Entstehung und Ausbreitung der Alchemie, mit einem Anhange
Part 74
Als ältester Fund von Quecksilber ist der durch ~Schliemann~ während seiner ägyptischen Reisen zu Kurna gemachte anzusehen, woselbst aus Gräbern, die dem 16. oder 15. Jahrhundert v. Chr. angehören, ein kleines mit Quecksilber gefülltes Gefäß zutage gefördert wurde, vermutlich ein Amulett, nach Art der Quecksilber enthaltenden Nüsse, Kapseln und Federspulen, die im Orient noch gegenwärtig im Gebrauch stehen[6466]; wahrscheinlich stammte es aus Kleinasien, vielleicht aber auch aus Spanien, dessen nächst dem späteren Sisapo (dem heutigen Almaden) gelegenen Gruben bereits zu +sehr+ früher Zeit ausgebeutet wurden[6467] und u. a. auch den schon in den biblischen Schriften (z. B. im „Hohen Liede“) erwähnten „Stein von Tarschisch“ lieferten, d. i. den krystallisierten Zinnober, der wegen seines goldroten Glanzes auch als Chrysolith (= Goldstein) bezeichnet wurde[6468]. -- Unbewiesen ist, daß die Quecksilber-Gewinnung zu Avala, im jetzigen Serbien, in eine gleich entlegene Vergangenheit zurückreiche; die dort vorgefundenen Tonschalen und -töpfe, die zum Sammeln des Quecksilbers gedient haben sollen, sind nicht als „urgeschichtliche“ anzuerkennen, sondern bestenfalls als vorrömische[6469].
In +Griechenland+ ist nicht, wie meist angegeben wird, ~Theophrastos~ der erste, der das Quecksilber erwähnt, sondern ~Aristoteles~ (gest. 322), nach dessen Bericht der halbmythische Allerweltskünstler ~Daidalos~ ἄργυρον χυτόν, d. i. „geschmolzenes Silber“ (= Quecksilber) in die Höhlung eines hölzernen Abbildes der ~Aphrodite~ eingoß, um es dadurch beweglich erscheinen zu lassen[6470]. Nach ~Natorp~ hätte diese Erzählung erst der attische Komöde ~Philippos~ aufgebracht, und zwar als „rationelle Erklärung“ der Behauptung, dem ~Daidalos~ sei es zuerst gelungen, Statuen mit der Gabe und dem Anscheine wahrer Bewegung zu schaffen, weshalb sie gar nicht als eine ernstliche aufzufassen wäre[6471]; dies kann indessen dennoch sehr wohl der Fall sein, denn schon eine Figur etwa nach Art der sog. „Stehaufmännchen“, oder dergl., dürfte der damaligen Zeit als etwas höchst Wunderbares erschienen sein. Daß das Quecksilber spätestens zu Anfang des 5. Jahrhunderts bereits wohlbekannt war, zeigt übrigens eine bisher unbeachtet gebliebene Stelle der um diese Zeit verfaßten „Indika“ des ~Ktesias~[6472]; er fabelt in ihr von einer zu Indien fließenden Quelle „flüssigen Goldes“ (ὑγροῦ χρυσίου), das offenbar als indisches Wunderprodukt das „flüssige Silber“ (ἄργυρον ὑγρόν) noch übertrumpfen soll und demgemäß auch dessen entsprechend umgebildeten Namen trägt. -- Über die nahe Beziehung, in der Quecksilber zum Zinnober steht, sowie über die Möglichkeit, es aus ihm zu gewinnen, war man sich um die Zeit des ~Theophrastos~ (um 300) schon seit langem im klaren; doch sind seine und seiner Nachfolger einschlägige Angaben sämtlich undeutlich und verworren, da ihnen allen der springende Punkt verborgen blieb, nämlich die Notwendigkeit eines Zusatzes von Metall oder einem anderen Reagens (z. B. Kalk), das zum Schwefel des Zinnobers eine größere Verwandtschaft besitzt als das Quecksilber; ~Theophrastos~ selbst schreibt z. B. vor[6473], den Zinnober, der sich reichlich bei Ephesus in Kleinasien, in Kolchis und in Spanien vorfinde, unter Beigabe von Essig in einem kupfernen Gefäße mit einem kupfernen Stämpfel zu verreiben, wobei sich Quecksilber (ἄργυρος χυτός) abscheide [insoweit etwas Schwefel in Form von Schwefelkupfer abgespalten wird][6474].
Wo die Bildung der Amalgame und die Löslichkeit der Edelmetalle in Quecksilber entdeckt wurde, ist nicht bekannt, doch dürfte es in Kleinasien oder in Ägypten geschehen sein, woselbst, wie schon weiter oben erwähnt, das Vergolden mit Quecksilber-Amalgam sowie die Herstellung der Goldschrift zu den Geheimnissen der Tempelwerkstätten gehörte. Um Beginn unserer Zeitrechnung beschreibt ~Vitruv~[6475] die Gewinnung von Quecksilber aus den Dämpfen des im natürlichen Zinnober eingeschlossenen [oder beim Erhitzen mit einem Zusatze aus ihm frei werdenden] Metalles durch Kondensation an den Deckengewölben der Öfen und erwähnt bei diesem Anlasse auch das Ausziehen des Goldes mittels Quecksilbers aus der Asche alter, unbrauchbar gewordener Goldstickereien. ~Plinius~, dem besagter Kunstgriff ebenfalls geläufig ist[6476] und der auch der kalten, sowie der Feuer-Vergoldung mit Quecksilber gedenkt[6477], unterscheidet das natürliche „argentum vivum“ (= lebendiges Silber) vom künstlichen „hydrargyrum“ (= Silberwasser) und bespricht die Darstellung dieser „ewig flüssigen“ Substanz (liquor aeternus) aus Zinnober nach der Vorschrift des ~Theophrastos~, sowie nach einem höchst unvollkommenen Destillations-, richtiger Sublimations-Verfahren durch Erhitzen in einer überdeckten eisernen Schale[6478] [wobei, falls nichts anderes beigefügt wurde, das Eisen den Schwefel zu binden hätte]. Nach ~Dioskurides~[6479] findet sich das Quecksilber (ὑδράργυρος, Hydrárgyros) in den Gruben (ἐν μετάλλοις), ist sehr giftig, besonders in Gestalt seines Dampfes, und wird aus dem Zinnober mit Hilfe eines [sehr primitiven] Sublimations-Apparates gewonnen, der aber immerhin schon aus zwei Teilen besteht, und an dessen oberem, dem ἄμβιξ (Ambix = Deckel), sich das Quecksilber als ἀιθάλη (Aithále = Dunst) ansetzen soll.
Über die wichtige Rolle des Quecksilbers bei den alexandrinischen Alchemisten ist schon in früheren Abschnitten eingehend berichtet worden, desgleichen über die hervorragende Bedeutung der vermutlich im 4. Jahrhundert n. Chr. gemachten Entdeckung der Quecksilber-Destillation[6480], sowie über die auf gewisse aristotelische Anschauungen hin entwickelte Theorie des Bestehens aller Substanzen, vornehmlich aber aller Metalle, aus Schwefel und Quecksilber[6481]. Für die fortgesetzte Verwendung zu mancherlei, denen des ~Daidalos~ ähnlichen Kunststücken zeugt die Erwähnung solcher bei ~Heron~ von ~Alexandria~[6482] (dessen Lebenszeit bald in das 1. oder 2. Jahrhundert +vor+, bald +nach+ Chr. verlegt wird) und vielleicht bei ~Hippolytos~ in dem um 200-230 verfaßten Kapitel „Gegen die Magier“[6483]; dort ist namentlich auch von der Vergiftung durch Eingießen des Quecksilbers in die Ohren die Rede [die man als in unmittelbarer Verbindung mit dem Sitze der Seele stehend wähnte][6484]. Bei den griechischen Ärzten scheint, eben seiner Giftigkeit halber, Quecksilber nicht oder kaum in Gebrauch gestanden zu sein; ~Galenos~ (131-200?) führt es auffälligerweise nur als ein (offenbar aus Zinnober gewonnenes) Präparat an, das sich als solches etwa dem Bleiweiß oder dem Grünspan anschließt, schweigt völlig über sein natürliches Vorkommen, fügt jedoch hinzu, daß ihm weder über die äußere noch die innere Anwendung dieser giftigen Substanz irgendwelche eigene Erfahrung zu Gebote stehe[6485]. Auch spätere Ärzte, wie ~Oreibasios~ (326-403) und ~Caelius Aurelianus~ (um 400), ~Alexander~ von ~Tralles~ (um 550) und andere benützen das giftige Quecksilber nicht, und erst bei ~Paulos Aigineta~ (um 640) findet sich eine kurze unklare Bemerkung über „zu Asche gebranntes Quecksilber“ als angebliches Heilmittel bei Koliken und Darmverschlingungen[6486].
Stätten der äußeren und inneren Anwendung, die der Ausspruch des ~Galenos~ bezeugt, dürften +Ägypten+ und der +Orient+ gewesen sein, woselbst man es frühzeitig verstand, das „bewegliche und lebendige Quecksilber“ durch Verreiben mit Schwefel, Alkalien, Fetten, Ölen, Speichel usf. in feine Verteilung zu bringen, unbeweglich zu machen, also „abzutöten“, und die so dargestellten Mittel zur Bekämpfung der beiden schlimmsten Landesplagen zu verwenden, der Hautkrankheiten und des Ungeziefers. In Persien z. B., dessen Provinzen und Nachbarländer reich an Quecksilber sind[6487], waren, wie die Art der Erwähnung in der ersten persischen Pharmakologie des ~Abu Mansur~ (um 975) zeigt[6488], Quecksilbersalben zur Bekämpfung von Ekzemen und Parasiten, namentlich Läusen, jedenfalls schon seit Jahrhunderten wohlbekannt, und dem arabischen Schriftsteller ~Ibn Qutaïba~ (834-898) ist daher die Vertreibung der Läuse durch Quecksilbersalbe schon etwas ganz Geläufiges[6489]. ~Alrazi~ (10. Jahrhundert) erzählt[6490], daß er einem Affen Quecksilber eingegeben und es als solches unschädlich befunden habe, außer beim Eingießen in die Ohren; dagegen seien „getötetes“ Quecksilber (extinctum = ausgelöschtes), oder gar „sublimiertes“ (Sublimat), desgleichen auch Zinnober, furchtbare Gifte, die sich aber eben deshalb in Form von Salben vortrefflich zur Vernichtung der Läuse und zur Heilung gewisser Hautkrankheiten eignen. ~Avicenna~ (~Ibn Sina~; 11. Jahrhundert) sagt im „Canon der Medicin“, Quecksilber in Substanz, natürliches wie aus Zinnober dargestelltes, -- die sich, entgegen der Ansicht des ~Galenos~, als identisch erweisen, und mit Schwefel behandelt Zinnober zurückergeben, -- sei bei einmaliger Anwendung nur gefährlich, wenn man es ins Ohr eingieße, bei andauerndem Gebrauche aber giftig, und führe entsetzliche Folgezustände herbei, ganz besonders in Form seines Dampfes; getötet (extinctum), sublimiert, oder in Zinnober verwandelt, sei es dagegen innerlich unter allen Umständen ein schreckliches Gift, solle aber auch äußerlich nur mit großer Vorsicht gehandhabt werden, so ausgezeichnet es sich auch bei der Heilung von Hautkrankheiten (scabies), Skrofeln, Wunden, Fisteln, Geschwüren und Krebs, sowie bei der Vernichtung von Läusen und anderem Ungeziefer bewähre[6491]. In gleicher Weise wie ~Alrazi~ und ~Avicenna~, und ohne wesentlich Neues hinzuzufügen, äußern sich auch alle späteren arabischen Ärzte, z. B. der sog. jüngere ~Serapion~ (~Ibn Sarafiun~)[6492].
Über die Quecksilber-Teiche, die die arabischen Herrscher des 9. und 10. Jahrhunderts zur Verzierung ihrer Schloßgärten in Cordova, Kairo und Bagdad anlegen ließen, ist schon weiter oben berichtet worden. Ein Stoff, der in so großen Mengen zur Verfügung stand, mußte auch im übrigen allgemein bekannt sein, und dies bestätigen u. a. die Erwähnungen in der schönen Litteratur. Bei dem Dichter ~Mutanabbi~ (915-965) heißt es[6493]:
„Unsere Augen rollen wir voll Angst und Verwirrung; So wie das Quecksilber rollt, rollt Lid auf dem Lid“;
bei ~Unsuri dem Perser~ (gest. 1038)[6494]:
„Sein Schwert, geschwungen gen den Feind, Quecksilber Dir im Feuer scheint“;
bei ~Thaʿalibi~ (961-1038)[6495]:
„Es glänzt der Stern des Jupiter Quecksilber, dem Bewegten, gleich“;
bei ~Omar Alkhajjam~ (um 1100)[6496]:
„Füllt mir den Becher! Mein Herz steht in Flammen! Wie Quecksilber nur hält das Leben zusammen!“,
und ein Unbekannter, der die silberglänzenden Tropfen des Morgentaues als Quecksilber vom Himmel herabfallen läßt[6497], preist die Gnade des Khalifen mit den Worten:
„Er träufelt vom Gewölb des Regenbogens Quecksilber auf die Erde, die durchnäßte“[6498].
Die Erzählungen „1001 Nacht“ gedenken des Quecksilbers als eines Heilmittels, nennen einen eiligen Hin- und Herläufer ~Ali Zaibak~ = Ali den quecksilbernen, und sprechen von Zinnober als einer kostbaren Farbe der Bilder- und Schriftenmaler[6499]. Vielfach beschäftigten sich, wie ebenfalls schon erwähnt, die arabischen Physiker und Chemiker mit dem Quecksilber: ~Albiruni~ (gest. 1048) und ~Alkhazini~, der Verfasser der „Wage der Weisheit“ (1121), bestimmten das spezifische Gewicht dieses „schwersten aller Körper“ zu 13,557 bis 13,560, welche Werte genauer sind als die ~Galileis~ (13,357 und 13,760)[6500]; einen hohlen Wagebalken, gefüllt mit etwas Quecksilber, das bei unauffälligem Neigen auf die Seite der Last hinüberfloß, benützten nach ~Aldschaubari~ (gegen 1220) die Betrüger beim Verkaufe von Edelsteinen und Gewürzen[6501]; Gold den feingepochten Gesteinen mittels Quecksilbers zu entziehen verstanden im 12. Jahrhundert nach ~Alidrisi~ bereits einige einheimische Völkerschaften des westlichen Afrikas und nördlichen Abessyniens[6502], die dies jedenfalls von den Arabern erlernt hatten, usf. Das meiste Quecksilber scheinen diese aus den bei dem heutigen Almadén liegenden Gruben empfangen zu haben[6503], und noch im Zeitalter der Kreuzzüge war Quecksilber ein wichtiger Gegenstand der Ausfuhr, den die Schiffe aus den spanischen Häfen nach Sizilien, Ägypten und dem Orient beförderten[6504].
In +China+ kannte man, wie schon in einem früheren Abschnitt erörtert, seit altersher sowohl Quecksilber wie Zinnober; letzterer, dessen Farbe die kaiserliche und daher auch die des kaiserlichen Siegels war, blieb dauernd sehr kostbar und nicht selten dem Silber gleichwertig[6505]; in den Gartenanlagen um die Kaisergräber wurden Hügel aus Zinnober aufgeschüttet, zwischen denen sich Teiche, Bäche, Flüsse, ja Meere aus Quecksilber befunden haben sollen, für deren stete Bewegung eigene Antriebs-Vorrichtungen sorgten[6506]. Zur Zeit ~Marco Polos~ war das Quecksilber in China besteuert[6507], vielleicht als Luxusgegenstand.
Näheres über die Kenntnis von Quecksilber und Zinnober in +Indien+ ist ebenfalls bereits weiter oben beigebracht worden; die Einverleibung beider Substanzen in den allgemein üblichen Arzneischatz erfolgte daselbst, auch nach ~Tschirch~, erst unter dem Einflusse arabischer Vermittlung[6508].
Ausschlaggebend war diese auch für das +mittelalterliche Europa+. Nach ~Vitalis de Furno~[6509] (1247-1327) hätte zuerst der in Salerno tätige ~Constantinus Africanus~ (gest. 1087)[6510] nach orientalischem Beispiele das Töten des Quecksilbers mittels Asche, Öl, Butter, Fett oder Speichel gelehrt, sowie die Vernichtung der Läuse durch derlei Quecksilbersalben oder auch, soweit Kleider in Betracht kamen, durch Quecksilber-Dämpfe; von ihm übernahm dann die „Schule von Salerno“ diese Kunstgriffe, die u. a. als bereits wohlbewährte ~Matthaeus Platearius~ im „Circa instans“ darlegt, dem um 1150 verfaßten Hauptwerke der Salernitaner[6511], durch die sie seither allgemeine und weitgehende Verbreitung fanden. Eine solche wurde in gleicher Weise, und vielleicht von mehr als einer Seite aus, auch dem Gebrauche der Quecksilbersalben gegen Hautkrankheiten zuteil, so daß sich im 13. Jahrhundert Quecksilber-Schmierkuren schon verschiedentlich und als etwas sichtlich nicht mehr ganz Neues beschrieben finden, so z. B. in der 1266 abgeschlossenen berühmten „Cyrurgia“ von ~Borgognoni~ Vater und Sohn[6512]; auf Einzelheiten aus der Frühzeit derartiger, rein medizinischer Anwendungen kann jedoch an dieser Stelle ebensowenig eingegangen werden wie auf Schilderungen der späteren Neuerungen des ~Paracelsus~, durch dessen bahnbrechende Tätigkeit auch das Quecksilber nebst seinen Verbindungen, wie überhaupt die metallischen Heilmittel, zu völlig ungeahnter Bedeutung gelangten.
Darauf, daß die spätgriechische, von den Arabern aufgenommene und erweiterte Theorie vom Schwefel und Quecksilber als Grundbestandteilen der Metalle in der gesamten europäischen Wissenschaft zur unbedingten und widerspruchslosen Herrschaft gelangte, ist bereits weiter oben hingewiesen worden; daß man sie auf die Autorität des ~Aristoteles~ und ~Platon~ zurückführen zu können glaubte[6513], gereichte ihr zur ganz besonderen Stütze, und da einige schüchterne Zweifel, die sich zur Zeit der Renaissance zu erheben begannen, gegen den überragenden Einfluß der paracelsischen Lehren nicht aufzukommen vermochten, behielt sie bis tief in das 17. Jahrhundert hinein die Oberhand und wurde selbst durch so bestimmte Widerlegungen wie die seitens ~Aldrovandis~[6514] oder ~Boyles~[6515] keineswegs endgültig abgetan. Unentwegt fest hielten an ihr allezeit die eigentlichen Alchemisten; nicht anders als ein halbes Jahrtausend vorher versuchten sie auch noch gegen 1800 Quecksilber und Schwefel im Ei zu Gold auszubrüten[6516], und zwar unter Mitwirkung des Geistes ~Azoth~, dessen Namen ~Paracelsus~ aus dem arabischen Worte für Quecksilber „Azoch“ bildete, dem nämlichen, von dem sich der spanische Ausdruck „azogue“ für dieses Metall herschreibt[6517].
Welche zähe Lebenskraft auch dem Glauben an die mystischen Beziehungen des Quecksilbers innewohnte, zeigt die Bemerkung eines sonst in vieler Hinsicht so vorgeschrittenen Geistes wie ~Comenius~, der in seiner „Physicae Synopsis“ von 1625 über die angebliche Verwandlung von Eisenschlacke in Quecksilber bei zweijährigem Liegen berichtet, und sie durch Hinzuströmen des „Weltgeistes“ erklärt[6518], des ~Hermes~ oder ~Mercurius~ der Alten.
Die Annahme, daß es, wie ~Plinius~ behauptet, zwei verschiedene Quecksilber gebe, natürliches und künstliches, wiederholen gänzlich kritiklos noch die Gelehrten des 16. Jahrhunderts, z. B. ~Brasavola~[6519]; auch dieser Irrtum wurde, gleich unzähligen ähnlichen, niemals geradezu als solcher einbekannt, sondern starb langsam aus, wozu im vorliegenden Falle die allmählich zunehmende bessere Bekanntschaft mit dem Quecksilber beitrug, gefördert hauptsächlich durch seine Anwendung bei der Gewinnung der Edelmetalle. Diese erfolgte jedoch nicht erst in der neuen Welt, wie häufig behauptet wird, sondern war bereits der alten geläufig, u. a. auch bei der Aufarbeitung des goldführenden Rheinsandes im Elsaß, wo sie sich z. B. 1582 als etwas in Straßburg schon längst Bekanntes erwähnt findet[6520].
11. Eisen.
Wie bereits weiter oben bemerkt wurde, können weder die Ansichten betreffs einer ursprünglichen Kupfer- und Bronzezeit[6521] noch die Vermutungen hinsichtlich eines überlegenen Alters des Eisens[6522] irgendwelchen Anspruch auf ausschließliche Wahrheit und Allgültigkeit erheben; ebensowenig läßt sich ein bestimmtes Land als erster Ausgangspunkt, oder ein bestimmtes Volk als erster Erfinder der Eisen-Gewinnung bezeichnen, -- auch völlig abgesehen von der neuen Welt, in deren Kulturstaaten, Mexiko und Peru, zur Zeit der Entdeckung zwar ganz vorwiegend Kupfer in Gebrauch stand, Eisen aber keineswegs mehr durchaus unbekannt war[6523]. Es ist vielmehr sicher, daß die Darstellung des Eisens in selbständiger Weise zu sehr verschiedenen Zeiten entdeckt wurde und auch an sehr verschiedenen Punkten, an solchen nämlich, die passende und leicht reduzierbare Erze besaßen; zu ihnen sind mit größerer oder geringerer Wahrscheinlichkeit u. a. zu zählen: China, Indien, Persien, Armenien, die kaukasischen und die Pontus-Länder[6524], Phönizien, Palästina, Cypern[6525], die Gebiete der Jakuten, der Tungusen[6526], das zentrale, nordwestliche und südliche Afrika, Finnland[6527], Illyrien, Keltiberien usf. Zwar trifft es zu, daß das +Meteoreisen+ bei vielen Völkern frühzeitig bekannt war, seiner „himmlischen“ Herkunft wegen in großer Verehrung stand und zuweilen auch, angesichts seiner hohen Reinheit, ohne weiteres zu Bedarfszwecken benützt und verarbeitet wurde, wie das z. B. nach dem Nordpolfahrer Ross noch 1818 bei den Eskimos durch „kaltes Hämmern“ geschah[6528]; die immer noch verbreitete Ansicht aber, die Entwicklung einer Eisenzeit habe von +ihm+ aus ihren Ursprung genommen, ist völlig unhaltbar, und keine einzige geschichtliche oder technische Überlieferung gereicht ihr zur Stütze. In dieser Hinsicht genügt es, daran zu erinnern, daß das Erhitzen und Schmelzen festen gediegenen +Eisens+ bei 1500-1600° oder darüber +sehr+ erhebliche Anforderungen an den Kunstfertigen und an seine Werkvorrichtungen stellt, daß sich hingegen aus vielen +Erzen+ das Eisen mittels Kohle ohne besondere Schwierigkeit bei verhältnismäßig niedriger Temperatur (etwa 700°) in erweichtem (+nicht+ in geschmolzenem) Zustande gewinnen und sodann mehr oder minder schlackenfrei ausschmieden läßt[6529]; beide Vorgänge sind freilich in ihrem Gelingen von vielerlei Umständen und Wechselfällen in so weitgehender Weise abhängig, daß es nicht wundernehmen darf, wenn die Untersuchung alter Fundstücke nach den modernen metallographischen Verfahren zur Erkenntnis führt, es könne bei ihnen von irgend regelmäßiger Zusammensetzung und von scharfen Grenzen zwischen Eisen und Stahl nicht im entferntesten die Rede sein.
Die besondere Natur des Eisens und die durch sie bedingte Eigenart seiner Behandlung brachte es mit sich, daß erst mit dem Anfange der Eisenzeit jene eigentliche Entwicklung der Schmiedekunst einsetzte[6530], die in erster Linie den +Eisen+schmied zum „Schmiede“ machte und seine Bedeutung und Stellung in bemerkenswerter Weise beeinflußte. Der Schmied ist in seiner Tätigkeit an das Vorhandensein bestimmter Rohstoffe gebunden, er haust im Waldgebirge, wo ihm das Nötige an Erz, Holz oder Holzkohle zur Verfügung steht, er kann den Ort, den andere noch mit nomadischer Unbeständigkeit wechseln, nicht ohne weiteres verlassen, wird dadurch frühzeitig seßhaft, hierdurch aber wieder für die Nachrückenden ein Fremdling, dessen Kunst überdies einen unheimlichen, ja zauberischen Charakter trägt. Aus diesen Umständen erklärt es sich, daß zahlreiche Völker der verschiedensten Herkunft den Schmied als außerhalb des Stammes und der Gemeinschaft stehend betrachten, auch ihm und den Seinigen die Einheirat versagen; während sie ihn als unentbehrlich, sein Erzeugnis als wichtiges Bedarfs- und Tauschmittel, sein Haus daher als öffentlichen und neutralen Platz anerkennen[6531], begegnen sie zugleich seiner Person mit Scheu und Mißtrauen, wenn nicht mit Abneigung und Haß, da sie ihn einerseits verachten, andererseits fürchten, auf alle Fälle aber gebrauchen[6532]. Nach einer von ~Lenormant~ eifrig verfochtenen Behauptung ~d’Ecksteins~ (1854) wären turanische und finnische Völker, die ihre ursprünglichen Sitze im Gebiete des Altai, des Paropamisos und des Kaukasus hatten, die den Glanz der Metalle verehrten und ihn mit ihren Mythen und Lehren von den „Göttern der Tiefe“ in Zusammenhang brachten, auch die ersten eigentlichen Bergleute, Metallarbeiter und Schmiede gewesen[6533]. Spätere Eroberer rotteten sie aus, oder verdrängten sie in ferne Gegenden, und die Mitglieder der restlichen, weithin zersprengten Stämme oder Familien, die letzten Träger der alten, sorgfältig geheimgehaltenen Künste[6534], galten nun als mächtige und gefährliche Zauberer, zugleich aber als häßliche und mißgestaltete Stammfremde; so wurden sie allmählich zu jenen „Karrikaturen der Stämme, die zuerst Metalle verarbeiteten“, denen man bei allen möglichen Völkern unter den Namen von Gnomen, Zwergen, Kobolden, Pygmäen, Daktylen, Kabiren, Kureten, Telchinen, Korybanten, und unter den Gestalten des ~Ptah~, ~Hephaistos~, ~Vulcan~, ~Mimir~ usf. begegnet[6535]. Läßt sich nun auch diese Hypothese weder in ihrer Gesamtheit, noch allen Einzelheiten nach aufrecht erhalten, so muß man doch zugeben, daß ihr ein gewisser berechtigter Kern innewohnt und daß sie insoferne die Erscheinung, zu deren Deutung sie aufgestellt wurde, in manchen Fällen wirklich zureichend erklären mag, während in anderen zu bedenken bleibt, daß viele Völker Verkrüppelte oder Lahme, die aber sonst genügende Kräfte besitzen, zur Ausübung von Handwerksarbeiten, und so u. a. auch von Schmiedekünsten, anzuhalten pflegen[6536].