Part 13
Er sah ihr betroffen nach: hatte er sie gekränkt?! Plötzlich kam ihm das Bewußtsein davon – o nein, das wollte er nicht! Schon hob er die Füße aus dem Bett, um ihr auf sackten Sohlen nachzulaufen, sie am Kleide festzuhalten, zu sagen: ›Du, bist du böse?!‹ – da fiel ihm die Cilla wieder ein. Nein, das war doch zu schlecht von ihr, daß sie die gehen hieß!
Sich weinend unter die Decke verkriechend, faltete er die Hände. Cilla hatte ihm gesagt, daß man zur heiligen Jungfrau beten müsse, zu jener lächelnden Frau im blauen Sternenmantel, die, mit der Krone auf dem Haupt, über dem Altar thront. Die heilte alles. Und wenn die Gott im Himmel um etwas bat, so tat der’s. Zu ihr wollte er jetzt beten.
Cilla hatte ihn damals, als die Mutter im Bade und der Vater in Tirol war, einmal mitgenommen in ihre Kirche. Er hatte ihr versprechen müssen, niemandem etwas davon zu sagen, und der Reiz des Geheimnisvollen hatte den Reiz jener Kirche erhöht. Eine unbewußte Sehnsucht zog ihn nach jenen Altären, wo die Heiligen prangten und wo man Gott, den man doch bitten soll wie einen Vater, leibhaftig schauen konnte. In der Kirche, die die Mutter zuweilen besuchte und in der er auch schon gewesen war, hatte es ihm nie so gut gefallen.
Jene Sehnsucht, die ihm wie ein Märchen im Sinn schwebte, kam jetzt mit Gewalt und lebendig über ihn. Ja, so hinknieen können vor der lieben Frau, die reizender war als alle Frauen auf Erden sind, und kaum daß man seine Bitte vortrug, auch schon der Erfüllung gewiß sein, das war schön! Herrlich!
»Gegrüßet seist du, Maria!« So fing der Cilla Gebet an; weiter wußte er es nicht, aber er wiederholte das, viele Male. Und nun roch er wieder den Weihrauch, der die Kirche durchduftet hatte, hörte wieder das Schellchen der Wandlung, sah den Geweihten des Herrn, dem die prächtige Stola überm Meßgewand hing, sich verneigen, bald links am Altar, bald rechts. O, wie er es den Knaben in den weißen Chorhemden neidete, die neben ihm knieen durften! Seliger Wohlklang schwebte unterm hochgewölbten Kuppeldach:
›_Procedenti ab utroque Compar sit laudatio_ –‹
so ähnlich hatten sie gesungen. Und dann hatte der Priester die strahlende Monstranz hoch erhoben, und alle Leute hatten sich tief gebeugt. ›_Qui vivis et regnas in saecula saeculorum!_‹ Ja, =das= Latein hatte er gut behalten! Das würde er auch sein Leben nicht vergessen!
Anstoßen hatte ihn die Cilla müssen und flüstern: ›Komm, wer gehn jetzt,‹ sonst wäre er damals noch lange knieen geblieben in der prächtigen und doch so heimeligen Kirche, in der nichts kalt war und fremd.
Wenn er doch wieder einmal hinkönnte! Cilla hatte es ihm freilich versprochen zu gelegener Zeit – aber sie sollte ja jetzt weg, und die gelegene Zeit würde nie kommen! Schade! Ein großes Bedauern erhob sich in ihm und zugleich ein Trotz: nein, in die Kirche, wohin die Mutter ging und wohin die aus seiner Schule gingen, dahin ging er nicht!
Und er flüsterte wieder: »Gegrüßet seist du, Maria,« und bei diesem Flüstern fingen die Tränen, die heiß und zornig über sein Gesicht gelaufen waren, an zu versiegen.
Er war aus dem Bett geklettert und hatte sich auf den Teppich davor niedergekniet, die zusammengelegten Hände in Anbetung erhoben, so wie er es bei den Engeln auf dem Altarbild gesehen hatte. Seine Augen waren glänzend und weit aufgeschlagen, sein Trotz zerfloß in Hingabe.
Als er endlich ins Bett zurückstieg und die übergroße Müdigkeit seine Aufregung niederschlug und er einschlief, träumte er von der reizenden Jungfrau Maria, die wohlbekannte Züge trug, und fühlte sein Herz zu ihr entbrennen.
* * * * *
Es war vierzehn Tage später, am 1. Oktober, daß Cilla den Dienst verließ. Frau Schlieben hatte ihr ein gutes Zeugnis geschrieben; warum sie eigentlich entlassen war, das war dem Mädchen noch nicht recht klar, selbst als es auf der Straße stand. Die Frau wollte ein älteres erfahrenes Mädchen haben – so hatte sie gesagt –, aber das glaubte Cilla doch nicht recht, sie fühlte unbestimmt einen andern Grund heraus: die mochte sie eben nicht leiden. Nun wollte sie erst einmal nach Hause fahren, ehe sie einen neuen Dienst annahm, sie fühlte Heimweh, und der Abschied hier aus der Stelle war ihr schwer geworden – des Jungen wegen. Wie hatte der geweint! Gestern abend noch. Er hatte sich an ihren Hals gehängt und sie vielmals geküßt, der große Junge, wie ein kleines Kind! Und so viel hatte er ihr noch sagen wollen. Oben auf dem dunklen Flur hatten sie gestanden miteinander gestern abend, da scheuchte sie der Tritt der Frau, die die Treppe heraufkam; gerade noch, daß er in seine Stube hatte entwischen können.
Und nicht einmal Adieu hatte sie ihm heute sagen können, dem guten Jungen! Denn als er kaum in der Schule war, hatte die Frau gesagt: »So, nun können Sie gehen!« Ganz verdutzt war sie gewesen, hatte sie doch darauf gerechnet, erst am Nachmittag fortzukommen. Aber nun war das neue Hausmädchen, eine Ältliche mit spitzem Gesicht, auch schon eher angezogen; was sollte sie da auch noch? So hatte sie nur noch rasch die Heiligenbildchen aus ihrem Gebetbuch alle in ein Papier gewickelt und in die Schublade von des Jungen Nachttisch gesteckt – da würde er sie gewiß finden – und ›Gruß von Cilla‹ darauf geschrieben. Dann war sie abgezogen.
Ihren Korb hatte Cilla als Frachtgut aufgegeben, nun hatte sie nichts zu tragen als ein kleines Ledertäschchen und einen Pappkarton mit Stricken verschnürt. So konnte sie rasch vorankommen. Aber als sie dem Stadtbahnhof zuging, blieb sie auf einmal stehen: um ein Uhr war die Schule aus, nun ging es gegen elf, es kam wirklich nicht darauf an, wenn sie etwas später abfuhr. Wie würde er sich freuen, wenn sie ihm noch Adieu sagte und: ›Vergiß mich auch nicht!‹
Sie drehte sich um. In der Nähe der Schule würde sich schon eine Bank finden, da wollte sie auf ihn warten.
Die Vorüberkommenden schauten neugierig nach der jungen Person, die wie ein Soldat, still und steif, in der Nähe des Gymnasiums auf Posten stand. Eine Bank hatte Cilla nicht gefunden; sie traute sich nicht weit vom Eingang fort, aus Angst, ihn zu verpassen. So stand sie denn, mit ihrem kleinen Täschchen am Arm, den Karton hatte sie zur Erde gesetzt. Ab und zu fragte sie jemanden, wieviel Uhr es sei. Die Zeit verging langsam; endlich war es bald eins. Da fühlte sie ihr Herz klopfen: der gute Junge! Schon sah sie seine dunklen Augen freundlich aufglänzen, hörte ein erstauntes: ›Cillchen, du?!‹
Ihren Hut zurechtrückend auf dem schönen blonden Haar, ein höheres Rot auf den roten Wangen, sah Cilla hin nach dem Schultor: gleich würde es klingeln – dann kam er angestürmt – da – auf einmal sah sie die Frau. Die –?! Mit schnellen Schritten kam Frau Schlieben aufs Schultor zu. O weh!
Mit ein paar raschen Sätzen sprang das Mädchen hinter ein Gebüsch: die holte heute selber ihren Wolfgang ab?! Ach, da mußte sie ja gehen! Und sehr betrübt schlich sie zum Bahnhof. All die Freude, in der ihr Herz geklopft hatte, war hin; aber einen Trost hatte sie doch: der Wolfgang würde sie nicht vergessen. Nein, nie! –
Wolfgang war sehr erstaunt, als er seine Mutter sah. Er brauchte doch nicht abgeholt zu werden?! Das hatte sie doch auch früher nicht selber getan?! Er war unangenehm berührt. War er denn ein kleines Kind? Die andern würden ihn auslachen! Ein Unmut brannte in ihm, aber der Mutter Güte entwaffnete ihn.
Sie war heute besonders weich und sehr gesprächig. Sie fragte ihn nach all dem, was sie heute in der Schule gehabt hatten, schalt auch nicht, als er gestand, er habe zehn Fehler im lateinischen Extemporale gemacht, im Gegenteil, sie verhieß ihm einen Ausflug nach Schildhorn am Nachmittag. Es war ja ein so schöner, sonnenheller, fast sommerlicher Herbsttag. Ganz vergnügt schlenderte der Knabe neben ihr her, seine Bücher am langen Riemen schlenkernd. Daß Cilla heute abgehen sollte, hatte er augenblicklich ganz vergessen.
Freilich, als sie nach Hause kamen und das fremde Mädchen ihnen öffnete, machte er große Augen, und als sie zu Tisch gingen und die neue mit dem spitzen Gesicht, die aussah wie ein Fräulein, die Speisen auftrug, hielt er sich nicht länger.
»Wo ist Cilla?« fragte er.
»Die ist fort – du weißt doch,« sagte die Mutter so nebenhin.
»Fort –?!« Er wurde blaß und dann glühend rot. Also gegangen, ohne ihm Adieu zu sagen?! Er hatte auf einmal keinen Appetit mehr, obgleich er vorher solchen Hunger gehabt hatte. Jeder Bissen würgte ihn; starr sah er auf seinen Teller, wagte nicht aufzublicken, denn er fürchtete, er könnte weinen.
Die Eltern sprachen über dieses und jenes – allerlei Gleichgültiges –, und in ihm schrie es: ›Warum ist sie gegangen, ohne mir Adieu zu sagen?!‹ Das kränkte ihn zu tief. Er konnte es gar nicht fassen – sie hatte ihn doch so lieb gehabt! Wie hatte sie’s nur übers Herz bringen können, fortzugehen, ohne ihn wissen zu lassen, wo er sie finden konnte?! Es konnte nicht sein, das hatte sie nicht aus freiem Willen getan – sein Cillchen so von ihm gehen?! O nein, nein! Und gerade während er in der Schule war?!
Ein plötzliches Mißtrauen befiel ihn: an so etwas hatte er bisher gar nicht gedacht, aber nun war’s ihm auf einmal klar – oho, dumm war er denn doch nicht! – eben weil er gerade in der Schule war, hatte sie fortgemußt! Die Mutter hatte die Cilla immer nicht leiden können, die hatte auch nicht gewollt, daß Cilla ihm Adieu sagte!
Unter gesenkten Wimpern hervor schoß der Knabe böse Blicke nach seiner Mutter: das war eine Schändlichkeit von ihr!
In verhaltenem Ingrimm murmelte er: »Gesegnete Mahlzeit« und schlorrte die Treppe hinauf in sein Zimmer. Im Schublädchen fand er sofort die versteckten Heiligenbildchen – ›Gruß von Cilla‹ – da brach seine Wut aus und sein Schmerz. Er stampfte mit den Füßen und küßte die bunten Bildchen, und seine Tränen gaben lauter dunkle Flecke darauf. Dann polterte er die Treppe hinab ins Eßzimmer, wo der Vater noch am Tische saß und die Mutter am Büfett Obst und Kuchen in ihren Pompadour packte. Aha, sie hatte ja mit ihm spazieren gehen wollen! Das sollte ihm gerade einfallen!
»Wo ist die Cilla hin? Warum hast du sie mir nicht Adieu sagen lassen?!«
Die Mutter sah ihn wie erstarrt an: woher erriet der Junge ihre allergeheimsten Gedanken? Sie brachte kein Wort heraus. Aber er ließ sie auch zu gar keiner Äußerung kommen, seine noch hohe Knabenstimme überschlug sich in der Erregung und wurde dann tief und rauh: »Ja, du – o, ich weiß es ganz genau – du wolltest es nicht haben, daß sie mir Adieu sagte! Du hast sie fortgeschickt, damit ich sie nicht mehr sehen sollte – du, du! Das ist schändlich von dir – das ist – das ist gemein!« Er ging gegen sie an.
Langsam wich sie zurück – seine Hände hoben sich, wollte er sie schlagen?!
»Bengel!« Des Vaters Faust packte ihn im Genick. »Was unterstehst du dich? Die Hand gegen deine Mutter zu heben?! Du – du!« Der empörte Mann rüttelte den Knaben, dem die Zähne zusammenschlugen, und schüttelte ihn wieder und wieder. »Du – du Rüpel, du Nichtsnutz!«
»Sie hat sie mir nicht Adieu sagen lassen,« schrie der Knabe dagegen, »sie hat sie weggeschickt, weil – weil –«
»Du willst dich noch erdreisten, ein Wort zu –«
»Doch! Warum hat sie die Cilla mir nicht Adieu sagen lassen, die hat ihr gar nichts getan, die hab ich lieb gehabt, aber darum, gerade darum –«
»Schweig!« Ein heftiger Schlag traf des Knaben Lippen. Schlieben kannte sich selber nicht mehr; seine Ruhe hatte ihn verlassen, des Knaben Widersetzlichkeit jagte ihn in die Hitze. Wie der sich gegen seine haltende Hand sträubte, ihm mit dreisten Augen ins Gesicht sah! Wie der es wagte, die Stimme gegen ihn zu erheben! »Du« – er schüttelte ihn – »also so frech?! So undankbar?! Was wäre aus dir geworden – im Elend wärst du verkommen – ja – sie hat dich erst zum Menschen gemacht – dich aufgelesen aus dem –«
»Paul!« Der Schrei seiner Frau unterbrach Schlieben. Wie eine Sinnlose fiel ihm Käte in den Arm: »Nein, nein, laß ihn! Du sollst nicht, – nein!« Sie hielt ihm den Mund zu. Und als er sie im Ärger von sich schob und den Knaben wieder fester packte, entriß sie diesen ihm und drückte wie schützend seinen Kopf in ihr Kleid. Sie hielt seine Ohren zu. Und angstvoll, die überweit geöffneten Augen im tief erbleichten Gesicht nach ihrem Manne kehrend, flehte sie: »Kein Wort! Ich bitte, ich bitte dich!«
Sein Zorn war noch nicht verraucht. Wahrhaftig, Käte mußte nicht ganz bei sich sein! Was entzog sie denn den Knaben der wohlverdienten Züchtigung?! Mit hartem: »Aber Käte – kein Pardon!« ging er von neuem auf den Knaben zu.
Da flüchtete sie diesen zur Tür hinaus, riegelte ab und stellte sich vor die Tür, wie um den Ausgang zu versperren.
Nun war Wolfgang fort. Nun waren sie beide allein, sie und ihr Mann, und mit dem vorwurfsvollen Ruf: »Du hättest es ihm beinah verraten,« wankte sie nach dem Sofa. Sie fiel mehr hin, als daß sie sich setzte, und brach in fassungsloses Weinen aus.
Mit großen Schritten ging Schlieben im Zimmer auf und ab. In der Tat, da hätte er sich von seiner Empörung beinahe hinreißen lassen! Aber wäre es denn ein Unglück gewesen, wenn er dem Jungen ein Licht aufgesteckt hätte?! Mochte der nur wissen, woher er stammte, und daß er nichts, eigentlich gar nichts hier zu suchen hatte! Daß er alles aus Gnade empfing! Es war durchaus nicht nötig, eher nachteilig als wünschenswert, ihm das zu verheimlichen. Aber wenn sie es denn durchaus nicht haben wollte!
Er unterbrach sein Hin- und Hergehen, blieb vor der in der Sofaecke Weinenden stehen und sah auf sie nieder. Sie tat ihm so unendlich leid. Das hatte sie nun für all ihre Güte, ihre Selbstlosigkeit, für all ihre Aufopferung! Sachte legte er ihr, ohne Wort, die Hand auf den tiefgesenkten Scheitel.
Da richtete sie sich jäh auf und haschte nach seiner Hand: »Und tu ihm nichts, ich bitte dich! Schlage ihn nicht! Ich bin schuld – er hat’s erraten. Ich konnte sie nicht leiden, ich habe ihr gekündigt, und dann habe ich sie heimlich fortgeschickt – nur, weil er sie lieb hatte, gerade darum! Ich fürchtete sie. Paul, Paul« – sie rang reuevoll die Hände – »o, Paul, ich schäme mich vor dem Kinde, ich schäme mich vor mir selber!« – –
Wolfgang hockte oben in seiner Stube und hielt die Heiligenbildchen in der Hand. Die waren nun sein köstlichster, sein einziger Besitz; ein teures Andenken. Wo sie jetzt wohl sein mochte? Noch hier im Grunewald? Schon in Berlin? Oder noch viel weiter? Ach, wie er sich nach ihr sehnte! Ihr freundliches, ihm heimlich-zulächelndes Gesicht fehlte ihm, und dies Vermissen steigerte sich bis zur Unerträglichkeit. Hier war ja keiner, der ihn so lieb hatte, wie sie ihn lieb gehabt – den er so lieb hatte, wie er sie lieb gehabt hatte!
Nun Cilla fort war, vergaß er, daß er sie doch auch oft ausgelacht und gehänselt, sich auch jungenhaft mit ihr gezankt hatte. Nun wuchs seine Sehnsucht ins Unbegrenzte, und ihre Gestalt wuchs mit. Wurde so groß und stark, so übermächtig, daß sie ihm den Blick benahm auf alles andre, was noch um ihn war. Er warf sich auf den Teppich und krallte die Hände hinein; so mußte er sich halten, sonst hätte er alles um sich zerschlagen, alles, kurz und klein.
Das war der Tritt des Vaters auf der Treppe! Es rüttelte an seiner Tür. Mochte er rütteln! Wolfgang hatte sich eingeschlossen.
»Mache sofort auf!«
Aha, nun gab’s Prügel! Hastig wischte sich Wolfgang die Tränen ab, biß die Zähne zusammen und kniff die Lippen aufeinander.
»Nun, wird’s bald?!« Immer stärker wurde das Rütteln.
Da ging er und schloß auf. Der Vater trat ein; nicht mit dem Stock, den der Knabe in seiner Hand vermutet hatte, aber mit Zorn und Kummer auf der Stirn.
»Komm sofort herunter! Du hast deine arme, gute – nur zu gute Mutter tief gekränkt. Komm jetzt zu ihr und bitte ab. Zeige ihr, daß dir’s leid tut – hörst du?! Komm!«
Der Knabe rührte sich nicht. Mit einem namenlos unglücklichen, zugleich aber auch verbissenen Ausdruck starrte er, am Vater vorbei, ins Leere.
»Du sollst kommen – hörst du nicht? Deine Mutter wartet!«
»Ich komm nicht!« Wolfgang murmelte es; kaum daß er die Zähne voneinander brachte.
»Was –?!« Sprachlos, ganz benommen von so viel Frechheit, starrte der Mann den Knaben an.
Dieser erwiderte seinen Blick, groß und starr. Das junge Gesicht war so blaß, daß die dunklen Augen noch dunkler erschienen; abgrundschwarz.
›Böse Augen,‹ sagte sich Schlieben. Und von einem alten, längst vergessenen, aber trotz allem und allem immer noch in der tiefsten Seele schlummernden, jetzt plötzlich lebendig gewordenen Argwohn jäh übermannt, faßte er den Knaben vorn bei der Brust und hielt ihn so mächtig, daß es keinen Widerstand mehr gab.
»Bengel! Bursche! Hast du denn gar kein Herz? Sie, die dir so viel Gutes getan hat, sie, sie wartet auf dich – und du, du willst nicht?! Auf die Kniee, sag ich! Voran – bitte ab! Sofort!« Und er faßte den keine Regung Zeigenden nun im Genick anstatt bei der Brust, und stieß ihn vor sich her, die Treppe hinunter, hinein ins Zimmer, wo Käte saß, versunken in ihren Kummer, die Augen rotgeweint.
»Hier kommt einer, der abbitten will,« sagte Schlieben und stieß ihr den Knaben vor die Füße.
Wolfgang hatte schreien wollen: ›nein, ich bitte nicht ab, nun erst recht nicht!‹ – da tat sie ihm auf einmal so leid. Ach, die war ja ebenso unglücklich wie er – sie paßten nun einmal nicht zueinander! Das war wie eine plötzliche Erkenntnis, die seinen Blick vertiefte, sein Kindergesicht so verschärfte in allen Linien, daß es alt wurde über seine Jahre.
Aufschluchzend stieß er heraus: »Verzeih!« Er hörte es selber nicht, wieviel Qual in seinem Ton lag, er fühlte auch kaum, daß ihre Arme ihn emporzogen, daß er für Augenblicke an ihrer Brust lag und sie ihm die Haare aus der glühenden Stirn strich. Er war wie halb bewußtlos; nur eine große Leere fühlte er und eine unklare Trostlosigkeit.
Wie im Traum hörte er den Vater sprechen: »So ist’s recht! So, nun geh und arbeite! Und bessere dich!« Und der Mutter sanfte Stimme: »Ja, er wird schon!« Wie ein Nachtwandelnder ging er die Treppe hinauf. Er sollte jetzt arbeiten – wozu, warum?! Es war ja alles so gleichgültig. Gleichgültig war es, ob die hier ihn lobten oder tadelten – was ging ihn alles hier an?! Er mochte hier überhaupt nicht mehr sein, nicht länger mehr bleiben – nein, nein! Wie im Abscheu schüttelte er sich.
Lange stand er dann auf einem Fleck, ins Leere stierend. Und vor seinen starrenden Blicken erstand allmählich eine große, eine unermeßliche Weite – Kornfelder und Heide, rote blühende Heide, in der die Sonne versinkt, stille Wasser, an denen ein einsamer Vogel lockt und über all dem feierlich-schönes Glockengeläut. Da mußte er hin! Verlangend streckte er die Arme aus, seine verweinten Augen glänzten auf.
Wenn sie ihn hier hielten, festhielten – nein, sie konnten ihn nicht halten! Dahin mußte er!
Wie gezogen näherte er sich dem Fenster. Tief war’s da hinunter, zu tief für einen Sprung, aber er würde doch hinabkommen. Über die Treppe ging es freilich nicht, da würden sie ihn hören, aber so – ja, so!
Sich auf das äußere Gesims des Fensters knieend, streckte er tastend die Füße nach der Wasserrinne aus, die, zur Seite des Fensters, die ganze Wand des Hauses hinablief. Ha, er fühlte sie! Da rutschte er vom Sims herab, hing nur noch mit den Fingerspitzen daran, baumelte für ein paar Momente in freier Luft, hatte dann die Wasserrinne zwischen den Knieen, ließ die Finger vollends vom Sims, umklammerte das Blechrohr und fuhr daran hinab, rasch und lautlos.
Scheu sah er sich um: es hatte ihn niemand gesehen! Niemand war auf der Straße, fern wanderten nur ein paar Spaziergänger. Geduckt schlich er unter den Parterrefenstern her – nun war er im Garten hinter den Bosketts – nun über den Zaun – seine Hose schlitzte, das machte nichts – nun sah er mit einem Gefühl wilden Triumphes nach dem Hause zurück. Er stand drüben auf dem öden Feld, das noch immer unbebaut lag; stand, gedeckt von einem wilden Holunderbusch, dessen ersten Sprößling er vor Jahren, als Kind, hier eingesenkt hatte. Keine Empfindung des Bedauerns regte sich in ihm. Flüchtig wie ein Wild, das Schüsse hört, jagte er davon, dem deckenden Walde zu.
Er rannte und rannte, lief noch, als längst kein Laufen mehr not tat. Erst eine völlige Erschöpfung zwang ihn, innezuhalten. Er war immer quer durchgelaufen, ohne jeglichen Weg; nun wußte er nicht mehr, wo er war. So viel war sicher, er war schon weit fort; so weit war er auf seinen Räuberzügen mit den Spielgefährten nicht gekommen, so tief in den Wald hinein nicht, auch nie auf Spaziergängen so gänzlich ins Pfadlose, ins ganz Einsame. Hier konnte er ruhig eine Weile rasten.
Er warf sich auf den Boden, dessen Sand nur feinfädiges Gras und in kleinen Senkungen einige Bestände von Adlerfarrn wies. Um ihn reckten sich stille Bäume wie schlanke Säulen, die den Himmel zu tragen schienen.
Hier lag er eine Weile auf dem Rücken und ließ das Blut ausrasen, das ihm wie toll durch die Adern schoß. Er glaubte das unerklärlich heftige Pochen seines Herzens laut zu hören – o, wie unangenehm es ihm da in der Brust hämmerte und stach, so hatte er noch nie sein Herz gespürt! Freilich, so war er auch noch nie gelaufen, wenigstens seit der Krankheit nicht. Er mußte nach Luft ringen, er glaubte zu ersticken. Endlich konnte er wieder bequemer atmen; jetzt brauchte er nicht mehr die Nasenflügel zu blähen und mit offenem Munde zu schnappen. Jetzt genoß er ein Wohlbehagen, das allmählich über ihn kam.
Es war noch nicht dämmerig, als er wieder weiterging, aber doch schon begann der Spätnachmittag zu zeigen, daß es Oktober war. Der Sonnenschein, der durch die roten Kiefernäste fiel, hatte etwas unendlich Mildverklärtes, eine süße Sanftheit, die auch den wilden Durchgänger sänftigte. Er ging in einem Traum – wohin? Das wußte er nicht, daran dachte er auch nicht, er ging eben, ging. Ging einer Sehnsucht nach, die ihn unwiderstehlich zog, die wie eine ihr Nest suchende Taube vor ihm herflatterte, girrte und lockte. Und die Taubenschwingen waren stärker denn Adlerfittiche.
Wo die Sehnsucht flog, da waren keine Menschen. Da war es so friedlich-still. Nicht einmal der Fuß, der in Moos und kurzem Gras versank, machte ein Geräusch. Dünnen Kerzen gleich, die oben brannten, so standen die Kiefern in sonnigen Abendgluten. Kein herbstliches Blatt, in dem ein Wind hätte rascheln können, lag am Boden; über die glatten Nadeln und die farblosen Zäpfchen, die von den Kronen herabgesunken waren, strich die Luft hin ohne Laut.
Daß es so schön hier war! Mit einem staunenden Entzücken sah Wolfgang sich um. So schön hatte es ihn früher doch nie gedeucht! Freilich, da wo die Villen stehen und die Wege führen, da war’s auch nicht so wie hier! Sein Blick glitt bald nach rechts, bald nach links, und mit Neugier voraus in den Dämmer des Waldes. Da, wo das letzte Sonnengold nicht wie rotes Blut an den rissigen Borken klebte, da, wo das Licht nicht mehr hin traf, war ein weiches, geheimnisvolles Dunkeln, in dem die moosigen Stämme mit ihrem tiefen Grün trotzdem leuchteten. Und ein Duften war hier, so feucht-kühl, herb und frisch, daß die Brust wie befreit aufatmete und eine neue Kraft durch die Glieder rann.
Wolfgang begann jetzt, hier in der großen Ruhe die Aufregungen des Tages zu empfinden. Er faßte sich nach der heißen Stirn – ah, jetzt merkte er, daß er nicht einmal eine Mütze hatte! Aber was machte das? Er war frei, frei! Mit einem Jauchzen schoß er dahin, und dann erschrak er über die eigne laute Stimme: st, still! Nur nicht wieder eingesperrt werden, frei sein, frei!
Nun fühlte er keine Sehnsucht mehr. Eine große Wonne durchrann ihn, eine schrankenlose Seligkeit. Die Augen strahlten ihm – er riß sie weit auf – er konnte gar nicht genug die Welt bestaunen, als sehe er sie heut zum ersten Mal. Er rannte gegen die himmeltragenden Stämme und umfing sie mit beiden Armen; er drückte sein Gesicht an die harzige Rinde. War diese Rinde nicht weich, schmiegte sie sich nicht an seine glühende Wange wie eine schmeichelnde Hand?!