Eine Mutter Roman im Anschluß an »die Colonie«
Part 7
»Und von Schwartzau wissen Sie nichts?«
»Doch -- im vorigen Jahr war er wieder in der Colonie und wohnte ein paar Wochen beim Herrn Director; er war lange krank gewesen und sah recht elend aus. Jetzt ging's ihm aber wieder besser, und kurz vorher, ehe ich wegging, hörte ich, daß er selber Director in San Sebastian oder Gott weiß, wie die neue Colonie heißt, geworden wäre.«
»Armer Günther!« seufzte Felix -- »so treibt er sich noch immer in der Fremde umher und kann keine Ruhe finden...«
»Und was macht der Baron?« fragte Helene, der eine andere Frage noch am Herzen lag, die sie aber nicht wagte.
»Je, nun,« sagte Jeremias, »der Baron trägt immer noch dieselben Nankinghosen, die beim Waschen immer kürzer werden -- armer Teufel -- ne, lieber Freund, ich bin noch nicht fertig,« unterbrach er sich rasch und hielt mit beiden Händen seinen Teller, den ihm der aufwartende Diener, weil er ihn einen Augenblick außer Acht gelassen, gerade fortnehmen wollte.
Felix lachte und winkte, ihn in Ruhe zu lassen, und Jeremias, der seinen Gänseschenkel wieder vornahm, fuhr fort:
»Dem armen Teufel geht's eigentlich erbärmlich. Arbeiten kann er und will er nichts, und mit Vornehmthun giebt's in den Colonien nichts aus -- der Buttlich betrog ihn, wie gesagt, um eine hübsche Summe -- wie er's aus ihm herausgekriegt, weiß ich auch nicht. Nachher ließ er sich in ein Geschäft mit Herrn von Pultele -- Hurrjeh!« unterbrach sich Jeremias plötzlich, weil er glaubte, einen Mißgriff gemacht zu haben.
»Erzählen Sie nur weiter,« lachte aber Felix -- »also, Herr von Pulteleben ist auch noch in der Colonie...?«
»Jetzt nicht mehr,« sagte Jeremias, der puterroth geworden war und einen verzweifelten Blick nach Helenen hinüberwarf. »Es war eine Seele von einem Menschen, aber -- aber ein bischen -- ein bischen unpraktisch, und da kam er auf die unglückliche Idee, mit dem Baron eine Perlenfischerei an der Küste anzulegen.«
»Eine Perlenfischerei?«
»Ja, gewiß -- und gefischt haben sie auch genug,« meinte Jeremias, »aber nicht einmal so viel Perlen gefunden, um sich eine Tuchnadel davon machen zu lassen, und da bekam es der Herr Baron denn zuerst satt -- die Mittel erlaubten es nicht -- und Herr von Pulteleben ging nachher nach Rio Grande, aber ich habe nichts weiter von ihm gehört.«
»Und die Gräfin Baulen,« sagte Helene ruhig, »ist sie noch in Santa Clara?«
»Ihre Frau Mutter? Gewiß!« rief Jeremias, der natürlich keine Ahnung von den dortigen Vorgängen haben konnte -- »immer noch die Alte -- sehr achtungswerthe Dame,« setzte er aber rasch und erschreckt hinzu -- »ungeheure Betriebskraft, weiß immer etwas Neues, um zu speculiren -- aber Graf Oskar ist fort...«
»Fort -- wohin?« rief Helene rasch.
»Der liebe Gott weiß es,« sagte Jeremias achselzuckend -- »mein Himmel, junges Blut will austoben, und Brasilien ist groß -- Frau Mutter hatte eine kleine Schwierigkeit mit dem Bäckermeister Spenker und zog aus, miethete nachher ein kleines Haus gerade dem Baron gegenüber, und da war der junge Graf eines Morgens auf eine Entdeckungsreise ausgegangen, wie sie sagten, und konnte nachher selber nicht mehr entdeckt werden. Aber das Alles hat Ihnen gewiß Ihre Frau Mutter schon geschrieben -- lieber Gott, in Brasilien geht das ja auch oft so, daß ein junger Mensch einen Platz satt bekommt und sich nach einem andern umsieht, der ihm besser gefällt!«
»Und was ist aus der Frau jenes Mörders, jenes Bux geworden?« fragte Felix, der das Gespräch auf ein anderes Thema zu bringen wünschte.
»Der geht's gut,« bestätigte Jeremias; »das war eine brave, rechtschaffene Frau, und wie sie sich nur erst einmal von der schlechten Behandlung erholt hatte, schaffte sie tüchtig. Ihre Kinder brachten wir rasch bei Colonisten unter, und nachher habe ich sie selber in das Hotel genommen, wo sie sich vortrefflich betragen hat. Sie ist jetzt noch dort und verdient sich hübsches Geld...«
»Und jener Bux?«
»Nun, den haben sie nach Rio gebracht und dort wahrscheinlich gehangen oder in's Loch gesteckt. Ich habe nie etwas Weiteres von ihm gehört.«
»Aber ein sonderbares Zusammentreffen ist es doch,« lächelte Helene, »daß wir uns hier gerade in Haßburg wiedersehen sollten...«
»Und noch dazu den ersten Tag, wo ich hier bin!« rief Jeremias.
»Apropos, Sie wollten mir ja erzählen, was Sie gerade nach Haßburg geführt,« sagte Felix, »denn wie Sie selber sagen, stammen Sie gar nicht aus der Gegend...«
»Hm,« meinte Jeremias und warf einen Blick über die Schulter nach dem aufwartenden Diener und dann nach der Bonne hinüber, »das ist auch eine etwas längere Geschichte.«
»Also dann beim Kaffee,« nickte der junge Graf, dem es nicht entgangen war, daß der kleine Mann noch etwas Anderes auf dem Herzen hatte -- »aber vorher noch ein Glas Wein, Jeremias, wie? Machen Sie keine Umstände, Mann, der Wein ist trinkbar.«
»Famoser Stoff!« bestätigte Jeremias, der indessen mit seinen Gedanken nicht ganz bei der Sache war, denn es ging ihm im Kopf herum, daß sich die junge Gräfin eigentlich gar nicht so lebhaft nach ihrer »Mutter« erkundigt hatte, wie er wohl erwartet haben mochte, und auch über das Verschwinden ihres Bruders nicht im Mindesten aufgeregt erschien. Aber sie mußte es jedenfalls schon früher brieflich erfahren haben, und wußte vielleicht sogar, wo er stak. Daß er ihm selber noch eine nicht unbeträchtliche Summe schulde, erwähnte er nicht; er besaß, trotz seiner rauhen Hülle, zu viel Zartgefühl, und doch hatte es ihm Rottack entweder angemerkt oder es sich auch nur gedacht -- und große Definitionsgabe gehörte allerdings nicht dazu.
Aber die Tafel wurde jetzt abgeräumt und dann der Kaffee gebracht. Die Bonne verließ mit den Kindern den Speisesaal, und das junge Paar war mit Jeremias allein.
»Und nun, mein alter Freund,« sagte Felix, »schießen Sie einmal los -- Sie haben noch etwas auf dem Herzen.«
Jeremias war eigentlich nicht wenig froh, daß er dieses Diner glücklich überstanden hatte, denn er fühlte sich, so lange es dauerte, fortwährend in einer gewissen Aufregung, aus Furcht, irgend einen Mißgriff zu begehen. Aber es schien doch ziemlich gut abgelaufen zu sein, denn das ausgenommen, daß er von den ihm präsentirten Speisen hartnäckig die Gabel abgenommen und neben sich gelegt hatte, so daß er sich zuletzt im Besitze von sieben oder acht solcher Instrumente fand und über den Vorrath selber erschrak, war nicht das geringste Ungehörige vorgefallen. Jetzt aber wurde er plötzlich, ohne die geringste scheinbare Ursache, feuerroth und sagte, viel verlegener, als er sich nur je gezeigt: »Hm, ja, Herr Graf, ich -- ich wollte eigentlich -- Schwerebrett, Sie lachen mich aber aus, wenn ich's Ihnen sage -- die Frau Gräfin lacht jetzt schon.«
»Gewiß nicht, Jeremias, wenn es etwas Ernstes ist,« lächelte Helene, der die Unruhe des kleinen Mannes allerdings komisch vorkam.
»Ja, ernst wär' es schon,« nickte ihr Gast leise mit dem Kopf vor sich hin, »aber -- lachen werden Sie doch,« setzte er resignirt hinzu, »denn eigentlich könnte ich selber darüber lachen, wenn -- wenn...« -- Er stak fest und nahm sein Taschentuch heraus, um sich damit die Stirn und den Kopf abzutrocknen, denn die Stirn ging ihm fast bis hinten in die Halsbinde hinunter.
»Also erzählen Sie, Jeremias,« sagte Helene freundlich; »Sie wissen ja, daß wir es gut mit Ihnen meinen, und wenn Ihnen Felix bei irgend etwas behülflich sein kann, so bin ich fest überzeugt, daß es ihm die größte Freude machen wird.«
»Ich auch, Frau Gräfin, ich auch,« bestätigte Jeremias treuherzig und leerte dabei das Glas, das ihm der junge Graf noch einmal vollgeschenkt hatte, wie um sich Muth zu machen, auf Einen Zug. »Und Sie sollen's auch erfahren,« setzte er dann hinzu -- »Sie sollen's erfahren, denn ich weiß, Sie meinen es gut mit mir. Aber erst erlauben Sie mir, daß ich eine Tasse Kaffee trinke -- der starke Wein ist mir in den Kopf gestiegen, und ich möchte kein dumm Zeug schwatzen -- es ist so schon, wie's ist -- so, danke Ihnen, und nun sollen Sie meine Lebensgeschichte hören, aber ganz kurz, ich bin im Augenblick damit fertig, denn es ist Alles ungeheuer geschwind gegangen und eigentlich gar nicht viel zu erzählen -- wenn nur eben die Frau nicht wäre.«
»Die Frau?«
Jeremias seufzte tief auf, trank seinen Kaffee, den ihm Helene selber eingeschenkt, und begann dann: »Ich war ein leichtsinniger Strick in meiner Jugend, lief meinem Alten fort und ging zum Theater.«
»Zum Theater?« lachte Felix erstaunt.
»Das heißt, ich wirkte im Chor,« fuhr Jeremias fort, »und half mit beim Ballet, und damals war ich auch noch schlank und geschmeidig und hatte die Beine dazu. Ich verdiente auch, was ich brauchte, als einzelner Mensch nämlich, aber da kam -- und jetzt werden Sie lachen, Frau Gräfin -- da kam die Liebe und ich heirathete!«
»Sie sind verheirathet, Jeremias?« riefen beide Gatten zugleich und erstaunt aus.
»Ja, wenn ich's nur selber wüßte,« sagte Jeremias mit einem höchst komischen Ausdruck von Verzweiflung in den Zügen -- »das ist ja eben das Unglück, daß ich nicht weiß, ob ich's bin oder ob ich's war, und deshalb bin ich ja wieder nach Deutschland zurückgekommen!«
»So wissen Sie nicht, ob Ihre Frau noch lebt?«
»Das ist die Geschichte, und auf den Kopf haben Sie's getroffen, Frau Gräfin -- aber hören Sie. Meine Frau war brav und gut und ebenfalls beim Theater. Sie spielte kleine Rollen, und wir Beide verdienten etwa so viel, wie wir brauchten. Da wurde sie krank und entlassen, die Familie vermehrte sich ebenfalls, und...« -- Jeremias wurde hier augenscheinlich so verlegen, daß er eine ganze Weile kein Wort weiter vorbrachte. Er trank an seinem Kaffee, er zupfte an seinem Rock und rückte auf seinem Stuhl herum. Endlich aber, da er doch wohl merkte, daß es nicht so fortging, nahm er sich mit Gewalt zusammen und platzte heraus -- »und ich wurde liederlich -- Sie dürfen mir's glauben, Frau Gräfin, ein ganz liederlicher Strick -- ich trank und spielte und setzte meiner Schlechtigkeit endlich, als sich meine brave Frau von mir scheiden ließ, die Krone auf -- und lief davon. So, Gott sei Dank, jetzt ist das Schlimmste heraus und Sie wissen's nun einmal -- das Andere ist Kleinigkeit,« fuhr er, tief Athem holend, fort. »Ich trieb mich erst eine Weile in Deutschland herum, Jahre lang, bis ich das Brod nicht mehr hatte; dann schiffte ich nach Amerika über und versuchte es da, aber es ging auch nicht. Das alte Leben steckte mir noch in den Gliedern, und anstatt Geld für Frau und Kind nach Haus zu senden, verthat ich, was ich verdiente, bis zuletzt die Reue kam. Hurrjeh, hab' ich mir damals Grobheiten gemacht und mich selber vorgekriegt -- aber es half! Ich nahm mir vor, ein ordentlicher Kerl zu werden, und um aus all' der Gesellschaft herauszukommen, in der ich mich in Amerika herumgetrieben, ging ich zu Schiff nach Brasilien.
»Dort fing ich ein anderes Leben an. Ich war nie gewohnt gewesen, viel zu arbeiten -- in Brasilien streifte ich die Aermel in die Höh' und ging scharf dran. Sie wissen's selber, Sie haben mich dort schaffen sehen, und nachher ging's. Die ganzen langen Jahre hatte ich aber nicht an zu Hause gedacht oder, wenn ich dran dachte, mit Gewalt nicht dran denken wollen. Was konnt's auch helfen, was wollte ich zu Hause anfangen, so lange ich nichts hatte! Wie ich aber anfing, zu Geld zu kommen, und wie es sich mehrte und mehrte und ich anfing, reich zu werden, da kam die Reue über das Vergangene noch viel stärker, wie nach meinem liederlichen Leben. Da kam das Heimweh, da ging mir der Gedanke im Kopf herum, daß meine arme Frau vielleicht doch nicht aus Kummer und Gram gestorben wäre und hier noch in Sorge und Noth lebe. Jetzt schrieb ich nach Deutschland, um ihre Adresse zu erfahren, aber umsonst; kein Mensch konnte mir Nachricht geben, und auf die meisten Briefe bekam ich nicht einmal eine Antwort. Am liebsten hätte ich mich da auch gleich selber aufgepackt und wäre herübergefahren, aber die Zeiten waren zu günstig, ich verdiente zu rasch und wollte noch mehr, und bekam mehr. Da litt's mich denn endlich nicht länger in dem Brumsilien drüben, und mit dem Dampfer bin ich herübergekommen, um nur recht geschwind wieder da zu sein.«
»Und haben Sie Ihre Frau gefunden?« rief Helene rasch, die mit inniger Theilnahme der kleinen, einfachen Erzählung gefolgt war.
»Das ist ja gerade der Teufel -- bitte tausendmal um Entschuldigung!« sagte Jeremias, sich wieder den Schweiß abtrocknend. »Seit sechs Wochen rutsche ich jetzt im Lande herum und kann nichts Genaues erfahren. Zuerst war ich in Regensburg, wo wir damals wohnten -- und glücklicher Weise kannte mich dort Niemand mehr -- und da hieß es, daß sie schon vor langen Jahren nach Erlangen gezogen und wieder zum Theater gegangen wäre. Ich nach Erlangen. Dort erfuhr ich gar nichts, als daß sich die Theater-Gesellschaft von jener Zeit nach Preußen und zwar an den Rhein gewandt habe. Ich an den Rhein. In Mainz traf ich zufällig einen Menschen, der mir erzählte, dort wohne noch ein alter Schauspieler und gäbe jetzt Clavierstunden -- zu dem ging ich -- ich kannte ihn wohl, aber er mich nicht mehr, von wegen der Glatze, und der sagte mir jetzt, daß meine Frau wieder ihren Mädchennamen angenommen hätte und nach Frankfurt gegangen wäre. Ich nach Frankfurt, und keine Spur mehr gefunden, Wochen lang, bis ich vorgestern in Köln wieder einen alten Schauspieler traf, der behauptet, er habe den Namen in einer Theaterzeitung gelesen. Jetzt machten wir uns über die alten Zeitungen her -- da ich ein paar Flaschen Wein kommen ließ, arbeitete der Alte mit wie ein Pferd --, und nach sechs oder acht Stunden Suchens faßten wir den Artikel, der mich wieder Hals über Kopf hierher nach Haßburg jagte.«
»Und sie ist hier?« rief Felix.
»Ja, das weiß ich noch nicht,« seufzte Jeremias, »denn wie Sie mich trafen, war ich ja auch erst eben angekommen und wollte mich gerade umsehen, ob ich nicht vielleicht Einem vom Theater unterwegs begegnete, denn die kennt man gleich, und wenn sie noch so einfach angezogen gehen. Ich weiß nicht, woran es liegt, aber einen Theatermenschen will ich unter Tausenden herausfinden.«
»Aber Sie wissen also den Namen?« sagte Felix -- »dann muß es ja doch die größte Kleinigkeit sein, sie hier aufzufinden.«
»Allerdings,« erwiderte Jeremias kleinlaut -- »ihr Theatername war damals Bassini, und ein Fräulein Bassini soll auch hier an der Bühne engagirt sein, der Theaterzeitung wenigstens nach, aber...«
»Aber?«
»Aber,« stöhnte Jeremias, »jetzt, da ich meinem Ziel so nahe bin, habe ich eine Heidenangst bekommen, allein zu ihr zu gehen -- alle meine Sünden fallen mir bei, und -- und ich wollte wahrhaftig manchmal, ich -- wäre wieder in Brasilien!«
»Und sind Sie nicht hergekommen, um gut zu machen, was Sie früher verschuldet haben?« sagte Helene herzlich.
»Ja, das wohl -- aber...«
»Ich gehe mit Ihnen, Jeremias,« rief Graf Felix lachend, »ich helfe Ihnen Ihre Frau suchen!«
»Ach, Herr Graf,« sagte der kleine Mann verlegen, »wenn Sie -- wenn Sie das thun wollten, da wäre mir ein wahrer Berg vom Herzen herunter!«
»Ich gehe mit Ihnen,« bestätigte Graf Rottack aber noch einmal, denn theils nahm er wirklich Interesse an dem kleinen verzweifelten Manne, da ihm dieser wieder alle die alten transatlantischen Erinnerungen, als ein Stück selber von daher, so lebendig in der Seele wach gerufen, und dann machte es ihm auch Spaß, von der Entwickelung dieses kleinen Dramas Zeuge zu sein.
»Und wann wollen Sie gehen?« fragte Helene.
»Ja, heute ist es zu spät,« rief Rottack, »aber den heutigen Abend verwenden Sie dazu, die Wohnung Ihrer geschiedenen Frau aufzufinden, und dann holen Sie mich morgen Mittag um zwei Uhr ab! Ist Ihnen das recht? Ich kann nicht früher.«
»So wollen wir's machen,« rief Jeremias, ihm treuherzig die breite Hand entgegenstreckend -- »jetzt hab' ich auch wieder Courage, und morgen wissen wir dann gleich, woran wir sind!«
»Wollen Sie schon fort?«
»Wenn Sie mir erlauben, Frau Gräfin, ja, denn der Boden fängt mir an, unter den Füßen zu brennen, bis ich Alles heraus habe. Aber morgen Mittag punkt zwei Uhr bin ich wieder hier.«
»Rauchen Sie, Jeremias?« fragte Felix.
»Wo werd' ich nicht!« meinte der kleine Mann, indem er eine der ihm gebotenen Havannas mit einem Kratzfuß annahm -- »wissen Sie denn wohl noch, wie wir einmal in der...« -- Er wurde auf einmal feuerroth im Gesicht, denn er fühlte, daß er wieder eine Dummheit begangen -- »reden wir nicht mehr davon,« brach er auch kurz ab, indem er sich die Cigarre an dem Licht, das ihm einer der eben eintretenden Diener brachte, anzündete und diesem dann sehr freundlich dafür dankte -- »und nun leben Sie wohl und nehmen Sie's nicht übel, daß ich Sie so lange gelangweilt habe!«
»Und haben Sie guten Muth, Jeremias -- Felix wird Alles in Ordnung bringen,« lächelte Helene freundlich.
Jeremias nickte ihr dankend zu, drehte sich dann um und stieg wieder in das wilde Leben und Treiben hinaus, das noch immer in der Straße draußen auf und ab wogte.
7.
Die erste Begegnung.
Eben hatte es in der zu dem Schloß des Grafen Monford gehörenden Kapelle zwölf Uhr geschlagen, als die Gräfin mit ihrem Gemahl, den Kiesweg am Flusse herabkommend, von einem Spaziergange zurückkehrte. Sie gingen dem Schlosse zu.
Der Park lag still und einsam wie immer; weit unten am Drahtzaun äs'ten sich ein paar Stück Damwild, und mitten auf der Wiese kroch eine gebückte Menschengestalt, der ein kleiner Hund folgte, herum; sonst ließ sich nichts Lebendes erkennen.
Es war das der Maulwurfsfänger, der nach seinen Fallen gesehen hatte und die ertappten Uebelthäter in ihren schwarzen Pelzen, weniger als Warnungszeichen für die übrigen, sondern mehr als Beweis seiner Thätigkeit und seines Erfolges, an schwanken Ruthen mitten auf dem Rasen aufhing.
Jetzt schien er mit seiner Arbeit vor der Hand zu Ende; möglich auch, daß er sich nur ausruhen und dabei sein Mittagsbrod verzehren wollte. Er schritt zu der nächsten Linde, die dicht an dem Kiesweg stand, und wo er zugleich Schutz gegen die heute ziemlich warm brennende Sonne fand. Dort legte er seinen Ranzen ab und neben sich, nahm ein Stück Brod und Wurst heraus, wie eine kleine Flasche mit Branntwein, zog seinen Genickfänger vor und begann, während der Spitz vor ihm saß und ihn mit etwas seitwärts gebogenen Kopf aufmerksam betrachtete und jedem Bissen, den er zum Munde führte, mit den Augen folgte, seine Mahlzeit.
Die beiden Spaziergänger, welche auf demselben Wege herankamen, an dem er saß, mußte er jedenfalls bemerkt haben; der Spitz markirte sie auch ein paar Mal, indem er dort hinübersah. Der Alte nahm aber nicht die geringste Notiz von ihnen; wußte er sich ja doch auch hier in seinem vollen Recht und in seinem Beruf, und der Platz unter der Linde, so lange er dort saß und Rast hielt, gehörte ihm.
»Nicht wahr, um zwölf Uhr hatten sich Rottacks ansagen lassen?« fragte die Gräfin, nachdem sie eine Weile schweigend neben ihrem Gemahl hergeschritten war.
»Ja, mein Kind,« sagte der alte Herr, »eben schlug es Zwölf; aber unsere Uhr geht einige Minuten vor. Wir werden gerade zur rechten Zeit wieder oben sein.«
»Ich möchte nur wissen,« fuhr die Gräfin nach einer kurzen Pause fort, »was die junge Frau für eine Geborene ist. Sonderbare Sitte das, auf seine Karte nichts zu setzen, als ganz einfach: Graf Rottack und Frau, gerade als ob er ein Schuhmacher oder Schneider wäre.«
»Mein liebes Herz,« lächelte der Graf, mit den Achseln zuckend, »er wird mit der Abstammung seiner Gemahlin wahrscheinlich keinen Staat machen können und ist klug genug, sie ganz wegzulassen.«
»Diese Aufmerksamkeit gegen uns ist doch auch wirklich ganz außerordentlich; wie ich vorhin gehört habe, sind die Herrschaften erst gestern hier eingetroffen.«
»Wir werden etwas vorsichtig mit diesem Umgang sein müssen,« bemerkte der Graf, »bis man wenigstens Genaueres über die Familienverhältnisse erfährt. Der junge Rottack hat mir übrigens so weit ganz gut gefallen; nur ein wenig sehr ungenirt ist er, wie alle die Herren, welche sich eine Zeit lang in fremden Welttheilen und unter Republikanern herumgetrieben haben.«
»Ist seine Frau eine Deutsche?«
»Ja, mein Herz, da fragst Du mich zu viel; ihrem Ansehen nach jedenfalls, denn wenn ich nicht irre, hat sie blonde Haare. Aber wir werden ja sehen. Behagt uns der Umgang nicht oder stellt sich etwas dagegen heraus, so giebt es Mittel und Wege genug, ihn in der freundlichsten Weise wieder abzubrechen oder wenigstens zu erschweren, und sind unsere Befürchtungen unbegründet, so haben wir vielleicht einen sehr angenehmen Zuwachs unserer, doch eben nicht sehr zahlreichen Gesellschaft erhalten.«
Sie hatten in diesem Augenblick die Stelle erreicht, an welcher der Maulwurfsfänger sein frugales Mittagsbrod verzehrte.
»Guten Tag, Herr Graf! Guten Tag, Frau Gräfin!« sagte der Bursche, ohne sich übrigens in seiner Beschäftigung stören zu lassen oder dieses Mal auch nur eine weitere Ehrfurchtsbezeigung für nöthig zu halten, als ein etwas Höherschieben der alten Mütze mit dem Rücken der Hand, in der er das Messer hielt.
»Guten Tag, mein Mann!« sagte der alte Herr, während die Gräfin ihn durch die Lorgnette betrachtete, und war schon halb vorüber, als er noch einmal stehen blieb und, den Kopf zurückwendend, fortfuhr: »Hör' einmal, Freund, der Förster beklagt sich fortwährend über Dich und liegt mir stets in den Ohren, ich solle Dir das Betreten meiner Grundstücke verbieten.«
»Nachher soll ich die Maulwürfe wohl von der Grenze aus mit Sympathie vertreiben?« lachte der Bursche still vor sich hin und schob wieder ein Stück Brod und Wurst in den Mund.
»Von den Maulwürfen ist hier keine Rede,« erwiderte der alte Herr, weniger vielleicht durch die Antwort, als durch das heute so unehrerbietige Benehmen des alten Burschen gereizt; »wie mir der Förster sagt, fängst Du aber auch noch andere Dinge, als Maulwürfe, und meine Leute haben jetzt strengen Befehl, Dir auf den Dienst zu passen. Erwischen sie Dich dabei, oder beträgst Du Dich auch nur ein einziges Mal selbst verdächtig, so nimm Dich in Acht!«
»Werde so frei sein,« brummte der Mann vor sich hin.
»Auch verbiete ich Dir von jetzt an, Dich nach Sonnenuntergang hier herumzutreiben; Du kannst Deine Maulwürfe bei Tage fangen, und nun Gott befohlen!« setzte er rasch hinzu, als ob er fürchte, noch eine Antwort zu erhalten. Er hatte sich mit dem Menschen schon zu lange aufgehalten.
Damit wanderte er mit der Gräfin wieder langsam den Kiesweg entlang, der dem Schlosse zuführte, und der Maulwurfsfänger, den Kopf ihnen nachgedreht, sah noch eine ganze Weile hinter ihnen drein. Endlich wandte er sich gegen seinen Hund und sagte: »Hast Du's gehört, Spitz, was der gnädige Herr Graf befohlen?«
Der Spitz trippelte ein paar Mal mit den Vorderfüßen, hob dann die Nase in die Höhe und nieste kurz.
»So? Na, das ist mir lieb,« erwiderte sein Herr, »nun thu mir auch den Gefallen und richte Dich danach. Weißt Du, was es setzt, wenn sie Dich wieder einmal nach Sonnenuntergang hier erwischen, heh, weißt Du's?«
Der Spitz trippelte stärker und nieste noch einmal.