Entstehung und Ausbreitung der Alchemie, mit einem Anhange

Part 46

Chapter 463,328 wordsPublic domain

Vor allem hat man sich klar zu machen, daß das „Ei der Philosophen“ [hier = Silber und Gold] durch Eindringen des „Geistes“ in den „Körper“ entsteht; der „Geist“ ist das aus seinem ursprünglich kalten und flüssigen Zustande in den heißen und flüchtigen übergegangene Quecksilber, er ist das „Leben“[3755], das jedoch nicht in alle beliebigen toten Körper eingeht, z. B. nicht in Glas, Eierschalen, Talk, Salz, Markasit, Kohol [Schwefelantimon], Tutia[3756], sondern nur in geeignete, die richtig vorbereitet, gereinigt und angepaßt sind, z. B. in Blei, Kupfer, Eisen und die sonst als zum großen Werke brauchbar bekannten[3757]; schon vorhandenes Gold erleichtert ihm seine umwandelnde Wirkung, daher soll man von vornherein etwas Gold einsäen, das dann neues Gold hervorbringt, gleich dem Vater, der ein Kind zeugt[3758].

Wie unter günstigen Umständen die kleinste Zutat Hefe eine ungeheure Menge Teig in Gärung setzt[3759], so kann bei richtigem Verfahren auch ganz wenig Geist, sofern ihm überhaupt die rechte Kraft innewohnt, sich der größten Masse der Körper bemächtigen, mögen diese auch von den Elementen, die alle vier stets in jeder Substanz vorhanden sein müssen, die verschiedensten Anteile enthalten[3760]. Die Art und Kraft des vorhandenen Geistes, ja auch dieses Vorhandensein selbst, läßt sich allerdings meist nicht durch Nachdenken erschließen, sondern nur durch die Erfahrung feststellen: so z. B. zieht der Magnet das Eisen an, und zwar selbst durch einen Schwefelkuchen hindurch, vermöge eines Geistes, dessen Kraft sich aber zuweilen allmählich ändert, denn in einem Falle wurde z. B. im Laufe einer längeren Aufbewahrungszeit ein Rückgang der anfänglichen Tragfähigkeit um 20% beobachtet[3761]. Ebenso kann nur die Erfahrung lehren, welche Mengen Geist sich dauernd mit den Körpern verbinden, in die sie eindringen und die sie umwandeln; die kleinste Menge Geist enthalten Silber, Gold, Edelsteine und Perlen, die sich deshalb als sehr fest und beständig erweisen; die größte Menge aber Schwefel, Arsen und Quecksilber, die daher flüchtig und veränderlich sind[3762]. In Markasit, gelbem und rotem Arsen u. dgl. zeigen sich die Geister ursprünglich an andere Stoffe gebunden, doch entweichen sie beim Erhitzen und bei sonstigen Anlässen in Gestalt rauchartiger, brennbarer, lebendiger Dämpfe; andere mehr erdige Stoffe, z. B. Kalkstein, verhalten sich nicht so, vermutlich weil es ihnen an Geist fehlt[3763]. Betreff aller dieser Punkte ist aber die Beurteilung oft großen Irrtümern ausgesetzt, die sich ebenso auch auf die Beschaffenheit von Erden und Erzen erstrecken, sowie auf die Natur der in letzteren, und zwar stets in schon völlig fertigem Zustande verborgenen Metalle: das Aussehen der Oberfläche und des Äußeren täuscht eben über das Innere[3764]. Diese Umstände erklären zahlreiche der falschen Anschauungen, die hinsichtlich der Brauchbarkeit der Substanzen zum großen Werke herrschen; zahlreiche andere aber rühren daher, daß man Umschreibungen [= Geheim- oder Deck-Namen] wörtlich nahm: weil z. B. Quecksilber auch „Tier“ heißt, -- denn es hat wie ein Tier eine spezifische Seele[3765] --, oder weil Gold, Silber, Blei, Kupfer, Eisen auch Blut, Harn, Speichel, Galle, Hirn usf. benannt werden, glaubten manche, diese tierischen Stoffe seien wirklich zum großen Werke dienlich. Weil sie aber den Metallen nicht mehr genügend nahestehen, sind sie dies +unmittelbar+ nicht[3766]; +mittelbar+ jedoch können sich alle tierischen und pflanzlichen Stoffe verwendsam erweisen, da eine völlige Analogie des Mikro- und Makro-Kosmos besteht, ja nach ~Platon~ das große Werk sogar als „die dritte Welt“ zu bezeichnen ist, die jene beiden durchgehends verbindet[3767].

Können aber auch die Bestandteile aller drei Reiche zum großen Werke taugen, so vermag doch nur der Weise, der sie, ihre Eigenschaften, sowie deren Beeinflussungen durch die sieben Planeten genau kennt, die Auswahl so zu treffen, daß sich die Qualitäten in richtigem Maße teils ergänzen und steigern, teils aufheben und neutralisieren, und daß durch die Vereinigung das +Elixir+ zustande kommt, das +fertig+ ein ebenso einheitlicher Körper ist wie der gleichfalls aus unzähligen Materialien zusammengesetzte Theriak[3768]. Nicht anders als die dem Kranken eingegebene Medizin durch die mächtige Kraft +ihrer+ Natur jene des Siechen beeinflußt, verändert auch das Elixir die Natur der gemeinen Metalle, denen man es durch Projizieren oder Aufstreuen einverleibt, -- woher es nach einigen eben den Namen „Elixir“ führt[3769] [= aliksir = τὸ ξήριον = das Streupulver]. Weil es selbst entstanden ist durch Vereinigung der vier Elemente, des Körpers und des Geistes, -- daher nie ohne Mitwirkung von Quecksilber[3770] --, des Männlichen und des Weiblichen, also durch Zeugung und Entwicklung, Schwangerschaft und Geburt, macht es in gleicher Weise auch die „Körper“ wieder lebendig; es läßt die Toten auferstehen[3771], es überwindet die grobe Beschaffenheit ihrer Leiber, es assimiliert sie, färbt sie weiß oder rot, je nachdem es selbst weiß oder rot ist, und verwandelt sie in Silber und Gold, die von beständiger Farbe sind und besser und reiner als die natürlichen[3772].

e) „_Buch der Konzentration._“ Dieses Buch[3773], das auf ~Pythagoras~ zurückgehen soll, entwickelt im wesentlichen, auf völlig unklare und wirre Weise, die Theorie der „verborgenen Eigenschaften“[3774]; was z. B. äußerlich Blei ist, das ist innerlich bereits Zinn, Silber oder Gold, und man hat nichts weiter zu tun, als diese „herauszukehren“, indem man, z. B. durch Beifügung entsprechender Mengen der fehlenden Qualitäten, eine Umwandlung bewirkt[3775]. -- Die Angabe, daß man durch Destillation des Kupfervitriols eine sehr saure und scharfe Flüssigkeit erhalte, offenbar unreine Schwefelsäure, ist ein ganz später, mit dem sonstigen Inhalte gar nicht zusammenhängender Zusatz[3776].

f) „_Buch des Quecksilbers._“ Trotz der Ankündigung besonderer Klarheit und Deutlichkeit übertrifft das „Buch des Quecksilbers“[3777] an Unverständlichkeit und mystischer Dunkelheit noch alle früheren. Als Hauptmittel bei der Darstellung des „Steines“ bezeichnet es das Quecksilber, das orientalische oder „Tier“[3778] und das okzidentalische oder „Myrthe“ und „göttliches Wasser“, so geheißen, weil es die Naturen umwandelt und die Toten wiederbelebt[3779]; ist die Bereitung des Steines richtig gelungen, so gerinnt das fertige Elixir wie die zurechtgekochte Öl- und Alkali-Mischung der Seifensieder, und es entsteht eine weiße glänzende Masse, die „Milch der unbefleckten Jungfrau“[3780].

g) „_Buch der Siebzig._“ Unter diesem Titel erwähnt die Liste des „Fihrist“ ein Werk des ~Dschabir~[3781], das bisher im arabischen Original nicht aufgefunden ist, von dem jedoch das Manuskript 7156 der Pariser Nationalbibliothek eine in äußerst barbarischem Latein verfaßte, „Liber de septuaginta“ betitelte Übersetzung zu enthalten scheint (?)[3782]. Diese Übersetzung[3783], -- sie wäre die einzige lateinische eines Werkes des „echten“ ~Dschabir~ --, ist übrigens sehr unvollständig und mangelhaft, trotz großer Weitschweifigkeit unklar und verworren, dabei voll von Lücken und Einschiebseln[3784], darunter sehr späten aus christlicher Quelle, z. B. den die Exkommunikation und das Schlagen des Kreuzes erwähnenden[3785]; sie enthält zahlreiche arabische, zum Teil unerklärte oder unverstandene Benennungen und Decknamen, und beruft sich vorzugsweise auf griechische Autoren, u. a. auf die großen Alchemisten ~Platon~[3786] und ~Aristoteles~[3787].

Alle „Körper“ oder „Metalle“, deren es sieben gibt, nämlich Gold, Silber, Kupfer, Eisen, Zinn, Blei und Glas (vitrum)[3788], -- denn Quecksilber ist ein „Geist“ --, enthalten stets die vier Elemente, davon zwei in offenem und zwei in verborgenem Zustande, welche letzteren es „heraus zu kehren“ gilt[3789]. Dies vollzieht die Natur allmählich und langsam[3790]; rascher, schon binnen 40 Tagen, vollbringen es die „Medizinen“, indem sie die fehlerhaften „Säfte“ austreiben, verbessern, oder durch die geeigneten ergänzen[3791]; noch rascher, bereits innerhalb einer Stunde, wirkt das „Elixir“[3792], von dem 1 Teil 100, ja 1000 Teile der gemeinen Metalle umwandelt, am leichtesten Blei zunächst in Silber und dieses dann in Gold[3793]. Welche Kraft den „rechten Medizinen“ innewohnt, ersieht man aus der Entstehung der herrlich gefärbten Produkte Bleiglätte, Mennige und Bleiweiß aus dem Blei, doch kommt es stets darauf an, das dem Zweck Entsprechendste, also z. B. Auripigment, Al-Markasit, Talk, Alaun, Salmiak, Kalk, Alkali, Aschen, Bauracia [Boraxe, meist = Alkalien], Salze, Myrthenzweige und Galläpfel [also Gerbstoffe] usf., auch an rechter Stelle zu gebrauchen[3794]. Die größten Kräfte besitzen, einzeln oder zusammen angewandt, die „vier Geister“, d. s. Schwefel, Arsen, Quecksilber und Salmiak[3795], vor allem aber das Quecksilber, das eine „radix in omni re“ ist, ein Wurzel- oder Grund-Bestandteil aller Substanzen[3796]; sämtliche Geister sind auch in pflanzlichen und tierischen Stoffen vorhanden[3797] [deren Bezeichnungen aber oft nur als Decknamen aufzufassen sind]. Was den „Stein der Weisen“ betrifft, so gewinnt man ihn aus den nämlichen vier Elementen, die, nur in anderen Mengenverhältnissen, auch alle übrigen Stoffe bilden[3798]; daher kann man sie allen diesen entnehmen, den mineralischen, pflanzlichen, tierischen und menschlichen, doch müssen sie sich im Zustande höchster Reinheit befinden[3799] und dürfen nur „zur günstigen Stunde“ vereinigt werden[3800], und zwar in den richtigen Gewichtsverhältnissen, die das eigentlich wichtige und daher, des Wohles der ganzen Menschheit halber, mit äußerster Strenge zu wahrende Geheimnis darstellen[3801]. Wie die geringen anfänglichen Zusätze von Silber und Gold, so wirkt auch das Elixir wesentlich als Ferment, weshalb einige bei seiner Bereitung auch „Sperma“ benützen[3802] [= Samen; Deckname?].

Aus der Reihe der Chemikalien, deren ~Dschabir~ sich bedient, sind anzuführen: Almizadir [alnûschadîr = sal armoniacum = Salmiak][3803], Duenec [zuģâģ = vitriolum][3804], Baurac [meist Alkali][3805], Seisarat [zarnîch = auripigmentum citrinum, gelbes Schwefelarsen][3806], Tutia femina und „marina“ [= weibliche und männliche Tutia][3807], und Alcofol oder Alchofol [= Spießglanz, Schwefelantimon][3808], aus dem man „plumbum merdaceum ex alcofol“ gewinnt[3809] [d. i. „Abfall-Blei“ = metallisches Antimon].

Von chemischen Verfahren beschreibt ~Dschabir~ flüchtig: die Darstellung und Reinigung verschiedener Metalle[3810]; die Gewinnung pflanzlicher Öle, die als „allgemeines pflanzliches Element“ gelten[3811], und ihre Aufbewahrung in der „olla stagnata“ (in verzinnten Gefäßen)[3812]; die Sublimation des Sublimates aus Quecksilber[3813], sowie die Sublimation und Krystallisation des Salmiaks[3814]; das Reinigen und „Waschen“ mit Sapo (Seife) und Baurac (Alkali)[3815]; die Destillation, „gleichend jener des Rosenöles“, und zuweilen auch „mehrmals wiederholt“[3816]. Viele Reaktionen nimmt man in der Alutel vor[3817], die auch als „Alutel pergamenum“, Alutel aus Pergamon, bezeichnet wird[3818], und zu deren Erhitzung der als Athanor (tannûr) bekannte Ofen dient[3819].

Neben der Kenntnis der „richtigen Verfahren“ ist auch die der richtigen „Sprüche und Formeln“ von großer Wichtigkeit, daher es vom Ausübenden heißt „et recitavit multa ...“[3820], „er sprach (oder murmelte) Vielerlei“.

2. Die „Schriften der Treuen Brüder“.

Zu den für die Geschichte der Chemie wichtigsten Werken, die uns aus früharabischer Zeit erhalten blieben, gehört die große Enzyklopädie, die unter dem Namen „Schriften der lauteren Brüder“, richtiger der „treuen Brüder“ oder „treuen Genossen“ (Ikhwân alsafâ) bekannt ist; ihr Titel entstammt der Vorrede zur „Erzählung der Ringeltaube“ in der Märchensammlung „Kalîlah wa Dimnah“[3821], deren Grundstock etwa im 6. Jahrhundert n. Chr. aus Indien nach Persien und von dort aus zu den Syrern und Arabern gelangte.

Die „treuen Brüder“ (Brüder der Reinheit, der Lauterkeit)[3822] waren Mitglieder eines in Basra (Bassorah) gegen 950 begründeten Geheimbundes, einer gelehrten Zwecken dienenden, aber von politischen Nebenabsichten nicht ganz freien Vereinigung, die für die Versöhnung der Wissenschaften mit dem „wahren“ Glauben kämpfte, sich mit den Forderungen der Orthodoxie vermöge gewagter äußerer und innerer Umdeutungen und Allegorisierungen abzufinden suchte, in ihren eigenen Lehren aber einem weitgehenden Eklektizismus naturphilosophischer und abergläubischer Ideen huldigte[3823]. Unter den „Eingeweihten“ gab es vier Grade, und die Kenntnisse jener der obersten Klasse legte man in einer „Enzyklopädie des gesamten Wissens“ nieder[3824], bestehend in 51 Abhandlungen, die seitens verschiedener „Weiser“ (von denen sich fünf mit Namen angeführt finden) zu gleicher Zeit im einzelnen ausgearbeitet, und sodann zu einem Ganzen zusammengefaßt wurden[3825]. Ihren Inhalt bilden „die Wissenschaften und Erfahrungen, deren Besitz den Menschen über das Tier erhebt“[3826], eingeteilt, geordnet und dargestellt nach ihren Stoffen[3827], jedoch nicht in erschöpfender Art, sondern nur in übersichtlich andeutender, unter mancherlei Hinweisen auf die benützten Quellen[3828]. Diese sind, obwohl die Verfasser vieles ihren nächsten arabischen Vorgängern entlehnten (namentlich dem hochgelehrten ~Alfarabi~[3829], gest. 950; s. unten) und auch der syrischen, hebräischen, persischen, indischen, lateinischen und griechischen Sprache und Schrift mehr oder weniger kundig scheinen (?)[3830], dennoch +so gut wie ausschließlich griechische+, und zwar ganz vorwiegend solche der letzten Periode; die Enzyklopädie ist daher von ganz besonderem Werte für die Kenntnis dieser spätgriechischen Lehren und Vorstellungen, deren manche uns anderweitig gar nicht, oder doch bei weitem nicht in gleicher Vollständigkeit und Klarheit überliefert sind, und aus diesem Grunde erscheint es auch gerechtfertigt, sie schon an dieser Stelle, außerhalb der eigentlichen chronologischen Ordnung, zu besprechen.

Daß die „Treuen Brüder“ unmittelbar aus griechischen Originalen schöpften, ist wenig wahrscheinlich, sie hielten sich vielleicht wohl so gut wie allein an die syrischen Übersetzungen, die die 431 und 489 ausgewiesenen und nach Persien und anderen orientalischen Ländern geflüchteten Nestorianer angefertigt hatten[3831], und die betreff der Medizin ausgesprochen galenischen Charakter trugen[3832], betreff der Philosophie und Naturwissenschaft aber aristotelischen, neupythagoräischen und neuplatonischen[3833]; besondere Berücksichtigung fand hierbei die entsprechend umgebildete Lehre des ~Plotinos~, daß die Welt eine in Stufen (angeblich in neun) erfolgte Emanation ihres Schöpfers (hier des Allah) sei[3834], sowie die des ~Pseudo-Pythagoras~, daß die Natur alles in der Welt Vorhandenen durch jene der Zahlen bedingt sei, vor allem der Zahlen 1 bis 9, über deren maßgebende Bedeutung sich sämtliche Völker der ganzen Welt im klaren befänden[3835].

Ursache der Entstehung, Erhaltung, Einheitlichkeit und Harmonie der Welt ist die +Weltseele+, die selbst eine Einzig-Eine ist, einheitliche geistige Beschaffenheit besitzt, aber zahlreiche Kräfte in sich schließt, vermöge derer sie alles hervorbringt, alles bewirkt und alles mit Eigenschaften erfüllt von den unermeßlichen Sphären an bis zu den kleinsten Einzeldingen herab[3836]. Es geschieht dies durch Emanationen, d. s. Ausstrahlungen und Ergüsse, die der Reihe nach zuerst die Sphären ins Leben treten lassen (von der äußersten bis zur innersten), sodann die Urmaterie, die Qualitäten, die Elemente und zuletzt die Einzeldinge, die am jüngsten Tage alle in umgekehrter Folge wieder vergehen werden[3837]; die äußerste Sphäre und die Urmaterie sind, als der Weltseele zunächst benachbart, ihr auch noch am engsten verwandt, daher gleichfalls von einfacher Natur und nur geistig erfaßbar[3838]. Der äußersten oder Umgebungs-Sphäre reihen sich an: die der Fixsterne, des ~Kronos~, des ~Zeus~, des ~Ares~, der (inmitten der Planeten thronenden) Sonne, der ~Aphrodite~, des ~Hermes~, des Mondes, und schließlich die Feuer nebst Luft, sowie die Wasser nebst Erde umfassende, so daß man also im ganzen ihrer 11 zählt[3839]; die Weltseele versetzt sie in Kreisbewegung und läßt sie hierbei durch die Reibung jene wundersamen Töne hervorbringen, deren Harmonie zuerst ~Pythagoras~ vermöge der Reinheit seiner Seele vernahm, verkündete und mit Hilfe der von ihm erfundenen Lyra auch auf Erden wiederklingen ließ[3840]. Bis zur Sphäre des ~Kronos~ (des äußersten Planeten) empor stieg der Prophet ~Idris~, auch „~Hermes~, der Dreifache in der Weisheit“ genannt, verweilte dort 30 Jahre [die Umlaufszeit des Saturn], nahm Einblick in alle Vorgänge der oberen Welt und kehrte dann zur Erde zurück, um die Völker auf die bis dahin vernachlässigte Sternkunde und die Kenntnis der Himmelserscheinungen hinzuweisen[3841]; denn den Menschen erscheint auch das Wunderbarste nicht merkwürdig, wenn sie es täglich vor Augen sehen[3842].

Die +Urmaterie+ ist, gleich der Weltseele und den von einigen Gelehrten „Atome“ genannten, kleinsten, nicht mehr teilbaren Körperchen[3843], etwas für die Sinne nicht Erfaßbares, Ungeordnetes, Ungeformtes, jedoch alle Formen anzunehmen Fähiges[3844], und zwar ergibt sie durch die „Formung“ zunächst die vier Qualitäten heiß, kalt, trocken und feucht[3845], weiterhin aber aus je zweien von diesen die vier Elemente, von denen Feuer und Luft aktiven Charakter tragen, Wasser und Erde aber passiven[3846].

Der +Qualitäten+ sind vier, wie der Pole, Himmelsgegenden, Jahreszeiten und Winde[3847], der Temperamente und Säfte des Körpers[3848], der Hauptsaiten der Musikinstrumente[3849], sowie der Hauptfarben, die z. B. auch am Regenbogen in der Reihenfolge rot, gelb, blau und grün deutlich hervortreten[3850]. Durch Vereinigung je zweier Qualitäten entstehen die vier +Elemente+ oder +Arkân+[3851], die „Allmütter“ und „Mütter alles Seins“[3852], die sämtlich ineinander übergehen können[3853], und deren „Reinheit“ sich in aufsteigender Linie von der Erde über Wasser und Luft zum Feuer bewegt[3854]. Gänzlich verschieden, und nicht etwa bloß dem Grade nach abweichend, steht ihnen das „fünfte Wesen“, die „fünfte Natur“, gegenüber, d. i. die des Himmels und alles Himmlischen, deren Vollendung und Unveränderlichkeit sich im ewigen und stetigen Kreislaufe der Gestirne offenbart[3855]; dieses fünfte Wesen ist identisch mit dem +Äther+ (athîr), der einem Feuer ohne Licht und Wärme gleicht und sich von der Sphäre des Mondes an bis zur äußersten Grenze des Weltalls ausbreitet[3856]. Als Formen der Elemente erwies ~Euklid~ [!] den Würfel für die Erde, das Ikosaeder für das Wasser, das Oktaeder für die Luft und das Tetraeder für das Feuer, während der fünfte regelmäßige Körper, das Dodekaeder, dem Allhimmel oder Weltganzen zugehört[3857]; wie sich diese fünf körperlichen Gebilde aus den Flächen aufbauen, kann nur ein der Mathematik Kundiger einsehen, denn allein die Mathematik erschließt das Verständnis der Dinge, sowie das der so wichtigen Zahlenkünste, Zahlen- und Zauber-Quadrate usf.[3858].

Was die +einzelnen+ Elemente anbelangt, so soll von der +Erde+ noch weiter unten die Rede sein. Das +Feuer+ ist dem Äther wenn nicht wesensgleich so doch wesensverwandt[3859], und die Bewegung, die den übrigen Elementen nur zeitweise zukommt, gehört bei ihm zu seiner Natur, so daß es unaufhörlich zittert und unaufhaltsam nach oben steigt[3860]; vermöge der ungeheuren Kraft, die ihm innewohnt, ist es „der große Richter über alle Dinge“ und der mächtige Bewirker der wichtigsten menschlichen Arbeiten, z. B. der das Eisen, Kupfer, Messing und Glas, den Kalk und Ton, das Pech usf. betreffenden[3861].

Die +Luft+ fördert als Lebensgeist die Atmung und die Wärme des Herzens[3862]; an manchen Orten, z. B. in Gruben und Bergwerken, wirkt sie verlöschend auf das Feuer und erstickend auf die Menschen, so daß diese dort nur verweilen können, wenn man ihnen durch Rohre und gewisse Vorrichtungen frische und atembare Luft zuführt[3863]. Wie der Glasbläser durch seinen Hauch die Rundungen der Flaschen, und wie der Stein durch seinen Fall die Wellen des Wassers hervorbringt, so entstehen durch Schlagen von Glocken, durch Schellen und Kesselpauken usf. auch in der Luft Bewegungen, die sich fortpflanzen und als Töne verschiedener Art vernommen werden, je nachdem das erklingende Material aus Gold, Silber, Messing, Eisen, Legierungen von Zinn mit Kupfer oder Eisen (nicht aber aus Blei!) bestand[3864]; mit Hilfe der Luft wirken die Töne unmittelbar auf die Seele ein, daher vermochten die griechischen Weisen „mit ihrem Instrumente, dem Organon [der Orgel]“ selbst Feinde in die Flucht zu jagen[3865].

Daß das +Wasser+ in Gestalt von Dünsten emporschwebt und in der von Tropfen wieder herabfällt, lehrt die Beobachtung der Vorgänge in der Natur, in den Badehäusern, sowie bei der Ausübung gewisser Künste[3866]. Die aus dem Erdboden aufsteigenden Dünste erzeugen den Tau[3867], die wasserführenden Wolken der höheren Regionen Regen und Schnee, die die Quellen und Flüsse speisen, wofür das bekannteste Beispiel das Steigen des Nils ist, das infolge der Sommerregen eintritt, die in den äquatorialen Gebieten niedergehen[3868]. Fließt das Wasser zunächst durch die Erde, so nimmt es aus den Schichten auf, was es in ihnen vorfindet, daher sind die zutage tretenden Wässer bald süß, bald aber herb, salzig, oder sauer, je nachdem sie Salze, Vitriole, Alaune, Schwefel, Naphtha, Quecksilber (?) und noch manche andere Stoffe enthalten[3869]; Wässer, die durch derlei Fremdstoffe verunreinigt sind, werden durch sie befähigt, Mineralien und Metalle zu bilden[3870]. Sehr bemerkenswert erscheint es, daß auch das reinste Wasser „die Dinge für das Auge krumm macht“ [d. h. Brechungs-Erscheinungen bewirkt][3871]. -- Was die erwähnten Künste anbelangt, so sind das die jener Sachverständigen, die das Gewerbe der Destillation betreiben und auf den Märkten aus ihrem „Kürbis“ genannten Gefäße die zarte Feuchtigkeit der Rosen und Veilchen, aber auch die scharfe des Essigs, als Dunst aufsteigen und dann als klare Flüssigkeit wieder herabtröpfeln lassen[3872].

Aus den beschriebenen vier Elementen entstehen die Mineralien, Pflanzen, Tiere, Menschen und Engel[3873], und zwar vollziehen sich die Übergänge allmählich und völlig kontinuierlich, indem aus den Mineralien zunächst Pilze u. dgl. hervorgehen, sodann höhere Pflanzen und so nach und nach alles Übrige[3874]; es gibt daher drei Reiche, nämlich die der Mineralien, Pflanzen und Tiere[3875], zu welchen letzteren als „erhabenstes Tier“ auch der Mensch gehört[3876], denn nur insoferne können manche auch von vier Reichen sprechen, als sie den Menschen dem Geiste nach der Klasse der Engel zuzählen[3877]. Im Tierreiche bedingt die richtige Mischung der vier Elemente oder Temperamente das rechte Verhältnis der vier Säfte und durch dieses die Gesundheit, während unrichtige Mischungen oder Umwandlungen, soferne ihnen nicht durch Eingabe entsprechend temperierter Arzneien entgegengewirkt werden kann, zu Krankheit, Auflösung und Tod führen[3878].