Part 14
Er warf sich aufs Moos und reckte sich lang und rekelte sich in höchstem Behagen und sprang dann wieder auf – es litt ihn doch nicht – er mußte sehen, genießen, seine Freiheit genießen.
Nur ein einziger roter Streif über dem blauenden Wald verriet noch, wo die Sonne gestanden hatte, als er sich erst bewußt wurde, wo er eigentlich war. Hier führte die ehemalige Heerstraße von Spandau nach Potsdam; rostbraune und gelbe Kastanien zogen eine Allee durch ödes Land. In selten mehr befahrenen Wegrinnen lag der Sand fußhoch. Aha, hier kam man also nach Potsdam oder nach Spandau, je nachdem! Jedenfalls zu Häusern und zu Menschen – o weh, hörte man da nicht schon Hahnenkrähen und ein Rattern wie von langsamen Rädern?!
Kurz entschlossen bog der Knabe links ab von der alten Fahrstraße, kroch durch einen verbogenen Stacheldrahtzaun, der ein Stück Rodung, das neu angeschont war, schützen sollte, sprang wie ein Hirsch in weiten Sätzen über die kaum handhohen Pflänzlinge dahin und suchte eine Deckung.
Er brauchte keine, hierher kam kein Mensch. Langsamer ging er zwischen den kleinen Bäumchen; er hütete sich wohl, sie zu treten, bückte sich und besah sie, schritt sie ab wie ein Ackerer seine Furchen.
Und auf einmal war es Abend. Über die Erde waren Nebel gekrochen, leicht und klein, waren dann aufgestanden und größer geworden, waren hingehuscht über die Rodung im sich erhebenden Nachtwind und hatten sich dort den einzelnen, stehengebliebenen Knorren wie der Gespenster winkende Schleier angehängt.
Aber Wolfgang fürchtete sich nicht; er empfand kein Grauen. Was konnte ihm hier geschehen, hier, wohin nur ab und zu der ferne Pfiff einer Eisenbahn tönte und der Wind ein wenig Rauch, der Lokomotive entrissen, wie ein leichtes, rasch sich lösendes Wölkchen trug?!
Als wäre man in der Prärie, in den Steppen, dachte sich der Junge, da, wo keine Hütten mehr sind, nur Lagerfeuer ihr bißchen Rauch zum Zeichen senden. In die Seligkeit seiner Freiheit mischte sich eine gewisse Abenteurerlust. Das hatte er sich immer einmal gewünscht, im Freien zu kampieren. Ein Feuer würde er freilich nicht anzünden können und daran kochen; er hatte nichts dazu. Aber Hunger empfand er auch nicht, nur jetzt das einzige Bedürfnis, recht tief und lange zu schlafen.
Ohne Bedenken streckte er sich hin; der Boden war schon kühl, aber sein Anzug war dick und ließ die Kälte nicht durch. Den Kopf ein wenig erhöht bettend, reckte er das Gesicht gegen den Nachthimmel. An dem zogen milde Sterne auf und lächelten zu ihm nieder.
Er hatte geglaubt, gleich einzuschlafen, überwältigt von Müdigkeit, aber nun lag er doch noch lange mit offenen Augen. Ein unerklärliches Empfinden hielt ihn wach: dies war zu schön, zu schön, dies war ja schon ein herrlicher Traum! Goldene Augen behüteten ihn, ein samtiger Mantel hüllte ihn ein, eine Mutter wiegte ihn weich.
Fort waren Sehnsucht, Trotz, Schmerz, Wut, alles, was weh tat. Nur ein Glück war geblieben im unendlichen Frieden.
5
Frida Lämke war nun eingesegnet, sie trug den Rock fast bis zur Erde, und als sie Wolfgang Schlieben nach langer Zeit wieder zum ersten Mal begegnete, war ihr Gruß nicht mehr das vertraulich-bekannte Nicken der Kindheit. Aber sie blieb bei dem früheren Spielgefährten stehen.
»Na, Wolfgang,« sagte sie lachend und zugleich ein bißchen von oben herab – sie kam sich so unendlich überlegen vor –, »na, was machste denn?«
»Gut!« Er setzte eine unternehmende Miene auf, die nicht ganz zu dem Blick seiner Augen paßte.
Sie musterte ihn: war der Wolfgang ein Kerl geworden! Aber er hielt sich so schlecht, so vornüber! »Halt dir doch jrade,« ermahnte sie und reckte ihre eigne binsengleiche Schlankheit. »Warum machste denn so ’n Buckel?! Und mit den Augen blinkerste, als wärste kurzsichtig. Na, warte man, du solltest mal bei meine Prinzipalin kommen – au weih, die würde dir schön zurechtstutzen!« Sie kicherte in sich hinein, ihre ganze schmale Figur schüttelte sich vor heimlicher Lachlust.
»Du bist so vergnügt,« sagte er langsam.
»Na, warum denn nich? Meinste, so’n oller Drache kann mir die Laune verderben? Na, so dumm! Wenn sie schimpft, duck ich mir, ich sage kein Wort, aber innerlich amüsiere ich mir! Haha!« Ihre helle Stimme klang unendlich heiter.
Wie hübsch sie war! Des Knaben dunkle Augen hefteten sich auf Frida Lämke, als hätte er sie noch nie gesehn. Auf ihrem blonden Haar, das sie nicht mehr in einem langen Zopf trug, sondern im Nacken in einem dicken Knoten, schimmerte die Sonne. Ihr Gesicht war so rund, so blühend!
»Du kommst nie mehr zu mir,« sagte er.
»Wie kann ich denn?!« Die Achsel zuckend, tat sie wichtig. »Was meinste wohl, was ich zu tun habe! Morgens schon vor achte ’rein mit die Stadtbahn, un denn nur zwei Stunden Tischzeit – immer ’rein, ’raus – un abends bin ich meist nie vor zehne zu Hause, oft auch noch später. Dann bin ich so müde, dann schlafe ich wie ’ne Ratze. Aber Sonntags, dann läßt mir die Mutter mal ausschlafen, und nachmittags jehe ich mit Arturn und Flebbe los, wir –«
»Wo geht ihr hin?« fragte er hastig. »Ich kann ja auch mal mitgehn!«
»Och du!« Sie lachte ihn aus. »Du darfst ja nich!«
»Nein!« Tief senkte er den Kopf.
»Na, sei man nich traurig,« ermunterte sie und fuhr ihm mit dem Zeigefinger, an dem der schäbige Glacéhandschuh an der Spitze aufgesprungen war, ums Kinn. »Dafor biste ja auch Schüler vons Gymnasium. Artur kommt nächsten Herbst auch in de Lehre. Mutter denkt, bei’n Friseur. Un Flebbe, der lernt ja schon Matrealist – sein Vater hat’s ja dazu – wer weiß, der kriegt an’n Ende noch mal ’n eijnes Jeschäft!«
»Ja,« sagte Wolfgang eintönig in ihr Plaudern hinein. Wie verloren stand er auf der Straße, seine Bücher unter den Arm gepreßt. Ach, wie weit, weit war die hier, waren die alle drei nun auf einmal von ihm gerückt! Die, mit denen er einst täglich gespielt hatte, deren Hauptmann er stets gewesen war, die waren nun schon so groß, und er, er war noch ein dummer Schuljunge!
»Verflixt!« Mit einer heftigen Gebärde schleuderte er seinen Bücherpacken von sich, daß der Riemen, der ihn zusammenhielt, sich löste. Alle Bücher und Hefte flogen auseinander und lagen voneinander gespreizt im Staub der Straße.
»Au weh, aber Wölfchen!« Frida bückte sich ganz erschrocken und las eifrig alles zusammen.
Er half ihr nicht aufsammeln. Mit einem bösen Ausdruck starrte er vor sich hin.
»Da – da haste se wieder,« sagte das vom emsigen Bücken ganz rot gewordene Mädchen, pustete die Bücher ab und zwängte sie ihm wieder unter den Arm.
»Ich mag nicht!« Er ließ sie wieder fallen.
»Na, du bist jut! Was fällt dir denn ein – die teuern Bücher!« Sie konnte sich ordentlich über ihn ärgern. »Weißte denn nich, daß die Jeld kosten?!«
»P–!« Er machte eine Handbewegung, wie: was macht das?! »Dann werden eben neue gekauft!«
»Wenn dein Vater auch Jeld genug hat,« ereiferte sie sich, »das ’s doch nicht recht von dir, so mit die juten Sachen umzujehn!«
Er sagte kein Wort hierauf, aber er hob nun die Bücher auf und schnallte sie wieder in den Riemen. Verlegen standen sie beide zusammen. Sie sah ihn verstohlen von der Seite an: hatte der sich aber verändert! Und er ärgerte sich über seine Heftigkeit: was sollte sie nun wohl von ihm denken?!
»Ich muß nu jehn,« sagte sie plötzlich, »sonst krieg ich nich mal mehr mein Mittagessen jejessen – au, hab ich ’n Hunger!« Sie legte die Hand auf den Magen: »Das wird schmecken! Mutter hat heute Pellkartoffeln un Hering!«
»Ich gehe mit!« Seinen Schritt dem ihrigen anpassend, trabte er neben der eilig Trippelnden her.
Sie war ganz rot geworden: was würde die Mutter sagen, wenn sie Wolfgang mitbrachte?! Nein, das ging wirklich nicht an, es war ja heute, gerade heute bei ihnen nicht aufgeräumt! Und gelogen hatte sie auch: es gab ja gar nicht Hering, nur Zwiebelsauce zu den Pellkartoffeln!
Sie genierte sich vor Wolfgang. »Nee, jeh du man nach Hause,« sagte sie und verschanzte sich hinter einem Schmollen, »biste so lange nich bei uns jewesen, brauchste auch heute nich. Ich bin dir böse!«
»Mir böse – mir?! Was hab ich denn getan? Ich sollte doch nicht zu euch kommen, ich durfte doch nicht – dafür kann ich doch nicht! Frida!«
Sie fing an zu rennen, blutrot im Gesicht; er rannte neben ihr her. »Frida! Frida, mir, mir kannst du doch nicht böse sein?! Och, Frida, sei doch nicht so! Frida, laß mich doch mitgehen! Nun bin ich dir endlich mal begegnet, und nun bist du so?!«
Es lag Trauer in seiner Stimme. Sie fühlte die wohl heraus, aber zugleich ärgerte sie sich: was brauchte er sich ihr so anzukleben! Flebbe würde das auch gar nicht recht sein! Und so sagte sie schnippisch: »Wir passen ja doch nich zusammen. Jeh du nur mit deinen Fräuleins. Zu denen jehörste nu mal!«
»Sag das noch mal – untersteh dich!« Grob schrie er’s und hob die Hand, als wollte er ihr einen Schlag geben. »Dumme Zieraffen, was gehen die mich an?!«
Er hatte recht – das mußte sie ihm innerlich zugestehen – nie hatte er sich an einen der Backfische herangemacht, die hier rund herum in den Villen wohnten. Sie wußte es wohl, daß er sie allen vorzog, und fühlte sich geschmeichelt in ihrer Eitelkeit; besänftigend sagte sie, aber zugleich ausweichend: »Nee, Wölfchen, du kannst aber doch nich mehr mit mir jehen, es paßt sich doch nu mal nich mehr!« Und sie bot ihm die Hand: »Adieu, Wolfgang!«
Sie waren gerade zwischen dem Buschwerk eines kleinen Schmuckplatzes mit Bänken, an dem die Villen, hinter Vorgärten ganz versteckt, weit zurücklagen. Kein Mensch war in Sicht im stillen Mittagssonnenglanz. Aber wären auch Leute gekommen, es hätte ihn nicht abgehalten; mit beiden Armen packte er sie wie in einer Art von Wut: »Ich gehe mit – ich laß dich nicht!«
Unsanft wehrte sie sich: was fiel dem dummen Jungen ein?! Der war wohl verrückt?! »Laß mich doch,« fauchte sie wie eine kleine Katze, »läßte mich jleich los?! Au! Warte man, ich sage es Flebben, der soll dir auf ’n Kopp kommen! Laß mich doch in Ruhe!«
Er ließ sie nicht los. Ohne Wort hielt er sie umklammert, seine Bücher lagen wieder im Staub.
Wollte er sie küssen oder schlagen?! Sie wußte es nicht; aber sie hatte Angst vor ihm und wehrte sich wie sie konnte. »Du Durchbrenner,« zischte sie ihn an, »na, du bist ’n Schöner! Rennt fort von Hause, verkriecht sich im Walde! Aber sie haben dir ja doch jekriegt – ätsch!«
Er hatte sie plötzlich losgelassen; sie stand vor ihm und höhnte ihn aus. Nun hätte sie gut fortlaufen können, aber nun reizte es sie, stehen zu bleiben und ihn herunterzumachen: »Durchbrenner! Auskneifer!«
Er war sehr rot geworden, den Kopf hielt er tief gesenkt.
»Wie konntste das bloß machen?« fuhr sie fort mit einer gewissen Grausamkeit. »Na, so dumm! Alle haben se dir ausjelacht! Wir wollten ’t absolut erst jar nich jlauben. Nee, ich sage, rennt der Bengel weg, ohne Jeld, ohne Mütze, ohne ’n Stück Brot in der Tasche! Du wollt’st wohl so nach Amerika, was?!« Sie musterte ihn von Kopf bis zu Füßen, und dann warf sie ihren Oberkörper ein wenig hintenüber und lachte laut: »Na, so was!«
Er hob den Kopf nicht, murmelte nur vor sich hin: »Lachen sollst du nicht drüber – nein, lachen nicht!«
»Na, was denn? Vielleicht weinen? Was jeht’s mich an! Deine Mutter hat jenug drüber jeweint, un dein Vater ist ’rumgerannt wie ’n Verrückter. Die janzen Beamten vons Revier waren auf ’n Beinen. Sag mal, du hast wohl ordentlich Dresche jekriegt, als sie dir nach Hause brachten am Schlafittchen?!«
»Nein!« Er hob plötzlich den Kopf und sah ihr starr in die ein wenig boshaft funkelnden Augen.
Es war etwas in diesem Blick – ein stummer Vorwurf – das zwang sie, ihre Lider zu senken.
»Geschlagen haben sie mich nicht – das hätte ich mir auch nicht gefallen lassen – nein, geschlagen nicht!«
»Eingesperrt?« fragte sie neugierig.
Er gab ihr keine Antwort; was sollte er sagen?! Nein, eingesperrt hatten sie ihn nicht, er durfte frei umhergehen in Haus und Garten, auf der Straße, in der Schule – und doch, er war doch nicht frei!
Tränen schossen ihm plötzlich in die Augen; stammelnd und stockend brachte er’s heraus: »Du – du solltest – mich – nicht – nicht höhnen – Frida! Ich bin so – so –«
Er wollte sagen ›unglücklich‹; aber das Wort kam ihm zu klein vor und auch wieder zu groß. Und er schämte sich, es laut auszusprechen. So stand er stumm, wie mit Blut übergossen; und nur Tränen, die er nicht mehr zurückhalten konnte, rollten über sein Gesicht und fielen in den Staub der Straße.
Es waren Tränen des Schmerzes und der Wut. Über ein halbes Jahr war’s nun schon her – ach, schon länger – aber es drückte ihn doch noch, als wäre es gestern gewesen. Keinen Augenblick noch hatte er’s vergessen, daß sie ihn eingefangen hatten mit solcher Leichtigkeit. So bald hatten sie ihn gefunden! Beim Morgengrauen schon, noch ehe die Sonne eines neuen Tages aufgegangen war. Und eingebracht hatten sie ihn im Triumph. Was ihm eine große Tat gewesen war, ein Heldenstück, das war ihnen ein Dummerjungenstreich. Die Mutter hatte wohl viel geweint, aber der Vater hatte ihn nur am Ohrläppchen gezogen: ›Einmal und nicht wieder, mein Sohn, das merke dir!‹
Wolfgang weinte still, aber heftig. Frida stand vor ihm und sah ihn weinen, und plötzlich schoß es auch ihr naß in die Augen – sie war doch immer seine gute Freundin gewesen. Nun weinte sie mit.
»Wölfchen,« schluchzte sie, »weine man nich! Es is ja nich so schlimm! Die Leute wissen schon nischt mehr davon – so was verjißt sich! Zu schämen brauchste dir noch lange nich – warum denn? Daß de denen bei dir zu Hause mal en bißchen bange jemacht hast, schad’t jar nischt! Nu sagste einfach, wenn se dir nich zu uns lassen: ›denn renne ich wieder weg!‹ Komm man nächsten Sonntag nachmittag, denn jehe ich nich mit Artur un Flebbe – nee, denn warte ich auf dich!«
Mit der einen Hand wischte sie sich die Tränen ab, mit der andern ihm.
So standen sie im hellen Sonnenglanz, inmitten von blühenden Büschen. Flieder duftete; ein Rotdornbaum und ein Goldregen streuten, geschüttelt vom leisen Maiwind, ihre schönfarbigen Blütenblättchen über sie. Der dunkle und der blonde Kopf neigten sich dicht zueinander.
»Frida,« sagte er und faßte ihre Hand so fest, als klammerte er sich daran, »Frida, bist =du= mir denn wenigstens noch gut?!«
»Na, natürlich!« Sie nickte und ließ, noch Tränenspuren im Gesicht, gleich wieder ihr helles, frohes Lachen ertönen. »Das wäre ’ne nette Freundschaft, wenn die so rasch in die Wicken jinge! Da –!« Sie spitzte den Mund und gab ihm einen Kuß.
Er wurde sehr verlegen, sie hatte ihm ja noch nie einen Kuß gegeben.
»Da!« Sie gab ihm noch einen. »Un nu sei man auch wieder verjnügt, mein Junge! Es is ja so ’n wunderschönes Wetter!«
* * * * *
»Du kommst heute spät,« sagte die Mutter, als Wolfgang, statt um eins, erst um zwei aus der Schule kam. »Du hast doch nicht etwa nachbleiben müssen?«
Ein Gefühl des Unmuts stieg in ihm auf: wie kontrollierte sie ihn doch immer! Die frohe Stimmung, in die ihn seine Freundin Frida versetzt hatte, war hin; die Fesseln drückten wieder. Aber er dachte noch viel an Frida. Am Nachmittag, beim Arbeiten, tauchte ihr Kopf mit dem dicken Haarknoten immer hinter seinem Pult auf und reckte sich über sein Buch und störte ihn; aber es war eine angenehme Störung. Schade, daß Frida so wenig Zeit mehr hatte! Wie war das doch schön gewesen, als sie noch Kinder waren! Sie war ihm immer die Liebste gewesen, mit ihr hatte er noch besser spielen können als mit den beiden Jungen, sie hatte ihn immer verstanden und immer zu ihm gehalten – ach!
Es war ihm, als müßte er jetzt den Jungen, der damals Räuberhauptmann gespielt und sich Kartoffeln in der Asche gebraten hatte, als müßte er selbst den Jungen, der einmal so krank gewesen war, daß man ihn, als er zum ersten Mal an die freie Luft sollte, im Krankenstuhl fahren mußte, als müßte er diesen Jungen so recht aus tiefster Seele beneiden. Der, der jetzt hier am Pult saß und zerstreut über seine Hefte hinweg ins Leere blinzelte, der war dieser Junge nicht mehr. Der war kein Kind mehr! Es kam Wolfgang auf einmal vor, als läge eine goldene Zeit unwiederbringlich verloren und weit hinter ihm. Als hätte er gar keine Freuden mehr vor sich. Hatte der Prediger, zu dem er jetzt in die Konfirmandenstunde ging, nicht auch gesagt: ›Ihr seid nun nicht Kinder mehr?!‹ Und hatte der Prediger nicht weiter gesprochen: ›Der Ernst des Lebens tritt nun bald an euch heran?!‹ Ach, der war schon da!
Die Stirn gerunzelt, das zerkaute Ende des Federhalters zwischen den Zähnen, saß Wolfgang unlustig vor seiner Arbeit. Er brütete. Allerlei Gedanken kamen ihm, die er früher nie gehabt hatte; Worte fielen ihm auf einmal ein, die er noch nie so überlegt hatte. Was hatten eigentlich die in der Klasse dabei, daß sie ihn oft so sonderbar fragten?! Sie fragten nach seinen Eltern – na, was war denn an denen so Merkwürdiges?! – und wechselten dabei untereinander Blicke und sahen ihn so neugierig an! Was hatte er denn Komisches an sich?! Der Lehmann war am neugierigsten – und so unverschämt! Der hatte ihn neulich so verschmitzt angeplinkt von der Seite und die Backen aufgeblasen, als müßten die platzen beim Lachen über das besonders witzige: ›Du siehst deinem Alten aber mal verflucht wenig ähnlich!‹ Sah er wirklich weder Vater noch Mutter ähnlich – keinem von beiden?!
Als Wolfgang sich heute am Abend auskleidete, stand er lange vor dem Spiegel, der über seinem Waschtisch hing, ein Licht in der Hand, und hielt es bald rechts, bald links, bald höher, bald tiefer. Heller Schein fiel auf sein Gesicht. Der Spiegel war gut, gab jeden Zug treulich wieder in seinem klaren Glas – aber da war keine, auch gar keine Ähnlichkeit zwischen dieser derben Nase und dem feinen Näschen der Mutter! Auch des Vaters Nase war ganz anders. Und keiner von den Eltern hatte eine so breite Stirn mit tief hineingewachsenem Haar, und auch nicht so fast zusammenstoßende Brauen – dunkle Augen hatte der Vater zwar, aber sahen sie diesen hier, die so schwarz waren, daß selbst das ganz nahe gehaltene Kerzenlicht sie nicht erhellen konnte, eigentlich ähnlich?!
Mit einer Miene der Ungewißheit wendete sich der Knabe endlich ab. Und doch war in dem Seufzer, den er jetzt ausstieß, etwas von leiser Befreiung. Wenn er ihnen äußerlich denn so wenig ähnlich sah, brauchte er sich dann zu wundern, daß er oft auch so ganz, ganz anders dachte und fühlte als sie?!
Merkwürdig, wie die Jungen in der Schule ein Abklatsch von zu Hause waren! Und wie die großen Kerle noch ihren Müttern am Rockzipfel hingen! Da war der Kullrich, der hatte vierzehn Tage gefehlt, weil seine Mutter gestorben war, und als er zum ersten Mal nachdem wieder in die Schule gekommen war – eine schwarze Binde um den Jackenärmel –, war die ganze Klasse wie verdreht gewesen. Sie gingen mit ihm um, als wäre er ein rohes Ei, und sprachen ganz gedämpft, und kein Mensch machte einen Witz. Und als zufällig in der Konfirmandenstunde, in die Kullrich auch ging, der Spruch vorkam: ›So euch Vater und Mutter verlassen, der Herr nimmt euch auf,‹ guckten sie alle wie auf Kommando nach ihm hin, und der Kullrich legte den Kopf auf seine Bibel und hob ihn die ganze Stunde nicht mehr auf. Nachher ging der Lehrer zu ihm hin und sprach lange mit ihm und legte ihm die Hand auf den Kopf.
Das war schon eine ganze Weile her, aber vergnügt war der Kullrich noch immer nicht. In der Pause, wenn alle auf dem Hof promenierten und Butterbrot aßen, stand er fern und aß nicht. War es denn so schwer, die Mutter zu entbehren?! –
Es war heute eine wundervolle Mondscheinnacht über den schweigenden Kiefern; lange, lange noch lag der Knabe im Fenster. Die Augen brannten ihm; wie ein Mückenschwarm, der dicht wie eine Wolke in der Luft auf und nieder wirbelt, schwirrten ihm die Gedanken. Woher kamen sie, woher nur so auf einmal?!
Er gab die heiße Stirn, die Brust, auf der das Nachthemd auseinander geglitten war, dem kühlen Atem der Mainacht preis – ah, das tat gut! Das war das Beste, das Einzige, was sänftigte, was Ruhe gab! Ha, diese freie Luft, so rein, so frisch!
Wo jetzt wohl die Cilla sein mochte?! Er hatte nie mehr von ihr gehört. Die war jetzt da, wo er auch gerne hätte sein mögen – ach, so gern! Durch die stille Nacht kam’s wie schwebender Glockenklang, und er reckte die Arme und bog sich weit und weiter zum Fenster hinaus.
In dieser Nacht träumte Wolfgang so lebhaft von Cilla, daß er, als er erwachte, glaubte, sie stehe an seinem Bett, sie sei noch gar nicht fort von ihm. Aber dann sah er, als er sich die Augen gerieben hatte, daß der Platz, auf dem sie noch eben freundlich lächelnd gestanden hatte, leer war.
Nach den Schulstunden mußte er in die Konfirmandenstunde; nächste Ostern sollte er eingesegnet werden. Er war zwar noch etwas jung, aber Schlieben hatte zu Käte gesagt: ›Er ist körperlich so sehr entwickelt. Wir können ihn doch nicht als baumstarken, wenigstens äußerlich völlig erwachsenen Menschen einsegnen lassen. Sein Alter ist übrigens auch ganz das richtige. Es ist viel besser für ihn, wenn er nicht erst zu reflektieren anfängt!‹
Ob er nicht doch schon reflektierte?! Es war Käte oft, als wiche der Junge ihr aus, wenn sie ihn über die Religionsstunden befragte. Verstand der Lehrer es nicht, seine Seele zu fesseln? Doktor Baumann galt für einen ausgezeichneten Theologen, seine Predigten wurden gestürmt, es war eine besondere Vergünstigung, sich der überreichen Zahl seiner Konfirmanden anreihen zu dürfen; alle Schüler schwärmten für ihn, Leute, die er vor zehn, fünfzehn Jahren eingesegnet hatte, sprachen noch davon wie von einem Erlebnis.
Käte machte es sich zur Aufgabe, die Predigten des beliebten Geistlichen fleißig zu besuchen. Sonst war sie eigentlich nur Weihnachten und Karfreitag zur Kirche gegangen, jetzt ging sie fast alle Sonntag, ihrem Knaben zulieb, denn er mußte jetzt gehen. Sie gingen Sonntags gemeinsam aus dem Haus, fuhren gemeinsam zur Kirche, saßen nebeneinander; aber während sie dachte: ›Wie geistvoll, wie durchdacht, welch ein Schwung, muß der ein jugendliches Gemüt nicht mit sich fortreißen?!‹ – dachte Wolfgang: ›Wär’s doch nur schon aus!‹ Er langweilte sich. Und noch nie war seine Seele hier aufgeflogen so wie beim Klingeln des Glöckchens, wie beim Heben der Monstranz, wie beim Duften des Weihrauchs vor dämmernden Altären.
Es war etwas in ihm, das trieb ihn zu jener Kirche, die er einst mit Cilla besucht hatte. Wenn er zur Konfirmandenstunde ging, mußte er da unweit vorüber; aber wenn der Weg auch weiter gewesen wäre, er hätte es doch möglich gemacht, dort einzutreten. Nur ein paar Minuten, nur wenige Sekunden hier in einem Winkel stehen, nur ein paar Atemzüge tun in dieser süßen, ahnungsvollen, einlullenden Weihrauchluft! Allzeit fand er diese Kirche offen; und wenn er dann wieder hinaustrat in das Brausen Berlins, ging er durch die Straßen mit ihrem Rennen und Fahren wie einer, der aus einer andern Welt kommt. Dann achtete er nicht auf das, was man ihm vortrug an Kirchenlehre und Kirchengeschichte – was waren ihm Doktor Martin Luther, Calvin und andere Reformatoren?! – seine Seele war gefangen, sein Denken untergegangen in einem Gefühl dumpfer Gläubigkeit.
So gingen Sommer und Winter hin. Als die Tage längten und eine milde Sonnenwärme alle winterliche Feuchte bald zu trocknen versprach, ließ Schlieben seine Villa verputzen und neu streichen. Auch sie sollte ein festliches Kleid anziehen zu des Sohnes Festtag.