Entstehung und Ausbreitung der Alchemie, mit einem Anhange

Part 77

Chapter 773,294 wordsPublic domain

In +Mitteleuropa+ beginnt die eigentliche Eisenzeit um 1000 v. Chr., wenn auch vereinzelte Gegenstände schon einige Jahrhunderte vorher bekannt gewesen sein mögen[6764], und umfaßt die ältere sog. Hallstädter- und die jüngere sog. La Tène-Periode, deren Zeitgrenze etwa das Jahr 400 v. Chr. bildet[6765]. Nach ~Forrer~ scheint man anfangs versucht zu haben, kleinere Gegenstände nach Art der Bronze und in ähnlichen Formen durch Guß herzustellen[6766], wobei sich in der Regel bedeutende Schwierigkeiten und unzureichende Erfolge ergeben mußten, die das neue Metall nur langsam und spärlich Boden fassen ließen; daher weisen auch die späteren Pfahlbauten nur wenige eiserne Schmucksachen auf, z. B. hin und wieder Bronzebeile mit eingelegten Eisenklingen, u. dgl.[6767]. Zur Hallstädter Zeit hatte, falls überhaupt noch kleinere Gußsachen vorkamen[6768], die Schmiedekunst schon das völlige Übergewicht erlangt und hierdurch dem Eisen ausgebreitete und steigende Anwendung gesichert; Schmuck ist selten, Waffen, Werkzeuge und Geräte werden aber in verhältnismäßig bedeutenden Mengen angefertigt und auch schon oberflächlich gehärtet und verstählt[6769]. Noch größere Ausdehnung und Mannigfaltigkeit erreicht die Erzeugung zur La-Tène-Zeit[6770], daß es aber damals auch eine Gußtechnik gegeben habe, die aus unbekannten Gründen wieder verloren gegangen und dann erst gegen Ende des Mittelalters aufs neue entdeckt worden sei[6771], ist ganz unwahrscheinlich und wird durch die gemachten Funde nicht bestätigt. Die metallographische Prüfung der Erzeugnisse beider Perioden erweist die Auswahl guter, oft sogar vorzüglicher Erze und weitgehende Erfahrung hinsichtlich der Ausgleichung von Fehlern der Materialien durch die Bearbeitung, lehrt aber zugleich, daß diese doch noch eine äußerst unvollkommene und unregelmäßige war, so daß z. B. von ausreichender Trennung zwischen Schmiedeeisen und Stahl gar nicht die Rede sein kann, und Gegenstände besserer Beschaffenheit auch dann als Einfuhrware (meist etruskische) gelten dürfen, wenn nicht schon andere Kennzeichen sie mit Sicherheit als solche erweisen[6772].

Träger der Hallstädter Kultur scheinen +Illyrier+ gewesen zu sein[6773], Träger der von La-Tène +Kelten+[6774]. Letztere waren schon lange vor der römischen Zeit im Bergbau wohlerfahren und verstanden bereits, Schwerter, Speere, Spieße u. dgl., ferner Handwerkszeug und vielleicht auch eine Art zum Tauschhandel dienlicher Eisenbarren in ganz der nämlichen Weise herzustellen, von der später ~Caesar~ berichtet[6775]; auch wußten Kelten und Keltiberer frühzeitig treffliche Stahlwaffen zu gewinnen[6776], deren außerordentliche Härte und Biegsamkeit bereits der Kriegsschriftsteller ~Philon~ (gegen 200 v. Chr.) als eine altbekannte rühmt[6777], und zwar sollen sie zu diesem Zwecke das Eisen zunächst in die Erde eingegraben und so lange in ihr belassen haben, bis die weniger widerstandsfähigen Anteile verrostet waren, und nur das Brauchbarste als Kern (nucleus = acies) übrigblieb[6778]. -- Die +Germanen+, denen ursprünglich, wie allen Indogermanen, allein das Kupfer bekannt war, -- noch ~Herodot~ meldet als etwas Besonderes, daß ein Skythenstamm seinen Kriegsgott unter der Gestalt eines eisernen Schwertes (σιδήρεος ἀκινάκης) verehre[6779] --, empfingen das Eisen, sowohl Sache wie Namen, etwa seit dem 4. Jahrhundert v. Chr. von den Kelten[6780]; in das Licht der Geschichte eintretend besitzen sie bereits Eisen und Stahl, wenngleich, wie noch ~Tacitus~ hervorhebt, nur in bescheidener Menge[6781], und bereiten es durch Ausschmelzen der Erze in kleinen Erdlöchern mittels des Gebläses, sowie durch Aushämmern der Rohluppen in jenen urwüchsigen Waldschmieden, die sich in wenig veränderter Gestalt bis tief ins Mittelalter hinein erhielten[6782]. Auch bei ihnen gelangte erst in der Eisenzeit die Kunst des Schmiedens zur eigentlichen Entwicklung, daher ist ihnen der Schmied, für den die Indogermanen noch keine Bezeichnung haben, und der im Gotischen smitha, im Altnordischen smîdr, im Althochdeutschen smid heißt, anfänglich nur ganz im allgemeinen ein Künstler, ein zu irgendwelchen Handgriffen Geschickter, der sich z. B. auf das Holzschnitzen, oder auf das Zurechtmachen und Wiederherstellen von allerlei Hausgeräten versteht usf.[6783]. Erst weiterhin wird er zum ausschließlichen Fachmanne, zum Eisen-Schmiede, dem angesichts seiner besonderen Kunst ein gewisser Schein des Weisen, Wundertätigen und Zauberers anhaftet; in dieser Eigenschaft vollbringt er übernatürliche Taten, wie sie die Sage etwa von ~Wieland dem Schmied~ berichtet[6784], überlistet und vertreibt er böse Geister und Dämonen (später auch den Teufel), heilt dadurch als „Kurschmied“ kranke Tiere und Menschen und verfertigt eiserne Opfer- und Weihe-Gaben aller Art, wie sie bei der katholischen Bevölkerung des deutschen Südens noch gegenwärtig eine wichtige Rolle spielen[6785]. Der deutsche +Name+, Eisen, wird seitens einiger Forscher vom gemein-keltischen und in vielen geographischen Bezeichnungen der Kelten nachklingenden isarno abgeleitet, dessen erste Silbe is mit ayas, aes, aiz (ursprünglich = Kupfer) zusammenhängen soll, und das zunächst in das germanische îsarn, eisarn überging[6786]; nach anderen aber hat isarno nichts mit ayas oder aes zu tun, sondern kommt vom keltischen isarâ = stark, kräftig, das sich in zahlreichen Flußnamen erhalten hat (u. a. in Isarkos = Eisack), und bedeutet also das starke, kräftige Metall (gegenüber dem Kupfer und der Bronze). Da aber die angedeuteten Namen, auch Isarkos, ursprünglich illyrisch sein sollen, so gilt hiernach die Voraussetzung für gerechtfertigt, die Kelten hätten hinwiederum das Metall und seinen Namen den Illyriern entlehnt, womit es übereinstimme, daß illyrische Veneter als Träger der älteren Eisenkultur der Hallstädter Zeit anzusehen seien[6787].

Im +Norden+ Europas, z. B. in Schweden, wird Eisen um 800 v. Chr. bekannt[6788], die Eisenzeit aber beginnt nach ~Montelius~ und ~S. Müller~ frühestens um das 5. Jahrhundert v. Chr.[6789]; es werden eiserne Schmucksachen, Waffen und Werkzeuge dargestellt[6790], im ganzen geht aber die nordische Entwicklung nur äußerst langsam vor sich, so daß z. B. nach Norwegen bessere Stahlwaren noch im 9. Jahrhundert n. Chr. aus Lüttich zur Einfuhr gelangen[6791].

Während die östlichen +Finnen+ das Eisen mit dem iranischen oder kaukasischen Lehnworte andun benennen, heißt es bei den Westfinnen rauta (ursprünglich = Kupfer)[6792], wonach ~Schrader~ vermutet, die Finnen hätten es erst durch ihre germanischen Nachbarn kennen gelernt und wären anläßlich seiner Benützung allmählich zu tüchtigen Schmieden geworden[6793]. Nach ~Hackmann~ besaßen indessen die im 4. oder 5. Jahrhundert in ihre jetzigen Sitze einwandernden Finnen bereits die Kultur des Eisenzeitalters[6794], und die alten Sagen der „Kalewala“ gedenken in der Tat unzählige Male des Eisens, des Stahles und der Schmiede, und schildern auch in ausführlicher Weise die Vorstellungen, die man sich von der Entstehung des Eisens aus dem Sumpferze machte[6795]. Im „Kalewipoeg“ ist sehr häufig von Eisen und Stahl die Rede, u. a. von „Stahl, gehärtet mit 7 Wässern“[6796]; in den „Mythischen und magischen Liedern der Esthen“ schmelzen und schmieden die „Unterirdischen“ das Eisen, „dessen Wunden giftig sind“[6797], und in den „Esthnischen Märchen“ sind eiserne Geräte „Gegenstände täglichen Gebrauches, bei uns zu Lande verfertigt“[6798].

Völlig irrtümlich ist die Angabe, man habe im Norden schon zu sehr früher Zeit die Kunst verstanden, Weißblech darzustellen, also das Eisen zu verzinnen; diese Erfindung wurde vielmehr aller Wahrscheinlichkeit nach während des 14. Jahrhunderts im Erz- und Fichtelgebirge gemacht, auf das Sorgfältigste geheimgehalten und erst um 1665 an einen aus England entsandten Auskundschafter verraten[6799].

12. Antimon.

Das wichtigste Erz des Antimons, das Schwefelantimon, Antimonsulfid oder Grauspießglanzerz, auch Grauspießglanz oder Antimonglanz genannt, bildet prächtige Drusen wohlausgestalteter, oft erstaunlich langer, hellgrau bis silberweiß glänzender, leicht brüchiger und spröder Nadeln, läßt sich schon bei gelinder Wärme aus- und umschmelzen und ist außerordentlich leicht zu metallischem Antimon reduzierbar; es kann daher nicht wundernehmen, daß letzteres schon zu sehr entlegener Zeit an mehr als einem Orte bekannt war, wenn es auch oft nur für Blei oder für eine Art Blei gehalten wurde. So z. B. erwies sich eine in den Ruinen von Telloh (im Zweistromlande) aufgefundene Vase aus dem Anfange des 3. Jahrtausends v. Chr. als aus reinem Antimonmetall bestehend[6800]; aus dem Gräberfelde von Koban bei Tiflis, das der Zeit gegen 1000 angehört, kamen kleine Geräte und Schmucksachen aus gediegenem Antimon zutage[6801]; Gebrauchsgegenstände der ältesten babylonischen Periode, zu der man noch kein oder nur wenig Zinn besaß, enthalten nicht selten bis 3% Antimon, stellen also wahre Antimon-Bronzen dar, die vielleicht der Zinnbronze vorausgingen[6802]; in gewissen französischen Depotfunden aus der Bronzezeit sind neben 85% Kupfer und 8,25% Zinn etwa 6,75% Antimon und Blei vorhanden[6803], in Fundstücken aus den Pfahlbauten des Neuenburger Sees 10 und selbst 15%[6804] usf. Auch in China stellte man bereits zu sehr früher, wenngleich nicht näher angebbarer Zeit metallisches Antimon und Antimon-Blei dar, also ein Hartblei, das dem in Japan noch jetzt zum Gießen von Spiegeln üblichen glich und vielleicht mit dem weiter oben erwähnten Char Sînî identisch war, oder doch unter diesem Sammelnamen mit begriffen wurde[6805]; endlich verstanden auch die alten Japaner, und nach ~Rivero~ die alten Peruaner, Antimonmetall abzuscheiden und es mit Silber, Zinn und anderen Metallen zu legieren[6806].

Eine weit bedeutendere Rolle als das metallische Antimon spielte jedoch das Schwefelantimon oder Grauspießglanzerz, und zwar in Gestalt seines feinsten, glänzend-schwarzen Pulvers, das sich vortrefflich zum Schminken, sowie zum Bemalen oder Verlängern der Augenbrauen eignet. Gebräuche dieser Art, vermutlich Überreste der bei allen Völkern des Erdballs weitverbreiteten Sitte der Körperbemalung, lassen sich in den entlegensten Kulturkreisen nachweisen, z. B. in Mexiko[6807], in Abessinien[6808], in Indien, wo schon dem ~Brahma~ 100 Himmelsjungfrauen „Augensalbe“ darbringen[6809], in Babylonien, dessen älteste Grabstätten aus der Zeit um 3000 bereits Schminknäpfe und -töpfe aus Alabaster enthalten[6810], vor allem aber in Arabien und Ägypten. Im Klima dieser Länder erweisen sich nämlich metallische Präparate wie Braunstein (Mangansuperoxyd), Bleiglanz (Schwefelblei), Antimonglanz usf. auch als höchst wirksame Vorbeugungs- und Schutzmittel gegenüber den endemischen Augenkrankheiten verschiedener Art[6811].

In +Ägypten+ z. B. schminkte man bereits während der vorgeschichtlichen Steinzeit Lider und Brauen schwarz, umgab die Augen mit grünen Ringen fein gepulverten Malachits (eines Kupfercarbonates) und setzte unter sie einen grünen Strich[6812]; in den Gräbern dieser Periode pflegt die Hand der Toten die zum Anreiben der Schminke bestimmten Schiefertafeln zu halten, die oft schon reich geschmückt sind[6813]; die Schönheit der Ausstattung nimmt unter der Herrschaft der ältesten Könige, der Horus-Verehrer (um 4240), noch zu[6814], und erst zur Zeit der Thiniten, um 3000, kommt die Benützung solcher Tafeln allmählich ab, ist aber auch während des alten Reiches noch nicht gänzlich verschwunden[6815]. Die der Schminken selbst dauert hingegen fort: nach den Ritualbüchern des alten Reiches legt der Priester den Götterbildern schwarze und grüne Schminke auf und bedient sich dieser auch zum Malen gewisser Zeichen beim Hersagen von Zaubersprüchen und Beschwörungen[6816]. Um 2500, sowie unter König ~Senkhera~ um 2300, kommt die schwarze Augenschminke in Säckchen oder Beuteln aus oder über Pitsew, d. i. Arabien, heißt Stem, Mestem oder Stimmi[6817], und besteht, soweit die erhaltenen Reste ersehen lassen, aus Bleiglanz (Schwefelblei)[6818]. Das nämliche gilt von dem „guten Stimmi“ aus den auf uns gekommenen Toiletten-Kästchen des mittleren Reiches (2160-1785)[6819], sowie von dem damals im Tempeldienst allgemein gebräuchlichen, als dessen Ursprungsort die Puntländer angegeben werden[6820], also Südarabien und Ostafrika; 1901 erhielt aber König ~Sesostris~ II. auch aus Syrien seitens eines Häuptlings ein Geschenk an Schminke[6821], über deren Beschaffenheit und Herkunft jedoch nichts Näheres bekannt ist. Erst seit Anfang des neuen Reiches beginnt man unter Stimmi, welcher Name sich weiter erhält[6822], auch den Grauspießglanz mitzuverstehen[6823]. Unter ~Thutmosis~ III. und der Königin ~Hatschepsut~, um 1500, kam die Augenschminke Stimmi oder Stibi[6824] in Beuteln und Krügen aus dem Punt[6825]; im „Papyrus ~Ebers~“ des nämlichen Zeitalters ist von „echtem“ und von „männlichem“ Stimmi die Rede, -- wonach es also offenbar auch ein „unechtes“ (vielleicht Schwefelblei, vielleicht aber auch bloß Kohle oder Ruß) und ein „weibliches“ (minderwertiges) gab[6826]. Daß ~Ramses~ III. den Göttern u. a. 50 Pfunde Stimmi zum Geschenke machte[6827], beweist die fortdauernde Kostbarkeit dieser Ware auch im 13. Jahrhundert. Woher die Ägypter zuerst den Grauspießglanz empfingen, steht nicht sicher fest; die Annahme, daß er über Arabien aus Indien zu ihnen gelangte, besitzt wenig Wahrscheinlichkeit, denn die schwarze Augenschminke der Inder, die bei diesen (wie bei allen Orientalen) auch als sicheres Mittel gegen den „bösen Blick“ galt[6828], bestand aus Schwefelblei und hieß „Surma“, was auch der indische Name des Bleiglanzes ist[6829], während „Stimmi“ noch zu Beginn unserer Zeitrechnung nach den großen Hafenplätzen der vorderindischen Westküste +ein+geführt wurde, anscheinend aus Ostafrika[6830]; vermutlich waren also dessen Landschaften seine Heimat.

Die in +Syrien+ und +Palästina+ übliche Augenschminke wird in den Büchern des alten Testamentes entweder „Puch“ benannt[6831], was sich in der „Septuaginta“, der zur ptolemäischen Zeit verfertigten griechischen Bibel-Übersetzung, mit Stimmi wiedergegeben findet, oder „Kahhâl“[6832]; dieses Wort bezeichnet als „Kuchli“ auch die Schminke, die König ~Hiskia~ 701 als Tribut an König ~Senacharib~ (~Sanherib~) abzuliefern hatte[6833] und besagt in den semitischen Sprachen, als „Kohol“, schließlich oft nichts weiter wie ein sehr feines, im übrigen aber ganz beliebiges Pulver.

Aus Vorderasien oder Ägypten, wo das Stimmi außer als Zusatz zu Augenheilmitteln und -kollyrien auch sonst als trocknende, blutstillende, fäulniswidrige Substanz vielfach in der Medizin benützt wurde, dürften die +griechischen+ Ärzte seine Anwendung entlehnt haben. Für die älteste Erwähnung pflegt man die an einer Stelle der hippokratischen Schriften anzusehen, woselbst bei Erläuterung eines Rezeptes vom τετράγωνον (Tetrágonon = Viereckigem) die Rede ist, und zwar ohne jede nähere Angabe[6834]; es bleibt indessen durchaus zweifelhaft, was unter diesem Tetrágonon zu verstehen sei und ob sich das Wort nicht etwa bloß auf die äußere (viereckige) Form der verschriebenen Pastillen beziehe[6835], denn dem Grauspießglanz kommt keineswegs charakteristische „viereckige“ Gestalt zu, und von metallischem Antimon, dessen Krystalle zuweilen viereckige Pyramiden bilden sollen[6836], kann im betreffenden Zusammenhange nicht wohl die Rede sein. Daß man aber Stimmi tatsächlich bei der Herstellung gewisser Pastillen benützte, zeigen die Auszüge aus späteren griechischen (im Original nicht erhalten gebliebenen) Werken bei den Autoren der beginnenden römischen Kaiserzeit: ~Celsus~ (um 30 n. Chr.) verordnet sehr oft Stimmi, rohes, gewaschenes und gebranntes, läßt Pastillen und Zäpfchen aus ihm anfertigen und rühmt es als wohltätig für die Augen, austrocknend und erweichend[6837]; ~Scribonius Largus~ (um 50 n. Chr.) macht häufig von Stibium oder Stibi Gebrauch, u. a. von ausgeschmolzenem (coctum)[6838]; ~Plinius~ und ~Dioskurides~ (um 75) kennen Stimmi auch unter den Namen Stibi, Larbasis (unerklärtes Fremdwort), Alabastron (nach dem Material der Gefäße?), Chalkedónion (chalkedonisches), Platyophthalmón (Augen-Erweiterndes), Kalliblépharon (Augen-Verschönerndes), Gynaikéion (den Weibern Zukommendes), unterscheiden männliches und weibliches, rühmen seine medizinischen Eigenschaften und wissen, daß es beim Erhitzen mit Kohle ein Metall ergibt, das sie für Blei halten (plumbum fit; μολυβδοῦται)[6839]; ~Soranus~ (um 100, zur Zeit ~Trajans~) empfiehlt Stimmi zu gynäkologischen Zwecken[6840], ~Galenos~ (131-200?) zu ophthalmologischen, laryngologischen, sowie als allgemeines Prophylaktikum[6841], und in ähnlicher Weise äußern sich alle späteren Ärzte, bis herab zu ~Marcellus Empiricus~[6842] im 5., ~Alexander~ von ~Tralles~[6843] im 6. und ~Paulos Aigineta~[6844] im 7. Jahrhundert. Die Verwendung als Kosmetikum, die in der griechischen Litteratur anscheinend bei dem Komöden ~Antiphanes~ im 4. Jahrhundert v. Chr. zuerst auftaucht[6845], dauert aber während dieser ganzen Zeit ebenfalls weiter fort[6846]. Mittels Stibi (στίβι) und der von Stimmi und Stibi abgeleiteten Verba στιμμίζω (stimmízo) oder στιβίζω (stibízo) übersetzt schon die „Septuaginta“ das Wort Puch sowie die Ausdrücke für das Schminken mit Schönheitsmitteln dieser Art, deren sich, wie oben erwähnt, die biblischen Schriften bedienen[6847]; im „Períplus des Roten Meeres“ (um 40 n. Chr.) ist von στίμη (Stíme) und στῆμι (Stémi) die Rede[6848]; ~Kriton~, der Leibarzt der Kaiserin ~Plotina~, der Gemahlin ~Trajans~, verfaßte ein Toiletten-Handbuch „χρισμᾶτων σκευασία“, dessen allein erhaltene Kapitelüberschriften ersehen lassen, daß es die Bereitung zahlreicher Salben, Pomaden und Schminken behandelte, u. a. die der στιμμίσματα (Stimmísmata) für die Augenbrauen[6849]; über die nämlichen Gegenstände berichten im 2. Jahrhundert auch ~Pollux~[6850] und ~Galenos~[6851], deren ersterer vom στίμμις ομματογράφος spricht (dem „Stimmi zum Augenmalen“), während letzterer die ὁσημέραι στιμμιζόμεναι γυναῖκες erwähnt („die sich täglich schminkenden Weiber“), wobei στιμμίζειν ganz ebenso „sich mit Stimmi malen“ bedeutet, wie nach ~Hesychios~ ἀγχουσίζεσθαι „sich mit Anchusa malen“ (= rotfärben)[6852]. Auch als Name der Sklavin, die ihrer Herrin das Kalliblépharon anschminkt, ist „~Stimmi~“ überliefert[6853]. Den christlichen Autoren galten alle Künste dieser Art für spezifisch heidnische, ja teuflische[6854], weshalb ~Tertullianus~[6855] (gest. 220), ~Arnobius~[6856] (gest. 330), ~Hieronymus~[6857] (gest. 420) und andere sie unbedingt verwerfen und sich namentlich auf das Schärfste gegen die „orbes stibio fuliginatos“ aussprechen, „die mit Stimmi angerußten Augenbrauen“[6858].

Bei den +alexandrinischen Alchemisten+ gehört, wie in früheren Abschnitten dargelegt, das Stimmi zu den wichtigsten, und seitens aller Autoren von ~Pseudo-Demokritos~ bis ~Hierotheus~ am häufigsten genannten Präparaten. Schon nach dem „Leidener Papyrus“ soll ein Farbstoff fein gerieben werden wie Stimmi[6859], und im „Papyrus ~Kenyon~“ wird Stimmi von Koptos (in Oberägypten) als Augenheilmittel empfohlen[6860]. Stimmi (στίμμι, στίβι, στίμι[6861], στίμη[6862], στήμη[6863]), und zwar koptisches, italisches, occidentalisches und chalkedonisches, sowie die „Schwärze aus Stimmi“ (μελανία στίμμεως)[6864], erwähnen ~Pseudo-Demokritos~ und seine Nachfolger[6865]; sie betrachten Stimmi, -- offenbar wegen des weißen Glanzes seiner Krystalle --, als dem Silber und samt diesem dem Monde zugehörig[6866], benützen es zum „Machen“ von Gold und Silber und gewinnen aus der weiblichen Abart Blei, nämlich „unser Blei“ (μόλυβδος ἡμῶν)[6867], d. i. metallisches Antimon, dessen Sublimierbarkeit sie kennen und es daher auch als ein Quecksilber (ὑδράργυρος) ansehen[6868]. Die syrischen Auszüge aus ~Demokritos~ und ~Zosimos~ gedenken ebenfalls des koptischen und italischen (occidentalischen?) Stimmis[6869], das zum Machen oder Färben von Gold und Silber „fein wie Kohol“ zerrieben werden muß[6870], das dem Schwefelblei ähnlich sieht „wie es die Augenärzte durch Verbrennen von Blei mit Schwefel darstellen“[6871], das als „Staubwolke“ (= feiner Staub) ein treffliches Augenheilmittel abgibt[6872], und aus dem [bei der Reduktion] etwas entsteht, was den beiden Quecksilbern [d. i. dem Quecksilber und Arsen] aus Zinnober oder Sandarach gleicht[6873], [nämlich das metallische, gleichfalls sublimierbare Antimon]. An einer Stelle sprechen sie auch von spanischem Stimmi, das sich angeblich gut zum Blaufärben (?) des Glases eignen soll[6874].

Die +Araber+, denen der Gebrauch des Kohol (eigentlich Kohl) ohnehin schon wohlbekannt war, fanden ihn auch bei den Syrern vor, ferner bei den Persern, die ein eigenes „Fest des Stibi“ besaßen, in deren Ritual das Mittel aber auch an anderen Feiertagen seine bestimmte Stelle einnahm[6875], sowie besonders bei den Ssabiern, die an gewissen Festtagen ihre Augen mit Stimmi malten[6876]; sie begegneten ferner in Persien der in der Pharmakologie des ~Abu Mansur~[6877] von 975 bezeugten medizinischen, sowie in Syrien oder Ägypten der chemischen Anwendung der Präparate und unternahmen es in ihrer üblichen Weise, die in allen diesen Beziehungen herrschenden Anschauungen und Lehren zu vereinigen und zu erweitern.

Der Tradition zufolge bestrich schon ~Muhammed~ seine Augenlider mit Kohol, nicht anders als dies die Beduinen seit jeher gewohnt waren und bis in die neuere und neueste Zeit hinein gewohnt blieben[6878]; der Stift, dessen er sich hierbei bediente, war in einer Moschee zu Kairo als kostbare Reliquie zu sehen[6879]. Die Schriften der „Treuen Brüder“ überliefern, Stimmi[6880] entstehe durch völlige Verbrennung seiner Bestandteile, des Schwefels und Quecksilbers[6881], brauche 10759 Tage bis zu seiner gänzlichen „Reifung“[6882] und vermöge dann, dieser seiner Natur gemäß, selbst nicht mehr weiter zu schmelzen oder zu verbrennen[6883]. Nach ~Alrazi~ (850-923 oder 932?) ist Stibi oder Kohol kalt, trocken, adstringierend und nützlich bei vielen Krankheiten, vor allem bei denen der Augen[6884]; ähnlich äußert sich in Spanien ~Abulkasis~ (912-1013?) und läßt beim „Brennen“ der Substanz Blei entstehen[6885]. ~Avicenna~ (980-1037) erklärt im „Kanon der Medizin“ ausführlich das Wesen des Stimmi[6886], das er auch Itmid (Atmed oder Atemed) nennt und als „faex plumbi“ (Hefe = Abfall des Bleies) ansieht[6887], rühmt die treffliche bei Ispahan in Persien vorkommende Sorte[6888] und führt es (unverändert oder gebrannt) als Bestandteil zahlreicher bewährter Rezepte an, besonders solcher für die Augensalben und -kollyrien[6889]. Die spätarabischen und -persischen Ärzte sowie ihre Jünger wiederholen in bekannter Weise, und ohne Stimmi und metallisches Antimon stets genügend auseinander zu halten, die Aussprüche dieser klassischen Autoritäten: so z. B. der sog. jüngere ~Serapion~ (12. Jahrhundert?)[6890], der auch den Ausdruck Itmid gebraucht[6891]; ferner die unter dem Namen „Al Kahhâl“ (= die Schminker) bekannten Augen-Spezialisten des 11. und 12. Jahrhunderts[6892]; sodann der Armenier ~Mechithar~, der im „Trost bei Fiebern“ (1184) namentlich den Grauspießglanz von Ispahan preist[6893]; ~Ibn Baitar~ aus Malaga (gest. 1248), der eine lange Reihe von Zitaten über Stimmi und Kohol zusammenstellt[6894]; ein Ungenannter, nach dem Glanz und Sehkraft der Augen durch nichts mehr gefördert werden als durch „Kohol mit Fliegen verrieben“[6895]; endlich ~Ibn Alʿauwam~ (um 1150), der auch in der Veterinärkunde allerlei „fein wie Kohol geriebene“ Augenheilmittel verschreibt[6896].