Part 15
Funkenlänge|| Sekundäre Rolle || || || ||Drahtstärke| Drahtlänge | Drahtgewicht || mm || mm | m | ca. kg || ------------||-----------|---------------|-------------------------|| 1 bis 10 ||0,1 |400 bis 800 |-- || 10 bis 50 ||0,1 |1000 bis 7000 |-- || 50 bis 100 ||0,1 bis 0,2|7000 bis 15000 |0,75 bis 1,5 (bei 0,1 mm)|| || | |2,5 „ 5 ( „ 0,2 „ )|| 100 bis 200||0,2 (0,1) |15000 bis 30000|5 bis 10 (bei 0,2 mm) || || | |1,5 „ 3 ( „ 0,1 „) ||
Funkenlänge|| Nötige || Stromspannung || mm || Volt ------------||------------- 1 bis 10 || etwa 2 bis 5 10 bis 50 || etwa 5 bis 7 50 bis 100 || etwa 7 bis 8 || (Akkumulator) 100 bis 200|| etwa 8 bis 12 || (Akkumulator))
Maße für bessere Funkeninduktoren
Alle || || Maße || Eisenkern || in || || mm || || ------------||-------------------------|| Funkenlänge ||Länge |Dicke |Stärke der || || | |einzelnen || || | |Eisendrähte|| ------------||------|------|-----------|| 100 ||150 |16 |0,8 || 200 ||360 |35 |1 || 300 ||600 |42 |1,2 ||
Alle || || Maße || Primärrolle || in || || mm || || ------------||------------------------------------------|| Funkenlänge ||Länge |Zahl der |Drahtstärke |Durchmesser || || | Lagen | | || || | | | || ------------||------|---------|------------|------------|| 100 || 140 | 2 | 1 | 34 || 200 || 300 | 3 | 2 | 70 || 300 || 540 | 3 | 2,5 | 85 ||
Alle || Maße || Sekundärrolle in || mm || ------------||----------------------------------- Funkenlänge ||Länge | Äußerer | Breite der || | Durchmesser | Einzelspulen || | | ------------||------|-------------|-------------- 100 || 130 | 80 | 4 200 || 260 | 140 | 4 300 || 440 | 230 | 3
[Sidenote: Quecksilberunterbrecher.]
Abb. 155 zeigt einen sehr gut arbeitenden und für Apparate bis zu 30 _cm_ Funkenlänge ausreichenden Unterbrecher, einen sogenannten Quecksilberunterbrecher. Eine Messingsäule oder auch aus Holz gefertigte Säule _S_ wird an ihrem unteren Ende zur Beseitigung im Grundbrett etwas abgedreht und mit einem Gewinde versehen, an ihrem oberen zweiseitig abgeflacht. Auf diese abgeflachten Stellen werden zwei Messingblechstreifen (_a₁_ und _a₂_ in Abb. 156) angelötet, die je mit einer Bohrung zu versehen sind, in welche eine Stricknadel (_b_) hineinpaßt. _c_ zeigt uns einen gleicharmigen Hebel aus Aluminiumblech oder Holz, der links den Eisenanker (_H_) trägt und rechts zur Aufnahme eines 2 bis 3 _mm_ starken Kupferdrahtes (_d_) durchbohrt ist. In der Mitte erhält _c_ ein Loch, in welches die oben erwähnte Stricknadel paßt. Um die Säule _S_ wird ein Messingring (_R_) gelegt, der an einer Stelle durchlocht wird. Über das Loch lötet man eine kleine Schraubenmutter, durch die man eine Schraube eindrehen und damit den Ring an der Säule befestigen kann. Außerdem wird an _R_ ein Häkchen zum Einhängen der Feder _e_ angelötet. Unter das rechte Ende des Hebels wird auf einem Holzfuß _f_ ein kleiner Glasbehälter _g_ aufgestellt, in welchen das Quecksilber eingegossen wird. Das Ende des Drahtstiftes _d_ wird mit einer Platinspitze versehen. Ferner wird ein schmaler Messingblechstreifen (_h_) rechtwinkelig umgebogen, auf einer Seite durchbohrt, mit einem Muttergewinde versehen und mit der anderen über dem Anker (_H_) an der Randscheibe des Induktors angeschraubt. Durch das Gewinde geht die Schraube _i_, mit der wir die Entfernung des Ankers vom Magnetkerne _K_ regeln können. Zum Gebrauch wird über das Quecksilber, das von dem Platinende des Stiftes _d_ gerade berührt wird, eine etwa 2 _cm_ hohe Schicht Petroleum aufgegossen. Der Strom tritt durch einen über den Rand des Glases in das Quecksilber eingetauchten Kupferblechstreifen _k_ ein und geht durch _d_, _c_ und _b_ in die Säule _S_ und von da den üblichen Weg durch den Apparat. Bei welcher Stellung der Schraube _i_ und des Ringes _R_, durch dessen Verschieben die Spannung der Feder _e_ reguliert werden kann, der Unterbrecher am besten funktioniert, ist durch Probieren ausfindig zu machen.
[Sidenote: Elektrolytischer Unterbrecher nach Wehnelt.]
Für Unterbrechungen sehr hoher Zahl wird gewöhnlich der Wehneltsche oder elektrolytische Unterbrecher gebraucht. Für unsere Zwecke ist er jedoch nicht geeignet, schon deswegen nicht, weil er sehr starke Ströme erfordert. Rudi hatte sich trotzdem nur zur Demonstration für seinen Vortrag einen Wehneltschen Unterbrecher hergestellt, zu dessen Betriebe ihm seine zwölfzellige Akkumulatorenbatterie gerade ausreichte.
An das Ende eines 2 bis 3 _mm_ starken Kupferdrahtes lötete er ein 5 _mm_ langes Stückchen Platindraht und hämmerte es zur feinen Spitze aus. Diesen Draht schob er mit der Spitze voran in eine Glasröhre und schmolz sie gerade über der Platinspitze so ab, daß letztere noch 1 _mm_ weit herausragte. Die Platin- und die daran anschließende Glasspitze brachte er in der Stichflamme des Lötrohrs bis zur hellen Weißglut, damit die beiden Teile innig miteinander verschmelzen sollten. An das aus der Glasröhre hervorragende Ende des Kupferdrahtes lötete er eine Klemmschraube. In ein ziemlich großes rundes Einmachglas stellte er dann einen halbzylindrischen Mantel aus Bleiblech, der einen über den Rand des Gefäßes hinausragenden Fortsatzstreifen trug, an dem eine Klemme angelötet war. Die Glasröhre befestigte er in einem auf das Gefäß passenden Holzdeckel nahe dem Rande, so daß er durch Drehen des Deckels sie der Bleiplatte beliebig nähern konnte. Die Röhre ragte von oben ungefähr bis in die Mitte des Gefäßes, das er mit verdünnter Schwefelsäure gefüllt hatte.
Zum Gebrauch eines Wehneltschen Unterbrechers wird der Unterbrecher des Induktors kurz geschlossen; dann verbinden wir den ~positiven~ Pol der Akkumulatorenbatterie mit der Platinspitze und die Bleiplatte mit der einen Klemme des Induktionsapparates, dessen andere Klemme wir mit dem negativen Pol der Batterie verbinden. Der Kondensator ist hierbei am besten auszuschalten.
Die Wirkungsweise dieses Apparates ist ungefähr folgende. Beim Durchgang des Stromes durch die Schwefelsäure entstehen durch Elektrolyse an den Elektroden Gase, und zwar tritt an der Platinspitze Sauerstoff, an der Bleiplatte Wasserstoff auf. Da nun aber der starke Strom die feine Platinspitze sehr stark erhitzt, so entwickelt sich um diese herum Wasserdampf, der durch die große Hitze in Sauerstoff und Wasserstoff zerlegt wird. Diese Gase nehmen ein so großes Volumen um die Spitze herum ein, daß diese ganz von der Flüssigkeit getrennt wird. Damit ist der Strom unterbrochen, die Gasblase steigt auf, und der Vorgang beginnt von neuem.
Die an der Spitze auftretende Wärme ist so groß, daß die sich bildenden Gase bis zum Glühen erhitzt werden, was zur Folge hat, daß auch die Flüssigkeit eine hohe Temperatur annimmt, so daß man nach kurzer Zeit die Arbeit mit dem elektrolytischen Unterbrecher einstellen muß.
Nachdem Rudi die verschiedenen Konstruktionen der Induktoren erläutert hatte, ging er dazu über, diejenigen Eigenschaften der Wechselströme zu besprechen, durch welche sie sich besonders von den Gleichströmen unterscheiden.
[Sidenote: Wechselströme.]
Die Ströme, die wir in unseren Induktoren erhalten, sind, wie wir gesehen haben, auch Wechselströme, das heißt Ströme, die fortwährend ihre Richtung ändern. Solche Ströme haben wir im vorigen Kapitel kennen gelernt. Die zweipolige magnetelektrische Maschine (Seite 138 u. f.) liefert uns einen einfachen Wechselstrom, dessen Verlauf in Abb. 157 graphisch dargestellt ist. Stehen die Induktionsrollen des Ankers gerade vor den Magnetpolen, wenn wir beginnen, die Maschine in Rotation zu setzen, so steigt die elektromotorische Kraft und damit, wenn der Ankerdrahtkreis geschlossen ist, auch die Stromstärke von dem Wert 0 bei _a_ bis zu ihrem höchsten Wert bei α, den sie nach einer Ankerdrehung von 90° erreicht hat; jetzt fällt die Spannung wieder, bis sie bei _b_ nach einer Ankerdrehung von 180° wieder den Wert 0 erreicht hat. In diesem Augenblick ändert der Strom seine Richtung, was in der Figur daran zu sehen ist, daß die Kurve nicht mehr oberhalb der Linie _~ax~_ verläuft, sondern unterhalb. Hier wiederholt sich der gleiche Vorgang bei umgekehrter Stromrichtung. Hat der Anker eine volle Drehung (360°) gemacht, so ist die Spannung im Punkte _c_ wieder gleich 0, der Strom steigt und fällt wieder wie zu Anfang und so fort.
Betrachten wir nun die Wechselströme, die in einem einfachen Induktionsapparat entstehen, während der Unterbrecher in Tätigkeit ist. Der Verlauf eines solchen Stromes ist in Abb. 158 versinnlicht: Wird der primäre Strom geschlossen, so erhalten wir im sekundären Draht einen Stromimpuls, der rasch ansteigt bis zu einem gewissen Maximalwert, der mit von der Geschwindigkeit, mit der der Strom geschlossen wird, abhängt, um sogleich wieder auf 0 herabzusinken (_a_ in Abb. 158). Der Unterbrecher mag nun noch so rasch funktionieren, der Stromimpuls war so kurz, daß eine gewisse Zeit verstreicht, bevor der Strom wieder geöffnet wird. Diese Zeit ist in der Figur durch die Strecke _~xy~_ dargestellt. Bei _y_ tritt dann der Stromwechsel ein, und wir erhalten den anders gerichteten Öffnungsstrom (_b_), der noch viel rapider verläuft und einen höheren Maximalwert erreicht als der Schließungsstrom. Dann vergeht wieder eine gewisse Zeit (_x₁_, _y₁_), bis der Strom geschlossen wird und so fort.
Es fragt sich nun: Wie können wir Spannungen und Stromstärken von Wechselströmen messen? Wie wir im vorigen Kapitel schon sahen (Seite 148), reagiert z. B. unser Vertikalgalvanoskop aus den dort erwähnten Gründen nicht auf Wechselströme. Dagegen ließe sich denken, daß die Volt- und Amperemeter, bei denen weiche Eisenteile durch die magnetische Kraft einer Spule bewegt werden, auch auf Wechselströme reagieren, da ja, wenn der Elektromagnet seine Pole ändert, sich auch ebenso rasch die Pole des weichen Eisens ändern, dieses somit auf jeden Fall angezogen wird. Diese Überlegung ist wohl ganz richtig, doch wir würden zu sehr schlechten Resultaten kommen, wenn wir mit unseren Instrumenten Wechselströme messen wollten; denn erstens dürfen die verwendeten Eisenmassen nur sehr klein, zweitens muß das Eisen absolut weich sein, was eigentlich nur bei chemisch reinem Eisen der Fall ist, und drittens müssen die Instrumente für Wechselströme, und zwar für solche mit ganz bestimmten Perioden, geeicht sein.
Rudi hatte sich zur Demonstration in seinem Vortrag zwei Meßinstrumente für Wechselstrom gefertigt, deren Konstruktion am Schlusse dieses Kapitels beschrieben ist. Das eine, ein sogenanntes Hitzdrahtinstrument, benutzt die Stärke der Ausdehnung, die ein vom Strome durchflossener kurzer dünner Draht infolge der Erwärmung erfährt, als Maßstab für die Stromstärke. Das zweite ist ein Elektrodynamometer, ein Instrument, das sich nur dadurch von unserem Vertikalgalvanoskop unterscheidet, daß statt des Stahlmagneten eine Drahtrolle ohne Eisenkern verwendet wird. Wenn ein solches Instrument von einem Wechselstrom durchflossen wird, so ändert sich die Stromrichtung gleichzeitig in der äußeren und in der inneren Spule, weshalb die Ablenkung der letzteren immer nach der gleichen Seite erfolgt. Auch das im Anhang beschriebene Universalinstrument ist zur Messung von Wechselströmen geeignet.
Eine zweite Frage, die von vornherein nicht so begründet erscheinen mag, wie die erste, ist die, ob auch für Wechselströme das Ohmsche Gesetz (Seite 84 u. f.) gilt. Diese Frage ist nur bedingungsweise zu bejahen, nämlich dann, wenn der vom Strome durchflossene Leiter völlig frei ist von Selbstinduktion (Seite 158); ist dies nicht der Fall, so erhält das Ohmsche Gesetz Modifikationen, die von einer großen Anzahl einzelner Umstände abhängig sind.
[Sidenote: Impedanz.]
Schicken wir z. B. durch eine Drahtspule mit einem Eisenkern, also durch einen Leiter mit sehr großem Selbstpotential, einen Wechselstrom, so bietet diesem die Spule einen größeren Widerstand, als sie einem Gleichstrom bieten würde, da die Spannung des Extrastromes der des Wechselstromes entgegenwirkt. Diese Tatsache läßt sich durch ein sehr einfaches Experiment beweisen: Auf Seite 109 u. f. haben wir die Wheatstonesche Brücke und ihre Benützung zur Messung von Widerständen kennen gelernt. Wir schalten nun, wie aus Abb. 159 hervorgeht, in den Stromkreis einer solchen Brücke eine mit einem Eisenkern versehene Drahtspule _S_, an Stelle des Vergleichswiderstandes bringen wir einen möglichst ~induktionsfreien~ Leiter, etwa einen Graphitstab, dessen Widerstand wir -- nur der Bequemlichkeit wegen -- annähernd gleich dem der Spule _S_ wählen, und stellen dann den Schlitten der Brücke so, daß das Galvanoskop stromlos ist. Jetzt wissen wir, daß sich der Widerstand von _S_ zu dem von _W_ verhält wie die Strecke _~ad~_ zur Strecke _~db~_; dabei ist es völlig einerlei, wie stark die elektromotorische Kraft in _E_ und wie groß der Widerstand von _g_ ist. Wir können deshalb statt des Elementes _E_ eine magnetelektrische Maschine, die uns Wechselstrom liefert, und statt des Galvanometers ein ~Telephon~ einschalten. Das Telephon ist nämlich eines der geeignetsten Instrumente, um das Vorhandensein selbst sehr schwacher Wechselströme noch zu erkennen, indem es diese durch Ertönen anzeigt. Die Einrichtung des Telephons selbst ist am Schlusse dieses Kapitels Seite 200 beschrieben. Wenn aber eine Drahtspule einem Wechselstrom einen größeren Widerstand entgegensetzt als ein induktionsfreier Leiter vom selben Widerstand, so ist klar, daß jetzt in unserem Wheatstoneschen Systeme die Verhältnisse gestört sein müssen, was wir daran erkennen, daß der Stromzweig _~cd~_ nicht stromlos ist, wie vorhin, sondern von einem Teil des Wechselstromes durchflossen wird und das Telephon zum Ertönen bringt. Daß diese Veränderung tatsächlich auf eine ~Vergrößerung~ des Widerstandes für Wechselströme in _S_ hinausläuft, erkennen wir daran, daß wir, um das Telephon zum Schweigen zu bringen, also um es stromlos zu machen, den Schlitten _d_ der Brücke nach _b_ zu verschieben müssen.
Man bezeichnet den Widerstand, den die Einschaltung einer solchen Spule den Wechselströmen bietet, zum Unterschied von dem gewöhnlichen, in Ohm gemessenen Widerstand, als die ~Impedanz~ der Spule; sie ist um so größer, je höher das Selbstpotential der Spule ist, und je rascher die Richtungsänderungen des Wechselstromes aufeinander folgen. Die Impedanz führt bei Wechselströmen hoher Frequenz zu sehr eigentümlichen Erscheinungen, die wir im sechsten Vortrage genau kennen lernen werden.
[Sidenote: Mehrphasenströme.]
Nach diesen Versuchen ging Rudi dazu über, die Anwendungen der Wechselströme in der Praxis zu besprechen. Zur Erklärung des zweiphasigen Wechselstromes und des Begriffes der Phasen überhaupt hatte er sich seinen Elektromotor (Seite 124), der zwei Feldmagnet- und vier Ankerpole hatte, besonders hergerichtet: Er brachte auf der Achse vier Schleifringe an, je zwei verband er mit den Drahtenden eines Rollenpaares, wie aus der schematischen Zeichnung in Abb. 160 hervorgeht. In dieser Figur sind _N_ und _S_ die Pole des Feldmagneten, _A_, _A_ ist das eine, _B_, _B_ das andere Rollenpaar, _~xy~_ ist die Achse mit den vier Schleifringen α, β, γ, δ. Ferner fertigte er sich einen Ring aus Eisendraht, ähnlich dem Grammeschen Ringe (Seite 127). Auf diesen wickelte er vier Drahtspulen und verband je zwei einander gegenüberliegende so, wie aus dem Schema Abb. 160 zu erkennen ist; die vier freien Drahtenden verband er mit den vier Schleiffedern. Der Ring hatte einen mittleren Durchmesser von 6½ _cm_ und einen Querschnitt von 1 _qcm_. Jede Spule bestand aus etwa 40 bis 50 Windungen eines 0,5 _mm_ starken isolierten Drahtes. Die in dem Ring verlaufenden Verbindungsstücke führte er nicht, wie in der Abb. 160 angegeben ist, durch die Mitte, sondern der inneren Ringseite entlang. In die Mitte des Ringes stellte er eine in einen Kork gesteckte Nadel, auf welcher eine Magnetnadel balancierte (Abb. 161). Die Feldmagnete erregte Rudi mit einem starken Akkumulatorenstrom und setzte dann mit Hilfe eines großen Übersetzungsrades den Anker in rasche Rotation. Sofort begann auch die Magnetnadel sich zu drehen. Wodurch mag nun diese Drehung verursacht werden?
Betrachten wir Abb. 162. Hier soll jeweils der mit _A_, _A_ bezeichnete Draht mit den Spulen _A_, _A_ (in Abb. 160), der Draht _B_, _B_ mit den Spulen _B_, _B_ verbunden sein. Wir wollen nun sehen, wie sich die Stromverhältnisse in einzelnen, herausgegriffenen Augenblicken während der Ankerdrehung verhalten. Bei der in Abb. 160 gezeichneten Stellung der Spulen wird der in _A_, _A_ induzierte Strom gerade seinen höchsten Wert erreicht haben, und in _B_, _B_ wird er sich gerade umdrehen, also im Augenblick gleich 0 sein. Um dies anzudeuten, ist in Abb. 162 I der Draht _A_, _A_ dick und der Draht _B_, _B_ punktiert gezeichnet. Bei der durch Pfeilspitzen angedeuteten Stromrichtung müssen also bei _N_ und _S_ die entsprechenden magnetischen Pole entstehen, nach denen sich die Magnetnadel -- in der Figur ein Pfeil -- einstellt. Dreht sich nun der Anker weiter, bis _A_ und _B_ beide gleichweit von _N_ und _S_ (Abb. 160) entfernt sind, so sind in beiden Drähten die Stromimpulse gleich stark und so gerichtet, wie aus Abb. 162 II zu erkennen ist; jetzt haben sich also die Pole des Ringes um 45° verschoben, und die Magnetnadel ist ihnen gefolgt. Abb. 162 III zeigt die Stromverhältnisse in dem Augenblick, da _A_, _A_ gerade die Pole des Feldmagneten passiert und deshalb stromlos ist, während durch _B_, _B_ der Strom mit voller Stärke fließt; die Pole des Ringes entstehen dann so, wie sie angedeutet sind. Dies geht so fort, bis der Anker eine ganze Drehung gemacht hat (Abb. 162, IV-VI); dann wiederholt sich der gleiche Vorgang.
Setzen wir nun auf die Spitze statt der Magnetnadel eine nicht magnetische Nadel aus weichem Eisen auf, so wird diese sich ebenfalls drehen, da in ihr die Pole induziert werden. Wir können auch eine runde Weißblechscheibe in der Mitte mit einer Vertiefung versehen und auf die Spitze legen; wird der Ring von den beiden Wechselströmen durchflossen, so dreht sich die Scheibe.
Den Raum, das Feld in einem solchen Eisenring, das von zwei (oder mehr) Wechselströmen in oben beschriebener Weise umflossen wird, nennt man ein ~magnetisches Drehfeld~. Von Wechselströmen, die sich wie die Genannten verhalten, sagt man, sie hätten verschiedene ~Phasen~, oder es bestünde zwischen ihnen eine ~Phasendifferenz~. Die Phasendifferenz kann je nach der Anzahl der Wechselströme, die wir von einem Anker abnehmen, verschieden sein. In unserem Falle haben wir eine ~Phasendifferenz~ von 90°, das heißt während der Strom aus dem einen Spulenpaar, z. B. _B_, _B_, seinen ~geringsten~ Wert (= 0) hat, hat der Strom aus dem anderen Spulenpaar _A_, _A_, ~das um 90° gegen das erste verschoben ist~, seinen ~höchsten~ Wert. Man spricht in diesem Falle von einem ~zweiphasigen~ Wechselstrome. Würden wir von einem Anker mit drei Spulenpaaren drei Wechselströme abnehmen, so wäre zwischen diesen ein Phasenunterschied von je 60°. Solche Ströme nennt man ~Dreiphasenströme~.
Wir wollen nun sehen, was geschieht, wenn wir zwei Wechselströme, zwischen denen eine Phasendifferenz besteht, durch ~einen~ Drahtkreis fließen lassen. Zeichnen wir wieder wie vorhin den Verlauf eines einfachen, sogenannten ~einphasigen~ Wechselstromes graphisch auf, so erhalten wir eine Linie wie _A_ in Abb. 163; dies sei der Strom, den die Rollenpaare _A_, _A_ (Abb. 160) liefern. Den Strom von _B_, _B_ zeichnen wir dann ebenfalls auf und erhalten die Linie _B_; die an derjenigen Stelle den höchsten Wert hat, an welcher _A_ gleich 0 ist. Addieren wir nun die Spannungen beider Ströme da, wo sie gleichgerichtet sind, und subtrahieren wir sie, wo sie verschiedene Richtungen haben, so erhalten wir die Linie _C_, welche die Resultante der beiden Wechselströme in dem einen Leiter darstellt.
Auch einen ~dreiphasigen~ Wechselstrom mit einer Phasendifferenz von 60° konnte Rudi erzeugen. Er hatte sich dafür einen besonderen mit drei Spulenpaaren, also mit sechs Spulen versehenen Anker hergestellt, indem er in eine runde, 2 bis 3 _mm_ starke Eisenplatte sechs zylindrische Stäbe einnietete, die den Rollen als Kerne dienten; diese Rollenpaare sind in Abb. 164 mit I _a_, I _b_, II _a_, II _b_ und III _a_, III _b_ bezeichnet und werden so miteinander verbunden, wie das aus der Figur zu erkennen ist. Der Eisenring muß natürlich auch entsprechend drei Spulenpaare tragen. Aus der Figur erkennen wir ferner den Vorteil des dreiphasigen Wechselstromes: wir brauchen nämlich nicht, wie man anfangs meinen könnte, sechs Leitungen, sondern nur drei, die dann in der angedeuteten Weise mit den Spulen verbunden werden. Die Ankerspulenpaare können auf zweierlei Weise geschaltet werden: entweder, wie Abb. 165 zeigt, in ~Sternschaltung~ oder wie in Abb. 166 als ~Dreieckschaltung~. Die drei Leitungen werden durch die Verbrauchsstellen _W₁_, _W₂_, _W₃_, die aus Glühlampen, Heizapparaten, Motoren u. s. w. bestehen können, miteinander verbunden. In _W₁_, in _W₂_ und in _W₃_ fließt dann je ein einphasiger Wechselstrom, der sich, ähnlich wie in Abb. 163, aus zwei Wechselströmen, die eine Phasendifferenz von 60° haben, zusammensetzt. Die drei Resultanten haben dann wieder einen Phasenunterschied von 60°.
Die mehrphasigen Wechselströme -- in der Praxis aber eigentlich nur die dreiphasigen -- bezeichnet man auch als ~Drehströme~, da man mit ihnen ein magnetisches Drehfeld erzeugen kann.