Entstehung und Ausbreitung der Alchemie, mit einem Anhange

Part 36

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In Wirklichkeit verrät aber, von ~Homer~ ganz zu geschweigen, kein klassischer Schriftsteller griechischer oder lateinischer Zunge die geringste Kenntnis der Alchemie, und alle Behauptungen dieser Art, alte wie neue, beruhen ausschließlich auf vorgefaßten Meinungen, irrtümlichen Deutungen oder willkürlichen Unterschiebungen, und dies gilt insbesondere auch, unbeschadet aller entgegengesetzten Versicherungen, betreff des ~Platon~, ~Aristoteles~ und ~Theophrastos~[3086]. Wenn z. B. ~Platon~ im Dialoge „Euthydemos“ sagt: „Und wüßten wir selbst alle Felsen in Gold zu verwandeln, so hätte dies doch keinen Wert“, so wird kein Einsichtiger diese Worte in alchemistischem Sinne auslegen wollen[3087], und wenn er, und ihm nachsprechend mancher Spätere, der γῆ παρθενική, γῆ παρθενία, παρθένος γῆ Erwähnung tut, so versteht er hierunter nicht die sog. „Jungfernerde“ der Alchemisten, sondern einfach noch unberührte, jungfräuliche Erde[3088], die z. B. ~Plinius~ mit einem Fachausdrucke als „unverritztes Gestein“ bezeichnet[3089], ~Firmicus~ aber als die „terra virginis“, die Gott zur Schöpfung ~Adams~ benützt haben soll[3090]. Aus den Werken des ~Aristoteles~, soweit sie echt sind, lassen sich selbst Andeutungen derartig verschwommener Art nicht zutage fördern. Was endlich ~Theophrastos~ betrifft, so entwickelt er in den Bruchstücken des Buches „Über die Steine“[3091] die zu seiner Zeit herrschende Lehre, die Metalle bestünden (wie ihre Schmelzbarkeit beweise) im wesentlichen aus Wasser, die Erden und Gesteine aber aus einer reinen und einheitlichen Materie (ὕλη, Hýle), und beschreibt als ein sehr bemerkenswertes Gestein u. a. den Zinnober, der κιννάβαρι (Kinnábari) oder auch ἄνθραξ (Anthrax) heißt: die „natürliche“ Art findet sich in Spanien und in Kolchis, wo die Einwohner sie von unzugänglichen Felsklüften (κρημνῶν]) mit Pfeilen herabschießen müssen[3092]; die „künstliche“ erhält, wer mit den vielerlei nötigen Handgriffen genügend Bescheid weiß, durch Schlämmen eines gewissen Sandes (ἄμμος), der an Farbe und Glanz dem κόκκος (Kókkos, Kermes, Scharlach) gleicht, weshalb ihn auch ~Kallias~, ein Athener des 5. Jahrhunderts, anfangs für goldhaltig hielt und Gold aus ihm ausschmelzen wollte[3093]. Wie man sieht, kommt auch hier kein alchemistisches Verfahren in Frage, sondern nichts weiter, als einer jener so naheliegenden Versuche, die, unzählige Male unter den verschiedensten Verhältnissen fruchtlos angestellt, Veranlassung zur Entstehung des Sprichwortes gaben: „Es ist nicht alles Gold, was glänzt.“

Nicht anders verhält es sich mit dem vielberufenen „Experiment des Kaisers ~Caligula~“ (37-41 n. Chr.): wie ~Plinius~ berichtet[3094], befahl dieser geldgierige Herrscher, eine große Menge der sehr kostbaren Malerfarbe „Auripigment“ auszuschmelzen (excoquere), wobei er zwar Gold von ganz vortrefflicher Beschaffenheit darstellte (fecit), aber, „obwohl vierzehn Pfunde zur Umsetzung kamen (permutarentur)“, in so geringer Menge, daß der Schaden äußerst empfindlich war. Von einem „ersten Versuche der Transmutation“, von dem ~Berthelot~ spricht[3095], kann also gar nicht die Rede sein; offenbar waren es die goldige Farbe und der goldähnliche Glanz des gelben Schwefelarsens, die die Hoffnung (spes), daß es auch wirklich Gold enthalte, beim Kaiser oder seinen Ratgebern erregt hatte, und bei letzteren mag ihr die Erfahrung zur Stütze gereicht haben, daß das Mineral tatsächlich zuweilen schwach goldhaltig befunden wird[3096]. ~Caligula~ dachte indessen das Gold einfach ausschmelzen (wörtlich: auskochen) zu lassen, und den Worten „fecit“ und „permutarentur“ darf nicht willkürlich der Sinn unterlegt werden, er hätte es aus dem Auripigment „machen“, oder dieses in Gold „transmutieren“ wollen[3097]. Könnte an dieser Auffassung noch ein Zweifel bestehen, so würde er durch die Überlegung beseitigt, daß das umfangreiche, von magischen, astrologischen u. dgl. Anspielungen wimmelnde Werk des ~Plinius~ auch an keiner anderen Stelle irgendwie der Alchemie Erwähnung tut, und daß das Nämliche von der weltberühmten und meist aus den nämlichen Quellen schöpfenden, ebenfalls gegen 75 n. Chr. vollendeten „Arzneikunde“ seines Zeitgenossen ~Dioskurides~ gilt; wenn dieser erwähnt[3098], daß man das Quecksilber „ἐν μετάλλοις“ finde, so heißt dies nicht, wie einige Forscher, u. a. anfangs auch ~Berthelot~[3099], annahmen, „in den Metallen“, sondern „in den Bergwerken“, und jede alchemistische Bedeutung ist hierbei ausgeschlossen[3100].

Noch unter der Regierung des ~Augustus~ scheint ~Manilius~ seine schon wiederholt erwähnten „Astronomica“ gedichtet zu haben, in deren 4. Buche der Vers 248 heißt: „materiamque manu certa duplicaris et arte“, worin ältere Philologen, z. B. ~Scaliger~, eine alchemistische Andeutung erblicken und deshalb den Hexameter für untergeschoben erklären wollten, während er nach ~Berthelot~ zwar alchemistische Kenntnis bezeugt, trotzdem aber als echt angesehen werden muß[3101]. An der Echtheit zweifeln auch neuere Herausgeber nicht[3102], das „duplicare“ ist aber, wie schon ~Kopp~ hervorhob[3103] und ~Riess~ bestätigt[3104], nicht als ein Fachausdruck der Alchemie (etwa = Diplosis, Verdoppelung) aufzufassen, sondern als einer der Goldschmiedekunst (= biegen, falten, treiben), so daß man nicht zu übersetzen hat „mit sicherer Hand wirst du die Materie vermöge der Kunst verdoppeln“, sondern mit „sicherer Hand wirst du das Material kunstgemäß treiben“. Dies bestätigt auch der ganze Zusammenhang der Stelle, denn sie besagt, daß das Sternbild des Steinbockes (capricornus) Feuer-Arbeiter aller Art hervorbringe und ihnen die Gabe der Metallbehandlung verleihe, z. B. den Goldschmieden, Goldschlägern, Gold-, Silber-, Erz- und Eisen-Schmelzern[3105], ganz so, wie auch das Sternbild des Wassermannes (aquarius) Goldschmiede, Gold- und Silber-Gräber, Gold- und Silber-Händler und dergleichen Leute entstehen lasse[3106].

In der zwischen 100 und 150 n. Chr. zu Alexandria verfaßten Astrologie, dem „Tetrabiblos“ des ~Ptolemaios~, werden zwar gewisse Sternbilder mit Bergwerken, Häuserbauten und Handelsgeschäften in Verbindung gebracht, ferner auch die Planeten Venus und Mars mit Färbern, Kräuter- und Salben-Verkäufern, Pharmazeuten, Ärzten, Gold-, Silber-, Zinn- und Blei-Gießern oder -Bearbeitern, aber alchemistische Hinweise fehlen gänzlich. Manche Forscher haben dies in Anbetracht der Zeit- und Orts-Verhältnisse auffällig gefunden, doch kann man im Ziehen von Schlüssen „ex silentio“ (aus dem Stillschweigen) niemals vorsichtig genug sein, um so mehr als die Lebensumstände des ~Ptolemaios~ so gut wie völlig unbekannt sind, und es durchaus fraglich bleibt, ob der gelehrte Astronom überhaupt jemals Anlaß hatte und nahm, sich um das mehr oder weniger verborgene Treiben gewisser dunkler Ehrenmänner und ihres abergläubischen Anhanges des Näheren zu bekümmern. Nicht zu vergessen ist auch, daß der eigentliche Aufschwung der in örtlichen Verbänden heimischen Alchemie, und damit ihr Bekanntwerden in weiteren Kreisen innig mit dem Aufkommen theoretischer Begründungen der in den Tempelwerkstätten üblichen Arbeitsweisen zusammenhängt, daß aber die maßgebenden Einflüsse der spätgriechischen Philosophie, der Hermetik und Gnostik, des orientalischen Zauberwesens usf. erst um die Mitte des 2. Jahrhunderts ihrem Höhepunkte zuzustreben begannen; es ist daher begreiflich, daß der Gegenstand damals zumeist noch ganz außerhalb des Gesichtskreises sowohl der Autoren, als auch des Leserkreises lag, für den sie schrieben, und deshalb nicht nur bei den Sammlern von Anekdoten und Wundergeschichten wie ~Aulus Gellius~ (113-165), ~Aelian~ (um 200) und Anderen unerwähnt bleibt, sondern z. B. auch bei ~Artemidoros~ (135-200?), dem Verfasser des großen „Traumbuches“, -- die im übrigen sämtlich magischer, planetarischer und anderer abergläubischer Einflüsse an zahllosen Stellen Erwähnung tun. Dieser im wesentlichen örtliche Charakter der Alchemie macht auch die Tatsache erklärlich, -- die ihm ihrerseits wieder zur Bestätigung gereicht --, daß die vom Kaiser ~Justinian~ veranlaßten sehr umfangreichen Sammlungen römischer Gesetze und Verordnungen kein Wort über Alchemie enthalten, obwohl Anlässe, ihrer zu gedenken, nicht fehlen würden; in dieser Hinsicht sei nur an das Cornelische Gesetz über Münzfälschung (Lex Cornelia de falsis) erinnert, das schon im Jahre 81 v. Chr. verbietet, gemeine Metalle zu „färben“ (tingere), durch Legierungen solcher Metalle edle vorzutäuschen (fingere), und unedle unter Anwendung gewisser Zusätze zu gießen (flare), kurz, durch Färbungen und Mischungen den Anschein des Silbers oder Goldes hervorzubringen[3107].

Die Autoren des 3. und des beginnenden 4. Jahrhunderts, -- immer von den eigentlichen Fachschriftstellern abgesehen --, schweigen ebenfalls noch über Alchemie, und dies gilt namentlich auch von ~Firmicus Maternus~, dem man bis vor kurzem sogar die erste Nennung ihres Namens zuschrieb (s. unten). Weder sein großes astrologisches Werk „Mathesis“ (von 336 oder 337), noch die kleinere Schrift über die „Irrlehre der heidnischen Religionen“ (von 342 oder 346)[3108] bieten irgend Hierhergehöriges, und der Ausdruck „duplicatio“, dessen sich die „Mathesis“ bedient, bedeutet auch in ihr keineswegs „Diplosis“, sondern, wie ein Blick in den Text zeigt, eine einfache „Verdoppelung“, und zwar eine solche von Zahlen und Tagen[3109]. Ganz unzutreffend ist auch die Behauptung, ~Firmicus~ habe bei der Erörterung der babylonischen und „ägyptischen“ Lehren über die Bedeutung von Stellungen, Bahnen, Nachbarschaften und Konjunkturen der Planeten, -- dem Vorbilde des mittelalterlichen Nativitäts-Stellens[3110] --, deren alchemistische Beziehungen und Einflüsse genau geschildert. Nach seiner ausführlichen und sehr merkwürdigen Darstellung der „Lehren der Alten“ verhalten sich die Planeten vielmehr (je nach den äußeren Umständen) wie folgt: ~Jupiter~ bringt u. a. Gold- und Silber-Schmiede sowie Goldsticker hervor[3111]; ~Mars~ Rothaarige, Leute die mit Feuer und Eisen zu tun haben[3112], Leute die Wunden durch Feuer und Eisen erteilen und empfangen[3113] und die sich mit Farbstoffen, Edelsteinen und Perlen befassen[3114]; ~Venus~ Goldschmiede, Vergolder, Silber- und Gold-Arbeiter[3115], Färber, Erfinder von Farbstoffen und Wohlgerüchen[3116]; ~Merkur~ Verschacherer von Edelsteinen, Perlen und Aromen, Färber, Entdecker von Erzlagern[3117], Goldschmiede, Goldgräber und Meister gewisser verborgener Künste (= Meister der Künste, verborgene Schätze aufzufinden)[3118]; ~Saturn~, der ernste und tiefsinnige Alte, der sein Domizil im männlichen Wassermann oder weiblichen Steinbock hat[3119], Geizige, Gold- und Silber-Hütende, Erbschaften Empfangende[3120], Kenner geheimer und verbotener Künste (d. h. des Aufsuchens in der Erde und namentlich in den Gräbern versteckter Kostbarkeiten)[3121], Magier, Philosophen, Astrologen, Wahrsager usf., sowie in derlei Künsten bewanderte Priester[3122]; der ~Mond~ Erzschmelzer, Färber[3123], Fälscher insbesondere Münzfälscher[3124], Probierer und Färber von Edelsteinen, „die diesen mit allerlei Farbstoffen andere Färbungen erteilen (adpingunt; wörtlich: anmalen)“[3125], endlich Kenner jener Künste (artes), die Farbstoffe, Arome, Edelsteine und Perlen betreffen[3126]. Nirgends ist also die Rede vom künstlichen „Machen“ des Silbers und Goldes, vom Zusammenhange zwischen Planeten und Metallen usf., vielmehr nur vom Nachahmen und Fälschen der Edelmetalle und sonstigen Kostbarkeiten, sowie von den Schlichen und Betrügereien der Künstler, Vermittler und Händler; offenbar ist ~Firmicus~, der von Beruf Rechtsgelehrter und nur ein Liebhaber der Astrologie gewesen sein soll, in den von ihm benützten Vorlagen der „Alten“ keinen anderen Angaben begegnet.

Erst von der zweiten Hälfte des vierten Jahrhunderts an finden sich Zeugnisse, die für das Bekanntsein mit der Metall-Verwandlung sprechen; die Schriften des Rhetors ~Euphrades~ (um 360) gehören zwar, entgegen ~Schmieders~ sehr bestimmter Versicherung[3127], +nicht+ zu diesen[3128], hingegen bestreitet sein Zeitgenosse ~Themistios~ die Möglichkeit solcher Vorgänge[3129], während der hl. ~Ephraim~, der berühmte syrische Bibel-Kommentator des 4. Jahrhunderts, in einer Hymne sagt, „daß die Schätze der Menschheit in gleicher Weise durch Tugendhafte wie durch Goldmacher vermehrt werden“[3130]. Gegen 500 ist endlich der in Syrien und Palästina tätige christliche Rhetor und Philosoph ~Aineias~ von ~Gaza~ anzuführen, der sich eifrig bemühte, die Lehren des Christentums, der älteren griechischen Philosophie und des Neuplatonismus miteinander zu verschmelzen[3131]; in seinem Dialoge „Theophrastos“, der die Wiederbelebung der Toten und die Unsterblichkeit der Seele behandelt, setzt er die Auferstehung der Abgeschiedenen mit verklärtem Leibe in Parallele mit der Veredlung gemeiner Metalle zu Gold und betrachtet es als bekannt, daß man kraft eines besonderen Wissens Erz in Gold verwandeln könne, und daß die mit der „Kunst der Metalle“ Vertrauten aus Silber oder Zinn „unter Vernichten der Form und Färben“ vortreffliches Gold zu machen verstehen, ähnlich wie man aus Sand und Natron das ganz andersartige Glas darzustellen vermöge[3132].

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Bei keinem der im vorstehenden erwähnten Schriftsteller findet sich eine besondere +Bezeichnung+ für die „Kunst der Metalle“; zwar haben bis vor kurzem sämtliche Geschichtsschreiber der Chemie angenommen, daß der +Name+ dieser Wissenschaft zuerst, jedoch schon als ein bekannter und daher keiner Erklärung mehr bedürftiger, bei ~Firmicus~ vorkomme, in dessen „Mathesis“[3133] es heiße: „Ist das Haus (in dem der Mond steht) das des ~Merkur~, so verleiht er (der Mond) Astronomie, ist es das der ~Venus~, Gesang und Fröhlichkeit, ist es das des ~Mars~, Gebrauch der Waffen und Werkzeuge, ist es das des ~Jupiter~, Priesterweisheit und Rechtskunde, ist es das des ~Saturn~, die Wissenschaft der Alchemie (scientiam alchimiae)“, -- die letzten Herausgeber dieses Autors, ~Kroll~, ~Skutsch~ und ~Ziegler~ erbrachten jedoch den Nachweis, daß hier eine Fälschung vorliege[3134], auf die übrigens, soweit die Vatikanischen Handschriften in Frage kommen, schon 1665 der gelehrte, in Rom tätige Polyhistor ~Athanasius Kircher~ hinwies[3135]. Der Schuldtragende ist der Magister der freien Künste ~Joh. Angelus~, der in seinem 1488 zu Augsburg erschienenen „Opus Astrolabii“ zuerst einige Bücher der „Mathesis“ abdruckte, bei dieser Gelegenheit eine größere Lücke im 3. Buche, die sämtliche Handschriften mit Ausnahme einer einzigen aufweisen, völlig willkürlich ausfüllte, und hierbei auch die (jedenfalls von guter Sachkenntnis zeugende) Stelle über die seitens der Planeten verliehenen Begabungen einfügte. Jene +einzige+ Handschrift, die sie +ebenfalls+ bietet, und zwar mit dem Wortlaute „scientiam alkamie“ (= alkamiae), ist die der Staatsbibliothek zu Neapel (um 1500), die neben zahlreichen anderen Einschiebungen auch die dem „Opus Astrolabii“ entnommene aufweist; wegen ihrer Schönheit und anscheinenden Vollständigkeit hielt man sie auch für besonders zuverlässig, daher legten sie sowohl der gewissenhafte (unbekannte) Herausgeber der venetianischen „Editio princeps“ von 1497, als auch der ganz unzuverlässige Veranstalter der Aldinischen Ausgabe (Venedig 1499) ihren Drucken zugrunde, und so ging die Fälschung für Jahrhunderte in die Litteratur über. Daß die genannten Erstdrucke nicht „scientiam chemiae“ oder „chimiae“ haben, sondern „alchimiae“, letzteres Wort also in der bei einem Schriftsteller des 4. Jahrhunderts undenkbaren, mittelalterlichen, mit dem arabischen Artikel al vereinigten Form bieten, fiel allerdings schon ~Kirchers~ Zeitgenossen, dem berühmten und vielseitigen niederländischen Gelehrten ~Voss~ (~Vossius~) auf, und er bemerkte daher in seinem „Etymologicon linguae latinae“[3136]: „alchimiae druckt auch ~Aldus~, aber die Handschriften haben chimiae“, -- ohne jedoch genauer anzugeben, +welche+ Handschriften diese Lesart zeigen sollen. -- Die angebliche Wissenschaft Alchimia oder Alkimia des ~Firmicus~ unternahmen einige ältere Philologen auch mit den Eigennamen ~Alkimos~ oder ~Alchimos~ in Verbindung zu bringen, um ihr einen Erfinder unter deren im Altertum zahlreichen Trägern zu suchen, deren bekanntester wohl der homerische ~Alkimos~ ist, der zusammen mit ~Automedon~ die Rosse des ~Achilleus~ anschirrt[3137]; durch Aufdeckung der Fälschung werden natürlich auch diese gelehrten Vermutungen hinfällig!

Gleich verschiedenen früheren Forschern ist auch ~Riess~ geneigt[3138], als ältestes Zeugnis für das Vorkommen des Wortes „Chemie“ jenes in einem Berichte über die Niederwerfung des alexandrinischen Aufstandes durch Kaiser ~Diokletian~ im Jahre 296 anzuerkennen. Der byzantinische Lexikograph ~Suidas~ erzählt hierüber in seinem Sammelwerke: „Chemie (χημεία, Chemeía) ist die κατασκευή (Kataskeué, Verfertigung, Darstellung) des Silbers und Goldes. ~Diokletian~ ließ diese Bücher aufsuchen und verbrennen; weil sich die Ägypter empört hatten, verfuhr er gegen sie hart und grausam; so ließ er auch die von ihren Vorfahren (τοῖς παλαιοῖς; wörtlich: den Alten) über die Chemie (περὶ τῆς χημείας) des Goldes und Silbers verfaßten Bücher aufsuchen und verbrennen, damit die Ägypter aus dieser Kunst (έκ τῆς τέχνης) keine Reichtümer mehr schöpfen und sich nicht mehr auf diese hin gegen die Römer empören könnten[3139].“

Bereits ~Gibbon~, der 1776 sein großes Werk „Decline and Fall of the Roman Empire“ vollendete, hob hervor[3140], und neuere Historiker, bis zu gewissem Grade auch ~Kopp~[3141], stimmen ihm hierin zu, daß ~Suidas~ erst im 10. Jahrhundert schrieb und eine Bestätigung durch Quellen aus diokletianischer Zeit fehlt, sowie daß die Begründung der vom Kaiser befohlenen Maßregel wenig glaubhaft erscheine, weshalb wohl die ganze Erzählung in das Reich der Fabel zu verweisen sei. ~Wiegleb~[3142], ~Schmieder~[3143] und auch wieder ~Berthelot~[3144] nehmen an, es habe sich um Bücher metallurgischen Inhalts, etwa über die ägyptischen Geheimverfahren zur Gewinnung und Aufbereitung des Goldes und Silbers gehandelt (welches letztere aber in Ägypten niemals bergmännisch gewonnen wurde!), und ~Kopp~ hält es ebenfalls nicht für ausgeschlossen, daß κατασκευή als bergmännischer oder metallurgischer Ausdruck anzusehen sei[3145], -- soferne man der so späten Darstellung des ~Suidas~ überhaupt Vertrauen schenken wolle. In dieser Hinsicht ist jedoch zu bemerken, -- und ~Kopp~ erörtert dies ausführlich[3146] --, daß auch ~Johannes~ von ~Antiochia~, um 700, in seiner „Chronik“, die zum Teil auf jener des ~Panodoros~ (um 400) fußen soll und von der uns ~Constantin Porphyrogennetes~ (10. Jahrhundert) einen Auszug erhalten hat, der Verbrennung der ägyptischen Bücher περὶ χημείας ἀργύρου καὶ χρυσοῦ (über die Chemie des Silbers und Goldes) Erwähnung tut; dieser Autor verwirft ferner die Deutung des goldenen Vließes auf ein Fell, in dessen Zotten die Kolcher nach ~Strabon~ das feine Flußgold auffingen, hält es vielmehr (wie nachher auch ~Suidas~ und Andere) für eine Tierhaut, ein Pergament, mit der Anweisung „Gold zu machen mittels der Chemie“ (διὰ χημείας), für ein verderbliches, mit Fluch behaftetes Geschenk des ~Hermes~, gleich dem goldenen Lamme des ~Atreus~ und ~Thyestes~ und dem goldenen Halsbande der ~Hermione~[3147]. Endlich gedenken des diokletianischen Befehles aber auch die Akten des hl. ~Prokop~, die zwar in der heute vorliegenden Gestalt dem 10. Jahrhundert entstammen, aller Wahrscheinlichkeit nach aber bereits gegen 400 abgefaßt sind[3148]. Mangeln also auch ganz bestimmte Beweise, so sprechen doch äußere Gründe nicht +gegen+ die geschichtliche Wahrheit des Ereignisses, innere aber entschieden +für+ sie. Daß dabei an Bücher über geheime bergmännische oder metallurgische Verfahren zu denken sei, ist allerdings nicht anzunehmen, denn über solche durfte überhaupt nicht geschrieben werden, und es fehlt jeder Anhalt dafür, daß gegen dieses Verbot jemals gesündigt worden sei und daß es Schriften solchen Inhaltes überhaupt gegeben habe. Dagegen bestand um 300 tatsächlich bereits eine von den „Alten“ überkommene, ausgedehnte alchemistische Litteratur, -- verfaßte doch um diese Zeit ~Zosimos~ sein umfangreiches Werk, wie er ausdrücklich angibt, unter Benützung aller seiner zahlreichen Vorgänger --, und daß deren Gegenstand, also eben die „Chemie“, damals noch keinen Namen gehabt hätte, ist nicht nur an sich äußerst unwahrscheinlich, sondern wird dadurch widerlegt, daß die obengenannten Autoren und auch ~Zosimos~ selbst (dieser allerdings an einer bestrittenen Stelle, s. weiter unten) χημεία als bereits wohlbekannten Fachausdruck gebrauchen. Gerade die Schriften des ~Zosimos~ bestätigen indessen, falls dies überhaupt noch eines Beweises bedürfte, in welchem innigen Zusammenhange die Chemie mit Mystik und Aberglauben, Magie und Astrologie stand[3149], und schon ~Kopp~[3150] sowie ~Burckhardt~[3151] vermuteten daher, daß ~Diokletian~, der grausame Verfolger und Ausrotter aller ketzerischen Irrlehren, der z. B. in der ganzen Provinz Afrika die Verbreiter des Manichäismus aufgreifen und samt ihren Schriften verbrennen ließ[3152], auch die +chemischen+ Bücher den magischen und abergläubischen zugezählt und sie daraufhin gleichfalls der Vernichtung preisgegeben habe.