Entstehung und Ausbreitung der Alchemie, mit einem Anhange
Part 13
Einige bemerkenswerte +Zitate+ aus ~Zosimos~, die zum Teil verlorenen Werken zu entstammen scheinen, finden sich bei ~Pelagios~, ~Olympiodoros~, dem ~Philosophus Anonymus~ und einem ungenannten ~Kommentator~. Nach der Lehre „~Zosimos~ des Vielwissenden“ [977] sind theoretisches Verständnis und praktische Übung gleich notwendig, um die τέχνη (Technik, Kunst) zu bemeistern[978], namentlich da deren wichtigste Grundlage und überhaupt das vornehmste aller Mittel, das so schwer zu beherrschende Feuer ist[979], -- daher denn die Chemiker auch „Feuer-Philosophen“ [mittels des Feuers Forschende, Philosophi per ignem] heißen. Was die „Umwandlung“ betrifft, „so läuft alles auf das Blei hinaus“, denn dieses ist „unsere Magnesia“ und das „Ei der Philosophen“, das zwar aus vier Komponenten besteht, diese aber doch als Einheit enthält[980]; Schwärzung und Weißung erfolgen, -- so deutete ~Zosimos~ mystisch an (εἶπεν μυστικῶς) --, im δώματι ἱερατικῷ [im Tempel = Ofen][981], und das Schwarze und Weiße gleichen der κόρη des Auges (Kóre = Pupille) und der ἴρις des Himmels (Iris = Regenbogen)[982]; als Xerion wirksam ist das Pneuma[983], und „die neue Färbung zu Gold verleihend“ kommt es der Medizin gleich, die krankes bleiches Blut in gesundes rotes überführt[984].
Wie der ~Kommentator~ berichtet, dessen Abhandlung nur in sehr verdorbenem und verstümmeltem Zustande auf uns gekommen ist[985], stellte ~Zosimos~ als eine Hauptlehre den Satz auf: „+Erfahrung+ ist die große Meisterin, denn auf Grund bewiesener Ergebnisse lehrt +sie+ den Verständigen das Vorteilhafteste“[986]. Als sehr wichtig für das große Werk erklärte er unter Berufung auf ~Hermes Trismegistos~ den Einfluß der Planeten, „wie denn die Sonne dem Gold vergleichbar ist“, und für die wirksamste planetarische Sphäre hielt er die des ~Hermes~ (Merkur), schon weil der Schattenkegel der Erde gerade bis zu ihr reiche[987]. Die Dauer des Werkes, das mit Erwärmen im Dünger beginnt, gab er zu 40 Tagen an[988]; der Behandlung unterwirft man dabei den „ἄσβεστος der Alten“ (Asbest = Kalk), der aber nicht das Nämliche ist wie ἄσβεστος λευκή [weißer Asbest = gebrannter Kalk], vielmehr aus gebrannten Metallen [verkalkten Metallen, Metallkalken] besteht[989]. Wie die Meister des „Tieremalens“ ζωογράφοι = Maler überhaupt] ihre Farbstoffe auf der Palette, so mischen die Meister des großen Werkes die ihrigen auf der Kerotakís zusammen[990], sie vermengen sie mit allerlei Zutaten, z. B. χρυσοκόμιον (wörtlich Gold-Leim = Chrysokolla)[991], sie reinigen und waschen sie mit Wasser, mit gewöhnlichem und mit solchem, das, wie bei der Seifenherstellung (σαπωναρικὴ ἐργασία), durch Asche filtriert ist[992] usf. Beim Erhitzen geben manche Körper, z. B. die verschiedenen Schwefel, ihre „innere Natur oder ψυχή (Psyche, Seele)“ ab, die das Feuer als Dunst aus ihnen austreibt: kommen diese flüchtigen und färbenden Dämpfe mit gewissen anderen Stoffen zusammen, z. B. mit Quecksilber, so halten sie sich gegenseitig fest und binden sich, sie schlagen sich nieder, sie sterben ab und erleiden νέκρωσις (Nékrosis = Tötung) und die entstandenen Substanzen heißen in diesem Zustande „Grabmal des ~Osiris~“[993]. So bildet sich, wie ~Zosimos~ im „Buch der Schlüssel“ beschrieb, durch Vereinigung heißen Quecksilbers und Schwefels der Zinnober, zunächst als eine schwarze [erst beim Sublimieren rot werdende] Masse, auf die sich der mystische Spruch vom „schwarzen Geist“ bezieht[994], aber auch die Benennung des Quecksilbers und nach Anderen des Schwefels als „Milch der schwarzen Kuh“, γάλα βοὸς μέλαινας[995]; erhitzt man umgekehrt Zinnober, auch solchen künstlich (τεχνική) dargestellten, nebst gewissen Zutaten in einem rings geschlossenen Gefäß oder Rohr [d. i. die spätere Aludel; arabisch al udal genannt], so „sublimiert“ aus ihm das Quecksilber, steigt als „weißes Wasser“, „Silber-Wasser“, „göttliches Wasser“ empor, in Gestalt eines furchtbar giftigen, in der Hitze gar nicht festzuhaltenden „ätherischen Pneumas“ (πνεῦμα αἰθερῶδες), verliert dann beim Abkühlen seinen „flüchtigen Schwung“ und setzt sich an den Deckel an, so daß man an diesem nach dem Löschen des Feuers die Tropfen vorfindet und sie sammeln kann[996]. „Fest gewordenes Quecksilber“ [d. i. entweder dieses kondensierte oder ein Amalgam] bezeichnen einige auch als „Gips“ und den Zinnober (κινναβάρις, Kinnabáris) als κασσίτερος [Kassíteros = Zinn; vielleicht weil er festes Quecksilber = „Zinn“ ergibt?][997]. -- Wer alles dieses weiß und versteht, wird das Rechte finden, und „wer das Rechte gefunden hat, heilt die unheilbare Krankheit der Armut“[998].
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Die +syrischen Manuskripte+ enthalten Vieles und Ausführliches aus den verschiedenen, zum Teil im Original verloren gegangenen Werken des ~Zosimos~, zumeist jedoch allerdings stark durchsetzt mit späteren Einschiebseln und Zutaten[999].
Alle „Künste“, so berichtet ~Zosimos~, waren ursprünglich tiefstes, durch furchtbare Eide gehütetes Geheimnis der ägyptischen Priester, und wie diese sie aus Neid, Habsucht und Aberglauben vor jedermann zu verbergen streben, das habe er am eigenen Leibe erfahren müssen[1000]. Aus den besagten Gründen wurden daher ehemals die wichtigsten Geheimnisse überhaupt nicht aufgeschrieben, sondern den Vertrauenswürdigen seitens der Priester nur mündlich mitgeteilt[1001]; zu ihnen zählte das schon vom Philosophen ~Demokritos~ gepriesene „Färben“ der unedlen Metalle mittels Schwefel, Quecksilber, Arsen, Kohol [Schwefelantimon] und Magnesia[1002], -- das ganz so erfolgt wie das Färben von Geweben mittels des „Indigos aus Flechten“[1003] --, ferner das „Färben“ mittels passend zubereiteter Firnisse[1004], sodann die Herstellung des „weißen und gelben Kupfers“ [d. i. des Silbers und Goldes oder der Bronce und des Messings][1005], und endlich die Bereitung der Pigmente für die Kultbilder: die Maler verwenden diese in den künstlichsten Mischungen, -- sogar Silber und Gold setzen sie hinzu, um den Fleischton der Weiber zu treffen --, so daß ihre Bildnisse wie lebendig aussehen, und tatsächlich hielt das Volk die Bilder und Statuen der Götter für lebend und wagte kaum sie anzublicken, und nur wenige hatten den Mut zu denken oder gar insgeheim zu sagen, sie seien von Menschenhand gebildet und zurechtgemacht[1006]. In späterer Zeit schrieben die Priester zwar ihre Lehren nieder, fuhren aber fort sie im Verborgenen zu halten, schon weil sie behaupteten, daß dies sehr zweckmäßig sei, um die neidischen Dämonen zu täuschen[1007]. Seither besitzen sie ausführliche Bücher der Kimija oder Kumia, verfaßt nach den Vorschriften des ~Hephaistion~ (d. i. ~Hephaistos~ = ~Ptah~)[1008], ~Agathodaimon~[1009] usf., durch ~Hermes~ und andere ägyptische Autoren; deren Abschriften lassen sie in den Tempeln vorlesen, befehlen sie genau zu befolgen, tadeln jene, die eigene Rezepte erfunden haben wollen und fordern strengste Wahrung des Geheimnisses[1010]. Indem sich ~Zosimos~ an seine Schwester (?) ~Theosebeia~ wendet, -- der er seine Schriften zueignete, und die er in ihnen sehr oft unmittelbar anredet, zuweilen auch als „Königin“[1011] --, fährt er fort: Du aber, der es bekannt ist, daß nach ~Petesis~ das große Werk durch Nachdenken vollendet wird, hältst Deine Schüler abseits, Du unterweisest sie öffentlich, ungebunden durch gegenseitige Eide; jedoch das „Buch“, so sagst Du, [das angeblich von ~Hermes~ verfaßte „Buch der Kimija“] kann nur geheim erworben werden; aber im Gegenteil, es sollte ein jeder, ohne alle Geheimnisse, auch ein Buch der Kimija (Kumia) besitzen[1012], denn „nur aus den rechten Büchern, nämlich aus jenen alten und aus den von +mir+ verfaßten, schöpft und gewinnt man die Wahrheit“[1013]. Diese richtig aufzufassen und durch sie zum Gelingen des Werkes geführt zu werden, ist freilich eine besondere Gnade, die von oben kommt und nur dem Würdigen zuteil wird[1014]; würdig aber erweist sich, wer ein edles Herz und lautere Sitten hat, ferner Geduld und Aufmerksamkeit, geistigen Fleiß des Studierens und Nachdenkens, körperlichen Fleiß des Arbeitens und Versuchens, sowie reine Liebe zur Sache. Wer diese Vorbedingungen erfüllt, für den ist, -- so lehrte schon ~Petesis~, und ihm nachfolgend ~Platon~, -- das große Werk nichts weiter als „die Arbeit eines Kindes“[1015]. Viele Unberufene, die die Ausführung der heiligen Kunst sahen, mußten mit Verwunderung deren Geringfügigkeit zugestehen; sie verbrauchten dann alles Quecksilber Phrygiens und Spaniens, starben aber ohne das Rechte gefunden oder auch nur begriffen zu haben, verblendet durch das Antlitz der beiden Menschensöhne [vermutlich des Silbers und Goldes][1016].
Die „Imuth“ genannte und „der Priesterin und Königin ~Theosebeia~“ gewidmete Hauptschrift des Zosimos enthielt nach den syrischen Manuskripten „die genaue Schilderung des großen Werkes gemäß allen Büchern über Chemie“[1017], geschöpft aus den Abhandlungen aller Vorgänger, u. a. aus denen des ~Platon~ und ~Aristoteles~; ~Platon~ gab schon ein Rezept zur Darstellung des Silbers an, und zwar befahl er, ein Gemisch von Pyrit, Oker, Sory und Vitriol (χαλκητάριν) drei Tage im selbstziehenden Ofen zu schmelzen und sodann das Elixir zuzusetzen[1018]; Großes hat auch ~Aristoteles~ vollbracht, dieser glänzendste irdische Geist, aber weil ihm der rechte Glauben fehlte, blieb es ihm versagt, seitens der richtigen Engel Belehrung zu erhalten und deshalb gelang es ihm auch nicht, sich der himmlischen Sphären würdig zu machen und sich in sie zu erheben[1019].
+Gold+ ist nach ~Zosimos~ das Edelste der Metalle, das alle anderen an Schwere, Glanz und Unzerstörbarkeit übertrifft, aber auch an der Fähigkeit weitgehendster Verteilung zu zartestem Staub, χρυσοάνθινον (Goldblütchen)[1020], und zu dünnsten Blättchen, die man u. a. mit arabischem Gummi oder Fischleim auf Elfenbein und auf das Pergament der Bücher aufklebt[1021]; zum Vergolden der Götterbilder und Königsstatuen in den Tempeln benützt man eine Lösung von Gold in Quecksilber, „Sonnenwasser“, „verdichtete Sonnenstrahlen“, „gelöster Schwefel“ genannt, doch ist dies ein großes Geheimnis und der Erfolg gilt für übernatürlich[1022]. Nicht selten ersetzt man übrigens Gold durch den billigeren Oker, durch Zinnober, Minium u. dgl.[1023].
+Silber+ verarbeitet man zu vielen Geräten, besonders auch zu Spiegeln; im Rohgusse sehen sie noch rauh und häßlich aus, nach dem Polieren aber, zu dem Öl und Bimsstein, Wolle, Leinen und zuletzt mit Lorbeerholz-Kohle gefüllte Leinensäckchen dienen, werden sie gar herrlich und glänzen gleich Perlen[1024]. Zur Diplosis des Silbers benützt man Blei, Quecksilber, Kupfer und das „Orichalkon“ genannte Kupfer[1025]; die ägyptischen Priester bewirkten sie durch Weißen des Kupfers mittels Arsen oder durch Behandeln und Überziehen des Metalls mit passenden Firnissen[1026]. Das „ägyptische Silber“, auch +Asem+ genannt, stellt man nach verschiedenen Rezepten dar, indem man Kupfer mit Arsen, Pyrit, Bleiweiß und ähnlichen Materialien zusammenschmilzt, womöglich unter Zufügung von ein wenig echtem Silber[1027].
Das +Elektron+, das eine Legierung von Silber und Gold ist, erfand ~Alexander der Grosse~, und ließ daraus Amulette anfertigen, die man als Schutz gegen den Blitz bei sich trägt oder auch in das Erdreich eingräbt, ferner auch einen zauberischen, beim Beschauer Selbsterkenntnis erweckenden und ihn vor allen Übeln schützenden Spiegel, den nachher die Priester des „Tempels der sieben Pforten“ aufbewahrten. Aber nach dem echten „Buch der sieben Himmel“, das spätere Kommentatoren abänderten und entstellten, bereitete schon der König ~Salomon~[1028], den die Ägypter fälschlich auch als Verfasser des genannten Buches ausgeben, das wahre Elektron, fertigte daraus sieben, den sieben Planeten entsprechende Flaschen an, sperrte die Dämonen in sie und beschrieb sie hierauf von außen mit Zauberformeln; diese Talismane wirken gegen Dämonen ebenso kräftig wie Gebete oder wie die neun Buchstaben König ~Salomons~ [die den wahren Namen Gottes wiedergeben]. Auch zum heiligen Werke gehören neun Bestandteile, über die alles Nähere in den jüdischen Schriften zu lesen steht; desgleichen ist die Kenntnis von den Einflüssen der Gestirne auf die Anfertigung des philosophischen Steines in den „heiligen und göttlichen Vorschriften“ enthalten[1029].
+Kupfer+ findet sich in Cypern[1030], in Ägypten[1031], in Nicäa[1032] und in Spanien[1033]. Aus ihm bereiten „geschickte Leute“ das „gelbe oder persische, völlig dem natürlichen Gold gleichende“, sowie das „helle und lichte“ Kupfer [d. i. Messing und Bronce], und der erste Erfinder dieser „Farben“ soll der Erzgießer ~Pabapnidos~ gewesen sein, der Sohn des ~Sitos~, der Fälscher und Betrüger. „Wie herrlich, großartig und bewunderungswürdig sind doch die Entdeckungen solcher Künste[1034]!“
+Zinn+ wird im fernen Westen gewonnen, woselbst eine Quelle aus der Erde aufsteigt und zuweilen über ihren Rand hinausstürzen will; wenn dies geschieht, stellen die Einwohner „ihm“ (ihrem Dämon, einem furchtbar giftigen Drachen?) ein schönes nacktes Mädchen hin, die, sobald er auf sie zueilt, um sich ihrer zu bemächtigen, hinweglaufen muß; sowie er ihr gefolgt ist, stürzen eine Anzahl mit Hacken bewaffneter junger Leute aus ihren Verstecken und töten ihn; im Sterben nimmt er die Form eines Gußstückes an, indem er sich fixiert und hart wird, und darauf zerschlagen die Leute seinen Leichnam und benützen die Stücke, die eben das Zinn sind[1035].
+Eisen+ ist schwer zu bearbeiten, und manche Kunstgriffe gelingen überhaupt nicht „ohne göttliche Hilfe“ [d. h. vermutlich: ohne Hersagen von Zaubersprüchen][1036].
+Blei+ ist seiner Natur nach weich, läßt sich aber durch Zusatz von Kupfer, Sandarach und „Krapp“ (Deckname!) derart härten, daß es dem Metalle der Denare gleicht[1037]. Anderen Behandlungen [deren Zweck nicht angegeben ist] unterwirft man es durch Schmelzen mit Minium aus Amida, cyprischem und ägyptischem Oker, cyprischem Vitriol, ägyptischem Alaun und phrygischem Stein [Pyrit?] im „Ofen der Glasmacher“ gemäß der Vorschrift des ~Hephaistion~ (= ~Hephaistos~, ~Ptah~)[1038]; auch hat man Mittel [Firnisse?], um Gefäße aus Blei oder Zinn so aussehen zu machen, als beständen sie aus Erz (Bronce)[1039].
+Quecksilber+ findet sich als Hydrargyros, „silbernes Wasser“, in Phrygien und Spanien und ist flüssig, von großer Kälte und bei innerlicher oder äußerlicher Einwirkung ein furchtbares Gift[1040]; aus Zinnober wird es frei gemacht, indem man es nebst Blei oder Zinn in einem Mörser verreibt, am besten in einem aus Eisen oder Basalt [βάστνις; auf ägyptischen Ursprung deutend][1041]; das aus Zinnober oder Sandarach Sublimierende (ἀναβιβάζων = nach oben Steigende) ist gleichfalls Quecksilber [bzw. Arsen][1042]. Wie alles Reine in allen Künsten gefälscht wird, z. B. Weine, Öle und Drogen durch habgierige Kaufleute, ja die Philosophie durch unerfahrene Schwätzer, so geschieht es auch mit dem Quecksilber, denn die Fälscher sind überall zahllos und verstehen das Gefälschte dem Echten genau gleich zu machen; das Quecksilber fälschen sie, unter Benützung chemischer Schriften, durch Diplosis [Auflösung von Blei, Zinn, ...?] u. dgl., und während sie als +Einkäufer+ die ihnen bekannten vielen Proben der Reinheit anwenden, schwören sie als +Verkäufer+ auf ihren Kopf, sie hätten von derlei Proben noch nie etwas gehört[1043]. -- ~Zosimos~ beschrieb Gewinnung und Benützung des Quecksilbers besonders genau, und zwar in einem Werk, das er „Buch der Schlüssel“ nannte; denn so wie im „Mysterium der neun Buchstaben König ~Salomons~“ der Schlüssel alles Sichtbaren und der ganzen Welt steckt, so enthalten auch die verschiedenen Arten des Quecksilbers [das wahre und das metallische Arsen] den Schlüssel der großen Kunst, da alles Flüchtige zu den Schwefeln gehört, die Schwefel aber, wie schon ~Maria~ richtig lehrte, das eigentlich Färbende sind[1044].
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Ein in den syrischen Manuskripten enthaltener und aus diesen von ~Berthelot~ ausgewählter „Pharmazeutischer Traktat“, den ~Zosimos~ gleichfalls der Priesterin und Königin ~Theosebeia~ gewidmet haben soll[1045], betrifft hauptsächlich die medizinische Anwendung der „nützlichen Stoffe“ und erweist sich für jeden Kenner des ~Dioskurides~ und ~Galenos~ als bloße Kompilation aus deren Schriften, -- was ~Berthelot~ später auch selbst zugestand[1046]. Dem ~Galenos~ folgend beschreibt der Verfasser die wiederholten Reisen nach Cypern, Syrien, den griechischen Inseln, Thrazien, Mazedonien und Italien, auf denen er vielerlei Berg- und Hüttenwerke besuchte; der Leiter (ἐπίτροπος) der cyprischen Unternehmungen erklärte ihm die Bildung des „Diphryges“ genannten Rückstandes in den Kupfer- und Kadmia-Öfen, sowie die Entstehung des Spodós (σποδός, σπόδιον) und des Pómpholyx [d. i. des unreinen schwarzen und des reinen weißen Zinkoxydes][1047], auch zeigte er ihm in den Gruben die übereinander liegenden Schichten der Substanzen Sory, Chalketárin, und Misy oder schwarzen Vitriol, die alle sehr nahe verwandt sind und allmählich ineinander übergehen, was sowohl in den Gruben geschah, als auch beim Aufbewahren der mitgenommenen Vorräte[1048]. Von sonstigen Heilstoffen gedenkt er noch der kimolischen und samischen Erde[1049], der lemnischen Siegelerde [= terra sigillata], die eine Priesterin unter Geboten aus dem roten Ton formte und stempelte, -- jedoch ohne Beigabe des ehemals gebräuchlichen Ziegen- oder Bocksblutes[1050] --, des Asphaltes und Bitumens aus Palästina[1051], sowie des „gelben Sandes“ [Auripigments] vom Berge Bagavana nächst der Stadt Agrata in Armenien, armenisch Zarnika oder Zarnia geheißen[1052].
6. Pelagios, Pibêchios, Heliodoros, Synesios.
(4. Jahrhundert.)
a) Pelagios.
Die Lebenszeit des „Philosophen“ ~Pelagios~ ist nicht genau bekannt, kann aber keinesfalls, wie ~Kopp~[1053] ursprünglich glaubte, schon +vor+ jene des ~Zosimos~, und auch nicht, wie nachher ~Berthelot~[1054] behauptete, bereits in das 1. oder 2. Jahrhundert fallen, denn ~Kopp~ selbst hat später ermittelt[1055], daß ~Pelagios~ sich auf ~Zosimos~ beruft, während +ihn+ hinwiederum zuerst ~Olympiodoros~ zitiert, der um 425 schrieb; ~Pelagios~ dürfte also in die zweite Hälfte des 4. Jahrhunderts zu versetzen sein. Sein Werk führt den Titel „Über die göttliche und heilige Kunst“ (θεῖα καὶ ἱερὰ τέχνη), wurde zuerst 1573 von ~Pizzimenti~ als Teil III („De arte magna“) seiner weiter oben angeführten Schrift ins Lateinische übersetzt (sehr mangelhaft!) und liegt nur in sehr schlechter Erhaltung vor, erfüllt von zahlreichen und dunklen Interpolationen[1056].
Auszugehen ist beim großen Werke vom χαλκός (Chalkós)[1057], worunter man entweder Kupfer versteht oder Pyrit, der ebenfalls von sehr verbrennlicher Natur ist; doch nennt man χαλκὸν πυρίτην, Chalkopyrit, auch das mit Schwefel vorbehandelte Blei[1058]. Die nächsten Aufgaben sind, das Kupfer von seinen erdigen Bestandteilen, seiner materiellen Grobheit (παχύτης) zu befreien und es pneumatisch (πνευματικός) zu machen, weiterhin aber die richtige Veränderung seiner Färbung und damit die seiner Qualität (ποιότης, Poiótes) zu bewirken; das geschieht vermöge der von den Alten erfundenen βαφικὴ τέχνη (Färbekunst) und χρυσοβαφή (Färbung zu Gold), die bewirkt, daß sich das Kupfer, ähnlich wie ein wohlgepflegter, mit reichlichem Wasser begossener Baum in feuchter warmer Luft, freudig entwickelt, „gärt“ und zuletzt jene Blüten und Früchte trägt, die schon ~Demokritos~ zu rühmen wußte[1059]. Von den sechs Operationen, deren sich die Färbekunst bedient, ist die erste die Schwärzung, bei der es gilt, eine vollkommen schwarze (πάνυ μέλαν), dem γραφικὸν μέλαν (Schreiberschwärze = Ruß) gleichende Masse herzustellen[1060]; diese wird dann, unter Digestion im Dünger, der Aufhellung (Verdünnung), Weißung, Gilbung, Rötung (Iosis), und Bleichung (Exiosis) unterworfen, u. a. mit Hilfe des göttlichen Wassers, das bei der Projektion auf Kupfer, je nach den Umständen, bald weißes Silber, bald rotes oder gelbes Gold erzeugt[1061], sowie des „weißen Essigs“ und des „Essigs aus Geranium“ (Decknamen?)[1062]. Nach Art einer wahren Schöpfung (δημουργία, Demurgía) erfolgt auch die von ~Demokritos~ gepriesene Umwandlung der σώματα (Sómata, Körper = Metalle) in πνεύματα (Pneumata) durch das Xérion, das, wie ~Zosimos~ lehrte, selbst pneumatischer Natur ist[1063]; es stellt ein äußerst feines Pulver dar und führt das Kupfer in prächtiges Gold über, „rot wie Blut“, auch κινναβάρις τῶν φιλοσόφων (Zinnober der Philosophen) geheißen[1064]; man verstärkt es durch Beifügung von etwas natürlichem Gold, das eine Gärung bewirkt wie Hefe im Bäckerteig, und mehr Gold so ergibt, wie aus Getreidesamen mehr Getreide wird[1065]. Außerdem kann man auch noch göttliches Wasser zusetzen, das die „Farben“ nach Art einer Beize abtönt, und sie zugleich „scharf“ und gehörig in die Tiefe eindringend macht; dies wußte schon ~Demokritos~[1066].
b) Pibêchios.
~Pibêchios~[1067] [äg. = der Sperber des ~Horus~; s. den ~Apollo Bechis~, = „~Horus~ den Sperber“, bei ~Plinius~, lib. 30, cap. 2, in des ~Apuleius~ „Magia“, cap. 90, und im Teil V des Leidener Papyrus] soll im 4. Jahrhundert zu Alexandria gelebt und ein „Buch von den Steinen“ geschrieben haben, aus dem eine Stelle zitiert wird, der gemäß er sich beim Zerkochen und Verbrennen gewisser Materialien des Bocksblutes (αἷμα τράγου) bedient habe[1068]. Seine Arbeiten betrafen die Darstellung und Anwendung des göttlichen Wassers[1069], vor allem aber die des Quecksilbers, das nach ihm die größte Affinität zu allen Stoffen besitzt[1070], so daß sämtliche Substanzen Quecksilber enthalten und aus ihm bestehen[1071]. Nach Angabe der syrischen Manuskripte schrie ~Pibêchios~ auf allen Märkten aus: „Sämtliche Körper sind Quecksilber, sämtliche Körper enthalten Quecksilber! Wenn Du es ausziehst und fixierst, so erhältst Du das Gesuchte! Dies ist das enthüllte Geheimnis![1072]“
Die syrischen Manuskripte berichten auch über einen Brief[1073], in dem ~Pibêchios~ dem Philosophen und Magier ~Osron~ in Persien mitteilt, er habe in Ägypten, in einem Verstecke, die göttlichen Schriften des großen ~Ostanes~ gefunden, vereinigt in einem „Krone“ betitelten Buche, das ihm aber, weil in persischer Sprache abgefaßt, unverständlich sei, weshalb er um eine Übersetzung bitte. Aus ~Osrons~ Antwort und einer weiteren Erwiderung des ~Pibêchios~ ist zu ersehen, daß die „Krone“ in 365 Abteilungen „die ganze Kunst“ enthielt, nämlich die Astrologie und Astronomie, die Philologie und Philosophie [hier wohl = Kunde von den „rechten Worten“, d. i. von den Beschwörungsformeln], die Vorschriften betreff der Opfer und Mysterien, die Magie, sowie die Herstellung von Edelmetallen, Edelsteinen und Purpur oder anderen kostbaren Farbstoffen [d. i. die Chemie]. Nunmehr studierten und kommentierten die zusammenberufenen Kunstbeflissenen Ägyptens diese Schrift, entzifferten mit ihrer Hilfe auch die heiligen Säulen des ~Hermes~, und teilten ihre Befunde dem Könige[1074] mit; teils durch ihn selbst, teils durch die Priester und Philosophen, wurde darauf die göttliche und unerzählbare Kunst auf sieben Säulen niedergeschrieben. Diese befahl der König in einem Geheimbaue aufzustellen, der auch mit symbolischen Bildern [= Hieroglyphen] und einem sich selbst in den Schwanz beißenden Drachen geschmückt wurde; er verschloß ihn durch sieben Türen und gab Auftrag, sie nur Edlen und Eingeweihten zu öffnen, die göttlichen Mysterien jedoch allein dem Kreise der Nachfolger des großen Meisters kund zu tun; die Priester versiegelten sodann den geheimen Bau und reisten ein jeder wieder nach Hause. Die sieben Türen aber bestanden nach Einigen aus Blei, Elektron, Eisen, Gold für die Sonne, Kupfer für ~Kronos~, Zinn für ~Hermes~, und Silber für den Mond, nach anderen hingegen aus Blei für ~Kronos~, Elektron für ~Zeus~, Eisen für ~Ares~, Gold für ~Helios~, Kupfer für ~Aphrodite~, Zinn für ~Hermes~ und Silber für ~Selene~. [Auf diese Beziehungen wird weiter unten noch zurückzukommen sein.]
c) Heliodoros.