Eine Mutter Roman im Anschluß an »die Colonie«
Part 42
»Was ist das?« flüsterte Helene.
Die Fremde schlug den Schleier zurück, und ein bleiches Antlitz starrte daraus hervor.
»Gräfin Monford!« schrie Felix, von seinem Stuhl emporspringend.
»Meine Mutter!« flüsterte Helene und mußte sich an der Stuhllehne anhalten, um nicht umzusinken.
Die Gräfin sprach kein Wort. Schweigend drückte sie die Thür hinter sich in's Schloß und trat dem Tisch näher. Dort blieb sie stehen; aber jede Spur von Stolz war aus den bleichen Zügen gewichen, in die der Gram seine tiefen Furchen gegraben, und die rechte Hand langsam gegen die Tochter ausstreckend, sagte sie mit leiser, kaum hörbarer Stimme: »Helene!«
»Meine Mutter!« wiederholte Helene; aber nur wie ein Hauch quollen die Worte über ihre Lippen. Sie rührte sich nicht, keine Bewegung machte sie, dem Anruf zu begegnen.
»Helene, kennst Du Deine Mutter nicht mehr?« sagte die Gräfin aber so weich, so bittend.
Felix sah staunend seine Frau an; aber sie rührte sich nicht. Ihre ganze Gestalt bebte, ihr Antlitz war fast noch bleicher geworden, als das der Mutter; aber während sie krampfhaft die Lehne des neben ihr stehenden Stuhls gefaßt hielt, sagte sie mit fester Stimme:
»Und wo ist Deine Tochter Paula, Mutter?«
Die Gräfin barg ihr Antlitz in den Händen und stand regungslos; aber plötzlich fuhr sie empor:
»Das ist der Name, der mich Tag und Nacht gequält,« rief sie in wilder Erregung aus, »das ist der Wurm, die Reue, die an meinem Herzen genagt, und Alles, Alles hat mich verlassen! Helene, willst auch Du mich verstoßen? Du allein hättest ein Recht dazu -- aber sieh hier die Thränen einer Mutter! Helene, mein Kind -- mein letztes Kind, stoße mich nicht in Nacht und Verzweiflung!« Und in wilder Leidenschaft zu ihr hinstürzend, ehe Felix noch eine Ahnung haben konnte, was sie beabsichtige, warf sie sich vor Helenen nieder, umfaßte ihre Kniee und barg das thränende Antlitz in ihrem Kleide.
»Frau Gräfin!« sagte Felix erschreckt. Aber jetzt hielt sich Helene auch nicht länger.
»Mutter, Mutter!« rief sie, und sich neben die Knieende niederwerfend, umschlang sie dieselbe mit ihren Armen und preßte ihr heiße und glühende Küsse auf Kopf und Nacken.
»Und hast Du Erbarmen mit Deiner armen, armen Mutter, Helene? Willst Du mich wenigstens nicht von Dir stoßen?«
»Nie, nie, Mutter! Nie, so lange dieses Herz noch schlägt!«
»Mein Kind -- mein liebes Kind!«
»Aber wie ist mir denn,« rief Helene plötzlich, sich ihrer Umarmung entziehend, »stehl' ich denn hier nicht den Mutterkuß einem theuern Haupt? Felix, Felix, bring der Mutter ihre Tochter!«
»Ihre Tochter -- welche?« rief die Gräfin, erschreckt emporzuckend.
Aber Helene hatte sie umfaßt, und sie von der Diele zu sich aufziehend, warf sie sich an ihre Brust und rief unter Thränen jubelnd: »Dein Kind -- Dein verlorenes Kind!«
»Paula?«
In der Thür stand Felix; aber in seinen Armen hielt er die zusammenbrechende Gestalt Paula's, die, flehend und mit unsagbarem Schmerz in ihrem bleichen Antlitz die zitternden Hände der Mutter entgegenstreckte.
»Paula!« schrie die Gräfin, aber mehr vermochte sie nicht. Ihr starrer Geist hatte Alles ertragen, Schlag nach Schlag des Schicksals wirkungslos ihr Haupt getroffen, das Glück dieses Augenblicks ertrug es nicht, und ohnmächtig sank sie in Helenens Arme.
Aber die Freude tödtet nicht so leicht. Von ihren Kindern zum Sopha getragen, schlug sie die Augen wieder auf, und wer vermöchte die Seligkeit dieses Wiedersehens zu schildern! Helene weinte und lachte, und beide Töchter, vor der Mutter knieend, hielten sie fest umschlossen und bargen ihr Haupt an ihrem Herzen.
* * * * *
Am nächsten Tage wurde in Schloß Monford gepackt, und der alte Haushofmeister, der wie der Geist einer vergangenen Zeit in dem öden Gebäude umherschlich, schüttelte erstaunt mit dem Kopf, denn so ruhig, ja heiter hatte er die Frau Gräfin seit dem Tage nicht gesehen, wo das Unglück über das edle Haus hereinbrach und Säule nach Säule niederriß.
Was konnte nur mit ihr vorgegangen sein? Gestern Abend hatte sie zu Fuß das Schloß verlassen und war durch den Grafen Rottack in dessen eigener Equipage erst nach zwölf Uhr zurückgebracht -- und heute --
»Hußmann,« sagte die Gräfin, die eben aus ihrem Zimmer trat, »seid doch so gut und tragt dieses Paket selber zum Grafen Rottack hinunter; es ist für eine junge Dame bestimmt, die bei ihm wohnt. Mir liegt aber daran, daß Ihr es in deren eigene Hände gebt, es ist werthvoll -- habt Ihr mich verstanden?«
»Zu Befehl, gnädige Gräfin.«
»Der Wagen ist angespannt, Ihr fahrt hinunter, ich möchte, daß Ihr bald zurückkämet.«
Der alte Haushofmeister nahm das Paket und fuhr in die Stadt. Aber er blieb länger aus, als er eigentlich zu dem Weg gebraucht hätte, und wie er zurückkam, sah er ordentlich verklärt aus.
»Habt Ihr meinen Auftrag ausgerichtet, Hußmann?« fragte die Gräfin, als er wieder zu ihr in's Zimmer trat.
»Frau Gräfin,« rief der alte Mann, und seine ganze Gestalt bebte, »gnädige Frau Gräfin!«
»Ich hätte so gern gehabt, daß Ihr uns auf der Reise begleitetet, Hußmann, aber wenn Ihr denn gar nicht wollt...«
»Frau Gräfin,« sprach der alte Mann mit zitternder Stimme, ergriff ihre Hand und netzte sie mit seinen Thränen, »darf ich denn mit?«
»Also deshalb, Hußmann?« sagte die Gräfin leise und wehmüthig.
»Oh, zürnen Sie mir nicht,« bat der Alte, »meine ganze Seele hing ja an dem Kind, und daß Sie -- aber jetzt ist ja Alles gut, Alles gut, und so lange ich nur kriechen kann, weiche ich ja nicht von Ihrer Seite.«
Am nächsten Morgen war ein ganzer Berg von Koffern am Perron des Haßburger Bahnhofs aufgeschichtet, und Hußmann und Jeremias lösten eine Anzahl Billets und gaben das Gepäck dann auf. Sämmtliche Marken daran lauteten aber nach Triest.
Kurz vor Abgang des Zuges trafen die Equipagen der Herrschaften ein, zwei von der Rottack'schen Wohnung, eine vom Schlosse Monford herunter, und die alte Gräfin Monford, die allein in ihrem Wagen gekommen war, eilte auf Rottacks zu, half die Kinder mit herausheben und nahm Helenchen, die sich gar nicht vor ihr fürchtete, auf den Arm. Helene selber nahm Günther an die Hand, und Graf Rottack führte eine dichtverschleierte Dame dem Coupé zu.
Die Haßburger zerbrachen sich den Kopf, wer die Fremde wohl sein könne; aber lange Zeit blieb ihnen nicht dazu übrig, denn eben brauste der Schnellzug heran, und die Reisenden nahmen gleich ihre Plätze ein.
Jeremias stand draußen am offenen Fenster.
»Hurrjeh, Herr Graf,« rief er noch in den Wagen hinein, »ist das nicht beinahe genau so, wie damals in Brasilien, nur daß wir dorten keine Eisenbahn hatten -- wissen Sie noch, wie ich Ihnen die Sachen...?« Er schwieg erschrocken still, denn wenn er sich seiner früheren Arbeit auch nicht schämte, machte er doch nicht gern Staat damit.
»Und Sie haben treulich bei uns ausgehalten.«
»Bin nun schon beinahe daran gewöhnt, Sie auf den Trab zu bringen,« lachte der kleine Mann. »Aber haben Sie keine Angst, hier soll indessen Alles richtig besorgt werden.«
»Nehmen Sie sich in Acht, der Zug geht ab!« rief der Schaffner.
»Na, so behüt' Sie Alle Gott!« rief Jeremias, die Hand noch einmal treuherzig in das Coupé hineinreichend. »Und auf ein frohes Wiedersehen!«
»Mein alter, wackerer Freund!«
»Wir werden Sie nie vergessen!« sagte die verschleierte Dame und reichte ihm die kleine weiße Hand.
»Gott lohne es Ihnen, Gott lohne es Ihnen!«
Ein scharfer Pfiff -- Jeremias trat vom Wagen zurück, Günther und Helenchen winkten ihm noch jubelnd mit den Händchen zu -- und fort rasselte der Zug seine wilde Bahn dahin.
_Ende._
Druck von G. Pätz in Naumburg a/S.
[Hinweise zur Transkription
Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt.
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Aenderungen:
Seitenangabe originaler Text geänderter Text
Seite 4 über dem kleinen, mit bunten Kattun bezogenen Sopha über dem kleinen, mit buntem Kattun bezogenen Sopha
ein Lobeerkranz verband sogar Beide mit einander ein Lorbeerkranz verband sogar Beide mit einander
Seite 8 Was das für eine reizende Frau und was Was das für eine reizende Frau ist und was
Seite 12 kannst Du es mir und dem Oukel verdenken kannst Du es mir und dem Onkel verdenken
Seite 36 die sich durch die verschienenen Baumgruppen schlängelten die sich durch die verschiedenen Baumgruppen schlängelten
Seite 47 plötzlich und mit einem Schlag sein eigener, freier Herr. plötzlich und mit einem Schlag sein eigener, freier Herr war.
Seite 59 was die sonstigen kleinen Leiden und Aegernisse betrifft was die sonstigen kleinen Leiden und Aergernisse betrifft
Seite 61 der das Fach der Charakterollen am Theater bekleidete der das Fach der Charakterrollen am Theater bekleidete
Seite 64 ehrlich bringt sie sich mit ihren kleinen Gage durch ehrlich bringt sie sich mit ihrer kleinen Gage durch
Seite 79 ihr Theatertername war damals Bassini ihr Theatername war damals Bassini
Seite 88 Das ist kein Gesicht für einen Bräutchen! Das ist kein Gesicht für ein Bräutchen!
Seite 132 und ireudige Dankbarkeit ... glänzte dabei in fhren Zügen und freudige Dankbarkeit ... glänzte dabei in ihren Zügen
Seite 135 »Ja, gewiß,« lächte Rottack »Ja, gewiß,« lächelte Rottack
Seite 147 versäumt haben, um sein Diebeshandwerk forzusetzen versäumt haben, um sein Diebeshandwerk fortzusetzen
Seite 169 und nachher wär's vielleich möglich und nachher wär's vielleicht möglich
Seite 180 es ist für den Commerizenrath es ist für den Commerzienrath
Seite 208 nach der Leseprobe noch einen Augenblick zu ververweilen nach der Leseprobe noch einen Augenblick zu verweilen
Seite 218 die Gräfin, dem jungen Grafen Bolten frenndzunickend die Gräfin, dem jungen Grafen Bolten freundlich zunickend
Seite 219 von den Zügel dabei gerissen, auf die Seite und an dem Karren von dem Zügel dabei gerissen, auf die Seite und an den Karren
Seite 247 noch Niemand sehen, den die staken noch alle noch Niemand sehen, denn die staken noch alle
Seite 263 die dem Rang der jungen Gräfin ensprechend war die dem Rang der jungen Gräfin entsprechend war
Seite 298 Sie können heute auf Ihren Lorbern ausruhen Sie können heute auf Ihren Lorbeern ausruhen
Seite 307 Jetzt war Alles todenstill Jetzt war Alles todtenstill
Seite 317 Eeau de Cologne Eau de Cologne
Seite 341 der nicht mehr länger an sich halten konne der nicht mehr länger an sich halten konnte
Seite 347 zu Ihrem gestrigen ungeheuern Erfoge Glück wünscht zu Ihrem gestrigen ungeheuern Erfolge Glück wünscht
Seite 357 das Herz des armen Kindes so zu berücken mußte das Herz des armen Kindes so zu berücken wußte
Seite 364 Ihre Wangen hatte ordentlich etwas Farbe bekommen Ihre Wangen hatten ordentlich etwas Farbe bekommen
Seite 373 25. Der reiche Mann. 26. Der reiche Mann.
Seite 414 »Knellner, zwei Glas Bier!« »Kellner, zwei Glas Bier!«
Seite 459 »Herr Boslaw?« sagte Jemerias. »Herr Boslaw?« sagte Jeremias.
Seite 469 »Was sagt sie?« fragte Jeremais »Was sagt sie?« fragte Jeremias
Seite 473 das unbeholfere Gestell ließ sich nicht die schmale Treppe das unbeholfene Gestell ließ sich nicht die schmale Treppe
Seite 489 an gar nichts, als -- an der Haupsache an gar nichts, als -- an der Hauptsache
Seite 500 Paula's Blick hing anstvoll an seinen Zügen Paula's Blick hing angstvoll an seinen Zügen]