Engelhart Ratgeber: Roman

Chapter 10

Chapter 103,566 wordsPublic domain

Kapellers wohnten ein Stockwerk höher. Es waren vier Brüder, die bei der Mutter lebten, lauter junge Männer, denen das bloße Aufderweltsein schon gewaltigen Spaß machte; wenn sie außerdem noch tanzen und ins Theater gehen konnten, waren ihre Ansprüche an das Leben erfüllt. Die Frau besaß ein kleines Geschäft auf der Hauptstraße und brachte sich knapp durch, aber sie ließ sich nichts abgehen und war die lustigste von allen. Zuerst begegneten sie Engelhart mit der Achtung, die sie dem Neffen eines reichen Mannes schuldig zu sein glaubten, bald jedoch stimmte sie sein insichgekehrtes Wesen und sein Nichtmithalten feindselig. Es kam auch vor, daß er aus sich herausging und zu plaudern begann; es durfte nur ein sympathischer Hauch an ihn heranwehen, dann strahlten seine Augen auf, er fand Worte, die ihnen fremdartig klangen, sie wurden von Mißtrauen gegen diese Worte erfaßt, waren überhaupt beunruhigt, sträubten sich gegen den ganzen Menschen und waren erleichtert, wenn er endlich gute Nacht sagte. War er dann gegangen, so brach der Streit aus. Die jüngeren schimpften auf den Gast, Franz Kapeller, der bei Michael Herz angestellt war und Engelhart schon von früher kannte, nahm sich seiner an, suchte die Natur des Knaben nach irgendeiner geläufigen Schablone zu erläutern, auch die Mutter war nicht abgeneigt, den Fremden in Schutz zu nehmen, betrachtete ihn aber doch nur wie einen Schauspieler, der einem für bestimmtes Eintrittsgeld etwas vorspielt; endlich fand der dritte Sohn das richtige Wort, das fernere Erörterungen abschnitt, und sagte: »Er ist halt ein Jud.« Am nächsten Tag gab ihnen Engelhart wieder neuen Stoff zu Redereien. Nach dem Essen setzte sich der jüngste Kapeller ans Klavier und spielte in roh klappernder Manier und mit wahren Bärentatzen ein paar Märsche und Walzer herunter. Während er eine Pause machte, sagte Engelhart ernsthaft: »Ich kann auch Klavier spielen,« und unter dem neugierigen Schweigen der Familie setzte er sich vor das Instrument, schaute eine Weile in die Luft und viele Monate lang vergaß er die drangvolle Sehnsucht nicht, die ihn in diesen Augenblicken erfüllte. Es war wie ein Wahn, er hatte gedacht, er müsse spielen können, die Tasten und die Saiten könnten nicht anders, als seinem vollen Innern gehorchen. Endlich mußte er unter dem hämischen Gelächter der am Tische Sitzenden abziehen, und obwohl tief beschämt, lachte er mit ihnen.

Im Freitagschen Geschäft kümmerte man sich weniger um ihn, als er erwartet hatte. Im Anfang hatte er guten Willen gezeigt, aber da niemand von seiner Bemühung Notiz nahm und es gleichgültig schien, ob er viel oder wenig tat, erlahmte er schnell. Was soll ich denn hier? war die Frage, die ihm beständig durch den Kopf ging. Und wirklich, was sollte er hier vor sich bringen, wodurch seiner Zukunft nützen? Nach Gelderwerb stand ihm nicht der Sinn, und die Dinge, die sein Herz aufregten, wenn er sie nur dachte, lagen weltenweit. Er wurde hierhin und dorthin geschoben, keiner scherte sich um den andern, es wurde nur gerade das Notwendige geleistet und das mit viel Lärm und Wichtigtuerei. Herr Freitag selbst war Spekulant und hatte an der Börse ein großes Vermögen gewonnen. Er betrachtete das Warengeschäft als eine Spielerei und hielt es nur mit Rücksicht auf seine Söhne in Gang, von denen sich aber niemals einer blicken ließ. Wenn sich Herr Freitag vorn in den Schreibstuben befand, wurden in der sogenannten Auslieferung, wo Engelhart beschäftigt war, zwei Lehrlinge als Wachtposten aufgestellt, damit er seine Leute nicht überrumple. Schon von weitem hörte man ihn fauchen, spucken und kreischen, er schien wie eine alte Henne mit Flügeln um sich zu schlagen, wenn er durch die drei Säle zappelte, steckte seine Nase in jedes Stück Papier und behauptete unablässig, er sehe alles, er höre alles, ihm entgehe nichts. Gefürchtet wurde bloß Herr Gallus, der finstere Schwarzbärtige, der Prokurist der Firma, und dessen Vertrauensperson war die Expedientin, Fräulein Ernestine Kirchner. Sie mochte nicht mehr ganz jung sein, vielleicht achtundzwanzig Jahre alt, hatte eine hübsche Gestalt, einen langsamen und anmutigen Gang und blasse, starke Lippen. Sie wurde von allen, auch von Herrn Freitag, mit Respekt behandelt, nur der finstere Gallus nannte sie kurzweg beim Vornamen. Durch ein gleichmäßig heiteres Naturell wirkte sie besänftigend auf die verschiedenartigen Elemente, und sie beobachtete Engelharts unruhvolles Nichtstun mit schweigender Teilnahme. Hatte sie ihm des Morgens eine Arbeit auferlegt und sie war am Nachmittag noch ungetan, so ließ sie keinen Vorwurf hören, sondern ging in aller Stille selbst daran. Da erschrak Engelhart vor der Dankverpflichtung, die sie ihm auferlegte, und nahm sich das nächste Mal zusammen.

»Woran denken Sie eigentlich?« fragte sie ihn einmal und sah ihn mit ihren dunkelblauen Augen erstaunt an; »wie kann man unaufhörlich denken!«

»Ich denke gar nichts,« erwiderte er, »ich bin nur traurig.«

»Ach du himmlische Güte!« rief sie aus und schlug gutmütig spottend die Hände zusammen. Sie fuhr aber fort, ihn zu betrachten, in ihrem Blick war ein Aufglänzen, es schien ihr, als habe sie diesen dunkeln Kopf mit den gesammelten Zügen vor vielen Jahren schon gesehen, es überrieselte sie eine freudige Erinnerung.

In demselben Raum arbeitete ein häßlicher, einäugiger und fast zahnloser Mensch namens Zeis; er war tüchtig und der einzige, der kaufmännischen Ehrgeiz besaß, aber aus Furcht vor der Aufsässigkeit der lediglich taglöhnernden Genossen versteckte er sich hinter einem schlappen und schläfrigen Wesen. Mit Mißvergnügen war er Zeuge des guten Einvernehmens zwischen Ernestine und dem Knaben. Da er mit Franz Kapeller bekannt war, erfuhr er einiges über Engelharts früheres Schicksal und benutzte dann seine Wissenschaft zu bösartigen Entstellungen. Außerdem hetzte er die andern Lehrlinge gegen ihn auf, alles in der Stille und mit einer wirkungsvollen Gleichgültigkeit. Einmal mußte Engelhart mit dem ältesten Lehrling, dessen Name Porkowsky war, Geld zur Bank tragen, es war Abend, als sie zurückkehrten, Porkowsky blieb auf der belebten Straße bei einer Dirne stehen und führte ein freches Gespräch, um sich vor Engelhart als Lebemann aufzuspielen. Engelhart hörte eine Weile wie versteinert zu, dann machte er sich davon und kam lange vor dem andern ins Geschäft. Dies mußte auffallen; wenn Geld zur Bank gebracht wurde, war es streng untersagt, daß die Boten sich trennten, selbst auf dem Heimweg. Engelhart trug Scheu, den wahren Grund anzugeben, Porkowsky machte sich diesen Umstand zunutze und brachte bei Herrn Gallus eine Lüge vor, durch die Engelhart schuldig schien. Herr Gallus war ohnehin nicht gut zu sprechen auf Engelhart; er schimpfte nicht, dazu war er zu vornehm, er begnügte sich mit einem geringschätzigen Lächeln, das sich müde durch seinen kohlschwarzen Bart stahl. Zu Neujahr nun erhielten alle Angestellten ein Geldgeschenk, von den Lehrlingen bekam jeder zwei oder drei Dukaten, Engelhart allein ging leer aus. Es hieß, der Chef sei unzufrieden mit seinen Leistungen. Er hatte sehr auf das Geld gerechnet, weil er einige Bücher davon hatte kaufen wollen, nach denen er längst Begierde empfand, und er war verzweifelt. Bei Kapellers fragten sie ihn, wieviel er bekommen habe, und er erzählte, er habe zwanzig Gulden bekommen. Sie erfuhren bald die Wahrheit, es war auch eine gar zu unvorsichtige Lüge, doch stellten sie ihn nicht offen zur Rede, sondern suchten ihn durch tägliche versteckte Bosheiten zu beschämen. Sie glaubten jetzt seinen Charakter durchschaut zu haben.

Vor dem Oheim ließ sich natürlich nichts verheimlichen. Aber er nahm es nicht so schwer, wie Engelhart gefürchtet, es war, als ob er sich zur Nachsicht entschlossen hätte. Es ging Michael Herz eigen mit Engelhart. Etwas widerstrebte ihm an dem jungen Menschen aufs äußerste, die ganze Art der Lebensführung, das unbestimmte Hinundher, die Unsicherheit des Auftretens, etwas feige Beklommenes, worunter es seltsam zuckte und wühlte wie bei jemand, der nicht schlafen kann, weil er sich vor dem Ausbruch eines Feuers fürchtet. Anderseits sprach das Blut mit deutlicher Stimme für den Neffen; wenn er mit Engelhart allein war, bestach ihn oft ein Wort, das so lebendig und neu klang, wie er es sonst von keinem Mund noch gehört, und er konnte sich dem flehentlichen Werben eines Blickes so wenig entziehen, daß er ihn aufs gütigste und doch so scheu, als beginge er ein Verbrechen, nach irgendeinem Wunsch befragte. Dies rührte Engelhart stets, und er hätte sich der Käuflichkeit des Gefühls schuldig gefunden, wenn er bei solchem Anlaß ein Verlangen geäußert hätte. So wurde nichts besser, dort blieb das Mißtrauen und hier ein unfruchtbares Sichverschließen. Michael Herz vergaß rasch; er vergaß das Üble, was man ihm zugefügt, und er vergaß den günstigen Eindruck, den er erhalten; alle Kräfte des Willens und der Energie verbrauchte er in seinem Beruf, sonst lebte er nur dämmernd hin und war jeder fremden Einflüsterung zugänglich, insonderheit von seiten der Frau, die er in seiner stillen Weise unendlich vergötterte. Es machte Engelhart Kummer, daß er die Abneigung dieser Frau nicht zu besiegen vermochte. Als er eines Mittags bei Schneegestöber das Geschäft verließ, bot eine Blumenhändlerin ihm wie allen Vorübergehenden Veilchen zum Kauf an. Er überlegte im Weitergehen, kehrte um und nahm drei Sträußchen, die er zusammenband. In allem Ernst dachte er, daß er Frau Esmee durch die Blumen milder stimmen könne. Es kam Farbe in seine Wangen, er verdoppelte seine Schritte und beglückwünschte sich zu dem Einfall. Frau Esmee nahm den Strauß mit unbewegter Miene entgegen, nicht gerade verdrossen, aber doch gelangweilt oder als ob er einen Gegenstand vom Teppich aufgehoben hätte, den sie fallen gelassen. Während des Essens war sein Gesicht weiß wie der Teller und der Oheim äußerte sich besorgt über seinen Mangel an Appetit. Später mußte er bei einigen Handwerkern in der Vorstadt Bestellungen abliefern; er sah da immer viel Elend, kranke Weiber, betrunkene Männer, rhachitische Kinder, armselige Stuben, in denen alles bis auf einen Strohsack versetzt war. In tiefer Betrübnis kam er gegen Anbruch der Dämmerung ins Geschäft zurück. Von den Herren im Magazin war keiner zu sehen, auch die Lehrlinge waren fort, Ernestine Kirchner saß allein an ihrem Schreibpult, und als er eintrat, schob sie einen angefangenen Brief beiseite, stützte den Kopf in die Hand und schaute in den immer dichter fallenden Schnee hinaus, der die Gasse mit bläulichem Licht füllte. Endlich sagte sie, sie habe heute Vorwürfe darüber hören müssen, daß sie seine Lässigkeit nicht nur dulde, sondern geradeswegs unterstütze. Er seufzte, und ohne sie anzuschauen, griff er zur Feder. Sie lehnte sich mit gekreuzten Armen neben ihn hin, ihre Schulter streifte die seine, und sie blickte auf seine Finger, die langsam und maschinenmäßig Zahlen und Buchstaben aufs Papier schrieben.

Ernestine dachte, daß vielleicht ein Geheimnis auf ihm laste. Sie wünschte, daß der leidenschaftlich verpreßte Mund sich öffnen solle. Freilich wußte sie schon, daß er die Dinge zu schwer nahm und alles zu nahe an sich herantreten ließ, daß er zu bedürftig um die Herzen der Menschen warb und sich wehrlos der umklammernden Verstimmung preisgab, wenn er sich fortgestoßen fühlte. Plötzlich warf er den Kopf etwas zurück und sagte: »Ich bin nicht dafür geboren, damit Sie es nur wissen.«

Sie lächelte, und ihr verwunderter Blick schien fragen zu wollen: und wofür bist du denn geboren? »Aber Kind,« sagte sie sanft, nahm seinen Kopf zwischen beide Hände und drehte ihn wie den einer Puppe, bis sie seine Augen den ihren gegenüber hatte. »Ich weiß alles,« sagte sie mit einem gespannten und heiteren Ausdruck in den Mienen, »alles, alles, alles.« Damit küßte sie ihn dreimal auf die Lippen. Engelhart lehnte die Stirn an ihre Wange; er spürte einen leichten Schrecken, als befinde er sich nun in Schuld. Gleich hernach hörten sie Schritte; Herr Gallus kam und fragte grob, warum noch kein Licht brenne. Er schritt ein paarmal schweigend auf und ab, reichte Ernestine ein kleines, verschnürtes Paket und ging wieder.

Jetzt hatte Engelhart doch einen Menschen zur Seite. Zum erstenmal im Leben durfte er sich aussprechen, mit seinen eignen Worten sprechen, ohne Rückhalt und Bedenken sagen, wie ihm zumute war. Noch nie hatte Ernestine dergleichen gehört; sie war erstaunt. Welcher Trotz, welche Glut! Im Nu entstanden Hoffnungen, im Nu waren sie schon verwirklicht, ein Funkenschwall von großen Worten prasselte, berauscht vom offenbar Unmöglichen, begann er zu tanzen, aber die einfache Frage: was willst du? wohinaus, Jüngling? die auf Ernestinens Lippen brannte, vermochte er nicht zu beantworten. Ein neugieriger Blick des Mädchens verletzte ihn, und er fiel in dumpfes Schweigen. Niemand war wie er verurteilt, durch Worte, durch Blicke, durch das Beargwöhnen fremder Gedanken zu leiden. Sie war zärtlicher als eine Mutter gegen ihn, und wenn sie seine Leidenschaft erweckt hatte, bekam sie Angst und suchte zu dämpfen. »Mein Liebling,« sagte sie zu ihm. Immer trug sie sein trunkenes Gesicht im Innern, das geistige Auge, aber das liebste war ihr sein Träumerlächeln, wenn er vor ihr saß mit verschleiertem Blick, still und aufrecht wie eine Pflanze.

Es kam der Frühling, und mit ihm eine bange Zeit für Engelhart. An einem der ersten schönen Tage begleitete er Ernestine vom Geschäft aus in ein entferntes Stadtviertel, wo sie eine Freundin besuchen wollte. Sie plauderten ruhig, Engelhart erzählte von seinen Eltern; es umfing ihn stets ein tiefes Wohlbehagen, wenn er Seite an Seite mit Ernestine ging und wenn sie mit einem wunderbaren Ernst ihm zuhörte. Dann trennten sie sich, und er kehrte allein zurück. Die Sonne war schon untergegangen, rosiger Staub erfüllte die Straße, die Luft roch wie Wein. Engelhart spürte eine schreckliche Erregung, er spürte sie wie kleine Kugeln durch die Adern rollen. Bei jeder Ecke blieb er stehen und atmete schwer. Menschen und Dinge erschienen ihm wie Wahngebilde. Von den jungen Frauen und Mädchen, die er sah, fielen plötzlich die Gewänder ab, und sie schritten nackt dahin; er sah, wie ihre Knie sich bogen und die Haut über den Hüften schimmerte wie Schnee. Er blickte durch die Mauern der Häuser hindurch und gewahrte überall das, was ihm Grauen und Lust erregte. In seiner Kammer angekommen, ließ er die Rolläden herab, verstopfte mit Baumwolle die Ohren und brütete vor sich hin. In der Nacht konnte er nicht schlafen. Er wälzte sich wie ein Vergifteter auf dem Lager. Die leichte Decke lag wie Blei auf ihm, die Kissen wurden ihm heiß, er schleuderte sie fort. Um zwei Uhr zündete er die Kerze an und versuchte zu lesen. Das Herz schlug so laut, wie wenn man mit dem Knöchel an ein Brett pocht. Darauf kehrte er von neuem den Kopf gegen die Wand, aber die Stille hatte tausend Zungen und führte Bilder herauf, die vor Scham seine Glieder zittern machten. Mit aller Anstrengung sammelte er die Gedanken und dachte an Ernestine. Da trat sie schon an das Lager, und er küßte sie wie nie zuvor. Sie verlor das Leben in seinen Armen, er warf sich schluchzend über sie hin und ließ Blut von seinem Blut in ihre Pulse strömen. Doch seltsam, als er am nächsten Tag mit ihr allein war, da schwieg der entsetzliche Aufruhr, und die Erinnerung an die Wünsche der Nacht ließ ihn vor Scham erbleichen. Und kaum war er allein, so kam es wieder; am Abend floh er aus seinem Zimmer auf die Straße und marschierte weit, bis er zu dem Haus kam, wo Ernestine wohnte. Es beruhigte ihn, zu ihren Fenstern emporzublicken, und das tolle Fieber wich vollends, als er müde war vom Stehen.

Wohl bemerkte Ernestine die Veränderung in seinem Wesen, und sie ahnte den Grund. Ihre Unbefangenheit und die seelenvolle Freiheit ihm gegenüber schwanden langsam hin, und das schmerzte sie. Sie hatte kein leichtes Leben; vielerlei Entbehrungen lagen hinter ihr; durch gewisse Verpflichtungen war sie nach oben und unten mannigfach verstrickt, und dies kann den Geist mehr umdüstern als unmittelbare Leiden. Demungeachtet war ihr eine süße Heiterkeit des Herzens verblieben, und ihr Gemüt war das jener Frauen, die immer vergeben, immer verzeihen und für alle Bitterkeiten, welche sie erfahren müssen, in ihrer Brust eine ganz besondere, ehern verschlossene Kammer besitzen. Sie hatte nicht beabsichtigt, in Engelharts Dasein eine Rolle zu spielen, es war nur so gekommen; jetzt fühlte sie sich auf einmal wunderlich verkettet, und das machte sie schwermütig. Er glaubte, sie wisse nichts von seinen verborgenen Drangsalen, aber sie wußte alles, da sie schon ein erfahrenes Weib war und das Leben kennen gelernt hatte. Freilich hatte sie gedacht, ihn führen, ihm helfen zu können, etwas in ihm erhob sie über sich selbst; nun fühlte sie sich hingerissen, und sie wehrte sich. In einer Stunde, wo sie allein waren, sagte sie ihm, es wäre besser, wenn sie nun wieder einander fremd würden. Aber als sie ihn dann ansah, bereute sie ihre Worte; in ein Gesicht zu sehen, bedeutet eben viel; selbst die ungern durchlebte Vergangenheit schwindet im Leuchten eines geliebten Auges hin. Sie drückte die Lippen auf seine Haare, während er in sich versank; seine Glieder nahmen eine eigentümliche Schlaffheit an, halb sitzend, halb hingelehnt blieb er, regungslos wie eine Zielscheibe für die Geschosse des Schicksals. Er konnte ihr nicht widersprechen, denn er liebte ja Ernestine nicht; was ihm Liebe war, das lag in mystischer Ferne, schien fast unerreichbar und hatte kaum Gestalt; es schwamm hoch im Bereich des Traumes gleich einer Wolke über Schneegipfeln.

Inzwischen war die vertrauliche Beziehung der beiden nicht unbemerkt geblieben. Der einäugige Zeis erging sich in erbitterten Anspielungen und konnte seine Wut nicht mehr bemeistern. Er wagte es, Ernestine zur Rede zu stellen; sie fertigte ihn nach Gebühr ab. Darauf machte er sich an den Prokuristen. Herr Gallus war zu hochmütig, um Notiz davon zu nehmen, wenigstens blieb er äußerlich kalt. Doch war er an diesem Tag finsterer denn je, und als der Korrespondent ihm einen Brief zur Unterschrift reichte, riß er das beschriebene Blatt ohne Anlaß mitten durch und knirschte mit den Zähnen. Man sagte allgemein, daß er Ernestine Kirchner heiraten wolle und daß sie sich ihm versprochen habe. Sie verließen auch oft zusammen das Geschäft, und einmal bei Regenwetter waren sie Arm in Arm gegangen. Wenn Engelhart darüber etwas erfahren wollte, schüttelte Ernestine bedächtig den Kopf, und es schien, als ob sie nicht gern davon sprechen höre. Im übrigen zeigte sie sich jenen Umtrieben gegenüber sorglos wie jemand, der seiner Macht sicher ist. Herr Zeis wußte immer mehr die Lehrlinge aufzuhetzen, von denen Porkowsky schon längst Engelharts geschworener Feind war; sie schnüffelten unaufhörlich um ihn herum, kontrollierten seine Arbeit, wußten es anzustellen, daß er möglichst viel in der Stadt herumlaufen mußte, streuten bösartige Verleumdungen aus, und wenn man den Urheber fassen wollte, zerfloß alles in Luft und Gelächter. Engelhart glaubte es oft kaum ertragen zu können, er atmete wie in Gewitterschwüle, er wurde mutlos und krankhaft erregt, dazu kamen nun die heißen Tage des Sommers und jenes andre, das ihm die Ruhe des Geistes raubte und das unbefangene Gefühl seines Leibes, so daß ihm zumute war wie einem Menschen, der vor dem Spiegel steht und sein eignes Bild nicht gewahrt.

Eines Nachmittags, es war Ende Juli, ließ der Buchhalter Herrn Zeis eine Faktura abfordern, die er ihm den Tag vorher gegeben haben wollte. Herr Zeis behauptete, er habe die Faktura nicht bekommen, erinnerte sich aber, sie auf Fräulein Kirchners Tisch gesehen zu haben. Es wurde gesucht, alle Schubladen aufgerissen, alle Mappen durchstöbert, schließlich wurde die Vermutung laut, Engelhart habe das Schriftstück zur Eintragung ins Lagerbuch bekommen. Der Lehrling Porkowsky versicherte sogar, Zeuge gewesen zu sein. Engelhart protestierte, es kam Herr Gallus hinzu, öffnete selbst die Lade seines Schreibplatzes und murmelte etwas Verächtliches über die Unordnung darin. Engelhart bemerkte schüchtern, Porkowsky habe schon in der Lade gesucht. Herr Gallus zuckte die Achseln, und auf einmal wurde er stutzig und streifte Engelhart mit einem Blick maßloser Geringschätzung. Er hatte die Schreibmappe Engelharts aufgeschlagen und zwischen zwei Löschblättern ein Bild hervorgezogen, eine Photographie, welche in ekelhafter Roheit einen ekelhaften Vorgang darstellte. Die Lehrlinge hatten sich neugierig hinzugedrängt und kicherten. Herr Gallus faltete das Blatt schweigend zusammen; er stand mit gespreizten Beinen und wippte langsam auf den Fußspitzen. Dann wandte er sich zu Ernestine, die außerordentlich blaß geworden war, und sagte: »Das scheint ja ein hoffnungsvoller Jüngling zu sein.«

Engelhart zitterte am ganzen Körper. Er spürte Nadelstiche im Kopf und griff unwillkürlich an seine Stirn. Er hatte beide Lippen gleichsam zwischen die Zähne geschlürft, und seine Züge zeigten einen beängstigenden Ausdruck. Da fiel sein irrer Blick auf Porkowsky, und nicht so bald hatte er das höhnisch-feindselige und dumpf-verlegene Lächeln auf dessen vollwangigem und fahlem Gesicht bemerkt, als ihm alles klar wurde. Ohne Besinnung stürzte er auf den Burschen zu, packte ihn mit der einen Faust an der Kehle, mit der andern bei der Schulter und riß ihn mit einem Ruck zu Boden. Ernestine schrie auf, der Prokurist und Herr Zeis fielen dem Rasenden in die Arme und drängten ihn gegen das Fenster, wo er noch immer zitternd und fieberhaft atmend stehen blieb. Porkowsky stöhnte und lag dann still da, doch war er nicht verletzt. Herr Gallus ging zu der Glastüre, die von diesem Raum aus auf die Straße führte, öffnete sie, streckte die Hand aus und rief Engelhart zu: »Marsch!« Engelhart nahm seinen Hut und ging, ohne den Blick zu erheben.

In demselben Schritt und derselben geduckten Haltung, wie er jene verlassen, schlich er weiter und wurde noch in entfernten Straßen von ihren haßerfüllten Blicken verfolgt. Er hatte Durst und trat in ein Kaffeehaus, das ganz leer war, hielt sich jedoch nicht lange auf, sondern ging nach Hause, warf sich auf das Bett und schlief ein. Er träumte, daß er sich in einer herrlichen Sommerlandschaft befinde, über der sich jedoch statt des Himmels eine seltsam grüne, moosartige Decke wölbte. Freudig wollte er in das Gefilde hinausschreiten, da sah er sich durch eine gläserne Wand gehemmt, die er vorher nicht bemerkt. Er versuchte es nach einer andern Seite, und es erging ihm nicht besser, ringsum waren gläserne Wände, und allmählich wurde ihm der Anblick der Schönheit zur Qual, in der er dann aufwachte.