Part 10
Und die beiden andern machten es ihm nach. O, wie wurden jetzt die Beete zertrampelt! Alle drei Jungen waren hinter dem Mädchen her. Der blonde Zopf flog wie eine goldene Schnur im Sonnenschein – jetzt flog er hier, jetzt flog er da – nun hatte Wolfgang ihn erhascht und stieß ein Triumphgeschrei aus. Frida versuchte ihn loszureißen, der Knabe hielt fest. Da drehte sie sich blitzgeschwind um, und, übers ganze Gesicht lachend, faßte sie ihn mit beiden Armen um den Leib.
Es war eine harmlos lustige Umschlingung, ein Trick des Spiels – nicht zur Gefangenen wollte das Mädchen gemacht sein, es wollte so tun, als sei es selber die Fangende –, es war eine ganz kindlich-unbefangene Berührung, aber Käte wurde rot. Ihre Stirn zog sich in Falten: aha, das Mädchen von der Straße zeigte sich! Kaum daß man den Rücken gewendet hatte!
Und mit einem Gefühl des Hasses gegen dieses Mädchen, das, so jung es auch noch war, doch schon versuchte, ihren Knaben an sich zu locken, ging die Mutter wieder in den Garten. –
Wenn Käte gedacht hatte, heute abend, nachdem die Kinder, beladen mit Ostereiern und vollgesättigt, nach Hause gegangen waren, einen stürmischen Dank von ihrem Jungen zu ernten, so hatte sie sich getäuscht. Wolfgang sagte kein Wort.
Sie mußte ihn fragen: »Nun, war’s denn schön?«
»Hm!«
Das konnte ebensogut ›ja‹ als ›nein‹ bedeuten. Aber daß es ›nein‹ bedeutet hatte, erfuhr sie, als er ihr gute Nacht sagte. Auf Wunsch des Vaters mußte er ihr immer die Hand küssen; er tat das auch heute mit der unfreien, schon so echt jungenhaften, etwas täppischen Bewegung. Sein dunkler glatter Kopf bückte sich einen Augenblick vor ihr – nur einen kurzen Augenblick – seine Lippen streiften flüchtig ihre Hand. Es war kein Druck in diesem Kuß, keine Wärme.
»Hast du dich denn gar nicht amüsiert?« Sie konnte es nicht unterlassen, sie mußte doch noch einmal fragen. Und er, der aufrichtig war, sagte geradezu:
»Immer, wenn’s gerade hübsch wurde, kamst du!«
»Nun, dann werde ich euch künftig nicht mehr stören!« Sie versuchte zu lächeln. »Schlaf wohl, mein Sohn!« Sie küßte ihn, aber als er gegangen, war neben dem Gefühl einer gewissen Eifersucht, überflüssig zu sein, von andern völlig ersetzt zu werden, eine große Angst in ihr: wenn er jetzt schon so war, o, wie würde er erst später sein?! –
Wolfgang konnte sich nicht beklagen, die Mutter ließ die Kinder so oft zu ihm in den Garten kommen, wie er sie haben wollte – und er wollte sie fast alle Tage. Die Freundschaft, die im Winter brach gelegen hatte, blühte im Sommer doppelt auf.
»Laß sie doch nur,« hatte Paul zu seiner Frau gesagt, als sie ihn mit gespannt gehobenen Augenbrauen ansah: was würde er sagen, würde er’s wirklich gern sehen, daß Wolfgang mit diesen Kindern in seinem Garten tobte?! »Ich finde es nett, wie der Junge mit den Kindern ist,« sagte er. »Ich hätte nie gedacht, daß er sich so anschließen könnte!«
»Du findest es nicht nachteilig, daß er immer nur mit diesen – diesen – nun, mit diesen Kindern umgeht, die doch einer ganz andern Sphäre angehören?«
»Ach was! Nachteilig?!« Er lachte. »Das hört später schon ganz von selber auf. Es ist mir bedeutend lieber, er hält sich an solcher Leute Kinder als an die von Protzen. Er bleibt so eben viel länger ein einfaches Kind!«
»Meinst du?!« Nun ja, in gewisser Beziehung mochte Paul recht haben! Wölfchen war anspruchslos, ein Apfel, eine einfache Brotschnitte waren ihm ebenso lieb wie Torte. Aber es wäre doch besser und ihr lieber gewesen, er hätte sich wählerischer gezeigt – hierin wie auch in anderm. Sie gab sich alle Mühe, ihm eine feinere Zunge anzuerziehen.
Als die Köchin eines Tages ganz empört kam: »Gnädige Frau, nu will der Wolfgang schon nich mehr von der guten Zervelatwurst, un Braten von Mittag will er auch nich mehr auf die Stulle – ›immer dasselbe‹, räsoniert er – was denn nu?« – da freute sie sich. Endlich war es ihr gelungen, ihm beizubringen, daß man nicht sinnlos in sich hinein ißt, ohne jede Wahl, nur um des Essens willen!
Hätte sie gesehen, wie er bei Frau Lämke Schmalzbrot mit Zwiebelleberwurststopfte, oder Kartoffelkuchen in Öl gebacken heiß aus der Pfanne hinunterschlang, sie hätte sich nicht mehr gefreut. Aber so war sie dankbar für jede noch so kleine, feinere Regung, die sie an ihm zu beobachten glaubte. Sie merkte gar nicht, wie sehr sie sich selber quälte.
Ach, warum unterstützte sie ihr Mann nicht in der Erziehung?! Wenn er’s doch täte! Aber er verstand sie eben nicht mehr!
Schlieben hatte es aufgegeben, seiner Frau hineinzureden. Ein paar Mal hatte er’s versucht, aber seine Einwendungen waren gescheitert an der Hartnäckigkeit, mit der sie an ihren Prinzipien festhielt. Warum sollte er sich mit ihr entzweien?! So viele Jahre hatten sie glücklich miteinander gelebt – bald waren sie ein Silberpaar –, und nun sollte dieses Kind, dieses Bürschchen, das noch kaum orthographisch schreiben konnte, dem der Lehrer eben die ersten lateinischen Regeln eindrillte – dieses Kind, das im Grunde weder sie noch ihn etwas anging – dieses fremde Wesen sollte sie beiden alten Eheleute auseinander bringen?! Da ließ man eben viel lieber manches geschehen, was Käte vielleicht besser anders gemacht hätte. Mochte sie sehen, wie sie auf ihre Weise mit dem Jungen fertig wurde – sie hatte ihn ja so unendlich lieb! Und wenn er dann einst, nicht mehr das Spielzeug, ihren zarten Händen entwachsen war, dann war er, der Mann, ja noch immer da, um ihn die kräftigere Hand fühlen zu lassen. In dem Jungen war ja zum Glück kein Falsch!
Schlieben war nicht unzufrieden mit Wolfgang. Ein Überflieger war der freilich nicht in der Schule, gehörte durchaus nicht zu den ersten, hielt sich aber immerhin doch noch in einer anständigen Mitte. Nun, ein Gelehrter brauchte er ja auch nicht zu werden!
Von all dem, was Paul Schlieben einst in jüngeren Jahren nur einzig erwägenswert gefunden hatte – Wissenschaft, Kunst und deren Studium –, hielt er jetzt nicht mehr das gleiche wie früher. Jetzt war er zufrieden in seinem Kaufmannsberuf. Und da dieses Kind nun einmal in sein Leben hineingeraten war, ohne eignes Zutun in solche Verhältnisse gekommen war, war es auch die Pflicht dessen, der sich ›Vater‹ von ihm nennen ließ, ihm eine Zukunft zu gestalten. Und so machte sich Schlieben einen festen Plan. Wenn der Junge so weit war, daß er das Einjährigenzeugnis hatte, nahm er ihn aus der Schule, schickte ihn ein Jahr nach Frankreich, nach England, eventuell nach Amerika, immer in große Häuser, und wenn er dann vom untersten Lehrling angefangen und was gelernt hatte, dann nahm er ihn zu sich in die Firma. Er dachte es sich schön, manches dann auf jüngere Schultern wälzen zu können. Und verläßlich würde der Junge wohl sein, das merkte man ihm ja jetzt schon an!
Wenn Käte nur nicht so übertriebene Anforderungen stellen wollte! Immer war sie hinter dem Jungen her – wenn nicht in Person, so doch in ihren Gedanken. Sie quälte ihn – er war eben nun mal kein anschmiegendes Kind – und machte es sie denn selber glücklich?!
Manchmal, wenn des Knaben Blick, so über den Tisch weg, wie hilfesuchend zu dem Manne flog, nickte ihm dieser unmerklich, besänftigend zu. Ja, mit Käte war es wirklich je länger, desto weniger leicht auszukommen!
* * * * *
Schliebens verreisten. Der Gatte hatte seiner Frau wegen den Sanitätsrat konsultiert, und dieser hatte Franzensbad verordnet. Nun, dahin konnte er sie beim besten Willen nicht begleiten! Er würde die Zeit benutzen, und, da er auch lange nicht ausgespannt hatte, einige Fußwanderungen in Tirol unternehmen. Ein paar Pfund Gewichtsabnahme konnten nicht schaden.
Aber wo sollte währenddessen Wolfgang bleiben?!
»Nun, zu Hause,« sagte der Vater. »Er ist ja alt genug; elf Jahre. Die Vormittage ist er in der Schule, die Nachmittage im Garten, und alle paar Tage mag Hofmann nach ihm sehen – dir zur Beruhigung!«
Es war der Mutter ein unerträglicher Gedanke, das Kind allein zurückzulassen. Am liebsten hätte sie es mit sich genommen. Aber Paul war ärgerlich geworden: »Das fehlte noch!« Und der Arzt hatte gesagt: »Durchaus nicht!«
Käte hatte dann ihren Mann veranlassen wollen, den Knaben mitzunehmen: »Wie gesund würde es ihm sein, sich mal so recht auszulaufen!«
»Nun, ich denke, das besorgt er schon gründlich hier. Ich bitte dich, Käte, der Junge ist kerngesund, gib doch nicht immer so an mit ihm! Und ich werde ihn doch auch nicht ganz unnützerweise aus der Schule nehmen!«
Freilich, zurückkommen, womöglich zu den Letzten gehören, durfte er nicht! Käte war ja so ehrgeizig für ihren Sohn. So würde sie eben, da die Juliferien schon beinahe verstrichen waren und sie in dieser passenderen Zeit nicht mit ihm gereist waren, nun auch zu Hause bleiben! Sie erklärte, nicht fort zu können.
Aber Arzt und Mann bestimmten über sie weg; je nervös-ängstlicher sie sich weigerte, desto dringender erschien ihnen eine ernstliche Kur. Der Tag der Abreise wurde schon in Aussicht genommen.
Vorher kündigte aber noch Lisbeth: nein, wenn die gnädige Frau auf so lange fortging und der Herr auch, nein, dann ging sie auch! Mit Wolfgang, mit =dem= Jungen allein bleiben?! Nein, das tat sie nicht!
Sie mußte sich in den nahezu zehn Jahren, die sie im Hause gewesen war, ganz gut gespart haben, denn auch die Versicherung einer Lohnzulage konnte sie nicht halten. Sie beharrte bei ihrer Kündigung und warf einen bösen Blick nach dem Knaben, der eben von draußen übers Fensterbrett sein lachendes Gesicht hereinhob.
Käte war außer sich. Nicht nur, weil sie ungern die langbewährte Dienerin entbehrte, sie hatte auch so bestimmt darauf gerechnet, Lisbeth würde während ihrer Abwesenheit ein wachsames Auge auf den Knaben haben. Und es schmerzte sie, daß diese in einem so gehässigen Tone von Wolfgang sprach. Was hatte ihr das Kind denn getan?!
Aber Lisbeth zuckte nur wortlos die Achseln und setzte eine verdrossen-beleidigte Miene auf.
Der Hausherr nahm sich den Knaben vor: »Sage mal, Junge, was hast du eigentlich mit der Lisbeth gehabt? Sie hat gekündigt, und, wie mir scheint, geht sie deinetwegen. Hör mal« – er sah ihn scharf an – »du bist wohl frech gegen das Mädchen gewesen?«
Des Knaben Gesicht wurde ganz hell: »O, das ist gut, das ist gut, daß die geht!« Er beantwortete gar nicht die an ihn gestellte Frage.
Schlieben zog ihn am Ohrläppchen: »Antworte, bist du frech gegen sie gewesen?«
»Hm!« Wolfgang nickte und lachte den Vater an. Und dann sagte er, noch triumphierend in der Erinnerung: »Gestern erst! Da hab ich ihr eine ins Gesicht gegeben. Warum sagt sie denn immer, ich hätte hier nichts zu suchen?!«
Schlieben erzählte seiner Frau nichts hiervon; sie würde sich ja nur wieder neue grüblerische Gedanken machen. Dem Jungen hatte er auch keinen Klaps gegeben, ihm nur ein wenig mit dem Finger gedroht. –
Lisbeth zog ab. Wie eine beleidigte Königin verließ sie das Haus, dem sie so lange treu gedient hatte und in dem sie sich so viel hatte gefallen lassen müssen, wie sie beim Abschied weinend ihrer ebenfalls ergriffenen Herrin versicherte.
Ein andres Mädchen war gemietet worden, freilich eins, auf das Käte von vornherein keine besondere Zuversicht setzte – Lisbeth hatte gleich einen ganz anders intelligenten Eindruck gemacht –, aber es blieb keine Wahl, da keine Ziehzeit war; und sie sollte doch so rasch als möglich ins Bad.
So kam Cilla Pioschek aus der Warthegegend in die Villa Schlieben.
Sie war ein großes, starkes Mädchen mit einem Gesicht, rund und gesund, weiß und rot. Sie war erst achtzehn, aber sie hatte schon lange gedient, schon als sie noch in die Schule ging drei Jahre als Kindermädchen beim Gutsinspektor. Der Hausherr amüsierte sich über sie – sie verstand keinen Witz, nahm alles für wahr und sagte alles grade heraus, wie sie’s dachte –, aber die Hausfrau nannte das ›dummdreist‹. Mit der alten Köchin und dem Diener stand die Neue dagegen auf besserem Fuß als Lisbeth, denn sie ließ sich vieles gefallen.
»Du kannst ganz beruhigt abreisen,« sagte Paul. »Tu mir den Gefallen, Käte, sperre dich nicht länger. In sechs Wochen, so Gott will, bist du mir ganz gesund wieder da, und ich sehe hier« – leicht tupfte sein Finger – »hier nicht mehr die kleinen Fältchen an den Augenwinkeln!« Er küßte sie.
Und sie erwiderte seinen Kuß, nun, da sie sich von ihm trennen sollte, zum ersten Mal in ihrer Ehe auf so lange Zeit; denn früher waren sie immer, immer zusammengereist, und seit Wölfchen ins Haus gekommen war, hatte er auch nur auf höchstens vierzehn Tage einmal Urlaub von ihr erbeten. Sie hatte das Kind nie allein gelassen. Und nun sollte sie auf ganze sechs Wochen von den Ihren gehen?! Sie hing sich an ihn. Es drängte sich ihr förmlich auf die Lippen, zu fragen: ›Warum gehst du nicht mit mir wie früher? Franzensbad und Spaa – das ist ein so großer Unterschied nicht!‹ Aber wozu das sagen, wenn er nicht einmal mit dem leisesten Gedanken daran gedacht hatte?! Jahre waren hingegangen, von der Innigkeit, die sie einstmals so verbunden hatte, daß sie nur gemeinsam genießen konnten und sich nie getrennt hatten, war eben doch manches abgebröckelt unterm Flügelschlag der Zeit!
Sie seufzte und entzog sich sacht seinem Arm, der sie umschlang. »Wenn jemand hereinkommt, uns so miteinander sieht! So alte Eheleute!« sagte sie mit dem Versuch zu scherzen. Und er lachte, wie es sie dünkte, ein bißchen verlegen und machte nicht den Versuch, sie zu halten.
Aber als nun eines frühen Morgens der Wagen vor der Türe stand, der sie nach dem Berliner Abfahrtsbahnhof bringen sollte, als die zwei großen Koffer aufgeladen waren und das Handgepäck, als er ihr jetzt die Hand reichte zum Einsteigen und dann neben ihr Platz nahm, konnte sie doch nicht an sich halten: »Ach, wenn du doch mitführest! Ich mag nicht allein reisen!«
»Hättest du mir’s doch ein bißchen eher gesagt!« Er war ganz betroffen; es tat ihm aufrichtig leid. »Wie gut hätte ich dich den einen Tag hinbringen, dort installieren, und den andern Tag wieder zurück sein können!«
O, er verstand es eben nicht, dieses: ›wenn du doch mitführest‹! Mit ihr auch dableiben – das hatte sie gemeint.
Schmerzlich suchte ihr Blick das Fenster oben im Hause, hinter dem Wölfchen noch schlief. Schon gestern abend hatte sie ihm Adieu sagen müssen, da die Abreise so sehr früh war. Vorhin hatte sie nur noch einmal mit einem stummen Lebewohl an seinem Bett gestanden, und vorsichtig, um ihn nicht zu wecken, war ihr Handschuh über seinen schwer auf dem Kissen ruhenden Kopf gefahren. Ach, wie gerne hätte sie jetzt noch ein liebes Wort mit ihm gesprochen!
»Grüßen Sie den Jungen, grüßen Sie den Jungen,« sagte sie ganz rasch, hastig mehrmals hintereinander zu der Köchin und zu Friedrich, die am Wagen standen. »Und sorgen Sie gut für ihn! Hören Sie?! Grüßen Sie den Jungen, grüßen Sie den Jungen!« Andres konnte sie nicht mehr sagen, auch nichts andres mehr denken. »Grüßen Sie den –«
Da klirrte oben das Fenster! Beide Arme ausstreckend hob sie sich halb vom Sitz.
Oben reckte der Junge den dunklen Kopf heraus. Seine Wangen blühten, heiß vom Schlaf, über dem weißen Nachthemd.
»Adieu! Adieu! Komm gesund wieder! Und schreib mir auch mal!«
Er rief es sehr vergnügt und nickte herunter; und hinter ihm hob sich, freundlich lachend, das runde, gesund-weiß und rote Gesicht der Cilla.
3
Käte wußte selber nicht, wie sie so über die Wochen der Trennung hinwegkommen konnte. So schlimm, wie sie sich’s vorgestellt hatte, war es nicht. Sie fühlte, daß eine größere Ruhe über sie kam, eine Ruhe, die sie zu Hause nie finden konnte; und diese Ruhe tat ihr wohl. Sie schrieb ganz zufriedene Briefe, und die heiteren Berichte ihres Mannes von ›herrlichen Bergen‹ und ›herrlichem Wetter‹ freuten sie. Auch von Hofmann, der ihr, wie er’s versprochen hatte, treulich Kunde gab, hörte sie Gutes.
›Der Junge ist prächtig auf dem Zeuge,‹ schrieb er, ›um den brauchen Sie sich keine Sorge zu machen, liebe Frau! Er muß jetzt freilich seine Gespielen entbehren – ein Junge und ein Mädel sind krank –, denn mit dem dicken Stöpsel, der noch übrig ist, langweilt er sich allein. Er ist meist für sich im Garten; Friedrich hat ihm Salatpflanzen gegeben, auch Radieschen hat er sich gesät. Bei der Schularbeit habe ich ihn übrigens auch schon getroffen.‹
Gott sei Dank! Es war der Frau, als könne sie nun, wie einer Last ledig, frei atmen. Den Brief des alten Freundes trug sie lange in der Tasche mit sich herum, las ihn beim Spazierengehen, im Sitzen auf einer Bank und abends, wenn sie im Bette lag. ›Ein Junge und ein Mädchen sind krank –‹ o, die armen Kinder! Was mochte ihnen fehlen? Aber, Gott sei Dank, er war nur meist für sich im Garten allein! Das war das Beste!
Sie schrieb an ihren Jungen einen Brief, so recht vergnügt, und er antwortete ihr, und auch vergnügt. Der Brief an sich war freilich ein wenig drollig. ›Teure Mutter –‹ wie komisch! Und der ganze Stil – wie aus einem Briefsteller abgeschrieben! Sie nahm sich vor, diesen Brief in ihren nächsten an Paul einzulegen – was der wohl dazu sagen würde?! ›Teure Mutter!‹ – aber das freute sie doch, und auch das ›Dein gehorsamer Sohn‹, das darunter stand. Sonst enthielt der Brief eigentlich nichts, nichts von dem, was er trieb, nicht einmal etwas von den Lämkes, auch kein sehnsüchtiges ›Komm bald wieder‹; aber er war doch mit Sorgfalt geschrieben, sauber und deutlich, nicht so hingekritzelt, wie er sonst zu kritzeln pflegte. Und daraus ersah sie seine Liebe.
Auch ein Bildchen hatte er ihr beigelegt: ein kleines Viereck mit Spitzenpapierrand, darauf ein schneeweißes Lämmchen ein rosenrotes Fähnchen hielt; darunter stand in goldiger Schrift: »_Agnus Dei, miserere nobis._«
Wo hatte er nur das her?! Gleichviel woher, er hatte ihr etwas schenken wollen! Und das kleine geschmacklose Bildchen rührte sie tief. Der gute Junge!
Sie legte das Bildchen mit dem Gotteslamm sorgfältig zu ihren Wertsachen; da sollte es immer bleiben. Eine zärtliche Sehnsucht überkam sie nach dem Knaben, und sie begriff nicht, wie sie so lange schon hatte ohne ihn aushalten können.
* * * * *
Der August war vorüber, der September schon fast halb vergangen, als Käte nach Hause zurückkehrte. Ihr Mann, der vor ihr eingetroffen war, kam ihr entgegengereist; in Dresden trafen sie sich, und ihr Wiedersehen war ein sehr herzliches. Er konnte sich gar nicht genug freuen über ihre klaren Farben, ihren klaren Blick; und sie wiederum fand ihn prächtig gebräunt, jugendlicher, fast so schlank wie einst.
Hand in Hand saßen sie in dem Coupé, das er sich hatte reservieren lassen; ganz allein, wie junge Liebesleute. Sie hatten sich unendlich vieles zu sagen – da war nichts, gar nichts, was sie störte. Mit großer Innigkeit sahen sie sich in die Augen.
»Wie freu ich mich, dich wiederzuhaben,« sagte sie, als er lange und lebhaft von seiner Reise erzählt hatte.
»Und ich erst dich!« Er nickte ihr zu und drückte ihre Hand. Ja, es war ihnen wirklich beiden, als wären sie eine Ewigkeit getrennt gewesen! Er zog sie noch näher an sich, hielt sie so fest, als wäre sie ein ihm schon halb entrissen gewesenes, teures Gut, und sie schmiegte sich an ihn, lehnte den Kopf an seine Schulter und lächelte verträumt.
Vor ihren halb geschlossenen Augen tanzten auf einem schwertbreiten, schrägen Sonnenstrahl unzählige goldne Stäubchen; das gleichmäßige Rasseln der Fahrt und das stille Gefühl Deiner großen Freude im Herzen lullte sie ein.
Plötzlich fuhr sie auf – war’s ein Ruck, ein Stoß?! Wie ein Schreck hatte sie’s durchfahren: sie hatte ja noch gar nicht nach dem Kinde gefragt!
»Wölfchen – was macht Wölfchen?!«
»O, dem geht’s sehr gut! Aber nun erzähle du mal, mein Herz, wie hast du denn die langen Tage dort hingebracht? Wie war der Tag eingeteilt? Also morgens zum Brunnen – erst mal einen Becher, dann den zweiten – und dann? Nun?!«
Sie erzählte nicht. »Wölfchen ist doch gesund?« fragte sie hastig. »Es stimmt gewiß nicht ganz – du erzählst ja so wenig von ihm?! Ich habe immer schon solche Ahnung gehabt! Ach Gott, so sage doch!« Fast gereizt klang ihr Ton – wie konnte Paul nur so gleichgültig sein! »Was fehlt Wölfchen?«
»Fehlt?!« Er sah sie ganz verwundert an. »Aber ich bitte dich, Käte, warum soll ihm denn durchaus etwas fehlen?! Er ist kerngesund!«
»Wirklich –?! Aber so erzähle doch, erzähle!«
Er lachte über ihre Ungeduld. »Was läßt sich von so einem Jungen erzählen?! Er schläft, ißt, trinkt, geht in die Schule, kommt nach Hause, läuft in den Garten, schläft, ißt, trinkt wieder und so fort, vegetiert wie die Pflanze im Sonnenschein. Erzähle du lieber, wie’s dir geht!«
»O, mir – mir« – das kam ihr auf einmal so überflüssig vor – »mir, ganz gut, du siehst es ja!« Welch eine Gleichgültigkeit hatte er gegen das Kind! Und sie – die Mutter –, hatte es auch so lange vergessen können?! Eine solche Beschämung kam über sie, daß sie hastig den Kopf von ihres Mannes Schulter hob und sich gerade aufsetzte. Nun waren sie keine Liebesleute mehr, nur Eltern, die sich um ihr Kind zu kümmern hatten!
Und sie sprach nur von ihm.
Paul fühlte den plötzlichen Umschwung in der Stimmung seiner Frau. Eine Verstimmung beschlich ihn: waren sie doch wieder auf dem alten Fleck?! Hatte sie schon wieder für nichts andres Interesse mehr als für den Jungen?! Er empfand keine Neigung weiter, von seiner Reise zu erzählen.
Immer einsilbiger wurde die Unterhaltung; an der nächsten Station kaufte er sich eine Zeitung, und sie lehnte sich in die Ecke und versuchte zu schlafen. Aber so abgespannt sie auch war, es gelang ihr nicht; ihre Gedanken streiften unruhig in allen möglichen Wendungen immer um den einen Punkt: also ihm fehlte nichts! Gott sei Dank! – Wie gleichgültig Paul doch war –, aber ob Wölfchen sich sehr freuen würde, daß sie wieder kam? Der liebe Junge – der geliebte Junge!
Zuletzt mußte sie doch ein wenig geschlummert haben, denn auf einmal hörte sie, wie von ganz weit her, die Stimme ihres Mannes: »Mach dich fertig, mein Herz! Berlin!« – und fuhr auf.
Schon waren sie im Gewirr zahllos sich kreuzender Gleise. Jetzt rauschte der Zug unter die Glashalle.
»So weit wären wir!« Er half ihr hinaus, und sie fing an vor Ungeduld zu zittern. Das war ja endlos, dieses Treppab- und Treppauflaufen, dieses Hinübergehen auf den andern Bahnsteig und dann das Warten und Lauern auf den Vorortzug! Ob Wölfchen auch noch nicht schlief? Es würde dunkel sein, bis sie draußen waren!
»Kommt der Zug bald? Wieviel Uhr ist es? Mein Gott, wie lange das dauert!«
»Beruhige dich, der Junge wartet auf dich! Was denkst du wohl, der sitzt jetzt abends noch immer lange bei der Cilla; am Tage hat sie nicht so viel Zeit für ihn. Ein nettes Mädchen! Du hast einen guten Griff getan!«
Sie überhörte das ganz, dachte sie doch immerwährend daran, wie sie ihn finden würde. Ob er sehr gewachsen war?! Sich verändert hatte?! Kinder in seinem Alter sollen sich ja immerfort ändern – ob er sich verhäßlicht hatte oder ob er noch so hübsch war? Gleichviel – früher hatte sie mehr auf das Äußere gegeben – wenn er jetzt nur lieb, recht lieb war! Schon hörte sie seinen Jubelschrei, schon fühlte sie seine Arme um ihren Nacken, seinen Kuß auf ihrem Mund.
Der Wind, der angenehm abendlich geworden war, nach dem immerhin noch heißen Herbsttag, fächelte ihr Gesicht, ohne die von innen heraus glühenden Wangen kühler machen zu können. Als sie vorm Hause anhielten, das, anmutig versteckt, mit seinen Balkonen voll leuchtend roter Geranien hinter den immergrünen Kiefern unterm reichgestirnten Septemberhimmel lag, klopfte ihr das Herz, als wäre sie viel zu weit und zu rasch gelaufen. Endlich! Sie atmete tief auf: nun war sie wieder bei ihm!
Aber er kam ihr nicht entgegengelaufen. Daß er auch gar nicht aufgepaßt hatte!
»Sie werden auf der Veranda, hinten heraus, sitzen,« sagte Schlieben. »Da sitzen sie immer des Abends!« Er blieb ein wenig zurück. Mochte Käte den Jungen nur erst mal für sich allein begrüßen!