Part 11
Und sie eilte durch die Halle, an dem freundlich strahlenden Gesicht der Köchin vorüber, sah nicht den Friedrich, der jetzt die Dienerlivree angelegt hatte, nachdem er vorher noch alles mit seinen selbstgezogenen Blumen dekoriert hatte; sie bewunderte weder seine gärtnerischen Erfolge, noch die selbstgebackene Torte, die die Köchin auf den festlichen Tisch gestellt hatte. Aus der Halle war sie in ihren kleinen Salon und von da durchs Eßzimmer gelaufen, dessen Tür auf die Veranda führte. Die Tür war geöffnet – nun stand sie auf der Schwelle – die draußen gewahrten sie nicht.
Von den Windlichtern auf dem Verandatisch brannte nur eins, leidlich hell, um nahebei zu leuchten. Aber Cilla tat nichts. Den Strumpf, den sie stopfen sollte, hatte sie im Schoß; ihre rechte Hand, in der sie die lange Stopfnadel hielt, ruhte lässig auf dem Tischrand. Sie hatte sich ein wenig hintenüber gelehnt; ihr Gesicht, in diesem Zwielicht feiner und schöner, war emporgehoben; sie schien nachzudenken, den Mund halbgeöffnet.
Von Wolfgang sah man nichts. Aber jetzt hörte die Mutter ihn sprechen im Ton des Bedauerns: »Weißt du nicht weiter?! O!« Und dann drängend: »Weiter, Cilla, weiter, es war ja so schön!«
Aha, nun sah sie auch ihn! Er saß dem Mädchen zu Füßen, auf einem ganz niedrigen Schemel, dicht an dessen Knie gedrückt. Und er wendete das Gesicht jetzt zu dem Mädchen auf – bittend, begehrend – sah es an mit Augen, die wie polierter dunkler Achat glänzten, und sprach in einem Tone, wie die Mutter noch nie von ihm gehört zu haben glaubte: »Singe, Cillchen! Liebes Cillchen singe!«
Die Magd stimmte an:
»›Bebe nicht, sprach sie mit leiser Stimme‹ –
Ach nee!
›Ich erscheine nicht vor dir im Grimme‹ –
Nee, auch nich!
›Warum glaubt’ ich Schwache deinen Schwüren,‹ –
Nee, ich weiß nich weiter. Nu sag einer! Un ich hab’s bei mir zu Hause doch so ofte gesungen. Bei uns im Dorfe, wenn wer abends gingen, mein Schatz un ich. I,« – sie stampfte ärgerlich auf – »daß mer so was auch vergessen tut!«
»Ärger dich nicht, Cillchen! Du mußt dich nicht ärgern. Fang doch noch mal von vorne an, das macht ja nichts. Ich, hör’s gern noch mal, immer noch mal! Fein ist das!«
›Cillchen – Cillchen‹ – wie spielerig das klang, ordentlich zärtlich! Und wie er an ihren Lippen hing!
Käte streckte den Kopf weit vor; sie stand schon auf der Veranda, und die beiden bemerkten sie noch immer nicht.
Die Magd sang, leierig und zeternd, wie sie daheim auf der Dorfstraße gesungen hatte, aber des Knaben Augen glitzerten und wurden groß dabei. Seine Lippen bewegten sich, als ob er’s mitsänge:
»Heinrich lag bei seiner Neuvermählten, Einer reichen Erbin von dem Rhein, Schlangenbisse, die den Falschen quälten, Ließen ihn nicht süßen Schlafs sich freun.
Zwölfe schlug’s, es drang durch die Gardine Plötzlich eine kleine weiße Hand, Was erblickt er? Seine –«
Die Sängerin stockte – ein tiefer Atemzug zitterte plötzlich über die Veranda. Der Knabe schrie erschrocken laut auf – da stand sie, da stand sie!
»Aber Wolfgang – Wölfchen!« Die Mutter streckte ihm die Arme entgegen, doch er verbarg den Kopf in dem Schoße der Magd.
Kätes finsterer Blick streifte das Mädchen: was war das für ein Unsinn, ihm solche Lieder vorzusingen!
»Och, die Frau – die gnädige Frau!« Rot werdend schnellte Cilla auf und ließ alles, was sie auf dem Schoß hatte – Strumpf, Stopfei, Wollknäuel und Schere – zu Boden gleiten; auch den Jungen.
Warum waren die beiden so erschrocken?! Als sei sie ein Gespenst, so starrte Wolfgang sie ja an!
Er war jetzt aufgestanden, hatte die Mutter begrüßt, mechanisch das Gesicht zu ihr aufgehoben, um ihren Kuß zu empfangen; aber sie merkte ihm keine Freude an. Oder war es Befangenheit, eine knabenhafte Scham, weil sie ihn belauscht hatte? Seine Augen sahen sie gar nicht voll an, streiften sie aber immerfort von der Seite. War sie ihm denn fremd geworden – so fremd?!
Eine unsägliche Enttäuschung durchzog der Heimkehrenden Herz, und ohne daß sie es beabsichtigte, klang der Ton schroff, in dem sie das Mädchen jetzt hinausgehen hieß. Sie setzte sich auf den eben verlassenen Platz am Tisch und zog ihren Knaben an sich.
»Wie ist dir’s denn gegangen, Wölfchen? Nun sage doch – gut?!«
Er nickte.
»Hast du denn auch Mutterchen ein bißchen vermißt?!«
Er nickte wieder.
»Ich habe dir auch so viele schöne Sachen mitgebracht!«
Da wurde er lebhaft. »Hast du auch für Cilla was mitgebracht? Einen Nähkasten mit allerlei drin könnte die gut gebrauchen; weißt du, sie hat nur so ’nen alten von der Schule her. Och, die kann mal fein erzählen – so gruselig! Und singen! Laß dir das mal vorsingen:
›Ein niedliches Mädchen, ein junges Blut, Erkor sich ein Landmann zur Frau, Doch sie war einem Soldaten so gut Und bat ihren Alten ganz schlau –‹
Ich sag dir, zum Schießen ist das!«
Und lachend begann er weiterzuträllern:
»Er möchte doch fahren ins Heu, juchhei, Ins Heu, juchhei –«
»St – – –!« Sie legte ihm die Hand auf den Mund.
»Das ist gar kein schönes Lied – ein garstiges Lied! Das wirst du nie mehr singen!«
»Aber warum denn nicht?« Er sah sie mit runden Augen erstaunt an.
»Weil ich es nicht wünsche,« sagte sie kurz. Sie war empört: morgen, ja morgen, da würde sie dem Mädchen aber ihre Meinung nicht vorenthalten!
Jetzt waren ihre Wangen nicht mehr heiß; eine empfindliche Kühle schauerte über die Veranda, die ihr eisig bis ans Herz griff. Als Paul rief: »Aber, Käte, wo steckst du denn? Lege doch erst ab!« folgte sie rasch seinem Ruf.
Der Knabe blieb allein stehen und sah mit blinzelnden, träumerischen Augen in die milde, jetzt ganz dunkle Nacht. Ha, das war doch so schön, wie die Cilla gesungen hatte! Morgen mußte Cilla wieder singen und erzählen! Wenn =sie= nun auch wieder da war! Ein ungestörtes Plätzchen würde doch noch zu finden sein! –
Käte schlief gar nicht in dieser ersten Nacht, obgleich sie todmüde war. Vielleicht zu müde. Sie hatte noch eine lange Auseinandersetzung mit Paul gehabt, als sie schon zu Bette lagen. Er hatte ihr recht gegeben, daß weder das eine noch das andre Lied sehr passend war, aber – »Du lieber Gott,« hatte er gesagt, »was hört man als Kind nicht alles, und es geht spurlos an einem vorbei!«
»An =dem= nicht!« Und dann klagte sie: »Ich habe so oft versucht, ihm wirklich Schönes vorzulesen, das Beste unserer Dichter – aber gar kein Interesse, noch gar kein Verständnis! Und für solche – solche« – sie suchte einen Ausdruck und fand ihn nicht – »für so etwas begeistert er sich! Aber ich leide es nicht, ich dulde es nicht! Dergleichen darf nicht in seine Nähe!«
»Dann entlasse die Dienstboten,« hatte er ärgerlich gesagt. Er war eben im Einschlafen und wollte nicht mehr gestört sein. »Gute Nacht, mein Herz, schlaf dich aus! Übrigens bist du ja nun wieder da und wirst schon das Deine tun!«
Ja, das würde sie auch! –
Sie ließ den Knaben von nun ab nicht mehr aus den Augen. Und ihre Ohren waren überall. Es lag kein Grund vor, das Mädchen zu entlassen – es war ehrlich und sauber, tat seine Schuldigkeit – nur mit Wölfchen durfte es nicht mehr allein sein. Wolfgang ging ins zwölfte Jahr, eine Überwachung durch eine Dienerin war überhaupt nicht mehr möglich.
Aber es war schwer für Käte, ihren Vorsätzen treu zu bleiben. Ihr Mann machte doch auch seine Ansprüche, und ihr Haus, ihre Geselligkeit; es war nicht möglich, alles andre abzuschütteln, aufzugeben, zu verabsäumen, nur um des einen: um des Kindes willen. Und sie durfte Paul doch auch nicht anhaltend verstimmen, ihn womöglich ernstlich gegen das Kind erzürnen; davor zitterte sie. Sie mußte zuweilen mit ihrem Mann in Gesellschaft gehen, er freute sich, wenn sie – gut angezogen – als liebenswürdige Frau gesucht ward. Er ging gerne – ach, und viel, viel zu oft! Gerade diesen Winter hatte sie geglaubt, doppelt auf der Hut sein zu müssen. Und sie instruierte die Köchin und den Diener, ersuchte beide dringend, aufzupassen. Die waren ganz verwundert: wenn die gnädige Frau so wenig zufrieden war, sollte die gnädige Frau doch der Cilla kündigen, zum ersten Januar gab’s ja Mädchen genug!
Unwillig wendete sich Käte ab: wie häßlich von den Dienstboten, die andre herausbeißen zu wollen! Ungerecht durfte sie gegen das Mädchen denn doch nicht handeln. Und wenn ein andres ins Haus kam, konnte es da nicht ebenso sein?! Dienstboten sind immer eine Gefahr für Kinder. –
Wolfgang entwickelte sich sonst sehr gut, besonders körperlich. Nicht, daß er gerade so sehr in die Höhe schoß; er ging mehr in die Breite, wurde stämmig, mit einem festen Nacken. Wenn er mit den Lämkes vor der Tür Schneeballen warf, sah er älter aus als der gleichaltrige Artur, sogar älter als Frida. Er wurde eben anders genährt als diese Kinder. Mit Wohlgefallen sah die Mutter seine reine, frische Haut, die gepflegt war durch warme Bäder und die tägliche kalte Abreibung am Morgen. Und zum Friseur mußte er alle vierzehn Tage, da wurde der dichte, glatte, dunkle Haarschopf, der aber trotz aller Sorgfalt etwas Grobfädiges behielt, verschnitten, gewaschen und mit stärkender Essenz eingerieben. Beinahe verkümmert sahen die Lämkes aus gegen ihn; sie hatten ja auch vor nicht zu langer Zeit erst die Nachwehen des Scharlach überstanden. Wenn nur Wölfchen das nicht auch bekam. Käte hatte große Angst davor. Bis vor kurzem hatte sie ihn von den Lämkes ferngehalten; aber freilich in der Schule war stete Ansteckungsgefahr. Ach Gott, man kam wegen des Kindes eben nie zur Ruhe! –
* * * * *
Sie hatten sich recht munter draußen getummelt. Der See, der unterhalb der Villen, wie ein stilles Auge zwischen den dunklen Waldrändern liegt, war zugefroren; Wolfgang und die halbe Klasse liefen dort Schlittschuh. Käte war nach Tisch auch eine Weile am Ufer auf und ab gewandert und hatte ihren Jungen beobachtet. Wie nett er schon lief! Sicherer und besser als mancher der Jünglinge, die da Achter zogen und Kreise beschrieben, holländerten und mit ihren Damen tanzten. Er versuchte auch schon allerlei Kunststücke, er hatte wirklich Courage. Daß er nur nicht hinfiel oder einbrach! Und immer lief er der tiefen Mitte des Sees zu, wo noch Strohwische steckten! Der Mutter war, als könnte ihm nichts geschehen, wenn sie hier am Ufer stand und ihn unablässig mit den Augen verfolgte. Endlich aber erstarrten ihre Füße gänzlich, und sie mußte heimgehen.
Als er gegen Dunkelwerden nach Hause kam, war er unendlich frisch. Mit Freudigkeit sprach er vom Eislauf. »Ha, das war mal fein! Ich möchte immer so laufen – morgen, übermorgen – alle Tage – und immer weiter, weiter! Der See ist viel zu klein!«
»Bist du denn gar nicht müde?« fragte die Mutter und lächelte ihn an; sie konnte sich nicht satt an ihm sehen, er sah so strahlend aus.
»Müde?« Ein fast geringschätziges Lächeln zog seine Mundwinkel herab. »Ich werde nie müde. Von so was nicht! Die Cilla hat gesagt, sie möchte auch gern mal mit mir laufen!«
»Ach, warum nicht gar?!« Schlieben, der mit beim Kaffeetisch saß, lächelte gutgelaunt; es machte ihm Spaß, den frischen Jungen ein wenig zu necken. »Dann wird sich die Mutter eben während der Eiszeit ein zweites Hausmädchen engagieren müssen!«
Wolfgang verstand den leisen Spott nicht. Ganz glücklich rief er: »Ja, das soll sie tun!« Aber dann wurde sein Gesicht lang: »Aber sie hätte keine Schlittschuhe, sagt sie. Vater, du mußt ihr welche kaufen!«
»Den Kuckuck werd ich – na, das fehlte noch!« Der Hausherr lachte laut auf. »Nein, mein Junge, die Cilla in Ehren, aber sie Schlittschuh laufen zu lassen, das wäre denn doch ein bißchen übertrieben! Nicht wahr?«
Er sah zu seiner Frau hin, die ganz gegen ihre Gewohnheit laut mit den Tassen klapperte. Sie sagte nichts, sie nickte nur stumm mit gänzlich veränderter, kühler Miene.
Der Knabe begriff das nicht: warum sollte die Cilla nicht Schlittschuh laufen?! Hatte die Mutter was gegen sie? Komisch! Immer, wenn ihm was so recht, recht gefiel, gefiel’s ihr nicht!
Er stützte, an seinem Arbeitspult sitzend, den Kopf in beide Hände; der war ihm schwer. Die Augen brannten ihm und tränten, wenn er sie fest aufs Heft richtete – er mußte doch wohl müde geworden sein. Das wurde keine gute lateinische Arbeit! Im Geist sah er schon, wie der Lehrer die Achseln zuckte und ihm, über so und so viel Köpfe weg, das Heft auf die Bank feuerte: ›Schlieben, zehn Fehler! Junge, Mensch, zehn Fehler! Wenn du dich nicht zusammennimmst, kommst du Ostern nicht mit nach Quarta herüber?!‹
Pah, das war ihm ja ziemlich egal – nein, eigentlich ganz egal. Es war ihm überhaupt jetzt alles egal, schrecklich egal. Er fühlte sich auf einmal todmüde. Warum sie nur der Cilla nichts gönnen wollte? Die erzählte doch so fein! Was hatte die doch gestern abend, als die Eltern aus waren und sie sich an sein Bett geschlichen hatte, erzählt? Von – von –?! Er konnte nichts mehr zusammenbringen, seine Gedanken verwirrten sich.
Der Kopf sank vornüber aufs Pult; die Arme lang vor sich über seine Bücher gestreckt, schlief er ein.
Als er erwachte, mochte wohl eine Stunde vergangen sein, aber er fühlte sich doch nicht ausgeruht. Fröstelnd, mit starren Augen sah er sich im Zimmer um. Alle Glieder taten ihm weh.
Und sie taten ihm auch die Nacht durch noch weh, er konnte nicht schlafen; mit schweren Füßen schleppte er sich am anderen Nachmittag auf die Eisbahn.
Viel früher als sonst kam er vom Schlittschuhlaufen wieder nach Hause. Er mochte nichts essen und nichts trinken, immer kam ihn eine Übelkeit an. »Sieht der Junge heute grün aus,« sagte der Vater. Die Mutter strich ihm besorgt die Haare aus der Stirn: »Fehlt dir was, Wölfchen?« Er verneinte.
Aber als wieder der Abend gekommen war und der Wind draußen in den Kiefern flüsterte und eine gespenstische Hand an die Fenster rührte – huh, eine kleine weiße Hand wie in Cillas Lied –, lag er im Bett, schüttelte sich vor Frost, trotz der weichen warmen Decke, fühlte, daß ihm der Hals weh tat und daß es in seinen Ohren stach und brannte.
»Er ist krank,« sagte Käte sehr besorgt am Morgen. »Wir wollen doch gleich Hofmann kommen lassen!«
»Ach, es wird schon nicht so schlimm sein,« beruhigte der Mann. »Laß ihn im Bette, gib ihm Zitronenlimonade zum Schwitzen und auch was zum Abführen. Er hat sich den Magen verdorben oder ist erkältet!«
Aber schon am Mittag mußte der Arzt herbeitelephoniert werden. Der Knabe lag, nicht mehr klar, in hohem Fieber.
»Scharlach!« Prüfend besah der Sanitätsrat die entblößte Brust und zog dann sorgfältig die Decke wieder höher. »Aber der Ausschlag ist noch nicht recht heraus!«
»Scharlach –?!« Käte glaubte in die Knie sinken zu müssen – o, davor hatte sie sich immer so sehr gefürchtet!
* * * * *
Das frische Frostwetter mit dem blanken Sonnenschein und dem fast sommerblauen Himmel hatte aufgehört. Graue Tage mit schwerer Luft hingen über dem Villendach; Käte, die am Fenster des Krankenzimmers stand und mit überwachten Augen hinausstarrte in die schwarzen Kiefernwipfel, die da trauerten in der Nebeltrübe, glaubte nie grauere gesehen zu haben.
Die Krankheit hatte den Knaben mit Macht gepackt; als sei sein vollsaftiger, wohlgenährter Körper so recht ein Herd, in dem die Flammen des Fiebers wüteten. Hofmann schüttelte den Kopf: überall war der Scharlach so gutartig aufgetreten, nur hier nicht! Und er warnte vor Erkältung, verordnete dies und das, tat sein Bestes – nicht bloß aus Pflicht, nein, aus tiefstem, herzlichstem Anteilgefühl heraus – er war dem strammen Jungen immer so gut gewesen. Sie taten alle ihr Bestes. Jede Vorsicht wurde angewendet, jede Rücksicht – es sollte ja alles, alles für ihn geschehen!
Käte war unermüdlich. Die Hilfe einer Krankenschwester hatte sie abgelehnt; mit Heftigkeit wehrte sie sich gegen ihren Mann, gegen den alten Freund: nein, sie wollte ihr Kind allein pflegen! Eine Mutter wird nicht müde, o nein!
Paul hatte nie geglaubt, daß seine Frau so viel leisten und dabei so geduldig sein könnte – sie, die Nervöse, so unermüdlich, so unverzagt! Wohl hatte sie immer einen leisen Tritt gehabt, nun hörte man ihn gar nicht mehr, wenn sie durch die Krankenstube glitt; bald war sie an der linken Seite des Bettes, bald an der rechten. Sie, deren Kräfte so leicht versagten, wenn auch der Wille gut war, war immer, immer auf dem Platz. Es gab viele Nächte, in denen sie keine Stunde Schlaf fand; wie ein Schatten saß sie dann am Morgen in dem großen Lehnstuhl am Bett, aber sie war doch voller Freudigkeit: Wölfchen hatte ja fast zwei Stunden geschlafen!
»Tu dir nicht zu viel, tu dir nicht zu viel,« bat der Mann.
Sie wies ihn ab: »Ich fühl’s nicht! Ich tu es ja so gerne!«
Wie lange sollte das so gehen? Würden, konnten diese Kräfte anhalten?! »Laß doch wenigstens das Mädchen eine Nacht bei dem Jungen wachen! Sie will dich ja so gerne ablösen!«
»Die Cilla–?! Nein!«
Cilla hatte sich immer und immer wieder angeboten: o, sie wollte wohl gut aufpassen, sie verstand’s, war doch auch ein kleiner Bruder von ihr am Scharlach gestorben! »Lassen Sie mir,« bat sie, »ich schlafe nich, ich passe so gut auf!«
Aber Käte wies sie zurück. Es war ihr jedesmal wie ein Stich, wenn sie in den Nächten, die so schwarz und lang waren, ihren Knaben im Fiebertraum sprechen hörte: »Cillchen – wir wollen doch fahren ins Heu – juchhei – Cillchen!«
O, wie sie dieses rundwangige Mädchen mit den hellen Augen haßte! Aber mehr als sie es haßte, fürchtete sie es. In den Stunden der Finsternis, in jenen Stunden, in denen sie nichts hörte als das Stöhnen des Kranken und das rastlose Pochen des eignen Herzens, wandelte sich ihr das Mädchen in eine andre Gewalt. Groß und breit tauchte die auf aus der Nacht, stellte sich dreist ans Bett des Kindes, und in ihrem Blick, der stumpf war und ohne Intelligenz, flammte doch etwas auf vom Triumph der Macht.
Dann faßte die überwachte Frau sich wohl an die Schläfen, in denen es hämmerte, und streckte die Arme aus, wie abwehrend: nein, nein, du da, geh fort! Aber das Phantom blieb stehen am Bett des Kindes. Wer war es: die Mutter – das Venn – die Dienstmagd – Frau Lämke?! Ach, alle waren eins!
Über Kätes Gesicht liefen qualvolle Tränen. Wie der Junge jetzt lachte! Sie beugte sich über ihn, so dicht, daß ihrer beider Atemzüge sich mengten und, wie sie es früher schon getan hatte, flüsterte sie ihm auch jetzt zu: »Mutterchen ist hier, Mutterchen ist bei dir!«
Aber er gab kein Zeichen des Erkennens. – – – – –
Cilla hatte ein dick verweintes Gesicht, als sie die Küchentür im Souterrain, an der leise geklopft wurde, öffnete. Flüsternd sagte Frau Lämke guten Tag; sie hatte bis jetzt immer die Kinder herangeschickt, aber gestern waren die mit einem so verwirrenden Bericht nach Hause gekommen, daß die Unruhe sie nun selber hertrieb. Sie wollte sich erkundigen. Draußen vor dem Gitter hielten zwei Doktorwagen, das hatte sie aufs neue erschreckt.
»Wie jeht’s denn, wie jeht’s denn heute?«
Das Mädchen brach in Tränen aus. Es zog stumm die Frau in die Küche, wo die Köchin, ohne in irgend einer Kasserolle zu rühren, am Herd lehnte, während Friedrich eben, auf einen Druck der elektrischen Klingel von oben, wie ein Gehetzter hinausschoß.
»Nee, ich sage schon!« Die Lämke schlug die Hände zusammen. »Is ’s denn schlimm, wirklich so schlimm mit den Jungen?«
Cilla nickte nur, ihre überströmenden Augen in der Schürze verbergend, aber die Köchin sagte dumpf: »Es jeht zu Ende!«
»Zu Ende – stirbt er wirklich – der Wolfjang, =der= Junge?!« Die Frau starrte ungläubig: das konnte ja nicht sein! Aber sie war schreckensbleich geworden.
Die Köchin lenkte ein: »Nu, schlimm jenug is ’s! Unser Doktor hat noch ’nen andern Professor zugezogen, ’nen janz berühmten – jestern war der schonst hier – aber sie jlauben nich, daß se noch was machen können. Die Krankheit is auf die Nieren jeschlagen und aufs Herz. Er kennt einen ja jar nich mehr! Heut morgen war ich drinne, ich wollt ihn doch jerne noch mal sehn – da lag er janz steif und still, wie aus Wachs. Ich jlaube, das wird nischt mehr!« Die gutmütige Person weinte.
Sie weinten alle drei, um den Küchentisch sitzend. Frau Lämke vergaß ganz, daß sie diese Küche nie mehr hatte betreten wollen, und daß ihr Kohl, den sie daheim zum Mittagessen aufgesetzt hatte, nun wohl verbrannte. »Jotte doch, Jotte doch,« sagte sie ein über das andre Mal, »wie wird sie da über wegkommen, so ’n Kind – so ’n einzig liebet Kind!«
Oben standen die Ärzte am Krankenbett, der alte Hausarzt und die noch junge Autorität. Sie standen zur Rechten und zur Linken.
Der Ausschlag war ganz zurückgetreten; keine Spur von Röte war mehr auf dem Gesicht des Knaben, der die Augen mit den erschreckend dunklen Wimpern beharrlich geschlossen hielt. Die Lippen waren blau. Die breite, aber jetzt förmlich eingesunkene Brust zitterte und arbeitete.
Bei jedem mühsamen Atemzug atmete Käte mühsam mit. Sie saß im Sessel zu Füßen des Bettes, steil aufrecht; so hatte sie die ganze Nacht gesessen. Ihr angstvoll-bohrender Blick flog über die bedenklichen Gesichter der Ärzte und stierte dann an ihnen vorbei ins Leere. Da standen sie, zur Rechten und zur Linken – aber da, da – sahen sie’s denn nicht?! – da zu Häupten stand der Tod!
Mit einem unartikulierten Laut bäumte sie sich auf, dann sank sie, wie geknickt, in sich zusammen.
Die Ärzte hatten dem todkranken Kinde eine Injektion gemacht; die Herzschwäche war sehr groß und ließ das Schlimmste befürchten. Dann empfahl sich die Autorität: »Auf morgen!« – aber es lag ein Achselzucken und ein ›Wer weiß?!‹ in diesem ›Auf morgen‹.
Der Hausarzt war noch geblieben; er konnte als Freund nicht gehen. Käte hatte sich an ihn geklammert: »Helfen Sie! Helfen Sie doch meinem Kinde!« Nun saß er mit Schlieben unten in dessen Arbeitszimmer; Käte hatte allein bei dem Kranken bleiben wollen, nur in der Nähe wissen wollte sie ihn.
Stumm saßen die beiden Männer bei einem starken Wein. »Trinken Sie, trinken Sie doch, lieber Freund,« sagte wohl der Hausherr; aber er selber trank auch nicht. Wie wird sie’s ertragen, wie wird sie’s ertragen?! Das surrte beständig durch seinen Kopf. Die Stirn in tiefe Falten gezogen, versank er in ein Brüten. Und der Arzt störte ihn nicht.
Droben lag Käte auf den Knieen. Vor dem Sessel, im dem sie all die bangen Nächte durchwacht hatte, war sie niedergesunken und hielt die Hände gegen ihre emporgehobene Stirn gedrückt. Jetzt suchte sie da oben, jetzt suchte sie den Gott, der ihr das Kind, das er ihr einst gütig in den Weg gelegt hatte, nun wieder grausam entreißen wollte. Sie schrie zu Gott in ihrem Herzen:
›Gott, Gott! Nimm ihn mir nicht! Du darfst ihn mir nicht nehmen! Ich habe sonst nichts mehr auf der Welt! Gott, Gott!‹
Alles, was sie um sich hatte, was sie sonst noch besaß, – auch ihr Mann – war vergessen. Sie hatte jetzt nur dieses Kind. Dieses einzige Kind, das so lieb, so gut, so klug, so brav, so folgsam, so schön, so reizvoll, so über alle Maßen liebenswert war, das ihr Leben so hoch beglückt, so reich gemacht hatte, daß sie arm, bettelarm wurde, wenn es von ihr ging.
»Wölfchen, mein Wölfchen!«
Wie war er immer, immer lieb gewesen, so ganz ihr Kind. Jetzt wußte sie nichts mehr von Tränen, die sie seinetwegen vergossen hatte; hatte sie je welche geweint, so waren es Freudentränen, ja, nur Freudentränen gewesen. Nein, sie konnte ihn nicht missen!
Aus ihrer betenden Stellung auffahrend, rutschte sie näher an sein Bett. Seinen erkaltenden Körper nahm sie in ihre Arme, bettete ihn in Verzweiflung an ihre Brust und hauchte ihren glühenden Atem über ihn hin. All ihre Wärme wollte sie ausströmen lassen in ihn, mit der Kraft ihres Wollens ihn festhalten auf dieser Erde. Wenn seine Brust nach Luft rang, so rang auch ihre Brust, wenn sein Herzschlag stockte, stockte auch der ihre. Sie fühlte sich kalt werden durch seine Kälte, ihre Arme erlahmen. Aber sie ließ ihn nicht. Sie rang mit dem Tode, der zu Häupten stand – wer war stärker, der Tod oder ihre, der Mutter, Liebe?!