Entstehung und Ausbreitung der Alchemie, mit einem Anhange
Part 2
1. ~Die Vorsokratiker~ 118
a) Die jonischen Philosophen: ~Thales, Anaximenes, Anaximander, Heraklit~ 120
b) ~Pythagoras~; die Pythagoräer (~Alkmaion, Philolaos~); die Orphik 123
c) Die Eleaten: ~Xenophanes, Parmenides, Zenon; Melissos~ 128
d) ~Empedokles, Anaxagoras; Leukippos, Demokritos~ 130
2. ~Platon~ und ~Aristoteles~ 134
a) ~Platon~ 134
b) ~Aristoteles~ 139
3. Die Stoïker 144
4. Die Neupythagoräer und die jüdisch-hellenistische Philosophie: die Neuplatoniker und die Schule von Athen 152
a) Die Neupythagoräer 152
b) Die jüdisch-hellenistische Philosophie 155
c) Die Neuplatoniker. Die Schule von Athen 157
II. +Einflüsse des Orients und des älteren Griechenlands+ 161
1. Einflüsse seitens Babyloniens und Persiens 161
a) Babylon und das Zweistromland 162
b) Persien 172
2. Einflüsse seitens des älteren Ägyptens 176
3. Einflüsse seitens des älteren Griechenlands 185
III. +Das Zeitalter des Hellenismus und Synkretismus+ 189
a) Alexandria (der Schauplatz) 189
b) Die stoïsche Lehre 195
c) Die Astrologie 202
d) Apokryphen und Pseudepigraphen 221
e) ~Hermes~ und die Hermetik 224
f) Die Gnostik 235
g) Der Mithrasdienst 247
h) Die Ssâbier und Mandäer 251
=Dritter Abschnitt: Chemie und Alchemie= 261
1. Die Technik in Ägypten 261
2. Die Entstehung der Alchemie 275
3. Erste Erwähnungen der Chemie und ihres Namens 282
4. Herkunft des Namens Chemie 293
5. Herkunft alchemistischer Begriffe, Vorstellungen, Dogmen und Namen 314
6. Bemerkungen über einige Alchemisten und ihre Schriften 327
a) ~Pseudo-Demokritos~ 327
b) ~Ostanes~ 333
c) Schreiben der ~Isis~ an ~Horos~ 335
d) ~Zosimos~ 337
e) ~Pibêchios~ 339
f) Kunstausdrücke und Anschauungen der griechischen Alchemisten 340
7. Alchemistische Zeichen und Symbole 347
=Vierter Abschnitt: Die Alchemie im Orient= 355
1. Erste arabische Übersetzungen und Schriften 355
a) Buch des ~Krates~ 359
b) Buch des ~Alhabib~ 361
c) Buch des ~Ostanes~ 362
d) Gespräche des ~Markos~ 363
e) ~Dschabir Ibn Hajjan~ 363
2. Die „Schriften der Treuen Brüder“ 369
3. Das „Steinbuch des ~Aristoteles~“ 382
4. Syrische Schriften 388
a) Ältere Schriften 389
b) Jüngere Schriften 391
c) Buch der Erkenntnis der Wahrheit 394
5. Spätere Araber 396
6. Die Alchemie in Indien und Tibet 429
7. Chemie und Alchemie in China 449
=Fünfter Abschnitt: Die Alchemie im Occident= 462
1. Die Alchemie des europäischen Mittelalters bis 1300 462
2. Die Alchemie nach 1300 495
=Sechster Abschnitt (Anhang): Zur älteren Geschichte der Metalle= 517
1. Gold 519
2. Silber 527
3. Elektron 530
4. Kupfer 537
5. Bronze 549
6. Messing 570
7. Blei 574
8. Zinn 577
9. Zink 591
10. Quecksilber 600
11. Eisen 607
12. Antimon 629
=Nachträge=: 1. ~Berthelot~ als Historiker 647
2. Zusätze und Berichtigungen 659
I. Verzeichnis der griechischen Worte und Redensarten 683
II. Verzeichnis der angeführten Schriftsteller und Werke 691
III. Verzeichnis der geographischen, Eigen- und Völker-Namen 708
IV. Sachverzeichnis 718
Verzeichnis der Abkürzungen für die Titel einiger besonders oft angeführten Werke.
Alch.: ~Kopp~, „Die Alchemie in älterer und neuerer Zeit“ (Heidelberg 1886).
A. Med.: „Archiv für Geschichte der Medizin“ (Leipzig 1908 ff.).
A. Nat.: „Archiv für die Geschichte der Naturwissenschaften und der Technik“ (Leipzig 1909 ff.).
Arch.: ~Berthelot~, „Archéologie et histoire des sciences“ (Paris 1906).
A. Rel.: „Archiv für Religionswissenschaft“ (Freiburg 1898 ff.; Leipzig 1904 ff.).
Beitr.: ~Kopp~, „Beiträge zur Geschichte der Chemie“ (Braunschweig 1869 ff.).
Blümner: ~Blümner~, „Technologie und Terminologie der Gewerbe und Künste bei Griechen und Römern“ (Leipzig. 1: 1912; 2: 1879; 3: 1884; 4: 1887).
Coll.: ~Berthelot~, „Collection des anciens alchimistes grecs“ (Paris 1888).
Deussen: ~Deussen~, „Allgemeine Geschichte der Philosophie“ (Leipzig. 1 (1): 1894; 1 (2): 1899; 1 (2): 1908; 2 (1): 1911; 2 (2): 1912; 2 (3): 1917).
Ed. Meyer „Alt.“: ~Eduard Meyer~, „Geschichte des Altertums“ (Stuttgart. 1 (1): 1907; 1 (2): 1909; 2: 1893; 3: 1901; 4: 1901; 5: 1902).
Entw.: ~Kopp~, „Die Entwicklung der Chemie in der neueren Zeit“ (München 1873).
Forrer „R. L.“: ~Forrer~, „Real-Lexikon der prähistorischen, klassischen und frühchristlichen Altertümer“ (Berlin 1907).
Forrer „Urg.“: ~Forrer~, „Urgeschichte des Europäers“ (Stuttgart 1908).
Gesch.: ~Kopp~, „Geschichte der Chemie“ (Braunschweig 1843 ff.).
Gesch.-Blätter: „Geschichtsblätter für Technik, Industrie und Gewerbe“ (Berlin 1914 ff.).
Hoefer: ~Hoefer~, „Historie de la chimie“ (Paris 1866).
Hoops: ~Hoops~, „Real-Lexikon der germanischen Altertumskunde“ (Straßburg 1911 ff.).
Intr.: ~Berthelot~, „Introduction à l’étude de la chimie des anciens et du moyen-âge“ (Paris 1889).
Mâ.: ~Berthelot~, „La chimie au moyen âge“ (Paris 1893)[11].
M. G. M.: „Mitteilungen zur Geschichte der Medizin und der Naturwissenschaften“ (Hamburg und Leipzig 1902 ff.).
Or.: ~Berthelot~, „Les origines de l’alchimie“ (Paris 1885).
PW.: ~Pauly-Wissowa~, „Realenzyklopädie des klassischen Altertums“ (Stuttgart 1894 ff.; die zweite Serie ist mit 1a ff. bezeichnet).
Ro.: ~Roscher~, „Lexikon der griechischen und römischen Mythologie“ (Leipzig 1884 ff.).
Schrader „R. L.“: ~Schrader~, „Real-Lexikon der indogermanischen Altertumskunde“ (Stuttgart 1901).
Schrader „Urg.“: ~Schrader~, „Sprachvergleichung und Urgeschichte“ (Jena 1907).
Zeller: ~Zeller~, „Die Philosophie der Griechen“ (Leipzig. 1: 1892; 2 (1): 1889; 2 (2): 1879; 3 (1): 1909; 3 (2): 1903).
(Zur Ermittlung aller übrigen Titel kann das Verzeichnis der benützten Schriftsteller und Werke dienen; die Seitenzahl des ersten Vorkommens ist in der Regel fett gedruckt.)
Hinweise auf Ergänzungen und Nachträge. Druckfehler.
+Vor+ Benutzung des Buches wolle man an den betreffenden Stellen anmerken, daß +Ergänzungen+ und +Nachträge+ vorhanden sind:
Zu S. 2, 5, 8, 9, 20, 21 auf S. 659 24, 26, 32, 35 „ „ 660 46 „ „ 661 47, 48, 50, 58, 60 „ „ 663 63, 64, 68, 71 „ „ 664 71, 73, 74, 78, 81, 86, 88 „ „ 665 101, 109, 112, 116, 123, 125 „ „ 666 126, 129, 136, 156, 163, 166, 167 „ „ 667 169, 175, 176, 180 „ „ 668 183, 184, 186, 193, 200, 202 „ „ 669 204, 210, 212, 226, 231, 232 „ „ 670 233, 236, 240, 245 „ „ 672 248, 265, 298, 311, 315, 320 „ „ 673 328, 331, 347, 351, 353 „ „ 674 353, 357, 364, 369, 372 „ „ 675 374, 375 „ „ 676 379, 380, 385, 388, 394, 395, 407, 409 „ „ 677 412, 413, 420, 424 „ „ 678 429, 465, 490, 494, 496, 504 „ „ 679 510, 511, 514, 527, 534, 541, 552, 555, 559 „ „ 680 564, 570, 576, 590, 594, 603, 607 „ „ 681 610, 625, 630, 635 „ „ 682
Es bezieht sich ferner auch
auf S. 127 die Ergänzung auf S. 666 129 „ „ „ „ 667 186 „ „ „ „ 666 195 „ „ „ „ 664 200 „ „ „ „ 668 203 „ „ „ „ 672 244 „ „ „ „ 672 255 „ „ „ „ 672 384 „ „ „ „ 665 409 „ „ „ „ 677 415 „ „ „ „ 665 423 „ „ „ „ 677 425 „ „ „ „ 676 436 „ „ „ „ 665
Folgende +Druckfehler+ wolle man +vor+ Gebrauch des Buches berichtigen:
S. 2 Zeile 10 v. u. Bezeichnung, statt Benutzung 2 6 „ erwähnten, „ benutzten 40 21 „ Sand-, „ Sand 43 8 „ Elixir, „ Elixier 73 9 v. o. Saʿdi, „ Sadi 90 16 „ Elixir, „ Elixier 105 22 „ Name, „ Namen 115 9 v. u. Leclercq, „ Leclerq 151 2 „ Anmerkungen Poseidonios, „ Posidonios 158 6 „ „ 300 n. Chr., „ 300 v. Chr. 161 13 v. o. 1120, „ 120 161 17 „ 668, „ 688 176 10 „ verwischten, „ vermischten 224 7 „ , „ . 225 17 v. u. ferner, „ sowie 233 18 v. o. . „ ; 246 5 v. u. trachten, „ streben 247 12 „ . „ ; 256 13 „ Altudschibi, „ Altugibi 258 11 v. o. . „ ; 264 2 v. u., Anmerkungen Alidrisi, „ Edrisi 270 10 „ den, „ dem 333 8 „ Vorbilde, „ Vorblide 355 2 „ Anmerkungen Litteraturen, „ Litteratur 356 19 v. o. Omajjaden, „ Ommajaden 357 15 „ omajjadisch, „ ommajadisch 359 11 v. u. „ „ „ 363 4 „ ausgegeben, „ angegeben 367 7 „ Elixir, „ Elixier 483 11 v. o. omajjadisch, „ ommajadisch 525 14 v. u. mythischen, „ mythologischen 618 11 „ Name, „ Namen 658 5 „ Anmerkungen Thomsen, „ Thomson.
Erster Abschnitt.
Die Überreste der alchemistischen Litteratur.
1. Zur Vorgeschichte der Alchemie: Der Leidener und Stockholmer Papyrus.
Beim Absuchen eines nächst Theben in Ägypten aufgedeckten Gräberfeldes wurden um 1828 eine größere Anzahl griechischer Papyrus-Urkunden gefunden, deren ganz ausgezeichnete Erhaltung vermutlich ihrer Aufbewahrung in dicht verschlossenen Mumiensärgen, vielleicht aber auch in Steingefäßen oder Töpfen, zu danken war. Sie gelangten in Besitz des damaligen schwedisch-norwegischen Vizekonsuls in Alexandrien, ~Johann d’Anastasy~, der die Mehrzahl der Papyri an die holländische Regierung verkaufte und sie in deren Auftrag 1829 der Bibliothek zu Leiden übersandte, einige Stücke aber der „Kgl. Schwedischen Akademie der Altertümer“ in Stockholm zum Geschenk machte, bei der sie im Jahre 1832 eintrafen.
Schon 1830 wurde durch ~Reuvens~ bekannt, daß ein als Nr. X bezeichneter Teil der Leidener Papyri die älteste bisher an das Licht gelangte Sammlung „chemischer Rezepte“ enthalte, doch ließ die ausführliche Veröffentlichung durch ~Leemans~ bis 1885 auf sich warten; aus den bis dahin allein vorliegenden Bruchstücken in der ~Reuvens~schen Ankündigung erschloß bereits 1869 ~Kopp~[12], daß die „Rezepte“ zumeist kurze, anscheinend rein technische, oft nur auszugsweise Vorschriften über Metallbehandlung, Färberei u. dgl. enthielten, deren bedeutsame Ähnlichkeit und Verwandtschaft mit jüngeren, aber zweifellos bereits alchemistischen, unverkennbar sei. ~Berthelot~, der den vollständigen, von ~Leemans~ herausgegebenen Text abdruckte und übersetzte[13], fand diese Ansichten ~Kopps~ (dessen Namen er aber nicht erwähnt) durchaus bestätigt und betonte namentlich auch, daß die „Rezepte“ die den ägyptischen Metall-Arbeitern und -Fälschern geläufigen praktischen Verfahren und technischen Kniffe noch in jener ursprünglichen Gestalt vorführen, die erst späterhin, unter dem Einflusse magischer und mystischer Ideen, in alchemistischem Sinne umgedeutet und umgeformt wurde. Von solchen erweist sich der Text des Papyrus X noch als völlig frei[14], und dies ist um so bemerkenswerter, als +andere+ Teile des Gesamt-Papyrus[15] bereits den Einfluß derartiger Anschauungen erkennen lassen, die zum Teil jenen gewisser religiöser Sekten des 2. und 3. Jahrhunderts nahestehen, wie der gnostischen Markosier und Karpokratianer.
Während der „Leidener Papyrus“, wie er der Kürze wegen genannt sei, auf diese Weise, freilich erst ein gutes halbes Jahrhundert nach seiner Auffindung, zur öffentlichen Kenntnis gelangte, blieb der „Stockholmer Papyrus“, dessen Vorhandensein völlig in Vergessenheit geraten war, noch fast weitere 25 Jahre unbeachtet stehen; erst 1906 führte ein Zufall zu seiner zweiten Entdeckung, und 1913 endlich erfolgte die Herausgabe des griechischen Textes nebst Übersetzung und Kommentar durch ~Lagercrantz~ in Upsala[16].
Anscheinend sind +beide+ Papyri Teile eines einzigen Grabfundes[17], jedenfalls aber dürfen sie als „Zwillingsbrüder“ angesehen werden, da sie äußerlich wie innerlich vollständig, und oft bis in die kleinsten Einzelheiten, übereinstimmen[18]. Sie zeigen die nämliche, sehr schöne und deutliche Schrift, die nach ~Reuvens~ und ~Leemans~ dem 3. Jahrhunderte n. Chr. entstammt[19], sie liegen nicht in Gestalt von Rollen (τόμος, tómos) vor, sondern als tadellos erhaltene und laut Nummerierung vollständige Codices, -- welche Form für Papyrus vielleicht im 1. Jahrhundert aufzutreten beginnt, sicher aber erst vom 3. an nachweisbar ist[20] --, und besitzen endlich auch ein Format, das als charakteristisch für die nämliche Zeit gilt[21].
Ihr Inhalt spiegelt die Erfahrungen zahlreicher Generationen wieder, und zwar auf Grund mannigfach verzweigter, in fast allem Wesentlichen jedenfalls unübersehbar weit hinter die Anfänge unserer Zeitrechnung zurückreichender Überlieferungen; der Redaktor hat aus verschiedenen Vorlagen geschöpft, und Fehler, Versehen und Wiederholungen, die teils ihm, teils aber auch dem Abschreiber unterlaufen sind, bezeugen die Art der bei der Zusammenstellung (meist recht geschickt) ausgeübten Tätigkeit[22]. Auch die nachträglich[23] beigefügten Überschriften und die oft wiederkehrende Bezeichnung „ἄλλο“ (anders) weisen auf einen Ordner hin, der die mannigfaltigen Angaben der Quellen zu vereinigen sucht[24]; +einer+ solchen entstammen z. B. sämtliche das Silber nebst Zubehör betreffenden Vorschriften, die zwar beide Papyri, jedoch nicht in der gleichen Reihenfolge, enthalten[25]. Die erwähnten Vorlagen waren wohl Rollen[26], die dem praktischen Gebrauche dienten; die beiden Papyrus-Codices sind dagegen offenbar Luxusabschriften, deren Ausstattung ihrem Zwecke, nämlich der Benutzung als Totenbeigaben, entsprach.
Die Rezepte, die oft nur wenige Zeilen, oft aber auch längere Absätze umfassen, sind teils ausführliche, teils nur abgekürzte; die ersteren enthalten entweder eine Beschreibung (γραφή, Graphé) oder eine befehlende Anweisung (τάξις, Táxis), die letzteren hingegen beschränken sich auf Angabe der zu benutzenden Stoffe, während die Art der Anwendung dem Ausübenden entweder schon bekannt sein muß, oder ihm nur mündlich mitgeteilt wird[27], -- denn die ehemalige Annahme, derlei Überlieferungen seien auf Säulen und Stelen der Tempel aufgezeichnet worden, ist unbestätigt geblieben und unhaltbar. Die Niederschriften tragen daher in mancher Hinsicht, wie ~Berthelot~ sagt, den Charakter eines „Aide-Mémoire“, also eines Notizenheftes, das nur einzelne, dem Schreiber besonders wichtig erscheinende Punkte der Verfahren genauer angibt, andere aber, als minder belangreiche oder ohnehin geläufige, teils nur streift, teils völlig übergeht. Die ägyptischen Goldschmiede und Kunsthandwerker, deren geschmackvoll entworfene und herrlich ausgeführte Arbeiten noch heute die Bewunderung aller Museumsbesucher erregen, hatten offenbar derlei „Praktiken“ im Laufe langer Jahrhunderte allmählich zu hoher Vollendung ausgebildet und in Form ganz bestimmter Vorschriften festgelegt, die sie, wie das zu ihren und auch zu späteren Zeiten allgemeiner Brauch war, als Zunftgeheimnisse hüteten. Wie frühzeitig man mit Machenschaften nahe verwandter Art auch schon außerhalb Ägyptens vertraut war, beweisen einige bezeichnende Stellen der antiken Litteratur; so z. B. sagt bereits ~Aristoteles~, daß so Manches wie Silber oder Gold aussehe, was nur aus Zinn oder Lithargyrina (wohl einer silberfarbigen Legierung) bestehe, oder bloß mittels „Gallenfarbe“ (χολοβαφίνη, Cholobaphíne) gelb gefärbt sei, und daß, wer es wirklich für Silber oder Gold halte, dem Manne gleiche, dem ein Trugschluß als Wahrheit erscheint[28]. In der Tat lassen sich, wie u. a. schon ~Salmasius~ (~Saumaise~, 1588-1653), der ausgezeichnete Kenner der antiken Literatur und der handschriftlichen Schätze der Pariser Bibliothek, richtig bemerkte, die Handgriffe fast aller älteren und neueren „Gold- oder Silber-Macher“ im wesentlichen auf dreierlei Arten von „Künsten“ zurückführen, nämlich 1. auf Veränderung der oberflächlichen Färbung unedler Metalle durch passende Chemikalien, oder Überziehen +solcher+ Metalle mit dünnen Schichten +edler+, zwecks Vortäuschung massiven Goldes und Silbers durch schwache Vergoldung oder Versilberung, 2. auf Ersatz dieser letzteren durch Firnisse und Anstriche von entsprechendem Metallglanze, 3. auf Herstellung von Legierungen gold- oder silberähnlichen Aussehens; alle diese Arten finden sich auch im Leidener und Stockholmer Papyrus vertreten.
Was den näheren Inhalt der Rezepte betrifft, so beschäftigen sich die des Leidener Papyrus (etwas über hundert an der Zahl) ganz vorwiegend mit der Behandlung der Edelmetalle, vor allem aber mit deren Nachahmung und Verfälschung; von den 152 Rezepten des Stockholmer Papyrus beziehen sich hingegen auf Metalle nur 9, während 73 über Edelsteine und Perlen[29] berichten, und 70 über Färberei, namentlich Purpurfärberei[30]. Die beiden Papyri ergänzen sich daher in außerordentlich willkommener Weise.
I. Leidener Papyrus.
Legierungen verschiedenster Art, deren Herstellung durch ποίησις (Poíesis, Zubereitung) oder κρᾶσις (Krásis, Vermischung) geschieht, und die demgemäß κρᾶμμα (Krámma, Gemischtes) oder σκεύασμα (Skeúasma, Zurechtgemachtes) heißen[31], erteilt der Leidener Papyrus sehr allgemein auch den Namen ἄσημον (Asemon). +Asem+ ist, wie zuerst ~Lepsius~ in seiner grundlegenden Abhandlung „Die Metalle in den ägyptischen Inschriften“ nachwies[32], bei den alten Ägyptern als „Asemu“ der einheimische Name eines den Griechen (z. B. schon ~Homer~) als +Elektron+ bekannten Metalles, richtiger metallischen Gemisches, nämlich einer Silber-Gold-Legierung; sie findet sich als solche in der Natur vor, wurde aber lange Zeiten hindurch auch künstlich dargestellt, erstens weil sie weniger weich und daher leichter zu bearbeiten ist als reines Gold, und zweitens weil ihr Silbergehalt dem Golde einen eigentümlich schönen, weißlichen Glanz verleiht, der außerordentlich geschätzt und beliebt war[33]. ~Berthelot~ glaubt, das ägyptische Wort Asem sei schon frühzeitig mit dem zufällig gleichklingenden griechischen ἄσημον (Asemon) identifiziert worden, das, auf Edelmetalle angewandt, sie als „Unbezeichnete“ (der Angabe ihres Feingehaltes Ermangelnde?) einer minderwertigen Klasse zugewiesen haben soll; hieraus erkläre es sich, daß die neugriechische Bedeutung von ἄσημον, d. i. Silber, zuweilen schon in älteren Schriften auftauche, und so auch, besonders im Sinne silberähnlicher Legierungen, in der vorliegenden[34]. Da aber in dieser „Asem“ außer den silbergleichen auch eine große Anzahl ganz anderer und völlig verschiedener Gemische benennt und sich demnach als sehr vieldeutiger Ausdruck erweist, muß die Richtigkeit der ~Berthelot~schen Vermutung schon aus diesem Grunde dahingestellt bleiben.