Engelhart Ratgeber: Roman

Chapter 14

Chapter 143,679 wordsPublic domain

Amöna hatte ihn zu liebkosen versucht; sie ließ nun ab und setzte sich bleich und stumm auf den Rand ihres Bettes. Sie warf einen schnellen Blick in den Spiegel, der nebenan an der Wand hing, und ihr Gesicht hatte einen herausfordernden, wild-verächtlichen Ausdruck. Dann ging eine ganze Kette von Veränderungen in ihrem Gesicht vor; die Züge erschlafften, unter den gesenkten Lidern hervor sickerte eine hohle Müdigkeit über Wangen und Mund, über den Leib flog ein Schauder, sie warf sich quer über das Bett und seufzte aus furchtbar bedrängter Brust. Engelhart war sehr bestürzt darüber, was er da angerichtet, er hätte es gern wieder ungeschehen gemacht, aber das war nun vorbei. So stand er auf, ging zur Türe und sagte schüchtern gute Nacht.

Draußen regnete es noch in Strömen, wie Peitschenschläge klatschte es aufs Pflaster. Indes er unter dem Toreingang wartete und den Hutrand herunterstülpte, weil das Wasser vom Pfosten ab und ihm ins Gesicht spritzte, löste sich aus der Dunkelheit der gegenüberliegenden Mauer eine Gestalt und kam rasch auf ihn zu. Es war Franz Klewein. Engelhart erschrak. Klewein trat dicht vor ihn hin, ergriff mit beiden Händen seine Rechte und mit schlotternden Kinnladen murmelte er: »Mensch! Mensch!« Es war nichts Tobendes in seiner Stimme, nur Schmerz und leidenschaftliche Bewegtheit. Engelhart befand sich jedoch in wunderlicher Lage; er konnte jenem nicht sagen: das, was du fürchtest, ist nicht geschehen, denn es gibt eine Männereitelkeit, die stärker ist als jedes Gefühl von Sünde.

Klewein schien es auch als ein Fatum zu nehmen. Ja, er behandelte Engelhart herzlicher als vorher und suchte im übrigen wieder Peter Palms Gesellschaft, die ihm immer unentbehrlicher wurde; sie beschäftigten sich nach alter Gewohnheit damit, Höhlen zu bauen und andrer Leute Vorratskammern zu plündern.

Es begann damals ein neuer Wind durch die Zeiten zu wehen; vieles zerbarst, was bislang in unantastbarer Scheinherrlichkeit gestanden, ein Frühling des Gedankens war es, ein März der Hoffnungen, mit Fug durfte man Gewohntem mißtrauen, es brachen Blüten auf, so fremdartig, daß müde Augen sie für Traumgebilde nahmen, es war wieder einmal freier zu atmen und mancherlei stand im Wachsen. Engelhart spürte es in allen Fasern und wußte nicht, wohinaus damit; ein heftiges, blindes Wollen machte ihn unfähig, dem Augenblick, der gegenwärtigen Stunde genugzutun, seine Sehnsucht schien ihm doch nicht die rechte zu sein, da sie ihn nicht an die rechte Stelle führte. Jene aber, an die er sich drangvoll anschloß, taten, als wüßten sie von nichts. Wenn der Sturm brauste, sagten sie: »Ach was, das Fenster schließt wieder einmal nicht«, und statt die Richtung zu deuten, machten sie sich über die Wetterfahne lustig. Sie verwühlten sich, und um nichts zu sehen, wenn es am wetterträchtigen Himmel leuchtete, schlossen sie krampfhaft die Augen und schrien: Es ist finster. Engelhart, in jeder Weise allzu intensiv auf Menschen angewiesen, ward um sein Lauschen betrogen und etwas Arges, Schmähliches kam über ihn.

Mit dem trotzigen Entschluß zur Verworfenheit, gleichsam mit verhängtem Gesicht und aufgerissener Brust hatte sich Klewein in ein lasterhaft-ausschweifendes Treiben gestürzt. Der Baron, ebenfalls ein Mensch, der das Leben dort suchte, wo andre es wegwarfen, unterstützte ihn, Barbeck machte den lüsternen Neugierigen und Peter Palm sprach von sozialwissenschaftlichen Forschungsreisen, damit die Sache ein Mäntelchen habe. Es mußte alles ein Mäntelchen haben, jeder Mann und jedes Ding. »Kommen Sie, Freundchen,« sagte er zu Engelhart, als dieser einmal schmerzlich zögerte, »die verlorenen Söhne gehören zu den verlorenen Töchtern.« Sie traten in ein Haus, auf dessen Steinschwelle sich eine Lache geronnenen Blutes befand; daneben lag ein zerschnittener, halbverfaulter Apfel.

Aus schmutzigen Kneipen lasen sie verwahrloste Frauenzimmer auf und zogen mit ihnen umher. Am Abgrund taumelnde Wesen waren es, die mit Lust den letzten Funken der Unschuld in ihrer von Leiden durchpflügten Brust verschütteten. Engelhart ward seinem Mitleid und seinem Abscheu ein Spielball. Ihre Gesichter erschienen ihm im Traum und glichen den offenen Gräbern für alle Hoffnungen des Lebens. Aber die Dirne ist vogelfrei, sie steht außerhalb der Welt, sie ist kein Weib mehr, sie ist die Kreatur schlechtweg, sie fordert keine Scham heraus, sie ist pflichtenlos und legt niemandem eine Pflicht auf.

Engelhart wußte, was er beging. Wie der Geldborger den besten Freund fliehen und fürchten lernt, dem er verschuldet wird, so geht es auch dem, der sein eignes Herz zum Gläubiger macht; er findet einen unerbittlich stumm mahnenden Feind in ihm. Je mehr Engelhart sich mit Schuld bedeckte, je mehr betörte er sich mit dem Traum einer großen Erlösung. Er sah das Weib in seiner schmachvollsten Niedrigkeit und baute innerlich ein Gebilde von unnennbarer Keuschheit, eine Gespielin der Götter. Daß Engelhart, so für die Liebe geschaffen wie keiner, gerade an ihr zum Frevler werden mußte und zum immer wissenden Frevler, zum sühneerwartenden; seine Jugend hinwerfen mußte, das verirrte Gefühl nicht bewahren konnte, im Wahnwitz der Ungeduld um ein Ziel und eine Bestimmung alles von sich werfen mußte, was ihn stark und rein erhalten konnte!

Es war eine Septembernacht, der Morgen ließ schon die Giebel der Häuser erblassen, da ging Engelhart mit wunderlicher Langsamkeit, die Hände vor das Gesicht gedrückt, Schritt für Schritt seiner Wohnung zu. Er mochte nicht emporblicken, die schwarzen Fenster der Häuser wurden ihm zu Augen, wie die Augen von Dirnen traurig und leer. In dieser Stunde der Verzweiflung begegnete ihm jener Justin Schildknecht, den er durch Barbeck kennen gelernt und den er seitdem nicht wiedergesehen hatte. Er hatte die Hände vom Gesicht genommen, als der halb Unbekannte vorüberging, und sah ihm unwillkürlich nach. Plötzlich drehte sich Schildknecht um, kam wieder zurück, sie wechselten ein paar Worte, auf einmal fühlte Engelhart wie durch einen Zauberschlüssel sein Inneres aufgeschlossen, sie gingen miteinander weiter, redeten, redeten, Verwicklungen lösten sich, Nebel entschwebten, der Himmel wurde licht, Engelhart fand sich so herrlich verstanden, zärtlich beruhigt, endlich ein hörendes Ohr, ein sehendes Auge, ihm war, als steige er aus Bergwerksschächten empor, und als sie sich trennten, besaß er einen Freund.

Elftes Kapitel

Justin Schildknecht trat als Prediger und Reformator in den Lebenskreis Engelharts. Dies und dies ist ganz verkehrt und jetzt werden wir die Sache so und so anfassen, sagte er; Engelhart wußte, wie verkehrt alles war und wo das Rechte lag, und war doch entzückt, es mit Worten zu vernehmen. Bisher hatte niemand sich die Mühe genommen, ihm einen Weg zu weisen, als ob es gleichgültig sei, wohin er ging, da er nicht stille hielt vor der Krippe, wo sie ihn haben wollten. Schildknecht aber sagte: »Du gehörst ja gar nicht an die Krippe in den Stall, du gehörst hinaus in die Welt, du gehörst der Welt und gehörst dir selbst.« Das machte Engelhart sicher wie einen, der lange Zeit ein von der Behörde nicht konzessioniertes Geschäft betrieben hat und nun den Erlaubnisschein vom Minister selbst erhält.

Zunächst heißt es sich von Peter Palm und seiner Sippe losmachen, erklärte Schildknecht. Nichts schien leichter; Engelhart dachte: 'Ich meide die Gesellschaft und alles ist in Ordnung.' Aber wenn die Stunde kam, trieb es ihn an die gewohnte Stätte, als wäre sein Blut vergiftet von der Luft dort, von den Blicken, Worten und Zeichen, von all dem Nichts, und fände nicht eher Ruhe, bis es wieder Gift genossen. Auch lag in seiner Natur eine gewisse sinnliche Treue gegen Menschen, denen er einmal nur den geringsten Teil seines Herzens geschenkt, und er verstand es nicht, irgendein Band, das ihn fesselte, wenn auch verderblich fesselte, unbekümmert zu zerschneiden. Er schleppte immer sämtliche Überbleibsel aller Beziehungen zu Menschen schwerfällig hinter sich her.

Dazu kam, daß Peter Palm plötzlich Besitzrechte an Engelhart geltend machte wie an einen Sklaven, der die Freiheit will. Engelhart nahm das sehr ernst. Er erachtete sich für gebunden, ihm schien, als ob ein Vertrag ihn feßle. Daß Schildknecht um dessentwillen nicht an ihm irre ward und hinter der schwächlichen Handlung das verzagte Gemüt spürte, das war ein schöner Zug an ihm. Er folgte Engelhart; er ließ sich zum Schein selbst von den Fäden umgarnen, aus denen er ihn lösen wollte, zog nächtelang mit umher, und wenn sie dann allein waren, redete er ihm gütig zu und riß den Flitterschleier von dem genialischen Unwesen.

Schildknecht wohnte mit seiner Mutter in einem uralten Hause am Egydienplatz. Über dem Tor war der Körper eines aufhorchenden, im Lauf stillestehenden Windspiels in Stein gemeißelt. Schildknechts Wesen und Erscheinung erinnerten sehr an dies Sinnbild nervöser Wachsamkeit. Er war reizbar und scheu wie ein eingesperrtes Tier. Einmal führte er Engelhart in ein leeres Zimmer des Hauses, wo das Bildnis seines Vaters hing. Engelhart empfand beinahe Furcht vor dem schwarzbärtigen Gesicht mit den durchdringenden Augen und beneidete dennoch den Freund, über dessen Leben eine so verehrungswürdige und gewaltige Erscheinung thronte. In seiner behaglich-breiten und schnörkelhaft-abschweifenden Manier erzählte Schildknecht, wie sein Vater im Revolutionsjahr in die Bürgerversammlung gekommen war und wie der Anblick seiner majestätischen Person genügte, um die Zwieträchtigen eines Sinnes zu machen. Aber die Erinnerung an diesen Mann, die Rückwirkung einer tyrannischen und klösterlichen Erziehung beirrte Justins bis zur Schmerzhaftigkeit empfänglichen Geist mehr, als sie ihn festigte.

Er war Entwurfzeichner für eine chromolithographische Anstalt und verdiente ziemlich karg sein Brot. Der Kopf war ihm voll von Plänen und Ideen, die ihn in seinem engen Lebenskreis umherpeitschten, und er fand nicht den Weg in die große Welt. Vielfaches Mißlingen hatte ihn argwöhnisch gemacht und die Kleinlichkeit seiner Umgebung benahm ihm den Atem. Er war verlobt mit einem schönen Mädchen aus wohlhabender Familie, die Eltern der Braut wollten von einer Heirat nichts wissen, solange Schildknecht ohne sichere Stellung war. Zwei Schwestern, giftige Schlangen, nur im Neid vegetierend, trugen schmutzigen Klatsch ins Haus, machten die Braut zum Aschenbrödel, häuften die Erbitterung. Schildknechts Vergangenheit wurde böswillig durchforscht, anonyme Briefe tauchten auf, das Verhältnis mit der Geliebten wurde zur Qual. Schildknecht war zu stolz, sich zu rechtfertigen, aber die Unbill verzehrte ihn. Wochenlang durfte er dem Mädchen nicht nahen, dann hielt er sich geflissentlich fern. Engelhart sah einmal das junge Ding, verschüchtert ging sie daher, doch gleich Beatrice »macht' ihr Anblick jedes Ding bescheiden«, und in ihrem Gesicht lag ein holdes Ertragen. Schildknecht sprach selten von ihr und nur in Andeutungen, denn in allem, was Frauen und Liebe betraf, war er scheu und keusch.

Justin Schildknecht liebte die Kunst. Doch was irgend mit Werktätigkeit zusammenhing, schob er in weite Ferne: aus Ehrfurcht, um nicht mit unfertiger Hand zu freveln. Er meinte, es müsse wie Sturmflut über ihn kommen, und es sei nichts vonnöten, als der gemeinen Misere enthoben zu sein. Einstweilen biß er sich die Lippen blutig an der Kette, die ihn hielt. Seltsam war es für Engelhart, mit Schildknecht vor dem Sebaldusgrab zu stehen, das er als Knabe in der dumpfen Lust an Gestaltlichkeit betrachtet hatte, und doch ahnend, wie Schönheit aus dem innersten Kern der Welt sprießt. Schildknecht vergötterte die alten Meister, in ihnen sah er alles verkörpert, was ihm die Heimat war und geben konnte. Engelharts stille Bewunderung war ihm nicht genug, er stachelte ihn zu lautem Bekennen, und das war zu viel, das ermüdete Engelhart, unter solchem Zwang hätte er auch im Paradies trotzig die Augen geschlossen. So entwand ihm Schildknechts Herrischkeit manches, manches Werk, manchen Menschen, manches freie Staunen. Um sich und den Freund baute Schildknecht eine Mauer des Hasses, und Engelhart öffnete sein Ohr für Schildknechts böses Hadern gegen die Zeit; mit der Gabe des Wohlwollens ohnehin spärlich bedacht wie alle, deren wunde Brust ruhelos der Menschheit entgegendrängt, entfernte sich Engelhart, selber noch Ringender, hoffärtig und besserwissend von den Ringenden, als ob er darum schon des Irrtums enthoben wäre, weil er angefangen, fremdes Irren zu durchschauen. Der eine, einzige, der ihm, zum erstenmal, das Gefühl eignen Wertes gab, genügte, um einer Welt den Rücken zu kehren. Und als Schildknecht den Freund so weit hatte, als er nur schüchtern glimmende Hoffnungen zu stärkerer Glut angefacht hatte, dem unaufhörlich fragenden Herzen in seiner ganzen Person ein verkörpertes, lebendiges, trotziges Ja geworden war, da fiel es ihm nicht mehr schwer, ihn aus Peter Palms Zauberkreis zu befreien, und Engelhart war verwundert und beschämt, als es ihn plötzlich nicht mehr zurückzog in die dunkle Sphäre.

Schildknecht erlaubte nicht, daß Engelhart das armselige Loch in der Arbeitervorstadt weiter bewohnte. Sie fanden ein wohlfeiles Zimmer in Sankt Johannis vor dem Tor, in einem stillen Gartenhaus, und bald spürte Engelhart das Wohltuende von Ruhe, Luft und Licht. Bis in die späte Nacht, auch wenn Schildknecht schon längst gegangen war, konnte Engelhart nicht schlafen und lag oft noch mit offenen Augen, wenn die Morgendämmerung durch die Gardinen blinzelte. Gestalten, denen er nie begegnet, regten sich wie Schattenbilder an der Wand, lösten sich von der Wand und schauten ihn an: ganz Blick, ganz Schicksal. In ihrem Schreiten war Musik. Der Wille, sie festzuhalten, erschütterte jeden Nerv. Sie waren Stücke seiner selbst, gleichwohl waren sie ihm fremd; ihr Antlitz war fremd, aber mit ihrem Innern war er vertraut. Sie sprachen nicht, sie tönten, und nicht die Freude, sondern das Leiden machte sie tönend. Die Wonne des geisterhaften Seins umgab ihre dunkeln Körper mit rosiger Kontur. Sie folgten keineswegs einem Rufe, sie erschienen, nach echter Gespensterart, wann es ihnen beliebte.

Engelharts Blut wurde trunken und matt und wieder trunken durch die verführerische Gaukelei. Feindselig empfing ihn der gemeine Werktag. Er irrte im Bodenlosen und nährte den Geist mit den Verlockungen der Phantome. In den letzten Tagen des Spätherbstes wurde es so schlimm, daß er die Erfüllung der notwendigen Pflichten hintansetzte. Eine Woche lang verließ er das Zimmer nur zur Nachtzeit, um mit Schildknecht umherzustreifen. Ohne eigentlich krank zu sein, war sein Körper von unbeschreiblicher Schlaffheit umfangen. Es quälte ihn ein seltsamer Durst, der vor jeder Labung in Ekel überging. Im Schlummer empfand er wie Sturmgebrause die Lebensangst, und alle Zweifel sah er in der geöffneten Brust als gelbe Würmer sich winden. Eines Abends hockte er jämmerlich beklommen vor dem Ofen und starrte durch das offene Türchen in die Glut. Da barst eine Kohle knisternd auseinander, und eines von den Gespenstern stieg daraus empor; es war wie ein Knabe anzusehen, winzig klein, und es setzte sich Engelhart auf den Schoß. Der ganze Raum war plötzlich von einer bisweilen stockenden Melodie erfüllt:

Es war ein Bild im Bilde, Als ich den Tod erdacht, Sein trunkenboldisch Jauchzen Durchgeisterte die Nacht.

Der Mantel wie von Flammen, Das Auge wie von Stahl, Der Busen eine Wunde, -- So flog er kalt und fahl.

Er schüttelt seine Taschen, Die Seelchen flattern aus, Das wispert, wimmert, kichert, Und jedes sucht sein Haus.

Nur eins voll seligem Grauen, Betäubt von Schein und Schall, Verliert sich ohne Heimat Im bodenlosen All.

Bald danach warf sich Engelhart aufs Bett und schlief in seinen Kleidern still und gesundend bis zum Morgen. Da erst kam das Staunen. Durch bloße Worte kannst du also entzaubert werden, durchfuhr es ihn.

Er wurde nachdenklich. Die Worte allein waren es nicht. Sie waren nur die Entschleierer, die Ausgraber des geheimnisvoll in Brunnentiefe ruhenden Bildes, die listig-vielgesichtigen Diener eines Wesens, das Brücken baut von Traum zu Traum.

Er hatte sein Ausbleiben vom Bureau brieflich entschuldigt; als er hinkam, machte ihm Herr Zittel die Mitteilung, daß er entlassen sei. Er erhielt noch einen Restbetrag von sieben Mark und zwanzig Pfennig ausbezahlt und außerdem, gnadenhalber, ein präsentables Zeugnis, damit seine Existenz nicht völlig ruiniert sei. Einer der Schreiber am Pult drehte sein Gesicht Engelhart zu; es war dies eine Art Methodist, der seine freien Stunden, hauptsächlich von sieben bis neun Uhr abends, auf christliche Nächstenliebe gestellt hatte. Er wollte ein mitleidiges Gesicht machen, grinste aber schadenfroh. Herr Zittel richtete den blauen Blick seiner Fischaugen vorwurfsvoll auf Engelhart, dann ging er ins Privatzimmer des Generalagenten, um das Zeugnis unterschreiben zu lassen. Der Methodist rückte ein Weilchen auf seinem Sessel, schließlich sprang er herab, brachte ein kleines Paketchen aus seiner Tasche zum Vorschein, hinkte auf Engelhart zu und bot ihm mit salbungsvoll flötender Stimme ein Stück zerbröckelten Lebkuchens an. Engelhart lachte gutmütig und dankte.

Traurig stand er gegen Mittag an der Karlsbrücke, sah ins Wasser und überlegte, was er jetzt beginnen sollte. Alle Posten waren sicher schon besetzt; das war immer seine feste Überzeugung im voraus, daß alle Posten schon besetzt seien. Er kam sich vor wie jemand, der bei einem Fest ungeladen und zu spät kommt, über viele Köpfe hinweg gerade noch einen Fahnenfetzen winken sieht, während die Musik nur durch verschlossene Türen zu ihm dringt.

Da legte sich eine Hand auf seine Schulter. Es war Schildknecht.

»Warum so tiefsinnig, alter Schwede?« fragte er in jenem gemütlich-heiteren Ton, der ihm stets Engelharts ganzes Herz zuwandte. Engelhart erzählte, und Schildknechts Gesicht verfinsterte sich. »Wie steht es mit den Finanzen?« fragte er. »Schulden? Wo und wieviel? Gut; jetzt lassen Sie mich mal gewähren. Wir werden ein schönes Brieflein an den Herrn Oheim nach Wien schicken, verstanden? Wir werden ihm klarmachen, daß der Herrgott ein paar Individuen erschaffen hat, deren Hinterteil sich für den Drehsessel nun einmal nicht eignet. Wir werden ihm sagen, daß es einige Pflanzen gibt, die rasch ins Blühen kommen und rasch ins Welken, und wieder andre, bei denen die Sache langsam geht, je langsamer, je süßer die Früchte werden. Wir werden ihm zu verstehen geben, daß der satte Magen ein guter Moralist und der hungrige ein Behälter von Sünden ist. Und nun Kopf hoch, lieber Sohn.«

»Was ist aber dabei gewonnen, selbst wenn er ein paar Taler schickt?« entgegnete Engelhart; »was dann, wenn das Geld verzehrt ist?«

»Zuerst müssen Sie aus der verdammten Klemme kommen,« sagte Schildknecht. »Erst atmen und dann denken. Was später sein wird, dafür lassen Sie nur mich sorgen und meinen Freund, den Zufall.«

Der Brief wurde geschrieben, und in ihm versprach Engelhart, die Geldsumme, um die er den Oheim bat, am Tage seiner Mündigwerdung zurückzuerstatten; er hatte von seinem mütterlichen Vermögen noch einen Rest von etwa achthundert Mark zu erwarten. Michael Herz schickte den erbetenen Betrag mit einigen wohlwollenden, aber kühlen Zeilen. »Ich hoffe, daß Du Deine bedrückte Lage, in welche Du durch eigne Schuld und eignen Entschluß geraten bist, nun etwas erleichtern kannst.« Von Zurückzahlung keine Silbe. Aber hätte Engelhart hinter den Zeilen zu lesen verstanden, hätte er nicht immer nur bei solchen Menschen Feinheit und Adel vorausgesetzt, um die er sich geistig mühen mußte und die ihn geistig nahmen, so hätte er sein Gelöbnis wohl bewahrt. Es war ihm dort nicht mehr um Treu und Glauben zu tun, er meinte, dort habe er ohnehin ausgespielt und ein Vorteil sei ein Vorteil.

Wenige Tage später erhielt Engelhart auch einen Brief seines Vaters. Herr Ratgeber wußte noch nicht, daß Engelhart ohne Posten sei, deshalb empfand dieser keine Freude, als ihm der Vater mitteilte, er werde sich in der kommenden Woche in Nürnberg aufhalten, wo er geschäftlich zu tun habe. Herr Ratgeber schrieb, daß er über Engelharts Treiben nur Ungünstiges vernehme, er beklagte sich bitter über die Nachlässigkeit des Sohnes, der ihn monatelang ohne Brief lasse und sich nur an ihn wende, wenn er etwas brauche. »Deine Stiefmutter hat recht, wenn sie Dich einen kalten Selbstsüchtling nennt,« hieß es weiter, »schon lange bereitet mir Deine Undankbarkeit Kummer. Und was ist mit Deinem Fortkommen? Wahrlich, ich verstehe Dich nicht. Nun wirst Du einundzwanzig Jahre alt, in zwei Monaten bist Du großjährig, alle Deine früheren Kameraden haben schon glänzende Stellungen und Du mußt Schreiberdienste leisten für einen Hundelohn. Wozu habe ich Dich eine teure Schule besuchen lassen, wozu sind alle Deine Gaben? Für nichts zeigst Du Lust und Liebe, wie ein kleines Kind stehst Du im praktischen Leben, und wenn ich bedenke, daß Du mir schon behilflich sein könntest, mein schweres Los zu erleichtern, dann frißt es mir ins Herz, Dich so mißraten zu sehen. Sieh doch zu, daß Du bei einer Bank unterkommst, suche meinen Bruder oder Deinen Vormund auf, vielleicht geben sie Dir Empfehlungen, so wie bis jetzt kann und darf es nicht weitergehen.«

Zum Schluß kamen noch einige versöhnliche Sätze, als fühle Herr Ratgeber, daß er die Kluft zwischen sich und dem Sohne nicht erweitern dürfe, aber Engelhart blieb ungerührt. Er las das Schreiben seines Vaters Schildknecht vor, und bei dem Wort »Undankbarkeit« zuckte dieser zusammen.

»Wenn nur die Herren Väter einsehen wollten, daß das weitaus größere Vergnügen auf ihrer Seite war,« knurrte er. »Immer soll das Kinderkriegen auch zugleich ein Zinsengeschäft sein.«

Solche Worte von den Lippen des Freundes erkälteten Engelharts Gemüt noch mehr gegen den Vater. Er antwortete nicht auf den wohlgemeinten Brief. »Ich habe niemals zu Hause Entgegenkommen oder Verständnis gefunden,« sagte er zu Schildknecht, wie um sich vor sich selbst zu rechtfertigen. Er war Tor genug, zu glauben, vom Verständnis sei alles Glück abhängig; er selbst wollte verstanden werden, aber er bequemte sich nicht dazu, auch seinerseits zu verstehen, wenigstens dort, wo es sich um jenes nach seiner Ansicht niedrige Vegetieren handelte, das sogenannte praktische Leben. Als sein Vater in die Stadt kam und er durch eine Postkarte davon Nachricht erhielt, versteckte er sich. Nur zum Schlafen kam er spät am Abend heim, zweimal fand er einen Zettel seines Vaters auf dem Tische liegen, das erstemal standen fragende und befremdete, das zweitemal abgerissene, empörte Worte darauf. Engelhart hörte nicht und fühlte nicht. Den ganzen Tag über hielt er sich in Schildknechts Hause auf.

Frau Schildknecht hatte ihn zuerst kühl, beinahe feindselig behandelt, denn sein Umgang mit Justin schien diesen noch mehr aus der Bahn zu reißen als alle früheren Eskapaden und Freundschaften. Als sie Engelharts Appetit bei den Mahlzeiten sah, versöhnte sie sich mit ihm. »Sie sind auch ein wacker verprügeltes Männlein,« sagte sie und schaute ihm tief, beinahe finster in die Augen. Das Haus war die reinste Katzenmenagerie. Um die Dämmerstunde öffnete Frau Schildknecht die Tür und zwei schwarze Katzen und ein gelber Kater marschierten lautlos herein. Justin Schildknecht sah in jeder Katze etwas wie ein mystisches Wesen und schrieb ihr dämonische Klugheit zu. Er erzählte von einem Kater, der, merkwürdig begabt, ihm auf Schritt und Tritt durch die Gassen gefolgt war, dem leisesten Lockruf gehorchend; als er auf die Akademie gezogen, sei das Tier verschwunden und nie wieder zum Vorschein gekommen. Eines Nachts war Engelhart Zeuge, wie Schildknecht mit mehreren betrunkenen Burschen anband, weil diese nach einer Katze mit Steinen warfen. Er war wie außer sich und schlug mit der Kraft von dreien die ganze Gesellschaft in die Flucht. Dann legte er das halbtote Tier in seinen Arm, sprach ihm zärtlich Trost zu und trug es nach Hause.