Entstehung und Ausbreitung der Alchemie, mit einem Anhange
Part 24
Hinsichtlich des +Mondes+, des „Stieres unter den Sternen“, ist zu bemerken, daß sein Gott „~Thot~, der Ibis“ war, vielleicht so benannt, weil die Sichel des Halbmondes einige Ähnlichkeit mit dem krummen Schnabel dieses Vogels zeigt[2006]; bereits weiter oben wurde erwähnt, daß der Mondgott auch als Urheber von Zeitmessung, Maß und Ordnung, als Erfinder von Sprache, Schrift, Zeichen- und Mal-Kunst, als Schöpfer aller Wissenschaft und Kultur, aber auch als Arzt galt, dessen Speichel die Wunden der Götter heilt[2007].
Die fünf +Planeten+ waren schon im alten Reiche wohlbekannt, und Erwähnungen des Saturn als „Stieres des Himmels“ und des Morgen- und Abend-Sternes (die man für verschieden hielt) sind nicht selten; im neuen Reiche wird um 1400 Jupiter „König ~Osiris~“ benannt, Saturn „~Horus~ der Stier“, Venus „Schiff des ~Phoenix-Osiris~“, Merkur „Stern des ~Seth~“ und Mars „der leuchtende ~Horus~“, während seine Bezeichnung als „der rote ~Horus~“ erst sehr viel später aufzutreten scheint; in Verbindung mit Sonne und Mond finden sich dabei die Wandelsterne niemals gebracht[2008]. An irgendwelcher genauerer Kenntnis ihrer Bewegungen mangelt es vollständig, ja eine solche wird nicht einmal (wie so manche andere) seitens der Spätzeit als „uralte Überlieferung“ in Anspruch genommen[2009], und da man überdies die Planeten nicht als himmlische Körper, sondern als „Lampen“ anzusehen pflegte[2010], blieben Astronomie, Astrologie und Sterndienst dem alten Ägypten fremd[2011]. Entgegen früheren Annahmen besteht auch kein Zusammenhang zwischen Planeten-Verehrung und Zauberei, der schon zur Zeit der Thiniten-Dynastie, also im 4. Jahrtausend, eine wichtige Rolle zukam, besonders was das Wissen um die Verkörperung der Götter (vor allem in den heiligen Tieren) und um ihre „wahren Namen“ betrifft[2012]. Astrologische Anspielungen fehlen ferner vollständig in den Erzählungen über die „Zauberbücher“: diese umfangreichen Werke gelten zum Teil schon dem alten Reiche als in grauer Urzeit von den Göttern, u. a. von ~Thot~, verfaßt und selbst niedergeschrieben, später durch Weise und Gelehrte weiter überliefert, schließlich von den Priestern in Gräbern, Grabgefäßen oder Mumien aufgefunden und in den Bibliotheken der Könige oder der Tempel niedergelegt; sie füllen in diesen die „Bücherkisten der Weisheit“, und man eignet sich die Kraft ihrer Zauberformeln an, indem man solche auf ein Stück Papyrus schreibt, das man, mit Bier befeuchtet oder ausgezogen, hinunterschluckt[2013].
Verhältnismäßig spät und nur gelegentlich tritt im neuen Reiche, also nach 1600, die +Siebenzahl+ auf, z. B. in Gestalt von 7 Fäden, Ringen oder Knoten bei Zaubereien und medizinischen Beschwörungen[2014], niemals aber im Zusammenhang mit den 7 Planeten. Auch im ganzen folgenden Jahrtausende würde man vergeblich nach Spuren der Astrologie suchen, und es scheint, daß diese Kunst, wenngleich sie in Ägypten nach der Zeit der persischen Eroberung (525) schon einigen Boden zu fassen begann, doch zur eigentlichen Entwicklung erst seit Beginn der ptolemäischen Herrschaft (332) gelangte, als ein Mischprodukt orientalischen und griechischen Geistes[2015]. +Zunächst+ handelte es sich allerdings nur um bloße Übertragung neubabylonischer (chaldäischer) Gedanken, die unter persischer, zum Teil wohl auch jüdischer Vermittlung als „persische“ Eingang fanden, angeblich herrührend (später auch „übersetzt“) aus uralten persischen Schriften des ~Zoroaster~, ~Ostanes~, ~Hystaspes~ usf.[2016]; genügende Beweise ihres wirklichen Ursprunges liefern indessen schon die Auffassung der Planetengötter als „böser Geister“[2017], sowie die Verbindung der Planeten mit Engeln und Dämonen, deren die meisten sogar mehrere haben, der „oberste und mächtigste“ Saturn aber nur je einen, ~Ktetoel~ und ~Beelzebub~[2018]. +Späterhin+ wurde die Astrologie aber auch in recht selbständiger Weise weiterentwickelt und erfuhr eine vielfach eigenartige Lokalisierung[2019], auch unter Heranziehung sowohl griechischer wie einheimischer Vorstellungen, z. B. der „Dekane“ genannten Götter der zehntägigen ägyptischen Woche[2020].
Vom ältesten astrologischen Gesamtwerke der ptolemäischen Zeit, dem spätere Überlieferung den Titel „Hermetische Untersuchungen“ beilegten, wissen wir bisher nur, daß es gegen 200 v. Chr. verfaßt wurde und seither als „astrologische Bibel“ die gemeinsame, unerschöpflich fließende Quelle immer erneuter, fast zahlloser Kommentare, Auszüge und Darstellungen bildete[2021]. Unter diesen ist das weitaus wichtigste und einflußreichste das als Ganzes gleichfalls verlorene, in einzelnen Teilen jedoch u. a. bei ~Vettius Valens~ (im 2. Jahrhundert n. Chr.) erhaltene Buch der ἀστρολογούμενα (Astrologúmena)[2022] aus der Zeit gegen 150 v. Chr.[2023], aufgefunden „in den Archiven der alten Priester“ und auf Mitteilungen der Götter ~Thot~ und ~Imhotep~ (~Imuthes~) hin verfaßt vom Oberpriester ~Petosiris~, „dem weisen Alten“, und vom „göttlichen Pharao ~Nechepso~“, den man später auch zum „Könige von Assyrien“, ja zum „Kaiser von Ägypten“ vorrücken ließ[2024]; beide Persönlichkeiten hat man um so mehr für rein sagenhafte anzusehen, als ägyptische Priester, die astrologische Werke verfaßt haben, bisher überhaupt nicht nachgewiesen werden konnten[2025]. Die „Astrologúmena“ machen indessen nicht nur eingehende Angaben über rein Astrologisches, namentlich über die Einflüsse der Planeten auf alle Einzelheiten der Lebensumstände, Berufe und Schicksale, sondern beschäftigen sich auch ausführlich mit astrologischer Medizin, sog. Iatromathematik[2026]: so fest glaubte man z. B. an ein Band der Sympathie, das die kranken Körperteile, die erforderlichen Heilmittel und die Gestirne vereinige[2027], daß noch der große ~Galenos~ (gegen 200 n. Chr.) nachdrücklich versichert, „~Nechepsos~ Jaspis“ bewähre sich auch +ohne+ die vorgeschriebene Eingravierung von Sternen oder Zauberzeichen[2028]!
Unter den verschiedenen astrologischen Theorien stellen die einen mehr die 7 Planeten, die anderen die 12 Zeichen des Tierkreises, noch andere alle beide in den Vordergrund und verbinden sie auch mit den vergöttlichten Elementen als leitende und geleitete στοιχεῖα (Stoicheía), z. B. indem sie die „Leiter“ den Planeten solche Bewegungen erteilen lassen, daß aus diesen die erforderlichen Einwirkungen auf die Elemente entspringen[2029]. Die 12 Zeichen als „Herrscher der Schicksale“ anzusehen, lag angeblich den ägyptischen Priestern näher, die 7 Planeten als solche anzuerkennen aber den „persischen“ Magiern, deren einzelne schon im 2. Jahrhundert v. Chr. in Ägypten ansässig gewesen sein sollen[2030], während sie als Mitglieder eigentlicher Priesterschaften dort erst sehr viel später auftreten[2031]; hierüber Genaueres anzugeben ist indessen um so schwieriger, als die einschlägigen Nachweise spärlich sind, und z. B. das ältestbekannte Ostrakon (Tonscherbe), das die 5 Planeten und 12 Tierkreisbilder in ägyptischer Sprache aufzählt, erst dem Beginn unserer Zeitrechnung entstammt[2032]. Unzutreffend ist auf alle Fälle die Annahme, schon zur Zeit der persischen Eroberung im 6. Jahrhundert hätten die Magier den Ägyptern Kunde von der wahren Anordnung der Planeten (Saturn, Jupiter, Mars, Sonne, Venus, Merkur, Mond) zugebracht, denn von ihr wußten sie damals selbst noch nichts, in Ägypten aber kennen zuerst ~Petosiris-Nechepso~ dieses sichtlich noch sehr neue System; hauptsächlich weil ihm der Vorzug innewohnte, daß es der Sonne als „König“ ihren Platz gerade in der Mitte der Planetenreihe einräumte, fand es den allgemeinen Beifall der Astrologen und wurde alsbald von ihnen als herrschendes angenommen[2033].
Auf ~Petosiris-Nechepso~ ist allem Anscheine nach auch die Einführung der durchlaufenden siebentägigen +Planeten-Woche+ zurückzuführen, deren große Künstlichkeit vermuten läßt, daß ein Einzelner sie ausklügelte[2034]. Die ägyptischen astrologischen Kalender aus der Zeit um 200 v. Chr. verraten noch keine Spur von ihr, und schon die Tatsache, daß sie die Kenntnis der +richtigen, griechischer+ Forschung zu verdankenden Reihe der Planeten voraussetzt, weist auf ihren wahren Herkunftsort hin[2035] und erledigt die Vermutung über ihre Erfindung durch Babylonier oder Juden, denen allerdings, ebenso wie den Griechen, bloße siebentägige Fristen (wie bereits weiter oben erwähnt) seit altersher bekannt und geläufig waren[2036]. Daß die Planetenwoche, wie u. a. ~Ideler~ schon 1831 bestimmt aussprach[2037], in Ägypten aufkam und sich von dort aus, besonders im Laufe des 1. vorchristlichen Jahrhunderts, weiter verbreitete, -- gegen Anfang unserer Zeitrechnung auch nach dem Westen --, unterliegt keinem Zweifel[2038]; nach ~Philo~ von Alexandria (etwa 30 vor bis 30 nach Chr.) steht sie bereits allerorten in Gebrauch[2039], nach ~Cassius Dio~ (150-235) wurde sie aus Ägypten her erst in der neueren Zeit bekannt, ist aber schon allgemein angenommen[2040], und tatsächlich bezeugen dies Gemälde und Inschriften zu Pompeji, sowie Anspielungen bei ~Tibull~, ~Horaz~, ~Petronius~, ~Plutarch~ (48-125), ~Philostrat~ und vielen Späteren[2041]. Ursprünglich begann die Woche mit dem Tage des „höchststehenden“ Planeten ~Saturn~, und erst im Laufe des 2. Jahrhunderts führte die steigende Bedeutung der orientalischen Sonnen-Verehrung und namentlich die Begünstigung des ~Mithras~-Kultes durch die römischen Kaiser zur Vorherrschaft der Sonne und des Sonntags, die aber endgültige Anerkennung erst im 4. Jahrhundert fand, und zwar bei den Christen nicht ohne andauernde, aber vergebliche Bekämpfung seitens der Kirche[2042]. Auf die Herabsetzung des Saturntages[2043] zum letzten Wochentage verweist eine (verloren gegangene) Schrift des ~Plutarch~: „Warum die nach den Planeten benannten Tage in der umgekehrten Reihenfolge gezählt werden“[2044]; begünstigt wurde die Verbreitung einer mit dem „dies Saturni“ schließenden Woche durch ihre Übereinstimmung mit den bei den Juden üblichen siebentägigen Fristen[2045], deren Ursprung aus Babylon übrigens durchaus fraglich ist[2046]. Die Feier des Sabbats am Tage des ~Saturn~ (~Kronos~) und der Wortwitz Κρόνος (Krónos) -- ὄνος (Onos = Esel)[2047] scheint in Alexandria und später auch in Rom zur Behauptung Anlaß gegeben zu haben, die Juden verehrten als Gott einen Eselskopf, -- auf welchen Aberglauben u. a. wieder die sog. „Spottkruzifixe“ der römischen Katakomben zurückgehen[2048].
3. Einflüsse seitens des älteren Griechenlands.
Entgegen früheren Annahmen, die bei einzelnen Gelehrten allerdings noch bis in die neuere Zeit hinein in Geltung blieben, darf man es als zweifellos festgestellt erachten, daß zwar der Volksglauben der Griechen, ebenso wie der so vieler anderer Völker, die Sterne seit jeher als etwas Göttliches verehrte[2049], daß aber das griechische Altertum „von einem förmlichen Gestirndienste völlig entfernt war“[2050].
Soweit eine Übersicht möglich ist, zeigen sich Kenntnisse eines solchen erst im Verlaufe jener Zeit, während der auch andere orientalische Einflüsse, zunächst bei den jonischen Griechen Kleinasiens, in deutlicher Weise hervortreten[2051], -- worüber der Historiker ~Dikaiarchos~ (um 310 v. Chr.) auffällig richtige Vorstellungen verrät[2052]. Schon seit dem 8. Jahrhundert, ganz allgemein aber seit dem 7., gelangen die Vorbilder orientalischer Kunst zu hoher Bedeutung, z. B. im Typus jener korinthischen Vasen, deren Gemälde teppichartige Vorlagen, sowie Greifen, stilisierte Löwen oder Panther u. dgl. wiedergeben[2053]; im 7. Jahrhundert wird das babylonische Gewichtssystem übernommen[2054], etwa seit dem 6. auch Sonnenuhr und Gnomon, die ~Herodot~ (485-425) als babylonisch bezeugt[2055], sowie der zwölfstündige Tag und die Himmelskugel mit den Abbildungen der Sterne[2056], während den Tierkreis und die eigentliche babylonische Astronomie erst ~Oenopides~ von ~Chios~ gegen 400 näher bekannt gemacht haben soll[2057]. Die ersten dunklen Nachrichten über Sternkunde und Sterndeutung, Mantik und Leberschau u. dgl. scheinen (wie bereits weiter oben erwähnt) die Lehren der orphischen Mystiker des 6. Jahrhunderts, aber auch die der ersten griechischen Philosophen nicht unerheblich beeinflußt zu haben[2058], so daß sich „orientalische Ideen“, wie schon ~Chwolsohn~ richtig erkannte, bei ~Pherekydes~, bei den Mitgliedern der jonischen und pythagoräischen Schule, bei ~Platon~ und noch bei manchen der übrigen Weltweisen unverkennbar geltend machen[2059]. Zum Teil werden sie indessen sowohl bei ~Pherekydes~ als auch bei ~Anaximander~ (611-545), ~Empedokles~ (490-430) und den Anderen weitgehend umgedeutet und abgeändert[2060], zum Teil erfahren sie auch, als mit dem gesunden griechischen Geiste gar zu unvereinbar, zunächst völlige Ablehnung, namentlich soweit jene entschieden abergläubischen Vorstellungen, der Einfluß der Planeten auf die Schicksale, die astralen Vorzeichen u. dgl. mehr, in Betracht kommen[2061], betreff derer sich Anspielungen erst bei ~Euripides~ und einige nähere Angaben bei ~Theophrastos~ (372-287) finden[2062].
Erklärt sich das frühe Auftreten kosmologischer Spekulationen im Gesichtskreise der jonischen Philosophen durch Berührung mit dem Orient[2063], so dürfte das Nämliche betreff der Kenntnisse über die Planeten der Fall sein[2064], die aber lange Zeit hindurch höchst dürftige und nur ganz allgemeine bleiben[2065]; noch ~Anaximander~ setzt die Sonne zu oberst an den Himmel und läßt dann den Mond, hierauf die Fixsterne und zuletzt die Planeten folgen[2066]. ~Leukippos~ (um 500) sowie ~Demokritos~ (460-360?) kennen weder die Zahl der Planeten, noch unterscheiden sie bestimmt zwischen ihnen und den Fixsternen[2067], auch hebt ~Demokritos~ Sonne, Mond und Venus gemeinsam aus der Zahl der übrigen Gestirne heraus, -- hierin vermutlich einer babylonischen Quelle folgend --, und nicht viel besser steht es um das Wissen der übrigen Vorsokratiker[2068]. Bei den Pythagoräern und ~Philolaos~ (um 400) entstammen viele Kenntnisse und Ideen gleichfalls dem Orient, u. a. auch die Benennung von Winkeln, geometrischen Gestalten und Zahlen nach Göttern, z. B. die des Zwölfecks und der Zwölfzahl nach ~Zeus~, dessen Gestirn (der Jupiter) eine Umlaufszeit von 12 Jahren besitzt[2069]. Die Reihenfolge der Planeten ist bei ~Philolaos~, von dem sie dann auch ~Platon~ übernimmt, die un+richtige+ „Mond, Sonne, Venus, Merkur, Mars, Jupiter, Saturn“[2070], die also nicht erst von ~Herakleides~ (gest. 330) herrühren kann[2071], jedoch allerdings griechischen Ursprunges zu sein scheint. Die großen Fortschritte der beobachtenden und rechnenden griechischen Astronomie während der Folgezeit (namentlich auf alexandrinischem Boden) dürften dann um 200 zur Entdeckung der +richtigen+ Reihe „Mond, Merkur, Venus, Sonne, Mars, Jupiter, Saturn“ geführt haben, die vielleicht schon bei dem Stoïker ~Diogenes~ von ~Babylon~ (um 160) erwähnt wird, sicher aber den griechisch schreibenden ~Petosiris~ und ~Nechepso~ genannten ägyptischen Verfassern der „Astrologúmena“ (um 150), sowie etwas später dem großen griechischen Astronomen ~Hipparchos~ (in Alexandria) bekannt war[2072].
Daß sich hingegen aus dem babylonischen Sterndienste weder die „heilige Siebenzahl“ der Griechen, noch die fälschlich als +alt+pythagoräisch betrachtete Verbindung der 7 Planeten und der Sphärenharmonie mit den 7 Saiten der Leier herleiten lasse, ist als zweifellos feststehend anzusehen[2073]. Schon sehr frühzeitig besaßen die Griechen neben dem Sonnenjahr einen von diesem unabhängigen Mondmonat, -- μήν, μείς (lat. mensis), der Monat, ist ursprünglich der Mond selbst in seiner Eigenschaft als Zeitmesser[2074] --, dem Mondmonate aber entsprangen auch bei ihnen die naturgemäßen Fristen 3 × 9 und 4 × 7[2075]. Ausschlaggebend für das Übergewicht der letzteren war jedoch das nach ~Diels~ schon vorhomerische Eindringen des so außerordentlich wichtigen ~Apollon~-Kultes in die griechische Religion[2076]. Der Kult des Ἀπέλλων (Apéllon, von ἀπέλλα, die Hürde), des Hürdengottes, der Vieh und Herden beschützt[2077], stammte nämlich in seiner ältesten Form aus Kleinasien[2078] und brachte von dort schon gewisse Vorschriften mit sich, u. a. betreff der am 7. Tage des Monats zu feiernden Feste und darzubringenden Opfer, die zwar ursprünglich nur für den Dienst des ~Apollon~ galten, alsbald aber auch auf die übrigen Hauptgötter übertragen wurden; diese Umstände bedingten die hohe Bedeutung der Siebenzahl und der (nach pythagoräischer Art) sich an sie knüpfenden Zahlenspekulationen, namentlich in der Mythologie, dem Kult und der Kathartik des ~Apollon~, jedoch, da dieser zugleich Ἰατρὸς Ἀπόλλων „der große Heilgott“ ist, auch in der Medizin[2079]: in den aus dem 5. und 4. Jahrhundert stammenden Schriften des ~Hippokrates~ und der Hippokratiker spielen daher Siebenzahl, siebentägige Fristen usf., bereits eine durch lange Überlieferungen gefestigte völlig dogmatische Rolle[2080].
Was die mit den Göttern zusammenhängenden +Namen+ der Planeten anbelangt, so finden sich diese zuerst in den spätesten von ~Platon~ (427-347) verfaßten oder ihm zugeschriebenen Werken (z. B. Timäus, Kritias, Epinomis), in denen auch die ersten deutlichen Anklänge an astrologische und magische Gedanken, Parallelität des Makro- und Mikro-Kosmos, Dämonen- und Geister-Lehre usf. zutage treten[2081], sowie solche an den Aufstieg der Seelen in die Himmelsregion, welche Lehren aber vielleicht auch Umbildungen orphisch-pythagoräischer Vorstellungen sein mögen[2082]. Früher pflegte man vorauszusetzen[2083], daß die Namen ursprünglich gelautet hätten: Eosphóros (auch schon Phosphóros?) und Hesperos für ~Venus~ als Morgen- und Abend-Stern, die für verschieden galten, Phaëthon (Leuchtender) für ~Jupiter~, Phainon (Lichtbringer) für ~Saturn~, Stilbon (Glänzender) für ~Merkur~, Pyróeis (Feuerfarbiger) für ~Mars~ (adjektivisch gebraucht schon in einer der sog. homerischen Hymnen, die in Wirklichkeit etwa aus dem 4. Jahrhundert stammt)[2084], und daß sie sämtlich orphisch-pythagoräischer Herkunft gewesen seien. Indessen ist es keineswegs sicher, oder auch nur sehr wahrscheinlich, daß man diese Benennungen tatsächlich als ältere von echt griechischer Herkunft anzusehen habe[2085]; jedenfalls werden aber seit etwa 400 die neuen, nach ~Platons~ Zeugnis aus Syrien und Ägypten übernommenen gebräuchlich, die die großen chaldäischen Gottheiten der Planeten mit entsprechenden griechischen identifizieren, und zwar in anfangs noch etwas schwankender Weise[2086]. Der orientalischen Sitte getreu heißen die Gestirne zunächst nach ihren Herren, also die ~Venus~ ὁ Ἀφροδίτης ἀστής oder ὁ τῆς Ἀφροδίτης (der Stern der ~Aphrodite~; der der ~Aphrodite~), der ~Merkur~ ὁ τοῦ Ἑρμοῦ ἀστής oder ὁ τοῦ Ἑρμοῦ (der Stern des ~Hermes~; der des ~Hermes~) usf., und in dieser Art führt ~Platon~ sie zum Teil an, -- denn im „Timaeus“ nennt er Jupiter und Saturn noch nicht mit Namen[2087] --, ~Aristoteles~ aber sämtlich[2088]; die vereinfachten kurzen Bezeichnungen ~Aphrodite~, ~Hermes~ usf. kommen dagegen erst in erheblich späterer Zeit in Aufnahme[2089].
Als +Farben+ der Sterne und ihrer Sphären gibt ~Platon~ im 10. Buche des Dialoges „Vom Staate“ an[2090]: glänzend für ~Helios~ und ~Selene~, weißlich für ~Stilbon~ (Merkur), gelblich für ~Phosphoros~ (Venus), rötlich für ~Pyroeis~ (Mars), strahlendweiß für ~Phaethon~ (Jupiter), gelblich für ~Phainon~ (Saturn), „buntfarbig“ für die im verschiedenen Lichte ihrer Sterne funkelnde Fixsternsphäre; er läßt ferner im „Kritias“ (cap. 9) die Mauern und Zinnen der Burg und des Tempels auf der sagenhaften Insel Atlantis in Absätzen aus schwarzen, weißen, roten und bunt vermengten Steinen, sowie schimmernd von Kupfer, Zinn, dem goldähnlichen Oreichalkos, Silber und Gold emporsteigen[2091]. Da nun dieser Schilderung unverkennbar die Vorbilder der babylonischen und persischen Stufentürme mit ihrem Schmuck aus glasierten Ziegeln und metallenen Belagplatten zugrunde liegen, so darf es für wahrscheinlich gelten, daß die angeführten Stellen nicht nur für die Verbindung der Sterne mit gewissen Farben Zeugnis ablegen, sondern auch für die mit bestimmten, entsprechend gefärbten Metallen, -- ohne daß sich aber auch hier, angesichts der Flüchtigkeit der Anspielungen und des Mangels an näheren Angaben, sichere Schlüsse betreff der Einzelheiten, wie Reihenfolge, Zugehörigkeit usf. ziehen ließen. Bei ~Aristoteles~ finden sich derlei Andeutungen nicht, wie er denn auch die sonstigen Überlieferungen von sichtlich orientalischer Herkunft, z. B. die sternlenkenden und die Sphärenmusik hervorbringenden Sirenen, die auf Wagen fahrenden „Seelen der Sterne“ (= Sterngötter), den Einfluß der Planeten auf das Schicksal, die Parallelität der großen und kleinen Welt, die Wasser-, Luft- und Äther-Dämonen, das „große (sog. platonische) Jahr“ von wenigstens 10000 gewöhnlichen Jahren (nach dessen Ablauf alle Sterne an ihre ursprünglichen Plätze zurückkehren und der Weltenlauf von vorne beginnt) u. dgl. mehr, entweder mit Stillschweigen übergeht, oder ausdrücklich als Mythen und Fabeln verwirft[2092].
III. Das Zeitalter des Hellenismus und Synkretismus.
a) Alexandria (der Schauplatz).
Die mit dem Tode ~Alexanders des Grossen~ einsetzende und auf ihrem Hauptschauplatze, +Alexandria+, erst zur Zeit der arabischen Eroberung völlig erlöschende Periode des Hellenismus und Synkretismus darf weltgeschichtliche Bedeutung für sich in Anspruch nehmen, sowie hervorragende Wichtigkeit für die geistige Entfaltung der Menschheit, die Neugestaltung der Wissenschaften und die Entwicklung des Glaubens, aber auch des Aberglaubens. ~Burckhardt~ bezeichnet den Hellenismus als „das kosmopolitisch mitteilbar gewordene Griechentum“[2093] und gibt hiermit in gewohnter Kürze und Schärfe für den einen, den griechischen Bestandteil, der in die „Synkretismus“ genannte Vermengung und Verschmelzung eingeht, die erschöpfende Definition; einer gleichwertigen unfähig ist hingegen der +andere+, dem Orient (Vorderasien und Ägypten) entsprungene, denn er ist weder von einheitlicher Beschaffenheit, noch von einheitlicher Wirkung, und dieser Umstand bedingt die außerordentliche Schwierigkeit, die verwickelte Gesamtbewegung entsprechend darzustellen, -- auch nur für den begrenzten hier in Frage kommenden Zweck. Überdies vollzieht sich die Durchdringung orientalischen und griechischen Geistes weder allerorten gleichzeitig noch zur selben Zeit überall im nämlichen Maße, und da sie dort, wo sie am vollständigsten statthatte, nämlich in Syrien und vor allem in Alexandria, uns überwiegend in +der+ Gestalt entgegentritt, daß -- allmählich -- „in der Mischung das Gute und Edle zugrunde geht“[2094], so ist es nicht leicht, sie vorurteilslos zu betrachten und zu würdigen.