Erdsegen: Vertrauliche Sonntagsbriefe eines Bauernknechtes.

Part 12

Chapter 123,747 wordsPublic domain

Zur Zerstreuung stellt sich bisweilen irgend ein kleines Ungemach ein, das strenge genommen, ganz unnötig ist und also auch nicht bezahlt wird von der Fürsehung. Aus diesem Blatt wirst du Terpentin riechen. Das kommt so: In der vorigen Woche sind wir beim „Zäunen“ gewesen. Das heißt, wir haben Stangenschranken ausgebessert, so da Weide und Feld voneinander scheiden und auch die Besitzgrenzen feststellen. Letztere, will ich dich lehren, sind solche Schranken, an welchen bisweilen die Seelen verstorbener Grenzfälscher ruhelos gespenstern müssen, bis der versetzte Grenzpfahl wieder an der richtigen Stelle steht. So sei, erzählte mir der Adam, am Grenzzaun des Nachbars jahrelang in den Nächten der alte verstorbene Schlappzopf hin- und hergegangen und habe kläglich gewimmert. Der Adam habe wohl gedacht, da handle es sich um eine Grenzfälschung zum Nachteil des Adamshauses. Weil er aber doch nicht wissen konnte, um wieviel es gefehlt sei, so habe er den Pfahl nicht berichtigen können, habe jedoch in einer Pfingstsonntagsnacht, als der Schlappzopf wieder gewandelt sei und wieder kläglich gewimmert habe, dem Geiste zugerufen: „Nachbar, im Namen Gottes sollst du erlöst sein und mir nichts mehr schuldig sein, und der Grenzpfahl soll stehen bleiben wie er steht, und soll’s deinen Nachkommen geschenkt sein!“ Darauf sei der Geist verschwunden. Hingegen wäre in einer der nächsten Nächte ein anderer Geist an das Bett des Adams getreten, sein Großvater, und der hätte sich beklagt, daß der Adam was hergeschenkt hätte, das nicht ihm gehört. Und dann habe der Adam darüber nachgedacht, daß man wohl ein Kalb oder einen Wagen herschenken könne, nicht aber ein Stück Erdreich, das keinem gehört, weil es allen gehört. Den Nachkommen wie den Vorfahren, dem ganzen Geschlechte. Hernach habe der Adam mit seinen Leuten gesprochen, sie hätten sich mit dem Nachbar aber nicht anders vergleichen können, hätten ihm fünfzig Klafter abgekauft und die Grenze um soviel hinübergerückt. Dann sei Frieden gewesen.

Da hast du meinen ganzen Adam, zuerst schenkt er das Eigen hin, damit der alte Nachbar erlöst sei, dann kauft er’s wieder zurück, damit sein Großvater Ruhe habe. Und du siehst aus dieser Geschichte die Unveräußerlichkeit der angestammten Bauernscholle. Im Bauerntume kann man auch von Geistererscheinungen etwas lernen.

Nun also wir haben den Zaun neu gemacht. Der Hausvater trieb zu paar und paar die Stecken in den Erdboden, ich legte die Stangen dazwischen, junge Lärchstämmlinge, die wir vorher im Dickicht geschlagen und entästet hatten. Dann wand er um die Stecken frische Bänder aus Fichtenbaumzweigen, die der Rocherl am offenen Feldfeuer gebäht hatte, damit sie die nötige Zähigkeit gewannen. Der „Einhandel“ ist allemal vergnügt, wenn sich eine Beschäftigung findet, die er gleich einem ganzen Menschen verrichten kann. Ein ganzer Mensch möchte er sein, wie alle anderen, aber seine rechte Hand ist ohnmächtig, wie dürres Holz, nur weh thut sie wie Menschenfleisch. Und da bricht in dem armen Burschen manchmal eine Verzweiflung hervor, die uns alle hart bekümmert.

Was ist dagegen +meine+ Wunde an der Hand? Und nun komm ich bald zum Terpentin. Es ist der Vorabend des Christihimmelfahrtsfestes und um vier Uhr nachmittags verkündet der Hausvater bei unserem Zaunmachen den Feierabend.

„In Gottes Namen lassen wir’s gut sein,“ pflegt er zu sagen, wobei mir allemal das Bibelwort von der Erschaffung der Welt einfällt: Und er sah, daß es gut war. -- Ich aber sah diesmal am vorigen Mittwoch daß es nicht gut war. Es blieb da noch eine Zaunlücke offen, durch die des Nachbars Weidekühe leicht auf unser schön grünendes Haferfeld kommen konnten, während wir am Himmelfahrtstag in der Kirche saßen. Ich blieb also allein zurück, um die Lücke einstweilen mit Stangen zu verrammeln, und dabei stieß ich mir einen scharfen Holzsplitter in den Ballen der rechten Hand. Der Adam hat nachher mit der Taschenfeitelspitze wohl einen Teil davon herausbekommen, was aber drinnen blieb, das stach höllisch auf einen Nerv. Die Hausmutter kam mit ihrem schwarzglänzenden Pechöltopf, schmierte ein Pflaster und legte es über meine Hand. „Das zieht den Spell schon heraus.“

Zwei Nächte lang habe ich wenig geschlafen und wollte mich zum Ärgernis des ganzen Hauses schon aufmachen nach dem Doktor in Kailing, da begann doch endlich der Balken herauszuschwären. Er ist nicht größer als ein Hagebuttdorn und man ärgert sich baß über den Nerv, der einer solchen Kleinigkeit wegen so aufgebracht ist.

„Der Nerv ist halt nervös,“ meinte der Rocherl aus Erfahrung. Ich bin immer seelenvergnügt, wenn er humoristisch wird und du weißt jetzt, weshalb das Papier nach Pechöl riecht.

Vorgestern hat mein Hausvater in der großen Stube ein weitläufiges Gerüste aufgestellt, das noch mehr Verwirrung anrichtete als vorhin die Schuster. Ein Gefüge von Schrägen, Balken, Rollen, Haspeln, Rädern und allerhand Zeug. Lange wußte ich nicht, was denn das wieder bedeuten soll und zum Fragen ist er gewöhnlich auch zu stolz, der Herr Knecht. Am Nachmittage, als der Adam von Spulen und Haspeln Garn auf die Rolle zog, begann mir zu dämmern, und als dann auch das Schiffchen zum Vorschein kam und wie es bei jedem Ineinanderschlagen der zwei Garnrahmen lustig zwischen den Fäden durchpfiff, konnte sogar ein Redakteur der volkswirtschaftlichen Rubrik nicht mehr länger darüber in Zweifel bleiben, daß es ein Webstuhl ist.

Wie man dreist behaupten kann, daß die gewöhnliche Holzrolle zur Weiterbewegung von Lasten eine wichtigere Erfindung war, als später die Lokomotive und das einfache Spinnrad der Häuslerin die sinnreichsten Spinnereien der Welt an Bedeutung in den Schatten stellt, so darf ich auch sagen, daß der altbäuerliche Webstuhl in seiner Einfachheit, mit den schlichtesten Mitteln die größte Zweckmäßigkeit erzielend, doch eigentlich merkwürdiger ist, als alle kunstreichen Einrichtungen einer modernen Tuchfabrik, die ja auch aus dem Bauernwebstuhle hervorgegangen. Ein einziger Mann mit zwei Beinen zum Treten, zwei Armen zum Schnellen und einem Kopf zum Denken macht aus dem losen Garn die schöne, glatte Leinwand.

Wohl sehr mit einem Kopf zum Denken!

Recht lehrreich wäre es für den Städter, einmal ein Auge zu legen auf die Vielseitigkeit eines „dummen Bauers“. Nebst des Betriebes einer vielgliedrigen Landwirtschaft, die hier in Ackerbau, Viehzucht und Holzarbeit besteht, kann der Bauer nicht bloß Korn mahlen, Leinöl pressen, Haus zimmern, Dach decken, Ofen bauen, Brunnen graben, Kohlen brennen, Pechöl sieden, Most pressen, Branntwein destillieren, sondern auch Garn spinnen, Leinwand weben, Wolle wirken, Loden walchen, Leder gerben, kurz alles, was in eine Wirtschaft schlägt, die sich selbst genügen muß. Ein Vergnügen war es, dem Adam zuzusehen, mit welcher Fertigkeit er den Webstuhl betrieb. Man muß nur wissen, was das heißt: Garn! Ich hatte bloß einen ganz kleinen Handlangerdienst zu leisten und augenblicklich war ich umgarnt. Ich versuchte abzustreifen, wendete mich nach allen Seiten herum, begann zu zappeln und zu kreisen und geriet immer tiefer hinein, so daß es dann selbst die Hausmutter nicht zu stande brachte, mich zu erlösen. Sie schalt auch zu sehr dabei, war zu ungeduldig, ein Fehler, den das Garn am allerwenigsten vertragen kann. Ich geriet bei jeder Anstrengung, den hundertfachen Fäden und Maschen zu entkommen, nur immer tiefer ins Gewirre. So daß endlich die Barbel gerufen werden mußte, um die däppische Hummel aus dem Spinnengewebe zu befreien. Als das Mädel hereinkam, war mir’s just, als käme die Kreuzspinne nachsehen, welche Beute diesmal im Gewebe hängen geblieben ist. Während sie in aller Gelassenheit mit zarter Hand die Fäden von meinen Armen und Beinen nestelte und auch die Schlingen um Brust und Hals lockerte, ward die Umstrickung erst vollkommen....

Wenn das der Schullehrer erfährt! Ich vermute, daß die Leinwand, die der Adam webert, zur Hochzeitsausstattung kommen wird. Und ist schon einmal der zugewanderte Knecht im Garn gesessen! Thorheit! Das Mädel ist arglos wie ein Schneeglöckchen. Wer mich umgarnt hat, das bin ich selbst -- mit meinen dummen Einbildungen.

Wir +können+ ja nicht lieben, wir von der „hecheren Bültung.“ Wir können liebeln und tändeln und sündigen und eifersüchtig sein. Aber lieben? Wie Leander die Hero, wie Romeo die Julie! Dafür sind wir viel zu gut erzogen. Oder zu schlecht genährt. Was meinst du, Philosoph? --

Heute am Nachmittag ist der Michelmensch wieder dagewesen. Der Doppelte, dem ich’s zutraue, daß er lieben konnte, seit man sah, wie letzthin sein Haß zum Dach heraus gelodert hat. Er war vor einigen Tagen vom Nachbar so plötzlich mit dem Fuhrwerk geholt worden, samt seinem großen Korbe, daß er gar nicht Zeit hatte, sich im Adamshause zu verabschieden. So kam das alte Einlegerpaar um sich zu bedanken für die „guten Wochen“, die es hier aufgehoben war. Sprecherin war das Weib natürlich, und brachte sie es so treuherzig vor, so dankbar und zart, wie sie beten wollten allbeide, daß die liebe Frau Mutter Gottes ihren Schutzmantel ausbreiten möchte über dieses treue Haus und seine frommen Leute. Und wenn der Michel und die Michelin, was wohl sicher sei, früher von dieser Erden Abschied nehmen müßten, als die Adamshauser, so wollten sie beim Herrgott im lichten Himmel oben schon einen guten Platz belegen für den Vater Adam, für die Mutter Traudel und ihre Kinder alle vier.

Waren das wirklich die zwei Alten, die bei der Anwesenheit des aberwitzigen Roten so wütig aufgezischt hatten? War es purer Wahnsinn gewesen? Oder war diese demütige Dankbarkeit für gebührende Armenpflege nichts als Heuchelei? Ich denke, es sind alte Kinder, die auf einmal störrisch werden können. Oder ist auch im gottinnigen, altweltischen Landvolke ein wilder, revolutionärer Blutstropfen vorhanden?

Sie trippeln, mit ihren Stecken klappernd, schon über die Thürschwelle, als die Alte noch einmal umkehrt zum Feuerherd und die Hausmutter bittet: „Wenn etwan der Hieserl kommen sollt’ und unser nachfragen, gelt Mutter, du weisest ihn. Beim Schlappzopf sind wir jetzt, nächst Wochen beim Gleimer, nachher beim Kulmbock und auf der Sonnseiten weiter.“

Das Licht ihres Alters. Ihr Sohn! -- O Freund, was der Glaube macht!

Gute Nacht zu dir, Alfred, in die weite Welt. Heute könntest du ein Kirchenlied von Paul Gerhard auf mir spielen, so weich bin ich gestimmt.

In diesem Hause herrscht ein schöner Brauch, den ich in anderen Bauernhäusern der Gegend bisher nicht beobachtet habe. Am Abende, wenn die Familie auseinander geht, reichen sich Eltern, Kinder und Geschwister die Hand und sagen: „Behüt’ dich Gott über Nacht!“ Sie sagen es so ernst, wie beim Abschied vor einer Gefahr. Das hat mir wieder einmal ins Bewußtsein gebracht, was das heißt: Die Nacht! -- „Sie ist keines Menschen Freund!“ Was das heißt: Der Schlaf! „Er ist des Todes Bruder!“ --- Der Mensch legt sich hin wie aufs Bahrbrett und vertraut seinem Herzschlag, daß er den Leib warm erhalten werde. Bald hat alles aufgehört, was sein Leben und sein Streben gewesen. Es ist gerade so gut aus, als ob’s gar nie gewesen wäre. Es ist gerade zu gut aus, als ob’s gar nie mehr anfinge. Und wenn es nicht mehr anfängt, so ist kein Schmerz und keine Klage darüber beim ewig Schlafenden. -- Und wenn es wieder anfängt, so ist es, wie eine neue Weltschöpfung ein neues Geborenwerden und ein göttliches Wunder. Alles was dem Einschlummernden lautlos und leidlos unterging, ist wieder da, wie aus dem Erdboden stehen liebe Menschen auf ringsum und sagen einander: Guten Morgen!

Freund Alfred, so sei auch unsere Urständ. Behüt dich Gott, über Nacht!

Am dreiundzwanzigsten Sonntag.

Pfingsten, das liebliche Fest ist gekommen! So abgebraucht man dieses Citat finden wird, die schlichte Herrlichkeit desselben habe ich doch erst jetzt empfunden. Wenn ein derber Bauernkerl weinen dürfte, ich würde es mit Vergnügen thun. Wenn Bauernlümmel vor Glückseligkeit flennen vonwegen Blumen, Sonnenschein und Vogelsang -- das wäre euch doch genug Gemütsbildung im Volke! Ganz unbeschreiblich, Freund, wie jetzt die Bergwelt schön ist. Wenn das Lüftchen zieht, so schneit es über das Stalldach die Blüten nur so herüber von den Kirschbäumen und die Hochmatten sind weiß bis hin zum Schachenrand vor lauter Margeriten. Ich versinke in Blüten- und Frühlingsleuchten und möchte manchmal aufschreien: Herr, ich bin nicht würdig! -- Bezahlen lasse ich mich für diesen Himmel! Der Wette schäme ich mich zu Tode.

Und diesem Mädel ist noch zu wenig Blühen. Im Hausgärtlein hockt sie, auf das eine Knie stützt sie ihre Hand, mit dem andern kniet sie auf dem schwarzen Erdreich. Selber wie ein Rosenstock zieht sie junges Nelkengestämm, hegt silberschimmernden Rosmarin. Den braucht sie für Frohnleichnahm und so hat ihr’s die Mutter aufgetragen. -- Jetzt nimmt sie das weiße Tüchlein und trocknet sich den Schweiß. Ist es denn schon so heiß auf der Welt?

An diesem Pfingstsonntag bin ich früh aufgestanden, bin hinausgegangen durch das nasse Gras. Der Löwenzahn und das hohe Gestämme der Glockenblumen haben meine Beine weit herauf mit Thautropfen benetzt. Auf der Kulmplatte, wo vor sieben Wochen das Osterfeuer gebrannt, bin ich gestanden und habe hingeschaut. Dieses urgewaltige Bergland, ich habe es angebetet wie einen Pfingstaltar. Aus unserem Hoisendorfer Thale ragt nichts hervor als der senkrecht aufspringende Rechenstein, aber ein Glockenton klingt zur Höhe, erinnernd, daß dort ein Kirchlein steht für solche, die Gott nur dann erkennen, wenn er klein ist und im Menschenbaue wohnt. Freilich, freilich, man soll ja Gott nicht nach außenhin suchen im unbeschränkten Raum, sondern in der eigenen Brust, und da mag es ja sein, daß die enge Beschränkung in einer Steinmauer eher den Weg ins Innere weist als das freie Himmelszelt. Aber du lieber Gott, mein Inneres ist ja nicht gerade allein +dort+, wo die Blutmuskel pumpt und das Gehirn arbeitet, mein Inneres ist überall, wohin ich denken kann, ist in allem, was das Ohr hören und das Auge sehen und das Gemüt fassen kann. Alles, wovon ich weiß, alles ist mein Leib, ist +mein+ Wesen.

Als an diesem Morgen mir solche Gedanken kamen, da jauchzte es plötzlich: Mensch, Welt, du bist ja erlöst! Mensch, du bist Weltall geworden! Weltall, du bist Mensch geworden! Du bist eins, du bist ewig und dein Geist heißt Gott! -- Und da giebt’s ja kein Leiden mehr, keine Unvollkommenheit, und wen sein Gürtel drückt am Menschenleib, der lege ihn ab und umgürte sich mit dem Sonnenkreis! --

Ich habe es schon wiederholt geahnt, mein lieber Alfred, daß die Stimmung des höchsten Glückes gefährlich werden kann. Heißt das, was man so nennt. An diesem Pfingstmorgen auf der Kulmplatte hatte es mich einen Augenblick lang überkommen: wenn ein Felsabhang da wäre, ich müßte jetzt in den Sonnenkreis fliegen. Aber der Bauernknecht hielt den Allmenschen zurück und sagte: „Was fällt dir denn ein! Soll der Adam mit seiner kranken Brust in der nächsten Woche allein brachen?“

Und da habe ich meinen unendlichen Leib, der mir ohnehin nicht entgehen wird, einstweilen an das Himmelszelt gehangen und ihn noch von außen angesehen, durch die zwei Augen des Hans Trautendorffer.

Hast du schon bemerkt, daß der Tourist, wenn er eine hohe Bergspitze besteigt, unwillkürlich fast immer zuerst nach Westen ausschaut? Ist das der magnetische Sonnenstrich, der die Menschheit stets von Ost nach Westen leitet? In mein Auge fällt zunächst die ferne Felsenkette mit ihren rotglühenden Spitzen. Sie haben schon die aufgehende Sonne. Nach der entgegengesetzten Richtung hin breitet sich das weite, silberne Meer. Der Golf von Fiume, du kennst ihn. Verstehst du mich denn nicht? Lachend erschrecken würdest du über die Ähnlichkeit des weißen Nebelbeckens im Niedergai mit dem genannten Meerbusen. Und auf den lichten Wassern des Quarnero gleitet ein Schiff dahin, das ist ein Habicht, der über der weißen Nebelschicht schwebt. Und jetzt geht dort, wo das Meer im Unendlichen ruht, die Sonne auf. Die schreckliche, die blutige, die ungeheure Sonne! Ganz glanzlos, eine glührote Scheibe, nach einem Rande hin dunkler, als hätte diese Kugel eine Schattenseite. Ist denn das dieselbe, die nach wenigen Stunden wie ein funkelnder Stern am hohen Himmel steht, jedes Auge blendend mit vernichtendem Blitz! -- Nun hebt sie sich empor, ganz sachte. Kein Spiegeln im Nebelmeer, nur die Berge werfen hinein ihre Schatten, deren Ränder in Regenbogenfarben schillern. Und die Sonne lodert gewaltiger und nimmt in plansicherer Unbändigkeit ihren Schwung durch den ewigen Himmel.

Die armen Städter! Sie schlafen jetzt, dieselben Menschen, die vierzehn Stunden später sich mit klingenden Münzen in die dunstige Bude drängen, um einen Theatersonnenaufgang zu sehen.

Am vierundzwanzigsten Sonntage.

Ich verewige den Saufüssel. Den Schleuderer! David der König hat in seiner Hirtenzeit die Schleudersteine nach dem Riesen Goliath geworfen, der Saufüsselbub nach der Schafherde des Adamshauses. Das war sein Pfingstfestvergnügen und ist es ihm gelungen, einem trächtigen Mutterschaf das Vorderbein abzuschlagen. Das hielt er wieder einmal für einen guten Spaß. Ich entledigte ihn des Kleides und habe auf seine Abachseite allerhand eindringliche Lehren geschrieben, eingedenk der Alten, daß man die wichtigsten Dokumente auf Pergament schreiben müsse. Darob will der Junge mich jetzt verklagen. Beim neuen Landboten, dem Kulmbock, der alles recht machen wird, an dem keiner vorbeikommt, der es nicht zuläßt, daß Lehrjungen thätlich berichtigt werden. Nach dem neuen Gesetz dürfen keine Lehrjungen mehr gezüchtigt werden. Überhaupt, wenn die Rebellion kommt, meint der Saufüssel, dann sei nicht mit den großen Herren anzufangen, sondern mit den hergelaufenen Bauernknechten. Er scheint sich schon so einen auf die Mücke genommen zu haben.

Der Kulmbock giebt’s jetzt groß. An den Werktagen wandert er in der Bauernschaft umher und sammelt Unzukömmlichkeiten, Beschwerden, Wünsche und Forderungen, um sie im Hohen Landtage vorzubringen. Dann wird er’s ihnen schon sagen, „denen, die uns alleweil niederdrucken möchten. Wir sind auch noch da, wir! Und Glasscherben fressen wir ihnen schon lang nit, wir! Mit den Soci spannen wir uns zusammen, da werden ihnen die Hosen schon bledern, denen gewissen!“

Am Sonntage nachmittags sitzt er zusammen beim Kirchenwirt, mit dem Kuraten. Der Kurat hält nichts von den „Socis“; die Konservativen, sagt er, die Geistlichkeit voran, die wären weit bessere Bundesgenossen. Darauf antwortet der Kulmbock: „An die haben wir uns lang genug gehalten, sie sind dabei alleweil stärker geworden und wir alleweil schwächer. Na, Gott sei Dank! Mich kriegt keiner herum! An mir kommt keiner vorbei!“

Ich sage dir, Freund, dieser Kulmbock ist der wahre Bauern-Bismarck!

Und nun ein Liedel vom verwundeten Mutterschaf. Der Rocherl als Leidensgenosse hat besondere Teilnahme dafür und wollte ihm in einem Winkel des Stalles aus frischem Stroh ein Lazarett errichten. Da kam die Schwester und bettelte ihm das Tier ab. Der Junge war voller Freuden, daß die Barbel einmal einen Wunsch aussprach und überließ ihr das Schaf auf der Stelle. Sie nahm das schwere Tier in die Schürze, trug es in ihre Kammer. Dort hat sie die Fußwunde mit lauem Wasser gewaschen, hat die Wolle herum weggeschnitten, hat ein Pechpflaster um das Bein gewunden, hat es mit Lappen verbunden und hat es in einen alten Korb gelegt auf weiches Haferstroh. Anfangs hatte das Tier ganz erbärmlich geschrien, dann lag es gar behaglich da und schaute aus den viereckigen Augen mit dankbarem Blick auf die Wohlthäterin, die ihm noch frischen Klee und laue Milch zum Abendbrot bereitete. Wir waren alle herumgestanden, um ihr beim Verbinden zu helfen, aber sie machte alles allein. Mittlerweile beguckte ich ihr Gemach. Der Spinnrocken, der blanke Linnenschrank, der kleine Nähtisch, am Fenster blühende Sachen. Sie besorgt mit solchen Dingen das ganze Haus. Gretchens Stübchen kennst du ja. Manchen von uns himmelstürmenden Fäustlingen hat Mephisto dahingeleitet.

Das gehört nicht hierher. Es ist nur ein Redeschmuck, ein dummer.

Als das Schaf anfing, neuerdings unruhig zu werden, sagte sie zärtlich wie zu einem Kinde: „’s thut halt schon wieder weh, gelt!“ Und hub an, den Korb sachte hin- und herzuschaukeln wie eine Wiege. Und dabei selber so ernsthaft, so betrübt.

„Daß sie denn gar nimmer will lachen!“ sagte nachher die Mutter am Herd. „Sie hat’s ja nit anders, wie vor und eh. Wer thut ihr denn was?“

Die alte Marenzel war gekommen und wollte gleich ins Stübchen zum Mädel. Da begann in ihrer Rücktrage das Dachshündchen auf das Schaf zu keifen, so, daß dieses entsetzt auf und davon wollte. Man hätte gemeint, daß sie es der Mutter des Schleuderers eintränken würden. Nicht mit einem Worte. Nur daß die Alte artig hinausgewiesen worden ist. In der kleinen Kammer sei frei kein Platz zum Niedersitzen, in der großen Stube könne sie besser abrasten. Dort nun fütterte sie ihr Hündlein mit Speck und gesalzenen Schnecken. Der Liebling lehnte ab, er war schon fett zum Platzen.

Als die Marenzel den Seufzer der Bäuerin hörte, warum das Mädel denn gar nimmer lache, packt sie mit ihrer Weisheit aus:

„Hast schon geschaut, Traudel, ob ihr die Fingernägel blühen?“

„Wem? Der Barbel? Die Fingernägel?“

„Wenn ihr,“ fuhr das alte Weib fort, „an der rechten Hand die Fingernägel blühen, so steht ihr ein großes Glück zu. Und wenn ihr an der linken Hand die Fingernägel blühen, so steht ihr ein Unglück zu. Und wenn ihr der Nagel am Ringfinger blüht, so hat sie den Milzschwund. Und wenn der Mensch den Milzschwund hat, dann kann er nimmer lachen.“

Wenn ich meinen lieben Philosophen richtig beurteile, so wird er jetzt die Nägel seiner Finger besehen, wie wir es gleich beim nächsten Abendessen gethan haben. An uns und heimlich an der Barbel. An der kleinen, rundlichen linken Hand hat sie nichts auffälliges, als daß dieselbe eben sehr schön geformt ist. Das kann er, der ewige Bildhauer, wenn er will! -- An den rosigen Nägeln der rechten Hand, die gerade so schön ist, hat sie ein paar weiße Punkte. Schneeweiße, wie winzige Kirschbaumblüten. Die Hausmutter warf dem Adam einen bedeutsamen Blick zu. Sie kannte es, das Blühen war’s. Also helles Glück und kein Milzschwund.

Warum sie denn also einzig nicht lachen will!

Am nächsten Frühmorgen soll die Barbel einen Ruf der Überraschung ausgestoßen haben. Der Franzel hat ihn gehört und sich gedacht: Was jauchzet denn heut’ die Barbel schon in aller Frühe! -- Hatte das graue Schaf im Korb ein schwarzes feuchtes Lämmlein bekommen. Nun beleckte es das Junge und die Barbel stand da und wußte nicht, wie ihr geschah.

Der Adam flüstert seinem Weibe zu: „Das ist recht, jetzt wird sie schon lustig werden. Jetzt hat sie was zum Gernhaben.“

Und sie fing an, das kleine zappelnde Wesen, das noch so unsicher auf den vier langen Beinchen stand, zu hegen und zu pflegen. Wir durften keines in die Kammer. Dem Rocherl gelang es aber doch am Nachmittage. Ein rotes Seidenbändchen hatte er im Papier. Das that er auseinander und ließ es flammen vor ihren Augen: „Kannst du das brauchen, Barbel?“

„Das Bändel? Wozu soll ich das Bändel brauchen?“

„Dem Lamperl, hab’ ich gemeint, müßt’ es gut stehen um den Hals.“

„Meinst du, daß wir so hoffärtig sind?“ fragte sie ein wenig schelmisch. „Du sollst dirs doch selber umhängen, wenn dus schon gekauft hast.“

„Ich hab’ es nit gekauft. Ich hab’ es von der Kulmbock-Fronerl schenkt bekommen.“

„Und willst es jetzt ans Lamperl hängen?“

„Weil ich’s deinetweg hab’ thun wollen.“

Sie streichelt ihm das Haar. „Dummer Bruder, du! Was man lieb geschenkt kriegt, das darf man nit gleich wieder so herschenken. Das muß man schön behalten.“

Er wendet sich unwillig ab: „Hab’ mir’s eh gedacht. Was von mir kommt, das ist dir nichts mehr. Von jedem andern nimmst alles.“

„Von jedem andern? Wie ist das gemeint, Rocherl?“