Engelhart Ratgeber: Roman

Chapter 19

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Auch diese Erwerbsquelle versiegte mit der dritten Woche. Um das Unheil voll zu machen, wurde die Mietsfrau sehr krank; sie wurde ins Spital geschafft, und Engelhart mußte ein andres Asyl suchen. Er fand ein Zimmer in der Heßgasse über eine Stiege, größer und freundlicher, aber auch teurer als das bisherige. Es war ihm selbst unerklärlich, weshalb er dies tat; aber er hatte das Gefühl, als müßten die Umstände sich bessern, weil er ein besseres Bett gefunden. Die Not, die er litt, machte ihn entschieden traurig und ratlos, aber es war, als könne sie nicht ganz in die Tiefe seines Herzens dringen, wie auch der Sturm nicht bis auf den Grund des Meeres dringen kann. Doch rückte ihm das Ungemach bitter zuleibe. Alles, was er nur im geringsten entbehren konnte, trug er zum Trödler, sogar den alten Reisekoffer, der ihn seit dem ersten Verlassen der Heimat begleitet. Schließlich entäußerte er sich auch des Ringleins, das er einst beim Abschied von Ernestine erhalten. In den ersten Oktobertagen wurde es kalt. In seinem Tagebuch gab Engelhart der Sehnsucht nach einem Ofenfeuer Ausdruck, indem er züngelnde Flammen um ein nacktes Männchen zeichnete. Alles Papier und die alten Zeitungen, deren er habhaft werden konnte, warf er ins Ofenloch und freute sich, wenn es prasselte, an der bloßen Illusion von Wärme. Seine Einsamkeit weckte seltsame Gelüste und Gewohnheiten in ihm. Etwa eine Viertelstunde vom Haus entfernt lag ein Kirchhof. Dorthin war bald sein täglicher Spaziergang gerichtet, und täglich stand er um dieselbe Nachmittagszeit vor dem Fenster des Leichenhauses, um die drinnen aufgebahrten Toten zu betrachten. Die Särge lagen offen nebeneinander, schräg gegen die Erde gestellt, so daß es aussah, als ob sich die starren Körper, wenn nur noch ein Fünkchen Wille in ihnen brannte, mühelos erheben könnten, oder als ob sie auch von selbst diesen Ort aufsuchten und verließen, um über Nacht wieder andern den Platz zu räumen. Engelhart war jedesmal neugierig, welche Gesichter er heute sehen würde, und er studierte in den des Lebens beraubten Zügen alle Offenbarungen des Leidens. Die niedrigen Begierden hatte der Tod nicht auszulöschen vermocht, manche faltenvolle Stirne war von Habsucht und Bosheit zerpflügt, mancher Mund schien von Wut zusammengepreßt, daß er verstummen gemußt, ehe das Ziel eines gemeinen Ehrgeizes erreicht war. Engelhart konnte sich oft kaum trennen von dem Anblick der Leichengesichter, er erschien sich wie ein Wächter, hingestellt auf die Brücke zwischen Lebenden und Toten, mit heimlichem Triumph und befriedigter Rache Zeugnisse der Vergänglichkeit sammelnd. War ein Antlitz unter den Toten, das in besonderer Weise auf ein Leben der Tücke, Trägheit und Lüge hinwies, so forschte er nach dem Namen und der Stunde der Beerdigung, folgte als letzter Gast dem Leichenzug und lauschte mit wunderlich glänzenden Augen den Lobpreisungen des Geistlichen und der Freunde. An den Fenstern des Leichenhauses schärfte er seinen Blick für die Eigenschaften des menschlichen Herzens, und es ging so weit, daß er auf den Gesichtern der Lebenden, die an ihm vorüberwandelten, die Züge seiner Toten wiederzuerkennen suchte und mit grausamer Lust alles erstickte, was von Liebeswünschen in seiner Seele wohnte. Dies Treiben setzte er so lange fort, bis er eines Tages ein junges Mädchen aufgebahrt sah, dessen Anblick ihm Tränen in die Augen trieb. Es war ein herrlich schönes Kind von gleichsam nur hingeträumter Gestalt, und die Wangen waren wie aus Abendröte geformt; die Haare schienen noch lebendig und flossen unruhevoll unter dem Myrtenkränzchen hervor. Engelhart blickte mit Liebe auf das fremde Wesen, plötzlich erwachte eine stürmische Begierde nach Musik und trieb ihn am Abend vor das Odeonsgebäude, aber sein Ohr fing nur ein paar matt verschwebende Harmonien auf.

In den Nächten war es nun so, daß er vor Hunger nicht schlafen konnte und in das Kissen biß; daß er aufstand und das Fenster öffnete, um den Frost zu spüren, um durch die heftige neue Empfindung die alte schleichende zu betäuben. Zwar dachte er jeden Morgen: 'Jetzt bist du der Wandlung um einen Tag näher, schlimmer darf es nicht werden, und zugrunde gehen wirst du nicht,' doch es war, als verdopple sich seine Verlassenheit, und es kam vor, daß er, in seinem Zimmer sitzend, die Türe nicht zuschloß, damit ein zufällig Vorbeigehender hereinschauen konnte. Plötzlich setzte er sich hin und schrieb an Schildknecht nach Zürich, zerriß den Brief, schrieb wieder, versteckte fast gauklerisch seine Not hinter den Zeilen, und während die Feder über das Papier lief, sammelte sich unter dem Gaumen Bitterkeit. Es war hauptsächlich von den Tränen am See die Rede und von dem, was damit zusammenhing und was nun ein melancholisches Bildchen wurde mit Blitzen, die über den Nachthimmel zuckten und einer Walzermusik vom Hause her.

Den Brief warf er unfrankiert in den Kasten, und er wußte jetzt, daß er seine einzige und letzte Hoffnung trug. Zwei Tage später kam Schildknechts eilige Antwort und zugleich eine Summe von fünfundsechzig Franken bar. Der gute Mensch hatte alles begriffen, und der Schreck war ihm in die Glieder gefahren. Es war auch höchste Zeit; Engelhart lief nach Brot, der Krämer borgte schon seit einer halben Woche nicht mehr. Erst als er sich gesättigt hatte las er Schildknechts Brief -- ohne eigentliche Dankgefühle, eher staunend, daß noch eine Hand in der Welt sich für ihn regte. Schildknecht schrieb, daß er nun wieder eine auskömmliche Stellung gefunden habe, auch in der Heimat stünden seine Angelegenheiten gut, und er werde wohl demnächst heiraten. Den Vorwurf bösen Trotzes könne er Engelhart nicht ersparen, denn daß er keinen besseren Freund auf Erden habe als ihn, Justin Schildknecht, hätte er wissen und nie vergessen dürfen, auch wenn er ihm in desperater Laune einmal den Kopf gewaschen habe. Und was die Tränen am See anlange, so hoffe er dafür noch etwas recht Großes für Engelhart zu tun, er möge daher nicht danken für die erbärmlichen paar Goldstücke, sondern seinerseits sich weiterhin als Gläubiger betrachten. »Ich habe kein Talent zum Judas,« schloß der herzliche und ehrliche Brief, »und wenn ich auch nicht leugne, daß einer, der den Gott in sich spürt, einmal beim Satan gewesen sein muß, so möchte ich doch lieber selbst im Fegefeuer braten, als nur ein einziges Scheit Holz für einen Freund dazu herschleppen. Ihnen, lieber Ratgeber, wird sich eines Tages jählings dieselbe Welt zu Diensten geben, die sich jetzt so grausam verschließt. Dann werden Ihre jetzigen Leiden die bunten Gläser sein, durch welche Sie zurückblicken auf die Zeit, in der Sie sich noch ganz und gar besaßen, vielleicht sehnsüchtig werden Sie zurückblicken und werden ein wenig Dämmerung begehren, wenn überall das grelle Licht Ihrem Inneren nicht mehr mühelos zu träumen erlaubt. Sie werden gezwungen sein, aus dem Blut Ihrer Wunden Bilder zu malen, die man auf den Markt schickt, und das wird weh tun, und schließlich werden Sie das eigne Herz zu einem Marktplatz machen, wo Freundschaft und Liebe feilgeboten wird, und auch das wird weh tun, nicht Ihnen, sondern uns, mir, dem Freund.«

Engelhart ließ einige Tage verstreichen, in denen er angelegentlich über Schildknechts Worte nachdachte. Dann antwortete er folgendes: »Im Augenblick der größten Bedrängnis haben Sie ihre Hand nach mir ausgestreckt, lieber Freund, ich konnte Ihre Hand ergreifen und war gerettet. Die Tat soll Ihnen unvergessen bleiben, denn sie ist die Brücke, die mich wieder zu den Menschen führt. Wahrhaftig, ich habe schon verlernt, wie man mit Menschen spricht und wie man ihnen in die Augen sehen soll. Sie geben mir Hoffnung, daß alles, was ich jetzt erlebe, einst eine köstliche Speise für meine Erinnerung sein und daß dieses nun so Bittere dann süß schmecken wird. Aber was hilft es dem zum Krüppel geschlagenen Soldaten, wenn ihm später die Aufregungen der Schlacht herrlich dünken? Und daß ich zum Krüppel gemacht werde, zum Krüppel an Herz und Seele, das fürchte ich. Wir wollen uns doch nicht mit Redensarten trösten und jede Not zur Notwendigkeit stempeln. Einer Bestimmung zu leben ist ja schön, aber wo ist meine Bestimmung? Ich sehe sie nicht, ich fühle sie nicht. Jeder Straßenkehrer scheint mir mehr Bestimmung in sich zu tragen als ich, der ich ein von allen andern gemiedenes und wahrscheinlich mit Recht gemiedenes Zufallsgeschöpf bin. Was mich oft in seltenen Stunden beseligt, scheint mir widersinnig und haltlos, als ob man Nebeldunst an eine Spindel heften wollte, um Faden daraus zu drehen. Es ist ein treuloses Spuk- und Phantasietreiben, mit dem man sich selber um den besten Teil der Menschlichkeit betrügt. Doch ich kann nicht anders! Jetzt bin ich schon so weit verschlagen, daß ich nicht mehr weiß, wo es nach vorwärts und wo es nach rückwärts geht. Es ist ja auch gleich, denn die Welt ist rund. Wie dem aber sei, Sie haben redlich an mir gehandelt, teurer Schildknecht, als ein wirklicher Schildknecht haben Sie sich gezeigt, und von den bewußten Tränen am See soll nun nicht mehr die Rede sein. Ich war zu angespannt damals und zu sehr auf Ihr Wohlwollen angewiesen, ich hatte die übertriebensten und ungesundesten Vorstellungen von Freundschaft. Das ist nun vorüber. Was soll es auch heißen, sich an einen einzelnen zu binden, den man doch verlieren muß? Freundeswege müssen sich immer dort trennen, wo Herz dem Herzen gar zu nahe kommt, vielleicht Menschenwege überhaupt. Gleichgesinnte Geister finden sich doch immer wieder und werden aus eigenstem Interesse gegeneinander und gegen die Welt wirken, das übrige scheint mir auf schwächliche Empfindsamkeit hinauszulaufen. Man kann ja nicht einander um den Hals fallen, und so wird der Freund allmählich zur Surrogatfigur und muß enttäuschen, weil er ein Geschöpf der Sehnsucht aus ganz andern Bezirken ist. Nicht so ist es mit den Frauen, aber darüber habe ich nie mit Ihnen zu sprechen gewagt und will es auch jetzt nicht. Immerhin sollen Sie wissen, daß sich oft mein Inneres in einer ungeheuren Erwartung preßt und weitet und daß es Stunden gibt, wo ich wie in einem feurigen Fieber meine ganze bisherige Existenz als ein dunkles Hinströmen gegen eine noch unsichtbare Gestalt empfinde, die zu mir gehört wie der Morgen zur Dämmerung. Das mag eine ebensolche Illusion sein wie die von der Freundschaft, und sicher wird man eines Tages auch aus diesem Lügengarn sich wickeln, um eben kurzweg und einfach seinen Mann zu stellen, aber eine gewisse Summe von Leben und Erleben, von Umfassen und Sichlösen ist wohl nötig, damit man zu sich selber erwachen kann. Mit meinem Vater bin ich nun vollends auseinander, und ich bin froh, daß dies beschwerende Verhältnis aus meinem Dasein hinausoperiert ist. Ich bin sein Fleisch und Blut, aber nicht sein Geist und Herz, und das hab' ich stets sehr zu büßen gehabt. Nun leben Sie wohl, Freund, und bleiben Sie mir gut.«

In dieser Zeit begann Engelhart sehr unter nächtlichem Traumwesen zu leiden. Zumeist träumte er Landschaften, doch in so unheimlicher Beleuchtung und Farbe, daß ihm angst und bang dabei ward. Oder er träumte, daß er sich in einer großen Gesellschaft von Leuten befand, die er gut kannte, von denen ihn aber keiner beachtete; sie mieden ihn, und wenn er dicht vor jemand hintrat, so schlug dieser die Augen nieder. Schmerzlich schloß er die Demütigungen in sich ein, nahm sich aber vor, bei Tisch eine Rede zu halten und, in das Gewand einer Parabel gekleidet, den Leuten ihre Niedertracht zu bedenken zu geben. Während er noch an den Worten herumzupfte, die er wählen wollte, erhob sich ein andrer und sprach solch sinnlos-witzelndes Zeug, daß alle lachten und zugleich schadenfroh auf Engelhart starrten. Oder er träumte, sein Zimmer befinde sich über dem Hof eines gewaltigen Hammerwerks. Er sieht, hört, spürt den Hammer, während er schläft. Plötzlich erschallen furchtbare Rufe: 'Zu Hilfe! zu Hilfe!' Man trägt ein Mädchen mit zerschmetterten Gliedern herein. Eine seltsame Leidenschaft zu der Toten durchdringt ihn bis zu den Fingerspitzen. Auf einmal wird sie lebendig, zu gleicher Zeit wird aus dem Zimmer ein riesengroßer Saal. Er will mit dem Mädchen, das sehnsüchtig begehrend nach ihm blickt, allein sein und die Türen schließen. Aber während er eine Türe zumacht, springen immer fünf, sechs andre auf, und fremde Leute huschen schattenhaft vorüber. Sein Zorn, sein Gram, seine Ungeduld werden ins unerträgliche gesteigert, schließlich will er jenes Frauenzimmer liebkosen, da verschwindet sie hämisch lächelnd durch ein Loch in der Mauer.

Seine Tage, in halber Untätigkeit verbracht, füllten ihn mit der unbestimmten und brennenden Empfindung einer Schuld. Die andauernde Absonderung von den Menschen gewährte keinerlei Befriedigung, sie gab nur Unruhe und einen dünkelhaften Schmerz. Die Träume des Schlafs wucherten gleichsam nach außen, und er sah Erscheinungen am hellichten Tage, hörte Stimmen, die ihn ermunterten, und hatte Augenblicke einer sonderbaren tiefen Verlorenheit, wo Angst und Freude beinahe gleichzeitig sein Herz zusammendrückten. Er fand ein Vergnügen daran, vor dem Spiegel sein eignes Gesicht so lange zu betrachten, bis er in eine Art von Verliebtheit geriet. Wie ein aus dem Erdreich gerissener Baum samt Wurzeln und Blattwerk schwamm er auf einer trüben Flut ins Ungewisse hinaus, und an den Ufern standen viele Zuschauer feindselig schweigend. Häufiger als jemals, auch in dem Traumtreiben, tauchte die Gestalt des Vaters auf, niemals wohlwollend, sondern ärgerlich, mürrisch, schimpfend, unzufrieden und hart; Engelhart aber nahm eine vorwurfsvolle, ja fast frohlockende Haltung an, als wolle er sagen: So weit hast du es kommen lassen. Ferner sah er den Vater, wie er gierig beim Mittagessen die Suppe hinablöffelte, und das erweckte seinen Widerwillen, oder wie er vor sich hinschmunzelte, wenn ihm endlich einmal ein Geschäft geglückt war. Engelhart erinnerte sich, wie der Vater einst mit nervös zuckendem Gesicht von dem Verlust einiger Groschen gesprochen hatte; irgendeine Spesenrechnung war von der Direktion nicht anerkannt worden, und Engelhart sah, wie der Vater dastand, den Hut etwas schief auf dem Kopf und den einen Arm auf den Regenschirm gestützt, und während er beleidigt und empört den Hergang erzählte, rieb er den Zeigefinger unablässig und mit krankhafter Schnelligkeit an dem silbernen Ring des Schirmstocks. Dies hatte Engelhart damals unangenehm und peinlich berührt, es war ihm niedrig erschienen, sich einiger Pfennige wegen so zu erhitzen, auch jetzt dachte er ohne Wohlwollen daran, dennoch lag in dem Vorgang etwas Schweres und Bedeutungsvolles, ja Rätselhaftes.

Eines Abends verließ der Einsame, Ruhelose kurz vor Mitternacht seine Behausung, in welcher ihn mit der vorrückenden Stunde eine immer größere Bangigkeit gequält hatte. Nach mancherlei Herumirren geriet er in ein verödetes Café, und während er mit dem Eifer, den Leerheit und Rastlosigkeit erzeugen, die Zeitungen las, setzte sich ein Mann an denselben Tisch, wo er saß, trotzdem die meisten Tische rings frei waren. Der Mann hatte ein ziemlich gewöhnliches Gesicht; er hatte einen rötlich braunen Vollbart und trug eine goldene Brille. In seiner Scheu vor Menschen vermied es Engelhart, sein Gegenüber anzuschauen, plötzlich spürte er jedoch, daß der andre mit unverschämter Beharrlichkeit seine Blicke auf ihn gerichtet hielt. Dies wurde lästig, er stand auf, holte eine andre Zeitung und setzte sich an einen andern Tisch. Es dauerte nicht lange, so stand der Fremde gleichfalls auf und setzte sich Engelhart neuerdings gegenüber. Dieser hob erblassend den Kopf und erschrak vor dem verschwommenen, flüchtigen und zugleich klammernden Blick des Mannes. Der Unbekannte hatte den Hut aufbehalten, und er löffelte mit tückischem Lächeln in einem Wasserglas, in das er Zucker geworfen hatte. Es ist ein Detektiv, ein Spion, fuhr es Engelhart durch den Sinn; es war ihm nicht anders, als habe er ein großes Verbrechen begangen und man sei ihm auf der Spur. Er fühlte sein Blut eiskalt werden und überlegte, wie er sich aus der entsetzlichen Lage befreien könne; das Beste schien, mit dem unheimlichen Menschen, ohne Befangenheit zu zeigen, anzuknüpfen, er äußerte also irgendeine Redensart über das Wetter. Der Mann antwortete nicht, sondern zog statt dessen ein kleines Notizbuch aus der Tasche und blätterte darin, wobei ein kaltes spitzes Lächeln seinen Mund bewegte. Tief erregt im Innern, doch in sein Gesicht einen heuchlerisch-interessierten Ausdruck zwingend, beobachtete Engelhart dies und ließ keine Bewegung des Menschen außer acht, als müsse er einem Überfall zuvorkommen. Um seinen Aufbruch vorzubereiten und den andern über den Grund zu täuschen, stellte er sich müde und verschlafen und guckte gähnend nach der Wanduhr, aber das Antlitz seines Gegenübers wurde immer feierlicher und haßerfüllter, plötzlich warf Engelhart seine Zeche auf den Tisch, packte seinen Mantel und verließ beinahe laufend den Raum. Ohne den Mantel zuzuknöpfen, rannte er auf der dunkeln Hälfte der mondbeschienenen Straße hin. Da hörte er Schritte hinter sich, er duckte den Kopf und verdoppelte seine Eile. Um den Verfolger irrezuführen, schlug er eine falsche Richtung ein und beschrieb einen ungeheuren Kreis, bevor er es wagte, dem Haus, in welchem er wohnte, zu nahen. Schweißnaß und atemlos kam er heim, und erst als der Morgen graute, verlöschte er die Lampe und schlief ein. Diesmal hatte er keinen Traum von bestimmtem Umriß; es sickerte nur durch seinen Schlaf das Bewußtsein von der Lächerlichkeit seines Tuns und der Unmännlichkeit seiner Haltung. Dann wuchs eine graue Wand aus einem Abgrund empor, und es rief eine Stimme:

»Und an die Wand, und an die Wand Da malt des Schicksals Schattenhand Die Zeichen des Verderbens hin.«

Darauf erblickte er sich selbst, über einen Brief gebeugt, der an Michael Herz gerichtet war, und er sah die Worte: »Ich bin kein Kaufmann, ich bin Bergmann, ich bin Arzt,« und diese Begriffe: Bergmann, Arzt schienen ihm bedeutend und beweiskräftig. Mit brennendem Durst erwachte er jählings und richtete sich auf. Trotzdem es Tag war, war das Zimmer düster vom Nebel, der draußen lag. Das Verlangen nach Licht mischte sich in seinem Gehirn seltsam mit der Begierde nach Wasser; er nahm Sturz und Zylinder von der Lampe, schraubte die Krone ab, ergriff nun aber das ölgefüllte Gefäß und setzte es an die Lippen, um zu trinken. Der Petroleumgeruch brachte ihn zur Besinnung, er schlug die Hände zusammen, warf sich wieder aufs Bett und fing an zu weinen.

So war es nun mit seinem Leben beschaffen.

Da geschah es um die Dämmerungsstunde dieses Tages, daß ihn ein Ungefähr in die Nähe der väterlichen Wohnung brachte. Eine Weile schlich er scheu und verdrossen vor dem Tor im nassen Nebel herum, endlich nahm er sich zusammen und stieg die Treppen empor. Er glaubte seinen Vater zu riechen, jene merkwürdige Mischung von Zigarren- und Schreibstubengeruch, die ihm seit der Kindheit vertraut war. Weil auf sein wiederholtes Läuten niemand erschien, ging er erleichtert wieder davon und glaubte eine Pflicht erfüllt zu haben. Doch am folgenden Tag trieb es ihn abermals hin. Diesmal war Frau Ratgeber zu Hause; sie empfing ihn nicht freundlich, nicht unfreundlich, lud ihn ins Wohnzimmer und erzählte ihm, daß der Vater sich auf einem Erholungsurlaub im Gebirge befinde; der Arzt habe ihn hingeschickt, denn er leide an einer frühzeitigen Verkalkung der Gefäße. Frau Ratgeber war redseliger als sonst, offenbar suchte sie sich über ihre Besorgnis hinwegzuplaudern. Sie setzte ihrem Gast sogar ein Gläschen Likör vor und nahm das Glas von dem feinen Service, das seit Jahrzehnten unberührt im Schranke stand. Engelhart, ziemlich betroffen über die Ehre, die ihm widerfuhr, fragte, wie lange der Vater schon abwesend sei. Nicht länger als eine Woche, war die Antwort, aber er befinde sich so wohl dort, daß er ganz überschwengliche Briefe schreibe. 'Das hat er immer gekonnt,' dachte Engelhart, und sein Gesicht verdüsterte sich, 'überschwengliche Briefe, das war seine Stärke.'

Er kam öfter. Das Eigentümliche war nun, daß ihm die Frau nach dem Mund redete, und da er den Zweck, den sie verfolgte, nicht sehen konnte, wurde ihm bisweilen unheimlich. Sie beklagte ihr Leben und das des Vaters, aber sie stellte sich dabei doch ins Licht und den Mann in den Schatten: er habe sich nie etwas versagt, er sei doch immer mit allem fertig geworden, er selbst war doch immer die Hauptperson. »Ich, ich, das ist das Ratgebersche Wort,« zischte sie mit schlecht verborgenem Haß. Engelhart graute es bei dem Gedanken, daß der Vater in einer solchen Luft von Lieblosigkeit atmete, doch dachte er: 'Sie muß ihn am besten kennen, da sie dreizehn Jahre mit ihm gelebt.' Eines Tages erschien während seiner Anwesenheit ein Fremder, ein netter junger Mann, der in dem Alpenkurort mit Herrn Ratgeber beisammen gewesen war und einige Aufträge von ihm überbrachte -- aus bloßer Sympathie und Gefälligkeit. Dünkte es Engelhart schon verwunderlich, daß irgendein Mensch in selbstloser Zuneigung etwas für seinen Vater unternahm, für diesen Mann der Geldsucht und der scheuen Abkehr von allen freien menschlichen Beziehungen, so erstaunte er noch weit mehr über die Erzählungen des Besuchers. Mit liebenswürdigem Pathos berichtete der junge Mann, daß Herr Ratgeber ganz benommen sei von der Schönheit der Landschaft und daß er mit einem Gesicht durch die Wälder streife, als hätte er Bäume nie zuvor erblickt; daß er stillvergnügt an seinem Plätzchen sitze, wenn die Kurkapelle ihre Stücke aufspiele, und daß er sogar eines Abends im Hotel eine ältere Dame zum Tanz aufgefordert habe. Alles erscheine ihm schön, mit allem sei er zufrieden und über alles Ungewohnte sei er erstaunt wie ein Kind.

Frau Ratgeber hörte mit sauersüßem Lächeln zu und sagte: »Ich glaube, ich glaube, so eine Erholung täte mir auch gut.« Kaum war der Fremde fort, so kam ein Brief vom Vater, in dem er seine morgige Ankunft meldete; die Direktion habe die Verlängerung des Urlaubs nicht gestattet, außerdem sei ihm nicht ganz wohl und er fürchte den Gedanken, sich vielleicht fern vom Hause krank hinlegen zu müssen. Dann kam ein wehmütig-zurückschauendes Lob der Gegend, der Ruhe, der Sonne.

Den nächsten und den übernächsten Tag ging Engelhart wieder seine einsamen Wege; war es Trotz oder Scham oder Stolz, er brachte es nicht zu dem Entschluß, sich dem Vater zu zeigen. Am Morgen des dritten Tages, während er noch im Bette lag, ward an seine Tür gepocht, er schlüpfte rasch in die Kleider, öffnete, das verzerrte Gesicht eines Weibes streckte sich ihm entgegen, kreischte: »Ihr Vater! Ihr Vater!« und verschwand wieder. Eine Viertelstunde später war er dort im Haus, schritt mit bleiernen Füßen durch den Korridor und die Küche in das erste Zimmer, wo, aschfahl anzusehen, Frau Ratgeber stand und mit starrer Bewegung auf das Bett wies. Engelhart erblickte ein großes blutbeflecktes Leintuch, welches eine menschliche Gestalt bedeckte. Er hob das Tuch an einem Ende auf und zog es weg, und es lag ein aufgeschwemmter Körper da, ein Mann mit nahezu unkenntlichem Gesicht, den Mund, der nie hatte sprechen können, verdeckt unter eisgrauem Schnurrbart und unabgewischtem Todesschaum, die Stirn gleichsam zerschmettert, die Fäuste geballt, die Füße krampfhaft an das untere Brett der Lagerstatt gedrängt -- nie vergaß Engelhart dies furchtbare Bild einer letzten Energie, eines letzten verzweifelten Schrittfassenwollens.