Chapter 20
Während Engelhart dastand und sich wunderte, während ihm graute und während er im Innern weinte, ohne sich zu verhehlen, daß sein Anrecht auf edle Tränen noch verwirkt war, sah er plötzlich den Vater in der stillen Alpenlandschaft wandeln, so wie es jener zugereiste Mensch geschildert hatte. Er sah ihn mit all seinen Gebärden, etwas bedrückt von ungewohntem Alleinsein, doch befremdet und feierlich gestimmt durch den Anblick der Natur und durch das Gefühl der ruhenden Stunden. War es denn nicht seine erste Rast im Leben? War ihm denn nicht jeder grünende Zweig etwas Niegesehenes? Mußte er nicht mit dem Erstaunen eines Kindes Zeuge sein von dem Verschwinden der Sonne hinter Schneegipfeln und dem Aufbrennen der Sterne? Sicherlich hatte sich der Vater bei alledem ein bißchen geschämt und hatte seine Freude für sich behalten aus lauter Angst, daß man Zweifel in seine Bildung setzen möchte. Engelhart begriff dies auf einmal mit einer unerwarteten Schärfe. Immer wieder sah er die untersetzte, tripplig gehende Gestalt über eine Wiese schreiten und mit eigentümlicher Verlegenheit und wachsam verschlossenem Staunen vor sich hin blicken. Dadurch wurde seine Rührung erweckt und seine Tränen konnten fließen. Er erinnerte sich nach und nach an zahlreiche sympathische Züge im Wesen des Vaters, an Dinge, denen er nie zuvor Bedeutung zugemessen hatte, die sich aber jetzt zum eindringlichen Bilde formten und die Ursache waren, daß der Schmerz wie in sichtbaren Flammen um ihn schlug. Er erinnerte sich zum Beispiel, daß er vor Jahren in Würzburg mit dem Vater spazieren gegangen war, daß sie von der Höhe eines Hügels aus den Tönen eines Posthorns gelauscht hatten und daß des Vaters Gesicht plötzlich einen unendlich traurigen Ausdruck gezeigt hatte und daß er rasch die Augen niederschlug, als Engelhart ihn anschaute. Ferner erinnerte er sich, daß der Vater einst zu einem Geschäftsfreund gekommen und daß er vor Entzücken sich kaum fassen konnte, als ein kleiner Hund ihn wiedererkannte und freudig bellend an ihm emporsprang.
Aber all dies war nur eine harmlose Kleinmalerei seiner wachsenden Reue und Schuld. Ein paar Tage später schrieb er an Justin Schildknecht die Nachricht von seines Vaters Tod. »Es kam zu früh,« schrieb er, »nicht allein für ihn, den Frühgealterten, der ein abgehetztes, kleines, elendes, finsteres und unverstandenes Dasein wie durch eignen Entschluß endete, sondern auch zu früh für mich. Ich hatte mich stets höhnisch gewehrt gegen seine Forderung der Dankbarkeit, aber ach, er wollte ja nur in kleiner Münze bezahlt haben, nur almosengleich zurückbekommen, was er mir, ein unermeßliches Kapital, das Leben selbst, geschenkt. Und er meinte ja gar nicht Dankbarkeit, er meinte Liebe. Wenn er 'Dankbarkeit' sagte, so meinte er damit seinen Stolz und seine Scham zu schonen, denn er wollte natürlich lieber Gläubiger als Bettler sein. Freund, ich finde mich in unerhörtem Maße schuldig; ich finde mich so vieler Versäumnisse schuldig, als es Stunden, ja als es Gedanken der Vergangenheit gibt, und wenn viele den Tod als Gleichmacher und Stummacher preisen, so finde ich, er ist ein furchtbarer Unterscheider und gewaltiger Rechner. Trägheit ist meine Schuld, Trägheit hat meine Brust vernietet, und diese aufs Enge und Niedrige gestellte Existenz meines Vaters erscheint mir jetzt inniger an die göttlichen Mächte gekettet als die meine, die anmaßend zu einer eiteln Verkündigung strebt. Wer in der Tiefe seine Unschuld wahrt, ist der nicht größer zu achten als der, der sie in den Höhen verliert? Und das ist es, er hatte Unschuld, alles Üble an ihm, sein kleinmütiges Streben, seine Pfennigangst, sein armer Geiz und Ehrgeiz, es waren nur die Zeichen und Merkmale seiner Unschuld, und ich, wie ich bin und stehe, ich bin der Verräter an dieser Unschuld. Wozu denn alle Hoheit der Empfindung, alle Gaben des Gesichts, da die dunkle Kreatur, aus der ich Wurzel geschlagen, unerkannt neben mir verschmachten mußte? Sühnen will ich, und Gott gebe mir Entsühnungskraft und lasse mich den Weg zu den Menschen finden, den ich schon verloren habe. Vielleicht ist dies meine Bestimmung, den gemordeten Seelen Liebe zu weihen und aus ihnen etwas wie Astralkörperchen zu formen, welche man in jener frostigen Halle aufstellt, in der die Menschheit ihren vielfältigen Geschäftigkeiten frönt. Ich will mich unter sie schleichen und still meine Arbeit suchen.«
Als er diesen Brief geschrieben, verließ Engelhart die Stadt und wanderte weit in die südlich gelegenen Wälder und Hügel. Er dachte während dieses Marsches viel an seine Kindheit und Jugend, und ein seltsamer Reigen bunter Figuren erhob sich, flatterte tänzerisch leicht an seinem inneren Auge vorbei, und er spürte bei ihrem Anblick etwas wie bittersüße Reife. Schließlich setzte er sich ans Flußufer und malte mit dem Stock einige Zeilen in den feuchten Sand:
»Es ist noch dieselbe Sonne, Die derselben Erde lacht; Aus demselben Schleim und Blute Sind Gott, Mann und Kind gemacht. Nichts geblieben, nichts geschwunden, Alles jung und alles alt, Tod und Leben sind verbunden, Zum Symbol wird die Gestalt.«
Bewegten Herzens machte er sich auf den Heimweg, und je mehr er sich wieder der Stadt näherte, je trüber umschleierte sich sein Auge, als ahne er das not- und mühevolle Dasein, dem er zuschritt und das ihm ein nicht weniger strenges Antlitz zeigte, seit er den Preis kannte, um den es seine höchsten Kränze bot. Noch einmal hielt er inne und schaute zurück: der Strom krümmte sich in goldener Flut aus dem Hügelgelände hervor, ein paar schwarze Vögel geleiteten ihn, langsam fliegend, und Mond und Sonne standen zu gleicher Zeit am Himmel.
[Anmerkungen zur Transkription: Dieses elektronische Buch wurde auf Grundlage der 1907 erschienenen Erstausgabe erstellt. Diese erschien in »Deutsche Romanbibliothek«, fünfunddreißigster Jahrgang 1907, Hefte 9-18. Die Umlaute Ae, Oe und Ue wurden durch Ä, Ö, Ü ersetzt. Die nachfolgende Tabelle enthält eine Auflistung aller gegenüber dem Originaltext vorgenommenen Korrekturen.
S. 177: [Doppelpunkt ergänzt] fragte ängstlich: »Ist es wahr S. 177: [Komma ergänzt] Schritte machte, mußte S. 180: [Komma ergänzt] kühl um die Brust, unsicheren Fußes betrat S. 189: [Punkt gelöscht] über einem langhinlaufenden Weg. strahlte S. 190: bereis angegrauten Locken -> bereits S. 193: [Komma ergänzt] die haßartige Lieblosigkeit, die S. 209: das Lebendig-seiende -> Lebendig-Seiende S. 211: erschien sich besudelt und unwert einer Träume -> seiner S. 213: Wiederholung mechanischen Geschäftigkeiten -> mechanischer S. 263: »Ich denke gar nichts,« erwidert er -> erwiderte S. 282: auf das Mitagessen -> Mittagessen S. 286: ein Schreibernatur durch und durch -> eine S. 323: [vereinheitlicht] Aegidienplatz -> Egydienplatz S. 324: den vornehmen Herrn zu pielen -> spielen S. 325: [vereinheitlicht] seine schlecht sitzende Kravatte -> Krawatte S. 367: [fehlende Letter] ein Mann mi nahezu -> mit
Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. Textauszeichnungen wurden folgendermaßen ersetzt:
Sperrung: _gesperrter Text_ Antiquaschrift: #Antiquatext# ]
[Transcriber's Notes: This ebook has been transcribed from the first publication of the novel in "Deutsche Romanbibliothek", 35th volume 1907, issues 9-18. The Umlauts Ae, Oe and Ue have been replaced by Ä, Ö, Ü. The table below lists all corrections applied to the original text.
p. 177: [added colon] fragte ängstlich: »Ist es wahr p. 177: [added comma] Schritte machte, mußte p. 180: [added comma] kühl um die Brust, unsicheren Fußes betrat p. 189: [deleted period] über einem langhinlaufenden Weg. strahlte p. 190: bereis angegrauten Locken -> bereits p. 193: [added comma] die haßartige Lieblosigkeit, die p. 209: das Lebendig-seiende -> Lebendig-Seiende p. 211: erschien sich besudelt und unwert einer Träume -> seiner p. 213: Wiederholung mechanischen Geschäftigkeiten -> mechanischer p. 263: »Ich denke gar nichts,« erwidert er -> erwiderte p. 282: auf das Mitagessen -> Mittagessen p. 286: ein Schreibernatur durch und durch -> eine p. 323: [normalized] Aegidienplatz -> Egydienplatz p. 324: den vornehmen Herrn zu pielen -> spielen p. 325: [normalized] seine schlecht sitzende Kravatte -> Krawatte p. 367: [normalized] ein Mann mi nahezu -> mit
The original book is printed in Fraktur font. Marked-up text has been replaced by:
Spaced-out: _spaced out text_ Antiqua: #text in Antiqua font# ]