gewagt hat. Sie wand sich am Frohnleichnamstag einen Rosmarinzweig ums Haupt, und während des Hochamts verwandelte sich der Rosmarin in einen Brennesselstrauß, dessen Stämme so hoch aufwucherten, daß man sie in der ganzen Kirche sehen konnte. So etwas möchte Keine erleben.
Da bleibt man lieber weg und läßt die Frage offen.
Warum es nur den Burschen erlassen sei, ein öffentliches Bekenntnis abzulegen, habe ich den Rocherl scherzweise gefragt. Er schaut mich verblüfft an und antwortet, ich solle nicht so dumm fragen. -- Was soll man sich von einer solchen Antwort denken, Philosoph?
Nun, bei dieser Prozession ging der Schragererknecht neben mir her, und der Almhalter Blasius und hinten der Saufüsselbub. Während des Psalters führten sie miteinander eine halblaute Unterhaltung über Dirnlein, die nicht da wären. -- „Die Gleimersche ist wohl schon auf der Alm.“ „Die Kulmbock Fronel?“ „Die hilft ja das Frauenbild tragen, siehst du sie denn nicht? Dort, die große mit der roten Masche auf dem Buckel. Einen ganzen Rosmaringarten hat die auf ihrem roten Haar, dreidoppelt hat sie das Grünzeug um den Kopf geschlungen. Na, die muß freilich Eine sein! Sogar mehr als eine.“ „Hast du die Adamshauserische noch nicht gesehen?“ „Bigott, die Barbel ist nit da!“ „Die thut am End’ kirchenschwänzen heut’.“ -- Da huben die Racker an zu kichern.
Und nachher zu Mittag. Als der Adam heimkam von der Kirche, ging er in die Kammer, wo das Mädel gerade Linnenzeug zusammenfaltete, an dem sie genäht haben mochte.
„Ist bei dir heut Werktag, Barbel?“ fragte der Vater.
„Am Werktag komm’ ich nicht dazu, zum Nähen.“
„Ich hab’ gar gemeint, du bist krank, daß du nicht in die Kirche gehst an so einem Tag!“
Sie knüpfte wohl eifrig an einem Zwirnsfaden und sagte dann ganz gleichmäßig: „Vater, ich hab’ nichts aufzusetzen gehabt. Das dumme Schaf. In den Garten ist’s mir gestern gekommen und hat den Rosmarin gefressen.“
„Daß du aber nicht besser acht giebst, Kind!“ sagte der Adam und ging in den Garten hinaus. Es war so. Die Rosmarinstämme abgebissen und welk.
Bald darauf kam die Mutter hinein. Ich stand just im Vorhause hinter der Thür. Die Hausmutter that anfangs recht gleichmäßig, man muß bei ihr aber nur das Zucken an den braunen knochigen Händen kennen!
„Du Barbel!“ sagte sie, „warum bist du denn nit in die Kirchen gegangen?“
Der Mutter antwortete sie nicht so.
„Das hab’ ich doch meiner Tag nicht gesehen,“ fuhr die Hausmutter fort. „Bleibt der große Leutstock in der Hütten hocken! Dieweil jede ordentliche Dirn mit ihrem Kranz beim Umgang ist, wie sich’s gehört! Gehst du jetzt auch noch nit herfür? Wart, dir will ich noch einmal zeigen, wo das Loch ist hinaus! Trutzen die längste Zeit, und kein Mensch weiß, warum!“
„Getrutzt hab’ ich nie, Mutter!“
„Nit! Getrutzt nit! Also was denn? Ist das vielleicht Zulebigkeit, wenn du mit niemand nichts redest die ganze Zeit und ein Gesicht machst wie ein Armenseelenstagwetter! -- Ist dir was nit recht? Geht dir was ab? Hat dir wer was gethan? Ich leid’s einmal nit, die verdankte Mockerei!“
„Mocken thu’ ich nit!“ sagte die Barbel.
„Die Leut’ reden schon all!“ fuhr die Hausmutter fort. „Gerad’ ausgewichen bin ich ihnen, weil mich jedes gefragt hat auf dem Kirchweg: Wo ist denn heut’ die Barbel? Und wesweg zeigt sich denn die Barbel nit auf? -- Daß du Zahnweh hättest, hab’ ich lügen müssen. Schand und Spott kunnt’st bringen über uns miteinander, wenn’s nit all thäten wissen, daß du brav bist.“
Das Mädel wendete sich seitab, um das Linnenzeug in den Schrank zu thun.
Die Mutter ging ihr ein paar Schritte nach und sagte: „Barbel! Schau mich an! Schau mir ins Gesicht!“
Da wankte das Mädel zur Thür hinaus.
Die Hausmutter -- sie stand still. Wie in den Boden gewachsen, so stand sie still und starrte in den dunklen Vorraum, wo das Mädel verschwunden war. Sie sagte kein Wort, kein einziges mehr. Die Arme hob sie, die Hände legte sie zusammen.
Dann beim Mittagsmahl. Die Barbel war nicht bei Tische erschienen. Der Rocherl war nicht erschienen. Niemand fragte, wo sie wären. Wir übrigen saßen schweigend beisammen, es wollte nicht schmecken. Eins um das andere legte den Löffel frühzeitig weg, stand auf und ging hinaus. Endlich bin ich allein dagesessen und habe nachgedacht, was all das bedeuten soll. -- Am Nachmittag ging der Hausvater hinaus auf die Weide, um Löffelkraut zu suchen. Löffelkraut ist eine Arzenei für den Milzschwund.
Gestern früh, wie ich meine Rinder zum Brunnen lasse, gellt an der Hausecke ein wilder Schrei und sehe ich, wie der Rocherl, eine Holzaxt in der Hand, zwischen den Kirschbäumen durchläuft, am Raine hinaus, dem Schachen zu -- einem andern nach. Und knapp vor dem Hause steht der Hasenschrecker, als wäre er auf seiner Stange zu Fuß vom Krautgarten herüber gekommen. Nur daß er die Arme nicht ausbreitet mit den Brettlein. Diese Arme hält er über der Brust und es liegt etwas drin -- eine mit Faden zusammengebundene Strohpuppe. -- So steht das Ungetüm vor ihrem Fenster....
Ich glaube, daß der Popanz von niemandem bemerkt worden ist, außer dem Rocherl und mir. Ich habe das Ding in die Streuscheune geschafft und es dort in tausend Stücke zerrissen. Den Tag über habe ich gelauert, ob die Hausvatersleute oder gar sie selber den abscheulichen Schimpf am Ende wohl doch wahrgenommen hätten. Sie thaten nichts desgleichen. Es war die stille Traurigkeit, wie gewöhnlich. Auch mit dem Rocherl habe ich kein Wort darüber gesprochen, er war verstört den ganzen Tag.
Und wer dem Hause die unerhörte Schmach angethan, der -- könnte mich ins Kriminal bringen.
Am sechsundzwanzigsten Sonntage.
In der großen Hausstube, an den Herd festgebaut, steht der Backofen. Die rückwärtige Wand mit den grünen Kacheln geht ins Nebenstübchen. Diese Wand hat Sprünge bekommen und wenn Backzeit ist, kriecht durch dieselben der Rauch hervor, beißt der Hausmutter in die Augen. Wenigstens sagt sie so, wenn sie mit geröteten Augen daherkommt. Der Ofen muß geflickt werden und auch der Herd hat seine Schäden, Sprünge und Löcher, in denen die Schwabenkäfer wieder ihren eigenen Herd bauen.
So sind wir, der Hausvater und ich, dieser Tage ausgezogen, um Lehm zu suchen. Moorgrund in den Niederungen überall, aber weißer Lehm ist selten. Mein Bauer weiß es schon nach der Gräserart zu schätzen, ob unter dem Rasen Lehm ist oder nicht. Hinter dem Sattel drüben, in der Brandsteinschlucht, haben wir endlich einen gefunden. Es war gerade nicht leicht, durch Gestrüppe und Rasengefilze aufs Fletz zu dringen, dann ist es aber reiner käsegrauer Lehm, aus dem man auch weiße Wandtünche machen kann. Also, da hat mein alter Adam mit dem Spaten sich in seinen feuchten Urstoff hineingewühlt und ich habe die hervorgegrabenen Schollen in Säcke gefaßt.
Beinahe den ganzen Tag hat er so geschürft und gegraben, und nichts dabei gesprochen. Immer nur gegraben und gegraben, so daß ich habe sagen müssen: „Vater, lasset doch mich dazu. Ihr werdet wieder den Dampf kriegen!“
Er antwortet nicht und gräbt.
Endlich hat er sich niedersetzen müssen auf den Rasen. Mit den Hemdärmeln fährt et langsam über seine Stirn. Dann sagt er: „Ja, mein lieber Hansel, so gehts.“
Und sonst wieder nichts. Wendet nur so ein wenig den Kopf, als ob er horchen wollte, was das rieselnde Wässerlein sagt. Es sagt eigentlich nichts, es rieselt bloß und rieselt schon den ganzen Tag.
„Ja das wohl,“ spricht endlich der Adam zu mir. „Wenn dir auch einmal sollt hart werden und bang werden auf der Welt, Hansel: Nur fest zum Arbeiten schauen!“ Wie traurig hat er das gesagt.
„Mein Gott, Vater, ihr thut halt sonst gar nichts, als arbeiten. Da müsset ihr ja zu früh von Kräften kommen. Ihr habt doch noch andere Leute dazu.“
Er thut ein großes Stück Brot hervor, das wir für einen Imbiß mitgebracht haben, er hält es mir hin und auch den Taschenfeitel dazu: „Schneid’ dir ab, Hansel, schneid’ dir nur recht ab. Wohl wohl, bei meinem Aufwachsen hat’s noch mehr so willige Dienstboten gegeben. Jetzt schon lang nimmer. Es ist schon bald so, daß man den Leuten schier nichts mehr zu schaffen getraut. Und umgehen mit ihnen wie mit einem lehnen Ei, sonst laufen sie davon. Dem Nachbar Gleimer sind erst gestern wieder ein paar Knechte fortgegangen, wo jetzt die g’nötige Zeit kommt. Desweg --.“ Jetzt steckt er sich eine Brotschnitte in den Mund und redet nicht weiter.
Da muß doch gefragt werden: „Sollt’ ich euch einen Anlaß gegeben haben? Ich wüßte nicht. Ich bin ja ganz zufrieden.“
„Hansel,“ sagt er und schaut mich an, „bei dir kenn’ ich mich halt alleweil noch nit aus. Muß frei sagen, schon fünfunddreißig Jahr lang bin ich Adamshauser, aber so einen wie dich, Hansel... Mein Weib sagt’s auch, nur dir mag sie’s nit sagen, sagt sie. Wenn du’s erst thätest wissen, was du für uns wert bist, möchtest dich leicht teurer machen, meint sie. Ah na, Mutter, hab’ ich ihr drauf gesagt, wie ich den Hansel kenn’, so ist er nit. Den hat uns der lieb Herrgott geschickt.“
Freund Alfred! In deinem letzten Briefe findest du es bedenklich, daß ich der Wette wegen keine Schrift in Händen habe. Ich brauche keine. Und wenn sie jetzt die Kronen verdoppeln wollten, um mich fortzuziehen -- diesen Menschen verlasse ich nicht.
Ich halte ihm die Hand hin: „Thut mir vertrauen, Vater Adam. Werd’ euch schon einmal sagen, wie es mit mir ist. Derweil denket euch nur, der Hansel möchte halt auch gerne einmal in den Himmel kommen und so hilft er, wo es not thut.“
„Glaubst du doch noch ein Bissel was?“ sagt er zu mir. „Immer einer wie du -- möcht’ den Herrgott leicht abgedankt haben.“
-- Immer einer wie du? Sollte er doch ahnen, wissen, aus welchen Zonen ich komme?
„Na ja,“ meint er, „mein Urgroßvater hat gern gesagt: Der Fichtenbaum weiß auch nichts von Gott und wachst doch dem Himmel zu. Und die Weltkugel muß allerhand Spreitzen haben, wenn sie nit davonkugeln soll.“
„Habt ihr euern Urgroßvater denn noch gesehen?“
„Er ist hundertdrei Jahr alt geworden.“
So der Adam und berichtet mir dann mancherlei von seinen Vorfahren. Seit Menschengedenken sind sie auf diesem Hofe gesessen. Nichts als Arbeit so weit man zurückschaut. Keiner derer vom Geschlechte der Weiler war je in der Fremde gewesen, keiner Soldat oder sonst was außergewöhnliches. Immer auf dem Stammhause nach Vatersbrauch in alter Sittsamkeit und Ehr’. „Keiner hat Unehr’ gemacht,“ hob er hervor, „im Kirchenbuch kann man’s ja sehen.“ -- Das Adamshaus, so hat’s seit alters her geheißen und jeder Adamshauser hatte stets nur die eine Lebensaufgabe gehabt, das Bauerngut für seine Kinder zu bewahren.
„Und diese Kinder --“ setzt der Adam leiser sprechend bei, „machen einem...“ Er hebt einen Seufzer aus der Brust: „So viel Kummer machen sie einem! -- Nimm noch Brot, Hansel.“
Auf mein Vorhalten, daß er ja brave Kinder habe, antwortet er: „Freilich wohl, freilich wohl! Wenn sie nit gut wären, thäten sie einen nit so derbarmen. -- Der eine ist ein Hascherl mit der Hand. Der Gesunde in der Stockfremd’ thut sich zu Tod kränken.“
„Der Valentin, ist er wieder krank?“
„Die Heimkrankheit, oder was.“ Der Adam sucht in den Taschen und findet im Hosensack einen zerkrümmelten Brief und ich möchte ihn lesen. Den muß ich dir abschreiben.
„Liebe Eltern!
Im Anfang meines Schreibens bedanke ich mich fürs Geld und mache euch zu wissen, daß vom Spital wohl heraus bin, aber sonst nicht weiß, was mit mir ist, indem Keiner auf Urlaub gehen darf und heißt es, ein Feldzug. Wenn das sollt sein, weiß ich nicht, was geschieht und möcht wohl am liebsten bei der Nacht davon und heim. Dem Rochus sein Brief hat mich geschreckt, derbarmt mir wohl hart und die Hand wird nicht billig verkauft, wenn ich den Jäger einmal derwisch! Sonst nichts Neues, die Übungsmärsche in der Hitz sind wohl nicht leicht. Ich schließe mein Schreiben mit tausend Grüßen an euch, liebe Eltern und Geschwister, und verbleibe euer dankschuldiger
+Valentin+.
Laibach, am 24. Juni 1897.“
Und eine Nachschrift. In derselben warnt der Valentin die Seinigen vor dem fremden Knecht. „Sollt’s ihm nicht trauen, wer weiß, was er im Sinn hat. Es giebt allerhand Leut’ auf der Welt.“
Jetzt erst wurde es mir klar, weshalb der Adam vorhin so mit mir gesprochen hatte. Das war alles so, als sollte einerseits kein Hehl sein von den Bedenken und auch kein Hehl von dem Vertrauen.
„Was das Letztere anbelangt,“ sagte ich nun, ihm den Brief zurückgebend, „so würde ich an seiner Stelle wahrscheinlich auch nicht anders schreiben. Bis er heimkommt, wird er mich ja sehen. -- Und heute abends wollen wir ihm schreiben. Das mit dem Feldzug ist Zeitunggeschwätz. Im Herbste wird der Jahrgang sicherlich beurlaubt. Und das bei der Nacht davon und heim schlägt sich ein tapferer Bauernbursch flott aus dem Kopf.“
Der Adam flocht seine hageren Finger ineinander und sagte: „Du kannst mir’s nit glauben. So oft ich bei der Nacht wen an die Hausthür klopfen hör’, kommt’s mir vor: der Valentin! Jetzt ist er da. Und morgen fangen sie ihn ein und derschießen ihn.“
„Ihr denkt gleich an das Allerschlimmste. Wem’s ohnehin so hart zusetzt, der sollte sich’s nicht noch härter machen. Es giebt auch noch andere Gedanken. Euer Franzel, an dem könnt ihr doch eine Freude haben. Der hat das Köpfel, der kann’s zu was bringen.“
„Ja, ja,“ entgegnete der Hausvater, „der Lehrer sagt’s auch, wenn der Franzel wo hinkommen könnt. So geht’s halt. Der Eine will heim und der Andere will fort. ’s ist Einem wohl jedes Kind ans Herz gewachsen -- eins wie das andere. -- Mit dem Mädel...“
Er stand auf, ging ein paar Schritte über die Schollen hin, ging wieder zurück. Dann riß er am Erlenbusch einen Zweig ab und ließ ihn sachte nieder fallen.
„Mit dem Mädel,“ sagte er dann und brach neuerdings ab. „’s ist halt ein Kreuz.“
+Dieser+ Stein, das merkte ich wohl, war der schwerste. Wenn er ihn heben wollte von seinem bangen Herzen, sollte ich ihm nicht dabei helfen?
„Die Barbel,“ sagte ich, „jeder Vater hat kein so liebes Kind.“
„Die halben Nächte kann ich nimmer schlafen, ihretwegen. -- Es geht nit recht her. Hansel, es geht nit recht her mit der Barbel! -- Ganz herzkrank ist sie uns worden!“
-- Ganz herzkrank ist sie worden! Das bekümmert ihn?