Entstehung und Ausbreitung der Alchemie, mit einem Anhange

Part 44

Chapter 442,976 wordsPublic domain

Im synkretistischen Zeitalter erfolgte, wohl zusammen mit der Einführung anderer zugehöriger orientalischer Bräuche und Gewohnheiten, auch die des Zeichens [Symbol] in Ägypten; die Siglen ☉, ☾ und ✴ werden in einigen Papyri oft (wenn auch nicht regelmäßig) angewandt und gehen aus ihnen in die beliebten „carmina figurata“ über, Gedichte, deren untereinander gesetzte Zeilen verschiedener Länge im ganzen eine bestimmte Gestalt nachbilden[3593]; an einer Stelle des „Leidener Papyrus“ ist ebenfalls ☉ = Sonne, meistens aber bedeutet ☉ Himmel oder Weltganzes, während (neben ☽ oder ☾ für Mond)[3594] in der Regel [Symbol] für Sonne auftritt[3595], u. a. auch im „Papyrus ~Mimaut~“ des 3. Jahrhunderts[3596]. Wie für den Mond, so steht ☾ auch für seine Herrin, die ~Isis~, z. B. im „Briefe der ~Isis~ an den ~Horos~“, und in einer Abteilung des „Leidener Papyrus“ heißt „Augenbraue des ☾“ soviel wie „Augenbraue der ~Isis~“, welcher Name eine heilsame Pflanze bezeichnete[3597]. In ganz gleicher Weise gingen offenbar die Zeichen ☉ und ☾ auch auf jene Metalle über, die aus naheliegenden Gründen seit jeher mit Sonne und Mond verglichen und ihnen als ἡλιακή und σηληναία ὕλη (Sonnen- und Mond-Substanz), verdichtete Sonnen- und Mond-Strahlen usf. zugeordnet wurden[3598], auf das Gold und Silber. Ist der „Leidener Papyrus“ wirklich schon im 3. Jahrhundert abgefaßt, so bietet er nach ~Berthelot~[3599] in seinem chemischen Abschnitte (X.) das älteste Beispiel dieser Art, da daselbst in einer die Darstellung von Asem betreffenden Vorschrift die Zeichen [Symbol] und ☾ für Gold und Silber gesetzt sind; es bleibt natürlich dahingestellt, ob sich ihrer schon die älteren Vorlagen dieses Papyrus bedienten, oder ob sie erst der letzte Abschreiber, einer zu seiner Zeit bereits bestehenden Gewohnheit gemäß, gelegentlich einfügte. Zugunsten letzterer Vermutung spricht es u. a., daß das Zeichen [Symbol], entgegen ~Berthelots~ Annahme, kein altes ägyptisches ist, sondern ein neueres persisches, also erst im Verlaufe der synkretistischen Periode nach Ägypten gelangtes[3600].

In einem von ~Parthey~ herausgegebenen Berliner Papyrus, der dem Beginne des 4. Jahrhunderts anzugehören scheint und fast ausschließlich Astrologie, Traumdeuterei und Zauberei behandelt, -- μέγα ἔργον, das große Werk, heißt in ihm nicht das Goldmachen, sondern die Magie --, stehen ebenfalls für Sonne und Mond die Zeichen ☉ und ☾[3601]. Man darf diese jedoch keineswegs, wie das ehemals geschah, ohne weiteres überall, wo man sie vorfindet, in derartigem Sinne auslegen; so z. B. enthalten früher unverstandene Inschriften, abgefaßt in den alten Alphabeten der Inseln Kreta und Thera (im 9. oder 8. Jahrhundert v. Chr.), durchaus nichts Alchemistisches, vielmehr gebrauchen sie ☉ für den Buchstaben w[3602]; in hellenistischer Zeit wiederum wird ☉ oft gleichbedeutend mit Θ oder [Symbol], dem großen griechischen Theta, und ist dann Θεός (Theós, Gottheit) zu lesen[3603], doch schreibt man statt des großen Θ aus Bequemlichkeit auch wieder das kleine θ, und ohne Kenntnis dieser Umstände würde niemand enträtseln können, auf welchem Wege der Buchstabe θ dazu kam, bald Gottheit, bald Kosmos, bald Sonne, bald Gold zu bezeichnen[3604]. Ähnliche Umbildungen erfuhr auch das Zeichen [Symbol], das in den Gestalten [Symbol] [Symbol] und (aus diesen vereinfacht) [Symbol] [Symbol] [Symbol] vorkommt, statt durch ein solches großes Delta, Δ, auch durch ein kleines, δ, wiedergegeben wird und daraufhin dann auch zur Abkürzung verschiedener, zum Teil ganz fernliegender, aber zufällig mit δ beginnender Worte dient[3605].

Was die Zeichen für die übrigen Metalle und die sonstigen chemischen Substanzen anbelangt, so erklärte sie ~Kopp~[3606] für Erzeugnisse einer späten Zeit, vielleicht erst der jener Kompilatoren, die im 8. oder 9. Jahrhundert zu Byzanz die alchemistischen Schriften zu Sammlungen vereinigten, deren uns in Gestalt des „Codex Marcianus“ wenigstens +eine+ zum größten Teile erhalten blieb; ~Letronne~, dessen Ansicht sich auch ~Humboldt~ anschloß[3607], hat ihre Entstehung sogar in das 10. Jahrhundert herabgesetzt und angenommen, erst die damaligen Abschreiber gnostischer und alchemistischer Manuskripte hätten sie den ursprünglichen Texten bei- oder eingefügt. Im Gegensatze hierzu schrieben ihnen aber andere Forscher ein hohes Alter zu und beriefen sich auf ihren Gebrauch bei ~Firmicus~, ~Stephanos~ und im Codex Marcianus. Bei ~Firmicus~ kommen nun zwar [Symbol] und ☾[3608], sowie ☉, ♄, ♀, ☿[3609] vor, und zwar auch in älteren Handschriften, doch rechtfertigen diese, wie schon weiter oben erörtert, weitgehende Bedenken und lassen namentlich keinerlei Schlüsse auf die Gestalt ihrer einstigen Vorlagen zu. Das Nämliche gilt betreff der (nach ~Usener~ zweifelhaften) chemischen Schriften des ~Stephanos~, der dem ~Zeus~ schon das Zinn beiordnet und dem ~Hermes~ das Quecksilber, als dessen Symbol anfänglich ☽ (also ein Gegenstück zum ☾ des Silbers) und erst späterhin ☿ aufzutreten scheint[3610]; zudem weisen die nach ~Usener~ fraglos echten „Astronomica“ des ~Stephanos~ Planetenzeichen, und zwar die allgemein üblichen, erst im Codex von Urbino auf, der dem 15. Jahrhundert entstammt[3611]. Die Listen endlich, die der Marcianus für die Planeten, ihre Metalle und ihre sonstigen Derivate (τὰ ἐξ αὐτῶν) wiedergibt[3612], gehören nach Inhalt und Form ganz verschiedenen Zeitaltern an, vermengen ältere (übrigens nicht einheitliche) Angaben und Zeichen mit zum Teil jüngeren, zum Teil ganz späten Zusätzen, verraten Einflüsse arabischer Herkunft (u. a. medizinische, z. B. durch Nennung des Zuckers, σάκαρ, σάκχαρ), berufen sich auf den berühmten arabischen Astronomen ~Abu Maʿschar~ (gest. 886) usf.[3613], schließen also eine Benützung zu chronologischen Folgerungen gänzlich aus.

Im „Leidener Papyrus“ (X) fehlen Zeichen für andere Metalle als Gold und Silber ebenfalls[3614], vielleicht weil die weitaus älteren Vorlagen, die er zum größten Teile getreulich wiedergibt, auch keine solchen enthielten; die Frage, ob sie nicht dennoch um 300 schon bekannt waren, ist jedoch trotzdem keineswegs von der Hand zu weisen, sobald man sich erinnert, daß die Symbole ursprünglich nicht den Metallen zugehörten, sondern den Planeten und ihren Göttern. Entgegen früheren Ansichten steht es nämlich fest, daß sie für diese in Ägypten schon zum Beginn unserer Zeitrechnung gebräuchlich waren, denn ein gegen 1900 aufgefundener demotischer Papyrus enthält horoskopische Tafeln für die 28 Regierungsjahre des Kaisers ~Augustus~ mit den Zeichen [Symbol] für Kronos, [Symbol] für Zeus, [Symbol] für Ares, [Symbol] für Aphrodite, [Symbol] für Hermes, „die nur demotische Abänderungen der seit viel älterer Zeit benützten zu sein scheinen“[3615]. Vermutlich gingen sie also aus der Astronomie und Astrologie, als diese durch die späteren Hermetiker und Gnostiker, Neu-Pythagoräer und -Platoniker usf. in immer nähere Verbindung mit den übrigen Formen der Magik und Mystik gebracht wurden, in deren Litteratur über, wie sich denn z. B. in der „Pistis Sophia“ (um 250 n. Chr.) für den „großen Vater, unnahbaren Gott, siebenten Schatz (= Schatz des siebenten Himmels), ...“ ebenfalls das Symbol [Symbol] [Symbol] vorfindet, also das des ~Zeus~[3616]. Die schon seit dem 16. Jahrhundert viel erörterte Frage über das Alter derartiger Zeichen, -- die einschlägigen Ansichten des ~Salmasius~ (1619), ~Kircher~ (1653), ~Huët~ (1679), ~Ducange~ (1688), ~Boerhaave~ (1732), ~Goguet~ (1756) und Anderer hat mit gewohnter Gelehrsamkeit und Vollständigkeit schon 1792 ~Beckmann~ zusammengestellt[3617] --, ist daher aller Wahrscheinlichkeit nach dahin zu beantworten, daß solche zu Beginn der Kaiserzeit schon vorhanden waren, von der Alchemie aber spätestens während der Periode ihres großen Aufschwunges im 2. und 3. Jahrhundert aufgenommen wurden.

Was ihre Entstehung anbelangt, so verdient die von ~Salmasius~ (1629) herrührende Anschauung auch heute noch den Vorzug vor allen seither geäußerten. Nach eingehender Prüfung der Handschriften der Pariser und auch anderer Bibliotheken gelangte er nämlich zur Überzeugung, daß der Ursprung der üblichen Formen ♄ (~Kronos~), ♃ (~Zeus~), ♂ (~Ares~), ♀ (~Aphrodite~), ☿ (~Hermes~), -- die nicht wie ☉ und ☾ oder wie Löwe, Widder, Stier des Tierkreises einfache Abbildungen sind --, in bloßen, dem Gebrauche der Zeit durchaus entsprechenden Abkürzungen der Planeten- oder Götter-Namen zu suchen sei, die dann später allerdings, zum Teil nach vorgefaßten Ideen, mehr oder minder willkürlich Abänderungen erlitten[3618]: wie die verschiedenen Codices zeigen, wurde für ~Kronos~ aus Κρ (auch [Symbol], [Symbol], [Symbol]), [Symbol], [Symbol], [Symbol], [Symbol], [Symbol]; für ~Zeus~ aus [Symbol], [Symbol], [Symbol], [Symbol]; für ~Ares~, aus dessen altem Beinamen Θούριος (~Thurios~), [Symbol], [Symbol], [Symbol], [Symbol], [Symbol], [Symbol], [Symbol]; für ~Aphrodite~, aus deren Beinamen Φωσφόρος (~Phosphoros~), [Symbol], [Symbol], [Symbol], [Symbol] oder [Symbol]; für ~Hermes~, aus dessen Beinamen Στίλβων (~Stilbon~), [Symbol] oder [Symbol] ([Symbol] und [Symbol] sind alte Formen für σ oder ϛ), [Symbol], [Symbol], [Symbol], [Symbol]. Wesentlich gestützt, ja geradezu bewiesen wird diese Behauptung des ~Salmasius~ durch eine Bemerkung in den (arabischen) „Schriften der treuen Brüder“[3619], die zwar erst im 10. Jahrhundert abgefaßt sind, jedoch auf weit ältere und den griechischen Originalen sehr nahestehende zurückgehen; es heißt daselbst ausdrücklich, daß man die Planeten u. a. in ähnlicher Weise mit ihren Anfangsbuchstaben bezeichne, wie die 28 sog. Mondstationen (d. s. die täglichen Orte des Mondes im 28tägigen Mondmonate) mit den 28 Buchstaben des (arabischen) Alphabetes[3620]. Auch die Symbole, denen man in den syrischen Manuskripten begegnet, sowohl in den von ~Berthelot~ veröffentlichten I. und II., die nach ihm im 7.-9., nach ~Diels~ schon im 6. Jahrhundert verfaßt sind, als auch in anderen, z. B. in jenen des Buches „Causa causarum“[3621], stammen sichtlich von den obigen griechischen ab, haben aber in der Zeit bis zum 11. Jahrhundert (aus dem die jetzt vorliegenden Niederschriften herrühren) mancherlei erst noch näher zu erforschende Veränderungen erfahren. In I. und II.[3622] sowie in der „Causa causarum“ finden sich folgende vor, deren einige auch ägyptisch-demotische oder syrische Worte andeuten mögen:

+-----------+-----------+-----------+-----------------------+ | Sonne = | Mond = | Kronos = | Zeus = | | Gold | Silber | Blei | Zinn, | | | | | Elektron | ---------+-----------+-----------+-----------+-----------------------+ Syr. | [Symbol] | [Symbol] | [Symbol] | fehlt [Symbol] | Man. I: | | | | [Symbol][3624] | | | | | | Syr. | [Symbol] | [Symbol] | [Symbol] | [Symbol] fehlt | Man. II:| | | | | | | | | | Causa | | | | | causarum:| [Symbol] | [Symbol] | [Symbol] | [Symbol] [Symbol] | | [Symbol] | [Symbol] | [Symbol] | |

+--------------+---------------+---------------------------- | Ares = | Aphrodite = | Hermes = | Eisen | Kupfer | Zinn[3623], | | | Quecksilber ---------+--------------+---------------+---------------------------- Syr. | [Symbol] | [Symbol] | [Symbol] [Symbol] Man. I: | | | | | | Syr. | [Symbol] | [Symbol] | [Symbol][3625] fehlt Man. II:| | | [Symbol] [Symbol] | | | Causa | | | causarum:| [Symbol] | [Symbol] | [Symbol] Quecksilber | [Symbol] | [Symbol] | [Symbol] und Elektron

Auch aus ihnen ist wiederum ersichtlich, daß die Metalle den Planeten nicht von Anfang an sämtlich in unabänderlicher Weise zugeteilt waren, und namentlich, daß ursprünglich dem Zeus das Elektron (Gold-Silber-Legierung) angehörte und dem Hermes das Zinn, während später Zeus das Zinn erhielt, Hermes aber das Quecksilber. Als Zeit, um welche dieser Wechsel stattfand, -- auf die besondere Wichtigkeit ihrer Ermittlung wies bereits ~Hoffmann~ hin[3626] --, ist wohl nicht erst etwa das 6. Jahrhundert anzusehen[3627], sondern schon das 4., während dessen allem Anscheine nach die Destillation des Quecksilbers entdeckt wurde, auf die hin man diesen bis dahin der kalten und trägen Hýle zugeordneten Stoff, als einen der Verwandlung in heißes, Spannung besitzendes Pneuma fähigen, nunmehr dem Kreise des Pneumas einreihte und als flüchtigen und alles durchdringenden „Geist“ mit dem Träger des Pneumas, dem ~Hermes~ oder ~Merkur~, identifizierte[3628]. Demgemäß wird im syrischen Manuskript I. das Quecksilber schon mit dem der Astronomie entlehnten Ausdrucke ἀναβιβάζων (das Aufsteigende) bezeichnet[3629]. Die in diesen syrischen Handschriften wiedergegebenen Zeichen, die nicht vollständig und zuweilen auch undeutlich sind[3630], stimmen im ganzen, wenn auch nicht in allen Einzelnheiten, mit jenen überein, die der (etwa im 10. Jahrhundert niedergeschriebene) Codex Marcianus seinen älteren Quellen entlehnte[3631], was gleichfalls für ihren griechischen Ursprung spricht; die „üblichen“ Symbole, d. h. diese nämlichen, benützte auch gegen Ende des 9. Jahrhunderts der (in seinen eigenen Werken meist gänzlich unzuverlässige) arabisch schreibende Syrer ~Ibn Wahschijah~[3632].

Zeichen und Abkürzungen ähnlicher Art waren mindestens seit dem 2. Jahrhunderte auch in anderen Wissenschaften gebräuchlich, so z. B. setzten die Astrologen [Symbol] oder [Symbol] für κέντρον (Zentrum), [Symbol] für χρόνος (Chronos, Zeit), [Symbol] für ὡρόσκοπος (Horoskop), [Symbol] für Διάμετρος (Diameter), [Symbol] und [Symbol] für ἀνα- und κατα-βιβάζων (aufsteigend und niedersinkend), [Symbol] für σφαῖρα (Sphäre) usf.[3633]. Die Ärzte bedienten sich der Bilder [Symbol], [Symbol] und ähnlicher und deuteten durch ein ihren Rezepten vorgesetztes [Symbol] an „mit Hilfe des ~Zeus~“, woraus in römischer Zeit „J. J.“ (Juvante Jove, mit Hilfe ~Jupiters~) entstand und in christlicher „J. J.“ (Juvante Jesu) oder „J. D.“ (Juvante Deo)[3634]. Bei den Mathematikern findet sich u. a.[3635]: ½ = ἥμισυ = [Symbol], [Symbol], [Symbol], [Symbol], [Symbol][3636]; ⅓ = τρίτον = [Symbol] und [Symbol]; ¼ = τέταρτον = Δ; μοῖραι (Teile, u. a. Einheiten der Kreisperipherie) = Ṁ, woraus wohl das Zeichen ° für Kreisgrad entstand; οὐδεμία μοῖρα, οὐδέν (kein Teil, nichts) = 0[3637]; auch einige bei ~Diophantes~ (4. Jahrhundert?) gebrauchte Zeichen (z. B. für die Subtraktion) gehören vermutlich hierher[3638]. Die Metrologen endlich, sowie die ihnen folgenden Ärzte, schrieben z. B. Lítra = λίτρα = λν, [Symbol], [Symbol], ⭡, ⇂; Unze = οὐγκία = [Symbol]; Xéstes = ξέστης = [Symbol], [Symbol]; Oxýbaphos = ὀξύβαφος = [Symbol], [Symbol]; u. dgl. mehr[3639]. Ohne die zuweilen nur auf Zufällen beruhende Kenntnis der Übergangsglieder würde man die Herkunft solcher Abkürzungen oft ebensowenig erraten können, wie etwa die unseres Zeichens % für Prozente, wüßte man nicht, daß es aus dem italienischen „per cento“, abgekürzt [Symbol], hervorgegangen sei[3640].

Über Alter, Entstehung und Deutung der zahlreichen Symbole für allerlei Abkömmlinge der Metalle (τὰ ἐξ αὐτῶν) und sonstige chemische Verbindungen, die sich in einzelnen, anscheinend jüngeren Listen des Marcianus und den syrischen Manuskripten vorfinden[3641], ist bisher nichts Näheres bekannt. Manche von ihnen sind bloße Abbildungen, z. B. die sternförmige Figur ✴ für krystallisierte Alaune oder Vitriole, die u. a. auch schon in den Schriften der ~Kleopatra~ sowie im „Papyrus ~Kenyon~“ (3. Jahrhundert) vorkommt, andere mögen auf Abkürzung griechischer, syrischer oder ägyptischer Worte zurückgehen, noch andere irgendwelche besondere, vorerst in der Regel nicht zu enträtselnde Beziehungen wiedergeben. Die scheinbar sehr auffällige Tatsache z. B., daß der Schwefel mit dem Zeichen des Bleies, also des ~Kronos~, geschrieben wurde, dürfte zweifellos aus der leichten Schmelzbarkeit dieser Stoffe zu erklären sein, auf die hin sie beide dem ~Kronos~, als „Herrn alles Flüssigen“, zugeordnet wurden; daß man den Schwefel-Verbindungen des Arsens und Antimons das Symbol des Schwefels erteilte, ist aber sichtlich nicht, wie ~Berthelot~ annahm[3642], auf die Erkenntnis ihrer Sulfid-Natur und die Berücksichtigung dieser Erkenntnis zurückzuführen, sondern einfach auf die Beobachtung, daß sie sich in zahlreichen Fällen, z. B. beim Erhitzen und Verbrennen für sich oder mit anderen Stoffen, ganz ähnlich wie Schwefel +verhalten+, also Schwefel, oder wenigstens Arten des Schwefels, auch +sind+.

Vierter Abschnitt.

Die Alchemie im Orient.

1. Erste arabische Übersetzungen und Schriften.

Einleitung.

Fast unmittelbar nach dem Tode ~Muhammeds~ (570-632) begannen die Araber ihre Siegeszüge, nahmen auf die gewaltige Schlacht bei Kadesia hin, in der 636 das persische Reich zusammenbrach, alsbald dessen fruchtbarste Gegenden (Mesopotamien, Chuzistan) in Besitz, erstürmten Damaskus und Jerusalem und eroberten bereits 640 die oströmische Provinz Syrien; sie begegneten in diesen Ländern einer so hochentwickelten, von ihrer eigenen so verschiedenen und sie in jeder Hinsicht so himmelweit überragenden Kultur, daß die Art, in der sie diese vom ersten Augenblicke an richtig zu würdigen verstanden und sofort zu ihrem eigenen Besten nutzbar zu machen begannen, den denkwürdigsten und erstaunlichsten Tatsachen der Weltgeschichte zugezählt werden darf.

In Mesopotamien, namentlich aber in Syrien, hatte die griechische Litteratur schon frühzeitig festen Boden gefaßt, und griechische Werke philosophischen und medizinischen Inhaltes wurden vielleicht bereits seit dem 4. Jahrhundert, in weiterem Umfange aber seit den Austreibungen der Nestorianer aus dem byzantinischen Reiche (431 und 489), unmittelbar in das Syrische übersetzt. Ganz besonders tat sich hierbei der Mönch ~Sergius~ von ~Resain~ oder Rîschʿaïnâ hervor (gest. 536), der in Alexandria studiert haben soll und zahlreiche theologische, philosophische, medizinische, physikalische und mystische Schriften ins Syrische übertrug[3643]; die Behauptung, er habe auch astrologische und alchemistische Abhandlungen übersetzt, ist unerwiesen und gründet sich wohl nur auf das Vorhandensein von mancherlei Pseudepigraphen, die sein berühmter Name noch in späterer Zeit zu decken hatte, -- denn eine lebhafte Übersetzungs-Tätigkeit ins Syrische hielt bis in das 8., ja bis in das 10. Jahrhundert hinein an und wurde erst von da ab durch die aus dem Griechischen und Syrischen in das Arabische abgelöst[3644].

Daß es hingegen mindestens schon seit dem 5. oder 6. Jahrhundert von +anderen+ Autoren angefertigte syrische Übertragungen astrologischer, hermetischer und alchemistischer Bücher gegeben habe, ist durchaus wahrscheinlich, und schon weiter oben wurde auf diesen Punkt verschiedentlich hingewiesen. Durch syrische Vermittlung erhielten daher wohl auch die Araber die erste Kunde von einer Litteratur, die ihnen bis dahin in jeder Hinsicht völlig fremd gewesen war, -- entgegen einer weitverbreiteten Annahme auch in astrologischer; hatten doch, wie ~Albiruni~ (um 1000) erzählt[3645], die Araber daheim vom Himmel und den Himmels-Erscheinungen nicht mehr Kenntnisse als die Bauern allerorten, d. h. sie beobachteten Aufgänge, Stellungen, Aussehen, Lichtfarben usf. der Gestirne[3646], und verehrten zwar, wie alle Westsemiten, Mond und Sterne[3647], schrieben jedoch den Planeten keinerlei besondere oder bestimmende Wirkungen zu.

Eine eigene, d. h. +selbständige+ arabische Litteratur hermetischen und alchemistischen Inhaltes scheint, soweit die noch sehr dürftigen Kenntnisse in dieser Beziehung ein Urteil gestatten, als Fortsetzung der hellenistischen und syrischen zuerst in harranischen (ssabischen) Kreisen entstanden zu sein[3648], und zwar erst zur Zeit der Herrschaft der Abbassiden. Dagegen besaß man schon um das Ende der Omajjaden-Dynastie (661-750) arabische +Übersetzungen+ astronomischer und astrologischer Werke, u. a. der dem ~Hermes~ und ~Zoroaster~ zugeschriebenen aus dem Syrischen, sowie der des „babylonischen“ ~Tinkalos~ (d. i. des griechischen ~Teukros~) aus dem Mittelpersischen (Pehlewi)[3649]; Übertragungen alchemistischer Schriften aus dem Griechischen tauchen sogar, soferne man den vorliegenden Berichten Glauben schenken darf, bereits etwa 50 Jahre nach der Inbesitznahme Alexandrias (641) auf.

Es ist bekannt, daß die Araber, wie zahlreiche ihrer anderen anfänglichen Eroberungen, so auch die Ägyptens (von 641 an) auf das Schonendste vollzogen, unter derart weitgehender Berücksichtigung der bestehenden Verhältnisse, -- immer abgesehen von der politischen Obmacht --, daß die große Masse einer seit jeher gänzlich passiven und das Aussaugungs-System +jeder+ Regierung widerstandslos hinnehmenden Einwohnerschaft kaum zum Bewußtsein gekommen sein mag, abermals den Herrn gewechselt zu haben. Daher fiel es den Arabern leicht, alsbald nähere Beziehungen mit den Einheimischen anzuknüpfen, vor allem auch mit den hellenistisch gebildeten Elementen der städtischen Bevölkerung, und da sie, wie bereits erwähnt, ebenso fähig waren, die Vorteile überlegener Kultur zu erkennen, wie bestrebt und begabt, sie sich zu eigen zu machen, bahnten sich schon nach kurzem die Anfänge jener Übermittler-Rolle an, die ihnen so ungeheure Wichtigkeit für die ganze geistige Entwicklung Europas verleihen sollte.

Begreiflicherweise und auch der nationalen Veranlagung gemäß erstreckten sich die erwähnten Aneignungen zunächst auf das praktisch Wichtige und Wertvolle, also auf alles Das, was mit Kriegstüchtigkeit und Gesundheitspflege, mit Ertragsfähigkeit und Bereicherung des Landes, mit Handel und Verkehr, oder mit Produktion und Technik zusammenhing. Nicht vom +wissenschaftlichen+ Standpunkte aus, der ihnen noch gänzlich ferne lag, sondern der (wenn auch nur vermeintlichen) +praktischen+ Bedeutung wegen wurden daher die Araber schon sehr frühzeitig auch auf das Treiben der Gold- und Silber-Macher aufmerksam, und daß dies geschehen konnte und geschah, beweist zugleich, daß alchemistische Bestrebungen bis in das 7. Jahrhundert hinein lebendig geblieben waren und sich auch damals noch, besonders wohl in Alexandria, fortdauernder und eifriger Pflege seitens gewisser Kreise erfreuten; daß die Araber griechische Kunstworte und Termini nur von griechisch sprechenden Lehrmeistern und Laboranten übernommen haben können, ist eine naheliegende und u. a. schon von ~Schmieder~ mit Klarheit ausgesprochene Schlußfolgerung[3650].