Entstehung und Ausbreitung der Alchemie, mit einem Anhange
Part 61
Reich wie an wertvollen einzelnen Tatsachen erweisen sich die ~Geber~schen Schriften auch an wichtigen allgemeinen Betrachtungen; die besondere Originalität, die man für diese in Anspruch zu nehmen pflegt, kommt ihnen jedoch in Wahrheit nicht zu, und dies gilt vor allem, entgegen den Annahmen sämtlicher bisheriger Historiker der Chemie, für die Theorie vom Bestehen der Körper, und insbesondere der Metalle, aus Schwefel und Quecksilber. Dieser Gedanke, der vom +chemischen+ Standpunkte aus ganz unbegreiflich, ja völlig widersinnig erscheint, ist in der Tat nicht +chemischen+ Anschauungen entsprossen, sondern gewissen Grundsätzen spätgriechischer +Philosophen+: er beruht nämlich auf den Lehren, daß alle Körper wechselnde Mischungen sämtlicher vier Elemente enthalten müssen, daß unter diesen einerseits die „aktiven“, d. s. Feuer und Luft, andererseits die „passiven“, d. s. Wasser und Erde, zwei in vielen Hinsichten teils einander entgegengesetzte, teils einander ergänzende Gruppen bilden, und daß als deren geeignetste und geradezu typische Vertreter der brennbare und als Dunst verfliegende (also viel Feuer und Luft enthaltende) Schwefel, sowie das flüssige und metallische (also an Wasser und Erde reiche) Quecksilber anzusehen sind. Bereits in der großen arabischen Enzyklopädie der sog. „~Lauteren Brüder~“ (richtiger: „~Treuen Brüder~“), die im 10. Jahrhundert abgefaßt ist, aber durchweg auf weit ältere Vorlagen zurückgeht, tritt diese Lehre (wie schon weiter oben ausgeführt wurde) im steten Verbande mit anderen rein griechischer Herkunft in völlig bestimmter, rein dogmatischer Gestalt auf und wird ohne jeden Anspruch auf Neuheit als etwas Selbstverständliches und zweifellos Feststehendes vorgetragen. Die späteren Araber haben sie demnach, wie so unzähliges andere, den Schriften älterer Vorfahren entnommen, allenfalls (ihren Gewohnheiten entsprechend) erweitert und verbreitert, und in dieser Gestalt ihren jüngeren Nachfolgern und Nachahmern zugebracht. Wenn also, wieder aus +deren+ Werken schöpfend, z. B. der sog. ~Geber~ sagt, der Schwefel (als dessen bloße Abart ihm auch das Arsen gilt) sei das Prinzip der Verbrennbarkeit und Flüchtigkeit, das Quecksilber bestehe aus Wasser und Erde, beide zusammen ergäben die Metalle, wobei ein höherer Gehalt an Schwefel die minderwertige Beschaffenheit, ein solcher an Quecksilber aber die größere Vollkommenheit bedinge, so daß u. a. Blei auf Zufuhr weiteren Quecksilbers hin in Zinn übergehe, usf.[5226]: so kommen hier nicht, wie ~Kopp~ meinte[5227], „Verwebungen der aristotelischen Lehren von den vier Elementen mit +neuen+ Betrachtungen über Schwefel und Quecksilber in Frage“. Ebenso ist auch ~Berthelot~ im Unrecht[5228], der in der Lehre vom Bestehen der Metalle aus mehr oder weniger großen Mengen Schwefel und Quecksilber von mehr oder minder hoher Reinheit eine „doctrine singulière“ erblickt, hervorgegangen vielleicht durch „modification profonde“ der Ideen des ~Synesios~ und ~Stephanos~ über die Fixierung des Quecksilbers durch den Schwefel (bei der Bildung des Zinnobers); da sich in den Schriften des ~Dschabir~ nichts Zugehöriges findet, soll diese „modification“ erst im 11. Jahrhundert stattgefunden haben, und zwar wohl durch ~Avicenna~, worauf sie dann im 12. Jahrhundert aus den arabischen Originalen des ~Avicenna~ und des ~Pseudo-Aristoteles~ auch in Europa bekannt und dort alsbald allgemein angenommen wurde[5229].
Wie indes schon weiter oben erwähnt, ist ~Avicennas~ „De anima“ benannte „Alchemie“ +selbst+ eine ganz späte pseudepigraphische Schrift, für die man ein arabisches Original weder kennt noch vorauszusetzen hat, deren Verfasser aber vermutlich mit den älteren arabischen Quellen vertraut war und vieles aus ihnen schöpfte[5230]. Beweisen, wie den von ~Berthelot~ versuchten, kann sie daher als zureichende Grundlage nicht dienen.
Das nämliche gilt betreffs der Abhandlung „De perfecto magisterio“ („Vom vollkommenen Elixir“) des ~Pseudo-Aristoteles~ und der mit ihr vielfach genau übereinstimmenden Schrift „Lumen luminum“ („Licht der Lichter“) des ~Alrazi~, richtiger (wie ebenfalls bereits weiter oben dargelegt) ~Pseudo-Razi~. Diese dürfte, da ihrer ~Vincentius Bellovacensis~ noch nicht gedenkt, erst nach 1250 abgefaßt sein[5231] und zeigt streng scholastische Eigenart, mindestens in ihrer ursprünglichen, in den Pariser Manuskripten erhaltenen Fassung, denn eine spätere (u. a. im „Theatrum Chemicum“ von 1616 abgedruckte) enthält zahlreiche Interpolationen aus dem arabischen (?) „Buch des Emanuel“ und „Buch der zwölf Wässer“[5232]; sie definiert die Chemie als eine irdische Astrologie, erörtert daher in eingehender Weise die Beziehungen der Metalle zu Planeten und Geistern, und bespricht die Darstellung von Gold und Silber mit Hilfe des Elixirs, das der „Stein der Philosophen“ und zugleich das „Wasser des ewigen Lebens“ (aqua vitae) ist[5233]. -- Den gleichfalls pseudepigraphischen Charakter der dem ~Vincentius Bellovacensis~ noch unbekannten Abhandlung des ~Pseudo-Razi~ „De salibus et aluminibus“ („Über Salze und Alaune“) erkannten schon 1832 ~Schmieder~[5234] und 1866 ~Steinschneider~[5235], welcher letztere bemerkt, daß der Verfasser sich selbst als in Spanien wohnhaft bezeichnet, von einem Vitriol als „bei uns in Spanien vorkommend“ spricht[5236] und neben ~Geber~ auch ~Gilgil~ zitiert, d. i. ~Ibn Dschuldschul~, der um das Jahr 1000 in Spanien wirkte; ~Kopp~ gibt diese Angaben ausführlich wieder[5237], während ~Berthelot~ auch hier seine Vorgänger vollständig übergeht[5238].
g) Die „Autoritäten“ des 13. Jahrhunderts.
Den im vorstehenden genannten apokryphen und pseudepigraphischen Schriften, sowie ihren gleichartigen Nachahmungen und Erweiterungen, verdanken den Hauptteil ihrer einschlägigen Kenntnisse diejenigen Autoren des 13. und beginnenden 14. Jahrhunderts, aus deren Werken, echten oder +abermals+ untergeschobenen, das ganze weitere Mittelalter und die Neuzeit (bis fast zur Gegenwart) ihre alchemistische Weisheit schöpften, das sind ~Albert der Grosse~, ~Thomas von Aquino~, ~Vincentius Bellovacensis~, ~Roger Bacon~, ~Arnoldus von Villanova~ und ~Raymund Lull~[5239]. Daß schon bei ihnen, geschweige denn bei ihren Nachfolgern, die alten hellenistischen Traditionen der Alchemie sowie die griechischen Eigennamen und Fachausdrücke teils ganz der Vergessenheit anheimfallen, teils nur mehr undeutlich und entstellt unter der immer dichteren Schicht „arabischen“ Firnisses hindurchschimmern, vermag angesichts der geschilderten Art der Überlieferung nicht wunder zu nehmen. Auf die hohe allgemeine Bedeutung dieser Schriftsteller und auf die hervorragende Wichtigkeit ihrer eigentlichen, der Theologie, Philosophie, Medizin usf. zugehörigen Hauptwerke einzugehen, ist an dieser Stelle ganz ausgeschlossen, und es mögen daher einige wenige, nur die Geschichte der Chemie und Alchemie betreffende Andeutungen genügen.
~Albert von Bollstaedt~, geboren 1193 zu Lauingen an der Donau, gestorben 1280 als emeritierter Bischof von Regensburg zu Köln, wegen seiner umfassenden und allseitigen Gelehrsamkeit ~Albertus Magnus~ zubenannt[5240], zählt zu den Häuptern der Scholastik und schreibt, ihren Grundsätzen gemäß, nicht als selbständiger Forscher, sondern als vielbelesener Gelehrter, dessen Richtschnur die von der Kirche anerkannten „Autoritäten“ sind, und der als „zulässig“ nur solche Ergebnisse anstrebt und (anscheinend absichtslos) auch stets erreicht, die zu deren schon im voraus als unfehlbar feststehenden „Meinungen“ stimmen, mögen letztere nun der Wahrheit entsprechen oder nicht.
Was die chemischen Anschauungen des ~Albertus Magnus~ betrifft, so ist die schon im 14. Jahrhundert vielgelesene Schrift „De mirabilibus mundi“ („Von den Wundern der Welt“), die u. a. vom Salpeter (sal petrosum), dem Schwarzpulver und der Herstellung von Feuerwerkskörpern (Raketen, Kanonenschlägen) berichtet, fraglos +unecht+[5241]; +untergeschoben+ sind auch, wie man schon im 17. Jahrhundert einsah, das Buch „Compositum de Compositis“[5242], sowie die „Alchemie“ (Liber de Alchemia)[5243], die sich im Mittelalter gleichfalls großen Ansehens erfreute und nach ~Berthelot~ zu den ganz vereinzelten abendländischen Werken gehört, die noch in spätbyzantinischer Zeit unter dem Namen des Ἀμπέρτος Θεοτονικός (= ~Albertus Teutonikos~, ~Albert des Deutschen~), in das Griechische übersetzt wurden[5244]. Echt sind dagegen die Bücher „De mineralibus“, aus denen (und aus einigen anderen Schriften) schon ~Kopp~ die wichtigsten einschlägigen Stellen ausgezogen und dazu bemerkt hat, daß aus ihnen teils rein aristotelische, teils arabische Lehren und Anschauungen sprechen[5245]: Die Metalle sind, wie alle Substanzen, aus sämtlichen vier Elementen zusammengesetzt, bestehen aber zunächst (der „materia proxima“ nach) aus mehr oder weniger großen Mengen mehr oder minder reinen Schwefels und Quecksilbers, von denen der flüchtige und verbrennliche (daher als „fettig“ bezeichnete) Schwefel vorwiegend Luft und Feuer enthält, das flüssige und metallische Quecksilber aber Wasser und Erde[5246]. Die Verwandlung der Metalle durch Tinkturen und Elixire, wie sie ~Hermes~, ~Pythagoras~, ~Kallisthenes~, ~Platon~ und ~Aristoteles~ lehrten, ist und scheint gemäß deren bisher unwiderlegter Autorität möglich, -- von +eigenen+ Erfahrungen ist nirgends die Rede --, und zwar erfolgt sie entweder auf dem Wege über die „Materia prima“, oder analog der „Säuberung“ kranker Körper durch „Medizinen“, die die Wirksamkeit der Natur unterstützen: indem die „affinitas“ und „cognatio“ (Affinität, Verwandtschaft) das gleiche zum gleichen ziehen, und +ein+ Stoff stets in den nächstverwandten übergeht, entsteht schließlich das Gold, -- nicht anders, wie auf dem besten und geeignetsten Boden aus +jedem+ Getreidesamen Weizen hervorsprießt[5247]. Das weiße und gelbe Metall hingegen, die man aus Kupfer durch Arsen und durch Calamina (Galmei), oder durch die „ex fumo“ (aus Rauch) gewonnene Tuchia (Tutia) gewinnt, indem man sie mit Hilfe eines Flußmittels zusammenschmilzt und legiert (ligatur per oleum vitri supernatans), sind +nicht+ Silber und Gold, obwohl das die Fälscher und Betrüger in Paris und Köln behaupten, sondern eine Art Erz (aes, aurichalcum)[5248].
Salmiak und Salpeter kennt ~Albertus Magnus~ noch nicht[5249], dagegen erwähnt er verschiedene „Stiptica“, d. s. Alaune und Vitriole, z. B. weißen und roten, gelben (alkofol = feingepulvert) und grünen (alkanthus = chalkanthum), „der von einigen auch ‚Vitreolum‘ genannt wird“[5250]; daß, wie man lange Zeit glaubte, diese (vermutlich schon in der klassischen Zeit übliche) Bezeichnung hier zum ersten Male nachweisbar sei, ist irrtümlich, denn sie taucht (wie weiter oben angeführt) schon in den „Compositiones ad tingenda musiva“ auf[5251] und wird auch in den Kommentaren der salernitanischen Autoren als eine schon wohlbekannte gebraucht, z. B. in dem (um 1150 verfaßten) des ~Platearius~ zu dem weltberühmten „Antidotarium“ des ~Nikolaos~[5252].
Mineralische Säuren sind dem ~Albertus Magnus~ ebenfalls noch unbekannt; Essig bildet sich nach ihm, den antiken Traditionen getreu, aus dem Wein, indem dessen heiße und feurige Teilchen verfliegen, während die kalten zurückbleiben, -- wodurch die so äußerst kalte Natur des Essigs ihre vollkommene Aufklärung erfährt[5253]. -- Wird alter starker Wein „nach Art des Rosenwassers sublimiert“, so geht anfangs eine Flüssigkeit über, die „obenauf schwimmt, von ölartiger, fettartiger [d. h. verbrennlicher) Natur und leicht entzündlich ist“, „liquor supernatans, humor oleaginosus, unctuositas inflammabilis“, [d. i. der +Alkohol+][5254]; mit einem besonderen +Namen+ bezeichnet sie ~Albertus Magnus~ noch nicht, auch macht er keine näheren Angaben über die Destillation des Weines, während er an anderen Stellen der „Alutel“ zum „Sublimieren“, des Destillierhelmes (alembicus), sowie des Wasserbades (vas aquae bullientis) wiederholt gedenkt, ferner auch vom Quecksilber berichtet, daß man es in einem (nur unklar beschriebenen) Gefäße mit langem Halse und einer langen Röhre zur Verdichtung der Dämpfe fast ohne Veränderung und Gewichtsabnahme oft „sublimieren“ könne[5255].
Wie die meisten dieser Beispiele zeigen, schöpft ~Albertus Magnus~ mit Vorliebe aus ~Aristoteles~ und ~Pseudo-Avicenna~ und bietet nur wenig Eigenes; den Ausspruch „die Flamme ist nichts als ein entzündeter Rauch“ nannte zwar ~Kopp~ „einen für seine Zeit anerkennenswerten“[5256], doch übersah er hierbei, daß diese Definition schon bei ~Aristoteles~ und bei ~Galenos~ zu finden ist.
So wenig wie ~Albertus Magnus~ ist auch ~Vincentius Bellovacensis~ (~Vincenz von Beauvais~, gest. 1256 oder 1264), der gelehrte Vorleser und Prinzenerzieher am Hofe König ~Ludwigs des Heiligen~, ein selbständiger Forscher; das umfangreiche Wissen, das sein um 1250 vollendetes „Speculum naturale“ (ein Teil seiner großen Enzyklopädie) verrät, gründet sich vielmehr ausschließlich auf vielerlei, meist ohne jede Kritik und ohne weitere Verarbeitung einfach aneinander gereihte Auszüge aus den klassischen Autoren, aus ~Isidorus Hispalensis~ (gest. 636), aus ~Pseudo-Razi~, ~Pseudo-Avicenna~[5257], nach ~Berthelot~[5258] ferner aus ~Averroes~, aus der lateinischen Übersetzung des verlorenen arabischen „Buches der 70“ (dessen Kern das gleichnamige Werk ~Dschabirs~ sein soll)[5259], +nicht+ aber aus ~Dschabir~ selbst (dessen Name jedoch zweimal genannt wird)[5260], und auch +nicht+ aus ~Geber~[5261]. Über die Entstehung der Metalle aus Schwefel und Quecksilber, über die Metallverwandlung durch Tinkturen oder Elixire, sowie über die Erfolge der Projektion spricht er sich genau nach ~Pseudo-Avicenna~ und im nämlichen Sinne wie ~Albertus Magnus~ aus, auch äußert er gleich diesem einige schüchterne Zweifel und bemerkt, daß die Alchemisten nicht selten auf trügerische Weise verfahren[5262]. Was er von den vier Geistern, vom Herauskehren der verborgenen Eigenschaften u. dgl. berichtet, ist gleichfalls dem ~Pseudo-Avicenna~ entlehnt[5263], ebenso der größte Teil dessen, was er über Metalle und Mineralien vorbringt; +keine+ Erwähnung tut er des Alkohols und der mineralischen Säuren, die (wie schon wiederholt angedeutet) erst um und nach 1300, und zuerst im Okzident auftreten[5264].
Betreffs der übrigen weiter oben genannten „Autoritäten“ ist nur weniges hinzuzufügen: ~Thomas von Aquino~ (1225 oder 1227-1274), die Leuchte der Scholastik, dessen Ruhm sehr mit Unrecht den seines Lehrers ~Albertus Magnus~ überstrahlt, zweifelte zwar nicht an der Materia prima, ihren Wandlungen unter dem Einflusse der von Geistern geführten Gestirne, und ihrer Wichtigkeit für die Probleme der Herstellung des Goldes, des Lebenswassers und des Steines der Weisen, sowie für jene der Transmutation und der Alchemie[5265], hat aber fraglos selbst niemals wirklich eine „Alchemie“ verfaßt[5266] und sagt ausdrücklich mit aller Zurückhaltung: „machten die Alchemisten wahres Gold und Silber, der Substanz und nicht bloß dem äußeren Scheine nach, dann freilich wäre es auch nicht unerlaubt, es für wahres natürliches Gold und Silber zu verkaufen“[5267]. Desgleichen sind die dem ~Roger Bacon~ (1214-1292?) zugeeigneten alchemistischen Werke „Breve Breviarium“, „Tractatus trium verborum“, „Speculum Alchemiae“ u. dgl. bloße Pseudepigraphen. Schon ~Kopp~ hob richtig hervor, daß sie keine Spur der strengen Anordnung in logischer und der rühmlichen Bestimmtheit in sachlicher Richtung zeigen, durch die alle echten Werke ~R. Bacons~ in so hohem Maße hervorragen, namentlich auch da, wo er über die wahren Aufgaben der Chemie als Wissenschaft spricht[5268]: an Stelle der in Ansehung seiner Grundsätze zu erwartenden klaren Darlegung von Ergebnissen induktiver Forschungen und planvoller Versuche begegnet man in jenen Schriften vielmehr einem oft fast unverständlichen Durcheinander von aristotelischen Ideen, von wirren Theorien nach ~Hermes~, ~Ostanes~, ~Pseudo-Aristoteles~, ~Pseudo-Avicenna~ und ~Geber~, von mystischen Anpreisungen des „philosophischen Eies“ (als Präparat), des Gold, Gesundheit und Unsterblichkeit verleihenden Elixirs, usf.[5269].
In der 1914 erschienenen Festschrift zu ~R. Bacons~ 700jährigem Geburtstage hebt der Herausgeber, ~Little~, auch nur hervor, daß, gleich allen seinen Zeitgenossen, auch ~Bacon~ (schon unter dem Einflusse der geozentrischen Weltanschauung) an Astrologie geglaubt habe[5270] und ebenso an Alchemie, daß aber seine sog. alchemistischen Werke ein wahres Chaos darstellen, in das zunächst einige Ordnung gebracht werden müsse[5271]. Diese Aufgabe zu lösen ist aber ~Muir~, der ihr eine besondere Abhandlung widmete[5272], nicht gelungen, und als einziges Ergebnis bleibt daher vorerst das rein negative bestehen, daß wohl keine der zahlreichen Schriften, wie sie gedruckt und ungedruckt vorliegen[5273], als von ~Bacon~ selbst verfaßt anzusehen sei. Wo dieser sonst, in seinen echten Werken, auf Alchemie zu sprechen kommt, versteht er unter „Alchemia speculativa“ die Kunst „Metalle zu verwandeln vermöge gewisser Umänderungen der in ihnen enthaltenen Elemente“, und was er hierüber, sowie über die Gold und langes Leben verleihenden Medizinen vorbringt, knüpft größtenteils an die einschlägigen Lehren des ~Pseudo-Aristoteles~ an[5274].
Was endlich die sehr zahlreichen und umfangreichen alchemistischen Abhandlungen des ~Arnaldus~ von ~Villanova~ (1235 oder 1248 bis 1312 oder 1314?) und des ~Raymund Lull~ (1236-1315?) anbelangt, so sind sie, wie schon ~Kopp~ anführte[5275], in bahnbrechender Weise aber erst ~Hauréau~ bewies, sämtlich durch katalanische und provençalische „Schüler“, oder durch Verfasser, die sich als solche ausgaben, untergeschoben, zumeist erst während des 14. Jahrhunderts[5276]; demgemäß zitieren sie, neben ~Albertus Magnus~[5277], sehr oft den ~Geber~[5278], und verraten, bei sonst nicht wesentlich erweitertem empirischem Wissen, eine recht genaue Kenntnis des Alkohols und der mineralischen Säuren[5279]. Im übrigen sprechen sie mit größter Bestimmtheit über die Transmutation, den „Stein der Weisen“, der unendliche Reichtümer, Gesundheit und langes Leben verleiht, und zeigen sich auch sonst gänzlich durchdrungen von den abergläubischen Vorstellungen aller Art, die jenes Zeitalter völlig erfüllten und zu einem der dunkelsten des Mittelalters gestalteten; diese sind jedenfalls zu einem großen Teile aus den „halb philosophischen, halb astrologischen“ Werken geschöpft, die nach ~P. Paris~ seit dem 12. Jahrhundert besonders zahlreich in Spanien verfaßt und von ihren Autoren in rein willkürlicher Weise irgendwelchen gelehrten Arabern, Syrern und Juden, oder beliebigen anderen, genügend berühmten und als „Autoritäten“ angesehenen Männern zugeschrieben wurden[5280].
2. Die Alchemie nach 1300.
Die Ausbreitung der am Schlusse des vorigen Abschnittes erwähnten astrologischen und alchemistischen Gedanken seit 1300 und damit die ferneren Geschicke der Alchemie während des späteren Mittelalters und der Neuzeit in eingehender Weise zu schildern, ist an dieser Stelle nicht beabsichtigt, und zwar aus verschiedenen Gründen.
Zunächst kann von einer Weiterentwicklung, deren Verfolgung chemisches oder wissenschaftliches Interesse böte, nicht mehr die Rede sein, vielmehr ist für diese ganze Periode in noch höherem Maße als für die ihr vorausgehende festzustellen, daß die Autoren so gut wie ausschließlich nur die nämlichen, längst bekannten, der hellenistischen Zeit entstammenden Ideen und Theorien immer wieder aufs neue vorbringen, ausdeuten, umdeuten, erklären und kommentieren; begreiflicherweise wird hierbei das Verständnis allmählich immer unzureichender und die Sachkenntnis immer geringer, dagegen die Verwässerung des Inhaltes immer ausgiebiger und die Dunkelheit des Ausdruckes immer größer. Auf wenigen Gebieten bewähren sich wie auf diesem die ~Goethe~schen Worte vom „Kochen breiter Bettelsuppen“ und vom „getretenen Quark, der breit wird, nicht stark“. Manche Schriften machen sogar, wie schon ~Kopp~ treffend hervorhob, geradezu parodistischen Eindruck und würden dazu auffordern, sie als Träger eines ganz anderen, der scheinbar behandelten Sache völlig fernliegenden Sinnes anzusehen, soferne ein solcher ihnen nur überhaupt irgendwie zu entnehmen wäre.
Sodann erfreuen sich sowohl die Geschichte der eigentlichen Alchemie und ihrer immer bedeutsamer hervortretenden führenden Persönlichkeiten, der Schwärmer und Schwindler, als auch die ihres kulturhistorischen Zusammenhanges mit den verschiedenen Formen des Aberglaubens und Sektenwesens, mit dem Treiben der Rosenkreuzer und Illuminaten usf., für dieses Zeitalter (namentlich für die zweite Hälfte seines Verlaufes) bereits eingehender, nach mancher Richtung sogar erschöpfender Darstellung[5281]. Außer auf die schon oft genannten Hauptschriften ~Chevreuls~[5282], ~Hoefers~ und ~Kopps~, vor allem dessen „Alchemie in älterer und neuerer Zeit“[5283], ist der Belehrung Suchende hauptsächlich auf nachstehende Werke zu verweisen, die teils den Wortlaut der frühmittelalterlichen, echten und gefälschten Quellen wiedergeben, teils die Art und Weise ersehen lassen, in der diese zunächst die Schriftsteller der Folgezeit beeinflußten, und sodann bis in die neuere, ja neueste Zeit hinein nach den mannigfaltigsten Seiten hin weiter fortwirkten:
~Perna~, „Artis, quam Chemiam vocant, antiquissimi auctores“ = „Älteste Autoren der Chemie genannten Kunst“ (Basel 1572).
~Zetzner~, „Theatrum chemicum“ = „Chemischer Schauplatz“ (Straßburg 1613-1622; 2. Aufl. 1659): die umfangreichste Sammlung, 6 enggedruckte Bände, im ganzen etwa 5000 Seiten umfassend.
~Manget~, „Bibliotheca chemica curiosa“ = „Bibliothek chemischer Merkwürdigkeiten“ (Genf 1702).
~Lenglet du Fresnoy~, „Histoire de la philosophie hermétique“ (Paris 1742).
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~Del Rio~, „Disquisitiones magicae“ = „Untersuchungen über Magie“ (Venedig 1599 und 1652).
~Borrichius~, „De ortu et progressu Chemiae“ = „Über Ursprung und Entwicklung der Chemie“ (Kopenhagen 1668); „Hermetis, Aegyptiorum, et Chemicorum sapientia“ = „Weisheit des Hermes, der Ägypter, und der Chemiker“ (ebd. 1674); „Conspectus scriptorum chemicorum illustriorum“ = „Übersicht der Werke berühmter Chemiker“ (ebd. 1696).
~Conring~, „De hermetica medicina“ = „Über die hermetische Medizin“ (Helmstaedt 1648 und 1669).
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~Welling~, „Opus mago-cabbalisticum et theosophicum“ = „Über Magie, Kabbala und Theosophie“ (Frankfurt 1760)[5284].
~Wiegleb~, „Historisch-kritische Untersuchung der Alchemie“ (Weimar 1777): ein kritisches Hauptwerk.
~Schmieder~, „Geschichte der Alchemie“ (Halle 1832).
~Migne~, „Dictionnaire des sciences occultes“ (Paris 1848): Enthält, außer „Alchemie“ (2, 308), noch zahlreiche einschlägige Artikel des gelehrten, aber fanatisch-ultramontanen Verfassers.
~Graesse~, „Bibliotheca magica et pneumatica“ (Leipzig 1843).
~Figuier~, „L’alchimie et les alchimistes“ (Paris 1854).
~Schindler~, „Der Aberglaube des Mittelalters“ (Breslau 1858).
~Meyer~, „Der Aberglaube des Mittelalters“ (Basel 1884), 41.
~Jacob~, „Curiosités des sciences occultes“ (Paris 1885); besonders 1, 3-155.
~Poisson~, „Théories et symboles des Alchimistes“ (Paris 1891).
~Lehmann~, „Aberglaube und Zauberei“ (Stuttgart 1898), 140, 190.
~Steinschneider~, „Der Aberglaube“ (Hamburg 1900).
~Seligmann~, „Der böse Blick“ (Berlin 1910).
~Jennings~, „Die Rosenkreuzer“ (Berlin 1912), 197: sehr reichhaltiges Material, leider in ganz unkritischer und unübersichtlicher Fassung.
~Silberer~, „Probleme der Mystik und ihrer Symbolik“ (Wien und Leipzig 1914): mißt, unter vorwiegender Berücksichtigung der ~Freud~schen „Psychoanalyse“, in absonderlich-einseitiger, jedoch gerade hierdurch auch wieder lehrreicher Weise, erotischen Problemen eine übertriebene Bedeutung bei.
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