Erdsegen: Vertrauliche Sonntagsbriefe eines Bauernknechtes.
Part 10
An diesem schönen Frühlingstage, als ich nach Hause will, hat sich der Lehrer mir angeschlossen. Er müsse einmal ganz extra mit mir gehen, vorgenommen habe er sich’s schon lange. Da ist mir schon so etwas aufgefallen. -- Wir gehen nach dem Wasser hinein, wir gehen aber nicht den Berg hinauf. Wir steigen in die Klamm und durch das Hochthal weiter bis zum Almboden, wo jetzt neben Resten von Schneelawinen aus dem grauen Gefilze des Vorjahrs endlich auch das feine frische Gras hervorsticht, gelbliche Primeln stehen, die dünnständigen Lärchen grünen und in roten weichen Zäpfchen blühen. An den Berglehnen ragen stellenweise graue Steinknorze hervor und aus dem Hintergrunde des Hochthals leuchtet eine zerrissene Felswand. Wenn ich zeichnen könnte! Pah, die Landschaften bleiben ja stehen. Die Menschen müßte man zeichnen!
Zuerst, glaube ich, haben wir von Adams Franzel gesprochen, dem Schulknaben. Ein aufgewecktes Köpflein, sagt der Lehrer. In den Schulgegenständen nicht gerade der erste, aber voller Aufmerksamkeit und Beobachtung für Tiere, Pflanzen, Steine. Die Bücher langweilen ihn, wo er aber frei denken und Schlüsse ziehen kann, da ist er der ganzen Schule über.
„Den müssen wir wohl in die Stadt zu bringen trachten,“ setzte der Lehrer seiner Schilderung bei.
„Hören Sie mir auf mit der Stadt!“ rief ich drein. „Was soll er denn in der Stadt? Dort giebt’s ohnehin schon gescheite Leute genug. Lasset doch auch ein paar kluge Köpfe bei den Bauern daheim. Da haben sie schon auch ihre Nüsse zu knacken und ist wenigstens ein Kern drin. Wenn alle begabten Leute davonlaufen, dann ist es wohl kein Wunder, daß geschieht, +was+ geschieht.“
„Es geschieht auch, wenn sie dableiben,“ sagte der Lehrer. „Es geschieht, weil es geschehen muß. Und da möchte man doch die intelligenteren Kräfte möglichst auf einen besseren Boden retten, ehe sie in den Einöden verkommen und elendlich zu Grunde gehen.“
„Ich habe selbst einmal ähnliches geschrieben,“ sagte darauf der zugereiste Bauernknecht übereilt. „Das heißt, wie man so seinen Freunden schreibt. Aber jetzt denke ich anders. Das Geheimnis der Scholle! Die Heimatserde!“
„Heimatserde,“ sprach der Lehrer auflachend. „Das sind alte Sachen. Für den Trödelmarkt.“
„Ist das Ihr Ernst? Dann hätte ich, mit Erlaubnis, meine Meinung darüber. Sie haben wohl auch schon über die Nationalitätenfrage nachgedacht, die heute alle Welt beschäftigt und Reiche erschüttert. Gut. Nun sagen Sie, um was geht es denn eigentlich hier? Um Nationen? Gewiß ja. Aber noch mehr um die Erdscholle. Sie lachen, wenn Sie hören, daß die Nationalitätenfrage eine geographische Frage ist.“
Er lachte wirklich und ich fuhr fort: „Würde es sich bloß um die Nation handeln, lieber Gott, die in aller Welt zerstreuten Deutschen könnten leicht zusammen kommen, wenn sie ihre Scholle aufgeben, ihren Erdbesitz mit Slaven oder Franzosen, die an ihrer Stelle sitzen, umtauschen würden. Ein moderner Bismarck brauchte bloß die Landkarte herzunehmen und die Völkerteile einfach wie Schachfiguren zu verschieben.“
„Das ist nicht möglich!“ rief der Lehrer aus.
„Es ist so unmöglich,“ sagte ich, „daß ein ähnlicher Vorschlag im Ernste kaum jemals gemacht worden ist. Und warum ist es unmöglich, weil die Menschen an ihre Scholle gewachsen sind, weil die Völkerfetzen an ihrer angestammten Erde kleben.“
„Sie meinen also, daß der Einzelne fester an seiner Scholle hängt, als an seinem Volke?“
„Wie Figura zeigt.“
„Ein Frevel, das auszusprechen!“ rief der Lehrer entrüstet.
„Darüber müssen Sie einen andern zur Rechenschaft ziehen. Den, der die Menschennatur so und gerade so gemacht hat.“
„Der natürliche Mensch ist Nomade und nicht Schollenhocker.“
„Und der Kulturmensch kann nur bestehen und sich vervollkommnen, wenn er an den Boden genagelt ist. Und daß der Boden, der Heimatsboden, ewiges Eigen eines und desselben Volkes bleibe, darum handelt es sich vor allem bei diesem Weltkampfe.“
„Wenn es also gerade auf diese Heimständigkeit ankäme,“ warf der Lehrer ein, „dann müßte ja der berufsmäßige Schollenmensch, der Bauer nämlich, der größte Kulturmensch sein!“
„Und +wenn+ er es wäre! Und +wenn+ das Landleben inmitten all der Bedingungen, die des Menschen Bedürfnisse decken, ohne ihn zu verwöhnen, zu erschlaffen, wirklich eine höhere Kultur wäre? Höher als etwa das Fabriksleben mit seiner socialen Not und Unzufriedenheit; als das Kaufmannsleben, das rastlos die Güter der Welt hin- und herschiebt, damit die Reichen aller Länder übersättigt werden können von den Produkten, bei deren Herstellung die Mehrzahl der Menschen Mangel leiden und verkommen muß!“
Mit einiger Verblüffung schaute mir der Lehrer ins Gesicht.
„Und deshalb,“ so schloß ich meine Betrachtung, „kann man’s nicht verstehen, warum in unseren Tagen der angestammte Kulturmensch seinen Boden verlassen soll und ihn wirklich verläßt! Und wie sogar Dorfschullehrer dazu die Hand bieten können! -- Nein, der Bauernlehrer soll seinen Kindern Tag für Tag das Vaterunser und den Erdsegen vorbeten.“
Hierauf er: „Sind wir Lehrer dazu da, daß wir Bauern machen? Wir unterrichten die Kinder, damit sie, der Zeit gewachsen, ein gutes Fortkommen finden können.“
„+Fort+kommen! Ja, Donnerwetter, wohin denn? Ich glaube fast, Herr, Sie wollen mich ärgern mit Ihrem Witz!“
„Aber Gott, nein!“ rief er mich am Arme packend. „Ich bin nur voller Staunen. Über +Ihren+ Witz!“ Und dann mit plötzlicher Gereiztheit: „Mir fällt es heute ja nicht das erste Mal auf, daß der Knecht des Adamshauses wie ein Professor spricht. Was ist denn das? Das ist ja ganz verdächtig. Da muß man doch endlich einmal fragen nach dem Heimatschein. Wenn es hier herum etwas auszukundschaften gäbe --“
„So könnte ich ein Spion sein, meinen Sie?“
„Bei meiner Ehre, ja! Ein natürlicher Bauer sind Sie nicht, wenn Sie auch noch so groß von ihm sprechen. Nein, nein, Hans, da mögen Sie sagen, was Sie wollen.“
„Meinen Sie?“
„Jetzt ist’s mir zu dick. Sie gehören nicht in den Almgai. Sie haben Ihre besonderen Gründe, sich hier aufzuhalten!“
„Und ob ich sie habe!“
„Soll ich Ihnen sagen, weshalb Sie manchmal so eifrig die Zeitung durchschauen? Sie suchen Ihren Steckbrief!“
„Na nu, Schullehrer, das wird stark! Da könnten Sie sich ja gleich den Ergreiferlohn verdienen!“
Die gute Ruhe, mit der das Wort gesagt war, hat ihn doch wieder stutzig gemacht. Und er lenkte ein: „Ich meine ja auch nicht, daß --. Ein Spitzbube möchte kaum harte Arbeit machen in einem Bauernhofe, monatelang. Aber wissen möchte ich doch, was dahinter ist.“
Er stand mitten auf dem Wege still, griff sich mit beiden Händen an meinen Jackenflügeln fest und fragte: „Jetzt sagen Sie es mir offen, Hans Trautendorffer, was suchen Sie da oben? Sie sind ein verkappter Stadtmensch, Sie haben Ihre Gründe, warum Sie sich im Adamshause aufhalten! Mit Verstattung, was suchen Sie da oben?“
Sein rotes Gesicht war noch röter geworden, um seine Augen hatten sich Wulste gebildet, als wären sie verschwollen, dazwischen stachen die Blitzer ganz kurios hervor. Ob solcher Heftigkeit kam mir der Trotz und ich schwieg.
„Werden Sie es sagen?“
Was denn? Warum sollte ich es ihm am Ende nicht anvertrauen. War’s denn eine Schande? Hatte ich mich nicht doch vor falschem Verdacht zu retten? -- Nein. Bei solcher Art zu fragen, antwortet ein Hans Trautendorffer nicht.
„Also, Sie sagen es nicht, was Sie da oben festhält?“ sprach er nachgerade drohend.
„Aber natürlich nicht.“
„Gut. So werde ich es Ihnen sagen.“
„Nun?“
„Das Mädel gefällt Ihnen!“
„Das Mädel? Mir?“ -- Kunstpause.
„Das Mädel wollen Sie haben!!“
„Mein Gott, Schullehrer,“ darauf die Antwort, „warum sollte ich das Mädel nicht haben wollen? Was ginge denn das Sie an?“
„Was das mich angeht, mein lieber Trautendorffer, das will ich Ihnen wohl sagen. Das geht mich gar viel an. +Das Mädel ist mein!+“ --
Und jetzt, Philosoph, übe dich eine Woche lang in Geduld. Fortsetzung folgt.
Am zwanzigsten Sonntage.
Am vorigen Sonntage hast du deinen Freund in einem entlegenen Alpenthale stehengelassen, in Gesellschaft eines eifersüchtigen Nebenbuhlers. Er lebt noch. Er hat seither wieder eine Woche lang Korn eggen und Kartoffeln pflanzen müssen.
Aber es hätte gar nicht mehr viel gefehlt. Verliebt bin ich ja in dieses blöde Ding und habe es auch dem Lehrer nicht einen Augenblick verhehlt. Zwar nicht viel anders, wie man in eine Raphaelsche Madonna verliebt sein kann. Traue du der Liebe zu den Himmlischen! Zum Glücke sind, fatale Nachzüge abgerechnet, die bedenklichsten Jahre vorüber. Geschadet jedoch hat’s durchaus nicht, daß plötzlich der tolle Mensch vor mir stand mit dem Schrei: Das Mädel gehört mein!
Von diesem Augenblicke an gewann die Sache ein anderes Aussehen. Mancherlei wurde mir klar, jetzt ganz auf einmal. Was kann denn begreiflicher sein, als daß auch der Lehrer um dieses Lichtlein flattert. Und bei Sturm fliegt das sittsamste Flämmlein ins Dach. Schon vor Jahresfrist hat sie sich von dem die Augen küssen lassen, diese marmorkalte Maid!
Seinem Schrei also auf jenem Spaziergange bin ich ruhig gestanden. Er steht auch so da und scheint verwundert zu sein, daß ich nicht umfalle. Ich stehe immer noch und sage: „Sackerment, Lehrer, Sie haben einen guten Geschmack! Und dazu meinen Glückwunsch! Aber das will ich Ihnen auch sagen, wenn Sie das Mädel nicht glücklich machen, dann steinige ich Sie auf offenem Kirchplatz zu Hoisendorf.“
„Gut,“ antwortet er, und jetzt gehts schon ins Gemütliche, „wenn ich sie nicht glücklich mache, dann sollen Sie bei Nero, bei Diokletian, bei Iwan dem Grausamen und allen Inquisitoren Studien machen, wie ich am qualvollsten zu Tode gemartert werden könnte.“
„So ist es in Ordnung,“ sage ich, „Sie können sich verlassen. -- Und nun soll es zwischen uns anders sein, meinen Sie nicht? Für Ihren Freimut möchte ich Vertrauen geben. Ihre Bedenken meinetwegen lassen es endlich hoch an der Zeit sein, daß ich mich Ihnen erkläre. -- Wollen wir noch weiter ins Hochthal hinauf? Vielleicht lehnen Sie sich an diesen Ahornbaum, Herr Lehrer, denn sonst werden Sie wahrscheinlich umfallen, wenn Sie meine Geschichte hören. Sie meinen weiß Gott was für eine Romantik, wenn ein fünfundzwanzigjähriger Prachtkerl verliebt ist. Das ist gar nichts. Da giebt es andere Exemplare. Gucken Sie sich just einmal einen Zeitungschreiber an, der Bauernknecht wird -- ein wirklicher hagebuchener Bauernknecht!“
Na, dann kam der geschichtliche Teil des Hans von Trautendorffer, dessen Ahn zur Hohenstaufenzeit den Reisenden die übermäßigen Lasten abgenommen hat. In neuer Zeit kam dann der elternlose Knabe, der zu nichts anderem gut war, als für die Grobschmiede im Dorf. Aus dem Schmiedejungen entwickelte sich der Schlingel, aus dem der Bäcker-Oheim den großen Gelehrten machen wollte und es kam der Tornister, in dem angeblich der Feldmarschallshut steckt. Durch all diese Wandlungen hat der junge Mann mit größter Geschicklichkeit den Weg verfehlt und trat also in die Gilde der Zeitungschreiber. -- In dieser Epoche vertiefte ich meine Schilderung und zeigte den zweispältigen Gesellen, dessen Neigungen mit dem Berufe gar nicht übereinstimmen wollten, so daß eine altmodische Weltanschauung mit der großstädtischen Journalistik sich beständig in den Haaren lag. Und schloß damit, wie bei jener Wette der Rüpel den Federfuchser plötzlich unterkriegte, als eines Mannes Ehre dran hing, ein Jahr lang Ritter von der Heugabel zu sein.
Der Lehrer hatte mir mit wahrer Verblüffung zugehört. Als ich fertig war, machte er einige Schritte auf die Wiese hinaus, wieder zurück und sagte: „Was Sie mir da erzählt haben, Hans, es steht wahrscheinlich unter dem Strich?“
„Wie Sie wollen, Herr Winter; Sie sind zu nichts verpflichtet. Der Glaubenszwang ist abgeschafft. -- Ich vermeinte Ihnen Aufrichtigkeit schenken zu sollen. Eine bessere habe ich nicht.“
Hierauf länger andauerndes Kopfschütteln seinerseits. Dann meinte er, es stimme ja eigentlich alles, und schüttelte mir die Hand.
Dieweilen waren wir sehr weit in die Wildnis geraten, an Felsen hin, wo graue Schuttriesen niedergingen in das Wasser, das hier unter dem Berge hervorquillt. Es ist der Ursprung der Rechen. Mir war völlig leicht ums Herz, daß ich nun wieder als maskenloser Mensch redlich dastehen konnte, wenigstens vor dem einen.
Der Lehrer jedoch war sehr nachdenklich geworden. „So ein Wasser,“ murmelte er und schaute ins Bächlein.
„Ein schönes, klares Wasser!“ setzte ich bei.
„Daß es immer so aus dem Berg herausrinnen mag! Immer und immer!“
„Immer und immer!“ sagte ich ihm nach.
Wir waren ganz träumerisch geworden.
„Haben Sie Ihr Geheimnis sonst niemandem mitgeteilt, hier?“ fragte der Lehrer.
„Sie sind mein ältester Bekannter in Hoisendorf, und -- darf wohl sagen -- mein jüngster Freund.“
„Wir sollten eigentlich du sagen zu einander,“ schlug der Lehrer vor.
„Na nu -- grüß dich Gott!“
„Denn mit ihr bist +du+ wohl auch auf du. Freilich kannst du nichts dafür, daß es bei den Bauern gleich so ist. Aber rasend werden hätte ich doch mögen, darüber. Ich gestehe dir’s offen.“
„Von jetzt ab, Bruder, wirst du kein Thor sein, gelt! Versprich mir’s. Es wäre zu dumm. Willst schon mir nicht trauen, weil ein Mann den andern kennt, so schau’ bloß sie an. Du mußt am besten wissen, wie gern sie dich hat.“
„Davon habe ich Beweise,“ murmelte er und sah jetzt auf die Berglehne hin.
Wir waren umgekehrt und gingen über die Matten hin, wo wieder Sonnenschein lag.
„Du mußt ja schwer getragen haben, an deinem Geheimnis,“ sagte nach einer Weile der Lehrer. „Siehst du, mir geht’s nicht besser.“
„Mir scheint, Guido, du hast auch etwas.“
„Jedem wird’s halt nicht so leicht, das Auspacken,“ entgegnete er. „Und wäre doch so glaublich! So verdammt glaublich, daß die Leute es gewöhnlich früher glauben, als man’s sagt.“
Das war so die Einleitung. Und es bedurfte einiger Lockreden meinerseits, bis die dunklen Dinge am Tageslichte standen. Du wirst mir schon verständnisinnig, Philosoph. Das ist bösartig von dir. So leicht soll’s dir nicht werden. Höre nur einmal die Historie von Guido Winter, Volksschullehrer zu Hoisendorf. Auch ein Stadtmensch, der auf dem nicht mehr ungewöhnlichen Wege der Brotjagd ins Gebirge kam.
Soweit ganz regelmäßig, daß er kleinbürgerlicher Abkunft ist, eines Seilermeisters Sohn aus Lansach, und seine Studien kümmerlich vollendet hat bis nahe an die Grenzen des Doktors der Juristerei. Nun ist aber dieser Seilerssohn ein Strick, der sich nicht fügen will. Zwar wohl den Vorgesetztem aber nicht den Kollegen. Da hatte der Mensch, von des Gedankens Blässe angekränkelt und schief gewickelt, wie er stets war, die Dreistigkeit, bei einem Studentenkommerse folgende Rede zu halten: „Kommilitonen! Ich liebe euch unbändig. Was aber die Saufcomments und Mensurenrempeleien anbelangt, so sind dieselben nichts, als studentische Philisterei. Zum Trinken läßt sich kein Ochse kommandieren und schlagen mag sich, wer Schläge haben will. Ich nicht, hört ihr das? Mein Antlitz ist entstellt von Blattern, doch immerhin noch zu gut, als daß mir der erstbeste Raufsimpel seine Renommage hineinschnitzeln dürfte! Ich habe den Mut zu sagen, daß ich keinen habe!“ -- Dieser Mut, keinen zu haben, war allerdings gefährlicher, als so ein paar Semesterpaukereien. Er ward verhängnisvoll. Die Studentenschaft hatte den Guido Winter natürlich sofort „gesteckt“. Als Ausgestoßener war er auch in der guten Gesellschaft der kleinen Universitätsstadt unmöglich, wo er durch Stundengeben bei dämlichen Hausherrensöhnen sich schlecht und recht fortgeholfen hatte. Er mußte die akademische Laufbahn aufgeben und sich ein anderes „Fortkommen“ suchen. Noch von Glück konnte er singen, daß es Volksschullehrerstellen giebt, wovon eine hinten, weit hinten im Almgai provisorisch ergattert wurde. Dreihundert Gulden Gehalt und „Naturalien!“ Sapperlot, war das ein Schwein! Und ein gesammelter Bücherschatz dazu. Und trotzdem wäre er verloren gewesen in den Einöden dieser Berge, wenn er nicht eines noch zu eigen gehabt hätte -- die Jugend. In der ersten Zeit ging es ganz wohlgemut; je länger er in Hoisendorf saß auf dem kleinen Schulhause, desto fremder kam er sich dort vor. Dem Stadtkind fehlte der eigentliche Hang zum Lehrfache, es fehlte ihm das Verständnis für Ländliches und sein Sinn für das Volkstümliche erstreckte sich nicht viel weiter, als bis zu dem lieblichsten aller Bauerndirnlein. Als er nach Hoisendorf kam, saß sie noch in der Schulbank und hatte sauber in ihr Lesebuch geschrieben: Barbara Weiler. Sein erster Gedanke, als er sie sah: das ist ein herziger Fratz. Und später -- ob sie mit ernsthaften Augen dem Lehrer die trautsamen Worte gleichsam vom Munde sog oder ihn wegen mancher Ungeschicklichkeit im Haushalte weidlich auslachte, oder ob sie ihm flink eine kleine häusliche Arbeit verrichtete oder irgend ein Buch von ihm entlehnte -- wußte er schon passendere Bezeichnungen für sie. Als sie aus der Schule trat, riet er ihr, im Lesen und Schreiben sich fleißig zu üben. Demnach las sie manchmal so ein bißchen aus seinem Peter Hebel und Schiller und schickte ihm durch den Bruder Franzel die Bücher allemal mit einem artigen Dankbrieflein zurück. Ob bei diesem Bücherentlehnen die Dankbrieflein nicht Hauptsache waren? So hat sich das sachte angesponnen, sachte und arglos -- und auf einmal war es da. Die erste Offenbarung war eine auffallende Befangenheit. Wenn sie sich am Sonntag sahen und begrüßten, wurde sie rot im Gesicht und er stolperte auf ebenem Platz. Na, ich werde dir etwas schildern, was seit Adam und Eva das gleiche ist! Aber es ist ja schrecklich merkwürdig, wie sie einmal im Mai an der Kirchhofsmauer gerade unter blühendem Holler zusammengerieten und er ihr in einem Kusse fast die Augen austrank. Das hatte der dumme Junge arg zu büßen. Von nun an mied sie ihn, wie die versengte Katze das Feuer und er wußte sich in der unsinnigen Feuersbrunst keine Hilfe. Den ganzen Sommer war -- nach des Lehrers Aussage -- nichts, als ein wildes Herz und ein dummer Kopf. Und dann im Frühwinter. Guido kommt von einer Lehrerversammlung in Kailing nach Hause, findet seine Stube warm geheizt, voll von Weibern und in seinem Bette liegt die Barbel! Liegt die Barbel fröstelnd und lachend. War das Mädel auf einem Gang zum Krämer über den vereisten Steg in die Rechen gefallen, zur knappen Not von einem Holzfuhrmann herausgezogen und in dieses nächstbeste Haus getragen worden. Freilich ist noch an demselben Tage der Adam mit einem Karren da, auf den die in ein halbes Dutzend Bettdecken gewickelte Barbel gelegt und mit zwei Ochsen bergwärts geführt wird. -- Das hilft nichts, der Lehrer ist doch verrückt. Ein paar Tage später geht er hinauf ins Gebirge und kommt natürlich zum Adamshaus. Er möchte ein wenig rasten, aber er ist nicht müde. Er möchte sich ein bißchen wärmen, aber ihm ist nicht kalt. Da denkt er: Nachfragen bei ihren Eltern, wie’s ihr geht, ob sie sich schon ganz erholt hat, das schickt sich doch. Die Eltern waren nicht im Hause, sondern in der Scheune beim Futtermachen. In der Stube beim Spinnrad saß das Mädel. Ganz allein -- mutterseelenallein ist sie dagesessen in der Stube und hat gesponnen. Zuerst hat er nichts gesagt, dann ist er auf sie zugestürzt: Lieb hab ich dich! Lieb hab ich dich! -- Und ist wahnsinnig geworden.
Und soll es geschehen sein zur selbigen Stund’, daß sie sich voreinander nicht haben erwehren können.
So weit, mein Freund, hat er erzählt. Gegen Ende hin unsicher tappend, wie viel er verschweigen darf und wie deutlich er sein muß, um verstanden zu werden.
Wie bei diesem Bekenntnisse des Lehrers +mir+ zu Mute gewesen ist!....
* * * * *
Dann haben wir weiteres geplaudert. Was er für die Zukunft anzustreben gedenke? -- Er denke nicht weiter, er wolle in Hoisendorf verbleiben. Doch wie das ein anderer über sich bringe, der nicht so dran sei wie er, das verstehe er nicht. Es sei halt doch wohl ein trauriger Winkel. Darum möchte er eben auch dem kleinen Franzel ein gutes „Fortkommen“ wünschen.
Nach dem inhaltsreichen Spaziergange waren an dem Berge die Schatten hoch hinaufgestiegen. Nur die Holzwände des Adamshauses leuchteten in der untergehenden Sonne noch und die Fensterchen funkelten glühend, als wäre das Innere voller Feuer.
Am Eschenrain trennten wir uns, der Lehrer ging thalwärts, ich bergwärts. Am Stege blieb er stehen und schaute mir nach. Es scheint, er traut mir doch nicht ganz.
Auf dem Bergwege blieb ich auch nicht allein. Der Jäger Konrad gesellte sich zu mir. Heute hatte er wieder Gewehr und Federbuschen.
Langsamer sollte ich gehen. Einen Kameraden möchte er haben.
Ich wäre jetzt lieber allein gewesen. Mit Jägern weiß ein Mensch nicht viel zu reden. Heute war’s anders. Dieser Jäger sprach seltsamerweise nicht von Hirschen, Hasen und Hunden, sondern von Menschen. Und zwar von meinem Rocherl. -- Das Leben vergräme es ihm, dieses Unglück mit dem Burschen. Schon Schmerzensgeld habe er geben wollen, aber er nähme nichts an. Die eigene Hand könne er sich nicht abhauen lassen und hingeben für die zerschossene. Könne man das, so thäte er’s, Gott sei Zeuge. So oft er den Krüppel sehe, möchte er sich selber was anthun. Es sei ihm ganz abscheulich.
„Das habt Ihr von Eurem verdammten Schießen!“ fahre ich ihn an. „Muß denn allemal gleich geschossen sein? Und wenn auch so ein notiger Tropf einmal ein Stückel Wildpret erhascht, was liegt denn dran? O nein, Jäger, da hab ich ein weites Gewissen. Gegen Leute, die jährlich ein bürgerliches Vermögen für das Jagdvergnügen ausgeben können, habe ich ein weites Gewissen. Arme Leute einsperren oder gar zu Krüppeln schießen zu lassen, weil sie einmal ein Stückchen Braten wollen haben, das -- wenn ich Edelmann bin -- wäre mir, offen gestanden, zu lumpig.“
Da könne man nicht widersprechen, meinte der Konrad, doch ein Jäger habe seine Vorschriften. Er sei selber Diener. Er wisse es wohl. So herrisch manch ein Jäger vor Bauern und armen Häuslern sich aufblähe, vor dem Gnädigen biege er sich wie ein Radreifen und würge Brocken hinab, die kein Jagdhund annehme. Er habe es auch satt. Das ärgste sei ihm noch, daß er gehört habe, der Kulmbock wolle den Fall vor den Landtag bringen.
Jetzt ward mir erst helle, warum der Mann so demütig ist. Den Landtag fürchtet er und seine Herrschaft dürfte sich auch nicht darauf freuen. Heimlich, was das Zeug hält, nur keinen öffentlichen Skandal. So soll halt jetzt der Rocherl versöhnt werden, natürlich. -- Es wäre brav von dem neuen Abgeordneten, daß er sich an die Aufdeckung der Waldlumpereien machen wolle! Mit diesem Trost habe ich den Jäger entlassen.
Noch immer war es heute mit dem Alleinsein nichts in diesen einsamen Bergen. Beim Hinaufgehen gegen unsern Hof fand ich auf der Brunnenwiese -- hier hat nämlich jedes Fleckchen Boden seinen besonderen Namen -- den Hausvater. Er saß auf einem feuchten Grashaufen und holte Atem. Weil die Kühe im Stall ohne frisch Futter sich nicht wollen melken lassen zum Abend, so hat der Alte die Sense genommen und war Gras mähen gegangen. Während der Arbeit hatte ihn wieder sein Übel angefaßt.
„Warum thut Ihr das, Vater, wenn Ihr einen Knecht habt!“ sagte ich. Er hätte es mir ja am Morgen schaffen können.
Darauf er in kurzen Atemstößen: „Vergelt’s Gott, Hansel. Der Sonntag gehört dein.“
Nachdem das Futter im Kuhbarren war, ging ich in meine Heuscheuer, um wieder einmal nachzusinnen über die dumme Welt. Dort vertreiben sie sich Zeit und Kraft übermütig mit Mensuren, Duellen, Rennen, Wettlaufen und Wildjagen, halten eine halbe Million müßiger Soldaten, und mein Adam muß sogar am Sonntage unter der Arbeitslast zusammenbrechen.
Philosoph, du kannst gelegentlich einen deiner Weltweisen fragen, wie lange das noch dauern soll.
* * * * *
Meinetwegen sollen sie sich lieben, die Beiden. Es ist ja alles Thorheit, Thorheit! Es ist eine dumme Welt. -- --
Am einundzwanzigsten Sonntag.
Revolution hat’s gegeben in dieser Woche, bei uns im Adamshause.